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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Fünftes Kapitel.

Der Weg wimmelte jetzt von Heimkehrenden, und es herrschte unter ihnen so übermütige Fröhlichkeit, daß man ihnen am letzten ansehen und hören konnte, von einer wie ernsten Stätte sie kamen.

In der herrlichen Vollmondnacht folgten die Heimkehrenden dem Weg am Meer, der von der Totenstadt nach Eleusis führte.

Dorthin hatte ein großer Zug von Griechen sich begeben, um die Mysterien ähnlich wie in dem attischen Eleusis zu feiern, dem das alexandrinische nachgebildet war.

Die neu eingeführten und die alten Adepten, die ihre Aufnahme in die Mysterien zu leiten hatten, waren im Tempel zurückgeblieben; die übrigen Mysten aber stießen jetzt zu denen, die aus der Totenstadt kamen.

Wohl vertrat hier der Serapis den Pluton, viel Hellenisches hatte neue, ägyptische Formen gewonnen; selbst die Folge der Gebräuche war von Grund aus verändert worden, doch wie am attischen Meeresufer erscholl auch am afrikanischen hell und daseinsfroh das griechische: »An die See, ihr Mysten!« und der zur Festfreude ladende Ruf: »Iakchos, geleite uns Iakchos!«

Schon von weitem ließ er sich vernehmen, doch die Stimmen der Rufenden waren bereits müde und die meisten Fackeln niedergebrannt.

Die Epheu- und Myrtenkränze im Haar der Mysten hatten den Halt verloren, die Hymnensänger waren auseinander gelaufen, und selbst die Jambe, deren Scherze die trauernde Demeter erheitert hatten, und deren Mund zu Eleusis von köstlichen Spässen übergeflossen war, zeigte sich jetzt müde und schweigsam. Sie hielt noch den Krug in der Hand, aus dem sie die beraubte Gottesmutter mit wohlthätigem Mischtrunk gekräftigt, doch war er leer, und sie sehnte sich nach einem Trunke.

Eigentlich war »sie« ein »er«; denn ein Jüngling hatte in Frauenkleidern die lustige Rolle der Jambe zu spielen, und diesmal stellte Alexanders Freund und Jugendgespiele Diodor die Tochter des Pan und der Echo dar, die der eleusischen Königin Metaneira, bei der die klagende Demeter Aufnahme fand, als Sklavin gedient haben sollte. Seine kräftigen Beine hatten allen Grund, so müde zu sein wie die Zunge, die seit fünf Stunden nicht zur Ruhe gelangt war.

Da fiel ihm der große vierspännige Wagen ins Auge, auf dem der gewaltige Getreidescheffel, der Kalathos, der den Gott Serapis als Wahrzeichen auf dem Haupte trug, nach Eleusis geführt worden war. Jetzt war er leer; denn sein Inhalt wurde geopfert, und die vier Rappen vor dem großen Fuhrwerke hatten es nicht schwer. Noch keiner war auf den Gedanken gekommen, sich von ihnen in die Stadt ziehen zu lassen; doch der findige, aber müde Diodor eilte dem Wagen nach und schwang sich hinauf. Andere wollten ihm folgen; er aber wehrte sie ab, ja, stieß sie mit der frisch angezündeten Fackel zurück; denn ruhig konnte er trotz der Müdigkeit nicht bleiben.

Da erblickte er mitten im Kampf den Freund und Melissa.

Sein Herz gehörte der lieblichen Jungfrau seit ihren gemeinsamen Kinderspielen in den Gärten seines Vaters, und wie er sie neben dem Bruder, der mit den Nachbarstöchtern tändelte, gesenkten Hauptes daherschreiten sah, rief er sie an, und da sie sich weigerte, ihm auf das Fuhrwerk zu folgen, sprang er behend zu Boden, schwang sie mit den in der Palästra gestählten Armen in die Höhe, ließ die Widerstrebende sanft auf der breiten Fläche des Wagens neben dem Kalathos nieder und rief: »Der Raub der Persephone. Zum zweitenmal dargestellt dieser Nacht!«

Da überkommt auch den Alexander die alte Daseinslust.

Voll frohen Uebermutes, als sei er bar und ledig jeder Sorge und habe eben mit dem Glück ein Bündnis geschlossen, umfaßt er die hübsche Ino, schwingt sie auf den Wagen, wie Diodor es mit seiner Schwester gethan, und nimmt lachend und mit dem Rufe: »Der gleiche Raub zum drittenmal!« neben ihr Platz.

Im Nu thun es andere den kecken Vorgängern nach: »zum vierten, zum fünftenmal,« schallt es unter munterem Gekreisch, hellem Gelächter und lauten Iakchosrufen.

Den Rappen wird die Arbeit sauer; denn auf dem Rande des flachen Wagens sitzt rings um den Kalathos des ernsten Serapis her ein junges, heiteres Pärchen neben dem andern.

Um die Häupter der Geschwister schlingt sich bald Myrte und Epheu. Auf dem Fuhrwerk und unter denen, die es umgeben, gibt es nichts mehr zu sehen als vor Lust und Mutwillen strahlende Gesichter, nichts zu hören als jauchzenden Frohsinn.

Die Müdigkeit ist vergessen; man sollte denken, die finsteren Schwestern Kummer und Sorge seien von der Erde verbannt.

Auch Melissas liebes, stilles Gesicht lächelt.

Anfänglich hat der übermütige Anfall des Freundes ihre jungfräuliche Sprödigkeit verletzt; doch wie der fröhliche Diodor ihr, so ist sie ihm von Kind an gut, und da auch andere sittsame Mädchen sich heiter gefallen lassen, was ihr geschah, und ihr Entführer sie so traut und schalkhaft um Verzeihung bittet, lächelt sie ihm in einer Weise zu, die ihm das Herz mit Wonne erfüllt und mehr sagt als Worte.

Es thut ihr auch so gut, zu sitzen und auszuruhen.

Sie spricht nur wenig, doch auch sie vergißt, was sie ängstigt, wenn sie die Hand des Freundes auf der ihren fühlt und er ihr zuflüstert, daß dies die schönste der Nächte und daß sie von allem Holdseligen, das die Götter geschaffen, das Holdseligste sei.

