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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Viertes Kapitel.

Die Bestattungshäuser, die beim Einbruch der Nacht strahlend hell aus dem Dunkel hervorgeleuchtet hatten, boten jetzt einen weniger glänzenden Anblick.

Der von der Menge aufgewirbelte Staub verschleierte die Lampen und Fackeln, die noch nicht heruntergebrannt oder erloschen waren, und ein schwer zu atmender Duft von Balsamharzen und anderen Spezereien wogte den Geschwistern schon vor der Schwelle entgegen. Die große Halle, die sie nun aufnahm, gehörte zu einem unabsehbar langen einstöckigen Gebäude aus ungebrannten Ziegeln; doch der Grieche verlangte auch an den schlichtesten Bauwerken, die dem allgemeinen Gebrauch dienten, einige Zier, und so hatte man auch die Balsamirungshäuser vorn mit einem Säulengang versehen und ihre Mauern mit Stuck beworfen, auf dem mancherlei buntes Bildwerk hier in ägyptischer, dort in griechischer Darstellungsweise angebracht war. Da gab es Scenen aus dem Totenreich der Aegypter, dort andere aus der hellenischen Mythe zu sehen; denn dem Maler war die Aufgabe geworden, den Anschauungen und Bedürfnissen aller Besucher der Nekropole gerecht zu werden.

Was diese heute nacht am stärksten anzog, befand sich in den inneren Räumen; denn die Totenbestatter hatten hier das Schönste und Beste ausgestellt, was sie den Kunden anzubieten vermochten.

Die althellenische Sitte der Totenverbrennung hatte schon unter den Antoninen ein Ende genommen. Früher war hier auch zu finden gewesen, was zur Ausschmückung des Scheiterhaufens gehörte. Jetzt gab es nur noch Dinge zu sehen, die zur Beerdigung oder Beisetzung gehörten.

Neben Sarkophagen in Marmor und gröberem Gestein mit plastischem Bildwerk und ohne solches standen Holzsärge und Mumienhüllen, an deren Kopfende das Bildnis eines Verstorbenen angebracht war. Vasen und Krüge jeder Art, Amulette in verschiedenen Formen, Spezereien und Balsame in Phiolen und Büchsen, kleine Götterfiguren und Püppchen aus gebranntem Thon, deren allegorische Bedeutung nur die Aegypter kannten, standen in langen Reihen auf hölzernen niedrigen Regalen. Auf höheren waren Mumienbinden und Leichentücher, hier von gröberem, dort von allerfeinstem Gewebe, Perrücken für das kahle Haupt geschorener Leichen, sowie Wollkränze und einfache oder kunstvoll gestickte Tänien für hellenische Tote ausgestellt.

Es fehlte hier keines von den zahlreichen Dingen, womit man die Leichen der Alexandriner jeden Stammes und Glaubensbekenntnisses versah und schmückte.

Einige Mumien standen auch zur Versendung in andere Städte bereit. Die kostbarsten waren mit rosenrotem feinem Linnen bekleidet, mit einem Netz von Perlenschnüren und goldenem Zierat umsponnen und auf der Vorderseite mit dem Namen der zu verschickenden Leiche versehen.

In einem schmalen, sehr langen Raume waren die Bildnisse ausgestellt, welche an das Kopfende der Mumien Jüngstverstorbener, mit deren Herstellung die Balsamirer noch zu thun hatten, befestigt werden sollten.

Auch hier waren die meisten Lampen erloschen, und das Ende des Saales lag schon im Dunkeln. Nur in seiner Mitte, wo man die besten Kunstwerke ausstellte, hatte man die Lichter erneut.

Die Bildnisse waren auf dünne Tafeln von Sykomoren- oder Cypressenholz gemalt, und man sah den meisten die Bestimmung an, in den Räumen einer Gruft zu verschwinden.

Alexanders Bildnis der Korinna stand in der Mitte der Hinterwand des langen Saales in guter Beleuchtung, und wie der echte Smaragd von falschen aus grünem Glasfluß stach es von den Gemälden ab, die es umgaben. Es war auch noch immer von Neugierigen und Kunstfreunden umringt.

