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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Siebentes Kapitel.

Auch Melissa fühlte sich wie befreit, als sie neben dem Andreas dahinschritt.

Bei den Gärten des Hermes, wo ihr Haus stand, bemerkte man noch wenig von der Erregung, womit die Bürgerschaft den Besuch des Kaisers erwartete. Die meisten, denen sie hier begegneten, kamen ihnen entgegen; denn es galt für sie, dem feierlichen Empfange des Caracalla zwischen dem kanopischen Thor und dem der Sonne im Osten der Stadt beizuwohnen. Immerhin wandte sich auch eine ziemliche Anzahl von Männern, Weibern und Kindern mit ihnen gen Westen; denn man wußte, daß der Cäsar im Serapeum absteigen werde.

Nachdem beide das Haus kaum hinter sich gelassen, fragte Andreas das Mädchen, ob sie in den Korb, den ihnen sein Sklave nachtrug, ein Kopftuch oder einen dichten Schleier gelegt, und als sie dies bejahte, zeigte er sich zufrieden; denn die Soldaten des Caracalla wären infolge der schwächlichen Nachsicht und der wahnsinnigen Geschenke ihres Gebieters zu einer zügellosen Rotte geworden.

»So laß uns ihnen aus dem Wege gehen,« bat Melissa.

»Wenn es möglich ist, gewiß,« versetzte der andere. »Beeilen wir uns jedenfalls, um, bevor die Menge uns den Weg verlegt, wieder an den See zu kommen. Du hast eine ereignisreiche und sorgenvolle Nacht hinter Dir, Kind, und fühlst Dich wohl müde?«

»O, nein!« entgegnete sie ruhig. »Bei den Christen stärkten sie mich mit Wein und einem Imbiß.«

»Sie sind euch gewiß freundlich begegnet?«

»Die eine Frau pflegt den Diodor wie eine Mutter,« versicherte Melissa, »und auch die Männer waren zuvorkommend und sorgsam. Der Vater kennt sie nicht, und dennoch . . . Du weißt ja, wie übel er ihnen gesinnt ist.«

»Er spricht der Menge nach,« versetzte Andreas, »dem großen Haufen, dem alles zuwider, was sich herausnimmt, seine Zirkel zu stören, ihn aus der Ruhe zu schrecken, in der er blöde dahinträumt. Was die Verblendeten Vergnügen nennen und Lust, was ihnen dazu dient, die wahrlich nicht zu lang dauernde Lebenszeit zu kürzen, wehe dem, der es beim rechten Namen nennt, oder gar die Hand darnach ausstreckt.«

Des Freigelassenen tiefe, gedämpfte Stimme hatte dem Unwillen, der ihn erfüllte, deutlich Ausdruck gegeben, die Jungfrau aber, die sich dicht an ihn hielt, fragte in lebhafter Spannung: »So hat der Vater doch recht, wenn er sagt, Du seiest schon ein Glied der Christengemeinde?«

»Ja,« entgegnete der andere bestimmt, und als Melissa ihn wißbegierig frug, ob es denn nicht wahr sei, daß die Anhänger des gekreuzigten Gottes der Liebe zu Staat und Stadt abgesagt hätten, die doch jedem rechten Manne teuer sein sollten, versetzte Andreas mit einem überlegenen Lächeln, der Gründer der Stoa habe schon die Forderung gestellt, nicht nur seine Stammgenossen, die Griechen, sondern alle Sterblichen sollten ihr Dasein nach den nämlichen Gesetzen regeln, weil die ihnen gemeinsame Vernunft sie verbrüdere. – »Er hatte recht,« fuhr er lebhafter fort, »und ich sage Dir, Mädchen, der Tag ist nicht fern, an dem man nicht mehr reden wird von Römern und Griechen, Aegyptern und Syrern, Freien und Sklaven und es nur ein Vaterland geben wird und einen Stand für uns alle. Ja, der Morgen beginnt schon zu grauen. Die Zeit hat sich erfüllet.«

Da schaute Melissa überrascht zu dem Begleiter auf und rief lebhaft: »Wie seltsam! Dies Wort vernahm ich heute schon einmal, und es kam mir nicht aus dem Sinne. Ja, wie Du eben den Verdacht des Vaters bestätigtest, nahm ich mir vor, es mir deuten zu lassen.«

»Welches?« fragte Andreas gespannt.