Neben ihr dehnt sich das blaue Meer aus, der Vollmond ruht auf seinem leicht bewegten Spiegel wie eine zitternde Säule von lauterem, blankem Silber. Es rauscht vom Strande her so sanft und herzbestrickend zu ihr herüber, wie der Nereïden Gesang; wenn sich aus dem Haupte einer Woge weiße Schaumstreifen zeigen, meint sie den Arm der Thetis oder Galatea zu schauen. Wo die See am tiefsten blaut, muß wohl der Meergott Glaukos ruhen und seine Freude haben an dem fröhlichen Treiben am Strande.

Die Natur ist so groß, und als der Gedanke ihr kommt, daß ihr Herz nicht zu klein sei, um sie ganz und bis an die fernsten Grenzen in sich aufzunehmen, überkommt sie ein frohes Erstaunen.

Und wie schön die Natur ist!

Aus jeder ihrer Erscheinungen schaut ihr ein heiteres, anmutsvolles Götterantlitz entgegen. Die Unsterblichen, die ihr so wehe gethan, und die sie oft grausam gescholten, sind doch freundlich und gut.

Das Meer, in dessen blanker Fläche das blaue Himmelsgewölbe mit Mond und Sternen sich zitternd spiegelt, der Lufthauch, der ihr die Stirn kühlt, ja die neue, sehnsüchtige Wonne, die das Herz ihr erfüllt, alles, was sie wahrnimmt und fühlt, ist eine Gottheit oder geht doch aus von einem Gotte. Den gewaltigen Poseidon und den hohen Zeus, die freundliche Selene und die spielenden Kinder des Windgottes fühlt sie sich nahe auf dieser Fahrt, und der mächtige Knabe der Kypris ist es doch wohl, der ihr Herz zwingt, so hoch zu schlagen wie nie zuvor.

Vielleicht auch hat der Besuch am Grabe der Mutter, ihr Gebet und was sie ihr an Gaben gebracht, den Genius der teuren Verstorbenen gerührt, und er umschwebt sie jetzt als ihr Schutzgeist.

Nur manchmal streift ihr wie ein flüchtiger Schatten die Erinnerung an etwas Schreckliches die Seele; doch was es ist, das sie und die Ihren bedroht, wird sie jetzt nicht gewahr und will es nicht sehen. Was morgen sein wird, soll ihr den Zauber dieser Stunde nicht trüben. Wie schön doch die Welt ist, wie selig doch auch schon der Sterbliche sein kann!

»Iakchos, Iakchos!« erschallt es rings um sie her, und das klingt so überfroh, als quelle die Brust der Rufenden über von seliger Lust, und wie das duftende Lockenhaupt des Diodor sich ihrem Köpfchen nähert, seine Hand die ihre drückt und sein Liebesgeflüster ihr Ohr trifft, raunt sie ihm zu: »Mein Alexander hat doch recht. die Welt ist ein Festsaal und das Leben so schön!«

»So schön!« wiederholt der Jüngling nachdenklich. Dann jauchzt er laut auf und ruft den Genossen zu: »Die Welt ist ein Festsaal! Rosen und Wein her, daß wir dem Eros opfern und dem Dionysos libiren. Laß auflohen die flammenden Fackeln, Iakchos! Komm, Iakchos, und weihe die selige Festlust!«

»Komm, Iakchos, komm!« ruft es hier und dort und bald überall dem begeisterten Jüngling nach. Doch die Krüge und Schläuche sind längst geleert. Aber dort hinter der Klippe liegt hart am Meere das Weinhaus »Zum Hahne«. Da gibt es frischen Trank, da können die Rappen ausruhen, deren Führer schon über die schwere Last, womit man den Wagen auf dem sandigen Wege überbürdet, gemurrt hat, da gibt es unter der breitästigen Sykomore auch einen ebenen Platz, der schon oft genug zum Chortanz benutzt ward.

Bald hält denn auch das Fuhrwerk vor dem weißgetünchten Wirtshaus, welches ein Spalier auf drei Seiten umgibt, um das sich Feigengeäste hinzieht und Weinreben ranken.

Die jungen Paare springen vom Wagen, und während der Hahnwirt, unterstützt von seinem Sklaven, einen gewaltigen Henkelkrug mit rotem Rebensaft heranschleppt, befestigt man frisch entzündete Fackeln an Pfähle und die Aeste der Sykomore, ordnet sich die auf Tanz begierige Jugend, und plötzlich stimmen helle Kehlen, unaufgefordert und als zwinge sie eine geheimnisvolle Macht, den Festgesang an:

»Iakchos, komm, o komm, Iakchos!
Komm hieher auf den Rasen zum Chortanz,
Zur festlichen Schar deiner Treuen
Laß den üppigen, beerenreichen
Myrtenkranz, dein Haupt umschwellend,
      Duftig sich schütteln!
Stampfe den Takt mit keckem Fuß
Zur ungezügelten, wonnetrunkenen,
      Seligen Feier!
Tanz ihn mit, den holdseligen,
Anmutreichen, dreimal heiligen
      Mystischen Reigen!

Und der Reigen beginnt.

In anmutigen Bewegungen schreiten Tänzer und Tänzerinnen einander entgegen. Schön muß jeder Schritt sein, jede Neigung und Hebung, wenn die Doppelflöten auch in schnellerem Takt erklingen und die gemessene Bewegung zum ausgelassenen Sprung wird. Jedes Paar weiß im voraus und die Musik lehrt, welche Empfindungen zum Ausdruck gebracht werden sollen, und es gilt, dem entsprechend zu tanzen. Jede Geste ist ein Farbenstrich, der dem zu gestaltenden Gemälde frommen oder es schädigen kann. Geist und Leib stellen in voller Harmonie, einer den andern ergänzend, treulich dar, was die Brust bewegt.

Ein Kunstwerk ist es, das Arm und Fuß hier vollenden. Selbst wenn die Leidenschaft den höchsten Grad erreicht, erkennt man das Gesetz, das sie leitet. – Ja, wirbelt die tanzende Schar auch wild auseinander, sie findet sich sicher nicht nur wieder zusammen, sondern bildet, neu vereint, ein neues, ansprechendes, in all seinen Gliedern harmonisch zusammenstimmendes Gemälde.

