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Peter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus

Peter Altenberg: Peter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus - Kapitel 10
Quellenangabe
typeaphorism
authorPeter Altenberg
titlePeter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern von Karl Kraus
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
editorChristian Wagenknecht
year1997
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid25f66321
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Nachfechsung

An Paula

Die Sorge einer Mama für ihr Kindchen!

Ja wirklich, die hattest du auf den Frühlings-Landpartien, von sieben Uhr früh bis acht Uhr abends. Ununterbrochen.

Ich danke dir.

Ich bin 56 und du 19.

Ein merkwürdig zartes altes Kindchen, eine merkwürdig liebevolle junge Mama!

Tramway, Eisenbahn, Dampftramway, Gasthauszimmer, immer sorgtest du, daß ich in frischer Zugluft sitze, sorgtest dich, daß jemand von den verfluchten Rheumatikern rufen könnte: »Bitte doch zu schließen, wir sind ja auch noch auf der Welt!«

»Abgehärtet sein« ist dein Stolz, wie der anderer »schön sein«!

Nur nützt es dir länger. Wie lang bleibt man denn schön?! Doch abgehärtet immer!

Du liebst die harte Luft, den Pfeif-Wind, den Biege-Sturm, die Feuchtigkeit, den Regen, und wenn die Kleider dann triefend dampfen in der wärmeren Stube, ist dir wohl und bergalmgemütlich!

Da saugst du Wärme ein in durstigen Zügen, die du im Unwetter verloren hast!

Heil dir, Paula, die du statt Reismehlpuder die ganze Natur selbst zur Hautpflege benützest! Poren können nicht offen genug sein, so wie Kopf und Herz!

Auch fragen alte Ärzte diskret: »Haben Sie ›Öffnung‹?!« Eine wichtige Frage!

Ja, öffne dich, Menschenblume, Mädchenblüte, der Sonne, dem Regen, dem Wind, Stubenhockerinnen und Reismehl-Puderinnen mögen verkommen!

Splitter

Wenn jemand im Gespräche sagt: »Ohne Ihnen nahetreten zu wollen selbstverständlich – – –«, tritt er einem direkt mitten in die Seele hinein!

— — — — —

Weshalb der »Geist« so wenig bewirkt?! Weil er nur ein ganz winziger Faktor im Gesamtorganismus ist. Es sind nämlich noch da: Die Leber, das Herz, der Magen, der Darm, die Niere, die Hoden, die Gebärmutter, die Epidermis, und die Vorurteile!

— — — — —

Ein plötzliches Verstummen, Erbleichen, kann eine schrecklichere Szene sein als das Abschlachten der armen Desdemona durch Othello!

— — — — —

Sich nicht wehren können?! Wir können ja doch denken und innerlich guillotinieren! Dem Danton, Marat, Robespierre entging vielleicht doch so mancher. Mir keiner.

Widmung meines Buches »Fechsung« an K. K.

Zwei Kerle wie wir zwei sollten zusammen schreiten, wie Danton und Robespierre, mit der Guillotine des – –. Du wirst natürlich glauben, des Geistes! Nein. Denn der Geist ist leider immer milde, verständnisvoll, mitleidig und versöhnlich. Nein. Mit der Guillotine: Haß und Verachtung. Das taugt für die Herde!

Sonntagmorgen

Ich sitze im kleinen herzigen Café meines Hotels. Es ist ein kühler angenehmer, wenn auch grau eingedeckter Frühlingsmorgen. In meiner Nähe sitzt eine Dame mit einem hellblonden, zarten, süßen Mäderl von neun Jahren, das die Ellbogen auf die Tischplatte aufgestützt hat und den Kopf hie und da auf die Hände legt. Ein mir befreundeter Hauptmann sitzt bei ihnen, wortlos. Dann kommt er an meinen Tisch. »Ein süßes, zartes, trauriges Geschöpferl!«, sage ich. »Wenn Sie erst aber wüßten, was ich von ihr weiß! Ihr Vater ist Hauptmann, kam verwundet zurück, wurde von Mama und Kind bei Tag und Nacht abwechselnd gepflegt. Um wieder bald in den Krieg zu ziehen. Beim zweiten Abschiede erfaßte das Kind die Breitseite seiner Hand und drehte sie rasch mit merkwürdiger Kraft von links nach rechts mit beiden Händchen. Der Vater schrie auf, schüttelte sie ab, sagte: ›Ist das dein Abschied, Puppe?!‹ Später gestand sie der Mama, sie habe dem geliebten Papa die Hand auskegeln wollen aus dem Gelenk, damit er bei ihnen bleiben könne und nicht erschossen werde!«

Man wird es mir nicht übelnehmen, daß ich seitdem das Kind grüße wie die Erscheinung einer Heiligen.

Klage

Welch tragisch-lächerliches Schicksal, ein Mann geworden zu sein?!

Da doch jede Frau sich als mißbrauchten Gegenstand betrachten muß, falls man – – –.

Oh, oh, weshalb bin ich nicht lieber als ihr weißes liebes Nachttöpfchen auf die Welt gekommen?!

Als ihr weißes zartes Batisthöschen?!

Als ihre weiße Lilienmilch-Seife?!

Als ihre weiße Badewanne?!

Ich Unglückseliger muß ausgerechnet als ein Gegenstand auf die Welt kommen, dem sie selbstverständlich mißtraut?!

Wie beneide ich dich ewig, weißes Badetuch!

Wenn du mein Gefühl hättest, ich aber deine Qualitäten!

Im März

Ich habe mir sechzehn gelbrote Tulpen gekauft, für blaue und braune Tonvasen. In der kalten Nachtluft, 5 Grad über Null, ich schlafe bei geöffneten Fenstern, schließen sie sich, ducken sich zusammen, schützen vor allem ihre Staubgefäße, ihren Stempel, diese Weiter-Entwickler ihrer Edelart! Bei Tag, 15 Grad, öffnen sie ihre Hülle, zeigen sich prachtvoll nackt!

Eine wunderschöne junge Dame sagte: »Ja, aber sie duften nicht!« »O ja, meinen Augen!« erwiderte ich. »Da habe ich Tubarosen schon viel lieber, die sind nicht so zudringlich prächtig, aber sie duften süß!« »Ja, alles kann man bei den Blumen nicht so beisammen haben wie bei Ihnen, Fräulein!« erwiderte ich.

Über die Eifersucht

Es darf für den modernen, alles durchschauenden, in gewisser Beziehung bereits wirklich allwissenden Mann nicht mehr heißen: »Wer eine Frau also ansieht, daß er ihrer begehret, der hat mit ihr bereits die Ehe gebrochen – – –«, sondern es muß noch radikaler lauten: »dann hat sie bereits mit ihm die Ehe gebrochen!« Denn eine getreue Frauenseele muß also mit einem Walle von Unnahbarkeit und Uneinnehmbarkeit, von Würde und Seelenadel geschützt, behütet, verteidigt sein, daß Don Juans feiger Blick sich senkte und scheu zur Seite sich wendete! Wenn ihr den Eroberer nicht besiegen könnt, durch euer bloßes Sein, könnt ihr ihn nie und durch nichts besiegen! Er muß vor dem Mysterium eures heiligen, edlen, in sich gekehrten Seins innerlich auf die Knie gezwungen werden und reuevoll euch belassen im Frieden eures Herzens! Wehe den Minutenspendern, da doch das Leben nach Jahren zählt! Frauen, seiet so, daß der wilde Krieger vor dem Walle eures Tempels freiwillig umkehre! Frei und willig! Dann wird die Eifersucht, diese schrecklichste Erkrankung der Mannesseele, gebannt, verbannt, besiegt sein!

Splitter

Wie du dich benehmen sollst, Geliebteste, Verehrteste, anderen gegenüber, fragst du ängstlich?!

Ich weiß es nicht.

Aber benimm dich so, daß mir kein Leid geschieht!

— — — — —

»Womit, bitte, hat sie Sie ›herumgekriegt‹?!«

»Damit, womit mich der Schneeberg, der Semmering, die Dolomiten, der Gmundener See herumgekriegt haben!«

— — — — —

»Achachachach«, jammern unsere Morgenblätter und Abendblätter, »unsere zarten Damen werden sich halt doch sehr schwer des zarten und gewohnten weißen Weizengebäckes entwöhnen!« Ja, die Herren gewöhnen sich auch ziemlich schwer an Leberschüsse, Nierenschüsse, Herzschüsse und neuartige Schützengrabenunbequemlichkeiten!

