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Peter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus

Peter Altenberg: Peter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus - Kapitel 3
Quellenangabe
typeaphorism
authorPeter Altenberg
titlePeter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
editorChristian Wagenknecht
year1997
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid25f66321
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Was der Tag mir zuträgt

Motto

Nicht dir und einem gib das Gute, das du gefunden auf deinen schweren Wegen – – –, gib es allen!

Auf daß an deinem armseligen Erden-Wallen
der eine oder der andre Klärung finde!

Gib auf die feige Vorsicht, gleichgesinnten Herzen dich zu eröffnen – – –
sei stark, wirf's in die Welt!

Und wenn in Fernen eine zarte Seele
erbebt beim Wort, das du ins All verkündet,
so wird der Schauer dieser Milden, Sanften,
hindringen durch die Welten bis zu dir!

— — — — —

Laß sie Teil-nehmen!

Doch Harpagons des eignen Daseins sind die andern.
die in perfiden Diskretionen ihre Wege wandern!

Die können sich nicht mit- teilen.

Sie brauchen sich für sich und sind verschwiegen.

Ein Spiegel sei der Dinge um dich her!

Dazu jedoch gehören Kraft und Liebe.

Kraft, um im Tag-Gedränge ruhig zu erfassen und Liebe, um, dem eignen Sein entrückt,
das Fremde in sich einströmen zu lassen!

Was mir das Leben zuträgt, geb' ich zurück den Lebendigen,
um so den Geistes – Kreislauf zu beendigen!

Selbstbiographie

Ich bin geboren 1862, in Wien. Mein Vater ist Kaufmann. Er hat eine Eigenheit: Er liest nur französische Bücher. Seit 40 Jahren. Über seinem Bette hängt ein wunderbares Bildnis seines Gottes »Victor Hugo«. Er sitzt abends in einem dunkelroten Lehnstuhle, liest die »Revue des deux Mondes«, und hat einen blauen Rock an mit breitem Sammetkragen à la Victor Hugo. Nein, einen solchen Idealisten gibt es nicht mehr auf dieser Welt. Man fragte ihn einmal: »Sind Sie nicht stolz auf Ihren Sohn?!«

Er erwiderte: »Ich war nicht sehr gekränkt, daß er 30 Jahre lang ein Tunichtgut gewesen ist. So bin ich nicht sehr geehrt, wenn er jetzt ein Dichter ist! Ich gab ihm Freiheit. Ich wußte, daß es ein Va-banque-Spiel sei. Ich rechnete auf seine Seele!«

Jawohl, edelster, merkwürdigster aller Väter, lange habe ich dein göttliches Geschenk der Freiheit mißbraucht, habe edle und ganz unedle Damen heiß geliebt, bin in Wäldern herumgelungert, war Jurist, ohne Jus zu studieren, Mediziner, ohne Medizin zu studieren, Buchhändler, ohne Bücher zu verkaufen, Liebhaber, ohne je zu heiraten, und zuletzt Dichter, ohne Dichtungen hervorzubringen! Denn sind meine kleinen Sachen Dichtungen?! Keineswegs. Es sind Extrakte! Extrakte des Lebens. Das Leben der Seele und des zufälligen Tages, in 2-3 Seiten eingedampft, vom Überflüssigen befreit wie das Rind im Liebig-Tiegel! Dem Leser bleibe es überlassen, diese Extrakte aus eigenen Kräften wieder aufzulösen, in genießbare Bouillon zu verwandeln, aufkochen zu lassen im eigenen Geiste, mit einem Worte, sie dünnflüssig und verdaulich zu machen. Aber es gibt »geistige Mägen«, welche Extrakte nicht vertragen können. Alles bleibt schwer und ätzend liegen. Sie bedürfen 90 Prozent Brühe, Wässerigkeiten. Womit sollten sie die Extrakte auflösen?! Mit »eigenen Kräften« vielleicht?!

So habe ich viele Gegner, » Dyspeptiker der Seele« ganz einfach! Schwer Verdauende! » Fertig werden« ist für den Künstler alles. Sogar mit sich selbst fertig werden! Und dann, ich halte dafür: Was man »weise verschweigt« ist künstlerischer, als was man »geschwätzig ausspricht«. Nicht?! Ja, ich liebe das » abgekürzte Verfahren«, den Telegramm-Stil der Seele!

Ich möchte einen Menschen in einem Satze schildern, ein Erlebnis der Seele auf einer Seite, eine Landschaft in einem Worte! Lege an, Künstler, ziele, triff ins Schwarze! Basta. Und vor allem: Horche auf dich selbst! Gib deinen eigenen Stimmen in dir Gehör! Habe kein Schamgefühl vor dir selbst! Lasse dich nicht abschrecken durch ungewohnte Laute! Wenn es nur die deinigen sind! Mut zu deinen Nacktheiten!!

Ich war nichts, ich bin nichts, ich werde nichts sein. Aber ich lebe mich aus in Freiheit und lasse edle und nachsichtsreiche Menschen an den Erlebnissen dieses freien Inneren teilnehmen, indem ich dieselben in gedrängtester Form zu Papier bringe.

Ich bin arm, aber ich selbst! Ganz und gar ich selbst! Der Mann ohne Konzessionen!

Wohin bringt man es damit?! Zu 100 Gulden monatlich und einigen warmen Verehrern.

Nun, die habe ich!

Mein Leben war der unerhörten Begeisterung für Gottes Kunstwerk »Frauenleib« gewidmet! Mein armseliges Zimmerchen ist fast austapeziert mit Aktstudien von vollendeter Form. Alle befinden sich in eichenen Rahmen, mit Unterschriften. Über einer Fünfzehnjährigen steht geschrieben: »Beauté est vertue.« Schönheit ist Tugend. Unter einer anderen: »Es gibt nur eine Unanständigkeit des Nackten – – – das Nackte unanständig zu finden

Unter einer anderen steht geschrieben: »So erträumten dich Gott und die Dichter! Aber die schwächlichen Menschlein erfanden das Schamgefühl und verhüllten dich, sargten dich ein!«

Wenn P. A. erwacht, fällt sein Blick auf die heilige Pracht, und er nimmt die Not und die Bedrängnis des Daseins ergeben hin, da er zwei Augen mitbekommen hat, die heiligste Schönheit der Welt in sich hineinzutrinken!

Auge, Auge, Rothschild-Besitz des Menschen!

Aber diese anderen starren, glotzen das Leben an wie die Kröte die Wasserrose!

Ich möchte auf meinem Grabsteine die Worte haben: »Er liebte und sah!«

Ja, in inneren Ekstasen leben, sich selbst heiß heizen, sich kochend machen, sich selbst in Brand setzen an den Schönheiten der Welt, war für Vater und Sohn alles, alles!

Aber während der Alte noch ziemlich in Beziehungen stand mit dem Leben des Tages oder in Kollision geriet, begab sich der Junge ohne Bedenken und sofort aus diesem Pflichtenkerker heraus.

Ja, ich bin arm, arm, aber mein edler Vater gab mir den Reichtum, den wenige Väter in milder Weisheit ihren Söhnen gewähren: »Zeit zur Entwicklung und Freiheit!« So konnte meine Seele, unbetrogen um die unerhörten Schätze, die jeden Tag und jede Stunde das Leben uns wie Perlen an öden Strand auswirft, so konnte meine Seele den tragischen oder zärtlichen Ereignissen sich liebevoll hingeben und wachsen, wachsen – – –.

Meine Mama war ehemals eine ganz zarte wunderschöne Dame mit edlen Händen und Füßen und schmalen Gelenken. Wie eine Gazelle. Einmal brachte mein Vater aus England ein wunderbares Mädchen mit. Er sagte zu Mama: »Dies, meine Liebe, ist Maud-Victoria. Es ist das schönste Mädchen Englands.« Meine Mama sah, daß es wirklich das schönste Mädchen Englands sei und sagte ganz traurig: »Wird sie nun bei uns bleiben müssen?!« Infolgedessen war mein Vater so gerührt, daß er das »schönste Mädchen Englands« wieder in die Heimat zurückschickte.

Als mein Vater die Aschantee-Mädchen, meine geliebten Freundinnen, häufig besuchte und ihnen seidene Tücher schenkte, sagte jemand: »Der alte Mann ist von seinem Sohne erblich belastet.«

Als Knabe hatte ich eine unbeschreibliche Liebe zu den Berg-Wiesen. Die Berg-Wiese, in Sonnenglut heißen Duft verdampfend, aushauchend, mit Käfern und Schmetterlingen besät, berauschte mich direkt. Ebenso Wald-Lichtungen. An sumpfigen besonnten Stellen sitzen Schmetterlinge, blau-seidene kleine und schwarz-rote Admirale, und man sieht den Huf-Abdruck der Hirsche. Berg-Wiesen aber liebte ich einfach fanatisch, ja, hatte Sehnsucht nach ihnen. Unter den weißen heißen Steinen vermutete ich überall Kreuzottern, und dieses Tier war überhaupt das Märchen-Mysterium meiner Knabenjahre. Es ersetzte mir den Menschenfresser, den Riesen und die Hexe. Alle Bisse und deren Folgen, deren entsetzliche langsame Folterqualen, deren mysteriöse schleichende Wirkung, deren perfide geheimnisvolle Art, kannte ich auswendig, die Wund-Behandlung und so weiter. Der wunderbare zarte grau-schwarze Leib der Kreuzotter kam mir als das Schönste, Vornehmste vor, und als ich ein kleines Mädchen liebte, dachte ich mir immer und immer nur eines aus: »eine Kreuzotter bisse sie in den Fuß während einer Bergpartie und ich söge ihr die Wunde aus, um sie zu retten!«

Ich kannte genau das Terrain, auf dem mit unbedingter Sicherheit Kreuzottern hausen müßten, betrat es, lauerte; aber in meinem ganzen Leben habe ich keine lebendige Kreuzotter erschaut, obzwar die Gegend des Schneeberges davon wimmelt. Es blieb für mich nur ein böser, aber süß beunruhigender Traum.

Immer dachte ich es mir aus: die Geliebte wird gebissen, oberhalb des Fußknöchels. Alles steht ratlos und verzweifelt. Da hole ich aus der nächsten Sennhütte Enzianschnaps, erzeuge den Alkoholrausch, das einzige Heilmittel. Dann sagt sie: »Oh, wieso wußten Sie es?« Und ich sage einfach: »Ich habe es im Brehm gelesen – – –.«

Immer, überall wartete ich auf Kreuzottern. Niemals kamen sie.

Mit 23 Jahren liebte ich ein wunderbares dreizehnjähriges Mädchen abgöttisch, durchweinte meine Nächte, verlobte mich mit ihr, wurde Buchhändler in Stuttgart, um rasch Geld zu verdienen und für sie sorgen zu können später. Aber es wurde nichts aus alledem. Nie wurde etwas aus meinen Träumen.