»›Da aber die Zeit sich erfüllet,‹ hat es gelautet.«

»Und wo ist es Dir zu Ohren gekommen?«

»In dem Hause, wo Diodor und ich uns vor dem Zminis versteckten.«

»Ein Versammlungshaus der Christen,« entgegnete Andreas, und sein ausdrucksvolles Gesicht verfinsterte sich dabei, »doch diejenigen, welche sich dort vereinen, sind mir fremd, da sie an schädlichen Irrlehren hängen. Aber gleichviel! Auch sie nennen sich Christen, und das Wort, das Dich zum Nachdenken führte, für mich steht es am Eingang der Lehre des göttlichen Stifters unseres Glaubens, wie die Obelisken vor den Thoren der ägyptischen Tempel. Paulus, der große Verkündiger der Lehre Christi, rief es den Galatern zu. Es ist leicht zu verstehen, ja, wer sich mit offenen Augen umblickt und in die eigene Seele hineinschaut, dem kann kaum entgehen, was es bedeutet, wenn nur die Sehnsucht nach etwas Besserem in ihm erwachte, als was diese verruchte Zeit den Mitlebenden bietet.«

»So sagt es, daß wir am Vorabend großer Umwälzungen stehen?«

»Ja!« rief Andreas. »Nur ist die Bezeichnung, die Du wähltest, zu schwächlich. Untergehen muß die alte, trübe Sonne, um mit lichterem Glanz die Auferstehung zu feiern.«

Beunruhigt und keineswegs überzeugt, schaute die Jungfrau hier dem erregten Mann in die Augen und versetzte eifrig: »Ich weiß wohl, daß Du im Bilde redest, Andreas, doch die Sonne, die uns den Tag erhellt, will mir hell genug erscheinen. Blüht denn nicht Handel und Wandel in dieser fleißigen, fröhlichen Stadt? Schützt den Bürger nicht das Gesetz? Hat man die Götter jemals eifriger geehrt? Ist der Vater im Unrecht, wenn er sagt, daß es ein stolzes Gefühl sei, dem mächtigsten aller Reiche, vor dem die Barbaren zittern, anzugehören und sich einen römischen Bürger zu nennen?«

Bis hieher hatte Andreas dem Mädchen gelassen zugehört; nun aber fiel er ihm höhnisch ins Wort: »Ja, ja! Der Kaiser hat Deinen Vater, euren Nachbar Skopas und jeden freien Mann im Reiche zum Bürger der großen Roma gemacht. Nur schade, daß er dem einzelnen, während er ihm den Bürgerbrief zusteckte, wie von ungefähr das Geld aus dem Beutel stibitzte.«

»Etwas Aehnliches sagte neulich auch der Kunsthändler Apion, und so mag es wohl wahr sein. Aber was meine eigenen Augen sehen, davon laß ich mir nichts nehmen, und es begegnet ihnen Erfreuliches genug. Wärst Du nur gestern auf dem Friedhof gewesen! Jedermann ehrte die Götter in seiner Weise. Ernst genug ging es an vielen Stellen her, und doch forderte auch die Heiterkeit des Volkes ihr Recht. Voll eines Gottes waren die meisten, und auch mich, die ich ja sonst zurückgezogen lebe, faßte es, wie die Mysten aus Eleusis kamen und uns mit in ihre Reihen zogen.«

»Bis der Angeber Zminis euch die Freude versalzte und Deines Bruders Leben wegen eines unvorsichtigen Wortes bedrohte.«

»Das freilich!«

»Und,« raunte Andreas ihr mit blitzenden Augen zu, »was Dein Bruder unbesonnen verhöhnte, das zwitschern die Spatzen auf den Dächern sich zu, und es ist wahr. Ein tausendfacher Mörder regiert das römische Reich. Den anderen voran sandte er den leiblichen Bruder, und ihm folgten alle – von zwanzigtausend redet man – die dem Unglücklichen anhingen oder auch nur seinen Namen im Munde führten. Das ist die Obrigkeit, der wir Gehorsam schulden, weil Gott sie einsetzte, um uns zu strafen. Wenn aber dieser Verbrecher im Purpur die Augen schließt, werden sie ihn dennoch wie die anderen schweren Sünder, die ihm auf dem Throne vorangingen, zu den Göttern erheben! Eine edle Versammlung! Nach dem Tode Deiner unvergeßlichen Mutter hörte ich Dich selbst die Götter unbarmherzig schelten. Andere nennen sie gütig. Es kommt nur darauf an, wie sie das Blut der Opfertiere, ihrer eigenen Geschöpfe, aufnehmen, das man für sie vergießt. Wenn Serapis dem Thoren nicht gewährt, was er von ihm begehrt, so begibt er sich zum Altar der Isis, des Anubis, des Zeus, der Demeter. Zuletzt thut es auch der Sabazios oder einer der neuen Olympischen, die ihr Vorhandensein einem Beschluß des römischen Senates verdanken, der größtenteils aus Schurken und Elenden besteht. Mehr Götter als heute hat es freilich niemals gegeben, und zwischen ihnen, von denen die Mythe mancherlei erzählt, was diejenigen, welche zu ihnen beten, der Verachtung preisgäbe oder dem Henker, noch die unabsehbare Schar der guten und bösen Dämonen. Eure Olympier! Sie sollen die Tugend belohnen und das Laster bestrafen, und doch taugen sie noch weniger als bestechliche Richter; denn ihr wißt schon im voraus, was und wie viel es jedem darzubringen gilt, um seine Gunst zu erkaufen.«

