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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Acht Tage später ließ Caracalla Alexandria hinter sich, um in den Partherkrieg zu ziehen.

Was den Unglücklichen so schnell aus dem verhaßten Orte vertrieb, war die marternde Angst, dem Schicksal seines Löwen zu verfallen und von den Dämonen, die hier seine Frage an das Schicksal vernommen, dem gemordeten Tarautas nachgesandt zu werden.

Durchaus irrsinnig war er nicht; denn den Wahnvorstellungen, die ihn quälten, folgten oft viele Stunden, in denen er ungetrübten Geistes sprach, Erkundigungen einzog und Befehle erteilte.

Besonders ängstlich floh seine Seele jede Erinnerung an die Mutter, den Theokrit und alle, denen er früher seine Achtung geschenkt und deren Urteil ihm nicht gleichgiltig war.

In steter Furcht vor dem Dolch eines Rächers, die der Arzt sich, wie manche andere Sonderbarkeit, zu den krankhaften Erscheinungen seines Geisteslebens zu rechnen scheute, zeigte er sich nur noch den Kriegern, und oftmals sah man ihn sich mit einem Brei, den er selbst gekocht, sättigen, um dem Gift zu entgehen, womit man seinen Löwen gemordet.

Die marternde Empfindung, von der ganzen Welt gehaßt, verabscheut, verfolgt zu werden, verließ den Unglücklichen niemals.

Bisweilen erinnerte er sich, daß einmal eine schöne Jungfrau für ihn gebetet; – wenn er aber versuchte, sich ihr Bild ins Gedächtnis zu rufen, sah er nur den geschwärzten Arm mit der goldenen Schlange, der ihn schon in der Nacht nach der furchtbarsten seiner Blutthaten geängstigt, sich gegen ihn erheben. Und jedesmal ward er bei seinem Anblick an das Wort erinnert, das seine Seele auch jetzt noch am meisten quälte: die That.

Seine Umgebung, die es ihn bei Tag und Nacht angstvoll vor sich hinrufen hörte, erfuhr nie, woran er dabei denke.

Als wilde Tiere den verurteilten Zminis in der Arena zerrissen, geschah es vor einem halb leeren Zuschauerraume, obgleich mehrere Legionen in den Zirkus kommandirt worden waren, um die Sitzreihen zu füllen. Ein großer Teil der Bürgerschaft war ja ermordet, der Rest aber hatte näher oder ferner stehende Liebe zu betrauern und blieb auch, um dem Verhaßten aus dem Wege zu gehen, von den Vorstellungen fern.

Der Präfekt Macrinus leitete beinahe unbeschränkt die Geschäfte der Regierung, denen der früher arbeitsame und seiner Herrscherpflichten sich wohl bewußte Cäsar nunmehr aus dem Wege ging.

Schon in Alexandria sah der Emporkömmling, wie die Voraussagung des Magiers Serapion sich der Erfüllung näherte. Er blieb auch mit dem Zukunftskünder in enger Verbindung; – doch dieser ließ sich nur noch einmal kurz vor dem Aufbruch des Cäsar zu einer Geisterbeschwörung bestimmen; denn sein flinker Gehilfe Kastor hatte bei dem großen Gemetzel das Leben gelassen, während er, angetrieben durch den reichen Einbringerlohn und seinen glühenden Haß gegen den Alexander, ausgegangen war, um den Versteck des Malers und seiner Schwester zu suchen.

Als der unglückliche Kaiser endlich an einem regnerischen Morgen, verflucht von zahllosen trauernden Vätern, Müttern, Witwen und Waisen und zu Grunde gerichteten, fleißigen Menschen, Alexandria verließ, war es, als sei die gemißhandelte, einst so übermütige Stadt von einem schweren Alpdruck befreit.

Diesmal schien nicht dem Cäsar, dessen Leben sich auf immer verdunkelt hatte, wohl aber der Bürgerschaft, die er so grimmig gehaßt, der trübe Himmel neues Glück zu verheißen, und Hunderttausende blickten dankbar und hoffnungsfroh ins Leben, trotz der Trauergewänder und Witwenschleier, die sie trugen, trotz der grausamen Hindernisse, welche die Bosheit des geistig »Belasteten«, der sie beherrschte, dem neuen Erblühen ihrer Stadt in den Weg gelegt hatte; denn es war der Befehl des Caracalla ergangen, den großen Handelsplatz durch eine Mauer in zwei Teile zu zerschneiden.

Auch dem wissenschaftlichen Leben der Bevölkerung, dem die Stadt einen Teil ihrer Größe verdankte, hatte er den Todesstoß zu versetzen gemeint, indem er die gelehrten Anstalten aufzuheben und die Theater zu schließen befahl.

Herz und Sinn empörend waren die Andenken, welche der Unglückliche in Alexandria zurückließ, und es ballten sich den Bürgern die Fäuste, wenn sein Name genannt ward. Doch die scharfen Zungen hatten aufgehört zu spotten und zu scherzen. Die meisten Epigrammatarier waren auf ewig verstummt, und den leichten Witz der am Leben gebliebenen lähmten noch auf lange Monate schwere Flüche oder bittere Thränen.

Jetzt – vierzehn Tage nach dem Abzug des Schrecklichen – öffneten die Läden und Magazine, die man aus Furcht vor plündernden Soldaten geschlossen, sich wieder. In den stummen und verlassenen Bädern und Schenken ward es von neuem lebendig; denn man fürchtete sich nicht mehr vor den Beleidigungen übermütiger Krieger und den horchenden Ohren der Angeber und Häscher. Frauen und Mädchen wagten sich wieder auf die Straße, der Markt füllte sich mit Händlern, und aus wohl bewachten Verstecken traten die Vielen hervor, die sich eines unvorsichtigen Wortes bewußt waren oder erfahren hatten, daß man sie wegen eines Pfiffes im Zirkus oder eines andern Frevels verdächtigt.

Auch die Werkstätte des Bildhauers Glaukias auf dem Grundstück des Heron öffnete sich wieder.