Ich habe nie irgend etwas anderes im Leben für wertvoll gehalten als die Frauenschönheit, die Damen-Grazie, dieses Süße, Kindliche! Und ich betrachte jedermann als einen schmählich um das Leben Betrogenen, der einer anderen Sache hienieden irgendeinen Wert beilegte!

Opfere dem unerbittlichen Tage und der harten Stunde, aber wisse es und fühle es, daß deine heiligen und wahrhaften Augenblicke nur jene sind, da dein gerührtes und erstauntes Auge die schöne sanfte Frau erblickt! Wisse es, Verführter des Lebens, daß du ein Taglöhner, ein Kärrner, ein Gefangener, ein Rekrut bist, ein Selbst-Betrüger und Betrogener des Lebens, und daß nur durch die »heilige schöne Frau« du ein Adeliger und ein Kaiserlicher werden könnest!

Meinen kleinen Sachen, die ich schreibe, lege ich nur den Wert bei, den Mann, welchen seine tausend Pflichten erschöpfen und aushöhlen, ein bißchen aufzuklären über dieses liebliche, zarte und mysteriöse Geschöpf an seiner Seite. Hineingefressen in die Pflichten des unerbittlichen Tages, darf er es sich nicht erlauben, die Frau als ein seltsames und unerforschliches Wesen an und für sich zu betrachten, sondern als einfache Genossin in seinen Schwierigkeiten! Ihre Welt in ihr ist ihm teuer und verständlich, insofern er Segnungen davon empfängt. Das andere bleibe den Dichtern überlassen! So nehmen denn diese dem Leben ein wenig Entrückten immer und immer wieder ihre Leier und verherrlichen weinend jene Adeligsten, von welchen die anderen die brutaleren Vorteile ziehen! Ich selbst habe nur Leid erfahren an diesen Herrlichen, für welche ich mein verlorenes und unnötiges Dasein hingebracht habe. Dennoch glaube ich ein wenig mitgewirkt zu haben, daß ein Hauch von griechischem Schönheits-Kultus in die vom Leben bedrängten Jünglinge komme! Aber auch das mag nur eine Utopie sein.

Arm und verlassen lebe ich nun dahin, den Blick noch immer gerichtet auf eine edle Frauenhand, einen adeligen Schritt, ein mildes, weltentrücktes Antlitz. Amen – – –.

Vor-Frühling

Der Himmel war weiß-blau und in Frühlings-Dunst gebadet. Die Kuppeln von Kupferplatten schimmerten lila. Der Fries mit den griechischen nackten Göttern hob sich von goldenem Grunde ab und war wie ein schönes Dreieck auf blauer Schiefertafel. Die schwarzen Quadrigen rasten gleichsam von ihren schmalen Postamenten in den Frühlingshimmel hinein. Die braungrauen Äste waren wie Kricksel-Kracksel von Schülern in den blauen Himmel gezeichnet, und die Pappeln gravitierten nach oben wie natürliche aber zu dünne und zerfaserte Kirchentürme. Es war der Vor-Frühling. Unerhört durcheinander verschlungene und verdrehte Zweige trugen helle gelbe Klümpchen, und die Amseln zerrten an alten Strohgebinden herum und besaßen Jugendübermut für zehn: Wie wenn sie Katzen entfliehen müßten, benahmen sie sich; wie »schreckliches Flüchten« zum Spaße. Auf halbleeren Beeten standen gelbe Stiefmütterchen, nur so probeweise ausgestreut, und irgendwo dunkelblaue Hyazinthen, welche sterben dürfen, unbeweint vom Gärtner. Die Teiche waren abgelassen, gereinigt, weiß wie verlassene Wildbäche, und aus ihnen erhoben sich alte Holzgestelle mit Birkenreis umwunden, auf welchen später in der Hitze der Natur Schilf und Rohr wachsen würden und Wasserlilien. Kinder von mittelmäßiger Rasse, wenig Grazie und guter Pflege taten sich zusammen und versuchten es, sich zu amüsieren und Verlegenheiten erster Bekanntschaft zu überwinden durch Sprünge und Geschrei.

»Fräulein, darf ich meinen Hut ablegen?!«

»Non, ma petite, le soleil printannier – – –.«

»Aoh, spring-sun is good for all, for soul and body«, sagte eine elegante englische Gouvernante eines entzückenden Bübchens mit einem unwahrscheinlichen Namen wie »Seïthère«.

»Eh bien, donnez votre chapeau – –.«

»Merci, vous êtes bonne comme Jeanne d'Arc.«

»C'est sa maman qui lui parle littérature – – –.«

»Mais elle est avancée tout de même, cette petite –.«

»Trop. Elle est le génie de la famille. Vous savez, chacune en a un.«

Der Herr in langem geschlossenem grauem Rocke saß da, betrachtete die Konturen der Dächer am blauen Himmel, die verfizten Äste, die gelben Klümpchen an den Büschen, die Gouvernanten, welche milde und ergeben für Welten lebten, die ihnen nichts bedeuten konnten, und die den Frühlingsschnupfen fürchteten für ihre Schützlinge oder Diarrhöen oder Übermüdung. Den ganzen Winter, bitte, in den überheizten, teppichdichten Räumen und dann in der Natur, wo Winde wehen?!

»La petite a toussé cette nuit – –.«

»Madame, c'est le printemps – –.«

»Mais, mademoiselle, c'est à vous de corriger les inconvéniens du printemps.«

»Il faisait si beau, si chaud – –.«

»Le printemps – – mais il n'est pas fait pour vous, mademoiselle, il est une institution d'hygiène, j'espère.«

Der Herr im langen geschlossenen Rocke betrachtete diese Damen wie verwelkte Julias und resignierte Leonoren! Er empfand die Bürde des Lebens. An solchen Tagen dichtete Buddha vielleicht seine Lehre, zog sich der heilige Augustinus zurück, gleichsam in sich selbst zusammen, kapselte sich ein. An solchen Tagen gehen arme Mädchen in die Donau, lächeln echte Dichter über ihre eigene Dichtung. An solchen Tagen wird Heiliges seines Scheins entschleiert, zerbröckelt und wird Erde!

Da riefen die kleinen Mädchen: »Oh, Rosamunde, Rosamunde, du störst die Kreise, siehst du nicht?!«

Der Herr blickte auf, sah Rosamunde, den überirdischen Engel mit braunen Locken, welcher Kreise störte.

Sie stand da, verlegen, in ihrem braunen Velvet-Jäckchen mit den riesigen weißen Perlmutterknöpfen.

»Rosamunde, so geh' doch – –.«

Langsam zog sie sich zurück aus den Ball-Schule-Kreisen.

Der Herr fühlte: »Süßeste, Lieblichste, Herzigste – – –.«

Er dachte: »Wie blaß du bist und zart, Rosamunde – – –!«

Vorfrühling in deinen milden Prächten! O Gott, was bist du für ein Shakespeare! Zerstörte und Werdende vereinigst du auf einer Frühlingsbank und wirfst die Seelen durcheinander! Der Herr dachte:

»Rosamunde – – warum bist du so blaß und zart?! Durchleuchtet bereits deine Seele den Leib, wie eine innere Sonne, welche alles bleichte?! Rosamunde, vielleicht schläfst du nicht lang genug?! Oder ist dein Polsterchen zu hart oder zu weich, zu hoch, zu niedrig?! Bei offenen Fenstern müßtest du schlummern, daß deine kleine Lunge frische Luft bekäme mit jedem Atemzuge. Deine Atemzüge – – – Nächtelang möchte ich sie belauschen, sie zählen, zählen, von 8 Uhr abends bis 8 Uhr früh, meine zärtliche Hand auf deinen zarten Locken. Und dann würde ich mich leise wegschleichen von deinem Bettchen und Hafer-Kakao für dich bereiten und dreimal aufkochen lassen und mit der Tasse an dein Bettchen treten und warten, bis du erwachst, und sagen: ›Prinzessin, Heil Eurem Tage! Votre Jeunesse est servie!‹ Ja, Rosamunde, wie eine fixe Idee, süß und quälend, würde deine Gesundheit für mich. Und für Rosen auf deinen Wangen würde ich mit Freuden sterben wollen. Auf meinem Rücken würde ich dich durch die blühenden Gelände tragen, huckepack, in schattigen Wald-Lichtungen mit dir ruhen und dir vorlesen: ›Gribouille‹, ›l'âne savant‹, ›les vacances‹, ›le prince Shi-Shi‹. Und in deine überirdisch schönen Augen würde ich Lebensströme von Liebe aus meinen Augen sich ergießen lassen und in holdem Tausche deine Welten-Schönheit trinken, die gleichsam als kindliche Quelle in deinen Augen ihren Ursprung hat!«

So saß er da in seinem langen geschlossenen winterlichen Rocke und träumte »Vorfrühling«, und war wie die kahlen Büsche mit ungeheuer verschlungenen und verworrenen Zweigen, die Triebkraft spüren für die Gottesblüten.

Weggeschwemmt, gefegt von lauen Lüften, war das Lügengewebe mit Erwachsenen, den Wünsche-Hegern!

Welche Bedeutung hat der Frühlingstag!?!

Auf einem kleinen Kieshaufen stampfst du herum, Rosamunde.

Zweimal nimmt der Wind den Hut.

Du ordnest deine Locken.

Mit einem Schirme zeichnest du Figuren.

Ein Bübchen stößt dich, erstaunt blickst du es an.

Du fängst den Ball auf – – nein, du läßt ihn fallen.

Und deine Gouvernante küssest du.

Ermüdet ruhest du.

Kühl wird's im Garten. Alles geht nach Hause.

»Rosamunde! Rosamunde –!« – –

Theater-Abend

Sie konnte den Pudel nicht mit in das Theater nehmen. So blieb der Pudel bei mir im Café und wir erwarteten die Herrin.

Er setzte sich so, daß er die Eingangstüre im Auge behalten konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, es war ½8 Uhr, und wir hatten bis ¼12 Uhr zu warten.

Wir saßen da und warteten.

Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: »Es ist nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!«

Manches Mal sagte ich zu ihm: »Unsere schöne gute Herrin – – –!«

Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um:

»Kommt sie oder kommt sie nicht?!«

»Sie kommt, sie kommt – – –«, erwiderte ich.

Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte seine Pfoten auf meine Knie und ich küßte ihn.

Wie wenn er zu mir sagte: »Sage mir doch die Wahrheit, ich kann alles hören!«

Um 10 Uhr begann er zu jammern.

Da sagte ich zu ihm: »Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange ist?! Man muß sich beherrschen!«

Er hielt aber nichts auf Beherrschung und jammerte.

Dann begann er leise zu weinen.

»Kommt sie oder kommt sie nicht?!«

»Sie kommt, sie kommt – – –.«

Er legte sich nun ganz platt auf den Boden hin, und ich saß ziemlich zusammengebückt auf meinem Sessel.