— — — — —

Ich sah heute einen dreiteiligen Thermometer, zum Aufhängen, zum Ablesen von allen Seiten! Aber erstens ist er aus England, Gott strafe England!, und zweitens oder vielmehr erstens, elf Kronen! Hätte ich ihn aber dennoch nicht gekauft, wenn ich das Geld gehabt hätte?! That's the question, nein, das ist die Frage! Ha, ich hätte ihn gekauft! Ich hätte gesagt: Weshalb machen Deutschland und Österreich nicht ebenso praktisch-hübsche Thermometer, daß man leichter patriotisch sein könne!?! »Wir werden sie unbedingt demnächst machen!«, sagt Deutschland. »San unsere Thermometer eppa net g'rad a so schön, ah, da muß i bitten?!«, sagt Österreich.

— — — — —

Eine Tür sachte schließen oder sie dröhnend ins Schloß fallen lassen, ist schon eine ganze Biographie!

— — — — —

Wenn meine geliebteste Geliebte mich mit Albert Bassermann, mit Puccini, mit Chamberlain betröge – – – das könnte ich verstehen, verzeihen! Aber wenn sie mich mit S. G. betrügt – – – das verzeihe ich ihr noch leichter, denn das wird sie bereuen!

Burgtheater

Die Tini Senders vom »Burgtheater« hatte es gern, mich so scheinbar voll momentanen Interesses auszufragen, über komplizierte Vorgänge des Lebens, und um mich, der sich mehr für »Bier« interessierte, empfänglich zu machen (fünf Kronen wollte sie nie riskieren!), begann sie stets mit ihrer jesuitisch-gutmütigen Stimme: »Peter, Sie wissen doch alles, sagen Sie mir also – – –.« Und ich sagte ihr also, sie solle mir eine Monatsrente von 25 Kronen bezahlen. Eines Tages sagte sie sanft: »Peter, Sie wissen doch alles, sagen Sie mir also, was war denn das Besondere an dieser ›alten Burgtheater-Garde‹, die man uns immer so vorhält?! Oder ist das nur das Lob der ›guten alten Zeiten‹, mit dem die Alten sich an den Jungen rächen, weil sie alt geworden sind?! Peter, wie ist es, Peter?!«

Ich wollte schon sagen, der Grund ist, weil Sie mir keine Monatsrente bezahlen wollen. Aber ich sagte: »Sie alle wirkten durch ihr › Sein an und für sich‹, nicht durch ihr › Können‹! Sie waren alle Originale, grundverschieden von allen anderen Leuten, auch wenn sie nie eine Bühne betreten hätten, sondern Kaufleute, Beamte, Advokaten, Ärzte geworden wären. Nur konzentrierte sich bei ihnen noch dazu alles ›Besondere‹, ›Außergewöhnliche‹, ›Anders-sein‹, ›Meschuggene‹, ›Pathologische‹, ›Exzentrische‹, ›Melancholische‹, ›Graziöse‹, ›Tragische‹, ›Lächerliche‹ auf die drei Stunden von sieben bis zehn Uhr abends! Ihr seid Menschen, und nur außerdem spielt Ihr! Das waren Spieler, und nur außerdem hie und da Menschen

»Peter, das ist mir zu hoch, Peter, blamieren Sie mich nicht!«

»Zahlen S' a Monatsrente!«

Dialog

Mein liebes Hotel-Stubenmädchen von der vierten Etage, Sie sind ein überaus nettes, auch sehr intelligentes, aufmerksames Stubenmädchen, aber Sie »übernehmen« sich, wie alle » ordinären« Leute, wenn man sie gut, also zu gut, behandelt! Weiß der Teufel, woher das kommen mag?! Ja, der Teufel eben weiß es, der in jedem Menschen versteckt lauert, um Böses, Häßliches anzurichten, sobald er kann! Freilich, wenn man nur streng läutet: »Das Frühstück!«, »Aufräumen!«, »Bett überziehen!«, da, da hat er keinerlei Macht, der Teufel, im Stubenmädchen! Aber sobald der Engel der Gutmütigkeit, der Menschlichkeit, des Wohlwollens, des Mitgefühls, des »Alle san mer ja nur Menschen« heranfliegt im Gaste, da erhebt sich der Teufel im bedienenden Hotel-Stubenmädchen und verlöscht, erwürgt ihr den Respekt!

Sie erscheint ungerufen, antwortet ungefragt, mischt sich indiskret in diskrete Dinge, sagt zum Beispiel: »Ihnere Freundin halt' Ihnen gut zum Besten, so a Mistviecherl!« Oder sie sagt: »Arbeiten tun S' aber schon die ganze Wochen nix mehr, aber 's Bayrische schmeckt Ihnen! Wieviel Flascherln hab'n mer denn heut schon wieder, Herr Dichter?!«

» Nein, meine liebe Berta, das geht also so nicht weiter. Ich bin der Herr, und Sie sind der bezahlte Diener! Sie vertragen eben leider keine menschenwürdige Behandlung!«

»Herr Dichter, gnä' Herr, regen S' Ihnen net so auf, Sö san schon ganz blaß, es wird Ihnen schaden, Sie waren eh' schon dreimal im ›Sanatorium‹, wann s' Ihnen jetzt noch einmal derwischen, lassen s' Ihnen überhaupt net mehr aussa

Splitter

» Im Rausch« verspricht man manches, was man dann » nüchtern« nicht halten kann! Nüchtern verspricht man manches, was man dann im Rausch nicht halten kann!

— — — — —

Einer schrieb über mich, ich sei eigentlich das typische »Kaffeehaus-Genie«. Ja, gegen einen Knut Hamsun bin ich es vielleicht, ich sage unbescheiden »vielleicht«. Aber gegen den, der das geschrieben hat, bin ich wahrscheinlich noch immer Zeus, Allvater und Gott selber!

— — — — —

Danton, Marat, Robespierre waren gegen mich gehalten geradezu sanfte Lämmchen! Blut bezeichnete ihren Lebensweg. Den meinen »richtigere Erkenntnisse«!

— — — — —

Jemand sagte zu mir: »Ja, wenn Sie es nicht einmal der Mühe wert finden, mir Ihr neues Buch zu schicken, kann ich es nicht rezensieren!«

» Können Sie es, wenn ich es Ihnen schicke?!«

— — — — —

Strindberg hatte recht: man darf geliebten Frauen nicht trauen! Aber er faßte es als Problem. Über das man nachdenkt. Das ist falsch. Man muß es als unumstößliche Tatsache fassen, für ewig.

— — — — —

Dem »blendenden« und düsteren Leben gerade ins Gesicht schauen, das konnten Goethe, Bismarck, Beethoven. Dazu muß man eben gute Augen haben, um alles Licht, alles Dunkel zugleich und hintereinander zu vertragen!

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Man fragte Anton Bruckner einst: »Meister, wie, wann, wo ist Euch das göttliche Motiv zu Eurer ›Neunten‹ eingefallen?!«

»Das war a so. I geh auf'n Kahlenberg, und wie mir heiß wird und i hungrig werd, setz i mi ans Bachl und pack mein' Emmenthaler aus. Wie i's fette Papier aufmach, fallt mir die verflixte Melodie ein!«

— — — — —

Zum Beispiel bei einem gefährlichen Straßenübergang, Tramways, Autos, Menschen, da hab' ich dich am liebsten, bin zärtlich besorgt. Aber auf der Promenade, was kann dir geschehen?! Doch! Einer geht vorüber, hat elegante Lack-Knöpfel-Schuhe an. Langeweile, dein Name ist Treubruch!

— — — — —

Eine Hand wird zusehends schöner, während du sie liebevollst streichelst! Wenn sie aber dadurch nicht schöner werden sollte, dann hat es auch keinen Zweck, sie liebevoll zu streicheln!

Varieté

Als ich meine zarte sechzehnjährige Freundin in den Chor des ...theaters brachte:

»Nun, behandelt man dich dort nett?!«

»O ja. Sogar die Allerschönste hat mich angesprochen

»Was hat sie denn zu dir gesagt?!«

»Sie hat mitten im Singen auf der Bühne zu mir gesagt: ›Was schminkst dir denn net den Mund?! Hast eh ein so breites Maul, von unten aus is es noch doppelt so breit!‹«

»Das ist aber nicht sehr liebenswürdig!«

»Warum, sie will, ich soll gefallen!«

»Du, du, du – – –, da kann man nur sagen: Du!«

»Ach so, meinst, sie meint mir's nicht gut?! No, dann kriegt s' nächstens a solche Watschen, daß sie sich um und um dreht!«

Physiologisches

Wißt ihr, Einfache des Daseins, die ihr immer nur die Reime kennt: Herz – Schmerz – Liebe – Triebe, wißt ihr, wo der Sitz der Sehnsucht sich eigentlich befindet?!?

