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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Sechstes Kapitel.

Die Sonne war vor einer Stunde aufgegangen. Der Steinschneider Heron hatte pfeifend die Werkstätte betreten, und in der Küche stand der alte Sklave Argutis vor dem Herde und bereitete die Morgensuppe für seinen Herrn. Nachdenklich warf er einige Fingerspitzen Kümmel in den Gerstenbrei und schüttelte dabei das ergraute Haupt.

Als seine Genossin Dido, eine Syrerin, mit krausem weißem Haar, das von ihrer dunklen Haut wunderlich abstach, in die Küche trat, fuhr er auf und fragte hastig: »Noch nicht zurück?«

»Nein,« versetzte die Alte mit nassen Augen. »Du weißt ja schon, was mir träumte. Ganz gewiß ist ihr ein Unglück begegnet, und wenn der Herr es erfährt . . .«

Hier brach sie in lautes Schluchzen aus; der Sklave aber verwies ihr das unnütze Weinen.

»Du hast sie nicht auf den Armen getragen,« wimmerte die Sklavin.

»Aber wie oft hier auf der Schulter,« stieß der Gallier – denn Argutis stammte aus der Gegend von Augusta Trevirorum an der Mosella – seufzend hervor. »Sobald der Brei fertig ist, bringst Du ihn dem Herrn und bereitest ihn vor.«

»Damit seine Wut mich zuerst trifft,« klagte die Alte. »Es ward mir nicht an der Wiege gesungen.«

»Dies Holz,« unterbrach sie Argutis, »haben die Würmer schon lange gefressen, und die Wut des Herrn kennen wir ja beide. Ich wäre schon längst fort, wenn Du den Brei zu bereiten verstündest, wie er ihn mag. Aber sobald ich ihn in die Schale geschüttet – nichts hält mich auf – seh' ich nach dem Alexander; denn mit ihm ging sie doch aus dem Hause.«

Da trocknete die Alte die Thränen und rief: »Geh nur und tummle Dich. Ich nehme das andere auf mich. Ewige Götter, wenn sie tot ins Haus zurückgebracht würde! Ich bleibe dabei! Sie mochte die Launen des Alten und die Einsperrung nicht länger ertragen und ist ins Wasser gegangen. Mein Traum, mein Traum! Da hast Du die Schale, und dann fort zu dem Jungen! Aber der Philipp ist doch der ältere.«

»Der!« rief der Sklave in wegwerfendem Ton. »Ja, wenn es auszuhorchen gäbe, was die Fliegen einander erzählen! Ich lobe mir den Alexander. Der hat den Kopf auf dem rechten Fleck, und wenn einer in Aegypten, bringt er sie uns wieder, tot oder lebendig.«

»Tot,« schluchzte die Alte von neuem auf, und ihre Thränen fielen hart an dem Brei vorüber, den Argutis in seiner Herzensnot zu salzen vergessen.

Während dieses Gespräches seiner Dienerschaft fütterte der Steinschneider die Vögel.

Ist der Mann, der dort mit zärtlichen Worten, mit lockenden Pfiffen und Leckerbissen seine Lieblinge wie ein kosendes Mädchen zu sich heranzieht, wirklich der grimme Polterer von gestern abend? Es gibt kein Schmeichelwort, das er ihnen nicht gönnt, während er ihnen die Näpfchen behutsam mit frischem Wasser und Futter füllt. Und wie vorsichtig rührt er die große Hand, während er den Sand in den kleinen Käfigen erneuert! Er darf die armen, gefangenen Schelme, denen er so gute Stunden verdankt, ja nicht ängstigen, und sie haben schon längst die Scheu vor ihm verloren.

Jetzt pickt ihm eine Turteltaube Erbsen, jetzt eine Baumnachtigall längliche Ameiseneier von den Lippen, jetzt hüpft ihm ein Kehlfink auf den Finger der Linken und schnappt nach den Raupen in seiner Rechten. Die hat der riesengroße Mann bald nach Sonnenaufgang von taufeuchten Blättern im eigenen Gärtchen für die gefiederten Freunde abgelesen. Am längsten und innigsten verkehrt er mit dem alten Glanzstar, den seine verstorbene Frau ihm geschenkt hat. Sie kaufte ihn damals heimlich von dem Beduinen, der ihm schon seit vielen Jahren Muscheln vom Strande des roten Meeres brachte, um den Gatten damit zu überraschen. Der kluge Vogel hat zuerst ihren Namen Olympias zu sagen und dann von selbst und ohne Unterweisung den häufigen Klageruf seines Herrn »Meine Kraft« nachzuplappern gelernt.

