Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Pervonte oder die Wünsche

Christoph Martin Wieland: Pervonte oder die Wünsche - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Zwölfter Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1855
firstpub1778-1796
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titlePervonte oder die Wünsche
pages64
created20130803
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Hann und Gulpenheh
oder
zu viel gesagt ist nichts gesagt.

Eine morgenländische Erzählung.

 


 

                        Es war einmal zu Samarkand
Ein junger Schneider, Hann genannt:
Der hatt' ein feines junges Weib
Sich zugelegt für seinen Leib;
Die liebt' er wie sein Augenpaar;
Denkt, weil sie schwarz von Augen war
Und schlanker als ein Lilienstängel
Und hatte langes seidnes Haar
Und glatte rosenrothe Wängel
Und überdieß kaum zwanzig Jahr,
Sein Weibchen sey ein ganzer Engel.

»Das ist nun – was man heißen kann
Gedacht – als wie ein junger Schneider,«
Ruft mancher hier; denkt nicht daran,
Daß es Minuten gibt, wo, leider!
Ein Salomon mit aller seiner List
Nicht weiser als ein junger Schneider ist.

In einem solchen Augenblicke
Spricht Hann zu seinem Schatz: Du trautes liebes Weib!
Was würd' aus mir, wenn ich erleben müßte,
Daß dieser schöne warme Leib,
Von Todesfrost in eine Büste 86
Verwandelt, kalt und athemlos
In meinen Armen läg'! O, beim Gedanken bloß
Rinnt mir's wie Eis durch Adern und Gebeine!
Das schwör' ich dir – erleb' ich armer Mann
Den Jammer einst – auf deinem Grabessteine
Lieg' ich neun Tage lang und weine
Und weine – bis ich nicht mehr kann!

»Und ich, mein trauter, süßer Mann,
Versetzt das junge Weib, sollt' ich das Unglück haben
Und dich verlieren, bester Hann,
Lebendig ließ' ich mich mit meinem Hann begraben!«

Das ist ein Weib! – denkt Hann entzückt,
Indem er an sein Herz sie drückt:
Zu zweifeln fällt ihm gar nicht ein;
Sie sagt's ja – also muß es seyn!

Seitdem sich beide so verglichen,
War ungefähr ein Jahr verstrichen.
Und eines Abends, wie sie so
Allein bei ihrem PilauPilau – Reiß mit klein zerhacktem Hammelfleisch gekocht, die gewöhnlichste Speise der Türken, Perser u. s. w. W. saßen
Und, auf die Nacht zum voraus froh,
Des Lebens Sorgen ganz vergaßen,
Geschah's, daß Gulpenheh, die schöne Schneiderin,
Indem sie in verliebtem Sinn
Mehr nach dem Mann' als in die Schüssel guckte,
Ein kleines Bein hinunter schluckte.

Groß war die Noth! – Der arme Hann
Springt ängstlich zu, thut, was er kann,
Klopft mit der Faust ihr auf den Rücken, 87
Versucht's heraus zu ziehn,
Versucht's hinab zu drücken;
Umsonst ist alles sein Bemühn!
Das schöne Weibchen muß ersticken.

Verzweifeln will der arme Mann;
Allein, da ist kein Rath noch Mittel.
Schon liegt sie da im Sterbekittel,
Zwar etwas blau, doch noch so schön;
Er hält's nicht aus, sie anzusehn!

Frau Gulpenheh ruht nun in kühler Erde,
Und Hann mit wüthender Geberde
Wälzt sich auf ihrem Grab', und ächzt so laut und bang,
Daß man auf tausend Schritt' ihn hörte;
Entschlossen festiglich, neun ganzer Tage lang
(Nach seinem Schwur') auf ihrem Grab zu weilen.

Und es begab sich, daß Aissa, der Prophet,
Vorüber ging; und wie das laute Heulen
Vom Grabe her ihn störet im Gebet,
Tritt er hinzu und fragt den Mann, der auf dem Grabe
Sich wälzt und heult, was Leides ihm geschah?

Der Schneider spricht: Ach Herr! in diesem Grabe da,
Da liegt ein Schatz, den ich verloren habe;
Das beste Weib! ein Weib, das mich so sehr geliebt!
Ein Weib – ach! Herr, ein Weib, wie's nun kein andres gibt!
Und heute hab' ich sie begraben!

Spricht der Prophet zu ihm: Nun, weil so bang dir ist
Nach deinem Weib', Hann – so habe,
Was du zu haben würdig bist! 88
Und wie er's sprach, schlug er mit seinem Stabe
Aufs Grab, und, siehe da! es öffnet seinen Schlund,
Und Gulpenheh, frisch und gesund,
Steigt aus dem Grab' und wirft sich mit Entzücken
Dem Männchen an die Brust. Das war ein Wiedersehn!
Ein Freudenrausch! ein Herzen und ein Drücken!
Ihr dächtet, hättet ihr's gesehn,
Sie würden beide sich mit Küssen gar ersticken.
Und danken will nun auch das liebestrunkne Paar
Dem Wundermann, durch den ihm solches Heil geschehen;
Allein der ward nicht mehr gesehen.