»Suchen und finden« könnte dieser Tanz heißen, der zunächst zur Darstellung bringen soll, wie Demeter der Persephone, ihrer Tochter, die Pluton in die Unterwelt entführte, nachirrt, bis sie die Verlorene wieder mit den mütterlichen Armen umfängt. So trauert die Erde um die gemähte Feldfrucht, die bei der Wintersaat in den Boden versenkt wird, um im Frühling aufzuerstehen, so sehnt sich ein treues Herz in der Zeit der Trennung, bis es mit der Geliebten wieder vereint ist, so beklagen wir unsere Toten, bis sich die Seele ihrer Auferstehung – an sie zu glauben ist der Zweck des Mysteriums – vergewissert.

Dies Klagen und Bangen, dies Zurückbegehren und Rufen, dies endliche Finden und die Wonne des neu gewährten Besitzes stellt Jüngling und Jungfrau bald in gemessenen, bald in leidenschaftlichen, aber immer in anmutsvollen Bewegungen dar.

Auch Melissa legt die ganze Seele in den Tanz, und so lang sie als Demeter die geraubte Persephone sucht, denkt sie der gefährdeten Brüder, und bei den die Bekümmerte tröstenden Scherzen der Baubo lacht sie so herzlich wie eine. Als es gilt, die Wonne des Wiederfindens zum Ausdruck zu bringen, braucht sie an nichts zu denken, als daß derjenige, welcher hier die Hand nach ihr ausstreckt, sie liebt und ihrer begehrt. Darin liegt für sie zu dieser Stunde das Ende alles Bangens und Suchens, die Erfüllung jedes Wunsches, und als nun wieder der Chor den Iakchos ruft und wieder ruft, ist es, als habe ihre Seele Flügel gewonnen. Die Zurückhaltung ihrer jungfräulich stillen Natur schmilzt hier dahin, und in ekstatischem Aufschwung reißt sie sich die Epheuranke, mit der Diodor sie umschlang, von der Schulter und schwingt sie hoch in die Luft. Das im Tanze gelöste volle Haar umflattert sie wild, und ihr Iakchosruf durchschmettert hell und jubelfroh die Nachtluft.

Der Jüngling, der ihr teuer, schaut sie mit entzückten Blicken an, wie ein Wunder; sie aber schlingt ihm, ohne der anderen zu achten, die Arme um den Hals, und als er sie küßt, ruft sie wiederum, aber diesmal laut und auch den Entfernteren vernehmbar: »Die Welt ist ein Festsaal!« und stimmt dann abermals mit funkelnden Augen in das Iakchosgeschrei der anderen ein.

Volle Pokale kreisen jetzt unter den begeisterten Mysten, und auch Melissa stärkt sich und reicht dann dem Geliebten den Becher, Diodor aber führt die Stelle des Randes zum Munde, die sie mit den Lippen berührt.

»O Leben, du Freudenquell!« ruft Diodor, küßt sie und zieht sie fester an sich. »Komm, Iakchos, und schaue neidisch zu, wie zwei Sterbliche die Wonne des Daseins dankerfüllt segnen. Wo ist nur Dein Alexander? Keinem, außer unserem Andreas, hab' ich vertraut, was ich seit dem Gang in den Zirkus im Herzen trage. Aber jetzt! Es ist zu viel der Glückseligkeit für zwei Herzen. Auch der Freund soll seinen Teil daran haben!«

Da faßte Melissa sich an die Stirn, als erwache sie aus einem Traume.

Wie heiß sie war vom Tanz und der ungewohnt starken Mischung des Weines!

Die Gefahr, in der ihre beiden Brüder schwebten, kam ihr in den Sinn. Von Kind an war sie gewöhnt, mehr an andere als an sich selbst zu denken, und plötzlich fiel die jubelnde Festfreude von ihr ab wie ein Mantel, an dem die Spange entzwei brach.

Mit kräftiger Entschiedenheit befreite sie sich vom Arme des Geliebten, und ihr Blick flog suchend vom einen zum andern.

Da stand die hübsche Ino, mit der Alexander den Reigen geschlungen. Tief atmend lehnte sie den müden Kopf mit dem wirren Haar an den Stamm der Sykomore und hielt einen Becher umgekehrt in der Rechten. Er mußte leer sein; doch wo war derjenige, welcher ihn austrank?

Das Nachbarskind mußte es wissen.

Ob der ungestüme Geselle sich mit dem Mädchen entzweite?

Aber nein!

Ein Sklave des Wirtes, berichtete Ino, habe ihm etwas zugeflüstert, worauf er ihm ungesäumt gefolgt und im Hause verschwunden sei.

Melissa wußte, daß es nichts Geringfügiges sein könne, das ihn dort zurückhielt, und sie eilte ihm nach in die Schenke.

Der griechische Wirt und sein rundes Weib stellten sich, als wüßten sie nicht, wen sie meine, doch als sie die Angst gewahrten, die der Fremden aus jedem Zuge des schönen Antlitzes sprach, und sie sich als die Schwester Alexanders zu erkennen gab, schauten Mann und Weib sich erst unschlüssig an, dann aber siegte in der Wirtin, die selbst Kinder hatte, die fest an einander hingen, das gute Herz, und mit dem Finger auf dem Munde flüsterte sie dem Mädchen zu: »Du darfst unbesorgt sein, schöne Jungfrau, mein Mann hilft ihm schon durch.«

Um weniges später wußte Melissa, der Aegypter, der sie auf dem Friedhofe erschreckt, sei der Sicherheitswächter Zminis, derselbe, von dem einmal ihre alte Sklavin Dido erzählte, die Mutter habe seine Werbung abgewiesen, bevor sie dem Vater die Hand gereicht, und darum freue es ihn, alles, was zum Hause des Heron gehöre, in Schaden zu bringen. Wie oft hatte sie von Widerwärtigkeiten gehört, die dieser Mann dem Vater und dem Alexander bereitet, bei denen der Aegypter aber stets den kürzern gezogen.