Heron hält ihn für einen Freund, der ihn versteht und sich mit ihm der Unvergeßlichen erinnert. Drei Jahre schon ist der Steinschneider Witwer, und doch beschäftigt er sich immer noch lebhafter mit der Dahingegangenen als mit den Kindern, die sie ihm schenkte.

Jetzt kraut er dem Star vorsichtig das kluge Köpfchen und redet ihn an in einem Tone, dem man das Mitleid anhört, das er mit ihm wie mit sich selbst empfindet: »Nicht wahr, mein Alter, es hat wohler gethan, wenn sie dir mit den zarten weißen Fingern die Federn glatt strich? O, ich weiß auch noch, wie das klang, wenn sie dir zurief: ›Mein Mätzchen‹ oder ›mein Tierchen‹. So sanfte, liebliche Töne gibt's für uns beide nicht mehr zu hören. Weißt du noch, wie sie dir mit dem lieben Antlitz – war es nicht schön? – freundlich zunickte, wenn du ihren Namen ›Olympias‹ riefst? Wie oft hat sie dir dann mit den roten Lippen in das Gefieder geblasen und dir zugerufen: ›Brav so, mein Kerlchen!‹ Auch mir ward ihr ›brav‹ vergönnt, wenn ich etwas Rechtes vollendete. O, und welche Augen sie hatte, auch für die Kunst! Aber nun, jetzt . . . Die Kinder geben mir ja auch gute Worte, seit ihre Lippen verstummten.«

»Olympias!« unterbrach hier der Vogel den Künstler laut und verständlich, und sogleich verteilten sich die Wolken, die sein Antlitz wieder beschatteten, und mit einem freundlichen Lächeln fuhr er fort: »Ja, ja, du wolltest auch, daß du sie noch hättest. Auch du rufst sie, wie ich es gestern abend that bei ihrem Grabe, und sie läßt dich schön grüßen. Hörst du es, Mätzchen? Pick dem Alten nur immerzu in die Finger, er weiß, wie du's meinst, und es thut ihm nicht weh. Ganz allein war ich draußen, und Selene schaute still auf uns nieder. Rings umher tobte und schrie es, ich aber hörte doch die Stimme unserer Verstorbenen. Sie war mir ganz nahe, und ihre arme Seele zeigte mir, daß sie mir immer noch günstig gesinnt sei. Von unserem besten Bybloswein hatt' ich ein Krüglein unter dem Mantel mit hinausgenommen, und sobald ich ihr den Stein gesalbt und den edlen Trank ausgegossen, schlürfte der Boden ihn ein, als sei er durstig. Kein Tropfen blieb übrig. Ja, Mätzchen, angenommen hat sie die Gabe, und wie ich mich dann niederließ, um an sie zu denken, da gönnte sie mir manche Antwort auf meine Fragen. Wie damals – du weißt ja – haben wir mit einander geplaudert. Auch deiner gedachten wir; ich bestellte dir ja schon den Gruß. Nicht wahr, du verstehst mich? Und, ich sage dir, Mätzchen, es kommen jetzt bessere Tage.«

Hier wandte er sich mit einer schnellen, unwilligen Bewegung von dem Vogel ab; denn die Sklavin trat mit dem Gerstenbrei in die Werkstatt.

»Du?« fragte der Steinschneider erstaunt; »wo ist Melissa?«

»Sie wird ja schon kommen,« versetzte die Alte leise und zaghaft.

»Schönen Dank für das Orakel,« lachte der Künstler.

»Wie Du spassen kannst!« stammelte die Alte. »Ich wollte . . . Aber iß nur erst, iß. Aerger und Sorge sind schädlich bei nüchternem Magen.«

Da setzte sich Heron an den Tisch und begann den Brei zu genießen; doch sehr bald warf er den Löffel aus der Hand und rief: »Es schmeckt nicht so allein!«

Dann warf er einen erstaunten Blick auf Dido und fuhr ärgerlich fort: »Was hast Du noch hier zu suchen, und was soll das Ziehen und Zupfen am Kleide? Wieder eine Schüssel zerbrochen? Nicht? So laß doch das verwünschte Kopfschütteln, und komm heraus mit der Sprache!«

»Iß nur, iß!« wiederholte die Sklavin und zog sich an die Thür zurück; Heron aber rief sie mit kräftigen Scheltworten zu sich heran, und als sie darauf weinerlich mit dem gewohnten: »Es ward mir nicht an der Wiege gesungen,« begann, fand Heron die gute Laune, deren er sich an diesem Morgen erfreute, wieder und rief: »Ja, ja, die Tochter eines großen Herrn wartet mir auf; und wenn es dem Kaiser in Syrien eingefallen wäre, Deine Schwester zu freien, hätte ich jetzt seine Schwägerin im Dienste. Das Heulen verbitt' ich mir übrigens. In dreißig Jahren könntet ihr erfahren haben, daß ich kein Menschenfresser bin, und so bekenne denn erst, was in der Küche fehlt, und dann geh und rufe das Mädchen!«