Direkt unter der Magengrube! Dort, wo das Brustblatt aufhört! Dort, dort spürst du die zehrende lähmende Melancholie der Sehnsucht, dort spürst du die »Angst des Herzens«! Aber auch die Ausdünstung deiner Haut verändert sich von dort aus! In dein Hemde, in deine Kleider gehen deine Sehnsuchtsqualen über, zarte Frau! Unglückliche Liebe, Sehnsucht, Eifersucht erzeugen einen Hautduft wie Äpfelduft in dumpfen Tischladen, gleichsam wirklich Lebensfrische zurückgedrängt, gestaut in Eng-Verliesen!

Nun spüre ich, Fraue, in tiefster Ergriffenheit, seit Tagen den veränderten Duft deiner geliebten Haut! Wie Duft gewordene Bedrückung! So zart und dumpf. Wie Krankheit der Seele, die sich ausseufzt! Wie der Duft des Krankenzimmers eines geliebten Kindchens! Wie der Duft von edlen Kanadaäpfeln, zurückgestaut in engen, dumpfen Tischladen! Ich spüre, süßes, zartes Geschöpf, den Duft deines sehrenden Sehnens, das Lebendigkeiten lähmt und untergräbt! Du aber sagst: »Mir fehlt nichts, nein, wirklich, mir fehlt nichts!« Wer ist also der Glückliche, um den deine geliebte Haut in dumpfem Dufte sich abhärmt?!? Ich sauge in deiner süßen Nähe den heiligen Duft deiner geheimnisvollen Seelennot ein, und deines edlen Kleides sonst sanfter, lieblicher Hauch wandelt sich nun in Traurigkeitsdunst!

Ich spüre deiner Haut untrüglich dumpfes Sehnen!

Was ist ein Wort, ein Blick, ja ein Gewähren?!?

Es können Launen sein und Spiel und Ungezogenheiten!

Aber der Duft der Haut ist außerhalb des Willens.

Hier beginnt die Wahrheit, ausgeschaltet aus den Ränken des bewußten Seins! Hier spricht die Liebe ihre wahre Sprache!

Sie duftete nach Sehnsucht! Also war's! Mit wem betrügst du mich?!?

»Fechsung.« Widmung

»Ich widme Ihnen, Klara P., dieses Buch, obzwar ich Sie seit Ihrem 12. Lebensjahre bis heute, Ihrem 15., nie mehr gesehen habe. Damals betete ich bereits für ihre edle zarte süße Seele, weinte bitterlich um Sie wegen gar nichts (vielleicht gingen Sie vorüber, ohne sanft zu grüßen, mein Gott, man kann ja nicht überall hinschauen), zitterte und zagte um Sie, um Ihr Schicksal, Ihre Zukunft, Ihre Gegenwart, Ihre Minute Leid oder Freud!

Ihre Stimme, Klärchen, Fräulein Klara, war süßer als das Gezwitscher aller Vögel im morgendlichen Bergwald vor meinen Fenstern!

Ihr Lachen, Jauchzen, Kichern war rührender, ergreifender als das Tönen aller Glocken aller Dorfkirchen am Sonntagmorgen!

Ewig ist es deshalb in mir, nie, nie verstummend!

Du, du, Klara P., Sie, Fräulein Klara!

Ich widme Ihnen dieses Exemplar meines Buches ›Fechsung‹.

Lesen Sie es oder lesen Sie es nicht, aber betrachten Sie es als Talisman, als Schutzmittel, wenn einer Sie einmal nicht so anschaut, wie ich Sie stets angeschaut habe!

Dann sagen Sie abends in Ihrem Zimmerchen: ›Buch, du, hilf mir, rate mir!‹«

Baden bei Wien – Ausflug

Der wertlosen Frau soll man nicht helfen, der wertvollen kann man es nicht. Tue alles für sie, was sie sich nur ersehnt, Landpartie, Friede, gutes Essen, Idylle, Einsamkeit, Geselligkeit, ein dreijähriges Bübchen auf einer Waldbank, das sie zärtlichst liebkost, eine wunderbare fremde Dame, der sie unvermutet Maiglöckchen zuschickt, kurz Verschiedenstes – – – und abends sieben Uhr wird sie auf einer Bank im duftenden feucht-kühlen Parke dennoch plötzlich grundlose Melancholie überfallen. Grundlos?! Es gibt tausend Gründe. Allgemeine Müdigkeit, Einsicht, daß solche Tage selten sind, Verzweiflung, daß man keine berühmte Tänzerin sei oder Aphrodite selber, die Schaumgeborene! Du sitzest dabei, rauchst eine Zigarette und kommst dir recht blöd und überflüssig vor. Du willst verlegen » vermitteln« und sagst zärtlichst besorgt: »Mäderl!?« Aber sie zieht ihre Hand zurück wie von der Tarantel gestochen –!

Schubert

Über meinem Bette hängt ein Kohledruck des Bildes von Gustav Klimt: Schubert. Schubert singt mit drei Wiener Mädchen Lieder zum Klavier beim Kerzenschein. Darunter steht von mir geschrieben: »Einer meiner Götter! Die Menschen schufen sich die Götter, um ihre eigenen, in ihnen versteckten und unerfüllbaren Ideale dennoch irgendwie zu lebendigerem Dasein zu erwecken!«

Ich lese oft in Nigglis Schubert-Biographie. Sie will nämlich Schuberts Leben bringen, nicht Nigglis Gedanken darüber!

Aber hundertmal habe ich die Stelle gelesen, Seite 37. Er war nämlich Musiklehrer auf dem Gute des Grafen Esterhazy in Zelesz bei den ganz jungen Gräfinnen Marie und Karoline. An Karoline verlor er aber sein Herz. Es entstanden daher seine Schöpfungen für Klavier zu vier Händen. Nie erfuhr die junge Gräfin von seiner tiefen Neigung. Nur einmal, als sie ihn neckte, er hätte ihr noch keine seiner Kompositionen gewidmet, erwiderte er: »Wozu denn?! Es ist ja ohnedies alles für Sie!«

Wie wenn ein Herz in seiner Fülle, in seinem Grame sich eröffnete und wieder sich verschlösse für ewig – – –. Deshalb schlage ich oft Seite 37 auf in Nigglis Schubert-Biographie.

Meine junge Wäscherin

»Wer hat Ihnen dös Buch so schön in graues Leder eingebunden?!«

»Meine Freundin, die Frau Dr. Fr.«

»Die tut Bücher einbinden, die Frau von an Doktor, is das so eine ordinäre Person?!«

»Sie tut es zu ihrem Vergnügen!«

»Ah so, net weil sie muß?! Ah, das is fein!«

Splitter

»Ist es nicht schade, daß diese wunderbaren aprikosenfarbigen Rosen gar nicht duften?!«

Mein Stubenmädchen: »Wozu?! Man hat schon den Geruch, wann ma' s' nur anschaut!«

— — — — —

Die Gier nach Geld darf nur so weit gerade gehn, um Seele und Geist frei zu machen von der Gier nach Geld! Also: monatlich 600 Kronen!

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Ich sehe in den Straßen so viele dahinfluten, -schreiten, -trippeln, -tänzeln, -schlürfen, -hatschen, und jeder will etwas erreichen! Ja, hat er nicht recht?! Hat er es sich gewünscht vielleicht, da herein geboren zu werden?! Jetzt ist er nebbich da!

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»P. A., Sie sagen alles so einfach-brutal, so verständlich, da gibt es keinen Ausweg, es mißverstehen zu dürfen! Mein Freund sagt dieselben Dinge, aber für die oberen Fünfhundert!«

»Er ist Aristokrat, ich Edel-Anarchist!«

»Alexander der Große kam mit Aristoteles auseinander, weil dieser seine Lehren verständlich für alle vorbrachte. Es war nicht › kaiserlich‹ genug!«

»Nun ja, ich riskiere es eben, daß 1000 Esel mich mißverstehen, um 10 anständige Menschen vielleicht aufzuklären! Außerdem ist es kein geringes Vergnügen, zu sehen, wie dabei 990 sich giften! Ich lasse niemandem die Ausrede: ›Das ist mir zu hoch!‹ Krümme dich, Wurm, unter meinem verständlichen Tritt

— — — — —

Geliebte Wiener Bevölkerung auf allen Straßen, auf allen Plätzen, wie beneide ich dich, wenn ich so vorüberwandle! Ihr habt nur über einen zu lachen, ich aber über alle!

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Die Leute finden doch immer irgend etwas an meinen »kleinen Sachen«. Ich finde an ihren großen Sachen gar nichts!

— — — — —

»Peter Altenberg schreibt hie und da doch gar zu billige Wahrheiten!«

»Wenn ihr sie wegen ihrer Billigkeit doch um so mehr kaufen möchtet!«

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Die Leute, die noch zu gesund sind, als daß sie schlechte Luft genieren könnte, werden später zu krank sein, als daß ihnen frische Luft noch helfen könnte!

