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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Neuntes Kapitel.

Melissa war während dieses Gespräches mit ihrem Begleiter an den Mareotischen See gelangt, das große Binnengewässer, welches den Süden der Stadt bespülte und den Nilschiffen Ankerplätze bot.

Von dem breiten Agathodämonflusse, einem gegrabenen Nilarm, der den See mit dem königlichen Hafen am Mittelmeer verband, ging die Fähre, welche die Wanderer zu den Gärten des Polybius bringen sollte, ab, und um sie zu erreichen, hatten sie dem Ufer eine gute Weile zu folgen.

Die sinkende Sonne warf schräge Strahlen auf die leuchtende Fläche des glatten Gewässers, in der die mastenreiche Menge der Nilschiffe sich spiegelte.

Größere und kleinere Fahrzeuge mit weißen und bunten lateinischen Segeln, die im Glanz des Abendlichtes blendend hell schimmerten, große Ruderboote, feine Nachen und stetig dahingleitende Fähren zogen auf dem See hin und wieder, und zwischen ihnen bewegten sich wie Lastkarren zwischen schnellen Wagen und Reitern die schweren Körper der flachen Kornschiffe, auf denen Stroh- und Getreidemassen in abgestumpften Pyramiden haushoch ruhten, kaum merklich dahin.

Sonst war das Treiben auf dem Quai lebhafter als heute; denn alles, was frei war, zog die Neugierde in die Stadt. Doch es gab Sklaven genug, auf deren Tagesarbeit der Besuch des Kaisers so wenig Einfluß übte wie auf den Lauf der Sonne. Heute wie immer mußten sie beim Laden und Löschen die Hände regen, und brachen auch wenig Schiffe auf, so kamen doch viele von Süden her an und warfen die hölzernen Brücken aus, die sie mit dem Ufer verbanden.

Die Zahl der Nachen war dagegen eher größer als sonst; denn die Geschäfte ruhten, und vielen, denen das Gedränge zuwider war, bot das Rudern im eigenen Boote Vergnügen. Andere kamen, um die kaiserlichen Nilschiffe zu sehen, die man neu ausgestattet hatte, und deren Pracht selbst den verwöhnten Alexandrinern sehenswert erschien. Gold, Elfenbein, Purpursegel, bronzene und marmorne Bildsäulen an den Schiffsschnäbeln und unter den kleinen Heiligtümern auf dem Hinterdeck vereinten sich hier zu einem glänzenden Anblick, dessen Reiz durch die Nachmittagssonne, deren Glanz die Leuchtkraft jeder Farbe steigert, erhöht ward.

Die Wanderung am Ufer war angenehm zu dieser Stunde; denn breitästige Sykomoren und die fächerreichen Kronen alter Palmenbäume beschatteten den Weg. Die Hitze des Tages hatte sich gelegt, und die leichte Brise, die immer noch von der See her wehte, kühlte die Stirn.

Es gab weder starkes Gedränge noch störenden Staub auf der wohlbesprengten Straße, und doch hatte Melissa, trotz des unerwartet glücklichen Gelingens ihres kühnen Vorhabens, das heitere Aussehen verloren, und Andreas ging wortkarg und unfroh neben ihr her.

Sie verstand ihn nicht; denn seit sie denken konnte, hatte ihm alles den ernsten Blick erhellt, was der Mutter oder ihr zur Freude gereichte. Ihr Erfolg bei dem Römer sollte doch auch dem Diodor zu gute kommen, der dem Freigelassenen so lieb war.

Bisweilen bemerkte sie, daß sein Blick mit stillem Bedauern auf ihr ruhte, und wenn sie ihn dann fragte, ob es die Sorge um den Verwundeten sei, die ihn bedrücke, gab er, entgegen seiner entschiedenen Weise, ausweichende Antworten, die ihre Unruhe vermehrten.

Endlich begann sein abweisend wortkarges Wesen die sonst so Geduldige zu verdrießen, und sie gab es ihm zu erkennen; denn sie ahnte nicht, eine wie peinliche Wirkung ihre Freude an der raschen That auf den wahrheitsliebenden Freund machte.