Er jammerte nicht mehr, blickte zur Eingangstüre, während ich vor mich hinsah.

Es war ¼12.

Da kam sie. Mit ihren süßen sanften gleitenden Schritten kam sie, ganz ruhig und gelassen, begrüßte uns in ihrer milden Art.

Der Pudel jauchzte, sang und sprang.

Ich aber nahm ihr den seidenen Mantel ab und hängte ihn an den Haken.

Dann setzten wir uns.

»War euch bange?!«, sagte sie.

Wie wenn man sagte: »Wie befinden Sie sich, mein Bester?!« Oder: »Ihr ergebener N. N.!«

Dann sagte sie: »Oh, im Theater war es wunderbar – – –!«

Ich aber fühlte: Sehnsucht, Sehnsucht, die du aus den Herzen der Menschen und der Tiere strömst und strömst und strömst, wohin begibst du dich?! Verflüchtigst dich vielleicht ins Weltall wie Wasser in Wolken?! Wie die Luft von Wasserdunst erfüllt ist, muß die Welt von Sehnsüchten erfüllt und schwer sein, die kamen und keine Seele fanden, die sie aufnahm! Was geschieht mit dir, Bestes, Zartestes im Leben, Sehnsucht, wenn du nicht auf Seelen triffst, die dich in sich einsaugen, gierig, dich verwerten zu eigener Kraft?!?

Sehnsucht, Sehnsucht, die du von Mensch und Tier ausströmst in die Welt, ausströmst, ausströmst, wohin begibst du dich?!?

Tulpen

Cäcilia sagte zu ihm: »Sie, Sie sind wirklich ein zuwiderer Kerl. Erstens nie elegant. Schauen Sie den Beamten an. Zweitens dieser Schnurrbart, so slowakisch. Und dann überhaupt – – – was glauben Sie eigentlich?! Ich kann fliegen auf wen ich will. Und just!«

Als sie sah, daß sie ihn gekränkt hatte, bekam jedoch ihr Antlitz einen Zug von unerhörter Milde.

»Wie Katzen sind wir wirklich«, fühlte sie, »schade, allein wir sind es!«

Er saß da, am Marterpfahl der Seele, wünschte hinweggeschwemmt zu werden in einem Bach von Tränen. Nicht mehr sein, nicht mehr sein! Jedoch man ist, man bleibt!

Er schlief natürlich die ganze Nacht nicht.

Morgens ging er in den großen Park, welcher eben Mai-Toilette angelegt hatte.

Ein riesiges Blumenbeet leuchtete wie Glut und Brand, wie Schnee und übertriebene Schminke.

Tulpen! Auf ganz kurzen festen Stengeln, kerzengerade, standen sie da, ziemlich gedrängt, Blumen-Regimenter, unerhört rote, unerhört weiße im Morgensonnenlichte, und ganz oben, als Gipfel des Farbenberges, geflammte, wie Blumen gewordene Fackeln. Sie dufteten gleichsam von Farbe, Farben-Vanille, Farben-Jasmin, erzeugten Migräne durch die Augen. Farbe gewordene Düfte!

Er setzte sich dem Tulpenbeete gegenüber, welches unerhörte Pracht ausströmte, Extrakt von Prächten, und welches man, obzwar es einem nicht gehörte, ganz und leidenschaftlich genießen durfte.

Um das Tulpenbeet herum standen Greise in schwarzen langen Röcken, junge Damen in weißen Kleidern, Kinder und Militär, eine Theater-Elevin und Studenten mit kleinen Heften.

Alle begatteten sich gleichsam mit den Tulpen, genossen sie ohne Rest, sogen sie ein in sich, berauschten sich, vergaßen die Pflichten und versanken – – –.

Eine Bonne sagte: »Des tulipes, mes enfants –.« Damit war alles gesagt.

Die Theater-Elevin jedoch machte ein verklärtes Gesicht. Denn es gehörte zu ihrem Berufe.

Er aber saß da, ausgepumpt, genußunfähig, directement greisenhaft, hatte Kopfschmerzen, fühlte: »Die Hand ausstrecken – – – eins! Deinen Hals fassen – – – zwei! Zupressen – – – drei!« Dann dachte er: »Verlegt ihr uns vielleicht nicht die Atemwege?! Nun also! Tulpen darf man lieben. Krepiere! Tulpen darf man lieben. Darf?! Tulpen muß man lieben! Sie sind! Rot, weiß, flambant – – – und fertig. Nicht nur von meines Herzens Gnaden sind sie! Sondern rot, weiß, flambant für alle Menschen. Jedoch Cäcilia ist von meines Herzens Gnade! Nein, keine dichterischen Worte, bitte, sie sind zu dünn, vermögen nicht zu heilen. Aber Worte gibt es wie Steinwürfe und geschleuderte Biergläser, die entlasten, bloß wenn man sie denkt und so gewaltsam ausspricht: ›Dich massakrieren, massakrieren, masss – sssa – krrri – rrren!!‹ Wie komme ich zu dieser Unruhe, die mich treibt?! Wie ein Morphinist, dem man sein Spritzchen entzogen hätte! Aller Dinge wäre er fähig. Gleichsam ›außer‹ sich! Weib, ihr seid ›innere Mörder‹! Darf das Gesetz des Staates psychologisch sein?! Ich aber darf es sein! Ich richte! Ich! Mein eigener Staat!! Carmen – – – Cäcilia!«

Er saß da, sah das Tulpenbeet im Morgensonnenlichte, unerhört weiß, unerhört rot, unerhört flambant. Und an die glücklichen dicken Holländer dachte er von anno dazumal, welche ihre gesamte Liebe und Freundschaft, Zärtlichkeit und Sorge den Tulpenzwiebeln geben konnten!

Heilige Ventile überschüssiger Seelen-Dampfkraft: Tulpenzwiebeln, Möpse, Kanarienvögel, Politik, Literatur, Briefmarken, Münzen, Bicycle, Ansichtskarten, Bienenzucht und Poker!

Nur nicht das Einzige, das Wirkliche – – das Weib! Das Wirkliche vernichtet!! Hier gibt es keinen Selbstbetrug! Es ist, es wirkt! Die anderen Empfindungen jedoch sind unseres Wahnsinns Knechte. Nur Weibesliebe ist unseres Wahnsinns Herrin! Hier erstirbt unser Lächeln über uns selbst und unsere Heiligtümer, und wir stehn geblendet vor der ernsten Wahrheit unserer Sehnsuchten! Hier gibt es keinen Selbstbetrug! Es ist! Es wirkt!

Diese verschiedenen Gedankelchen brachten ihm Erleichterung, zerteilten diese kompakte feindliche Masse »Cäcilia«, bohrten philosophische Sprenglöcher aus, krach!

Dann ging er in ein Blumengeschäft, sandte an die Dame einen Strauß von Tulpen, welche Schönheit gaben ohne Complications.

Abends sagte sie zu ihm: »Tulpen?! Schon wieder ein Blödsinn, eine Ungeschicklichkeit. Was ist an Tulpen?!«

»An Tulpen ist«, sagte er, »daß man ihnen den Hals umdrehen kann, ohne ins Kriminal zu kommen!«

Das Volk fühlt nicht immer ganz sozialdemokratisch

»Sie, Fiaker, wissen Sie mir kein Tschecherl, das noch geöffnet wäre?!?«

»I wisset schon eins, gnä' Herr, aber da sind halt zu mindere Leute drin.«

»Sie, mein Lieber, bei mir gibt es keine minderen Leute und keine besseren Leute, verstehen Sie mich?! Alle sind gleich!«

»Ah, gleich wären s' schon, aber die Ausdünstung is anders

 

Obsthändler: »Wir haben aber auch Obst für die ganz feinen Leute

»Was sind denn das, die ganz feinen Leute?!?«

»Die ganz feinen Leute, das sind die, die das ganz feine Obst kaufen

Die Liebe

Durst

Dürstender, wie töricht bist Du, der Du mit dem unheiligen Trunke Dir Deines Dürstens heiliges Feuer selber verlöschest!?!

Ein Bildnis

Roma.

Basilica Vaticana.

Melozzo da Forli:

Un Angelo che suona il Violino.

Ein Engel mit seiner Violine – – – ein wirkliches Liebespaar!

Was der eine fühlt, tönt der andere!

Ritterlichkeit

Bauernbursche, ein entzückendes Mäderl vom Tanze zu ihrem Platze geleitend:

» Sie, Fräulein, Ihnen tät' i's

Neu-Romantik

Heinrich Frauenlob, Walter von der Vogelweide, Hölty, Hölderlin, wo weilet Ihr?!?

Sind eure Sammet-Wamse von den Schaben zerstückelt, hat eure Locken der Sturm zerzaust?!

Hier stehe ich, Siebzehnjährige, nachts auf dem Balkone der Land-Villa, in offenem Nachtgewande, bereit, meinen Haarkamm hinabfallen zu lassen, daß Ihr ihn an eure Lippen drücktet und voll innerer Gesänge dahinwandeltet in die dunklen Straßen –!

Wo seid Ihr?!? Träumerische?! Von uns Träumende!?

— — — — —

Meine Herren, ich tanzte heute nachmittags auf der Wiese im alten melancholischen Herzogs-Parke, hielt mein Kleid mit beiden Händen und tanzte –.

Werden Sie, bitte, davon träumen heute nachts, daß ich auf der Wiese im alten melancholischen Herzogs-Parke tanzte und mein Kleid mit beiden Händen hielt?!?

Will niemand heute nachts davon träumen?!?

Träumet, träumet doch davon! Traumlose!

— — — — —

Höret, ihr Herren! Ich tanzte heute nachmittags auf der Wiese im alten melancholischen Herzogs-Parke, splitternackt; und ich hielt kein Kleid mit beiden Händen, denn ich hatte keines an und war nackt!

Träumet davon! Traumlose!

— — — — —

Ah, Verdammte, höret! Ich saß in meiner Stube, spielte und sang Grieg-Lieder. Da kam der große Hund des jungen Grafen, kroch unter das Klavier, unter mein Kleid und leckte meine Knie – – –.

Träumet davon!

— — — — —

Elender, Elender! Da hast du mich ganz, ganz – –!

Aber träume davon! Träume davon, ich flehe dich an, wenigstens heute und morgen nachts!

— — — — —

Aber er träumte nicht davon, sondern schlief fest und tief wie ein sattes Tier – – –.

Marionetten-Theater

Der alte Herr kam mit der vierjährigen Enkelin Rosita aus dem Puppentheater.

Er war krebsrot. Dazu die weißen Haare, wirklich Frühling im Winter.

»Wer das nicht gesehen hat – – –!«, sagte er und blickte ganz schief auf Rosita.