Zwei Welten

Paula: »Du ›fliegst‹ also auf Frieda! Wer wäre ich, wer wärest du, wenn ich dieses Leid meiner liebevollsten und unzerstörbaren Seele anders als eine ängstliche Schwester, eine bekümmerte Mama trüge?!? Welches Armutszeugnis mir, deiner Geliebten, wenn ich gerade jetzt es vergäße, daß ich einem Dichter angehöre, zugehöre, mich wirklich seelisch-geistig hingegeben habe, der in seinem edel-reichen Weltenherzen alle schönen, guten, zarten Dinge dieses Lebens lieb hat, schätzt, wertet, bewundert, anstaunt, nicht nur mich wegen meiner zufällig magdlich-ergebenen Seele!?! Um dich nun also leiden, bangen, zittern, vergehen zu können, um mir, mir allein es nun beweisen zu dürfen, daß ich kein zages, feiges, in ihrem sogenannten Mädchenstolz gekränktes Weibchen, sondern wirklich die Geliebte eines Dichters bin, welch gnadenreiches Schicksal! Nimm sie, nimm, nimm sie, nimm sie, die Frieda!

Und die weißen, weit ausgespannten Flügel meiner ängstlichen Seele werden über dir, Geliebter, schirmend planen, auf daß dir kein Leid widerfahre, du mein Zartester!«

— — — — —

Lina: »Schau Gustl, sei lieb, diese Mitzi hat so ein schönes Handtascherl (beim Mayer, Juwelier, am Graben, in der Auslag' hängt noch g'rad so eins) von diesem Teppen bekommen wegen nix, nur so, kauf' mir auch eins einmal wegen nix! Und dann, was ich dir sagen wollt', wir könnten auch wieder einmal über'n Samstag auf den Semmering, Gott in der Stadt is es so fad, aber das neue lichte G'wand'l mußt d' anziehen, sonst geh' ich nicht mit dir! Servus, Bubi!

p. s.

Du, und wenn die Bertha oben ist am Semmering, und dich wieder so anschaut, du weißt schon wie, gib ich ihr vor alle Leut' eine Ohrfeigen!«

Der Besuch

Er war zu Gast geladen in einer Landvilla samt seiner jungen Freundin. Er war ganz »weg« von dem zehnjährigen Töchterchen. Die Dame sagte: »Ja, meine beiden Töchterchen sind ganz gut geraten!« Er fühlte: »Vor allem Eva!« Später schenkte die Dame seiner Freundin einen handgestickten seidenen alten Schal. Am nächsten Tage schickte er an Eva einen japanischen Zwerg-Wacholder zum Einsetzen im Garten. Die Dame antwortete: »Im Namen meiner zwei Mäderln danke ich sehr für das liebe Bäumchen!« Ah, die eine bevorzugen, in diesem zarten Alter, das gibt's nicht bei uns!

Als Eva siebzehn wurde, machte ihr eine Menge von leeren Hunden den Hof. Da fühlte sie: » Nein, nein, nein! Ich bin gefeit! Vor sieben Jahren hat mir ein Dichter im Garten ins Ohr geflüstert: ›Süßes lieblichstes Geschöpferl!‹ Dann hat er ein Wacholder-Zwergbäumchen geschickt, freilich für uns beide Schwestern, aber es war für mich, für mich! Ich konnte es der armen Mama nicht sagen, daß es für mich allein war, aber Papa zwinkerte ich damals zu, er wurde rot wegen unseres Geheimnisses und verstand mich!«

Krankheit

Abends, als sie von ihm wegging, bemerkte er, daß ihr breiter Schäferhut aus schwarzem Florentinerstroh, mit weißem Samtband unterm Kinn gebunden, sie merkwürdig kleide. Da sagte er: »Um allein, jetzt, abends, auf der Straße aufzufallen, hast du heute diesen Hut genommen!«

»Ich dachte, du gingest mit mir!«

»Das heißt, du hofftest, ich würde zu Hause bleiben. Ich gehe aber mit

»Ich bin glücklich darüber.«

»Nein, ich gehe nicht mit. Du sollst keinen Zeugen deiner Triumphe haben!«

»Adieu!«

»Ich verbiete dir, diesen Hut je wieder aufzusetzen!«

»Ich werde ihn nie wieder aufsetzen!«

»Weshalb aber hast du ihn heute genommen?!«

»Ich wußte, daß er mich gut kleidet, und glaubte, mit dir auszugehen!«

»Aber im stillen hofftest du, ich würde zu Hause bleiben!«

Dieses Gespräch dauerte noch zweieinhalb Stunden.

Splitter

Schriftsteller sein ist, erst während des Schreibens seinen eigenen geistigen, seelischen Kulminationspunkt erreichen!

— — — — —

Als ich im »Hubertus-Hof« ein Reh sah, dachte ich: Der Rehbock ist doch anspruchsvoller in ästhetisch-sexueller Beziehung als die meisten sonstigen Männchen! Zarteste Glieder, kein Busen, Rehaugen, und anmutigste Bewegung!

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Statt einem Lande aufzuhelfen, indem man seine armselige Pofelware in Grund und Boden verdammt, macht man es wie verblendete Mütter, die alle scheußlichen Ungezogenheiten ihrer Lieblinge bewundern!

— — — — —

Mit der ersparten Summe der Lebensenergien, die beim ewigen Salutieren verlorengehen, könnte man eine Schlacht gewinnen! Im übrigen Leben ist es gerade so!

— — — — —

Ehebruch ist es bereits, wenn jemand meiner Freundin, der ich ein Buch zur Lektüre wärmstens empfehle, sagt: »Es ist ein Schmarr'n!«

— — — — —

Ich habe ihr von ihrem 12. bis 16. Lebensjahre ein Gebäude der Seele, eine Kirche der Seele errichtet, und du willst es mit dem einen Worte: »Fräulein, was der Peter kann, kann ich auch!« zerstören, zunichte machen?!

Heide!

Und außerdem kannst du es nicht!

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»Dieser Peter schreibt alles nieder, was ihm so durch den Kopf schießt!«

Ja, aber durch den Kopf!

Der Papagei

Ein Papagei in meiner Straße schrie ununterbrochen seinen Namen, der zufällig »Lora« war, stundenlang beim offenen Fenster hinaus. Ich schrie auch beim offenen Fenster hinaus: »Kusch, Rabenvieh!«, obzwar es nur ein Papagei war. Dann kam eine Auseinandersetzung mit dem Besitzer der klugen Lora. Ich sagte: »Wir wissen jetzt schon, wie sie heißt und daß sie nichts anderes sprechen kann! Mein Name ist Altenberg, erlaube mich vorzustellen, aber ich mach' kein solches Geserres aus meinem Namen und reden kann ich auch mehr! Außerdem stört es mich in meiner Arbeit!« »Welche Arbeit haben Sie, wenn ich fragen darf?!« »Ich dichte!« »Und da stört Sie mein Papagei?! Ich kann ihn übrigens in das Hofzimmer stellen.« »Das ist gar keine schlechte Idee.« »Freilich zieht er das Leben der hellen, freundlichen Straße vor.« »Man darf ein Tier nicht so verwöhnen, ein stilles Hofzimmer ist gesünder für die Nerven. Und dann, auf der Straße, wer hört ihm da zu, niemand hat Zeit, aber im Hofe, da wird er erst wirken!«

Osternputzerei

Die »Hausordnung« ist eine krankhafte, fixe und hysterische Idee jener Frauen, die keine Hausfrauen sind, aber desto mehr eben deshalb es sich einreden, und vor allem den anderen, daß sie Muster seien an Hausfrauentüchtigkeit. Dem ist aber nicht so! Denn vor allem darf man diese »Hausordnung« nicht spüren, nicht als ununterbrochen Belastendes, Störendes, sondern als Entlastendes, Befreiendes! Es ist keine ehrende Leistung: eine tyrannische Hausordnung: Du mußt, du sollst, du darfst nicht! Sondern: Du darfst alles, und dennoch wird es sauber werden! Unter der »Hausordnung« hat man nicht zu stöhnen, sondern zu jauchzen! Es muß alles gehen wie geschmiert, zart geölt, ohne Lärm und Unruhe, ja direkt von selbst! Keine Möbel- und Teppichschlacht, sondern ein stilles Friedensfest der Sauberkeit!