»Du malst mit schwarzen Farben,« fiel ihm hier das Mädchen ins Wort. »Ich weiß von Philipp, daß die Pythagoräer lehren, nicht auf das Opfer, nur auf die Gesinnung, welche es darbringt, komme es an.«

»Ganz recht. Er denkt wohl an den Wundermann von Tyana, dem sicherlich die Lehre des Erlösers bekannt war. Aber wie halten es hier unter tausend neunhundertundneunzig, wenn sie das Tier zum Altar schleppen? Neulich hörte ich einen unserer Gartenarbeiter fragen, wie viel er wohl täglich der Sonne, seinem Gotte, schulde? Da gab ich ihm zur Antwort: eine Drachme; denn so hoch beläuft sich der Lohn, den der arme Schelm vom Morgen bis zum Abend verdient. Er aber meinte, das sei zu viel; denn er wolle doch leben und mit einem Zehntel müsse der Gott sich begnügen; man habe der Obrigkeit ja kaum höhere Steuern von dem Erworbenen zu zahlen.«

»Der Gott soll uns freilich höher stehen als alles andere,« bemerkte Melissa. »Doch wenn der Arbeiter zur Sonne betet, und von ihr Gutes erwartet, was thut er dann anderes als Du, ich und wir alle, wenn wir das lichte Tagesgestirn auch Helios nennen, Serapis oder wie sonst?«

»Ja, ja,« entgegnete Andreas. »Der Namen und Formen sind viele, unter denen man die Sonne hier anruft, und euer Serapis hat außer dem Zeus und Pluto auch den Phöbus Apollon und den ägyptischen Ostris, den Ammon und Ra verschlungen und seine hohe Person damit gemästet. Aber im Ernst, Kind. Die Väter schufen sich aus den erhabenen Erscheinungen und Kräften in der Natur, die sie umgab, Götter genug und beteten sie bewunderungsvoll an, uns aber sind nur noch die Namen geblieben, und wer dem Apoll opfert, der denkt kaum mehr an die Sonne. Mit meinem Arbeiter, der aus Arabien hieher kam, steht es anders. Er hält den lichtspendenden Ball da oben selbst für den Gott, und Du – ich hörte es ja – gibst ihm nicht unrecht. Aber wirst Du, wenn Du einen Jüngling den Diskus mit schöner Kraft schleudern siehst, die eherne Scheibe loben oder den, der sie schwang?«

»Den letzteren,« versetzte das Mädchen; »aber auch Phöbus Apollon lenkt ja sein Viergespann selbst mit den göttlichen Händen.«

»Und die Astronomen,« fügte der Christ hinzu, »berechnen doch auf Jahre hinaus, welchen Weg er die Rosse in jeder Minute führen wird. So gibt es denn keinen Unfreieren als ihn, von dem so viele begehren, daß er ihre Angelegenheiten nach eigenem, freiem Ermessen lenke und fördere. Darum halt' ich die Sonne nur für ein Gestirn wie die anderen, und es gilt nicht, die am Himmel auf festen, vorgeschriebenen Bahnen dahinrollende Kugel zu verehren, sondern den, der sie schuf und lenkt nach ewigen Gesetzen. Mich jammert ohnehin euer Apoll und mit ihm die Schar der Olympier, seitdem der Wahn zur Herrschaft gelangte, daß es möglich sei, durch Gebetsformeln, durch Opfer und magische Künste Götter und Dämonen zu bewegen oder gar zu zwingen, dem einzelnen das zu gewähren, wonach ihm der begehrliche, veränderliche Sinn steht.«