»Ich wäre gerne mitgegangen, natürlich«, sagte die junge blasse Mama, welche den Erdäpfel-Salat für Rosita mit Essig anmachte und die beiden gelben Fläschchen gegen das Licht der Lampe hielt, um sich nicht zu irren. Niemand in der Welt kennt Öl und Essig auseinander. Immer sagt einer: »Nun, was glaubst du, dies ist natürlich Essig.« »Dieses?! Keine Spur«, erwidert man.

»Sehr gerne wäre ich mitgegangen. Selbstverständlich. Aber du mit Rosie, ein Liebespaar! Und diese Exaltationen! Erzähle übrigens, Rosita.«

»Ich war in einem Theater – – –.«

»Nun und – – –?!«

»Und ich war in einem Theater!«

»Wenn du dumm bist – – –?!«

Peter A. erwiderte der Dame: » ›Ich war in einem Theater!‹ Alles liegt darin. Braucht man mehr zu sagen?! Wie ein Genie drückt sie sich aus. Süße! Feine! Zarte! Mehr braucht man nicht zu sagen: ›Ich war in einem Theater!‹«

»Gehe zu deinem Peter, der versteht dich«, sagte die Dame glücklich und stolz, und ließ das Kind von ihrem Schoße herab. Dann schnitt sie das Fleisch für Rosita in kleine Stücke. »Willst du Erdäpfel-Salat oder grüne Erbsen?!«

»Zuerst Salat – – –.«

»Hat sie nicht hinaus wollen?!«, fragte die Dame.

»Nein«, erwiderte der alte Herr, »wir haben alles früher besorgt.«

Die Dame saß da, die Arme hingen gleichsam welk herab. Sie dachte: »Ich habe ihn heute Nachmittag wiedergesehen, den Feind meines Lebens, Edgar! Oh, welcher Feind ist es. So muß Absinth wirken. Er zerstört mein Nervensystem. Wie eine fixe Idee der Seele ist es. Ein Symptom von Zerrüttungen. Statt frei zu sein, gebunden! Das ist es. An mein Leben schleicht er heran und knebelt es. Ich hätte mitgehen sollen mit meinem Kinde – – –.«

Der Großvater saß da, krebsrot: »Wer Rosie heute nicht gesehen hat – – –!? Schön dumm bist du, Hanny. Immer Besorgungen, Wege – – –.«

Der alte Herr war ganz voll von Liebe, angetrunken mit Liebe, welche ihm Jugend gab und namenloses Glück, Vergessen. Wie einer war er, der Laute schlägt vor der schönen wundervollen Welt, in welcher viele krause Schicksale sind, die sich entwirren können bei einem Frühlings-Hauche. Er fühlte: »Meine Tochter ist mäßig verheiratet, immer präokkupiert, bedenklich in allem. Was macht es?! Rosita kam auf die Welt!!«

Rosie saß auf Herrn Peters Schoße. Er küßte sanft ihre goldenen Haare.

»Eljén!«, rief sie und trank ihm zu.

»Wer macht es denn immer so?!«, sagte die Dame.

»Der da!«, sagte Rosita und zeigte auf den alten Herrn.

»Liebe, Süße, Zarteste – – –«, sagte Herr Peter und drückte sie sanft an sich.

»Hast du schon dem Großpapa gedankt?!«, fragte die Dame gereizt, »gewiß nicht!?«

»Ja, ich habe – – –. Nein, ich habe noch nicht.«

Herr Peter küßte ihre seidenen Haare. Er fühlte: »Wem braucht sie zu danken?! Wir müssen ihre Händchen mit Küssen bedecken, weil sie uns gibt und gibt und gibt. Ganz krebsrot ist der alte Herr vor Geschenken, und ich selbst bin warm in meinem Herzen.«

Der alte Herr fühlte: »Sich bedanken?! O Gott.«

»Gehe hin, bedanke dich«, sagte die Dame, welche vom Feinde ihres Lebens besessen war wie vom Teufel und zu keiner Raison kommen konnte. »Eine Jugendliebe«, nennen es die Unbeteiligten, »etwas von damals«. Aber den Beteiligten frißt es sich hinein wie ein Borkenkäfer, gräbt Gänge in das Mark, unterminiert, bringt innerlich zu Falle. Frei ist man keinesfalls. Bedrängt von sich selbst.

»Bedanke dich, nun, wird es?!«

Diese Worte »bedanke dich, bedanke dich, bedanke dich – – –« waren wie Schüsse in den Frieden. Hole der Teufel das »bedanke dich«. Wie ein Gespenst stellt es sich auf. Gar keinen Inhalt hat es. Knöchern. Immer diese Lüge »bedanke dich«. Alle bringt es in Verlegenheit.

»Kusch!«, sagte Herr Peter innerlich, »so halte doch dein Maul!«

Zu Rosita sagte er: »Sage es ihm ins Ohr, ganz leise.«

»Großpapa, ich muß dir etwas ins Ohr sagen.«

Der alte Herr hörte nur: »bs bs bs bs bs – – –.«

Er war ganz verlegen. Außerdem kitzelte es ihn. Von Dankesworten keine Spur.

Die Mama sagte: »Das ist eine Raffinierte. Ich weiß nicht, wie es werden wird. Immer nehmen und nehmen und nehmen. Wer wird es sich gefallen lassen?!«

»Die alten Herren und die Dichter!«, erwiderte Herr Peter und drückte das geliebte Geschöpfchen sanft an sich. Dann sagte er hart und aggressiv: »Die Reichen überhaupt! Die, die nicht mehr betteln am Wege des Lebens, die Vollen, die, die Wärme aufgespeichert haben und ausstrahlen können wie die Sonne, die Unabhängigen der Seele, die, die nicht mehr greinen um Liebe wie kleine Kinder um Milch und Ruhe, die Großen und Reichen, welche in der Lage sind, auf das armselige Nehmen verzichten zu können, die Könige, jawohl, die Könige, welche vom Geben leben! Siehe, krebsrot sind wir vor Liebe!!«

Die junge Frau dachte: »Alt oder verrückt muß man sein. Wir aber sind zu jung geblieben. Was können wir dafür?! Säfte saugen wir noch ein wie ein Sommerbäumchen. Die Natur berauben wir, um zu sein. Und übrigens, die Erde hat auch noch einen heißen Kern, und die Rauchfänge desselben verschütten manchmal blühende Ortschaften. Nicht?! Feind meines Lebens, Brand meiner Seele, Edgar, Geliebter, in Jugend hältst du mich, läßt mich nicht altern!«

Alle saßen schweigend.

»Rosie, sei nicht ungezogen. Du wirst Herrn Peter zu schwer werden. Überhaupt gehe schlafen. Ich glaube, es war ein schöner Tag für dich.«

»Wo warst du heute?!«, fragte Herr Peter.

»Ich war in einem Theater!«

»Wo warst du?!«, sagte er, denn er wollte es hunderttausendmal hören.

»In einem Theater war ich!«

»Gute Nacht, mein süßes Leben«, sagte der Krebsrote mit den weißen Haaren und war ganz weg.

Rosie zog sich bei offenen Türen aus, stand splitternackt, zog das Nachthemd an, legte sich in ihr Bettchen, schlief gleich ein. Alle saßen schweigend. Die Arme der jungen Frau hingen herab wie welk.

Peter A. fühlte: »Leben, ich verneige mich vor dir! Zwei Augen, zwei Ohren besitze ich, ich Kaiser!«

Der alte Herr saß krebsrot da. Er sagte: »Nein, wer heute dieses Kind nicht gesehen hat – – –!?«

Die Dame fühlte: »Feindseliger meines Lebens, Edgar! Mit dir hätte ich Rosita zeugen sollen! Mit dir, verstehst du mich?! Gerade mit dir!«

Sie sagte: »Was würde aus Rosita bei euch beiden werden?! Gut, daß wir bald abreisen. Diese Veränderungen. Von einer Hand in die andere. Für Kinder ist es nichts. Sie débauchieren.«

Die beiden Herren waren verlegen wie Schulknaben.

Herr Peter blickte die junge Frau an: »Friedelose! Woran gehst du vorüber?! Immer strenge und gemessen. Nie eine Kapriole.« Dann nahm er den kleinen silbernen Löffel, welcher die Ehre gehabt hatte, sich in Rosies Munde befunden zu haben und drückte ihn an seine Lippen.

Der Großvater wurde ganz verlegen. Jeder versteht nur seine eigene Poesie. Die junge Frau lächelte glücklich: »Wirklich, ein Narr sind Sie. Wie Sie möchte ich sein, Herr Peter, eine freie Seele im Raume!«

Rosie träumte im Nebenzimmer: »Ohohoho! In einem Theater war ich!«

Die alte Kinderfrau dachte: »Unruhig schläft sie. Lauter unnötige Dinge. Die schleppen sie ins Theater, um eine Hetz zu haben. Kinder brauchen Ordnung. Unsere Frau ist gescheit, nicht so verrückt. Wer hat die Plage davon?! Ich.«

Der »Fliegende Holländer«

(Gewidmet denen, die es sind!)

Wie Senta im »Fliegenden Holländer« sind alle Frauenseelen.

Über ihren Türen ist das Bild gemalt des »Fliegenden Holländers«, dieses organische und unentrinnbare Bedürfnis ihrer romantischen und kindlichen Seelen.

In einen weiten dunklen Mantel gehüllt, wie mit den Weltenschwingen angetan, sehen sie ihn, mit seinen rätselvollen Augen und seinem Schicksale des ewig Wandernden. Einen suchen sie, der ewig sich bewegt und Ruhe sucht im Weibe!

Über den weißen Türen ihrer kindlichen Schlafgemächer hängt dieses Bild, über den braunen Türen mit Goldleisten ihrer Salons, über den gelben Türen ihrer Landvillen, über den dunklen Toren ihres Lebens!

Nie öffnet sich die Türe. Nie erscheint er.

Aber siehe!

Hingegen steht einer da, des Morgens, in langen weißen leinwandenen Beinkleidern mit Zugbändern, taucht das Zahnbürstchen in Pasta Boutemard (Doktor Suin de Boutemard), gurgelt, wählt unter verschiedenen Halsbinden eine geeignete aus, befestigt goldene Knöpfchen in dem Hemde – – –. Fertig!

Senta sitzt aufrecht, an den weißen Kopfpolster angelehnt, in ihrem breiten Bette und betrachtet. Wohin lauscht sie?!

» Um mich zu erlösen, mußt du für mich in den Tod gehn – – –.«

» Ich bin bereit, Herr

»Natürlich, es ist schon wieder kein Spiritus in der kleinen Brennmaschine für den Schnurrbart. Sie, Marie – –. Jedesmal und jedesmal – –. Was glauben Sie eigentlich?!«

Drei Löffel Tee, ziemlich gehäuft, in die Teekanne. Noch einen halben Löffel. Fertig!

Senta lauscht – – –:

» Ich muß ewig wandern – – –.«

Dann geht er in die Kanzlei, Kleine Brunngasse 7, 1. Stock, und bleibt bis zwei.