Jeder gehe seine Wege, und zugleich werde es plötzlich licht und rein! Habt ihr was gespürt, Söhne, Töchter, Gatten, Besucher, Liebhaber?! Nein, ich zaubere »Hausordnung«. Wie ich das mache?! Mit Takt, Geschmack, Verständnis, Gutmütigkeit und besten Besen und Abstaubern. Wie man den Peter immer erstaunt fragt: »Sie, wann schreiben Sie eigentlich, niemand ahnt es, und plötzlich, o Schreck, ein neues Buch ist da!?«, so soll man die geniale Hausfrau fragen: »Wann räumen Sie auf?!« Die meisten begnügen sich, mit einem umgebundenen roten Kopftuche alle Insassen ins Unglück zu treiben!

Bild der Menschheit

Wenn ein idealer Millionär der Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft eine riesige Summe vermachen würde, damit das Malträtieren von armen Kindern aufhöre, würden sich Gesellschaften von Armen gründen, die die Kinder absichtlich malträtierten, um sie dadurch gut zu versorgen!

Kurort Vöslau

Du sprichst mir von Vöslau?!

Und wunderst dich, daß ich seit meinen Kinderjahren ewig gleichmäßig davon schwärme?!

Die Gesellschaft ist nicht nach deinem kultivierten, verfeinerten Geschmacke?! Sie stört dich?!

Welche Gesellschaft?! Die unbeschreiblich duftenden, ja direkt süß-melancholisch machenden grün-gelben Linden beim Vollbade?!?

Die eisengraue, warme Quelle im Bassin?!?

Die Waldwiese, dieser edle Vorgarten des stundenlangen Waldes bis in die stillen Wirrnisse von Merkenstein?!?

Der Weg zum Aussichtsturm, mit seinen Wiesen voll sonnentrunkener Falter und heißen gelben Tannharzduftes?!

Welche Gesellschaft?! Ach so, die Menschen?! Ich habe keine gesehn!!!

Landschaftsbild

Wir saßen da und tranken heißen, duftenden, goldgelben Tee. Der Tee vertrieb die kühle Feuchtigkeit des Aprilabends. Wir sahen schweigend hinaus auf die Pracht der Erde. Waldwind kam von Bergen und Hügeln und von der dunkelnden, ausrastenden Welt! Eintagsfliege »Mensch«, Waldwind wird kommen von den Hügeln und von den Bergen, immerdar – – –.

Nie, Paula, sah ich dich so rosig-verklärt wie heute, geborgen an dem Herzen des Freundes, und dennoch versinkend im All!

Ein Zug pfiff in der Ferne; ein Hund bellte wie vereinsamt und ausgeschlossen; irgendwo lachten fremde Menschen überlaut – – –. Nie warst du mir näher als in dieser Stunde, Paula! Weshalb?! Niemand könnte es ergründen – – –.

Der Tod

Ich verstehe nichts in bezug auf die Nerven der Menschen; aber dieses eine verstehe ich am allerwenigsten: wie man hinüberkommen kann über den Verlust einer geliebten Frau, die man so oder so verloren! Das begreife ich nicht. Ihr Atem, der dir alle Bergeswiesen der Welt ersetzte, haucht dich nicht mehr an, beim Sprechen, Lachen oder Weinen! Der Duft ihrer Haut, ihrer Haare, ihrer Achselhöhlen, der dich berauschte, mehr als alle französischen Champagner der Welt, hat sich verflüchtigt!

Ihre Stimme, diese Musik der ganzen Erde, ist für dich verstummt. Sie klang melancholischer für dich als das Rauschen des Abendwindes im Tannenwald und als das Piepsen des ersten Vogels im Bergwald vor Sonnenaufgang. Die Musik der Welt ist dir verstummt! Die Schönheit der Erde ist dir zusammengebrochen wie Messina im Erdbeben. In deinem Inneren sind nur mehr Trümmerhaufen!

Alles, was sie tat, war dir die Anmut der Welt! Du brauchtest nicht die hunderttausend herrlichen Geschöpfe von Siam, Japan, Java, China!

Wenn sie ging, aufstand, sich setzte, sahest du sie alle! Nun ist die Welt ein Trümmerhaufen! Weshalb, weshalb willst du über das Allerwertvollste im Leben, Sehnsucht und Schmerz, hinüberkommen? Der Satte ist satt, aber der Verhungernde hat die Sehnsucht, die mehr nährt als die Speise, die er sich ersehnt!

Komme nie hinüber über den Verlust eines geliebten Frauenkörpers! Ihre Haut, die duftete, zerfällt wie verbranntes Papier, und ihr süßer Atem ist nicht mehr! Die Welt in dir liegt in Trümmerhaufen, wie Messina nach dem Erdbeben. Es gibt nur Leichen und Verwundete. Trost ist ein Verbrechen, das du an dir selbst begehst! Tröste dich nie!

Wie Genies sterben

Lieber Karl Kraus! Ich unterschätzte manche der Übel nicht, die Ihre Feder bekämpft. Doch sind die alle greifbar, an den einzelnen Repräsentanten kenntlich, und der ahnungslose Wanderer ist bereits gewarnt.

Aber fassen wir einmal die Gesellschaft, der all Ihr Hassen gilt, dort an, wo sie ihre furchtbare Macht in täglichem Zerstörerwerk betätigt, wo sie nicht materielle und geistige Werte korrumpiert, sondern der Allgemeinheit das Beste, Tiefste und Notwendigste, was diese hat, entzieht: den genialen, vollkommenen Menschen, diese Ausnahme aller Ausnahmen auf Erden, in die Welt gesetzt, um alle anderen aus ihren Alltäglichkeiten zu reißen und ihnen einen unausgeführten Plan Gottes endlich in seiner letzten Vollendung zu zeigen!

Denken Sie sich, böse, egoistische Menschen hätten Beethoven in seinem 23. Jahre ermordet, körperlich und seelisch in Fetzen gerissen, zugrunde gerichtet ... Er durfte aber leben, zum Wohle der Menschheit, weil er als Mann seine heilige Organisation vor Schaden bewahren konnte. Sie wissen, daß es meine vom »Normalmenschen« als krankhafte Schrulle verspottete Lebensanschauung ist, der geistigen Genialität des Mannes die ästhetische Genialität der Frau vollkommen gleichzustellen und ebenso die Wirkungen dieser auf die Schar derjenigen, die in Unzulänglichkeiten dahinzuvegetieren verurteilt sind. So wie sich die gesamte Menschheit gleichsam zu unerhörten Mütterlichkeiten, Zartheiten und Rücksichten organisiert dem geistigen Genie gegenüber, so hat sie dieselben zärtlichen und mütterlichen Betreuungspflichten gegen dieses gottähnliche Wesen »schöne und anmutreiche Frau«!

Was ich hier schreibe, ist Grabschrift und Anklageschrift.

Die schönste, genialste, sanfteste, kindlichste Frau, die wie ein Gnadengeschenk des Schicksals in diese hintrauernde Welt der Unvollkommenheiten gesendet ward, hat sterben müssen. Das Licht von Anmut und süßer Menschlichkeit, das von ihr ausging, wurde nicht – oder zu spät – von treuen, zärtlichen, brüderlichen, väterlichen Händen erhalten; die schändliche, feige Satanskralle infamer Lebenskünstler durfte die Lichtvolle in die dunkeln Abgründe reißen. Im labilen Gleichgewichte einer künstlerischen Persönlichkeit brauchte sie desto dringender an jedem Tage und zu jeder Stunde tausend und abertausend selbstlose Helfer und Betreuer! Statt ihrer findet eine solche Ahnungslose, Unbewußte, an Abgründen ewig sorglos Heitere – Meuchelmörder, von sich selbst und mit ihrem eigenen bösen Reichtum gedungen! Sie bleiben immer wach, wachend über ihr eigenes Wohl, ewig bewußt, bewußt ihrer schurkischen Lüste, während die Kindliche, unbewacht, unbewußt, zum Opfer wird.

— — — — —

Ist denn nie in diesen grausamen Augenblicken ein väterliches Wort, eine freundschaftliche Gebärde da? Nirgends ein Weiser, der mahnend seine Stimme erhebt, nirgends ein Guter, der eine Betäubte auf starkem Retterarm von hinnen trüge?!

Alle Künstler, alle Adelsmenschen sollten trauern ob solcher Mordtat.

Die Zerstörerkräfte des geselligen Wien hatten ihre Wirkung getan, und es konnte dem künstlerischen Edelmann in der Fremde nicht mehr glücken, eine Begabung zu jenen Höhen zu geleiten, auf welchen ihrer die Verkörperung einer Adelheid, Rahel und Katharina harrte ...