»Und doch,« rief Melissa, »hast Du mir selbst gesagt, Du habest für die Mutter gebetet, als der Arzt keine Rettung mehr sah. Jeder hofft von den Himmlischen für sich auf ein Wunder, wenn die eigene Kraft nicht mehr ausreicht. So denken Tausende. Man ist auch in unserer Stadt nie frömmer gewesen als eben jetzt. – Die Sängerin pries es besonders im Jalamos beim Fest des Adonis.«

»Weil,« entgegnete der andere, »man den Lüsten nie wilder huldigte und sich darum nie mehr fürchtete vor den Schrecken des finsteren Hades. Der große, schöne Zeus der heiteren Griechen hat sich hier am Nil in den Serapis verwandelt und ist ein finsterer Unterweltsgott geworden. Auf den Tod beziehen sich die meisten Kulte und die Mysterien, zu denen sich Tausende drängen. Durch den Tand, womit sie sich so viele Stunden verderben, wollen sie sich den Weg in die Gefilde der Seligen bahnen, und doch versperren sie ihn sich selbst durch die Lüste, denen sie frönen. Aber nun die Zeit erfüllt ist, wird in einer neuen Welt sich der ganzen zu höherem Leben berufenen Menschheit der rechte Pfad öffnen, und wer ihm folgt, dessen Seele darf den Tod erwarten wie die Braut den Bräutigam am Morgen der Hochzeit. Ja, ich habe für Deine sterbende Mutter, die anmutigste und beste der Frauen, zu meinem Gotte gebetet. Und was ich für sie erflehte, war nicht, daß ihr Leben erhalten bleibe, und es ihr, der Siechen, vergönnt sei, länger unter uns zu weilen, sondern daß die andere Welt mit ihrer Herrlichkeit sich ihr öffne.«

Hier ward der Redner von einer bewaffneten Schar unterbrochen, welche die Menge zur Seite drängte, um den Stieren Platz zu machen, die bei der Annäherung des Kaisers im Tempel des Serapis geschlachtet werden sollten. Es waren mehrere hundert, und jedem hing ein Kranz am Halse, ja, den schönsten, die den Zug eröffneten, waren die Hörner vergoldet.

Als der Weg wieder frei war, wies Andreas auf die Rinder und flüsterte der Begleiterin zu: »Da wird Blut fließen zu Ehren des künftigen Gottes Caracalla. Er hat einmal in der Arena hundert Eber mit den eigenen kaiserlichen Händen getötet. Aber, Mädchen, wenn die Zeit sich erfüllt, wird es aus sein mit dem Vergießen unschuldigen Blutes. Begeistert sprachst Du vorhin von der Herrlichkeit des römischen Reiches. Und doch! Wie manche Fruchtbäume in unseren Gärten, die wir mit Blut düngten, ist es groß geworden durch Blut, durch den Lebenssaft der Unterjochten. Dem Mord und Raub verdankt das stolzeste der Reiche sein Bestes; jetzt aber, jetzt erwächst der nimmersatten Roma aus ihren Sünden jähes Verderben.«

»Und wenn Du recht siehst, und die Barbaren vernichten die Heere des Cäsar,« fragte Melissa und schaute bang zu dem erregten Mann empor, »was dann?«

»Dann wollen wir ihnen danken,« rief Andreas mit leuchtenden Augen, »daß sie das morsche Hans einreißen halfen.«

»Und käme es so,« scholl es bang von den Lippen des Mädchens, »was ginge damit alles zu Grunde! Was gäbe es wohl auf der Welt, wodurch es ersetzt werden könnte? Fällt das Reich in die Hand der Barbaren, so wird Rom verwüstet und mit ihm die große Zahl der Provinzen, die unter seinem Schutze gedeihen.«

»Dann,« unterbrach sie Andreas, »wird das Reich des Geistes beginnen, in dem Friede und Liebe herrschen statt der Feindschaft, des Mordes, der Kriege. Ein Hirt wird dann sein und eine Herde, und der Geringe wird gleich sein dem Großen.«

»Es soll dann auch keine Sklaven mehr geben?« fragte Melissa mit wachsender Befremdung.