Der eine wies den andern auf dies herrliche Werk; aber wenn auch die meisten das Können des Meisters, der es geschaffen, anerkannten, schrieben doch viele sein Hauptverdienst dem zauberhaften Liebreiz des Modells zu. Aus diesen wundervoll harmonischen Zügen wollte der eine erkennen, daß Aristoteles recht habe, wenn er das Hauptmerkmal des Schönen in der Ordnung und dem Ebenmaß erblicke, während ein anderer versicherte, aus diesem Antlitz erkenne er die Wahrheit der platonischen Lehre von der Einheit des Guten und Schönen. Dies Antlitz sei so unsagbar schön als Spiegelbild einer Seele, die im Vollbesitz jungfräulicher Reinheit und Tugend, unberührt von jeder Disharmonie, wieder körperlos geworden. Daran schloß sich ein heftiger Streit über das Wesen der Schönheit und Tugend.

Andere begehrten Näheres über das jung verstorbene Vorbild dieses herzergreifenden Bildnisses zu wissen.

Korinnas reicher Vater und seine Brüder gehörten zu den bekanntesten Männern der Stadt. Der eine, Theophilus, war der Oberpriester des Serapis, und Zeno, der jüngste, hatte die Zungen in Bewegung gesetzt, als er, der in der Jugend besonders ausgelassen gewesen war, sich von dem Korngeschäft seines Hauses, vielleicht dem größten der Welt, zurückgezogen und – dies war ein öffentliches Geheimnis – die Taufe empfangen hatte.

Der balsamirte und mit dem Bildnis geschmückte Körper der Jungfrau sollte dem Erbbegräbnis der Familie im arsinoïtischen Gau, wo sie großen Grundbesitz besaß, übergeben werden, und man hörte dem Leichenbestatter gern zu, als er erzählte, mit welchem Prunk der freigebige Vater die Leiche der geliebten Tochter zu versenden gedenke.

Schon vor dem Beginn dieses Berichts betraten die Geschwister den Saal und hörten ihn in der letzten Reihe der vielen mit an, die zwischen ihnen und dem Bildnisse standen.

Als der Erzähler schloß, die Neugierigen sich verliefen und es Melissa endlich vergönnt war, das Werk des Bruders aus der Nähe zu betrachten, blieb sie lange sprachlos; dann aber wandte sie das Antlitz dem Künstler zu, und aus dem tiefsten Herzensgrunde drang ihr der Ausruf: »Vielleicht ist die Schönheit dennoch das Höchste!«

»Sie ist es,« versetzte Alexander, wie gewiß seiner Sache. Dann blickte er, neu ergriffen von dem Zauber, der sich seiner am Sterbelager Korinnas bemächtigt, dem eigenen Werk in die tiefen dunklen Augen, deren Blick dem seinen niemals begegnet war, und den er doch treu wiedergegeben, als er die Sehnsucht eines reinen Herzens nach allem, was schön und gut, hineingelegt hatte.

Die Künstlertochter begriff diesem Bildnisse gegenüber, was den Bruder, während er es malte, so mächtig aufgeregt hatte; doch hier war nicht der Ort, es ihm zu bekennen. Sie riß sich auch bald davon los, um noch einmal nach Philipp Ausschau zu halten und sich dann nach Hause führen zu lassen.

Auch Alexander suchte den Bruder; aber so scharf sein Künstlerauge war, das Melissas schien dennoch heller zu sehen; denn als er sie, schon entmutigt, zum Aufbruch mahnte, wies sie in eine dunkle Ecke des Saales und sagte leise: »Da ist er.«

Und in der That saß Philipp dort in Gesellschaft eines großen und eines kleineren Mannes, mit der Stirn in der Hand, tief beschattet auf einem Sarge zwischen der Wand und einem aufgerichteten Mumienkasten, der ihn bis dahin den Blicken der Geschwister entzogen hatte.

Ohr und Herz waren Melissas Führer gewesen, und jetzt erkannte auch Alexander den Bruder.