Dieser Angeber, der jetzt nach dem Nachtstrategen die höchste Stelle im Sicherheitsdienste inne hatte, war der am meisten gehaßte und gefürchtete Mann in der Stadt, und er hatte aus Alexanders Munde den Kaiser in einer Weise verspotten hören, die den Bruder ins Gefängnis, in die Steinbrüche, in den Tod führen konnte.

Der Bildhauer Glaukias war dem Aegypter an der Brücke des Drakonkanales begegnet, wo er die aus der Totenstadt Heimkehrenden aufgehalten hatte. Dem Dichter Argeios war er mit seinen Bütteln schon in den Weg getreten, doch die Thyrsusstäbe des Dionysischen Zuges hatten ihm und seinen Leuten das Spiel verdorben.

Wahrscheinlich stand er immer noch an der Brücke.

Glaukias selbst war auf jede Gefahr hin hieher geeilt, um den Alexander zu warnen. Jetzt hatte man ihn mit jenem versteckt, und beide konnten getrost, bis die Luft wieder rein war, im Weinspeicher des Hahnes, was kommen würde, erwarten. Der Wirt wollte niemand raten – sich zu seinen Krügen und Schläuchen zu drängen!

»Auch nicht dem ägyptischen Hunde!« rief die Hausfrau und hob die geballte Faust, als halte sie sie jetzt schon dem verhaßten Unheilstifter unter die Augen.

»Armes, hilfloses Lamm!« murmelte sie dann vor sich hin und schaute das zarte Stadtkind mitleidig an, das wie vom Blitze getroffen ratlos und verwirrt zu Boden schaute. Dabei kam ihr in den Sinn, wie hart sie selbst es in der Jugend gehabt, und blickte nun stolz auf die eigenen kräftigen Arme, die auch zuzugreifen und zu handeln verstanden.

Aber was war das?

Wie von einer Feder aufgeschnellt richtete die gebeugte Blume sich plötzlich in die Höhe und rief: »Dank, herzlichen Dank! Aber so wird es nicht gehen. Wenn Zminis euer Anwesen durchsucht, so dringt er auch in den Speicher; denn wozu könnte er euch im Namen des Kaisers nicht zwingen? Ich trenne mich jetzt auch nicht von dem Bruder.«

»So sei der willkommene Gast des Hahnes,« unterbrach sie die Wirtin, und ihr Mann verneigte sich höflich mit der Versicherung, der Hahn sei ihr Haus wie das seine.

Aber das hilflose Stadtkind lehnte auch diese freundliche Einladung ab; denn sein kluger Kopf hatte einen neuen Weg zur Rettung des Bruders gefunden; und die Wirtsleute, denen sie ihren Anschlag leise vertraute, lachten einander kopfschüttelnd an.

Vor der Thür des Hauses wartete Diodor mit ungeduldiger Sorge. Er liebte sie und war der beste Freund Alexanders. Was er für die Rettung des Bruders thun könne, wußte sie, würde geschehen. Zudem gab es auf dem Gute, das ihm einmal zufallen sollte, Raum genug, den Verfolgten zu verbergen, besaß doch der Vater des Diodor die größten Gärten der Stadt. Seine weitausgedehnten Ländereien waren ihr von Kind an vertraut; denn die verstorbene Mutter des Geliebten und die ihrige waren Freundinnen gewesen, und der umsichtige Verwalter der Gärten und Pflanzungen des Polybius, der freigelassene Andreas, stand ihr und den Brüdern näher als irgend ein Alexandriner.

Sie hatte sich auch nicht getäuscht; denn in der ihm eigenen feurig eifrigen Weise machte Diodor die Sache Alexanders zu der seinen, und der Rettungsplan erschien ihm doppelt vortrefflich, weil Melissa ihn ersann.

Kurz darauf war Alexander mit dem Bildhauer aus dem Versteck befreit, und die weitere Sorge für sie wurde dem Diodor überlassen.

Beide hatten sich vortrefflich verkleidet. In den Matrosen, deren Haar eine phrygische Mütze verbarg und um deren Lenden sich ein grober Schifferschurz schlang, hätte niemand die Künstler erkannt, noch weniger aber wäre den lachenden Gesichtern anzusehen gewesen, daß ihnen Gefangenschaft, ja vielleicht noch Schwereres drohe. Bei der Verkleidung hatte es so viel Drolliges gegeben, und nun sie erfuhren, wie sie in die Stadt geschmuggelt werden sollten, wuchs ihre Heiterkeit und teilte sich denen mit, die ins Vertrauen gezogen wurden.

Melissa war die einzige, die trotz des eifrigen Zuspruchs des Geliebten von banger Sorge bedrückt blieb.

Der kaum mittelgroße Glaukias war sicher, nicht erkannt zu werden, und er wie die anderen betrachteten, was nun kommen sollte, als einen vergnüglichen Spaß. Galt es doch, dem verhaßten Anführer der Häscher und seinen Trabanten, denen man schon manchen Streich gespielt hatte, einen Fang zu vereiteln. Dem Alexander konnte eher Schlimmes begegnen, doch gelang es nur, ihn bis zum Besuche des Kaisers zu verbergen, dann war er gerettet; denn der nahm sicherlich die Thätigkeit des Nachtstrategen und seines obersten Beamten voll in Anspruch. Man vergaß ja so schnell in Alexandria, was der Gegenwart nicht mehr angehörte! War Caracalla erst fort – und lange würde er hoffentlich nicht bleiben – so fragte kein Mensch mehr nach einem bissigen Wort, das vor seiner Ankunft gefallen.

Mochte der morgende Tag bringen, was er wollte, wenn der heutige nur froh blieb!

Neu gestärkt und ermuntert von der Rast und dem genossenen Weine, bereiteten die Mysten sich zum Aufbruch, und wie der Zug sich in Bewegung setzte, hatte keiner außer den Beteiligten bemerkt, daß die beiden als Matrosen verkleideten Künstler in dem mächtigen Kalathos des Serapis, der Raum für sechs Männer geboten hätte und dem hochgewachsenen Alexander bis an die Brust reichte, auf Melissas Rat untergekommen waren.