— — — — —

Über allen Türen ihrer Wohnungen ist das Bild des »Fliegenden Holländers«, über den Türen des Schlafgemaches, des Speisezimmers, des Salons; wenn sie vom Spaziergange nach Hause kommen, über der lackierten Türe im Stiegengange. Und über den Türen ihres Landhauses, wo es kühl ist an Sommertagen.

In einen weiten dunklen Mantel gehüllt steht er da, wie mit den Weltenschwingen angetan, mit seinen rätselhaften Augen und seinem Schicksale des ewig Wandernden ...

Auf und zu gehen alle diese Türen, auf und zu, bald laut, bald leise.

Nie kommt Er – – –!

Hausball

Sie war gar nicht auf dem Balle.

»Gnädige Frau, warum ist Maud nicht da?!«

»Die arme Maud ist krank – –.«

Der junge Mann trank Chartreuse verte et jaune, rauchte, stand herum, spielte Bézigue und verlor hundert Kronen wie nichts.

Weil Maud nicht da war – – –.

Also war sie doch da!

Lokale Chronik

Er las im Café diese Notiz aus dem »Extrablatt« vom 21. November:

Ein verschwundenes Mädchen.

Das junge Mädchen, welches das vorstehende Bild zeigt, ist die fünfzehnjährige Bahnbeamtenstochter Johanna H. Dieselbe sollte am verflossenen Sonntag Mittag sich in die Klavierstunde begeben, traf aber dort nicht ein und ist seitdem verschollen. Dieselbe hat rotblonde Haare, braune Augen, eine zarte Gestalt. Die unglücklichen Eltern etc. etc.

Dieses junge Mädchen begann er zu lieben, von ganzer Seele ... Sie verwandelte sich in das »gehetzte Reh«, er sah die »brechenden Augen«. Überhaupt, sie entsprach seinem Ideale. Denn erstens hatte sie rotgoldene Haare (er erlaubte sich aus rotblonden rotgoldene zu machen), braune Augen (die beließ er natürlich), eine zarte Gestalt ...

Und zweitens wußte man nicht mehr von ihr als dieses, nichts, nichts, als daß sie rotgoldene Haare hatte, braune Augen, und verschollen war, weg, verschwunden ...!

Deshalb konnte seine Phantasie ...

Aber sie war ja wirklich wunderschön, nicht, nach dem Bilde ...?! Und so jung und verschwunden ...!

Er begann sie zu lieben, von ganzer Seele ...

Er konnte der Dame, die sich für ihn opferte im »realen Leben«, sagen: »Ah ..., du mit deinen ...«, oder: »Ich bitte dich, Herrgott, mach' mich nicht nervös ...«, oder: »Genug, still, ganz still ... na!«

Aber dieser Verschwundenen wäre er zu Füßen gesunken, hätte ihr die nassen Schuhe, Strümpfe ausgezogen, hätte die Zitternde in sein Bett getragen, das Plumeau bis an den Hals gelegt, hätte ein gutes Holzfeuer angemacht, Tee gekocht und gewacht, gewacht ...

Oder er hätte wie ein junger Priester gesagt: »Johanna ...!« Oder er hätte ... nein, das hätte er nicht!

Im Café sagte jemand: »Eine Strabanzerin, voilà tout ...«

Er fühlte, daß er sich ziemlich lächerlich machen würde, wenn er eintreten würde für ...

Aber angenehm war es ihm nicht, dieses Wort, und er hätte gerne gesagt: »Herr ...! Mit rotgoldenen Haaren ...?!«

Ja, solche Argumente hat die Liebe ...

Immer dachte er an dieses erste Wort »Fräulein«, das der Verführer zu ihr gesprochen hatte. Ja, das mußte er gesprochen haben. »Fräulein ...!« Und ein ganzes Leben war bereits zerpatscht wie die Fliege unter der Pracke. Ich brauche nicht zu sagen, wie er es sich weiter vorstellte, man kennt das. Aber so stellte er es sich vor: Sie geht langsam mit ihren langen zarten Beinen, ihrer goldenen Flut, in Zöpfe gedeicht, hat den »Mechanismus des Lebens« in der kindischen Seele. Punkt zwölf Klavierstunde, Punkt eins etwas anderes, Punkt zwei, Punkt sieben, Punkt neun! Plötzlich bewirkt einer eine ungeheure Umwälzung und sagt »Fräulein«. Alle Punkte stürzen untereinander und die Seele wird ein Organismus. Damit ist alles gesagt. Sie beginnt zu atmen, ein Leben für sich!

Aber was weiß dieser gemeine Zauberer?! Er denkt: »Schöne Beine hat sie ... ich nehme sie mir.«

»Ich kann nicht, mein Herr ... Punkt zwölf ist Klavierstunde ...!«

»Nun, Punkt eins ...« »Punkt ...«, sagt der Verführer, »kommen Sie bestimmt!«

Eine neue Stundeneinteilung ganz einfach, ein Studienplan des Lebens ...!

Punkt neun träumt sie in ihrem Bettchen: »Jemand hat gesagt ›Fräulein‹. Und andere Sachen ...«

Jemand?! Der Mann ist es, das männliche Geschlecht, das ganze Männertum! Die Welt »Mann« hat sich verbeugt, Reverenz gemacht, den Hut tief abgezogen vor dieser Welt »Weib« ... Der Minotaurus »Mann« hat eine Jungfrau verschlungen!

Jedesfalls träumte sie: »Punkt eins ...!«

Ah, dieser gemeine Zauberer! Wer war es?! Ein Roué natürlich. Der junge Mann im Café liebte sie bereits von ganzer Seele, deshalb dachte er: »Ein Roué ...« Dieses Wort tat ihm wohl, nicht nur, weil es französisch war und so vieles besagte. Aber da fühlte er sich schon wie der »Retter aus den Tiefen menschlicher Verworfenheit«, als der, vor dessen reiner Stirne ... Wie hätte er denn sonst strenge und wehmütig zugleich sagen können: »Johanna ...!«, wenn nämlich, in einem gewissen Falle, aber das sind nur Träume ... Aber warum soll man nicht träumen?! Ja, dieses eine Wort »Johanna!« mußte eine zweite ungeheure Umwälzung hervorbringen, die Stundeneinteilung regulieren, die Seele auf ein Neues richten, ein Reineres, wenn sie schon, ach allzu früh, aus dem »kindlichen Schlafe« gerüttelt war ...

Nun, so kindisch war er nicht, solche Phantasmagorien sich auszudenken, höchstens unter der Schwelle des Bewußtseins, wie sich die Modernen ausdrücken. Aber oberhalb der Schwelle liebte er sie schwärmerisch und in die Welt hinein, wie einst als Knabe die kleine Camille aus »Les petites filles modèles«, Bibliothèque rose. Denn als Camille dort, in Tränen aufgelöst, sagte: »Oh maman ...«, und Madame des Renaud sich zum gehen wandte, rief Madelaine: »Je Tai fait, moi maman, oh oui, certainement ...«. Und obzwar es Madelaine gar nicht getan hatte, sondern sich opferte, hatte er nur ein seliges, unbeschreiblich seliges Gefühl in seinem kleinen Herzen: »Camille wird nicht gestraft werden ...! Oh, Madelaine, bringe dich zum Opfer!«

Aber wer war denn Camille?! Eine Erfindung der Madame de Ségur, née Rostopschine, Bibliothèque rose.

So liebte er jetzt die Verschollene vom »Extrablatt«, beklagte tief ihr Schicksal. »Fünfzehn Jahre ...«, fühlte er, »und diese schönen Farben, goldblond und braun, von den schneeweißen gar nicht zu reden ...«

Aber an die schneeweißen dachte er: »Glieder wie frisch gefallener Schnee ...«

In ihm sang es: »Eine geknickte Blume Gottes, ein zertretenes Frühlingsglöckchen!«

Er kaufte das »Extrablatt«, obzwar es im Café siebenmal auflag.

»Wie zart sie ist, o Gott ...«, dachte er. »Das kleine Kreuz am Halse, die geschreckten Augen!« Alles betrachtete er.

»Wollen Sie sich Finderlohn verdienen ...?!«, sagte der Markör, welcher ziemlich naseweis war.

»Aber unbeschädigt muß das Objekt sein ...«, sagte ein anderer.

Und alle lachten.

Er aber träumte: »Am Weiher, am grauen Weiher steht sie vielleicht, stützt das Kinn in die Hand, hält mit der anderen den Ellbogen, und das Wort »Fräulein« fliegt wie eine Wildente vor ihr auf und in den kalten Nebel hinein ... Die Sonne glotzt blutigrot oder es ist schon schwarz und sie erfriert mir ...

Ich gehe nachts, da, dort, wo die Großstadt in »ländliche Ebene« abfließt, abtropft, sehe ein Kind ...

Ich sage: »Johanna ...!«

Ganz gewöhnlich sage ich das. Wie wenn man sagte: »Reiche mir das Brot über den Tisch« oder »bitte, zünde die Lampe an«.

Sie steht auf, kommt zu mir. Wie schön sie ist! Ich denke an »Ihn«, den All-Erbarmer, lege meine Hand sanft auf ihren Kopf, sage: »Johanna, Johanna ...« und »Johanna ...!!«

Still ist es. Der Wind weht übers Feld.

Sie sagt: »Wie spät ist es ...?!«

»Johanna«, sage ich, »wir werden alles zusammen bedenken, du bist ja ein gutes braves Mäderl ...?!«

Sie drückt sich an mich an.

»Ja«, sage ich stark, »du bist gut und brav, brav bist du ...!«

Das war die heilige Beichte.

Ich habe es ihr abgenommen ... Der Herr und Magdalena ...!

Glaube ist fast schon Sein! Wenn ich an dich glaube, bist du!

Wie sie sich an mich andrückt ...

»Ich glaube, daß du gut und brav bist, Johanna ...!«

Der Wind weht übers Feld und ich führe sie gen Morgen!«

So träumte der Träumer ...

— — — — —

Mein lieber Leser, du denkst gewiß, den nächsten Tag käme in die Zeitung so eine desavouierende Notiz, eine, die dich umstimmte, aus allen Himmeln risse, so ein feiner Schriftsteller-Trick, das Heraustreiben von Gegensätzen, um paff zu machen, wie: »Die Affäre hat sich ziemlich unpoetisch gelöst, das ungeratene Kind ...« Oder: »Die Betreffende wurde einer Zwangskorrektions-Anstalt ...« Oder: »Jung verdorben ...«

Nein, das Leben ist taktlos, übersieht die feinen Pointen ...

Johanna H. blieb verschollen.

Der Wirbel des Großstadtmeeres hat sie verschluckt ...