Der Unfreie hat vielleicht recht, das Uebel so lang hinauszuschieben, wie es nur angeht; denn jeder Augenblick kann die Sachlage ändern, und das Gute und Schlimme kommt ihm ja nur von außen her zu. So klammerte sich denn auch die Sklavin an den Wortlaut der Frage des Heron, und da sich in der Küche wirklich etwas Bemerkenswertes begeben hatte, atmete sie auf und erzählte, ein Bediensteter des Nachtstrategen sei vorhin gekommen und habe gefragt, ob der Alexander nicht hier sei, und wo er seine Werkstatt habe.

»Und Du hast ihm das Haus gut beschrieben?« fragte Heron.

Da schüttelte die Sklavin verneinend den Kopf, machte sich wieder mit dem Kleide zu schaffen und versetzte schüchtern: »Der Argutis war dabei, und er meinte, von dem Nachtstrategen komme nichts Gutes. Da hat er denn dem Manne etwas aufgebunden und ihn vor das Thor der Sonne geschickt.«

Hier unterbrach Heron die Alte mit einem so kräftigen Schlag auf den Tisch, daß der Brei in der Schüssel Wogen schlug, und rief zornig: »So geht es, wenn man die Sklaven wie seinesgleichen behandelt, und sie selbst zu denken beginnen! Den guten Morgen kann einem die Dummheit verderben. Der Nachtstratege, daß Du's weißt, ist ein ansehnlicher Herr, und vielleicht bekannt mit dem Seleukus, dessen verstorbene Tochter der Alexander gemalt hat. Das Bild macht Aufsehen. Aufsehen? Was sag' ich! Wie toll sind die Leute, denen es vergönnt ist, dies Werk zu bewundern. Was es sonst noch im Hause der Totenbestatter zu schauen gab, war ihnen Lust. Hab' oft genug über den Jungen gebrummt, der überall lieber ist als hier. Aber diesmal! Man hätte stolz sein dürfen, sein Vater zu sein! Nun sendet der Nachtstratege seinen Epistolographen oder dergleichen, gewiß, um sich selbst, seine Gattin oder Tochter – wenn er eine hat – von dem Meister malen zu lassen, der das Bildnis der Korinna schuf, und der Sklave seines eigenen Vaters – 's ist um den Verstand zu verlieren – dreht dem Glücksboten eine Nase und schickt ihn in die Irre. Ich will den Argutis lehren! Doch vielleicht ließe sich jetzt noch . . . Fort erst und hol ihn!«

Bei den letzten Worten warf Heron den Löffel wieder von sich, wischte sich den Bart, und als er sah, daß Dido immer noch wie gebannt vor ihm dastand und an ihrem grauen Sklavenkleide zupfte, da herrschte er sie, der er sonst freundlich und mit größerer Schonung als den eigenen Kindern begegnete, so zornig an, daß die Alte sich in sich zusammenzog und mit lautem Gewinsel tief gebückt die Thür zu erreichen suchte.

Da that dem weichmütigen Polterer die greise, treue Dienerin leid, die er vor einem Menschenalter für das Haus gekauft, in das er als Neuvermählter sein schönes junges Weib geführt hatte, und wie vorhin den Vögeln, begann er nun, ihr gute Worte zu geben.

Das that der Alten so wohl, daß sie wiederum weinen mußte; doch trotz der Aufrichtigkeit ihrer Thränen fühlte sie, die sich längst gewöhnt hatte, auf die guten Stunden bei ihrem Herrn zu achten, daß nun die Zeit für ihre Mitteilung gekommen sei. Erst freilich wollte sie noch einmal nachsehen, ob Melissa nicht doch endlich heimgekehrt sei, und so küßte sie dem Gebieter, dankbar für so viel Güte, den Saum des Rockes und enteilte der Werkstatt.

»Du schickst mir den Argutis,« rief Heron ihr dringlich nach, und sprach dem Frühmahle mit erneutem Eifer zu.

Erst dachte er dabei des schönen Werkes seines Sohnes und der thörichten Eigenmächtigkeit des sonst so treuen und – ja, das war er – auch klugen Sklaven. Dann fiel sein Blick auf den leeren Platz Melissas ihm gegenüber, und plötzlich stieß er die Schale von sich und stand auf, um nach der Tochter zu sehen.