Mit einem Kruge Wein hatten sie sich in dem weiten Gefäß niedergelassen und lugten bisweilen lachend nach den Jungfrauen aus, die man wieder eingeladen, sich auf den Rand des Wagens zu setzen.

Nachdem die Räder ins Rollen gekommen waren, ging der Uebermut Alexanders und seines Schicksalsgenossen so weit, daß sie, sobald es unbemerkt geschehen konnte, die schönen Kinder mit den Kornresten, die sie auf dem Boden des Kalathos fanden, bewarfen oder mit Weintropfen bespritzten. Glaukias verstand es, das Rauschen des Regens und das Summen einer Fliege mit den Lippen täuschend nachzuahmen, und wenn die Mädchen sich über die lästigen Insekten beklagten, die ihnen ins Gesicht flögen, oder, hatte sie ein Weintropfen getroffen, versicherten, daß es, obgleich kein Wölkchen den azurblauen Himmel trübte, zu regnen beginne, mußten die ausgeladenen Künstler die Hand vor den Mund pressen, damit sie ihr Lachen nicht verrate.

Melissa, welche die hübsche Ino durch die Versicherung, daß Alexander unerwartet fortgerufen worden sei, getröstet hatte, und die auf dem Wagenrand neben ihr saß, bemerkte wohl, was die gefährdeten Männer im Kalathos trieben, und es beängstigte sie, statt sie zu erheitern.

Rings um sie her wurde gelacht und gescherzt, doch mit ihrer Fröhlichkeit war es vorbei, ja, die Angst bedrückte sie wie ein Alp, als der Wagen die Brücke erreichte und rasselnd über sie hinwegfuhr.

Da standen Soldaten und Liktoren und schauten den einzelnen und auch ihr forschend ins Antlitz. Aber keiner redete sie an, und wie das Wasser hinter ihr lag, atmete sie erleichtert auf. Doch nur einen kurzen Augenblick; denn nun kam ihr in den Sinn, daß sie bald das Thor zu passiren hätten, welches durch die westliche Hadriansmauer in die Stadt führte.

Wenn Zminis ihnen dort statt an der Brücke auflauerte und den Wagen untersuchte, dann war alles verloren; denn er hatte auch ihr mit dem wunderlich starren Auge ins Antlitz geschaut, und daß er, wo er die Schwester gewahrte, nach dem Bruder suchen werde, schien ihr gewiß. So brachte ihre Anwesenheit dem Alexander Gefahr, und damit mußte ein Ende gemacht werden.

Ungesäumt reichte sie darum dem Diodor, der neben ihr herging, die Hand und ließ sich auf die Straße gleiten. Dann raunte sie ihm zu, was sie befürchtete, und bat ihn, sich mit ihr von den anderen zu trennen und sie nach Hause zu führen.

Das war für den Liebenden ein überraschend köstlicher Befehl. Wie zum Scherz schwang er sich auf das Fuhrwerk, und dort gelang es ihm auch, unbemerkt in den Kalathos zu flüstern, daß Melissa sich unter seinen Schutz gestellt habe. Daheim möchten sie den Vater und den Andreas grüßen, die sie gut verstecken würden. Morgen früh könnten sie ihm erzählen, was ihnen weiter begegnet.

Dann zog er den Arm Melissas durch den seinen, ließ den Iakchosruf laut erschallen und eilte in schnellem Tanzschritt mit ihr dem Wagen voran.

Kaum fünfzig Schritte vor ihnen schlugen helle Flammen aus großen Pechpfannen gen Himmel, und ihr Licht zeigte dem Mädchen erst das gefürchtete Thor mit den Bildsäulen des Hadrian und der Sabina, und dann vor demselben, mitten auf der Straße, einen Reiter, der den Nahenden auf einem großen Rosse entgegen getrabt kam. Sein Haupt überragte alles, was sich auf der Straße bewegte, und wie sie zu ihm aufschaute, war es ihr, als höre ihr das Herz auf zu schlagen; denn ihr Blick traf die Augen des gefürchteten Aegypters, deren weiße Sterne so grell von dem Braun des hageren Antlitzes abstachen, und deren böses, bedrohliches Flackern sich ihrem Gedächtnis fest genug eingeprägt hatte.

Zu ihrer Rechten öffnete sich eine Gasse, und mit dem leisen Ruf: »Hier hinein!« zog sie den überraschten Diodor sich nach in das Dunkel.

Wie ihm das Herz schlug!

Verlangte es nun auch sie, deren jungfräulich keusche Strenge ihm früher und seit der selige Tanzrausch verflogen war, kaum einen freundlichen Blick und einen Händedruck vergönnt hatte, nach zärtlicher Hingabe in einsamem Dunkel? Sehnte die stille, bescheidene, die ihm, seit sie kein Kind mehr war, nur selten einige arme Worte vergönnt hatte, sich nun auch, ihm endlich, ungehört von den anderen, zu sagen, was ihm vorhin nur der Glanz ihrer Augen und der Kuß ihrer reinen jungen Lippen verraten?

In seliger Erwartung zog er sie fester an sich, doch sie entwand sich scheu seinen Armen, und bevor er ihr noch die ersten zärtlichen Worte zuflüstern konnte, rief sie ihm so angstvoll zu, als strecke die Hand des Verfolgers sich schon nach ihr aus: »Fort, fort! Das Haus dort verbirgt uns!«

Damit zog sie ihn sich nach in die offene Thür eines großen Gebäudes, und kaum hatten beide den dunklen Vorraum betreten, als sich Hufschlag vernehmen ließ und Fackelschein die Finsternis draußen erhellte.

»Zminis – da ist er, – er folgt uns nach,« raunte sie hastig und kaum der Rede mächtig dem Diodor zu, und ihre Besorgnis war wohl begründet; denn der Aegypter hatte sie erkannt und ihren Begleiter für den Alexander gehalten. Mit seinen Fackelträgern war er in die Gasse geritten, doch wohin sie sich verborgen, mußte seinem scharfen Auge entgangen sein; denn der Hufschlag verriet den atemlos Lauschenden, daß der Verfolger ihr Versteck schon hinter sich gelassen. Erst als das Pflaster zum andernmal dicht vor dem Hause, das sie verbarg, von Hufschlag erdröhnte, der nach dem Hadriansthore hin allmälich verhallte, entfernte Melissa die Hand von dem angstvoll pochenden Herzen.