Wer mochte der Mann sein, der den in seinem Wissensstolze schwer zugänglichen Philosophen in der halbdunklen Ecke dort so lange festhielt?

Zu den Mitgliedern des Museums, die Alexander sämtlich kannte, gehörte er nicht. Außerdem war er nicht griechisch gekleidet wie jene, sondern in dem langen Talar eines Magiers. Ein geringer Mann war der Fremde gewiß nicht; denn er trug sein kostbares Gewand mit vornehmer Würde, und als Alexander ihm näher trat, erinnerte er sich, diesem hochgewachsenen Langbart mit dem mächtigen, von wohlgesalbtem, schwarzem Lockenhaar umwallten Haupte schon begegnet zu sein.

Ein so schön und scharf gezeichnetes Antlitz, solches Augenpaar und ein so herrlich gewellter dunkler Bart ließen sich nicht vergessen, und plötzlich erwachte die Erinnerung und zeigte ihm greifbar deutlich die Gestalt dieses Mannes, die das Halbdunkel jetzt noch verschleierte, und mit ihr die Umgebung, in der er ihm zum erstenmale begegnet.

Es war am Dionysosfeste gewesen.

Unter der Menge, welche die Straßen trunken durchtobte und der Alexander sich als einer der Ausgelassensten angeschlossen hatte, war dieser Mann in einem ähnlichen langen Gewande wie heute würdevoll und nüchtern dahingeschritten. Das hatte die Feiernden, die trunken und des Gottes voll durch nichts an den Ernst des Lebens erinnert werden wollten, verdrossen. Für eine Beleidigung des heiteren Spenders der Erdenfrüchte und des sorgenbrechenden Weines mußte solche mürrische Abgeschlossenheit an diesem Tage der Festlust angesehen werden, und die tolle Künstlerschar, die sich als Satyrn, Silene, Faune und Pane verkleidet hatte, war auf den Fremden eingedrungen, um ihn zu nötigen, ihrem Zuge zu folgen und den Weinkrug zu leeren, den ein dicker Silen auf seinem Eselchen vor sich her trug.

Anfänglich hatte der stille Mann die Neckereien der Jünglinge widerstandslos über sich ergehen lassen; wie diese aber immer kecker wurden, war er plötzlich stehen geblieben, hatte beide Arme des langen Faunes, der ihm den Weinkrug aufzudringen versuchte, festgehalten und ihm mit ernsten, finsteren Blicken in die Augen gestarrt. Dem Alexander war dieser halb drollige, halb beängstigende Vorgang im Gedächtnis geblieben, deutlicher aber noch, was sich später Unvergeßliches begeben hatte.

Denn nachdem der Magier seinen Feind losgelassen, hatte er ihm geboten, den Krug dem Silen zurück zu bringen und wie der Esel, den dieser ritt, auf allen Vieren den Weg fortzusetzen. Und der Lange, ein eigenwilliger, jähzorniger Lesbier, hatte dem majestätischen Prahlhans wahrhaftig Gehorsam geleistet und war neben dem Grautier des Silen auf Händen und Füßen fortgekrochen. – Durch keine Mahnung und Drohung der Freunde hatte er sich davon abbringen lassen. Da war der ausgelassenen Schar der Uebermut vergangen, und bevor sie den Zauberer hatte anhalten können, war er verschwunden gewesen.

Später vernahm Alexander, der Langbart sei der Sternseher und Wunderthäter Serapion, dem alle Dämonen im Himmel und auf Erden gehorchten.

Als der Maler damals diesen Vorgang dem Philipp berichtet hatte, war er verlacht worden, obgleich der Künstler dem Philosophen vorhalten konnte, daß schon Plato von den Dämonen als von Schutzgeistern der Menschen rede, daß Groß und Klein in Alexandria an sie glaube und mit ihnen rechne, und daß er, Philipp, selbst ihm mitgeteilt habe, sie spielten gerade in den Systemen der neuesten Philosophie eine hervorragende Rolle.