»Nicht einen!« rief der andere, und lichte Begeisterung breitete sich ihm über die strengen Züge. »Frei sein wird jeder, und alle werden in Liebe verbunden sein durch die Gnade dessen, der uns erlöste.«

Da schüttelte das Mädchen leise das Haupt, und Andreas, der erkannte, was in ihr vorging, suchte ihren Blick, als er fortfuhr: »Du denkst, das seien die unerfüllbaren Wünsche des freigelassenen Sklaven, der Schmerz und die Erinnerung an die unsägliche Unbill, die mir widerfuhr, redeten aus mir? Welcher Rechtschaffene wünschte auch nicht, andere vor dem Elend zu bewahren, dessen ganze Schwere ihn selbst einmal zwang, in die Kniee zu brechen. Und dennoch irrst Du! Wie ich denken tausende von freigeborenen Männern und Frauen, denen ein Höherer offenbarte, daß die Zeit nun erfüllt sei. Er, der Beste und Größte, der den Schmerz der ganzen Menschheit zu dem seinen machte, zog den Armen dem Reichen, den Bedrängten dem Glücklichen, das Kind dem mit Klugheit und Wissen gerüsteten Erfahrenen vor, und in seinem Reiche werden die letzten die ersten sein, und der letzten letzte, die Aermsten der Armen, das, ja, Kind, das sind die Sklaven.«

Ein tiefer Seufzer schloß diesen Ausruf, Melissa aber drückte die Hand, an der er sie über den Straßendamm führte, und sagte: »Wie Schreckliches hast Du wohl erlitten, armer Andreas, bis Polybius Dich freigab!«

Da nickte er still mit dem Kopfe und beide schwiegen, bis sie in eine stille Seitengasse gelangten.

Dort blickte die Jungfrau fragend zu ihm auf und begann von neuem: »Und nun hoffst Du auf einen zweiten Spartacus. Oder willst Du selbst au die Spitze eines Sklavenaufstandes treten? Du wärst der Mann dazu, und ich kann schweigen.«

»Müßte es sein, warum nicht?« versetzte er, und die Augen flammten ihm hell auf. Als sie aber erschreckt von ihm zurücktrat, flog ihm ein Lächeln über das Antlitz, und in begütigendem Tone fuhr er fort: »Unbesorgt, Kind. Was da kommen muß, kommt auch ohne den neuen Spartacus, ohne Blutvergießen und Aufruhr. Aber Du, deren Auge hell und deren Herz gut ist, wird es Dir denn so schwer, das Recht vom Unrecht zu unterscheiden und anderer Leid mitzuempfinden? Freilich! Was heiligt, was entschuldigt die Gewohnheit nicht alles! Der Vogel, der in ein zu enges Bauer gesperrt wird, ja, das Maultier, das unter zu schweren Lasten zusammenbricht, die beklagt ihr, und das Unrecht, das ihnen geschieht, erweckt euren Ingrimm. Aber der Mensch, den ein finsteres Los, nur selten durch eigene Schuld, der Freiheit beraubte, dessen Seele noch schwereren Martern verfällt als der verunglimpfte Leib, für ihn habt ihr nichts als den Rat, der für Philosophen taugt und für jenen wie bitterer Spott klingt, das Mißgeschick geduldig zu tragen. Er ist ja nur ein Sklave, den man kaufte oder erbte. Die Frage, wer euch, den Freien, das Recht gab, die Hälfte der gesamten Bewohner des römischen Reiches zu knechten und des vornehmsten der Menschenrechte zu berauben, wem von euch kommt sie je in den Sinn? Ich weiß ja, daß viele Philosophen die Sklaverei eine Ungerechtigkeit nannten, die der Stärkere dem Schwächeren anthut, aber sie alle zuckten dabei die Achseln und entschuldigten sie als ein notwendiges Uebel; denn, dachten sie im stillen, wer bedient mich, wenn mein Sklave mir gleich wird? Ihr anderen lächelt nur über dies Bekenntnis der weltfremden Denker; doch ihr vergeßt« – und nun entbrannte in den Augen des Freigelassenen ein düsteres Feuer – »ihr vergeßt, daß der Sklave eine Seele hat, in der sich dieselben Empfindungen regen wie in der euren. Ihr fragt nicht, wie dem Stolzen, dessen Lebensluft die Schmach ward, mit dem Brandmal am Arm zu Mute ist, was der Knecht, in dessen Adern edles Blut rinnt, fühlt, wenn der Fußtritt des Herrn ihn verunglimpft. Alles Geborene, selbst die Pflanze in meinem Garten, hat ein Anrecht an Glück und entfaltet sich schön in Freiheit und liebreicher Pflege – und doch verkümmert und raubt die eine Hälfte der Menschheit der andern dies Anrecht, doch wird durch des Menschen Schuld die Summe des Jammers und Elends, die das Schicksal über das Menschengeschlecht verhängte, freventlich bis ins Unendliche vergrößert, gesteigert, erschwert. Aber der Himmel, Mädchen, hat den Jammer der Elenden endlich verkommen, und, nun die Zeit sich erfüllte, sein ›Bis hieher und nicht weiter!‹ gerufen. Keinen wilden Empörer stärkte er mit Riesenkraft, um die Ketten des Geknechteten zu sprengen; nein, der Schöpfer und Erhalter der Welt sandte seinen Sohn, damit er die Menschheit mildherzig erlöse und allen voran die Brüder und Schwestern, die da mühselig sind und beladen. Das Zauberwort, das den Riegel des Kerkers sprengen wird, worin die Ketten des Unfreien klirren, es heißt die Liebe . . . Aber,« – und hier unterbrach er den glühenden Fluß der begeisterten Rede – »aber das alles verstehst Du nur halb, – kannst Du nicht völlig begreifen, Melissa. Doch auch für Dich erfüllt sich die Zeit; denn auch Du, die Freigeborene, ich weiß es, gehörst zu den Beladenen, die geduldig tragen, was ihnen auferlegt ward. Du bist . . . Halte Dich fester an mich! Es wird hier Mühe kosten, uns durchzudrängen.«