Fern der Stadt, welche sie als Künstlerin nie erkannt, sondern zum schönen Schaustück für die, so da unwürdig sind, zu schauen, erniedrigt hat, ist sie, 23 Jahre alt, gestorben. Und die Stadt, die sie nie verstand und nie erkannte, wußte ihr nichts anderes nachzurufen, ihr, der allen Künstlermenschen Teuersten, als eine schäbige Berechnung der angeblich von ihr »gesammelten«, also zusammengescharrten Juwelen. Nun, der Inhalt dieser Schmucknotizen war erfunden und einer Lebensführung angepaßt, die die ihre nicht war und nicht sein konnte und die dem gütigen Naturell fernlag, das nicht zum Sammeln, nur zum Verlieren geschaffen war!

Wie merkwürdig, o verblendete, irregeleitete Welt! Alles Edelrassige, Exzeptionelle hütest du sonst mit tausend Vorsichten und Kräften, hegst zitternd Sorge um aussterbende Bisons im Litauerwalde, um Pferd und Hund und ihre Reinerhaltung. Nur für dieses zarte, gebrechliche Wesen »genial-schöne Frau« hat die Erde keine Sorgfalt! Es vergehe, werde zerstört und sterbe hin!

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Lieber Karl, ich habe diese Grab- und Anklageschrift Ihnen eingehändigt, weil Sie allein – es war in den ersten Heften der »Fackel« – die Erkenntnis fanden, daß diese Edle, Helle, Kindliche mehr sei als »Augenweide für ein Stammpublikum von Lebemännern«.

Sie starb in Schönheit – das heißt, unter der völligen Teilnahmslosigkeit der beteiligten Mörderkreise.

Annie Kalmar, ruhe in Frieden!

Peter Altenberg.
Wien, im Juni 1901.

Eine unglückliche Liebe

Liebe Bessie,

ich danke Ihnen sehr für Ihren Gruß aus der Ferne. Mr. Loos beschreibt mir Ihren Aufenthalt als ein wirkliches Paradies. Ich begreife es aber, daß die Einsamkeit und Verlassenheit vieles wieder zerstören. – – Ganz reine, klare Luft und eine romantische Landschaft, mit Berg, Wald und See, ein zarter Frühling im strengen Winter, sind vielleicht heilsamer und besser als die Menschen, die sich ja doch alle noch nicht zu irgendeinem gesicherten inneren Frieden durchgerungen haben. Man schließt sich hoffnungsfreudig, erwartungsvoll, ja kindlich-menschenfreundlich an irgend jemanden an, und baldigst wird man tief, tief enttäuscht. Nichts, nichts entsprach unseren Erwartungen, und zärtlichst schließen wir uns wieder sogleich der edlen Einsamkeit der Natur, der Wälder, des Sees an! O Bessie, gedenken Sie derer, die in Winterkälte in Städten verkommen. Sie aber befinden sich in einem einsamen Paradiese zwar, aber Ihrer kindlich-süßen Persönlichkeit, Bessie, ist da alles mehr befreundet als die Menschen! Der Wald versteht Ihre Melancholien und Ihr kindliches bezauberndes Lächeln, er versteht Ihre edel-zarten Bewegungen; denn wenn es durch die Bäume rauscht, bewegen sich die zartesten Zweige ebenso – – –. Mr. Loos betreut und behütet Sie wie ein krankes Kindchen, verwandelt sich, wenn es nötig ist, aus einem fanatisch-glühenden Liebhaber in einen »sorgenvollen, selbstlosen Bruder«!

Zu dem allen haben Sie noch den Segen eines Dichters – – –! Das wird Ihnen jedenfalls am wenigsten nützen. Aber nevermind. Ich gedenke Ihrer in zärtlichster Freundschaft.

Peter.

Septembersonntag

Die Dorotheergasse ist leer. Ein weißer Schmetterling schwankt hinauf auf das weißgestrichene Dachfenster.

Er wird's doch nicht für »weißen Flieder« halten?!

Er ist doch hoffentlich kein Dichter, der sich immer irrt!

Mein Visavis, die süße Zwölfjährige, spult gelbe unbrauchbare Spitzenborten auf einem Pappendeckel auf, sorgsam.

Wie mit Feenhänden spinnt sie, anmutiger als alle Anmutigen. Und ganz vertieft in nutzloses Beschäftigen.

Eine kommt zu mir auf Besuch.

Sie will ihr Herz ausschütten, es sich erleichtern.

Ich blick' hinaus, hinein zur süßen Spulerin.

Die weiß nichts von mir, und weiß es doch!

Der Besuch sagt: »Heute sind Sie ganz wo anders.«

Ich sage: »Ihr Freund hat Sie also wirklich schmählich verlassen?! Schrecklich. Wie also war es eigentlich?!«

Sie schleicht hinweg.

Wo ist der weiße Schmetterling?! Wahrscheinlich sucht er nun echten reellen weißen Flieder, über den Dächern weiter wo.

Splitter

Ich verehre ein junges, fünfzehnjähriges Mädchen, die ober mir in der Mansarde die schmutzige Hotelwäsche abzählt, weil sie bei der Wäscherin bedienstet ist. Ich lausche ihren Worten: 1, 2, 3, 4, bis 71. Sie weiß es, schaut hie und da auf mich herab, so zwischen Störung und doch nicht Störung und doch Störung. Infolgedessen sagte ich abends an meinem Stammtische: »Heute, vormittags, habe ich lange mit einem wunderbaren Mädchen anregendste Konversation geführt!«

— — — — —

Hinter allen Auseinandersetzungen steckt etwas Wahres, Tiefes. Nur meistens nicht das, worum es sich in der Auseinandersetzung handelt. Sondern tiefer, verborgener. Ist das »Ibsen«?! Ja, aber ohne fünf langwierige Akte, und besser, einfacher! Und Entree ist auch nicht zu bezahlen.

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Eine Geliebte haben, die dich nicht störte! Aber welche störte dich nicht?! Daß sie dich nicht stört, stört dich sogar!

— — — — —

»Peter, darf ich ins Brahms-Konzert gehen?!«

»Nein!«

»Weshalb?!«

»Dein Brahms-Konzert bin ich

Religiös

»Herr von Altenberg, was sagen S', die zarte, junge Frau von dem Millionär is gestern g'storben. Sie war doch a ganz arme Lehrerstochter. Der Arzt hat ihm beim ersten Kind g'sagt: ›A zweites darf s' net kriegen, sonst gibt's a Leich'!‹ No, jetzt is es aber doch g'schehn. Ja, dazu war er ja viel zu religiös. Treu is er ihr blieben bis zum Tod, freilich leider bis zu ihrem!«

Freunde

Mein Freund ist ein ganz dummer Kerl, aber ein guter Kerl; wieso aber aber?! Das verschlimmert doch die Situation. Denn wenn ein dummer Kerl ein schlechter Kerl ist, dann kann man ihm an! Aber wenn ein dummer Kerl ein guter Kerl ist, dann muß man Mitleid haben, und das erschwert die Situation. Denn alle sind dann gegen einen und schreien: Du Hartherziger, du Ungerechter, ja, du Schuft!

Und wirklich sieht es fast so aus. Daher ist » gut und dumm« eine ungünstige Mischung eines Freundes, während »schlecht und dumm« ganz annehmbar ist. Denn wer dumm ist, kann gar nicht gefährlich schlecht sein, dazu ist er ja zu dumm. Dumm und gut ist die gefährlichste Mischung. Er hat die Dummen auf seiner Seite, weil sie dumm sind, er hat die Guten auf seiner Seite, weil sie gut sind, er hat die Schlechten auf seiner Seite, weil sie sich freuen, daß einer dumm genug ist, gut und dumm zu sein!

Gibt es denn aber nicht gescheite und gute Freunde?! Nein, das kann es nicht geben. Denn wenn er gescheit ist, kann er seinen Vorteil nie einen Augenblick lang aus dem Auge verlieren. Daher kann er nicht auf den anderen schauen, daher kann er das Glück des anderen nicht ununterbrochen im Auge behalten, daher kann er nicht gut zu ihm sein.

Nur der Dumme könnte gut sein, und der ist zu dumm dazu!