Er wußte, daß sie nicht mit dem großen Galenus, sondern nur mit dem reichen Serenus Sammonicus geredet hatte; denn das geistvolle Denkergesicht des größten Arztes seiner Zeit war ihm durch Denkmünzen, Bildsäulen und Büsten wohl bekannt; den Sammonicus aber hatte man ihm in Antiochia gezeigt, und dabei seines in Versen geschriebenen medizinischen Werkes geringschätzig gedacht. Wie wertlos erschien ihm die Hilfe dieses Mannes! Trotz seiner Zusage mußte Diodor in das Serapeum geschafft werden, doch brachte Andreas es nicht über das Herz, die Hoffnung des Lieblings zu vernichten. – Wohl kannte er sie längst als ein beharrliches, pflichttreues Kind; heute aber hatte er erfahren, mit wie rücksichtsloser Festigkeit sie ein Vorhaben durchzusetzen verstand, und so mußte er befürchten, sie werde, wenn er ihr die Augen öffnete, jedem Hindernis zum Trotz in das Quartier des Kaisers dringen und den rechten Galenus um Beistand bitten.

Es galt, sie in ihrem Irrtum zu lassen; doch das widerstand ihm; denn in keiner Kunst war er weniger geübt als in der der Verstellung. Wie sauer fiel es ihm, die rechte Antwort zu finden, wenn sie ihn fragte, ob er nicht auch das Beste von dem Eingriff des großen Arztes erwarte, oder wenn sie zu wissen begehrte, welchen Werken Galenus seine Berühmtheit verdanke.

Als sie schon der Landungsbrücke der Fähre nahe gekommen waren, wünschte sie zu wissen, für wie alt er den Heilkünstler wohl halte, und wieder wich er ihr aus. Galen war ein Achtziger, und Serenus hatte die Siebenzig kaum überschritten.

Da schaute sie ihn mit den großen Augen traurig an und rief: »Hab' ich Dich vorhin gekränkt, oder verheimlichst Du mir etwas?«

»Was könntest Du mir zugefügt haben?« lautete die Antwort. »Das Leben ist sorgenvoll, Kind. Du mußt Geduld üben lernen.«

»Geduld üben?« wiederholte sie wehmütig. »Das ist die einzige Wissenschaft, worin ich es zu etwas brachte. Wenn der Vater eine Woche lang noch mürrischer ist als Du jetzt, ich bemerke es kaum. Doch wenn Du, Andreas, so dreinschaust, dann geschieht es nicht ohne Grund, und das ist es, was mich besorgt macht.«

»Wir haben einen Kranken, Kind, den wir lieben,« beschwichtigte er sie freundlich; sie aber ließ sich nicht irre machen und rief gewiß ihrer Sache: »Nein, nein, das ist es nicht! Was haben wir denn Neues über Diodor erfahren, und wie willig gabst Du mir noch Antwort, als wir ihn und das Christenhaus verließen. Nichts als Gutes ist uns seitdem begegnet, und doch stehst Du aus, als wären Dir Heuschrecken in die Gärten gefallen.«

Jetzt waren sie an eine Stelle des Ufers gelangt, wo man ein Schiff entleerte, das behauene Granitquadern aus Syene nach Alexandria brachte. Schwarze und braune Sklaven schleppten die Werkstücke ans Land. Ein blinder Alter entlockte dabei einer kleinen Rohrflöte ein klägliches Lied, das sie aufmuntern sollte, zwei hellfarbigere Männer aber, denen die Last zu schwer geworden war und den Pfeiler, dessen Spitze sie trugen, zu Boden sinken ließen, wurden von dem Vogte mit unbarmherzigen Schlägen angetrieben, das Unmögliche zum andernmal zu versuchen.

Die Blicke des Freigelassenen waren diesem Vorgang gefolgt. Schnell auflodernder Zorn hatte ihm die Wangen gerötet, und von einer großen und wahren Bewegung ergriffen, brach er in den Ruf aus: »Da siehst Du die Heuschrecken, die mir die Pflanzen verderben, den Hagel, der mir die Saat zerschlägt. Er trifft alles, was Mensch heißt, und darum auch mich und Dich. Glücklich, Mädchen, wird keiner werden unter uns, die wir uns selbst schänden, bis das Reich kommt, wofür die Zeit sich erfüllet.«

»Aber sie ließen den Pfeiler fallen; ich hab' es gesehen,« versetzte Melissa.