In der That war es nichts Leichtes, die Menge zu kreuzen, die sich auf der zum nahen Serapeum führenden Straße des Hermes, in die das Gäßchen mündete, geräuschvoll dahinwälzte. Es gelang aber dennoch, und als Melissa in den abgelegenen Gassen der Rhakotis wieder zu Atem gekommen war, richtete sie an den Begleiter die Frage: »Und wann denkst Du, daß Deine Voraussagung sich erfüllt?«

»Sobald das Lüftchen sich erheben wird,« lautete die Antwort, »das die überreife Frucht vom Baume weht. Es kann morgen kommen oder auch später, je nach der Langmut des Höchsten. Aber der Zusammenbruch der Welt, in der wir erwuchsen, steht so sicher bevor, wie Du hier neben mir her gehst.«

Beklommenen Herzens schritt Melissa nach dieser Versicherung mit dem Freunde weiter, er aber nahm wahr, daß sie immer noch die Seele seinen Worten verschloß, und auf die Frage, ob sie sich nicht der wundervollen Zeit freuen könne, die der erlösten Menschheit bevorstehe, antwortete sie zaudernd: »Es ist ja schön, was Du erwartest, doch, was ihm vorausgehen soll, muß wohl jeden erschrecken. Hast Du von dem Reich, das Du schilderst, durch ein Orakel Kunde erhalten oder ist es nur ein Gebilde Deiner Einbildungskraft, ein Traum, der den Wünschen Deiner Seele die Entstehung verdankt?«

»Keins von beiden,« versicherte Andreas und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Eine Offenbarung ist es, die es mich lehrt. Und glaube mir, Mädchen: Es steht so sicher bevor wie der Sonnenuntergang heute abend. Das himmlische Jerusalem öffnet seine Thore, und willst auch Du zu den Glücklichen gehören . . . Doch davon später. Hier sind wir am Ziele.«

In dem christlichen Hause, das sie nun betraten, fanden sie den verwundeten Jüngling in einem wohlbeschatteten, weiten Gemach auf einem bequemen Lager unter der Wartung einer freundlichen Matrone.

Dennoch befand Diodor sich übel.

Seine Verletzung schien den Aerzten sehr ernst; denn der schwere Stein, der ihn traf, hatte den Schädel zerbrochen, und Fieberschauer schüttelten den unglücklichen Jüngling. Der Kopf glühte ihm, und es ward ihm sehr sauer, auch nur wenige zusammenhängende Worte zu finden.

Aber seine Augen verrieten, daß er die Geliebte erkenne, und daß es ihm Freude bereite, sie wiederzusehen; ja, als er erfuhr, daß Alexander noch frei sei, flog ihm ein sonniger Glanz über das Antlitz. Es that ihm sichtlich wohl, den Blick an der Schönheit Melissas zu weiden. Ihre Hand ruhte in der seinen, und er folgte ihr auch, während sie ihm die Grüße des Vaters bestellte und ihm mancherlei erzählte, doch bald fielen ihm die Lider über die müden Augen.

Da fühlte Melissa, daß sie ihm Ruhe gönnen müsse.