Nun erst wird Hann gewahr,
Daß Gulpenheh, in ziemlich lüftigs Leinen
Kaum übers Knie gehüllt, nicht so gekleidet war,
Um in der Stadt (wiewohl's schon dunkelt) zu erscheinen.
»Licht meiner Augen, spricht der gute Mann zu ihr,
Verbirg dich hinter diesen Steinen,
Indessen ich nach Hause lauf' und dir
Die Kleider hole. – Der Mond beginnt zu scheinen –
Sey ohne Furcht! ich bin gleich wieder hier.«

Dem Winde gleich lief Hann davon.
Indem so kam des Sultans Sohn
Von ungefähr des Wegs gezogen,
Und vieler Fackeln greller Schein
Glänzt vor ihm in die Nacht hinein.
Und bei der Fackeln Schein gewahren
Die Diener eine Frau mit los gebundnen Haaren,
Halb nackend – die, um nicht gesehen zu seyn, 89
Sich schüchtern hinter dem Gemäuer
Verbirgt und das Gesträuch, so gut sie kann, zum Schleier
Von derben Nuditäten macht,
Die durch das Dunkelhell der Fackeln und der Nacht
Noch zehnmal nackender und zehnmal weißer scheinen,
Als wie sie sind.
                          Der Königssohn macht Halt
Und nähert sich allein der reizenden Gestalt,
Die, um zum wenigsten den Busen zu verzäunen,
Genöthigt ist den Alabasterglanz
Von zwei untadeligen Beinen
Der Lüsternheit der Männeraugen ganz,
Wiewohl erröthend, Preis zu geben.

Der Königssohn, anstatt die Hand vors Aug zu heben,
Verschlingt das schöne Weib mit seinen Blicken schier.
Wie? spricht er, wie? so viele Schönheit hier,
Zu solcher Zeit, in solchem Stand' und Orte?
»Mein Herr, versetzt die Schneiderin,
Das Negligé, worin ich bin,
Gestattet nicht so viele Worte.«

Der Prinz erkennt die Billigkeit
Der Weigerung in einer solchen Lage
Und reicht ihr stracks sein eignes Ueberkleid!
Und – »Schöne Frau, nur eine Frage!
Bist du vermählt? – Denn, falls du ledig bist,
So komm' und geh wie eine Morgensonne
In meinem Harem auf! Mach' eines Prinzen Wonne,
Der ohne dich nicht mehr zu leben fähig ist.« 90

Die schöne Gulpenheh darf nur eines Blickes,
Den Umfang und Gehalt des angebotnen Glückes,
Und wie es sich zur Schneiderei
Des armen Hann verhält, zu sehen und zu messen:
Und, ach! mit diesem Blick' ist Hann und Lieb' und Treu'
Und Schwur und Grab und Alles rein vergessen!
Herr, spricht sie, ich bin frei, und thut, wie Ihr gesagt,
Mit Eurer dienstergebnen Magd!
Sie ist bereit, für Euch allein zu leben.
Top! ruft der Königssohn, läßt ihr ein Handpferd geben,
Und fröhlich zieht bei Fackelschein
Die schöne Gulpenheh in seinen Harem ein.

Kaum ist sie fort, so kommt, in vollen Freuden,
Mein Hann, bringt Alles mit, was seine Frau zu kleiden
Vonnöthen war – und keine Frau ist da!
Er sucht, er ruft, er will von Sinnen kommen.
Ein Räuber hat sie weggenommen,
Denkt er und trifft so ziemlich nah;
Doch, daß sie selbst darein gewilligt hätte,
Der Argwohn kam in seine Seele nicht.
»O, warum führt' ich sie nicht lieber von der Stätte,
So nackt sie war! O weh mir armen Wicht'!
In welchem Jammer wird sie schweben,
Das treue Weib! der ohne mich zu leben
So schrecklich war, daß sie lebendig sich
Mit mir begraben lassen wollte!
Dich, Phönix aller Weiber, sollte
Ein fremder Arm umfahn? – O, sicherlich, 91
In diesem Augenblick zerfleischt sie ihre Wangen,
Zerrauft ihr schönes seidnes Haar,
Was sag' ich? ist der Schmach wohl gar
Durch einen Dolch in ihre Brust entgangen!«

Betrogner Hann! dein trautes Weibchen war
Nichts weniger als in Gefahr,
Sich selbst so grausam mitzuspielen:
Die lag gar angenehm und warm
Dem schönen Königssohn' im Arm',
Und dachte, ganz von neuen Lustgefühlen
Betrunken, wahrlich nicht an dich und deinen Harm.

Hann sucht zu Samarkand indessen
Und rings umher, mit Angst und Müh',
Und mit Gefahr, oft ohne Essen
Zu Bett zu gehen, sein Liebchen spät und früh';
Hofft immer noch, Aissa werde sie
Zurück zu ihm zu bringen nicht vergessen.
Zuletzt erkundigt er von einem, der dabei
Gewesen war, wie Alles sich begeben,
Und daß sein trautes Weib, mit wenig Widerstreben,
Dem Sohn des Sultans sich ergeben
Und seines Harems Krone sey.