Da rief der Star gerade wieder recht hell und freundlich »Olympias,« und das that ihm wohl und erinnerte ihn an die guten Stunden am Grabe seines Weibes und die günstigen Vorzeichen, die ihm dort zu teil geworden waren. Der Glaube an die bessere Zeit, von der er dem Vogel geredet, bemächtigte sich wieder seiner hoffnungsarmen Seele, und in der festen Zuversicht, daß Melissa durch irgend einen bedeutungslosen Umstand in ihrer Kammer oder sonstwo zurückgehalten werde, trat er ans Fenster und rief ihren Namen hinaus; denn ihr Stübchen schaute in den Garten.

Und es war, als gehorche die stets Gehorsame auch diesmal; denn wie er sich in die Werkstatt zurückwandte, stand Melissa in der offenen Thür.

Nach dem schönen Griechengruße: »Freue Dich«, den sie leise erwiderte, fragte er sie so mürrisch, als lägen hinter ihm die übelsten Stunden, wo sie so lange bleibe. Doch er verstummte bald; denn überrascht nahm er wahr, daß sie nicht aus ihrer Kammer, sondern – die Kleidung verriet es – von einem Ausgange komme. Dabei fehlte es ihrer Erscheinung an der zierlichen Ordnung, die ihr sonst so gut stand, und überhaupt . . . Wie sie aussah! Woher kam sie so früh?

Jetzt legte sie das Kopftuch ab, jetzt strich sie sich, leise aufstöhnend, das wirre Haar mit beiden Händen aus den Schläfen, jetzt endlich wandte sie ihm das Antlitz zu, und ihrer vollen, schnell auf und nieder wogenden Brust entrang sich der dumpfe Ruf: »Da bin ich! Doch welche Nacht liegt hinter mir, Vater!«

Aber Heron bedurfte längerer Zeit, um ein Wort der Erwiderung zu finden.

Was war dem Mädchen begegnet?

Was konnte es sein, das ihm an ihr so beängstigend und fremd schien?

Stumm und von hundert schauerlichen Befürchtungen beunruhigt, starrte er sie an. Es war ihm wie einer Mutter, die dem Kinde den Nachtkuß auf die gesunden Lippen drückte und es am Morgen in heißer Fieberglut wieder findet.

Seit Melissa das Licht erblickt, war sie gesund gewesen, seit sie den Gürtel der Jungfrauen trug, hatte sich nichts an ihr verändert, war sie Tag für Tag und zu jeder Stunde sich gleich geblieben in ihrer stillen, dienstlichen, geduldigen Weise, hatte sie immer eher an ihn und die Brüder gedacht und für sie gesorgt, als für sich selbst.

Es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß es je anders mit ihr werden könne, und nun schaute ihm statt des friedvollen, gelassen heiteren Gesichtes mit den rosig angehauchten Wangen ein bleiches Antlitz mit zuckenden Lippen entgegen. Die sonst so hellen Augen, die Alexander oft mit denen der Gazelle verglichen, welche unheimliche Glut hatte diese Nacht in ihnen entzündet! Wie tief sie lagen, und wie der Schatten, der sie dunkel umgab, sein Künstlerauge erschreckte! So sahen die Mädchen am Morgen aus, welche die Nacht als Mänaden durchschwärmten. Hatte auch sie nicht in der Kammer gerastet, sondern mit dem wilden Alexander im Gefolge des Gottes getobt? Oder war einem seiner Söhne etwas Furchtbares begegnet? Hundert Fragen schwebten ihm auf den Lippen, doch eine große Angst hemmte ihm immer noch die Zunge.

Nichts hätte ihn mehr erleichtert, als sie wie sonst mit rauhem Gepolter anzufahren, – und es drängte ihn auch dazu – aber es war etwas an ihr, das ihn, er wußte selbst nicht, ob mit Scheu oder Mitleid erfüllte und ihn davon abhielt.

So folgte er ihr denn nur stumm mit den Augen, während sie in ihrer ordentlichen Weise das Kopftuch und den Mantel zusammenfaltete und die wirren, gelockerten Strähnen des vollen Haares mit schnellen Griffen glättete und um das Haupt schlang.