Der »Geist der Familie«

»Welchen Zweck, bitte, hat das?!« » Dieser Verkehr?! Pardon, da ist mir schon lieber gar keiner!« »Ich möchte noch später nach Haus kommen an deiner Stelle!?« »Von einem Extrem ins andere!« »Große Freuden erlebt man mit euch, das muß ich schon sagen!« »Wie geht's? Den Verhältnissen angemessen!« »Was der Arzt sagt, ist!« »Ja, es ist gegen ihn nichts einzuwenden, aber – –.« »Dieser Kraus muß ein verbitterter Mensch sein!«

»Der Peter, der Peter, der treibt's aber wirklich schon ein bißchen zu bunt!« »Müssen Sie sich immer um sich selbst herumdrehen, die Welt hat doch andere Probleme!?« »Lieber sehe ich ein wertvolles Stück mit minderen Schauspielern als ein schlechtes Stück mit einem Girardi!« »Für später ist es gut, zu wissen, wo Kostarika liegt!« »Entweder ganz oder gar nicht!« » Meine Frau ist doch gewiß die beste Frau von der Welt, aber – –.« »Am liebsten möchte ich meine Tochter gar nicht hergeben!« »Sie ist keine direkte Schönheit, aber brav und fleißig!« »Alles hat seine Grenzen!« » Mir kann man gewiß nicht nachsagen, daß ich kleinlich bin, aber – –.« »Zwischen ausgelassen und unanständig ist eben, bitte, noch ein kleiner Unterschied!« »Soll man sich denn über alles hinwegsetzen?!« »Ich habe ihn noch gekannt, wie er mich zuerst gegrüßt hat!«

Splitter

Eine Frau hat nie zu sagen: »Ich kann ihm das nicht antun!«, sondern: »Ich kann mir das nicht antun!« Wirklich betrügt man nur sich, nie den anderen! Vor allem hat man sich betrogen, wenn man einen nimmt, den man überhaupt betrügen könnte!

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In meinem Hotel bekomme ich verschiedene Ehrentitel: Der scheinbar ehrendste ist: »Meister«. Weniger bereits ist: »Herr Meister«, denn das sagt man auch eventuell zu einem Schuster, obzwar es auch ein ganz ehrsames Gewerbe ist, falls man es meistert. Unser neuer Lohndiener sagt: »Herr Dichter«. Aber das wunderbare Wäschermädchen, das jeden Dienstag und Freitag kommt, die Hotel-Bettwäsche abzuholen, sagt: »Herr Peter«. Oh, sagte sie doch einst: »Du, Peter, du!«

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Meine junge Nachbarin hat zwei Dachfenster voller Blumen. Die Art, wie sie sie pflegt, beweist mir, daß sie ihr einen ganzen Landaufenthalt ersetzen. Die, die vom Lande kommen, beweisen mir nicht, daß es ihnen zwei Gesimse voll Blumen ersetzt hat!

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Frauen gehen schwanger – – – aber der Geist ist es, und gebiert sogleich!

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Auch Schiller dichtete eigentlich immer nur diesen Gegensatz: Ideale und Leben! Aber er nahm tiefe mythologische Worte zu Hilfe, während ich mehr usuelle Worte bevorzuge!

1915

Ich sehe, die Dichter, die Schriftsteller ergreift ein panischer Schreck: sie fürchten, jetzt vergessen zu werden! Rasch eine Kriegshymne oder einen politischen Essay: »Wesen des Deutschen«! Ich aber gebe »Fechsung« heraus, wie eh und je, Schuster bleib' bei deinem Leisten, über das Wesen der Frauenseele, die meistens gar nicht vorhanden ist, und über Abführmittel! Beides wird den Krieg überdauern!

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Herr H. in Debrezin, Millionär, hat an einer 2-Millionen-Lieferung ungenießbarer Lebensmittel 1 Million verdient. Heute vormittag sah ich einen Soldaten ohne Füße auf Eisengestellen zum Kobenzl humpeln. Sollte man nicht Herrn H. die Füße abnehmen und dem Soldaten die Million schenken?!

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G. Tr., ein mittelmäßiger Dichter, war so begeistert von meinen Tauchkünsten, daß er mich jedesmal ansprach: »Guten Tag, Herr Fischotter!« Ich konnte ihm das Kompliment nicht zurückgeben und ihn ansprechen: »Guten Tag, Herr Dichter

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»Wenn Sie wollen, mache ich solche Aphorismen wie Sie, in einer Stunde zwei Dutzend!« »Nein, ich will nicht

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Manche meiner Aphorismen sind oberflächlich, aber sie gehören dazu. Wozu?! Zum Ganzen. Es gibt fade melancholische Sümpfe, es gibt tiefe Seen, es gibt – – alles zusammen!

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Zum Dichten gehören Tränen. Und Lächeln. Wie wenige können bitterlich weinen und herzlich lachen. Ja, bei einem Begräbnis, und bei »Maran« und »Girardi«. Aber so, wegen nichts und wieder nichts?!

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Man säuft – – – um zu vergessen! Ja, aber was?! Daß man nicht Hofrat geworden ist?! Daß Fräulein XYz uns nicht erhört hat?! Daß die Promesse nicht gezogen wurde?! Saufe, Mensch, weil ein fremdes uneheliches Mäderl von der Mutter, die einen anderen dann geheiratet hat, zu Tode gemartert wurde! Da saufe, um zu vergessen!

Das Visavis

Dieses Stubenmädchen da vis-à-vis, sechzehn Jahre alt, mit den flachsblonden Haaren und dem süßen Tschechen-Gesichterl, die bei 30 Grad Reaumur emsig Fenster putzt, die ihr doch ganz gleichgültig sind, weshalb führt man gerade diese nicht im Auto auf den Kobenzl, damit sie kühle Waldluft habe und Ruhe!? »Das ist ja um Gottes willen ›Arbeiterzeitung-Psychologie‹!« Ja, habe ich vielleicht, ihr Ochsen, eine andere?! Zumal ich ja die reichen Kühe kenne! Weiß ich nicht, wo Seele, Bescheidenheit, Dankbarkeit hausen und nisten?! Ich gönne einer jeden ihr Glück, aber siehe, es muß » Glück« sein, wirkliches, tiefes, erhabenes, empfundenes, rührendes Glück! Nur nehmen und nicht einmal mit dem stummen Augenaufschlag: »Herrgott, ich danke dir!« danken, das ist undankbar! Es ist » heidnisch«!

Ein Brief, von mir geschrieben, an mich, von einer anderen

Geliebter und verehrter Bruder Peter!

Du hast mir Dein letztes Buch »Fechsung« nicht mehr geschickt, wie alle die anderen Bücher. Ostentativ. Ich weiß es, weshalb! Ja, ich bin von Dir abgefallen. Ich kann, ich konnte nie in dieser, in Deiner Atmosphäre existieren. Ich brauche dumpfe ruhige ergebene klaglose unstürmische Menschen, die einfach sind wie sie einmal sind und dann ohne viel Aufhebens endgültig verschwinden. Bei Dir klagt man sich ewig an, beschuldigt sich hart oder unter Tränen alles dessen, was man versäumt hat, seiner zahlreichen und vielleicht sogar unnötigen Irrwege, seiner lächerlichen Dummheiten und seiner allgemeinen Beschränktheit, die man zu bequem war zu besiegen, obzwar man genug Herz und Intelligenz dazu vielleicht mitbekommen hatte! Du schreibst über mich auf Seite 45 deines neuen Buches: »Sie wohnt VIII. Alserstraße 41, hält meine Welt für undurchdringliche Wälder im ›Innersten Afrika‹!« Du Dichter, Du Seher Du!

Und dennoch bin ich Deine Schwester. Ein Gram ist in mir und kann nicht heraus. Die anderen um mich herum, neben mir, mit mir, leben dieses selbe Leben gramlos. Das ist es. Deshalb bin ich Deine Schwester! Weil ich als Gesunde, Normale, Einfache, Alltägliche dennoch eine schmerzende Wunde habe mein Leben lang. Ich darf nichts mehr wissen von Deinen merkwürdigen aufreizenden friedebrechenden Welten, Du Robespierre Du, Du Teufel Du, Du Bruder Du, aber daß ich diese Kraft bekommen habe zum täglichen Frieden, das macht mich noch unglücklicher! Lebe wohl, ich bin Deine Schwester!

Gretl.

Frauengunst

Es ist verächtlich und tragisch-traurig, wie die reizendsten, intelligentesten Männer sich noch immer um Frauengunst bewerben! Wie feile Senatoren vor einem wahnwitzigen Cäsar! Nie erheben sie sich, ermannen sie sich zu der Heldengröße des Narren wenigstens, der seinem Gebieter die schrecklichsten Wahrheiten sagte, um ihm herauszuhelfen aus dem Abgrunde seiner selbst! Immer belassen sie, feig und knechtisch gesinnt, diese Armseligste in ihren zahlreichen Irrtümern über sich selbst und das Leben, wünschen nur für sich selbst rasch und bequem das herauszuschlagen, was herauszuschlagen ist! So keine Achtung vor möglichen Entwicklungen im Weibe! Sie in ihrer bodenlosen Einbildung und Eitelkeit belassend, statt sie zu organischer Bescheidenheit niederzwingend!?! Zu allem »ja« und »Amen« sagend, um ihre schwachen Nerven schmählich gefügig zu machen! Feile Senatoren!

