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Peter Mayr der Wirt an der Mahr

Peter Rosegger: Peter Mayr der Wirt an der Mahr - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPeter Rosegger
titlePeter Mayr der Wirt an der Mahr
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunZwanzigste Auflage
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080414
projectide70c8727
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Erster Teil

Herr, bleib bei uns!

Als in der ersten Zeit dieses Jahrhunderts unser deutsches Vaterland zerrissen und zertreten unter der Gewalt des Korsen lag, da wird wohl mancher Deutsche gegen Süden geblickt haben, wo in der Vorzeit die Helden gestanden und mit unvergänglichem Ruhme bekränzt gefallen sind. Vielleicht auch du, mein Leser, würdest als Sohn jener Tage einer von denen gewesen sein, welche ohnmächtigen Grimmes voll die geschändete Scholle der Heimat verlassen haben, flüchtend unter die heldenreifende Sonne Homers.

Und wenn du gewandert wärest gegen die sonnigen Lande, wo in ewiger Schöne die Rosen und die Palmen stehen, so hätte dich dein Weg vorher durch eine Gegend geführt, in welcher dein Herz entweder geschauert vor Grauen oder gebebt vor Wonne. Du wärest durch ein Gebirgsland gewandert, wie es herrlicher auf Erden nicht zu finden ist. Schattendämmernde Engschluchten, an den steilen Hängen Urwaldwüsten, dann stillheitere Hochthäler mit blühenden Dörfern, Pässe mit grünen blumigen Almen, ringsum im Hintergründe sich aufbauend eine Felsenwelt mit unerhörten Gebilden und leuchtenden Eisschildern, umbraut von Wolken, umkreist von Adlern. Aus der Eiswelt gehen senkrecht und silberweiß und schweigend die Wasser nieder, aber in den Schrunden ihnen nähergekommen sind sie grau wie Kalk und schreien seit unmeßbaren Zeiten ihr furchtbares Lied. Und auch weite, freundliche gesonnte Eilande gibt es und sanftere Berge mit fruchtbaren Triften, tauenden Wäldern und schimmernden Seen, in welchen sich oft an gleicher Stelle der Lorbeer und der Gletscher spiegelt. Wie schon gesagt, ringsum eingefriedet ist dieses Land, und wo aus der weiten Welt Straßen einziehen, da drohen die Lawinen, da rauschen die trotzigen Wasser hervor, als wollten sie die Brücken brechen, zurückstoßen und weit von sich schwemmen alles Fremde, das mit List oder Gewalt Eingang heischt.

Und in dieser gewaltigen Felsenburg lebt ein Volk von Bauern und Hirten, arm doch urkräftig, fromm und heiter, strenge und treu, tapfer und menschlich milde, in patriarchalischer Einfachheit und alter Sitte sich selbst genügend.

Tirol! Das schöne Land Tirol!

In jenen Tagen aber leuchteten die im Morgen- oder Abendgolde erglühenden Eisgipfel des Alpenrundes nieder auf ein geknechtetes Volk. Kühn wie seine Gemsen, seine Adler, stolz auf seine wildherrliche Heimat – und geknechtet!

Zu Innsbruck, im Herzen des Landes saß der Feind. Ein unnatürlicher Feind aus deutschem Bruderstamme, der Bayer. Diesem war im politischen Würfelspiele der Großen und durch den Machtspruch des Gewaltmenschen aus Korsika das Land Tirol zugefallen. Die Tiroler waren nicht befragt worden, ob es ihnen recht sei, so wollten sie unbefragt eine Antwort geben.

Du, der Wanderer, eilest unter Hindernissen dem Brenner zu, hinter welchem die Lüfte des Südens dich grüßen. Noch ein unheimlicher Weg dem schäumenden, rauschenden Eisack entlang durch endlose Schluchten. Allmählich aber bleiben die Schatten zurück, vor dir liegt im goldenen Sonnenschein ein breites Thal mit zahlreichen Menschenstätten, viele von diesen schon nach italienischer Bauart, dazwischen hin von grauen Steinwällen gartenartig eingefriedet die üppigen Rebengelände. Der Sohn des Nordens sieht das erste Mal den Aprikosenbaum, den schwellenden Pfirsich, im Haine den prangenden Sebenbaum. Auf den hohen, kahlen Bergen jedoch, welche in weiter Runde dieses Thales Hüter sind, liegt der Schnee – und es ist in den Tagen des August.

Mitten im Thale, vertrauend hingeschmiegt an den ungebändigten Fluß, ruht die alte Bischofsstadt Brixen mit ihren zahlreichen Klöstern und Türmen. Stattliche Bauernhöfe besäen die Gegend, auf den Hügeln stehen Schlösser und alte Burgen, in den Schluchten heimliche Klausen, an den Hängen, oft hoch an Bergesbrust, weisen der Wallfahrtskirchen spitze Türmchen himmelan. Von den Bergen eingeengt haben die Bewohner dieses Landes gelernt, an Kirchtürme sich rankend wie die Rebe an den Stab, ihren Blick aufwärts zu richten, und mit dem Blicke ihr Herz. Doch fest auf herbem Boden steht ihr Fuß und ob ihrer himmlischen Seelenheimat vergessen sie nicht dessen, was das Ihre ist auf Erden.