»Hast Du?« fragte Andreas. »Ja, ja, die Peitsche sollte die gebrochene Kraft nur beleben. So siehst Du das schnödeste Unrecht an! Du, die keinen Wurm mit den zarten Fingern zerdrückt, Du findest es recht so!«

Da kam es Melissa in den Sinn, daß Andreas selbst einmal ein Sklave gewesen, und die Ueberzeugung, ihm wehe gethan zu haben, schnitt ihr ins Herz. Streng und ernst hatte sie ihn oft reden hören, nie aber höhnisch wie eben, und auch das that ihr weh, und weil sie das rechte Wort nicht fand, das begangene Unrecht zu entschuldigen, schaute sie ihn nur mit feuchten Augen bittend an und sagte leise: »Vergib mir.«

»Ich habe Dir nichts zu vergeben,« erwiderte er in verändertem Tone, »Du bist unter den Ungerechten groß geworden, denen jetzt die Herrschaft gehört. Wie solltest Du heller sehen als sie, die alle im Dunkeln wandeln. Aber wird das Licht Dir von einem gezeigt, dem es offenbart ward, laß es nicht gleich wieder verlöschen. Kannst Du es Dir nicht schön denken, statt unter Bedrückern und gepeitschten Bedrückten unter lauter Brüdern und Schwestern zu leben? Oder gibt es in der Seele des Weibes keinen Platz für den heiligen Zorn, der Mose den Hebräer erfaßte? Doch wer hätte Dir auch nur den Namen dieses Großen genannt?«

Hier schickte Melissa sich an, den eifernden Mann zu unterbrechen; denn es war ihr in der Stadt, unter deren Bürgern und Sklaven sich so viele Juden befanden, wohl zu Ohren gekommen, daß Mose ihr Gesetzgeber gewesen, er aber schnitt ihr mit dem Rufe das Wort ab: »Dies eine, Kind – da ist schon die Fähre – nimm es mit nach Haus von dieser Wanderung: Die schwersten Uebel, die der Mensch über den Menschen verhängt, sie entstammen der Selbstsucht, und unter dem Guten entsteht das Beste, wo einer es über sich gewinnt, sich selbst zu vergessen, um das Glück und Wohlsein anderer zu fördern.« Hier hielt er inne; denn die Fähre stand zum Aufbruch bereit, und es galt, sie schnell zu besteigen.

Das große, flache Fahrzeug war beinahe leer; denn noch hielt der Einzug des Kaisers viele in der Stadt zurück, und mehr als eine leere Bank bot dem ermüdeten Mädchen Platz zum Ausruhen.

Andreas ging ruhelos auf und nieder; als Melissa ihm aber winkte, trat er ihr näher und nahm, an das kleine Kajütenhaus gelehnt, ihre Versicherung hin, sein Verlangen, die Sklaven zu freien Menschen zu machen, jetzt wohl zu begreifen. Wenn einer, so müsse er ja wissen, wie es diesen Unglücklichen zu Mut sei.

»Ob ich es weiß!« entgegnete er und nickte mit dem Haupte. Dann warf er einen kurzen Blick auf die wenigen, die sich am hinteren Ende des langen Fahrzeuges niedergelassen hatten, und fuhr wehmütig fort: »Um das nachzuempfinden, muß man selbst mit dem Zeichen der Schmach gebrandmarkt worden sein.« Dabei wies er auf den Oberarm, den der lange Aermel der Tunica bedeckte, und Melissa rief schmerzlich überrascht: »Aber Du wurdest doch in Freiheit geboren! Von unseren Sklaven trägt keiner ein Mal. Doch Du bist syrischen Piraten in die Hände gefallen?«

Da nickte er bejahend und versetzte: »Ich und mein Vater.«

»Und der,« fügte das Mädchen eifrig hinzu, »war ein großer Herr.«

»Bevor ihn sein Schicksal ereilte,« fiel ihr Andreas ins Wort.

»Aber,« frug Melissa, und ihr feuchter Blick verriet die warme Teilnahme, die sie erfüllte, »aber wie konnte es geschehen, daß ihr nicht von euren Angehörigen losgekauft wurdet? Dein Vater war doch sicherlich auch römischer Bürger, und das Gesetz . . .«

»Es verbietet,« unterbrach sie der Freigelassene, »einen solchen in die Sklaverei zu verkaufen, und doch ließen die zu Rom ihn im Elend, ließ . . .«

Da flammten ihre großen, stillen Augen in kräftiger Entrüstung auf, und erregt bis ins Innerste rief sie: »Wie war aber solche schreckliche Ungerechtigkeit möglich? O, laß es mich hören. Du weißt, wie gut ich Dir bin, und es vernimmt Dich hier niemand.«

Die Brise hatte sich stärker erhoben, die Wogen des großen Landsees schlugen laut plätschernd an den Bord des breiten Fahrzeuges, und das Ruderlied der Sklaven im Schiffsraum hätte auch eine lautere Rede übertönt als die des Freigelassenen, der sich neben ihr niederließ, um ihr den Willen zu thun.