Aber eines mußte das Schweigen doch brechen, und er atmete auf, als das Mädchen ihm zuvorkam und mit einer Stimme, deren ungewohnt verschleierter Klang ihn von neuem erschreckte, mit der Frage begann: »Ist es wahr, daß ein Scythe des Nachtstrategen schon hier war?«

Da fuhr er auf, und es that seinem gepreßten Herzen wohl, sich mit dem unwilligen Rufe Luft zu machen: »Noch einmal die Sklavenweisheit! Der vermeinte Scythe kam als Bote seines Herrn. Der Nachtstratege – ihr werdet ja sehen – will den Alexander mit einem Auftrag beehren.«

»Nein, nein,« unterbrach sie eifrig den Vater. »Sie fahnden nach dem Bruder. Den Göttern sei Dank, daß der Scythe kam. Es beweist, daß Alexander noch frei ist.«

Da griff sich der Künstler an das buschige Haupt; denn es war ihm, als drehe sich die Werkstatt im Kreise um ihn her. Zu gleicher Zeit verlangte die alte Angewöhnung ihr Recht, und wild aufbrausend stieß er mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Lungen hervor: »Was ist das? Was soll das? Was hat Alexander begangen? Wo bist Du, – wo seid ihr gewesen?«

Zwei lange Schritte führten den wütenden Mann dicht vor das erschrockene Mädchen; die Vögel alle regten sich in den Bauern, und der Glanzstar rief laut und ängstlich. »Meine Kraft« und dann den Namen »Olympias«.

Da blieb Heron stehen, fuhr sich mit den Händen in das dichte, ergraute Gelock, lachte schrill auf und rief: »Mit grünender Hoffnung auf bessere Tage bin ich von ihrem Grabe geschieden, und so wird sie erfüllt! Wo man Ruhm erhofft, Schande! Und Du, Dirne! Wo hast Du die Nacht verbracht? Wo kommst Du her? frag' ich noch einmal!«

Dabei hob er die geballte Faust und schwenkte sie drohend vor den Augen Melissas.

Regungslos stand sie vor ihm, totenbleich und mit weit geöffneten Augen, von denen schwere Thränen einzeln, langsam, wie müde ihr über die Wangen rannen. Heron sah sie, und sie zerschmolzen seinen Ingrimm.

Wie ein Trunkener schwankte er dem nächsten Sessel zu, warf sich darauf nieder und wimmerte, das Haupt in den Händen: »Ich Armer, ich Armer!«, bis sich die weiche Hand seines Kindes ihm auf den Scheitel legte, ein Kuß warmer Mädchenlippen seine Stirn berührte und Melissa ihm bittend zuflüsterte: »Höre auf, Vater; vielleicht wird noch alles gut. Ich habe auch etwas erlebt, das Dich freuen wird, ja gewiß aufrichtig freuen.«

Da zuckte Heron ungläubig die Achseln und wollte sogleich erfahren, wie das Wunder heiße, das ihm heute die Stirn glätten könne; sie aber blieb dabei, es ihm erst mitzuteilen, wenn die Reihe daran komme.

Endlich fügte er sich, rückte den Sessel an den Tisch und nahm ein Stück Modellwachs zur Hand, um die unruhigen Finger beim Hören zu beschäftigen.

Auch sie mußte sich setzen; denn die Füße trugen sie kaum mehr.

Anfänglich folgte er ruhig ihrem Berichte, ja wie sie ihm den gegen den Kaiser gerichteten Scherz Alexanders wiederholte, hellte sein Antlitz sich auf. Das alexandrinische Blut und sein Gefallen an bissigen Scherzen forderten ihr Recht, und mit einem derben Schlag auf seinen gewaltigen Schenkel rief er: »Ein verwünschter Gedanke! Aber der Junge vergaß, daß wenn Zeus den Sohn nur lähmte, dieser unsterblich ist, während der Bruder des Kaisers ein so gebrechliches Menschenkind war, wie Caracalla es heute noch sein soll.«

Dabei lachte er hell auf; doch es war zum letztenmal an diesem Morgen; denn kaum hatte er den Namen »Zminis« vernommen und gehört, daß er es gewesen, der den Alexander belauscht, als er das Wachs aus der Hand warf, entsetzt in die Höhe schnellte und ausrief: »Der Hund, der sein Auge auf die Mutter warf und ihr noch nachschlich, nachdem sie ihm längst den Stuhl vor die Thür gesetzt hatte! Der tückische Unglücksstifter, der uns schon oft genug Fußangeln in den Weg warf. Wenn es dem gelingt, die Schlinge zuzuziehen, in die der Junge den Hals so unvorsichtig steckte! . . . Doch vor allem: Hat er ihn schon, oder ist Alexander noch frei?«

Aber niemand, auch nicht der Sklave, der noch unterwegs war, konnte ihm diese Frage beantworten, und das steigerte seine Unruhe so sehr, daß er bei dem weiteren Berichte Melissas die Werkstatt hastig durchmaß und die Erzählerin nicht selten mit Fragen oder kurzen Ausbrüchen des Unwillens unterbrach. Dabei leuchtete es ihm ein, daß er selbst nach dem Sohne sehen müsse, und er benutzte die Zeit, um sich zum Ausgang zu rüsten.