Wenn du von Brixen gegen Süden eine halbe Stunde lang dahin gewandert bist, so steht rechts an der Straße ein Wirtshaus. Knapp hinter demselben steigt eine rostbraune, schründige Felswand auf, die stellenweise berankt ist mit Immergrün. Ueber der breit sich hinziehenden Wand beginnt der steile Bergwald, der hoch hinansteigt bis zu den Almen des Hilm. Dem Hause gegenüber, links an der Heeresstraße, sind die buschig bewachsenen Ufer des Eisack. Hinter dem Wasser liegt das breite, wiesenreiche Thal und jenseits desselben sich gewaltig erhebend der Gebirgszug des Plossach. Vor dir, wenige Schritte vom Hause entfernt, kommt rechter Hand ein Wässerlein behendig hüpfend herab, und weiterhin auf der Anhöhe steht das Kirchlein des heiligen Jakobus. Das Haus an der Straße mit den danebenstehenden Wirtschaftsgebäuden ist im Stile südtirolischer Bauernhäuser gebaut, aus rohen Steinen gemauert, einen Stock hoch, mit einer stattlichen Fensterreihe und Erkern; das halbflache Schindeldach ist mit Steinen beschwert. An der Straßenseite sind zwischen den Fenstern auf der Mauer von unbehilflicher Hand und mit kindlichem Sinne zwei Bilder gemalt; das eine stellt die Mutter Gottes dar, wie sie, die Hände gefaltet auf der Weltkugel stehend, der Schlange den Kopf zertritt; das andere den heiligen Martinus, der auf einem Pferde reitend mit dem Schwert seinen Mantel entzweischneidet, um das losgetrennte Stück einem vor ihm knieenden halbnackten Bettelmann zu schenken. Zur Eingangsthür führen ein paar steinerne Stufen hinan, über dem Eingange in dieses Haus steht der evangelische Spruch: »Herr, bleib bei uns, denn es will Abend werden.«

Die Ortschaft heißt An der Mahr.

Warum ich diese Stätte so genau beschreibe? Weil ich glaube, mein Leser, daß du – nach dem Süden wandernd, um Helden zu suchen – hier Halt machen wirst auf längere Zeit. Ist doch schon die Sonne hinter das Gebirge gesunken, so daß sie dort drüben in der Stadt nur noch die goldenen Turmknäufe des Bischofsdomes bestrahlt.

In diesem Lande, in diesem Thale und endlich mit diesem Hause an der Mahr hat sich einst ein Drama abgespielt, wie es ähnlich selten sich ereignen wird auf Erden. Die Historiker haben es gewissenhaft aufgezeichnet in seinen Ursachen, in seinen Wirkungen und in seinen Einzelheiten. Tirol war ein österreichisches Land und hielt treu zum Kaiser. Da kam Napoleon der Eroberer und riß das Land von Oesterreich los, um es unter das ihm botmäßige Bayern zu stellen. Des Bergvolkes alte Sitten und Rechte wollte man brechen, seine Eigenart ihm zerstören. Dagegen haben die Tiroler sich empört. Der Heldenkampf war beispiellos und noch größer als ihr Siegen war ihr Fallen.

Diese Historie hat auch der Dichter gelesen und die Botschaft ist seither in ihm nie mehr verklungen, sie drängte fort und fort nach Ausdruck in einem Liede von dem Heldenkampf der Tiroler. Denn es war nicht ein fluchwürdiger Kampf des Angriffes und der Eroberung, es war ein heiliger Kampf der Verteidigung des Vaterlandes. Und die Helden desselben besiegten nicht bloß den äußern Feind, sie besiegten auch den innern – sie waren stark und gerecht. Germanischer Reckenhaftigkeit und Treue sind sie ein herrliches Bild, ein Vorbild für alle Zeiten. – Doch siehe, als die Dichtung sich entfalten wollte, stand die Historie ihr im Wege. Die Historie ragte so gewaltig und gebieterisch auf und dabei in ihrem politischen Geiste, in ihrer realen Gliederung so ungefüg, daß der Poet rathlos vor ihr stand. Endlich kam er mit sich dahin ins reine, daß der Dichter – wie bei allen geschichtlichen Stoffen – die profane Historie vergessen müsse, daß er warten müsse, bis die Geschichte zur Sage geworden, dann sei die Zeit gekommen, sie wieder zur Geschichte zu machen.

Ich erzähle die meine schon heute. Es soll manchmal vorkommen, daß der Dichter bei dem revolutionären Stoff selbst revolutionär wird, Berge versetzt, Zeiten verschiebt, Personen und Ereignisse umstellt. Sollte das – was ich aber schon wegen der Poetenunfehlbarkeit bestreiten müßte – irgendwo auch hier der Fall sein, so bedenke man, daß zu jedem Spiele, also wohl auch zu einem Trauerspiele, die Karten gemischt zu werden pflegen.

Unter den Tirolerhelden hat der Erzähler sich einen ganz besonderen ausgewählt und um denselben andre und andres einfach und einfältig gruppiert, vor allem eingedenk der allgemein menschlichen, der poetischen Wahrheit.

Die Erzählung beginnt zur Zeit, da Tirol zum erstenmal an das Königreich Bayern abgetreten und von diesem besetzt worden war.

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