Und was er zu berichten hatte, klang traurig genug. Sein Vater hatte dem Stande der Ritter angehört und unter Mare Aurel dem hochbegabten Statthalter von Asien, Avidius Cassius, seinem Landsmann, als Prokurator des gesamten SchriftwesensProcurator ab epistolis. gedient.

In diesem hohen Amte war er in die Verschwörung des Avidius gegen den Kaiser verstrickt worden. Nach der Ermordung seines Gönners, den die Truppen schon zum Cäsar ausgerufen hatten, war der Vater des Andreas seiner Aemter und Würden, sowie des Bürgerrechtes entkleidet worden; man hatte seine Güter eingezogen und ihn auf die Insel Anaphe verbannt.

Nur der Milde des Kaisers verdankte er das Leben.

Auf der Fahrt ins Exil fielen Vater und Sohn syrischen Seeräubern in die Hände und wurden in Alexandria auf dem Sklavenmarkt an verschiedene Herren verkauft. Andreas kam zu einem Herbergewirt, der frühere Prokurator, der als Sklave den Namen Smaragdus erhielt, in den Dienst des Vaters des Polybius, und dieser würdige Mann lernte den neuen Diener bald so hoch schätzen, daß er den Sohn ankaufte und ihn dem Vater zurückgab.

So waren denn beide wieder vereint.

Alle Versuche des einst so hochgestellten Mannes, durch einen Senatsbeschluß aus der Sklaverei erlöst zu werden, blieben vergebens, und mit gebrochenem Lebensmut und hinsiechendem Körper erfüllte er die Pflichten gegen seinen Herrn und das einzige Kind. In brennendem Weh verzehrte er sich, bis er im Christentume neue Glückseligkeit und das wiederfand, was ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben: die verlorene Hoffnung, und als Sklave die höchste aller Würden, diejenige, welche dem Christen sein Glaube verleiht.

Hier unterbrach Melissa den Bericht des Freundes, dem sie tief ergriffen gefolgt war, indem sie mit dem Finger auf den See wies und ausrief:

»Da – da – Sieh jetzt dorthin! In dem Kahne drüben – Gewiß! Es ist Alexander! Und er fährt auf die Stadt zu.«

Da fuhr Andreas auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie recht gesehen, und der Jüngling die winkende Schwester auch erkannt habe, stieß er aufbrausend hervor: »Der Unsinnige!« Dabei gebot er dem leichtsinnigen Künstler mit wohlverständlichen, gebieterischen Gesten, den Nachen zu wenden und dem Fährboot zu folgen, das schon in die Nähe des Ufers gelangt war.

Doch Alexander schwenkte abweisend den Arm und griff dann, nachdem er Melissa in heiterer Laune eine Kußhand zugeworfen hatte, wieder nach den Rudern, um sie so schnell und kräftig zu regen, als gelte es, bei einer Wettfahrt zu siegen.

Wie der Kiel seines Nachens die leicht gekräuselten, schaumigen Wellen, die ihn hoben und senkten, so schnell und stetig durchschnitt! An Kraft fehlte es dem übermütigen Gesellen gewiß nicht, und es wurde denen, die ihm vom Fährboot unwillig nachschauten, auch sehr bald deutlich, daß er einen anderen, größeren Nachen zu erreichen strebe, der ihm ein gutes Stück voraus war. Einige Sklaven ruderten denselben mit starken Armen schnell genug vorwärts, und unter dem leinenen Schutzdache, das seine Mitte überspannte, saßen zwei weibliche Wesen.

Der Abglanz der Sonne, deren glühende Scheibe eben hinter dem Palmenhain im Westen des Sees verschwand, schmückte den Himmel mit rubinfarbigem Licht und hauchte über die weißen Gewänder der Frauen, die helle Baldachindecke zu ihren Häupten und die ganze Fläche des Sees einen rosenfarbigen Schimmer. Aber weder Andreas noch sein Schützling achteten dieser schönen Abschiedsgrüße des scheidenden Lichtes.