In dem Kellerraume unter dem Estrich derselben hatte sich der Steinschneider mit dem Polybius und seiner Schwester Praxilla verborgen; denn der bequeme alte Herr war nicht zu bestimmen gewesen, das Schiff zu besteigen, welches Argutis schon für ihn gemietet. Lieber hätte er sterben wollen, als Alexandria verlassen. Er fühlte sich auch zu verwöhnt und leidend, um die Unbilden einer Seefahrt auf sich zu nehmen. Und dies eigensinnige Beharren war ihm zum Guten gediehen; denn das Schiff, das ihn hatte fortführen sollen, war zwar vor dem Befehle, den Hafen zu sperren, ausgelaufen, doch von einer kaiserlichen Galeere eingeholt und zurückgebracht worden.

Der Einladung des Heron, seinen Versteck zu teilen, war der alte Herr dagegen gern gefolgt.

Jetzt traten beide ins Freie; doch hatten die letzten Wochen sehr verschieden auf sie gewirkt.

Der Steinschneider sah aus wie sein eigener Schatten und hatte die aufrechte Haltung verloren. Er wußte zwar, daß Melissa am Leben und der verwundete Alexander von Andreas zu dem Christen Zeno geschafft worden sei, und dort der Genesung entgegengehe; doch der Tod seines Lieblingssohnes Philipp fraß ihm an der Seele, und dazu trug er es schwer, daß sein Haus zerstört und verbrannt worden war.

Sein verborgenes, mit ihm selbst gerettetes Gold hätte ihm gestattet, ein weit schöneres an seine Stelle zu setzen, doch daß es die eigenen Mitbürger gewesen, die es überfallen, that ihm weher als alles andere.

Das belastete ihm die Seele und machte ihn still und kleinlaut.

Die alte Dido, die das Leben mehr als einmal aufs Spiel gesetzt hatte, damit es den Versteckten an nichts fehle, sah ihn deswegen wehmütig an und betete zu den verschiedenen Göttern, denen sie diente, daß sie ihrem guten Herrn die Kraft zurückgeben möchten, einmal wieder recht laut zu fluchen und zu wettern; denn sein mildes Wesen erschien ihr unnatürlich, schrecklich und wie ein Vorbote seines nahenden Endes.

Auch die behäbige Witwe Praxilla war bleich und magerer geworden, doch hatte die alte Dido beim Bereiten der Speisen viel von ihr gelernt.

Nur Polybius war munterer denn je. Er wußte, daß der Sohn und seine Braut den furchtbarsten Gefahren entronnen seien. Das machte ihn froh, und dazu hatte seine Schwester das Unmögliche geleistet, um ihn seinen Koch nicht zu schwer vermissen zu lassen. Trotzdem waren die Mahlzeiten manchmal schmal genug ausgefallen, und die erzwungene Mäßigkeit hatte ihn von der Gicht befreit und ihm auch sonst so wohl gethan, daß, als Andreas ihn ans Licht führte, der große, mehr als wohlbeleibte Herr ausrief: »Ich fühle mich so leicht wie ein Vogel. Hätt' ich Flügel, schwäng' ich mich gleich über den See zu dem Jungen. Aber auch Du trugst dazu bei, mich leichter zu machen, mein Bruder.«

Damit legte er dem Freigelassenen den Arm um die Schultern und küßte ihm die Wangen.

Es war das erstemal, und er hatte ihn auch nie zuvor seinen »Bruder« genannt. Doch seine Lippen folgten einem Befehle des Herzens. Das bewies der feuchte Blick seines Auges, der das des Freigelassenen suchte, das auch nicht trocken blieb.

Polybius wußte, was der Christ für den Sohn und Melissa, für ihn selbst und das Seine gethan, und sein Scherz, Andreas habe auch ihn leichter gemacht, bezog sich auf die letzte Mitteilung desselben.

Der neue Statthalter Julianus, der jetzt an Stelle des Titianus in der Präfektur residirte, benützte die Lage des Bedrohten, um Geld zu erpressen, und es war dem Andreas gelungen, ihn durch Zahlung einer großen Summe zu bestimmen, ein Schriftstück zu unterzeichnen, das den Polybius und seinen Sohn von jeder Schuld freisprach und den Kriegern und Sicherheitswächtern befahl, seine Person und Habe unangetastet zu lassen.

Dies Dokument verbürgte dem fröhlichen Herrn eine ruhige Zukunft nach seinem Herzen und füllte das Maß des Dankes, den er dem Freigelassenen schuldete, bis über den Rand. Und dem Andreas war es, als habe Kuß und Brudergruß des früheren Herrn seine volle Wiederaufnahme unter die Freien erst recht besiegelt.

Einen andern Lohn als denjenigen, welchen er eben empfangen, begehrte er nicht, und noch ein anderes machte das Herz ihm froh bis zum Ueberfließen. Er wußte jetzt, daß für die Tochter der einzigen, die er je geliebt, die Zeit sich im wahren Sinne erfüllt, daß der gute Hirte sie zu seiner Herde berufen habe.

Und er durfte sich dessen ungetrübt freuen; denn es war ihm mitgeteilt worden, daß auch Diodor den Weg betrete, auf den er ihn bis dahin vergeblich gewiesen.

Eine stille Heiterkeit, welche alle, die ihn kannten, überraschte, erfüllte den ernsten Mann; denn für ihn lag das Wesen der christlichen Lehre in der Auferstehung, und staunend sah er aus dem Tod ein wunderbares, neues Leben erwachsen.

Auch für Alexandria schien die Zeit sich zu erfüllen; denn scharenweis drängten sich Männer und Weiber zur Taufe. Die Mütter führten die Töchter, die Väter die Knaben mit sich. Aus dem kleinen Christenbunde machten diese Schreckenstage eine große, nach Zehntausenden zählende Gemeinde.

Caracalla verkörperte vielen das Heidentum mit seinen blutigen Opfern, seiner Lust an Kampf, seiner Verherrlichung der Rache und seiner Blindheit, die, um den Genuß der kurzen Lebenszeit nicht zu trüben, die Sorge für das Schicksal der ewigen Seele von der Hand wies.

Daß das Schwert, welches die Söhne der Bürger zu zehntausenden geschlachtet, dem Serapis geweiht und von ihm angenommen worden war, entfremdete viele dem höchsten Gotte der Stadt.