Aber für den Skeptiker gab es überhaupt nichts Gewisses, und da er die Existenz der Gottheit leugnete, so bezweifelte er auch folgerecht das Dasein von Wesen, die zwischen dem übersinnlichen Göttlichen und dem Sinnlichen ständen. Daß ein Mensch, der Schwächere, über Dämonen, die, wenn sie existirten, der Gottheit näher verwandt waren und also die Stärkeren sein mußten, Macht haben könne, wußte er mit schlagenden Gründen zu widerlegen, und wenn er andere Weißdornblätter kauen oder beim Ausgang die Schwelle mit Pech bestreichen sah, um sich selbst und das Haus vor bösen Geistern zu bewahren, zuckte er verächtlich die Achseln, obgleich es der Vater oft genug that.

Jetzt fand Alexander den Bruder im tiefsten Gespräch mit dem Manne, den er verspottet, und es schmeichelte dem Künstler, daß der weise, berühmte Serapion, an dessen Macht über die Geister er selbst glaubte, mit seinem Philipp wie mit einem ihm Uebergeordneten beinahe demütig verkehrte.

Der Magier stand, während der Philosoph, als sei dies sein Recht, sich zu sitzen erlaubte.

Was sie wohl verhandeln mochten?

Auch den Maler drängte es fort aus der Nekropole, und nur der Wunsch, wenigstens einige Sätze aus dem Gespräche so bedeutender Männer mit anzuhören, hielt ihn fest.

Seiner Erwartung gemäß betraf es die magische Kunst des Serapion; doch sprach der Langbart sehr leise, und wenn Alexander sich weiter vorwagte, mußte man ihn bemerken. So verstand er denn nur abgerissene Worte, bis Philipp mit erhobener Stimme ausrief: »Das alles ist wohlbegründet. Eher aber kannst Du, was es auch sei, mit dauernder Schrift auf eine verrinnende Woge schreiben, als mich meiner Ueberzeugung abwendig machen, daß es für unsern Geist, wie er nun einmal beschaffen ist, nichts Untrügliches gibt und Gewisses!«

Diesen Satz kannte der Maler, und er war auf die Antwort des Magiers begierig; doch vermochte er seinen Darlegungen erst zu folgen, wie er sie, vernehmlicher als vorher, mit den Worten schloß: »Auch Du leugnest nicht den physischen Zusammenhang der Dinge; ich aber kenne die Kraft, die ihn bewirkt. Es ist die magische Sympathie, die sich im All und unter den Menschen gewaltiger erweist als jede andere Macht.«

»Das eben gilt es zu beweisen,« lautete die Antwort; doch als der andere selbstbewußt versicherte: »Ich kann es,« und sich anschickte fortzufahren, bemerkte der Begleiter des Serapion, ein Syrer von kleinem Wuchs und mit scharfen Zügen, den Jüngling.

Das Gespräch kam zum Stillstand, und Alexander wies auf Melissa und ersuchte den Bruder, ihm und ihr kurzes Gehör zu schenken.

Doch der Philosoph nahm sich kaum Zeit, die Geschwister zu begrüßen, und als sie auf seine Bitte, ihm schnell mitzuteilen, was sie begehrten, erwiderten, das sei in kurzen Worten unthunlich, vertröstete Philipp sie auf morgen, weil er sich jetzt nicht stören lassen wolle.

Da faßte Melissa sich ein Herz, und indem sie sich an Serapion wandte, bat sie bescheiden: »Du siehst aus wie ein ernster und freundlicher Herr und scheinst etwas auf unsern Bruder zu halten. Darum wirst Du uns gern beistehen, ihn von einem Wahne zu befreien, der uns ängstigt. Einer Verstorbenen, meint er, sei er begegnet und seine Hand habe die ihre berührt.«

»Und das meinst Du, liebliches Kind, sei unmöglich?« frug der Magier mit mildem Ernst. »Sollten die Tausende, die für die Seelen ihrer Verstorbenen nicht nur Früchte, Wein und Honig darbringen, sondern auch ein schwarzes Schaf verbrennen – habt ihr nicht selbst dergleichen geopfert? – dies seit so langer Zeit ganz vergeblich thun? Ich glaube es nicht; ja, ich weiß von den Geistern selbst, daß ihnen dies Genuß bereitet; und so sind ihnen doch wohl Sinneswerkzeuge eigen.«