Melissa wies den Gefährten auf das wunderliche Gewand des Bruders mit der Kapuze, deren helle Spitze das Abendlicht wie mit goldenen Borden umsäumte.

Er trug jenen gallischen Umwurf, der den Spitznamen Caracalla an den Kaiser geheftet, und in dieser Vermummung lag etwas Beruhigendes; denn zog Alexander die Kapuze tiefer herunter, so verbarg sie den größten Teil seines Gesichtes und machte ihn den Verfolgern unkenntlich.

Woher er dies Kleidungsstück habe, war leicht zu erraten; denn kaiserliche Diener hatten ganze Stöße davon unter die Menge verteilt. Der Cäsar wünschte es in Mode zu bringen, und nun durfte er erwarten, die Alexandriner, welche die Hände darnach ausgestreckt hatten, morgen in der »Caracalla« zu sehen, deren Benutzung ihnen kein Befehl hätte aufzwingen können.

Mochte Alexander es tragen, wenn es ihn nur den Blicken des Zminis und seiner Häscher entzog.

Doch wer waren die Frauen, denen er folgte?

Bevor Melissa diese Frage stellen konnte, wies Andreas auf den vorderen Kahn und rief: »Es sind Christinnen, und das Fahrzeug, dessen sie sich bedienen, gehört dem Zeno, dem Bruder des Seleucus und des Oberpriesters des Serapis. Da ist sein Hafen. Er bewohnt mit den Seinen und den leidenden Glaubensgenossen, die er aufnimmt, das lange weiße Haus, das dort aus dem Palmenhain hervorlugt. Auch die Weinberge drüben sind sein. Irre ich nicht, so ist eines der Weiber dort im Kahne seine Tochter Agathe.«

»Aber was kann Alexander von der Christin wollen?« fragte Melissa.

Da fuhr Andreas auf, und eine Ader auf der breiten Stirn schwoll ihm, wie er unwillig versetzte: »Was er nicht sollte! Er und seinesgleichen, die Blinden, halten das für das Höchste, was die Augen mit Wohlgefallen sättigt. Da verlischt der Glanz, der eben noch den See und seine Ufer bestrahlte und mit Gold überzog. So ist das Schöne! Eitler Schein, der nur schimmert, um zu vergehen, und doch für die Thoren die anbetungswürdigste Gottheit.«

»So ist die Tochter des Zeno schön?« fragte das Mädchen.

»Man sagt es,« entgegnete der andere, und nach kurzem Besinnen fügte er hinzu. »Ja! Agathe ist eine selten wohlgebildete Jungfrau; doch ich weiß Besseres von ihr. Es regt mir die Galle auf, auch ihre heilige Reinheit unlautere Wünsche erwecken zu sehen. Dein Bruder ist mir lieb. Schon um seiner Mutter willen vergab ich ihm viel, doch wenn er sich unterfängt, auch der Agathe Netze zu stellen – –«

»Unbesorgt!« fiel Melissa dem eifernden Mann ins Wort. »Alexander ist ja ein Schmetterling, der von einer Blume zur andern flattert und es auch mit ernsten Dingen oft leicht nimmt; doch jetzt fesselt ihn ein Traumbild: das Andenken an eine Verstorbene, und gestern nacht ist er, denk' ich, mit der Tochter unseres Nachbars Skopas, der hübschen Ino, einig geworden. Das Schöne ist ihm freilich das Höchste, und wie könnt' es auch anders sein; er ist ja ein Künstler! Um seinetwillen setzt er sich jeder Gefahr aus. Hast Du recht gesehen, so folgt er der Tochter des Zeno. Doch er thut es vielleicht nicht, um ihr nachzustellen, sondern aus anderen Gründen.«

»Aus löblichen gewiß nicht,« fiel ihr der Freigelassene ins Wort. »Da sind wir. Nimm das Tuch aus dem Korbe des Sklaven. Nach Sonnenuntergang wird es feucht und kühl hier; – besonders da drüben, wo ich den Sumpf jetzt entwässere. Das Land, das wir dadurch gewinnen, bringt Deinem künftigen Gatten einmal schöne Erträge.«

Damit stiegen sie ans Land, und bald kamen sie an den kleinen Hafen, der zum Gute des Polybius gehörte. Es lagen dort große und kleinere Boote, und Andreas rief den Wächter an, der in dem einen sein Abendbrot verzehrte, und fragte, ob er für den Alexander den grünen Nachen von der Kette gelöst.