Die Nachricht, der Oberpriester Theophilus habe gleich nach dem Abzuge des Cäsar sein Amt niedergelegt und Hand in Hand mit seiner allverehrten Gattin Euryale durch den gelehrten Priester Clemens, ihren Freund, die Taufe empfangen, bestärkte viele in dem Verlangen, in den Christenbund aufgenommen zu werden.

Nach diesen blutigen Schrecken, diesen Orgien der Feindseligkeit und der Rachlust, sehnte sich jedes Herz nach Liebe, nach Frieden, nach brüderlicher Eintracht.

Wer hätte dem Tode in den letzten Tagen ins Antlitz geschaut und nichts Näheres über den Glauben zu erfahren gesucht, der da lehrte, dem Leben jenseits des Grabes dem hienieden den Vorzug zu geben, und dessen Bekenner versicherten, dem Tode entgegenzusehen wie der Bräutigam der Hochzeit?

Man hatte den Menschen und jedes seiner Rechte mit Füßen treten sehen und öffnete das Ohr weit, wenn man von einer Lehre vernahm, welche der Menschheit die höchste Würde zuerkannte, indem sie jeden, auch den Geringsten, zu einem Kinde Gottes erhob.

Man war gewohnt, zu unsterblichen Wesen zu beten, die in vornehmer Abgeschlossenheit ein wüstes Genußleben an den goldenen Tafeln im olympischen Festsaale führten, und nun hörte man von den Christen, ihre Kirche sei die Gemeinschaft der Gläubigen mit ihrem väterlichen Gotte und seinem Sohne, der sich in Menschengestalt unter die Sterblichen gemischt und weit mehr für sie gethan als ein Bruder, indem er aus Liebe zu ihnen den schmachvollen und schmerzhaften Tod am Kreuze auf sich genommen.

Den gebildeten Alexandrinern war es aus hundert Gründen längst widersinnig erschienen, sich die Gunst der Gottheit durch blutige Opfer zu erkaufen. Schon manche philosophische Genossenschaft, und besonders die der Pythagoräer, untersagte blutige Darbringungen und gebot, nicht zu opfern, um Glück zu erkaufen, sondern nur um die Götter zu ehren, und nun sahen sie die Christen, statt zu opfern, ein Liebesmahl feiern.

Das, hieß es, solle sie an ihre geschwisterliche Zusammengehörigkeit und den gekreuzigten Meister erinnern, dessen aus Liebe vergossenes Blut sein himmlischer Vater angenommen habe an Stelle jedes andern Opfers. Der freiwillige, schmerzliche Tod ihres Heilandes sollte die Seele der Christen von Sünden und Verdammnis erlösen, und viele, die in den jüngst vergangenen Schreckensstunden schon trostlos auf der Schwelle des Jenseits gestanden, drängte es, teilzunehmen an diesem göttlichen Gnadengeschenke.

Ein schöner, weiser, überzeugender Bibelspruch nach dem andern ging von Mund zu Mund, und ein Wort des Christen Clemens, dessen hohe Gelehrsamkeit bekannt war, erwies sich als besonders wirksam.

Er hatte gesagt, der Glaube sei die durch die Offenbarung gewonnene Kenntnis der göttlichen Dinge, doch die Wissenschaft müsse den Beweis dafür liefern, und dieser Satz veranlaßte auch viele geistig Hochstehende, es mit der neuen Lehre zu versuchen.

Am tiefsten ergriffen waren freilich die unteren Schichten des Volkes, die Armen und Sklaven, und mit ihnen die Trauernden und Bedrückten. Es gab ihrer jetzt viele; denn Zehntausende hatten ja ihr Liebstes verbluten sehen, und andere wunden Leibes die Gesundheit und dazu Hab und Gut in wenigen Tagen verloren.

Wie der gefährdeten Melissa, so scholl ihnen allen der Ruf des Heilandes an die Mühseligen, die Belasteten und Notleidenden, zu ihm zu kommen, um sich erquicken zu lassen, wie ein neuer Hoffnungsgruß an das Ohr und in die Herzen.

Sie sahen bei seinem Klange das Knospen eines neuen Seelenfrühlings vor Augen, und wer einen Christen kannte, der trat ihm näher, um mehr von dem mildherzigen Tröster, dem Kinderfreunde, dem lieb- und hilfreichen Gönner der Armen, der Schmerzensreichen und Unterdrückten zu hören.

Volksversammlungen waren von der neuen Obrigkeit verboten worden, doch das Gesetz des Aelius Marcianus gestattete Zusammenkünfte zu religiösen Zwecken, und darauf verwies der gelehrte Sachwalter Johannes die Glaubensgenossen.

Ganz Alexandria ward zu ihnen berufen, und das Wort, womit Andreas die erste eröffnete: »Da aber die Zeit sich erfüllet«, ging von Mund zu Mund.

Sah man ab von derjenigen, welche der Geburt Jesu Christi vorangegangen war, ließ dies Bibelwort sich aber auch auf keine Zeit besser beziehen, als auf die des Mordes und Entsetzens, die man eben durchlebt.

Hatte sich je ein kenntlicherer Markstein zwischen vergangenen und kommenden Tagen erhoben?

Aus dem alten, eitlen, sorglosen Leben, dem so furchtbare Schrecken ein Ende bereitet, sollte jetzt ein neues des Friedens, der Liebe, der frommen Sorge für das Schicksal der Seele erwachsen.

Wohl füllte noch die Mehrzahl der Bürgerschaft, und an ihrer Spitze was reich und vornehm war, die heidnischen Tempel, um dort den alten Göttern zu dienen und ihre Gunst durch Opfer zu erkaufen; doch die wenigen kleinen christlichen Kirchen faßten nicht mehr die Zahl der Gläubigen, und diese hatten ein neues Aussehen gewonnen; denn die Gemeinde bestand nicht mehr fast ausschließlich aus geringen Leuten und Sklaven. Nein, Männer und Frauen aus den angesehensten Häusern der Stadt waren ihr jetzt zugeströmt, und dieser Gemeinde – der beredte Bischof Demetrius, der auch den heidnischen Philosophen an Kraft und Bildung des Geistes überlegene Origenes, der feurige Andreas und viele andere Berufene wußten es und verkündeten es laut: Dieser Gemeinde gehörte die Zukunft.