»Daß man die Seelen durch Speise und Trank erfreuen kann,« versetzte Melissa eifrig, »und daß sich Dämonen bisweilen unter uns Sterbliche mischen, glaubt ja wohl jeder; doch wer hätte jemals gehört, daß warmes Blut sie erfülle? Und wie könnte es ihnen gegeben sein, einen Dienst mit Geld zu bezahlen, das doch gewiß nicht in ihrem luftigen Reiche, sondern in der Münze geprägt wird?«

»Nicht zu schnell, schöne Jungfrau,« entgegnete der Magier und erhob warnend die Rechte. »Es gibt eben keine Gestalt, welche diese Mittelwesen nicht annehmen könnten. Ueber alles und jedes, dessen der Sterbliche sich bedient, verfügen auch sie, und so war es der zur Erde zurückgekehrten Seele Korinnas auch möglich, dem Fährmann einen Obolus zu reichen.«

»So ist Dir bekannt? . . .« fragte Melissa erstaunt; der Magier aber unterbrach sie mit der Versicherung: »Von diesen Dingen bleibt dem Wissenden wenig verborgen, und strebt er darnach, nicht das Kleinste.«

Dabei schaute er dem Mädchen mit einem Blick in die Augen, der es zwang, die Lider zu senken, und fuhr eifriger fort: »Es würden weniger Thränen an den Sterbebetten vergossen werden, Mädchen, wenn es anginge, der Menge die Brücke zu zeigen, die den Wissenden mit den Seelen der Verstorbenen verbindet.«

Da schüttelte Melissa betrübt den lieblichen Kopf, der Magier aber strich ihr mit väterlichem Wohlwollen über die Locken, schaute ihr fest in die Augen und sagte: »Die Toten leben. Was einmal war, kann nie und nimmer dem Nichtsein verfallen, so wenig wie aus dem Nichts etwas, was es auch sei, hervorzugehen vermag. Das ist so einfach, und das Gleiche gilt von den Wirkungen der Magie, die ihr anstaunt. – Was Du, wenn ich es übe, Zauberei nennst, hat der große Liebesgott, hat der Eros in Deiner eigenen Brust tausendmal gewirkt. Wenn Dir bei der Liebkosung der Mutter das Herz aufgeht, wenn der Pfeil des Gottes auch Dich trifft, und der Blick des Geliebten Dich mit Wonne erfüllt, – wenn die süße Harmonie schöner Musik Deinen Geist der Welt entrückt oder die Klage eines Kindes Dein Mitleid weckt, so hast Du die Wirkung der magischen Kraft in der eigenen Seele empfunden. Du kennst sie, wenn Dich je eine geheimnisvolle Macht, ohne daß Du den Willen aufgerufen hättest, antrieb, zu was es auch sei. Und nun noch ein anderes. Fliegt ein Blatt vom Tische, ohne von einer sichtbaren Hand berührt worden zu sein, so zweifelst Du nicht, daß der Zugwind, den Du weder hörtest noch schautest, Einlaß fand in das Zimmer. Verdunkelt sich um Mittag die Welt um Dich her, so weißt Du, auch wenn Du nicht zum Himmel aufschautest, daß ihn eine Wolke bedeckte. Ganz ebenso fühlst Du die Nähe einer Seele, mit der Du in Liebe verbunden warst, ohne sie zu erblicken. Es gilt nur das Organ, das ihre Anwesenheit erkannte, zu kräftigen und ihm die nötigen Anweisungen zu geben, – und Du siehst sie und hörst sie; die Magie aber führt den Schlüssel, der den menschlichen Sinnen die Thore des Geisterreiches aufthut. Euer edler Bruder, in dem die Anforderungen des Geistes längst über die der Sinne triumphirten, hatte diesen Schlüssel, ohne ihn zu suchen, gefunden, als es ihm vergönnt war, die Seele Korinnas zu schauen. Folgt er jetzt dem kundigen Führer, wird er ihr wieder begegnen.«