Hann, immer noch von ihrer Treu'
Im Herzen überzeugt, läuft brennend, wie ein echter Enthusiast,
In einem Sprung bis zum Palast,
Drückt keuchend durch Trabanten, Wächter
Und Knaben sich hindurch, fragt ängstlich Jedermann 92
Nach seinem Weibe wie nach seinem Leben,
Sprengt endlich selbst den Prinzen an
Und fleht, das treue Weib ihm doch zurück zu geben.

Der Prinz, ein guter Herr, – vielleicht auch wohl bereits
Der schönen Gulpenheh (nachdem von ihrem Reiz
Genuß und Zeit die Blüthe abgestreift)
Ein wenig satt – sobald er nur begreift,
Was ihm der Schneider will, erzählt ihm die Geschichte
Mit mildem Ton' und gnädigem Gesichte.

Sie war vielleicht vor Angst nicht recht bei sich
Und hat im Schrecken Euch für ihren Hann genommen,
Erwiedert Hann: genug, man laß sie kommen!
Sie ist mein Weib! Sie wird – o, sicherlich!
Ihr werdet's sehn! mit brünstigem Vergnügen,
Sobald sie mich erblickt, mir in die Arme fliegen.

Gut, spricht der Prinz, ihr sollt einander sehn,
Und ich will nur von ferne stehn.

Die Dame kommt. Der gute Schneider,
Geblendet durch die Pracht der goldgestickten Kleider
Und den Juwelenglanz, erkennt sein Weibchen kaum,
Und Alles scheint dem armen Mann' ein Traum.
Doch Gulpenheh beim ersten Blick'
Erkennt ihn nur zu wohl, fährt einen Schritt zurück,
Wird wechselnd blaß und feuerroth;
Allein der Witz, den sie als Weib zum Los bekommen,
Verläßt sie nicht in dieser Noth.
Der Prinz, sobald er wahrgenommen, 93
Daß sie erblaßt, rückt schnell heran
Und fragt sie: Kennest du den Mann?

Ja wohl (versetzt die zärtlichste der Weiber)
Erkenn' ich ihn! Es ist derselbe Räuber,
Der, als ich ungefähr im Fußweg' auf ihn stieß,
Mit Fäusten, die ich lange noch empfunden,
Mich nach den Gräbern schleppt' und nackend stehen ließ,
Als Eure Hoheit mich gefunden.

Der arme Hann, wie er sein trautes Weib
So reden hört, wird kalt am ganzen Leib;
Sein Blick erstarrt, die Kniee schwanken,
Die Haare richten sich auf seinem Kopf' empor,
Der offne Mund verstummt, ihm schwinden die Gedanken.

Der ganze Hof, in einem Chor',
Erkennt die offenbaren Zeugen
Der überwiesnen Schuld in seinem Blick' und Schweigen.
Man führ' ihn stracks zum Kadi, spricht
Der Königssohn. Hann wird gebunden
Und abgeführt. Der Richter hält Gericht:
Die schöne Dame zeugt; Hann widerspricht ihr nicht;
Was soll das Leben ihm? Kurz, schuldig wird erfunden
Der arme Mann und, wie es sich gebührt,
Gleich vom Gerichshof weg zum Galgen hingeführt.

Was schützte nun des Armen Hals und Ehre,
Der zitternd an der Leiter steht,
Wenn nicht – Aissa, der Prophet,
Zu gutem Glück vorbei gegangen wäre?
Wie eines Engels Glanz ist seine Gegenwart. 94
Der Mann ist ohne Schuld, ruft er, an dessen Leben
Man sich vergreifen will, deß kann ich Zeugniß geben!
Die Asa'sAsa's – Gerichtsdiener. W. halten ein, und alles Volk erstarrt,
Wie es dieß Wort aus einem Munde höret,
In welchem nie Betrug erfunden ward;
Und alles Volk mit Hann und dem Propheten kehret
Zurück nach dem Palast. Das goldne Thor
Eröffnet sich; der Sultan tritt hervor,
Sein Sohn mit ihm. Aissa, hoch geehret
Bei Hof und in der Stadt, spricht mit Prophetenmacht;
Herbei wird Gulpenheh gebracht;
Um sie und den Propheten schließen
Die andern einen Kreis. Von ihrer Schuld gedrückt
Hebt sie die Augen auf, erblickt
Den Wundermann und sinkt entseelt zu seinen Füßen.

Hann wird mit Gold und Ehren überhäuft,
Frau Gulpenheh ins Grab zurück geschleift;
Dort mag sie bis zum jüngsten Tage rasten!
Ihr lieber Mann fühlt keinen Drang
Im Herzen mehr, nur neun Secunden lang
Auf ihrer Gruft zu weinen und zu fasten.

 


 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.