In gleich glückseliger Herzenserhebung hatte der Freigelassene noch nie gelebt, und wenn er auf sein vergangenes Dasein zurückblickte, kam ihm oft voll dankbarer Freude das Wort von den Letzten, welche die Ersten sein, und von den Erniedrigten, welche erhöht werden sollten, in den Sinn.

Wären die Toten vor seinen Augen aus den Gräbern erstanden, es hätte ihn kaum in Erstaunen gesetzt; denn Wunder auf Wunder war ihm in diesen letzten Tagen begegnet. Das meiste, was seine Seele sehnlich gewünscht, wofür er gebetet und gefleht, es war in einer Weise in Erfüllung gegangen, die seine Hoffnung weit überbot, und durch wie viel Blut und Entsetzen hatte der Herr die Seinen geführt, um sie das höchste der Ziele finden zu lassen!

Von Frau Euryale wußte er, daß sein Verlangen, Melissas Seele für den Glauben zu gewinnen, sich erfüllt habe, und daß sie nach der Taufe verlange. Noch war es ihm nicht von ihr selbst bestätigt worden; denn neun Tage lang hatte sie, von einem hitzigen Fieber ergriffen, zwischen Leben und Tod geschwebt, und seitdem war er eine volle Woche in der Stadt zurückgehalten worden, wo es galt, die Angelegenheiten des Polybius zu ordnen.

Heute war die Aufgabe gelöst, die er sich zu einem guten Ende zu führen vorgesetzt hatte. Er konnte die Stadt verlassen und wieder nach den jungen Menschenkindern sehen, die er liebte.

Bei seinen Gärten trennte er sich von dem Polybius und seiner Schwester und führte dann den Heron und die alte Dido zu dem kleinen Hause, das sein früherer Herr ihnen auf seinem Gute angewiesen hatte.

Der Steinschneider selbst sollte erst zu den genesenden Kindern gerufen werden, wenn der Arzt es gestattete, und der unglückliche Mann wußte sich nicht zu lassen vor Erstaunen und Rührung, als er in dem neuen Heim nicht nur einen Arbeitstisch mit Handwerkszeug, Wachs und Steinen, sondern auch mehrere Käfige mit Vögeln fand, und unter den gefiederten Freunden auch einen Starmatz.

Der treue, nunmehr freie Sklave Argutis hatte das Gerät im Auftrage des Polybius besorgt; die Vögel aber waren ein Geschenk der Christin Agathe.

Das alles war ein Trost im Leid, und als der Steinschneider mit der alten Dido allein war und es besichtigte, brach er in lautes Schluchzen aus. Die Sklavin mußte es ihm nachthun; er aber untersagte es ihr mit lautem, unwirschem Schelten. Da erschrak sie erst; gleich darauf aber scholl ihr ein frohes: »Gelobt seien die Götter!« aus dem tiefsten Grunde des treuen Herzens, und von diesem Poltern an, behauptete sie bis ans Ende, habe das neue Wohlsein des Heron begonnen.

Die Sonne ging unter, als Andreas dem Hause des Zeno, einem sehr langen, weißgetünchten Gebäude, entgegenschritt.

Der Weg führte ihn durch einen Palmenhain, der schon zu dem Gute des Christen gehörte. Das Verlangen, die geliebten Kranken wiederzusehen, trieb ihn so schnell vorwärts, daß er bald einen andern Wanderer überholte, der sich hier in der Kühlung des Abends erging.

Es war der Arzt Ptolemäus.

Mit heiterer Freudigkeit begrüßte er den Andreas, und dieser wußte, wen er meine, als der andere, ohne auf eine Frage zu warten, ausrief: »Seit heute morgen sind wir über den Berg! Das Fieber ist geschwunden. Die bunten Gesichte haben sie verlassen, und nach Mittag schlief sie ein. Als ich sie vor einem Stündchen verließ, schlummerte sie fest und ruhig. Bisher hat die erschütterte Seele wie im Traume gelebt, – doch, nun das Fieber erlosch, kehrt auch das Bewußtsein bald wieder. Noch hat sie keinen erkannt, weder Agathe, noch Frau Euryale, noch selbst den Diodor, dem ich gestern auf einen Augenblick gestatten durfte, ihr ins Antlitz zu schauen. Wir haben sie wegen der lärmenden Kinder aus dem großen Hause in den Garten, in die kleine Villa gegenüber dem Andachtsplatz, geschafft. Da ist es still und schön, und die Luft strömt durch die breite Verandenthür voll und frei zu ihr ein. Die Kaiserin dürfte sich kein besseres Krankenzimmer wünschen! Und wie Agathe sie pflegt! Du hast recht, so tüchtig auszuschreiten. Da verlischt schon der letzte Nachglanz der Sonne, und der Gottesdienst wird bald beginnen. Auch mit dem Diodor bin ich zufrieden. Die Jugend ist ein Boden, worauf meine Kunst es leicht hat, Lorbeeren zu ernten. Wie das heilt, wie das sich kräftigt! Nur wenn die Seele so tief erschüttert ward wie bei Melissa und ihrem Bruder, geht es auch bei ihr weniger rasch vorwärts. Doch, wie gesagt, wir sind jenseits des Gipfels der Krankheit.«

»Gelobt sei der Herr,« fiel ihm Andreas ins Wort. »Solche Nachrichten verjüngen. Wie ein Knabe könnte ich laufen.«

Damit betraten sie den wohlgepflegten Garten, der sich hinter dem langen Hause des Zeno weit hinzog. Auf grünen Rasenplätzen erhoben sich stattliche Gruppen alter, hoher Bäume und prächtigen Strauchwerks. Um einen Springquell her blühten aus sorgsam gehaltenen Beeten schöne Blumen. Ein Palmenhain schloß die Anlagen ab und warf seinen Schatten auf die Gartenkirche des Zeno, eine von Tamariskenhecken wie von Mauern umgebene Fläche.