Da kicherte der Graubart leise auf und versetzte: »Der lustige Maler und der Bildhauer sind der Tochter des Zeno begegnet, wie sie eben mit der Mariamne in den Kahn stieg. Darauf kamen sie wie toll hieher gerannt. Das Mädchen muß es ihnen angethan haben. Der Herr Alexander meinte gar, sie wären dem Geist einer Verstorbenen begegnet. Das Leben würde ihm nicht zu teuer sein, um sie noch einmal wiederzusehen.«

Es war dunkel geworden, sonst hätte Melissa der drohende Ernst erschreckt, womit Andreas dem Sklaven gefolgt war. aber auch ihr ging das Geschehene nah; denn sie kannte den Bruder und wußte, daß er keine Gefahr scheue, wenn ihm, was es auch sei, die Künstlerseele entflammte. Er, den sie in Sicherheit geglaubt, ging den Häschern freiwillig entgegen, und wohin gerieten bei ihm Ueberlegung und Vorsicht, wenn die Leidenschaft ihn beherrschte!

Andreas hatte Grund, dem Jünglinge zu zürnen, und er schwieg auch, bis sie mit ihm das Ziel ihrer Wanderung, ein schönes Landhaus von stattlicher Größe, erreichte.

Herzlicher als der alte Polybius konnte kein Vater die künftige Tochter empfangen. In seinen großen Zehen hämmerte der Dämon der Gicht, stach, brannte und kniff ihn. Jede leise Bewegung bereitete ihm Schmerzen, und doch streckte er ihr die Arme zärtlich entgegen, und ob er dabei auch die Augen schließen, stöhnen und ächzen mußte, zog er ihr hübsches Haupt doch zu sich nieder und küßte ihr Wangen und Scheitel.

Er war ein schwer beweglicher Herr von beinah unförmiger Leibesfülle, und doch mußte er in der Jugend dem schönen Sohne geglichen haben.

Sein wohlgeformtes Haupt umwallten silberweiße Locken, doch der starke Weingenuß, den er trotz der Gicht schon längst nicht mehr entbehren konnte, hatte sein edel geschnittenes Antlitz aufgeschwemmt und es mit so derbem Kupferrot überzogen, daß es sonderbar von den schneeigen Haupt- und Barthaaren abstach. Herzensgüte, Wohlwollen und heitere Lebenslust sprachen indes aus jedem seiner Züge.

Die Bewegungen seiner schweren Glieder waren langsam geworden, und wenn übervolle Lippen es je verdient hatten, sinnlich genannt zu werden, so waren es die dieses Mannes, der zu den Priestern zweier Gottheiten gehörte.

Wie gut man es im Hause des Polybius verstand, seiner Neigung für Wohlleben Rechnung zu tragen, bewies das Mahl, das bald nach Melissas Ankunft aufgetragen wurde, und bei dem sie sich auf die Polster neben dem alten Herrn niederlassen mußte.

Auch Andreas nahm daran teil, und wie die aufwartende Sklavenschar, so erwies ihm auch Frau Praxilla, die Schwester des Wirtes, die dem Hauswesen des Bruders wie dem eigenen vorstand, besondere Ehre. Sie war eine kinderlose Witwe und sorgte mit gleicher Hingabe für die Pflege, die Küche und den Keller des Polybius. Was sonst im Hause vorging, kümmerte sie wenig. Es lag bei dem Bruder und dem Andreas in guten Händen.

Ueber die Wahl des Diodor hatte sie sich gefreut; denn sie war dem Mädchen gut und wußte, daß niemand wagen würde, an die Schlüssel zu rühren, die ihr anvertraut waren.

Das Mahl nahm seinen Fortgang.

Polybius ließ sich Speise und Trank, trotz der Gicht und der Mahnungen der Schwester, vortrefflich munden und lauschte dabei dem Andreas und dem Mädchen, während sie abwechselnd erzählten, wie es dem Diodor ergehe und was Melissa für ihn gewagt.