Behutsam löste sie die Hand aus der seinen, legte sie ihm auf die Brust und regte sich nur noch, um ihm die perlende Stirn zu trocknen.

Bis dahin war es so feierlich still in dem großen, sauberen, von einem leisen Lavendelgeruch erfüllten Hause gewesen; nun aber gingen Thüren, Schritte neuer Ankömmlinge ließen sich im Vorsaal vernehmen, Stühle wurden gerückt, und bald darauf klangen mehrere Männerstimmen, unter denen sie auch die des Andreas erkannte, laut durch einander.

Besorgt horchte sie nach der Richtung hin, von woher das Gespräch kam, das sich schon in einen heftigen Streit zu verwandeln begann. Wie gern hätte sie den wild erregten Männern ans Herz gelegt, die Stimme zu dämpfen; denn sie sah es den zuckenden Lippen des Geliebten an, daß das Lärmen ihm weh that, doch sie konnte ihn nicht verlassen.

Inzwischen ward der Wortwechsel lauter und lauter. Die Namen Montanus und Tertullian, Clemens und Origenes klangen oft an ihr Ohr, und zuletzt verstand sie deutlich den zornigen Ruf des Andreas: »Ihr seid wie die Teilnehmer an einem reichen Mahle, die beim Nachtisch fragen, wann man denn endlich die Speisen auftragen werde. Der Paraklet ist gekommen, ihr aber schaut nach einem andern aus!«

Weiter kam der Redner nicht; denn wilder, höhnischer Widerspruch unterbrach ihn, bis eine Donnerstimme die anderen überschrie: »Das himmlische Jerusalem kommt, und wer es leugnet und an der Berufung des Montanus zweifelt, der ist schlechter als ein Heide, den höre ich auf, einen Bruder und Christen zu nennen.«

Diesem Zornesausbruch folgte zügelloses Geschrei, und das Mädchen hörte besorgt Stühle fallen, und das Gekreische und Gezeter wütender Streiter; der Leidende aber stöhnte schmerzlich, und über seine schönen Züge breitete sich der Ausdruck immer weheren Leidens.

Da ertrug es Melissa nicht länger, und schon erhob sie sich, um die tobenden Männer zur Ruhe zu mahnen, als es plötzlich ganz still ward.

Schnell beruhigte auch Diodor sich wieder und blickte Melissa so dankbar an, als schulde er ihr allein die wohlthuende Stille; sie aber vernahm nun deutlich die tiefe Stimme des Hauptes der alexandrinischen Christen und erkannte, daß es sich um die Wiederaufnahme eines Mannes in die Gemeinde handle, der einen andern im Zorn erschlagen. Die einen wollten ihn fern von ihrer Gemeinschaft halten und ihn auf die göttliche Barmherzigkeit verweisen, die anderen, milderen, wünschten ihn, der sich jeder Buße willig unterwerfen wollte, wieder aufzunehmen.

Nun begann das Lärmen von neuem.

Alle anderen überschrie die schrille Stimme eines Mannes, der eben aus Karthago kam und sich der Freundschaft des greisen Tertullian rühmte.

Dem Zusammenhange der Reden konnte das lauschende Mädchen nicht mehr folgen, aber wieder schollen ihr die Namen von vorhin ans Ohr, und ob sie dieselben auch nicht verstand, thaten sie ihr doch weh, weil ihr lauter Klang die Ruhe des Geliebten störte.

Erst als die Pflegerin wiederkehrte, wurde dem Streit ein Ende gemacht; denn kaum hatte sie erfahren, wie schwer die lauten Stimmen der Glaubensgenossen die Ruhe des Kranken beeinträchtigten, als sie so wirksam für den Pflegling eintrat, daß das Haus die frühere Stille zurückgewann.

Man nannte sie die Diakonissin Katharina, und bald trat sie wieder an das Lager des Kranken.

Andreas folgte ihr mit dem Arzte, einem mittelgroßen Manne, dessen etwas unbeholfenen Körper ein kluger und wohlgebildeter, doch kahler und nur noch an den Seiten behaarter Kopf krönte. Wie seine scharfen Augen schnell hinsahen, um bald wieder fortzuschauen, lag auch etwas Ruckweises in jeder seiner Bewegungen, an denen ernste Entschiedenheit gut machte, was sie an Schönheit entbehrten.