Die kleine Villa, die Melissas Krankenzimmer umschloß, lag mitten im Grünen, und die Veranda, an deren weit geöffnete Thür man das Lager der Leidenden getragen, sobald es kühler geworden war, blickte dem Garten, dem Palmenhain und der von zartem Tamariskengeäst umkränzten Andachtsstätte entgegen.

Agathe hielt Wacht neben Melissa; als aber die letzte der großen und kleinen Gestalten, welche eben den Garten nach derselben Richtung hin durchschritt, hinter der Tamariskenhecke verschwand, schaute die junge Christin der leidenden Freundin liebreich in das bleiche, nur zu zarte Antlitz, berührte ihre Stirn behutsam mit den Lippen und flüsterte, als könne sie ihre Stimme vernehmen, der Schlummernden zu: »Ich gehe nur, um für Dich und Deinen Bruder zu beten.«

Damit trat sie in den Garten.

Um weniges später ertönte der um der Kranken willen gedämpfte Schall der ehernen Scheibe, welche der kleinen Gemeinde den Beginn des Gottesdienstes verkündete.

Allabendlich hatte er sich hören lassen, ohne die Leidende zu stören; heute aber weckte er sie aus dem Schlummer.

Wie verstört blickte sie sich um und wollte sich aufrichten, doch sie war zu schwach, um sich zu erheben.

Schrecken, Blut, der verwundete Diodor, Andreas, der Esel, der sie durch die Nacht fortgeführt hatte, waren die Vorstellungen, die sich in beängstigendem Durcheinander ihrem erwachenden Geiste aufdrängten.

Auch im Serapeum hatte sie oft den schrillen Ton geschlagenen Erzes vernommen.

War sie noch dort?

Hatte sie nur von dem nächtlichen Ritte mit dem verwundeten Geliebten geträumt?

Vielleicht war ihr in den schrecklichen Mysterienräumen die Besinnung vergangen, und der Klang des Erzes hatte sie erweckt.

Dabei überlief es sie kalt.

Aengstlich scheute sie sich, die Augen aufzuschlagen, um nicht den wüsten Bildern an den Wänden und überall wieder zu begegnen.

Ewige Götter! Wenn ihre Flucht aus dem Heiligtum und die Rettung des Diodor durch den Andreas wirklich nur ein Traum gewesen war, dann konnte sich jeden Augenblick die Thür öffnen und der Aegypter Zminis oder einer seiner Häscher erscheinen, um sie zu dem furchtbarsten der Menschen zu schleppen.

Sie war schon mehrmals halb erwacht, und wenn ähnliche Gedanken sie dann überfallen hatten, war die zurückkehrende Besinnung von ihr gewichen, und neue Fieberschauer hatten sie geschüttelt.

Aber diesmal schien der Kopf ihr freier, und der Nebel und das Sausen waren verschwunden, die sie verhindert hatten, Auge und Ohr recht zu gebrauchen.

Auch ihre Widerstandskraft war stärker geworden.

Schon bei dem ersten Versuche, sich zu besinnen, sagte ihr der erwachende Geist, daß, wenn sie sich noch im Serapeum befinde und die Thür gehen werde, Frau Euryale zu ihr treten könne, um ihr guten Mut einzusprechen, um sie in die mütterlichen Arme zu nehmen, um ihr . . .

Da erinnerte sie sich plötzlich wieder der Verheißungen, welche ihr aus den Schriften der Christen zu teil geworden waren. Mit aller Klarheit stand ihr von neuem vor der Seele, einen wie liebreichen Tröster sie in dem Heiland gefunden, und wie froh sie Frau Euryale bekannt hatte, daß die Erfüllung der Zeit nun wirklich für sie gekommen sei, und daß sie nichts inniger wünsche, als die Glaubensgenossen der Freundin, als eine Christin zu werden.

Und bei alledem schien es ihr, als werde es heller in ihr und um sie her, und das Traumbild, bei dessen Anblick ihr vor vielen Tagen die Besinnung geschwunden war, trat ihr wieder vor das innere Auge. Von neuem sah sie den Heiland, wie er ihr am Ende ihres Rittes durch das Dunkel die Arme entgegengestreckt und sie, die Mühselige und Belastete, eingeladen hatte, sich von ihm erquicken zu lassen.

Ein herzerwärmendes Dankgefühl überkam sie, und sie schloß wieder die Augen.

Doch sie schlief nicht, und während sie bei voller Besinnung mit den Händen auf der Brust, die leise Atemzüge gleichmäßig hoben und senkten, an den liebreichen Lehrer der Christen und all die herrlichen Verheißungen dachte, die sie in der Predigt auf dem Berge gefunden, und die ja auch ihr galten, war es ihr, als schmiege sie das Haupt an Frau Euryales Schulter und sehe dazu die milde Lichtgestalt des Heilands ihr winken.

Ihren Körper umfing eine wohlige Mattigkeit.

Ganz ebenso war es, des erinnerte sie sich deutlich, schon einmal gewesen, – und sie wußte auch, wann.

Gerade so hatte sie sich gefühlt, nachdem ihr der Geliebte zum erstenmale das Herz erschlossen, als sie in sinkender Nacht auf der Marmorbank an seiner Seite gerastet hatte und die Christen an ihr vorübergewallt waren. Sie hatte den singenden Zug damals für die wandernden Seelen verstorbener Menschen gehalten, und wunderbar! Nein, sie irrte sich nicht: auch jetzt vernahm sie den Gesang, der sie damals, trotz seines feierlichen Klanges, so froh gestimmt hatte.

Sie erinnerte sich nicht, wann er begonnen habe; aber auch diesmal erweckte er ein bittersüßes Mitleid in ihrer Seele. Nur erfaßte es sie tiefer als damals; wußte sie doch jetzt, daß es allen Mitmenschen gelten dürfe, weil sie die Kinder des nämlichen gütigen Vaters, ihre Brüder und Schwestern seien.

Woher diese wunderbaren Klänge nur kamen?

War sie – und ein leiser Schreck durchbebte sie bei diesem Gedanken – keine Lebende mehr? Hatte das Herz ihr aufgehört zu schlagen, als der Heiland nach ihrem Ritt durch das Blut und die Nacht sie auf die Arme genommen hatte, und es dunkel um sie her geworden war?