»Ist diese Gürtelschnalle schön, die ich mir da gekauft habe, Peter?!?«

Der Königin-Narr: »Hoheit, es ist die gemeinste, ordinärste und konventionellste Gürtelschnalle, die es gibt! Sie auszuwählen unter hunderten ist die Genialität der Schlechtrassigkeit, die ihr schäbiges Objekt stets sicher herausfindet unter allen wertvolleren!«

Nichts ist schwerer, als einer vergötterten Frau eine unangenehme Wahrheit zu sagen, die ihr erst viel später zugute käme. Denn die Konkurrenten arbeiten mit »unlauteren Mitteln«, die rasch und sicher wirken, wenn auch für die Zukunft bedeutungslos oder sogar verderblich. Eine Frau genug lieb haben, um es sich ihr zuliebe mit ihr zu verderben, ist die Sache einiger weniger » Helden der Seele«!

Splitter

Ich darf eine Frau nie, nie, nie spüren, außer wenn ich sie spüren will! Ich heiße nämlich Altenberg und nicht Strindberg!

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Frauen finden immer ein Logis bei dem nächstniedrigeren Manne. Daher kann sie der nächsthöhere nie hinauferziehen! – –

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Als mein Vater endlich, mit 63 Jahren, ganz zugrunde gegangen war und nicht mehr Trabukos zu 18 Heller, sondern nur mehr Kuba zu 12 Heller rauchen durfte, sagte er: »Nun habe ich auch noch das Glück des Sich-Beschränkens kennengelernt!«

— — — — —

Meine kleine Freundin vom »Apollotheater« klebte über den Spiegel in ihrer Garderobe meine Ansichtskarte: »Ein Baum mit Apfelblüten soll dich bereits tief beglücken können! Schaue nicht gespannt erst aus, ob ein Lohengrin in silberner Rüstung zu dir heranschwimmt!«

Da sagten ihre » Kolleginnen«: »Was hast von an Apfelbaum?!«

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Stolz der Sechzehnjährigen: »Na ja, schön war s' amal, das sieht man ihr noch an, aber heut' mit ihre Dreiundzwanzig am Buckel!?«

Verdacht

Er hatte sie irgendwo, in einem Garten, gesehen. Er war so entzückt, denn sie sah aus wie eine 17jährige Franziska P., die erst 9 Jahre alt war. Als sie in seinem Zimmer auf dem Sofa saß, mußte er hinausgehen momentan, obzwar seine Brieftasche neben dem Kopfpolster lag. Er nahm sie ungeschickt-gleichgültig-verlegen an sich. Als er hereinkam, sagte sie: »Ich hätte Ihnen nichts herausgenommen!«

»Wie konnte ich es wissen?!«

»Da haben Sie recht! Das konnten Sie nicht wissen! Aber bitte, könnten Sie sich nicht eine vorstellen, bei der Sie es wissen könnten oder sich einredeten, es zu wissen?!«

»Ja, allerdings!«

»Nehmen Sie von nun an nur eine solche in Ihr Zimmer mit oder sogar ins ganze Leben!«

Schmetterlinge

Wenn ein Liguster darüber besonders erfreut wäre, daß der Ligusterschwärmer gerade ihn bevorzugte, so wäre es nur blöd eingebildet von ihm. Denn der Ligusterschwärmer »fliegt« des Abends auf alle Liguster ohne Unterschied. Wenn er einen bestimmten wegen seiner exzeptionellen Konstitution bevorzugen würde – – –, dann ja! Aber das tut er nicht. Das kommt nur in »schlechten Romanen« vor. Wenn ein einzelner Liguster-Strauch sich das einredet, tant pis! Was kann der arme Ligusterschwärmer dafür?! Er »fliegt« auf alle! Freilich, wenn kein anderer Liguster da ist, weit und breit, dann fliegt er natürlich auf den einen, der gerade da ist!

Der Fall Przemysls

Von der Dachluke hing eine schmale schwarzgelbe Fahne bis zum blauen Balkon mit den rosa Geranien herab, dort war sie befestigt. Die Dachschindeln schimmerten stahlrostbraun, der graue Thermometer zeigte 21 Grad im Schatten. Eine Dame ging in der einsamen Juni-Gasse mit einem schwarzen Fransenschal. Ein brauner Stallpinscher spielte mit einem Papierfetzen. Durch die Spiegelscheiben des Kaffeehauses sah man, wie zwei sich politisch ereiferten. Noch drei Fahnen wurden ausgesteckt, weiß-rot und schwarz-gelb. An einem Fenster erschien eine Rotblonde, sah die Gasse auf und ab, aber nichts kam, nichts ereignete sich für sie. Jemand rief laut: »He, Auto!« Es wurde immer dunstiger. Auf dem Fensterbrett der zwölfjährigen Nachbarin Lucia D. standen vier Nelkentöpfe. Sie hatte sie vom Schreiber dieser Zeilen bekommen. Ihr Vater hatte infolgedessen gesagt: »Dieser Mensch scheint gar keine tieferen Interessen zu haben in einer solchen Zeit!«

Der Vorwurf

Zart lebt' ich dahin, und niemand erzog mich!

Niemand brachte mich zu meines eigenen Keimens Blühen! Anita ward nie zu Anita –.

Man schätzte mich so wie ich war, statt es nur als Beginn eines edlen Beginnens zu nehmen!

Gleich lag man vor mir auf den Knien und huldigte mir!

Ich hätte gern zu einem adeligen Lehrmeister gebetet, der mich hie und da vorwurfsvoll-traurig angeblickt hätte – – –.

Er hätte wiederholt sagen müssen, mit lautlosem Blicke: »Konntest du mir das also antun!«

Aber niemand nahm sich die Mühe, man huldigte mir –.

Auf den Knien liegen ist leichter, als aufrechten Ganges geleiten! Und den Kopf uns verdrehen, statt ihn gerade zu richten!

Ich suchte »Selbständige« und fand »Unselbständige«!

An mich, diese wankende Wand des Lebens, lehnte man sich an, und alle begrub sodann die gemeinsame Eitelkeit!

Arme Anita – – –.

Der Weltreisende

»Ich schöpfe nicht aus der großen unbekannten Welt, ich schöpfe aus meiner kleinen bekannten! Zufällig ist sie aber das getreue Abbild jener großen mir unbekannten!«

Die Kinderseele

Sie war mit ihrer Vierjährigen, Süßen, Lieblichen bei »Schneewittchen« im Theater. Sie war sehr besorgt wegen seelischer Aufregungen des zarten Kindesorganismus. Als es hieß, Schneewittchen werde also nicht im Walde geschlachtet, sondern nur ein Reh an ihrer Stelle, war sie ganz entlastet. Da sagte die Vierjährige: »Nein, wenn ich schon nicht Schneewittchen abschlachten sehen soll, wird wenigstens das Reh wirklich vor uns geschlachtet?!« Und als die böse Stiefmutter in glühenden Pantoffeln tanzen sollte, sagte sie: »Das wird ja wieder nur bloß erzählt werden!«

Der silberne Schuh

Ich habe ihr silbernes Schühlein auf einem japanischen Lack-Postamentchen oberhalb meines Schreibtisches. Sie trug es mit 15 Monaten, ich habe es galvanoplastisch versilbern lassen. Immer denke ich, wenn sie mich kränkt: damals hat man ihr alles verziehen, in unendlichen Zärtlichkeiten sie abgeküßt! Was kann die Arme dafür, daß sie erwachsen geworden ist?! Ist sie es denn?! Sie ist geblieben, die sie war. Ein Blick auf das silberne Schühlein genügt – – – sie ist geblieben, die sie war, man verzeihe ihr und küsse sie! Dieses silberne Schühlein der 1½jährigen empfehle ich allen, die ernstlich lieb haben. Sie werden es sich abgewöhnen, mit einem »erwachsenen Menschen« zu rechten, zu streiten, sie werden einem »Kindchen« verzeihen!

Tonvasen

Ich bin arm. Aber du hast elf Tonvasen von mir geschenkt erhalten,
die früher in meinem Zimmer standen,
und die ich schwer und dennoch gern dir gab.
Hellbraun mit blau Lasur, grau mit blau usw.

Solltest du also mit jemandem, freundlich-bewegt, in deinem Zimmer einst sitzen,
so werden meine geliebten elf Tonvasen dich anstarren und flüstern: »O, o, o – – – Paula!«

Da wirst du sie denn, falls es was Ernstes ist,
fürs ganze Leben, oder für ein ganzes Glück,
vorher sorgsam in deinen Kasten einsperren!

Damit du nur gedämpft und undeutlich oder gar nicht
vernehmest ihr zartes: »O, o, o – – – Paula!?«

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