»Und wozu? Was kann es ihm frommen?« fragte Melissa und blickte besorgt und vorwurfsvoll zu dem Manne auf, von dem sie ahnte, daß sein Einfluß, trotz seiner Weisheit, verderblich auf den Bruder wirken werde. Da zuckte der Magier mitleidig die Achseln, und aus dem Blick, den er dem Philosophen zuwarf, war die Frage zu lesen: »Was gilt diesen da das Höchste?«

Ungeduldig nickte Philipp ihm bestätigend zu und ersuchte ihn, ohne der Geschwister weiter zu achten, zum Beweise des Satzes zu schreiten, daß der physische Zusammenhang der Erscheinungen schwächer sei als die magische Sympathie, die sie verbinde.

Nun wußte Melissa, daß jeder Versuch, den Philipp jetzt von dem Magier zu trennen, vergeblich sein werde, aber trotzdem ließ sie auch das Letzte nicht unversucht und fragte ihn ernst, ob er des Grabes der Mutter vergessen.

Da versicherte er hastig, daß er es nachher ganz gewiß zu besuchen gedenke. Während der ganzen Nacht seien hier Früchte und Salböl zu haben.

»Und Deine beiden Kränze?« fragte sie mit leisem Vorwurf; denn sie hatte sie unter dem Bildnis Korinnas gewahrt.

»Sie fanden eine andere Bestimmung,« lautete die abweisende Antwort; doch fügte er begütigend hinzu: »Für Blumen habt ihr wohl genügend gesorgt. Find' ich Zeit, so sprech' ich morgen vor bei dem Vater.«

Dann nickte er den Geschwistern zu, wandte sich wieder an den Magier und fuhr lebhaft fort: »Die magische Sympathie also . . .«

Dem weiteren Verlaufe dieses Gesprächs folgten die Seinen nicht mehr; denn Alexander hatte der Schwester gewinkt, ihm zu folgen.

Auch er wußte, daß das Ohr des Bruders ihnen jetzt verschlossen sei. Was er aus dem Munde des Serapion vernommen, hatte auch ihn gefesselt, und die Frage, ob es sterblichen Menschen wirklich vergönnt sein könne, die Seelen der Abgeschiedenen zu schauen und ihre Stimme zu vernehmen, beschäftigte ihn so lebhaft, daß er auch die Meinung der Schwester über diese Dinge zu ergründen versuchte.

Doch Melissas gerader Sinn fühlte, daß etwas nicht richtig sei an den Darlegungen des Magiers, auch hielt sie nicht zurück mit der Meinung, der sonst so schwer zu überzeugende Philipp stimme dem Serapion keineswegs zu, weil er sich der Wucht seiner Gründe beuge, sondern nur, weil er – und Alexander mit ihm – durch ihn der schönen Korinna wieder zu begegnen hoffe.

Der Künstler gab dies auch zu, doch als er scherzend von der Gefahr sprach, sich mit Philipp um einer Verstorbenen willen eifersüchtig zu entzweien, lag etwas Hartes, ihr sonst Fremdes in seiner Stimme, das Melissa mißfiel.

Aufatmend traten die Geschwister endlich ins Freie, und dort fand ihr Bestreben, den Gegenstand des Gesprächs zu ändern, willkommene Unterstützung; denn sie trafen vor dem Bestattungshause mit der Familie des Steinbruchbesitzers Skopas zusammen, dessen Grundstück an das ihre stieß, und Melissa beruhigte sich schnell, als sie den Bruder mit den hübschen Nachbarstöchtern so munter lachen hörte wie je.

Bei ihm, dem leichtlebigen Künstler, ging der Wahn nicht so tief wie bei dem grübelnden, schwerlebigen Philipp, und es that ihr wohl, als sie den Alexander von ihrer Freundin Ino einen treulosen Schmetterling nennen hörte, dem man aber doch, um der alten Freundschaft willen, manches zu gute halten könne.

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