Weilte sie jetzt in dem Himmel der Seligen?

Andreas hatte ihn so herrlich geschildert, und sie erschrak dennoch bei diesem Gedanken.

Aber war das nicht thöricht?

Gehörte sie wirklich zu den Toten, dann war ja Angst und Not auf ewig vorüber. Sie fand die Mutter wieder, und, was auch den Ihren geschah, sie durfte ihnen vielleicht von hier aus beistehen, wie sie es auf Erden gethan, und ihnen hier ganz gewiß früher oder später wieder zu begegnen erwarten.

Aber nein!

Ihr Herz regte sich noch. Sie fühlte, wie kräftig es pochte.

Wo sie nur war?

Solche Decke hatte sich gewiß nicht über das Lager im Serapeum gebreitet, und die Schlafkammer dort war auch niedriger gewesen.

Jetzt schaute sie sich um, und es gelang ihr, sich nach der Seite hin zu wenden, von woher ihr die Abendluft so rein, so lind und leise entgegenwehte. Dabei rührte ihre zarte Krankenhand an das Haupt, und sie fand das volle Haar nicht mehr wieder. Sie hatte es also doch abgeschnitten, um sich unkenntlich zu machen.

Aber wo war sie? Wohin hatte die Flucht sie geführt?

Gleichviel!

Das Serapeum lag hinter ihr, und sie hatte den Zminis und die Häscher nicht mehr zu fürchten.

Da wandte sie zuerst den Blick dankbar nach oben und dann spähend gerade vor sich hin, und während sie schaute und das Auge sich satt schwelgen ließ, drang ihr ein leiser Ruf des Entzückens von den Lippen; denn vor ihr lag im silbernen Licht der blanken Scheibe des jungen Mondes ein herrlicher, blühender Garten, und über den Palmen, die in schattigen Massen im fernen Hintergrund alles überragten, ging der Abendstern auf. Vor ihr glitzerte und gleißte das Mondlicht in den steigenden und fallenden Tropfen des Springquells, und während sie, von dieser stillen Herrlichkeit bis in die tiefste Seele ergriffen, an die freundliche Selene dachte, die da oben ihren friedvollen Weg zog, an die in der Mondnacht jagende Artemis, die Nymphe des Springquells und die Dryaden, die jetzt vielleicht den gewaltigen Bäumen entschlüpften, um mit munteren Panen zu tanzen, erhob sich plötzlich wieder ein Gesang in feierlichen Rhythmen, und ihr entgegen scholl, von tiefen Männerstimmen gesungen, der Anfang des Psalmes:

»Danket dem Herrn und prediget seinen Namen, verkündet sein Thun unter den Völkern;

»Singet von ihm und lobet ihn, redet von all seinen Wundern. Rühmet seinen heiligen Namen, es freue sich das Herz derer, die den Herrn suchen.«

Hier schwiegen die Männer, und als wolle er ihr Lob des Höchsten bestätigen, begann ein Frauenchor in heller Begeisterung den neunzigsten Psalm:

»Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge worden, und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

Dann hob der Männerchor wieder an:

»Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Veste vekündiget seiner Hände Werk.

»Ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht thut es kund der andern.«

Und von neuem unterbrachen ihn die Frauen, und hell scholl ihnen aus der dankerfüllten Brust der Psalm des David:

»Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen.

»Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat.

»Der dir alle deine Sünden vergibt, und heilet alle deine Gebrechen.

»Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.«

Atemlos lauschte sie diesen Gesängen, von denen kein Wort ihr entging, und wie gern hätte sie die eigene Stimme in die der anderen gemischt, um dem gütigen Vater im Himmel, nun auch dem ihren, zu danken. Da lagen seine Wunderwerke ja vor ihr, und der Vers:

»Der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit«,

hallte in ihr nach, und es war ihr, als gelte er ihr und sei ihr von dem Frauenchor zugesungen worden.

Wie schöne, lustige, spielende Kinder, wie anmutige Menschen von der eigenen Art erschienen ihr jetzt die Götter, deren sie eben noch in frommer Erinnerung gedacht, neben dem gewaltigen Schöpfer und Lenker des ganzen Weltalls, dessen Thun unter den Völkern, dessen heiligen Namen, dessen Wunderwerke, Größe und Güte diese Lobgesänge feierten. Ein Hauch seines Mundes wehte die ganze Götterwelt, an die sie sich früher betend gewandt, auseinander wie der Herbstwind das bunte Laub welkender Bäume. Es war ihr, als umfasse er mit gewaltigen und doch liebreichen Armen den Garten vor ihr und mit ihm den ganzen Erdrund. Sie hatte auch die Olympier geliebt; doch wahre Ehrfurcht vor einem Gott erfaßte sie zum erstenmal in dieser Stunde, und es machte sie stolz, diesen mächtigen Herrn, diesen gütigen Vater auch lieben zu dürfen und sich von ihm geliebt zu wissen.

Das Herz schlug ihr immer schneller, und es war ihr, als brauche sie unter dem Beistande dieses Herrn keine Gefahr mehr zu fürchten.

Während sie dann wieder nach den Palmen hinter den Tamarisken schaute, über deren fächerreichen Kronen nun schon der Abendstern im Azurblau des nächtigen Himmels schwebte, erhob sich von neuem der Gesang, der vorhin verstummt war, und sie vernahm wieder den Gruß der Engel, der ihr schon einmal so tröstlich und verheißungsvoll aus dem Evangelienbuche in die Seele gegriffen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«

Was sie damals so heiß herbeigesehnt hatte, jetzt, meinte sie, sei es gekommen.

Der Friede, die Ruhe, nach denen sie in Angst und Blut so schmerzlich verlangt, – sie erfüllten nun ihr Herz, und was sie umgab, wie still war es doch und wie friedvoll!

Ein wunderbares Heimatsgefühl durchdrang sie, und mit ihm die Ueberzeugung, daß sie hier diejenigen wiederfinden müsse, nach denen sie sich sehnte.

Wiederum erhob sie den Blick, um Ausschau zu halten, und nun gewahrte sie eine weiße Gestalt, die sich von den Tamarisken her näherte.

Es war Frau Euryale.