Aber der Aegypter hatte gewiß Späher in der Gasse zurückgelassen, und Diodor trat hinaus, um sich zu überzeugen, ob der Weg nun frei sei.

Melissa blieb allein in dem dunklen Vorraum, und es drängte sich ihr die Sorge auf, wie sie ihr Hiersein erklären solle, wenn die Hausbewohner sie bemerkten; denn in dem großen Gebäude, das sie aufgenommen hatte, war man trotz der späten Nachtstunde noch nicht zur Ruhe gegangen.

Sie hatte längst ein murmelndes Geräusch vernommen, das aus einem der inneren Räume drang; doch erst allmälich gewann sie die nötige Ruhe, näher hinzuhören, woher es komme und was es bedeute.

Eine zahlreiche Gesellschaft mußte sich hier versammelt haben; denn sie unterschied verschiedene männliche Stimmen, unter die sich bisweilen auch eine weibliche mischte.

Jetzt ging eine Thür.

Erschrocken drängte sie sich fester an die Wand, aber aus dem Augenblick wurden Minuten, und niemand kam.

Endlich war es ihr, als vernähme sie das Rücken von Bänken oder Stühlen, und als riefen viele Stimmen durcheinander, sie wußte nicht was. Wieder drehte sich dann eine Thür in den Angeln, und darnach wurde es so still, daß sie eine Nadel hätte zu Boden fallen hören, und dies beängstigende Schweigen dauerte fort, bis eine tiefe, klangvolle Männerstimme vernehmbar wurde.

Die sonderbare Art, womit diese Stimme jedem Worte gleichförmig sein Recht widerfahren ließ, brachte sie auf die Vermutung, daß da drin etwas vorgelesen werde. Sie verstand den Satz auch deutlich, womit der Vortrag begann. Nach einer kurzen Pause ward er wiederholt und zwar schneller und als komme er diesmal dem Redner aus dem eigenen Innern.

Die sechs Worte: »Da aber die Zeit sich erfüllet,«Galater IV, 4. bildeten seinen schlichten Inhalt, und Melissa hörte nicht mehr auf die leiser gesprochene Rede, die ihm bald folgte; denn der erste Satz tönte wie vom Echo wiederholt in ihr fort.

Zwar verstand sie nicht, was er bedeute, es war ihr aber, als müsse ihm ein tiefer Sinn innewohnen. Wie eine Melodie, die sich auch gegen unsern Willen wieder und wieder vor unserem inneren Ohre vernehmen läßt, ließ er nicht von ihr, und ihr nachdenklicher Geist bemühte sich noch ihn zu deuten, als Diodor zurückkehrte, um zu melden, daß die Gasse ganz leer sei. Er wisse nun, wo sie sich befänden, und wenn es ihr recht sei, wolle er sie so führen, daß sie nicht wieder durch das Thor brauchten. Es wohnten hier herum zwar nur Christen, Aegypter und anderes Gesindel, doch heute beginne ja sein Amt, sie zu beschützen, und er wolle seiner aufs beste walten.

Jetzt trat sie mit ihm in die Gasse, und wie sie wieder fortschritten, zog er sie an sich und küßte ihr den Scheitel.

Das Herz war ihm so voll.

Er wußte nun, daß diejenige, deren er schon liebend begehrt, als sie noch im Kinderkleidchen an der Hand der Mutter durch die Gärten seines Vaters gesprungen war, seine Gefühle erwidere. Nun war auch die Zeit gekommen, zu fragen, ob sie ihm gestatte, bei dem Vater um sie zu werben.

So blieb er denn im Schatten des nächsten Hauses stehen, und wie er dort, hingerissen von zärtlicher Leidenschaft, alles vor ihr ausströmte, was ihm die Brust bewegte, und in seiner feurigen Weise schilderte, wie groß und tief seine Liebe, da empfand sie trotz der Mattigkeit, die ihr längst nach so großen Erregungen Leib und Seele beschwerte, mit stiller Dankbarkeit das große Glück, einem teuren, guten Menschen mehr zu gelten als allen anderen auf Erden. Die Liebe, die so lange als Knospe in ihr geschlummert und die vorhin so schnell den Kelch geöffnet, um sich dann wieder ängstlich zu schließen, entfaltete sich von neuem und blühte ihm entgegen. Aber es geschah nicht mehr wie vorhin in leidenschaftlicher Ekstase, sondern, angemessen ihrem stillen, klaren Wesen, mit maßvoller Freude, der es doch nicht an der rechten Wärme und herzgewinnenden Anmut fehlte.

Eine Glückseligkeit ohne gleichen kam über sie beide, und sie gestattete ihm, seine Schwüre mit Küssen zu bestätigen, und bot ihm selbst die Lippen, wenn das Herz ihr höher schlug vor heißem Dank für so viel Glück und solche Fülle der Liebe.

Sie war sein köstlichstes Kleinod, und in die Leidenschaft seines stürmischen Herzens mischte sich so aufrichtige Ehrfurcht, daß er sich willig in den Schranken hielt, mit denen die Jungfrau sich sittig umgab.

Und was hatten sie einander nicht alles bei dieser ersten Hingabe der Herzen zu bekennen, wie vielen Hoffnungen für die Zukunft galt es, Worte zu leihen! So einten sich im Fluge die Minuten zur Stunde, bis Melissa ihn bat, die Marmorbank, die ihnen schon längst Ruhe bot, mit ihr zu verlassen, wenn die Füße sie überhaupt noch nach Hause tragen sollten.

Wohl ward es ihm sauer, ihr den Willen zu thun, doch er gehorchte. Als er aber wieder mit ihr vorwärts schritt, fühlte er, daß sie schwer an seinem Arm hing und es sie Mühe koste, die kleinen Füße zu heben.