Nachdem er sich, ohne der Anwesenden zu achten, über den Kranken mehr geworfen als gebeugt, ihn betastet und mit schnellen Fingern neu verbunden hatte, wandte er sich in das Zimmer zurück, prüfte es so genau, als denke er seine Wohnung daraus zu machen, und heftete dann die weit hervortretenden runden Augen auf Melissa.

Die forschende Art dieses Blickes hatte etwas eindringlich Rücksichtsloses und hätte sie sonst wohl verdrossen, hier aber ertrug sie ihn gern; denn sie fand ihn klug, und sie hätte gern den weisesten aller Aerzte an das Bett des Geliebten gezaubert.

Als Ptolemäus – so hieß der Heilkünstler – dann auf die kurze Frage, welche ihr galt: »Wer ist das?« Antwort erhalten, sprudelte er rasch und leise hervor: »Dann kann sie hier nur schaden. Der Fiebernde bedarf nur eins, und das ist Ruhe.«

Endlich winkte der Arzt den Andreas ans Fenster und fragte schnell: »Ist das Mädchen verständig?«

»Durchaus!« versetzte der Freigelassene entschieden.

»Wenigstens so sehr, wie es eine in ihrem Alter sein kann,« berichtigte ihn der andere. »Und sie wird sich also hoffentlich ohne einen Abschied mit Thränen entfernen. Es steht schlecht um den schönen Jungen. Ich wüßte schon, was ihm helfen könnte; doch allein darf ich's nicht wagen, und hier in Alexandria lebt keiner . . . Aber Galen ist zu dem Kaiser gestoßen. Wenn der, so alt er auch ist . . . In das Quartier des Cäsar zu dringen geht für unsereinen nicht an . . . Und dennoch . . .«

Hier stockte er, legte die Hand auf die Stirn, rieb sie leise mit dem kurzen mittleren Finger und stieß dann plötzlich hervor: »Hieher kommt der Greis nimmermehr; aber in das Serapeum, wo die Kranken liegen, um göttliche oder teuflische Ratschläge im Traum zu empfangen, geht der Galenus. Wenn man den Jungen dahin schaffen könnte.«

»Seine Pfleger werden es kaum dulden,« unterbrach ihn Andreas bedenklich.

»Aber er ist ein Heide,« gab der Arzt aufbegehrend zurück. »Was hat auch der Glaube mit den Wunden des Leibes zu schaffen? Wie viele Kaiser bedienten sich ägyptischer und jüdischer Aerzte! Was ihm helfen kann, wird dem Jungen zu teil, und wenn es sein muß, schaffe ich, der ich ein Christ bin, ihn gewiß ins Serapeum, wenn es auch von allen heidnischen Tempeln der heidnischste ist. Ich erfahre schon von der Hintertreppe her, zu welcher Zeit Galen sich zu den Kranken in den Incubationsräumen begibt. Spätestens morgen oder übermorgen wird er es thun. Heute läßt sich keine Schildkröte durch das Gedränge tragen. Aber in der Nacht, oder noch besser morgen vor Sonnenaufgang schleppen wir den Jungen hinüber. Wenn die Diakonissin sich weigert . . .«

»Sie wird es thun,« versicherte Andreas.

»Gut! Ich bitte Dich, Mädchen!« Damit winkte er Melissa und fügte so laut hinzu, daß die Pflegerin es hören konnte: »Wenn wir Deinen Bräutigam morgen früh in das Serapeum führen, wird er wahrscheinlich genesen; sonst aber steh' ich für gar nichts. Sage denen, die euch die Nächsten, vor Sonnenaufgang sei ich hier, und sie sollten für eine gute verdeckte Sänfte und zuverlässige Träger sorgen.«

Hierauf wandte er sich an die Diakonissin, die ihm sprachlos und mit gefalteten Händen wie einem Abtrünnigen gefolgt war, legte ihr die kurze, breite Hand auf die Schulter und sagte: »Es muß so sein, Witwe Katharina. Die Liebe trägt und duldet alles, und um eines Nächsten Leben zu retten, thut es wohl, stillschweigend auch Dinge zu dulden, die uns mißfallen. Nachher erklär' ich Dir alles. Ruhe, nur Ruhe! Keinen beweglichen Abschied, Mädchen! Je eher Du dies Haus verläßt, desto besser.«

Damit trat er nochmals zu dem Kranken hin, legte ihm die Hand kurze Zeit an die Schläfe und verließ dann das Zimmer.

Diodor lag indessen still und teilnahmlos auf dem Lager, Melissa aber küßte ihm leise die Stirn und verließ feuchten Auges das Gemach, ohne daß er es bemerkte.

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