So hatte er sich die künftige Tochter gewünscht, und er gab es in seiner frohen und warmen Weise laut zu erkennen.

Dann ging das Gespräch auf anderes und endlich auch auf Geschäftliches über. Als aber Praxilla zuletzt der Hochzeit und was es dafür alles vorzubereiten gelte, gedachte, warf der alte Herr einen munteren Blick auf die Erwählte des Sohnes. Doch er erschrak über ihr Aussehen.

Wie blaß war das Kind, wie schlaff und müde sein liebes Gesicht mit den sonst so wachen, vielsagenden Augen.

Es hätte des feinen Mitempfindens seines guten Herzens nicht bedurft, um ihn zu lehren, daß sie aufs äußerste erschöpft sei, und so forderte er die Schwester auf, sie zur Ruhe zu bringen. Doch die Jungfrau war fest entschlafen, und noch wollte Praxilla sie nicht wecken. Behutsam schob sie ihr ein Kissen unter den Kopf, zog ihre Füße weiter auf das Polster und bedeckte sie mit einem Tuche.

Polybius weidete sich an dem lieblichen Anblicke der Schläferin, und es ließ sich auch nichts Zarteres und Reineres denken als ihr Antlitz im traumlosen Schlummer.

Das weitere Gespräch wurde um Melissas willen mit gedämpften Stimmen geführt, und Andreas ergänzte leise seinen ersten Bericht durch die Mitteilung, daß Melissa irrtümlich statt des großen Galenus einen andern in der Arzneikunde bewanderten Römer von geringer Bedeutung gewonnen habe, um dem Diodor Beistand zu leisten. Es müsse darum bei dem Transport des Verwundeten in das Serapeum bleiben, und zwar werde man ihn in aller Frühe, bevor das Volk wieder das Heiligtum belagere, vorzunehmen haben. Bald breche er auf, um die Uebersiedlung zu leiten.

Damit verabschiedete sich der Freigelassene, und nun war es an Praxilla, die Sklaven zu leiten, die den Bruder in das Schlafzimmer trugen.

Die alte Schaffnerin erhielt den Auftrag, Melissa zur Ruhe zu bringen.

Sie war die Amme des Diodor gewesen, und die Nachricht, daß er und die Tochter des Heron ein Paar werden sollten, hatte sie innig erfreut. Sie war ihrer Mutter so gut gewesen, und eine Schönere und Bessere hätte ihr Junge in ganz Alexandria nicht gefunden.

Während des Abräumens der Speisen war sie dem Gespräche offenen Ohres gefolgt. Als sie nun dem Mädchen voranleuchtete, blieb sie plötzlich stehen und frug an, ob sie nicht bei Frau Praxilla ein gutes Wort für sie einlegen solle. Diodor werde von den Christen gewiß nicht gepflegt, wie er es gewohnt sei, und sie würde sich nichts Lieberes wissen, als ihm Beistand zu leisten, wenn man ihn zu dem großen Arzte, den sie mit einem andere verwechselt habe, in das Serapeum trüge.

Da erschrak Melissa, und bald hatte sie von der Schaffnerin erfahren, was sie aus dem Munde des Andreas vernommen.

Jetzt wußte das Mädchen plötzlich, warum der Freigelassene sich nicht mit ihr gefreut, und zugleich sagte sie sich, daß es vor allen anderen ihre Pflicht sei, bei der Ueberführung des Geliebten in das Heiligtum hilfreiche Hand zu leisten.

Andreas hatte sich schon entfernt, und als Melissa die Schaffnerin frug, ob sie bereit sei, sie trotz der späten Stunde zu Diodor zu begleiten, wurden jener die Augen feucht vor dankbarer Freude.

Sobald Praxilla von dem Bruder zurückkehrte, eröffnete Melissa ihr, was sie beschlossen. Da wollte die Witwe anfänglich diesen Gang untersagen; bald aber gab sie nach; denn das Mädchen sah aus, als werde es auch gegen ihr Verbot auf dem eigenen Willen bestehen. Es that auch nicht gut, mit einer Braut gleich am Einzugstage in das Haus des künftigen Gatten in Streit zu geraten, und im Grunde war Melissa im Rechte.

Auch sie hätte es nicht über sich gebracht, den Bruder, in dem sich für sie alles verkörperte, was sie liebte, ohne ihren Beistand solcher Gefahr aussetzen zu sehen.

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