Als er von dem Magier und seiner Versicherung hörte, der Wissende sei im stande, mit den Seelen der Verstorbenen zu verkehren, zuckte er nur ungläubig die Achseln und fuhr fort, sich die Sandalen an die Füße zu schnüren. Wie Melissa aber versicherte, daß nicht sie allein, sondern auch Diodor die wandernde Seele der verstorbenen Korinna unter dem Zuge der Geister erblickt habe, ließ er die Riemen sinken, die er eben um die Knöchel legte, und verlangte zu wissen, wer der Magier sei, und wo er zu finden. – Sie aber wußte nur, daß er Serapion heiße, und beschrieb kurz sein stattliches Aussehen.

Heron war diesem Manne schon begegnet, und sein Geist schien sich noch mit ihm zu beschäftigen, als die Wangen der Jungfrau sich röteten und sie mit niedergeschlagenen Augen leise bekannte, Diodor werde, sobald er genesen sei, kommen und sie von ihm zum Weibe begehren.

Es hatte lange gedauert, bis sie endlich auf die eigenen Angelegenheiten einging; doch es war nun einmal ihre Art, erst wenn den anderen ihr Recht widerfahren war, an das eigene zu denken.

Doch der Vater?

Hatte sie zu leise gesprochen, war er heute wirklich nicht im stande, sich zu freuen. oder was ging in ihm vor, daß er diese, doch auch für ihn nicht bedeutungslose Kunde überhörte und, statt seiner Zustimmung oder Mißbilligung Ausdruck zu geben, sie nur drängte, weiter zu erzählen?

Da rief sie ihn an, wie man einen Schlafenden weckt, und fragte ihn, ob es denn möglich sei, daß ihm das Gute, das sie ihm in Aussicht gestellt und nun anvertraut habe, wirklich nicht zur Freude gereiche.

Und diesmal lieh ihr Heron das Ohr und gab ihr die Befriedigung seines väterlichen Herzens zu erkennen, indem er sie küßte.

Diese Nachricht machte allerdings manches andere gut; denn Diodor war ein Schwiegersohn nach seinem Herzen, und zwar nicht nur weil er reich und seine Mutter der verstorbenen Olympias so lieb gewesen war. Nein, der Vater des jungen Freiers gehörte auch wie er selbst zu den »alten Makedoniern«, er hatte den Verlobten seiner Tochter aufwachsen sehen, und es gab keinen Jüngling in der Stadt, der ihm angenehmer gewesen wäre. Das bekannte er auch frei; nur bedauerte er, daß, wenn sie erst mit dem Gatten jenseits des Sees hause, er verlassen dastehen werde wie ein Standbild auf seiner Säule. Die Söhne hätten ohnehin schon begonnen, ihn wie einen Aussätzigen zu meiden.

Als er dann erfuhr, was dem Diodor begegnet war, und Melissa weiter erzählte, die Leute, die den Stein nach dem Hund geworfen hätten, seien Christen; sie hätten den Verwundeten aber in ein großes, sauberes Haus getragen, wo er sorgsam gepflegt worden sei, bis sie ihn verlassen, brach Heron in harte Schmähungen gegen die vaterlandslosen Anbeter des gekreuzigten Juden aus, die wie Ungeziefer zunähmen und die alte gute Ordnung der Dinge auf den Kopf zu stellen trachteten. Diesmal indes solle den Gleisnern, welche die Sanftmütigen spielten und doch wilde Hunde auf friedliche Leute hetzten, gezeigt werden, daß man sich nicht straflos an makedonischen Bürgern vergreife.

Melissas Versicherung, keiner der Christen habe die Dogge auf ihren Verlobten gehetzt, wies er ärgerlich zurück; sie aber bestand darauf, daß es nur einem unseligen Zufall zuzuschreiben sei, daß der Stein den Diodor getroffen und ihn so schwer gerade am Kopf verwundet habe. Sie wäre gewiß nicht von seiner Seite gewichen, wenn sie nicht gefürchtet hätte, ihr langes Ausbleiben werde den Vater beunruhigen.

Endlich blieb Heron kurze Zeit nachdenklich stehen und holte sodann aus der Truhe ein Kästchen, dem er etliche geschnittene Steine entnahm.