Immerhin wurde sie in ihrem kurzen Leben geliebt wie wenige! Denn nur von wenigen erfahren wir nichts Störenderes für unsere »holde Phantasie«, als daß sie fünfzehn Jahre waren, goldblonde Haare, braune Augen hatten und verschollen sind, weg, verschwunden ...!!

Gedichte an Ljuba

Das neue Kleid

»Kommen Sie morgen mich anschau'n in meinem neuen Kleid – – –!«
Ich aber war nicht dazu bereit.
Ich kam nicht dich anzuschau'n in deinem neuen Kleid.
Und es tat mir gar nicht leid.
Hättest du gesagt: »Morgen dürfen Sie meine Fingerspitzen berühren – – –«,
ich hätte die Nacht schlaflos verbracht,
hätte bei Schnee und Wind an deinem Tore gewacht,
hätte nichts gegessen, nichts getrunken,
wäre vor Sehnsucht umgesunken.
O Gott, wir leben doch im lebendigen Leben,
können daher es nicht billiger geben!
Für leeren Ritterdienst bin ich zu alt,
für echten Liebesdienst bist du zu kalt!
Dein altes Kleid und dein neues Kleid
schaffen mir nur Herzeleid!
Ein jedes deine Schönheit barg
wie ein Sarg.
Hättest du zu mir gesagt: »Morgen dürfen Sie meine Fingerspitzen berühren – – –«,
ich hätte die Nacht schlaflos verbracht,
hätte bei Schnee und Wind an deinem Tore gewacht,
hätte nichts gegessen, nichts getrunken,
wäre vor Sehnsucht umgesunken!
So aber warst du gnädig wie alle Frauen:
»Sie dürfen mich morgen im neuen Kleid erschauen!«
Da kam ich nicht.
Ich Wicht!
Ich dachte an deine geliebten Finger,
und von meiner Liebe nicht geringer,
trotzdem ich nicht kam, Lieblichste der Frauen,
dich im neuen Kleide anzuschauen!

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch – – –
wie Blüten sterben im Kellerloch,
die ewig auf ein bißchen Sonne warten.
Wie Tiere sterben, die man lieblos hält,
und alles Unbetreute in der Welt!
Man denkt nicht mehr: »Wo wird sie sein –?!?«
Ruhig erwacht man, ruhig schläft man ein.
Wie in verwehte Jugendtage blickst du zurück,
und irgendeiner sagt dir weise: »'s ist dein Glück!«
Da denkt man, daß es vielleicht wirklich so ist,
wundert sich still, daß man doch nicht froh ist!

La Zarina

A. L. und P. A. sahen sie zum ersten Male in dem Auslagekasten für Photographien am Kohlmarkt. Sie starrten schweigend das Vollkommene an, begannen sogleich alle Frauen zu hassen, die bisher in ihren Lebensweg getreten waren und verachteten sich selbst, daß sie es hatten so billig geben können. La Zarina!

Ganz befreit von dem bisherigen entsetzlichen Lügedasein schritten sie nun dahin. Sie hatten das Vollkommene erblickt, wußten nun endlich, woran sie waren.

Eines Nachts saßen sie im Café R. und starrten La Zarina an, die mit drei Adeligen Champagner trank und unbeschreiblich liebenswürdig sich gebärdete, direkt edelste Menschenfreundlichkeit überallhin ausstrahlte. Als sie wegging, blieben sie wie berauscht zurück, hinweggetragen über das Alltägliche, also in einer anderen Sphäre!

Dann sahen sie sie nicht mehr wieder und lasen nur in den Zeitungen die Klischees von Reklamenotizen, da sie bei Ronacher Poses plastiques stellte. Sie gingen niemals hin. Sie fühlten: »In Kleidern, Süße, sahen wir dich bereits nackt, Vollkommene! Konzessionierte, zensurierte Nacktheit jedoch von drapfarbiger Seide Gnaden?!? Kleider sind Phantasie der Wahrheit. Doch seidenes Trikot ist Wahrheitsfälschung!«

Dann sah P. A. sie einmal noch weiß in weiß in einer Proszeniumsloge in einem Theater. Dies meldete er seinem Freunde. Dieser war ganz ergriffen und bewegt. Da saßen sie denn, tief bekümmert, beim Souper, erfüllt von Träumen und Begeisterung. Sie gaben infolge aller dieser Ereignisse ihren treuen süßen Freundinnen den Laufpaß, schrieben kurzweg ab, infam, brutal: »Das Unzulängliche mordet uns ...«, schrieben sie, »adieu ...!«

Dann kauften sie ein großes Glücksschwein aus grünem Ton mit einer Spalte, warfen ein jeder eine Krone hinein, vorläufig.

Wenn La Zarina einst verarmen sollte und verkommen ...!

Aber La Zarina verarmte und verkam nicht.

Immer jedoch sammelten die Freunde noch getrost. Drei grüne Glücksschweine aus Ton waren bereits angefüllt mit silbernen Kronenstücken. Es war der heilige Schatz für die sicher einst verlassene, enttäuschte und zerpflückte süße La Zarina. Es waren 70 Kronen vorhanden für Schicksals unberechenbare Wege!

Aber La Zarina erhielt einen Millionär, wurde nicht zerpflückt, stieg höher, höher, wurde sogar geheiratet.

Da feierten denn endlich eines Nachts die beiden Freunde ganz in der Stille ein Fest zu Ehren der Dame, die ihrer niemals bedurft hatte. Den ganzen silbernen Inhalt der drei Glücksschweine vertranken sie in Veuve Clicquot. Bei jeder Flasche sagten sie nur sanft und leise: »La Zarina!« und erhoben sich von ihren Sitzen.

Schließlich waren sie ganz betrunken und hielten es für einen ganz passenden Abschluß dieses Liebesabenteuers, ja sogar in jeder Beziehung für den passendsten. Zum Schlusse schrieben sie natürlich eine Ansichtskarte an La Zarina, mit einem Texte, den sie bereits für die Chantant-Kaiserinnen Othérô, Cléo, Billie Burke, Elise de Vère, Minnie Ashley und Mage Lorrison-Osborne verwendet hatten.

Der Text dieser Karte lautete: »Es ist nicht wahr, daß Gott die Menschen nach seinem Ebenbilde schuf! In dieser Weise schuf er einen einzigen Menschen ... La Zarina!«

Da sie die Adresse nicht kannten, schrieben sie in idealer Zuversichtlichkeit:

»An
La Zarina
in
Europa

»La Zarina in Europa ...«, sangen sie laut durch die stillen Straßen auf dem Heimwege. Die Passanten blieben stehen und sagten: »Halt's Maul!«

Ganz kleine Sachen

Traurigkeit

Weinet, sanfte Mädchen – – –!

Solange ihr weinet, tragt ihr im traurigen Herzen die Welt!

Weinet, sanfte Mädchen – – –!

Haltet vor das bebende Antlitz die Hände – – –.

Wenn ihr sie lächelnd senkt,
ist es zu Ende!

Hoffnung

Was erhoffst du dir, Mädchen, noch?!?

Da du, geschlossene Blüte, alles Lebendige in dir birgst?!?

Bleibe verschlossenes Blühn, o Mädchen – – –!

Denn die gewöhnliche Tat des Seins
mordet dein göttliches Ungeschehnis!

Der Dichter

Wer mich versteht, versteht sich selbst!

Denn siehe, ich bin nur euer tönend gewordenes stummes Herz selber!

Ideale

Sich fortpflanzen?!?

Zeuge doch lieber den, der du selbst nicht hast werden können!

Welten-Seele

Pflanze und Genie besitzen die Erdkraft, von überall, aus der zufälligen Umgebung, die für sie dienlichen Nährsalze zu ziehen – – –.

Die Mittelglieder »Tier« und »Mensch« jedoch sind angewiesen, einer bestimmten Nahrung mühselig nachzupürschen – – –.

Das nennen sie dann »ihren Idealen nachjagen«!?

Ehebruch

Aluminium hat eine so unentrinnbare Leidenschaft zu Sauerstoff, daß es denselben selbst aus so zähen Verbindungen wie mit dem Chrom zu reißen imstande ist und ihn für sich gewinnt!!

Sapientia

Unergründliche Natur! Die du à tout prix deine Zwecke zu erreichen strebst!

10.000 Kilometer weit zieht das Heringmännchen an die Küste aus dem unendlichen Ozeane, um das Weibchen zu befruchten!

In das Gehirn des Heringmännchens legte die vorsorgliche Weisheit der Natur diesen Gedanken, an die ferne Küste zu ziehen zu dem Liebe-strotzenden Weibchen!

Sie sorgt eben für die Erhaltung – – – der Hering-Rasse!!

 

Petrarcas Seele entflammte sich zu einem ewigen Feuer an dem Antlitz einer Dame, welche er ein einziges Mal im Leben sah, an einem Altare kniend! Niemals zog er an die Küste, zu ihr!

Aus Fernen, aus Seelentiefen, gleich dem Ozeane, liebte er sie, und dreißig Jahre lang blieb er »in ihrer Ferne«!

Und ohne seinen Körper befruchtet zu sehen, lebte dieses Weibchen selig in dieser unfruchtbaren Liebe dahin!

O unergründliche Weisheit der Natur, die du à tout prix deine Zwecke zu erreichen strebst!!

Du sorgst für die Erhaltung der Petrarca-Rasse!!

Denn mit dieser Dame zeugte er so aus Fernen seine Kinder, die Liebeslieder!

Gespräch

»Giwril, mein Freund, du bist mein Folterknecht! Wenn ich mit dir zusammenkomme, esse ich vierundzwanzig Stunden lang absolut nichts, trinke nur Eau de Cologne-Wasser. Damit ich die Sicherheit eines idealen Atems habe!«

»Habe ich es verlangt, gewünscht?!«

»Nein, aber auf deinem bleichen Antlitz liegt die maladie de l'idéal!«

»Maladie?!«

»Maladie! Denn die Gesundheit in uns wäre, die Kraft zu haben, die Unzulänglichkeiten ertragen zu können! Wie die starke Lunge selbst Miasmen ertrüge, während die schwächliche daran krank wird!«

»Nein, meine süße Freundin, Märtyrerin meiner Liebe! Die Gesundheit ist, die Zulänglichkeiten rastlos zu ersehnen, zu erstreben! An Unzulänglichkeiten erkranken und zugrunde gehen, ist die Gesundheit einer Seele, die als Kranke zu leben zu gesund ist!!«

Puvis de Chavannes und P. A.

Puvis: »Si tu mets une image sur une muraille, qu'elle ne peut pas digérer, cette muraille vomira cette image!«

P. A.: »Si tu mets une âme d'homme sur une âme de femme, qu'elle ne peut pas digérer, cette âme de femme vomira cette âme d'homme!«

 

Die Hände

Einst sagte ich: »He, eine Dame, die meine Neigung erringen soll, müßte mindestens so schöne Hände haben, als meine Füße schön sind!« Endlich fand ich eine solche. Aber es war eine siamesische Prinzessin in Bangkok, aus einer englischen illustrierten Zeitung.