Sie hatte Agathe unter der Gemeinde gewahrt und den Gottesdienst verlassen, weil sie fürchtete, die Kranke könne erwachen, ohne jemand in der Nähe zu haben, der sie verstand und den sie liebte.

Schnellen Schrittes kreuzte sie den Rasen. Jetzt lag der Springbrunnen hinter ihr, jetzt hob sie im Mondschein das Haupt, und Melissa schaute ihr in das liebe, gütige Antlitz.

Froh bewegt rief sie der Freundin zu, und als die Matrone die Veranda betrat, vernahm sie die schwache Stimme der Genesenden und eilte ihr entgegen.

Behend, als habe die Freude sie verjüngt, sank Frau Euryale am Hauptende des Lagers der Erwachten auf die Kniee nieder, um sie mit mütterlicher Zärtlichkeit zu küssen und ihr Haupt sanft an die Brust zu drücken. Während Melissa dann fragte und immer wieder fragte, mußte die Matrone sie zur Ruhe ermahnen und ihr zuletzt gebieten, es nun genug sein zu lassen.

Zuerst hatte die Erwachte zu wissen begehrt, wo sie sich befinde. Dann waren ihr die Lippen übergeströmt von Dank und Freude und der Versicherung, daß ihr zu Mute sei, wie sich die Seligen fühlen müßten; denn Frau Euryale hatte mit gedämpfter Stimme berichtet, daß der Vater lebe, daß auch Diodor und ihr Bruder im Hause des Zeno Aufnahme gefunden, und daß es dem Andreas, dem Polybius und ihnen allen nach üblen Tagen wieder wohl ergehe. Auch daß die Stadt schon längst von dem Kaiser befreit sei, und Zeno einwillige, seine Tochter Agathe mit dem Alexander zu verbinden, hatte Frau Euryale erzählt.

Gehorsam der mütterlichen Beraterin ruhte die Genesende eine Weile; doch die Freude schien ihr die Kraft zu verdoppeln; denn sie wünschte Agathe, den Alexander und Andreas zu sehen und – sie errötete dabei und ein rührend flehender Blick traf das Auge der Matrone – auch den Diodor.

Aber der Arzt Ptolemäus war inzwischen in das Gemach getreten, und er gestattete an diesem Abend nur noch der Tochter des Zeno, an das Lager der Freundin zu treten.

Die ernsten Augen waren ihm feucht, als er beim Abschiede Frau Euryale zuraunte: »Alles gut. Auch ihr Geist ist gerettet.«

Und er hatte recht gesehen.

Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde schritt die Genesung vorwärts, steigerte sich die Kraft Melissas. – Es gab aber auch so viel für sie zu sehen und zu erfahren, was wie Arznei auf sie wirkte, selbst wenn sie der Tod des Bruders und der gemordeten Freunde mit neuer Trauer erfüllt hatte.

Wie sie, so war auch der Geliebte und Alexander auf dornigen Pfaden zu jenen Sternen geführt worden, die den Glückseligen leuchten und ihr reines Licht in die Herzen derer ergießen, denen eine höhere Wahrheit sich offenbart.

Als Christ trat Diodor Hand in Hand mit dem Bruder der Genesenden entgegen.

Was so vielen Alexandrinern das Herz für die Segnungen der neuen Lehre gewonnen, hatte auch sie zu ihr hingezogen, und die Gewißheit, die Geliebte bei den Christen zu finden, war dem Entschluß der Freunde entgegen gekommen, den Zeno um Unterweisung zu bitten. Und sie war ihnen in einer so feurigen, hinreißenden Weise geworden, daß sich in ihren empfänglichen Herzen Wißbegier und Wunsch in feste Ueberzeugung und begeisterte Sehnsucht verwandelt hatten.

Agathe war die Braut des Alexander.

Der Verachtung der Mitbürger, die den Jüngling unschuldig getroffen, und von der er gemeint, daß sie ihm den Besitz der Geliebten unerreichbar machen werde, dankte er denselben; denn der Vater Agathens vertraute dem Manne willig sein Kind an, der es gerettet, den es liebte und in dem er nun einen von jenen Erniedrigten sah, die erhöht werden sollten.

Bevor die Wunde des Alexander sich geschlossen hatte, war ihm der Tod des Philipp verschwiegen worden; er aber hatte in jenen Tagen dem Andreas bekannt, daß er entschlossen sei, in die Ferne zu fliehen, um Agathe nicht wieder zu sehen und dem Bruder, über den er so viel Schlimmes gebracht, nicht auch die Geliebte zu rauben.

Bewegten Herzens hatte der Freigelassene ihm zugehört, und wenige Stunden, nachdem Andreas dem Zeno berichtet, was ihm der entsagende Jüngling vertraut, war dieser zu dem Genesenden getreten, um ihn als Sohn zu begrüßen.

Melissa fand nun in Agathe die Schwester, nach der sie so lange verlangt, und wie wohl that es ihr, das Auge des Bruders wieder hell und daseinsfroh leuchten zu sehen.

Alexander blieb übrigens auch als Christ und als Gatte der Tochter des Zeno ein Künstler. Das Vermögen, das Andreas sich erworben hatte – es gehörten dazu auch die Solidi, mit denen einst die Schulden des leichtsinnigen Malers bezahlt worden waren – wurde verwandt, um ein neues, schönes Gotteshaus an der Stelle zu erbauen, wo das Haus des Steinschneiders Heron gestanden.

Alexander schmückte es mit herrlichen Bildern, und da auch diese Kirche der schnell anwachsenden Gemeinde nicht mehr genügte, versah er auch andere neue Gotteshäuser mit Gemälden, deren hohe Schönheit in der ganzen Christenheit bekannt war, und die bewundert und erhalten blieben, bis finsterer Eifer die Kunst aus den Kirchen verbannte und ihre Werke zerstörte.

Melissa konnte nicht sicher in Alexandria bleiben.

Nach ihrer stillen Hochzeit im Hause des Polybius reiste sie mit dem jungen Gemahl nach Karthago, wo dem Diodor ein Oheim wohnte.