Während er sie noch mit aller Vorsicht prüfend ans Licht hielt, fragte er die Tochter: »Ob ich, wenn ich beim Polybius, zu dem ich hinüber will, erfahre, daß sie den Alexander schon festsetzten, es wohl wagen darf, dem Präfekten Titianus zwei schöne Gemmen anzubieten, damit er ihn losläßt? Er ist ein feiner Kenner, und der Nachtstratege hat sich seinem Willen zu fügen.«

Da bat ihn Melissa, von dem Vorhaben zu lassen, Alexander in seinem Versteck aufzusuchen; denn jedermann kenne den Künstler Heron, und bemerke ihn ein Häscher, werde er ihm folgen. Was den Präfekten angehe, so könne er heute gewiß niemand empfangen; denn der Vater wisse ja, daß der Kaiser nach Mittag in Alexandria eintreffe, und Titianus werde ihm doch allen voran entgegen ziehen müssen. »Wenn es Dich ins Freie treibt,« schloß sie, »so suche den Philipp auf. Bring ihn zur Vernunft und besprich mit ihm, was zu thun ist.«

Dieser Rat klang fest und entschieden, und befremdet schaute Heron auf diejenige, die ihn erteilte.

Bisher hatte sie geräuschlos für sein Behagen gesorgt und ohne eine eigene Meinung zu äußern, es sich gefallen lassen, seiner üblen Laune zum Ableiter zu dienen. Ihre jungfräuliche Schönheit rechnete er ihr nicht hoch an; denn es gab überhaupt keine häßlichen Menschen in seinem Geschlecht und in dem der verstorbenen Olympias. Auch das viele andere, das sie ihm bot, nahm er als selbstverständlich hin; ja bisweilen brachte es ihn gegen sie auf. Er hatte dann die Empfindung, als beabsichtige sie, sich an den Platz seiner geliebten Verstorbenen zu drängen, und er hielt es für Pflicht gegen die Dahingegangene, ihr dann zu zeigen, – und es geschah oft barsch und verletzend genug – daß sie weit entfernt sei, ihm die Mutter zu ersetzen.

So hatte sie sich längst gewöhnt, still und schweigend ihre töchterlichen Pflichten treu zu erfüllen und aus keinen Dank dafür zu rechnen, er aber meinte ihr etwas zu gewähren, indem er ihre stete Gegenwart duldete.

Daß er je dahin kommen werde, mit der Tochter Gedanken auszutauschen oder gar ihren Rat zu befolgen, wäre dem Heron noch vor wenigen Stunden unmöglich erschienen, und nun kam es doch so, und zum zweitenmal an diesem Morgen schaute er ihr überrascht und befremdet ins Antlitz.

Ihre Warnung, den Versteck Alexanders nicht zu verraten, mußte er im Stillen wohl begründet finden, und ihr Rat, seinen ältesten Sohn aufzusuchen, leistete einem stillen Verlangen Vorschub, das ihm seit der Erzählung von ihrer Begegnung mit dem Geiste einer Abgeschiedenen die Seele heftig bewegte.

Die Möglichkeit, diejenige wieder zu sehen, deren Andenken ihm das Teuerste war auf Erden, besaß einen so bestrickenden Reiz, daß sie ihn lebhafter beschäftigte als die Gefahr des Sohnes, der seinem seltsam gearteten Herzen dennoch teuer war.

So entgegnete er denn der Tochter gelassen und als habe er ihr nur zu eröffnen, was er längst reiflich erwogen: »Ja wohl! Auch bei dem Philipp gedachte ich vorzusprechen. Nur« – und hier stockte er; denn die Besorgnis um den Sohn begann sich plötzlich wieder heftiger in ihm zu regen, – »nur kann ich es nicht ertragen, noch lange in Ungewißheit über den Jungen zu schweben.«

Da öffnete sich die Thür, und jener Andreas, dessen Schutz und Rat Diodor dem Alexander in Aussicht gestellt hatte, trat ein und wurde von Melissa mit töchterlicher Herzlichkeit begrüßt.

Er war ein Freigelassener des Hauses ihres Verlobten und stand den großen Gärtnereien und anderen reichen Besitztümern seines früheren Herrn als oberster und unbeschränkter Verwalter vor.

Niemand hätte diesen aufrechten Mann mit dem bräunlichen Antlitz, aus dem ein tiefschwarzes Augenpaar streng, selbstbewußt und mit feuriger Lebhaftigkeit glänzte, für einen früheren Sklaven gehalten.

So sahen die Rädelsführer bei jenen Aufständen aus, die in Alexandria so häufig, und es lag etwas Befehlshaberisches im Klang seiner Stimme und den kräftigen Bewegungen seiner harten, doch wohlgeformten Hände.