»Warum läßt du dir dieses Bild einrahmen?!«, sagte meine Geliebte zu mir. »Dieses Chinesengesicht?!«

»So – – –«, sagte ich und betrachtete die Tatzen meiner Angebeteten, welche für mich zu sterben jeden Augenblick bereit war!

So lieben Sklavinnen!

Was ist denn das mit dieser gewissen Frauenliebe?! Wie häufig sagt man: »Der?! Oh, es ist völlig ausgeschlossen!« Nun, gerade dieser wurde geliebt! Nicht uns lieben sie, sie lieben unsere Liebe! Daß wir sie lieben, lieben sie! Sie brauchen das, wie die Lunge Sauerstoff, die dürre Erde Regen! Und wenn es nur eine alte Kröte wäre, die um sie traurig würde, sich zurückzöge aus dem amüsanten Sumpfe, ohne Gesang irgendwo hockte und wartete, bis die Dame vorüberkäme, so lebte diese von dieser Kröten-Liebe!

Daß wir sie lieben, lieben sie an uns!

Ihr aber fragt: »Was ist an ihm?!«

Er, was ist er?! Was braucht er zu sein?! Ein Harrender ist er, ein Harrender!! Sein Harren liebt sie, träumt sein Harren; denn harrend lebte sie, daß einer harre! Und wenn sie ihn erblickt, fühlt sie nur eins: »Er harrte!«

Das ist an ihm!

La vie

Ich saß einmal mit zwei Gefallenen. Die eine alt, fertig, zerpatscht vom Leben wie die Fliege unter der Pracke. Die andere jung, blühend. Die Alte war ungeheuer lustig und die Junge ungeheuer traurig. Da sagte ich zu der Alten: »Du, wieso ist es?!?«

Da sagte die Alte: » Du, die hat's noch nicht nötig, lustig zu sein – – –!«

Die Gefallene und der Dichter

»Geh', schau', du, komm mit mir! Beim Hirn kannst du dir's ja doch nicht herausschwitzen –?!«

Der Dichter: » Ich ja

Philosophie

Ich teile die Menschen meiner Bekanntschaft in zwei große Kategorien ein – – –, in jene, die zu mir sagen: »Sie, mein lieber Altenberg, es geht mich zwar gar nichts an, natürlich, selbstverständlich, aber weshalb tragen Sie eigentlich in der Stadt Leder-Gamaschen?!? Es ist ja ganz praktisch, am Lande, auf der Entenjagd – – –«, und in jene, die es nicht zu mir sagen!

Bisher hat es noch jeder zu mir gesagt!

Die Mütter

Chor der Mütter: »Jetzt hat man das Mädel Französisch lernen lassen, Literatur und Klavier, gibt eine Masse Geld aus und dann sitzt sie stumm da, daß es eine Schande und ein Spott ist. Was muß sich der Herr denken?! Eine Gans natürlich.«

O Mütter, das Beste, Zarteste der Frauenseele ist das beredte Schweigen! Da ist der edle Organismus an seiner verschwiegenen Arbeit, aufzunehmen, zu verarbeiten, zu organisieren!

Der wachsende Mensch schweigt und lauscht!

Und was wäre einer, der kein Wachsender mehr sein könnte, kein Lauscher?!?

Lauschet, o Mütter, dem süßen Lauschen eurer schweigsamen Töchterchen! Schweigende, wie Vieles saget ihr!

Ideale

An seinen Idealen zugrunde gehen können, heißt lebensfähig sein!

Große Prater-Schaukel

Dies sind eure Absynth-Räusche des Lebens, Mädchen aus dem Volke! Alles wird zuunterst, zuoberst gekehrt, gestürzt! Und beim Tal-abwärts kreischet ihr vor Angst und Erregung! Hier vergesset ihr, daß der Zins vor der Türe ist, und daß man in jedem Augenblicke schwanger werden und verlassen werden könnte! Hier erlebt ihr eure Meerfahrt-Emotionen, Seekrankheit für 10 Kreuzer!

Und nachher in die Wiesen, in die dunklen weiten Wiesen!

Pfeife, Schurl, wenn Polizei kommt!

Die heilige Gudula

Sanft und ergeben
sei dein Leben!

Und dein Lachen kann dich mit Natur und Schicksal nicht so tief vereinen
wie dein Weinen!

Frage

»Oh mon ami, qu'est ce le bonheur et le malheur?!?«

»Le bonheur, c'est marcher, marcher, marcher – – et le malheur, c'est aboutir!«

Vorfrühling

Es riecht bereits nach Veilchen – – –
aber sie sind noch gar nicht da!

Mädchen in Capri

Mädchen in Capri, du liebst vielleicht das Meer, dieses tiefe weite wunderbare – – –

Dennoch wirst du dich einem »Mann« ergeben müssen!

Dorfstraße

Abends ging das junge Mädchen stundenlang die friedevolle einsame Dorfstraße auf und nieder, auf und nieder.

Nichts regte sich.

Da sagte der Dichter zu dem Mädchen: »Woran denkst du, Mädchen?!?«

»An nichts«, erwiderte das Mädchen.

»Aus diesem Nichts machen wir unsere tiefsten Lieder«, sagte der Dichter.

Die Frau

»Oh mein Freund, was für eine Frau wünschtest du dir denn eigentlich?!?«

»Eine, die meine Höhen ›mit Enthusiasmus‹ und meine Abgründe ›ohne Schaudern‹ miterlebte!«

Weisheit

Wer das Niedrige aus seinem Leben ausschließt, kann nicht wachsen!

Als das blühende rosige Kindlein die Kröte, die jeden Morgen aus seinem Milchnapfe mitfrühstückte, mit dem Löffelchen hart auf den Kopf tippte und die Kröte infolgedessen ausblieb, begann das Kind bleich zu werden und siechte dahin –!

Wer das Niedrige aus seinem Leben ausschließt, kann nicht wachsen!

Baum im Prater

Was der Baum, im milden Abendhauche, zu meiner Seele flüstert, flüstert doch nur meine Seele dem Baume zu!?!

Ist's nicht so mit der Frau, die wir lieben?!?

Unserer Welten-Seele Gottesodem haucht der stummen Natur Leben und Wärme ein –.

Aber unserer Seele Odem – Erwecker ist die stumme Natur!

Eine Kindesseele

»Weshalb lässest du deine Schwester, o Alice, stets sich an meine Seite setzen, wartest und setzest dich dann erst mir gegenüber, gehst auf dem Spaziergange hinter mir, lässest deine Schwester an meiner Seite wandeln?!? Hast du mich denn nicht lieb, Kind?!?«

»Ich hab' dich unermeßlich lieb. Allein ich kann es tragen! Während Lilith zusammenbräche –! Deshalb muß sie an deiner Seite sein und mit dir gehn – –.«

Und als die Abschiedsstunde nahte, sagte die Mama: »Ihr dürft noch eine letzte Bootfahrt machen mit Herrn Peter – – –!«

Wir gingen auf den schmalen Steg hinaus, Lilith stieg ein und ich. Da gab Alice dem Boote mit ihrem Fuße einen Stoß und eilte weg.

Ich rief: »Alice – – –!«

Vergeblich.

Wir fuhren das Schilf entlang.

Nach einer halben Stunde trafen wir Alice, am Ende der Allee, einsam auf einer Bank, bitterlich weinend – – –.

Liebe

»Am Altar der Dorfkirche knietest Du einst, Anna, und betetest um meine Liebe – – –!

Nun, da Gott Dich erhörte, betest und kniest Du nicht mehr!?!«

»Um was sollt ich nun knieen und beten, Du Törichter, Liebster?!?«

»Ich weiß es nicht, Anna. Heilige Zeiten waren es, da Du noch mit Gott eindringlich über mich sprachst – – –!«

Lebensführung

Die wertvollsten Frauenseelen erschimmern nicht in Alltags-Reinheit, sondern wechselnd und flimmernd wie die Licht-Mysterien im Opale!

Mögen wir ernst und würdevoll der Schönheit dieses bewegten Spieles die Ruhe unserer Seele zum Opfer bringen!

Entwicklung

Nichts verlang' ich von dir, o Mädchen – –
bleibe unbewußt, liebe, gebäre!

Aber an deinem nächsthöheren Selbst, deinem Töchterchen,
zeige, indem du sie leitest, bewußt Gewordene,
daß die Weisheit, die du gewannst,
tiefer sei als die Natur, die du verloren!

Wanderung

(Der Kaiserin Elisabeth geweiht.)

»Wohin, träumerische Frau, wandertest du, rastlos?!?«

»Weg von der Lüge!«

Westminster-Abbey

Hier liegt Shakespeare begraben und die übrigen englischen Könige!

Knut Hamsun-Aufruf

Zu dem Aufrufe im Simplizissimus zu einer Sammlung für Knut Hamsun, welchem das Staatsstipendium entzogen wurde und welcher darbte.

Ewige Philosophie des Kreuzes – – –!

Wer das Gute gibt den Menschen – – – muß elend werden!!!

So sehr scheint dieses »das Gute geben« seine Belohnungen in sich selbst zu tragen, ein »hehrstes Genießen« selbst zu sein, daß Gott in seiner Weisheit und Güte die Herzen der ganzen Menschheit gleichsam versteinert diesen Wohltätigen gegenüber und sie hindert, zu diesem reichsten, heiligsten Glücke, das im »Geben« liegt, dieses armseligste bettlerische Glück des »Nehmens« hinzuzufügen!

Und dann – – –, was hat jeder Tag, jede Stunde, jede Minute nicht einem Geschöpfe an Reichtümern zugetragen, das Augen hatte zu sehen wie Hamsun, das Ohren hatte zu hören wie Hamsun, ein Herz zu fühlen wie Hamsun, ein Gehirn zu denken wie Hamsun?! Einem Geschöpfe, das in seiner Individual-Organisation die End-Konsequenzen der Entwicklungs-Stadien menschlicher Gehirne antizipierte und so dem Gotte nahe war!? Muß es keine ausgleichende Gerechtigkeit geben auf Erden für diese »Rothschilde der Seele«, die mit ihren Gott-ähnlichen Sinnen alle Reichtümer der Welt, alle Wälder, alle Berge, alle Kinder, alle Weisen, alle Mädchen, alle Gedanken, alle Gefühle in Besitz nehmen?! Muß es keine ausgleichende Gerechtigkeit geben allen denen gegenüber, die, in Sattheiten vegetierend, vom Leben dennoch jeden Tag, jede Stunde, jede Minute in der perfidesten und ränkevollsten Weise betrogen und beschnatzelt werden?!