Die Liebe folgte ihnen auch dorthin und mit ihr das Glück. Sie brauchten sich auch nicht lange verborgen zu halten; denn wenige Monate nach ihrer Hochzeit kam die Nachricht nach Karthago, der Kaiser sei von dem Centurio Martialis, hinter dem die beiden Tribunen Apollinaris und Nemesianus Aurelius gestanden hatten, ermordet worden. Gleich darauf sei der Präfekt der Prätorianer, Macrinus, von den Truppen zum Kaiser ausgerufen worden.

Die Herrschaft dieses ehrgeizigen Mannes dauerte zwar kein volles Jahr, die Voraussagung des Magiers Serapion war aber dennoch an ihm in Erfüllung gegangen. Dem Zukunftskünder selbst kostete sie freilich das Leben; denn ein Brief von seiner Hand an den Präfekten, in dem er ihn an seine Voraussagung erinnerte, kam in die Hände der Mutter des Caracalla, welche die für den unglücklichen Sohn ankommenden Briefe zu Antiochia, wo sie sich aufhielt, eröffnete; ihre Warnung gelangte aber erst kurz nach dem Ende des Cäsar und bevor der neue Kaiser Macrinus den Wunderthäter schützen konnte, ans Ziel.

Seit der Thronbesteigung des neuen Herrschers hörte die Verfolgung derjenigen auf, die das Mißfallen des Caracalla erweckt hatten, und wie Diodor und Melissa konnten Heron und Polybius sich wieder sicher vor jeder Nachstellung unter das Volk mischen.

Diodor und andere Freunde sorgten dafür, daß der Verdacht der Verräterei, welcher sich an die Familie des Heron geheftet hatte, als unbegründet anerkannt wurde. Ja, der Tod des Philipp und das Schicksal Melissas und des Alexander stellte sie den edelsten Feinden der Tyrannei an die Seite.

Als der Kaiser Macrinus zehn Monate nach seiner Thronbesteigung durch die Niederlage bei Immae, wo nur noch die Prätorianer tapfer für ihn fochten, nach einer schmählichen Flucht gestürzt, und der verderbte Großneffe der Julia Domna unter dem Namen Heliogabalus von der Armee zum Cäsar ausgerufen worden war, ließ der vierzehnjährige Kaiser zu Alexandria dem Caracalla, für dessen Sohn man ihn fälschlich ausgab, eine Bildsäule und ein Cenotaph errichten. Diese beiden Kunstwerke hatten viel unter dem Hasse derjenigen zu leiden, denen der unglückliche Ermordete so furchtbar wehe gethan; doch an gewissen Gedenktagen wurden beide mit schönen Blumen geschmückt, und als der neue Präfekt im Auftrage der Mutter des Caracalla zu erforschen suchte, wer sie gespendet, erfuhr er, daß sie aus den schönsten Gärten der Stadt stammten, und daß eine Christin, Melissa, die junge Gattin des Besitzers derselben, es sei, die sie stifte. – Das that dem Herzen der Julia Domna wohl, und sie hätte die Spenderin noch wärmer gesegnet, wenn ihr bewußt gewesen wäre, daß Melissa die Seele ihres verirrten Sohnes bis an ihr spätes Ende mit in ihr Gebet einschloß.

Der alte Heron, welcher auf das Gut des Diodor gezogen war und unter seinen Vögeln weniger mürrisch als früher fortfuhr, kleine Kunstwerke zu schaffen, schüttelte über diese sonderbaren Liebesgaben den Kopf, und als er einmal nach einer solchen mit der alten Freigelassenen Dido allein war, sagte er verdrossen: »Wäre die Närrin mir gefolgt, würde sie heute wie die Julia Domna ›Kaiserin‹ heißen. Aber es ist auch so gut; nur daß der Argutis, den sie überhaupt halten, als sei er ein Blutsverwandter unseres alten makedonischen Geschlechtes, gestern im Auftrage Melissas schönere Blumen auf das Cenotaph des Caracalla brachte als auf das Grab ihrer eigenen Mutter, das mag ihr neuer Gott ihr vergeben. Es steckt gewiß eine christliche Schrulle dahinter. Ich halte es mit den bewährten Göttern, denen auch meine Olympias diente, die doch immer nur that, was von dem Guten das Beste.«

Der alte Polybius blieb gleichfalls ein Heide; die Kinder aber ließ er gewähren.

Er und Heron sahen die Enkel widerspruchslos als Christen erziehen; denn sie ahnten beide, daß der neuen Lehre die Zukunft gehöre.

Andreas blieb noch als Greis der treue Berater der alten und jungen Freunde. Im Sonnenscheine der Liebe, die ihn umgab, hatte sich sein strenger Eifer in nachsichtige Milde verwandelt.

Als es endlich zum Sterben kam und Melissa ihn kurz vor seinem Ende fragte, welches ihm das liebste Wort aus der Schrift sei, dachte er kurze Zeit nach und entgegnete dann fest und bestimmt: »Da aber die Zeit sich erfüllet.«

»Um meinetwillen,« versetzte Melissa mit feuchten Augen.

Da nickte er ihr lächelnd zu, gab dem Diodor ein Zeichen, ihm den Siegelring, das einzige, was sein Vater aus der Zeit der Freiheit und des Wohlstandes gerettet, abzustreifen, und bat Melissa, ihn als Andenken an ihn zu behalten. Tief bewegt steckte sie ihn an den Finger; Andreas aber wies auf die Inschrift und sagte mit erlöschender Stimme: »Dein Weg, der eure und meiner . . . Der Wahlspruch des Vaters: › Per aspera ad astra!‹ Mich führte er ans Ziel, und auch Dich, auch euch . . . Doch der Spruch ist ja römisch . . . Ihr versteht ihn wohl kaum . . . Er bedeutet: ›Auf steinigen Pfaden empor zu den Sternen!‹ . . . Aber nein: ›Unter des Kreuzes Last aufwärts zur Seligkeit hier und dort‹, das ist's, was er mir zuruft, und« – dabei schaute er dem Liebling in das immer noch schöne Antlitz – »auch Dir – ich weiß es – auch euch!«

Dann schöpfte er tief Atem, und mit der Hand auf dem Haupte Melissas, die an seinem Lager niedergekniet war, schloß er in den stützenden Armen des Diodor die treuen Augen.

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