Die Gasse war zu dunkel, als daß er hätte wahrnehmen können, wie bleich sie geworden; und dennoch verwandte er keinen Blick von dem lieben, kaum in den Umrissen erkennbaren Antlitz. Da hörte er sie wie aus dem Traum ein leises: »Ich kann nicht mehr!« rufen, und sogleich führte er sie zu der Marmorbank zurück.

Sorgsam breitete er zuerst den Mantel über den steinernen Sitz und hüllte sie dann so vorsichtig ein, wie eine Mutter das frierende Kind; denn ein kühler Lufthauch deutete auf das Nahen des Morgens. Er selbst drängte sich an die Wand ihr zur Seite, um ungesehen zu bleiben; denn ein langer Zug von Menschen, denen Laternen vorangetragen wurden, kam eben aus dem Hause, das sie vorhin verlassen, die Gasse herauf.

Wer da zu dieser späten Stunde in so feierlicher Stille einherschritt, wußten sie sich beide nicht zu erklären. Sicherlich ließ sich kein froher Iakchosruf, keine wilde Klage, kein heiteres Gelächter und kein Klageton aus dem Munde der Vielen vernehmen, die dort paarweise und gemessenen Schrittes in die Gasse strömten. Sobald aber der letzte das Gebäude verlassen hatte, stimmten die Männer und Weiber, die den Zug bildeten, einen Gesang an, den kein Chorführer leitete, zu dem kein Saitenspiel erscholl, und der dennoch wie aus einer Brust zu kommen schien.

Diodor wie Melissa kannten jede Weise, die in Alexandria Hellenen und Aegypter in dieser Nacht und an anderen Festen sangen; diese aber war beiden fremd, und als der Jüngling dem Mädchen die Frage zuflüsterte: »Was ist es nur, das sie singen?« versetzte sie wie aus dem Schlafe geschreckt: »Es sind keine sterblichen Menschen.«

Da schauerte es dem Diodor kalt über den Rücken; denn es war ihm, als schwebe dieser Zug über den Boden hin und als müsse man den Schritt der einzelnen deutlicher von dem Pflaster widerhallen hören, wenn sie Menschen von Fleisch und Blut wären. Etliche schienen ihm auch größer als andere Sterbliche, und ihr Gesang kam doch wohl aus einer andern Welt als der, wo er heimisch. Vielleicht waren es Dämonen, waren es die Seelen der verstorbenen Aegypter, die nach einem mitternächtlichen Besuch derer, die sie auf Erden zurückgelassen, in die Felsengrüfte zurückkehrten, von denen es genug in den steinigen Hügeln gab, zu denen die Gasse führte. Sie strebten auch den Gräbern zu, nicht dem Thore, und Diodor that der Geliebten in leisem Flüsterton kund, was er vermute, und schloß die Hand um das Amulet in Gestalt eines Auges, das ihm seine ägyptische Kinderwärterin an einem anubischen Faden um den Hals gehängt hatte, um ihn vor dem bösen Blick und vor Verzauberung zu schützen.

Aber Melissa lauschte mit so aufmerksamer Hingabe dem Gesange, daß sie ihn nicht hörte. Die Mattigkeit, unter der sie schmerzlich gelitten, hatte sich während dieser stummen Rast in ein stilles, wohliges Selbstvergessen verwandelt. Sie empfand es wie ein Glück, die Last des ermüdeten Körpers nicht mehr zu fühlen, und der Sang der nächtigen Wanderer kam ihr vor wie ein Schlummerlied, das schöne Träume erweckte. Es stimmte sie froh, und doch jubelte es nicht und war nicht einmal heiter. Es griff ihr ins Herz und war doch nicht traurig und glich in nichts der leidenschaftlichen Klage der Isis um den Osiris, dem Jammer der Demeter um die verschwundene Tochter. Was es in ihr erweckte, war ein bitter süßes Mitleid, das ihr selbst galt, den Brüdern, dem Vater, dem Geliebten und zugleich mit ihnen auch allem, was dem Leid und Tod erlesen, auch dem Fremdesten, wofür sie noch nie Teilnahme empfunden.

Und dies Mitleid barg ein Wohlgefühl in seinem Schoße, das sie sich nicht zu erklären wußte oder auch nur zu deuten versuchte.

Bisweilen war es ihr auch, als ob dies Lied eine Danksagung enthalte. Sie galt wohl den Göttern, und darum gefiel sie ihr, und sie hätte mit anstimmen mögen; denn auch sie mußte ja den Himmlischen und allen voran dem Eros erkenntlich sein für die Liebe, die in ihrem Herzen erwacht war und so innige Erwiderung fand.

Tief atmend folgte sie jedem Ton dieses Gesanges, der gleich einer heilsamen Arznei auf sie wirkte.

Der Kampf der Willenskraft gegen die Erschöpfung des Leibes am Schlusse des seligen Beisammenseins mit dem Geliebten war so peinlich, das Bewußtsein, mit den bleischweren Füßen vielleicht nicht nach Hause zu kommen und irgendwo eine Unterkunft suchen zu müssen, so beunruhigend gewesen. Jetzt fühlte sie sich wieder still und in schönem Gleichgewicht wie daheim, wenn sie bei dem Vater saß und stickte und von der Mutter und der vergangenen Kindheit träumte.

Dieser Gesang war auf ihre bewegte Seele ausgegossen worden wie das Oel, das die Schiffer ins Meer rinnen lassen, um den stürmischen Wogenschwall zu sänftigen. Das fühlte sie. Sie mußte der Stunden gedenken, in denen sie an der Brust der Mutter entschlummert war in dem sichern Gefühl, daß zärtliche Liebe sie auf Händen trage.

Das Glück der Kinderzeit, wo sie alles geliebt, was sie kannte: die Ihren, die Sklaven, die Vögel des Vaters, die Blumen im Gärtchen, den Altar der Göttin, den sie salbte, und die Sterne am Himmel, kehrte zu ihr zurück, und so ruhte sie in wohliger, träumerischer Schlaffheit, mit dem Haupt auf der Schulter des Geliebten, bis die letzten Glieder des Zuges, die aus Weibern bestanden, von denen viele kleine Lampen in der Hand trugen, bis auf wenige an ihr vorbei gewallt waren.