Ihre mühevoll konstruierten Tätigkeiten, ihre kunstvoll von langer Hand vorbereiteten und mit außerordentlichen Geschicklichkeiten durchgeführten Pläne und Geschäfte, ihr gut und tapfer fundiertes Familienglück, das gedeihliche Heranwachsen ihrer Sprößlinge, das sorglose Naschen am Zuckerwerk der Kunstdarbietungen, ihre Sommervillen in grünem Schatten, ihre Winterpaläste in weißer Mittagssonne, nichts, nichts, nichts ist imstande, ihren Augen auch nur für einen Augenblick in ihrem Leben jene Seligkeiten zu gewähren, die Hamsuns Augen beim Anblick irgendeines fremden schönen Kindes, einer einsamen Brombeerstaude im Spätherbste, einer weißen Frauenhand, einer Birkenallee, einer Säulenhalle empfinden konnten! Nie, nie, nie, bis zu ihrem Lebensende nie, werden sie einen einzigen Takt einer Beethoven-Symphonie wirklich vernehmen, das heilige Lachen Mozarts, ein nur aus vier ärmlichen Noten bestehendes heiliges Motiv aus Wagners Tristan, ein Wort, eine Silbe von Ibsens Rosmersholm, das morgendliche Rauschen im Kiefernwalde, das Singen des Abendwindes in Kukuruzfeldern, diese Symphonien, Oratorien Gottes!

Taub sind sie, tauber als Taube, blind sind sie, blinder als Blinde, stumm sind sie, stummer als Stumme, und selbst jene Organe, welchen sie noch am ehesten Glückseligkeiten abpressen könnten, versagen ihnen boshafter Weise gerade ihre kostbarsten Schätze, welche sie, nur dem Befehle einer Seele folgend, preisgäben! Und da sollen diese Bemitleidenswertesten Mitleid haben? Mit wem?! Mit dem Beneidenswertesten?! Judas, der Jesum bemitleidet?! Hahahahaha – – –. Sollen durch das Schicksal eines bewegt werden, der gegen sie ein Kaiser und dem gegenüber sie elendestes Bettelvolk sind?! Und sie sollen Sammlungen veranstalten für einen Milliardär?! Sie, die Hungerhunde auf ihren Lebensfriedhöfen?!

Nein, hier muß selbst der Edelmütigste, Weichherzigste gerecht werden und sagen: »Verschließet eure Taschen, verstopfet eure Ohren trügerischem Mitleide! Denn wenn ein Hamsun verhungert und verdurstet, ißt und trinkt er noch mehr als ihr in tausend Jahren völlern könntet! Er sterbe!!«

Gedicht

Ich nahm ein Mädchen zu mir über Nacht.

Das macht nichts.

Bevor sie einschlief, sagte sie: »Sind Sie ein Dichter?!?«

»Weshalb? Vielleicht. Das macht nichts.«

»Ich habe nämlich auch einmal gedichtet –.«

»?!?«

»Ich hab' dich so gern.
Nun bist du fern – – –.
Das macht nichts.
Auf meinem Grab wird steh'n:
›Ich liebe dich!‹
Niemand wird wissen wer und wen – – –.
Das macht nichts.«

Ich gab dem Mädchen 10 Gulden statt 5 – –.

»Oh«, sagte sie lächelnd, »5 waren nur ausbedungen!?!«

»Das macht nichts. Die Rechnung stimmt. Sieh', Mädchen, wie genau ich zähle – – –

5 für deinen süßen Leib und 5 für deine süße Seele!«

Wir

(München)

– – Sehet, wie nahe noch ist der Knabe der Natur, wenn er den wunderbaren Apollofalter anschleicht auf der Berg-Distel?! Oder das Mäderl, welches ein Sträußchen bindet von Wiesenblumen?! Später aber kommt das Leben, macht blind, leer! Lawn-tennis spielen sie dann auf den Wiesen, in der Natur! Lawn-tennis! Heiße Wangen mit kalten Seelen!

Lernet vom Japaner! Wenn die Kirschenbäume in Blüte stehen, zieht das Volk hinaus, steht stumm und stundenlang vor der weiß-rosigen Pracht. Keine Bänke und Tische sind errichtet, an welchen man frißt und säuft. Stumm steht das künstlerische Volk vor der weiß-rosigen Pracht, stundenlange! In den Zimmern aber hängen an reinlichen, edlen, zarten hellgelben Matten Bambuskörbchen mit feinen Blumen. Da gehen Männer und Frauen hin, betrachten die Körbchen mit Blumen, gehen wieder weg, still ans Tagewerk. Was für Krimskrams habet ihr aber auf den Schreibtischen, an euren Wänden?! Ihr habt es und fertig! Was gibt es da zu betrachten?! Man besitzt es, man liebt es nicht!

Ansichtskarten

Donau bei Y.

Stundenlang sah er dem breiten, flimmernden Strome zu, an Weidenzweigen vorübersäuseln! Und er gedachte ihrer. Denn immer gedachte er ihrer; auch wenn er nicht stundenlang dem breiten, flimmernden Strome zusah, an Weidenzweigen vorübersäuseln!

Perchtoldsdorf, Platz

Hier ist ein kleines Café. Morgens leer. Vormittags leer. Mittags leer. Nachmittags kommen einige Gäste. Das »Interessante Blatt« ist ganz zerfetzt. Man liest eben gerne von Mord und Kälbern mit zwei Köpfen und löst Scharaden und Rösselsprünge in dem kleinen Café am Platze.

Gasthausgarten in K.

Vormittags. Noch ist die rohe Hunger- und Dursthorde nicht eingebrochen!

In friedevoller Schattenschönheit liegt der Gasthausgarten!

Inneres einer Kirche

Hier ist der Raum, in welchem besiegte Menschenseelen ihre Sedan-Kapitulationen unterzeichnen!

Japanischer Apfelbaum

In Japan blühen die Apfelbäume so schön wie in keinem anderen Lande. Aber niemals bringen sie es zu Früchten! Die Blüten, welche ihre Kraft für die Früchte aufbewahren sollen, können nicht so schön werden als die Blüten, welche ihre ganze Kraft für sich selbst, für ihr Blühen verwenden dürfen!

Gruß aus W. an der Donau

Friedevoller Ort!

So seien unsere Seelen, morgens, abends – –.

Wenigstens morgens, abends!

Allee im Schloßgarten

Hier möchte ich mit Ihnen auf und ab wandeln, Lilith, und Ihre blonden, langen, offenen Haare küssen, ohne daß Sie es merkten! Denn lose fließen sie über Ihre Schultern herab. Im Auf- und Abwandeln könnte ich dieselben küssen, ohne daß Sie es merkten, Lilith! Mit meinen Augen!

Salzburg im Schnee

Sommergast, in trägem Reichtume genießest du die Natur, ein Schlemmer, Prasser!

Im Winter aber muß deine Seele tüchtig mithelfen, die Landschaft zu genießen.

Im Sommer dichtet die Natur für dich!

Im Winter mußt du für sie dichten!

Blick von der Rax

Grellweiße Steine. Gelbgrüne Wiese mit nassen Stellen. Schwarze Krumm-Kiefern. Hellgraue, vom Winde ausgelaugte Bäume. Hier werden keine kleinen Kinder malträtiert. Hier wünscht niemand, Sektionsrat zu werden. Hier fällt Regen, saust Wind. Hier fällt Schnee, braust Sturm!

Gosau-See

Ruhiger, spiegelnder See – – –. Alles Umgebende nimmst du auf. Aber eure Seelen sind so voll Unruhe, daß sich die Welt darin nicht spiegeln kann!

Schafberg-Alm

Morgens die Sonne erwarten, abends die Nacht!

Sonst nichts!

Das ist alles!!

Blumenkorso in Gmunden

Aber den Menschen genügt nicht die stille Natur – – – sie müssen lärmende Feste feiern!

Wolfgang-See

Das Schilf steht abends so schrecklich stille, wie verdüstert und in sich selbst versunken! Wie erschöpft von unbeschreiblichen Traurigkeiten!

Die beiden Herren im kleinen Boote waren ganz gedrückt. Die junge Dame aber jammerte: »Weg vom bösen Schilfe, oh weg, weg – – –.«

Und nachts sagte sie aus den Träumen: »Das Schilf, das Schilf, oh weg, weg – – –.«

Die beiden Herren wachten an ihrem Lager, während sie vom Schilfe phantasierte.

Der Jüngere fühlte: »Siehe! Eine wirkliche Märchen-Prinzessin, die vom verzauberten Schilfe träumt –!«

Der Ältere dachte: »Der Märchenprinzessinnen-Trick ganz einfach! Um romantisch zu bluffen! Immerhin gut und geschickt gespielt. Bravo.«

Am nächsten Morgen aber sagte der Jüngere zu dem Älteren: »Sie, ist es nicht vielleicht doch nur ein Trick, diese poetische Emotion mit dem Schilfe!? Um romantisch zu verblüffen?!«

Der Ältere erwiderte: »Sehen Sie, mein Lieber, Sie sind um so viel jünger als ich, haben bereits gar keine Poesie und Phantasie mehr! Sie blasphemieren! Eine wirkliche Märchen-Prinzessin ist sie!«

»Oh bitte, erwähnen Sie es ihr gegenüber nie, daß ich auch nur einen Augenblick lang es für einen Trick halten konnte?!?«

Später sagte der Ältere zu der Dame: »Es war ein Trick, diese Emotion mit dem Schilfe. Aber gut gespielt!«

»Schändlicher! Haben Sie das vielleicht dem Jüngeren gesagt?!?«

»Jawohl. Aber er wollte mich ohrfeigen dafür! Er sagte, Sie seien eine wirkliche Märchen-Prinzessin.«

Da bekam die Dame wirklich ein Märchenprinzessinnen-Antlitz!

»Sehen Sie«, sagte der Ältere, »das ist kein Trick!«

Aphorismen einer Primitiven

Wenn er mich prügelt, dann ist es mal sicher wenigstens, daß seine Neigung bis zur Prügel-Emotion ging!

Er prügelt gerade soviel aus mir heraus als seine Kränkung groß war, die ich, Luder, ihm bereitet habe! Det is doch eene Kontrolle!

Eene Ohrfeige, det is was Sicheres!

Aber die Liebesschwüre?!?

 

Wenn ich mal so dasitze und warte und warte und nervös werde – – – das ist die Liebe!

 

Die Männer sind blöde – – – sie möchten in einer Viertelstunde erreichen, wozu 10.000 Stunden nötig wären!

Und dann sagen sie, daß wir keen Herz haben, während sie man bloß keene Zeit haben!

Gedicht

Ich habe ein Gedicht gemacht:

Dame und Hure.

»Dame saß da mit steinernem Herzen – – –
Herr ging weg mit tiefen Schmerzen.
Arme Hure in einem Puff
heiterte ihn uff!
›Dame mit dem steinernen Herzen, steig' mir auf den Buckel – – –‹, empfand er still,
›Segen über die arme Hure, die nichts als ein Strumpfgeld will!‹«

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