Freilich gebot er schon seit zwanzig Jahren über die ansehnliche Zahl der Sklaven des Polybius, der ein bequemer und, seit ihm die Gicht in die Füße gefahren, kränklicher Herr war. Heute fesselte ihn ein neuer Podagraanfall an das Lager, und so hatte er den Vertrauten in die Stadt gesandt, um dem Heron mitzuteilen, daß er sich der Wahl seines Sohnes freue und den Alexander vor jeder Nachstellung zu schützen gedenke.

Bisher hatte Andreas nur kurz und sachlich Bericht erstattet; dann aber wandte er sich an Melissa und sagte im Ton inniger Vertraulichkeit: »Polybius will auch wissen, wie Dein Bräutigam bei den Christen gepflegt wird, und von hier aus begebe ich mich zu unserem Kranken.«

»Dann fordere Deine Freunde auch auf,« fiel ihm der Steinschneider ins Wort, »künftig weniger bissige Hunde zu halten.«

»Das,« versetzte der Freigelassene, »würde unnötig sein; denn das wütende Tier hat denen, auf deren Freundschaft ich allerdings stolz bin, schwerlich gehört, und war es dennoch das ihre, so wird das Geschehene ihnen so leid sein wie uns.«

»Ein Christ läßt eben nichts auf den andere kommen,« entgegnete Heron und zuckte die Achseln.

»So lang es die Gerechtigkeit gestattet, gewiß nicht,« entgegnete Andreas bestimmt. Dann fragte er gelassen, ob Heron seinem Sohn etwas zukommen zu lassen oder mitzuteilen habe, und als jener dies verneinte, schickte der Freigelassene sich an, die Werkstätte zu verlassen; doch Melissa hielt ihn zurück und rief: »Ich begleite Dich, wenn Du's gestattest.«

»Und ich?« fragte Heron empfindlich. »Es scheint, als verlernten die Kinder mehr und mehr, sich um die Meinung und die Bedürfnisse des Vaters zu kümmern. Ich muß zu Philipp. Wer weiß, was in meiner Abwesenheit vorfällt. Und – nichts für ungut, Andreas – was hätte meine Tochter bei den Christen zu suchen?«

»Ihren kranken Verlobten,« entgegnete Andreas scharf. Dann fuhr er gelassen fort: »Es wird mir eine Freude sein, sie zu begleiten, und Dein Argutis ist ein treuer Mann und weiß in jedem Fall besseren Rat als ein unerfahrenes Mädchen. Ich sehe keinen verständigen Grund, sie zurückzuhalten, Heron. Ich möchte sie nachher auch mit über den See führen. Dem Polybius würde es den Schmerz erleichtern, den Liebling, die künftige Tochter, bei sich zu haben. Mach Dich fertig, mein Kind.«

Unwillig war der Künstler diesen Worten gefolgt, und eine schnelle, zornige Regung trieb ihn an, den Freigelassenen in seine Schranken zurückzuweisen. Wie aber sein rollendes Auge den stetigen, ernsten Blick des andern traf, legte er sich Mäßigung auf und sagte nur mit einem Achselzucken, das seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, sich gegen besseres Wissen des Einspruches zu begeben, indem er den Andreas geflissentlich übersah und sich nur an Melissa wandte: »Du bist eine Braut und erwachsen. Folge denn meinetwegen denen, deren Wünsche hier mehr gelten als meine. Der Sohn des Polybius ist ja ohnehin bald Dein Gebieter.«

Damit legte er den Umwurf in Falten, und wie das Mädchen sich beeilte, ihm dabei zu helfen, ließ er es geschehen, doch rief er dem Freigelassenen zu: »Nur eins bitt' ich mir aus. Ihr habt Sklaven genug drüben. Sobald etwas mit dem Alexander vorgeht, muß es mir mitgeteilt werden!«

Hierauf küßte er Melissa auf den Scheitel, warf dem Andreas einen gönnerhaften Gruß zu und verließ die Werkstatt.

Die weichliche Hingabe an ein Traumbild hatte seine Streitbarkeit geschwächt; er wäre aber doch dem früheren Sklaven gegenüber weniger nachgiebig gewesen, hätte sein Vorschlag ihn nicht auch für die nächste Zeit von Melissas Gegenwart befreit.

Er fürchtete die Tochter gewiß nicht, aber sie brauchte nicht zu wissen, daß er durch den Philipp mit dem Magier Serapion bekannt zu werden wünschte und durch ihn wenigstens dem Geiste derjenigen wieder zu begegnen hoffte, nach der er sich sehnte. Als das Haus hinter ihm lag, schmunzelte er vor sich hin wie ein Knabe, der dem Aufseher glücklich entwischte.

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