Da fühlte sie plötzlich, wie Diodors Schulter, an der ihr Haupt lehnte, in die Höhe schnellte.

»Sieh dorthin,« flüsterte er ihr dabei dringlich zu, und wie ihr Blick seinem weisenden Finger folgte, schrak sie zusammen und rief: »Die verstorbene Korinna. Hast Du sie gekannt?«

»Sie kam manchmal in den Garten des Vaters,« lautete die Antwort, »und ich sah ihr Bild bei Alexander. Die Seelen der Hadesbewohner sind uns begegnet. Wir müssen opfern; denn wem sie sich zeigen, den ziehen sie sich nach.«

Da schauderte auch das Mädchen zusammen und rief angstvoll: »O Diodor! Nur nicht sterben! Fragen wir morgen den Priester, mit welchem Opfer wir uns loskaufen können. Nur nicht das Grab und der finstere Hades! Ich bin wieder stark genug. Laß uns fort von hier und nach Hause.«

»Aber jetzt durch das Thor,« entgegnete der Jüngling. »Es thut nicht gut, den Verstorbenen zu folgen.«

Doch Melissa bestand darauf, den Weg durch die Gasse zu nehmen. So sehr sie die der Unterwelt entflohenen Seelen auch fürchtete, wollte sie doch um keinen Preis dem schrecklichen Aegypter in die Hände fallen, der sie zwingen konnte, über das Verbleiben des Bruders Auskunft zu erteilen, und Diodor, der sich schämte, die Bangigkeit, die ihn noch immer beherrschte, der Geliebten zu zeigen, fügte sich ihrem Verlangen.

Aber es that ihm wohl bei den Todesschauern, die ihn zum erstenmale im Leben beschlichen, den Mund der Geliebten noch einmal zu küssen und ihre warme Hand in der seinen zu halten, während er mit ihr dahinschritt; ihr aber tönte der wundersame Gesang des nächtlichen Zuges vor dem innern Ohre fort, und bisweilen kam ihr der Satz in den Sinn, den sie in dem Hause gehört, worin sich die abgeschiedenen Seelen versammelt.

»Da aber die Zeit sich erfüllet,« hatte er gelautet.

Ob er sich auf die Stunde bezog, in welcher der Verstorbene den Abschluß des Erdenlebens erreichte, ob ihrer Stadt und ihren Bewohnern etwas Großes bevorstand, wozu die Zeit nunmehr gekommen? Hing dies Wort mit dem Besuch des Kaisers zusammen? Kehrten die Verstorbenen zu den Lebenden zurück, um den Ereignissen beizuwohnen, die sie mit helleren als menschlichen Augen herannahen sahen?

Dann erinnerte sie sich der Korinna, deren bleiches, schönes Antlitz das Licht in ihrer Hand wunderbar beleuchtet hatte, und dazu der Versicherung des Magiers, daß die Seelen der Verstorbenen mit allen Eigenschaften ausgestattet seien, die sie als Lebende besessen, und daß der Wissende sie zu erblicken und mit ihnen zu verkehren vermöge.

So war Serapion also doch mit dieser Behauptung im Rechte, und ihre Hand zuckte in der des Geliebten, als sie sich sagte, daß ihrem Bruder Philipp nun die Gefahr drohe, im Verkehr mit der Toten den Lebenden sich zu entfremden. Vielleicht war auch ihre verstorbene Mutter unter den wandernden Seelen dahingewallt, und es reute sie, es versäumt zu haben, nach ihr auszuschauen und ihr liebevoll zu winken.

Auch Diodor, dem es sonst nicht gegeben war, lange stillschweigend zu grübeln, hing den eigenen Gedanken nach, und so schritten sie stumm vorwärts, bis sie plötzlich dumpfes Gemurmel vernahmen.

Da erschraken sie wieder, und wie sie aufschauten, sahen sie die felsigen Klippen vor sich, in die vor langer Zeit Aegypter und später auch Christen Grüfte in den Felsen gehauen.

Aus dem Thor des einen, dem sie sich auf wenige Schritte genähert, schimmerte Licht, und als sie daran vorüberziehen wollten, schlug ein großer Hund an. Gleich darauf trat eine menschliche Gestalt auf sie zu und fragte sie in rauhen Kehllauten nach dem Worte.

Da hob Diodor, von jähem Schrecken vor der dunklen Erscheinung erfaßt, in der er eine andere auferstandene Seele vermutete, die Füße zum schnellen Entlaufen und zog die Geliebte sich nach. Die Dogge aber überholte sie bellend, und als der Jüngling sich nach einem Stein bückte, um sie zu verscheuchen, sprang das wütende Tier auf ihn ein und riß ihn zu Boden.

Da schrie Melissa laut um Hilfe, doch die rauhe Stimme gebot ihr wütend, zu schweigen.

Weit entfernt, ihr zu gehorchen, ließ die Jungfrau den Hilferuf nur lauter erschallen, und nun drangen aus dem Gruftthor, dicht hinter dem Schauplatz dieses Ueberfalls, mehrere Männergestalten mit Lampen und Kerzen hervor.

Es waren die Dämonen, auf deren Gesang sie in der Gasse gelauscht; sie konnte nicht irren. Auf den Knieen, neben dem am Boden liegenden Jüngling, starrte sie ihnen entgegen.

Da flog ein Stein auf den Hund, um ihn von dem Niedergeworfenen zu entfernen, und ein zweiter, größerer sauste dicht an ihr vorbei und traf – sie hörte deutlich den dumpfen Aufschlag – das Haupt des Geliebten.

Da war es, als lege eine kalte Hand sich ihr aufs Herz; was sie umgab, verschmolz zu einem sie umkreisenden, farblosen Bilde, totenbleich streckte sie die Arme abwehrend aus und sank dann mit einem leisen Angstschrei, überwältigt von Schrecken und Mattigkeit, bewußtlos zusammen.

Als sie die Augen wieder aufschlug, lag ihr Haupt im Schoß einer freundlichen Matrone, während Männer sich anschickten, eine Bahre mit dem regungslosen Körper des Diodor von dannen zu tragen.

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