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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Das Abendmahl des Caracalla war beendet, und so ausgelassen, in so toller Laune hatten die Freunde den düsteren Mann seit Jahren nicht gesehen. Wohl waren Theophilus, der Oberpriester des Serapis, der Senator Dio Cassius und einige andere Männer aus dem Gefolge der Tafel fern geblieben; dafür aber hatten ihn der Alexanderpriester, der Präfekt Macrinus und die Günstlinge Theokrit, Pandion, Antigonus und ihresgleichen recht dicht umgeben, ihm zugetrunken und ihm Glück gewünscht zu der herrlichen Rache.

Was Geschichte und Sage von ähnlichen Thaten blutiger Vergeltung berichteten, wurde mit der dieses Tages verglichen, und man fand, daß sie alles bisher Dagewesene überbiete.

Das freute den halbberauschten Cäsar.

Heute erst, versicherte er mit blitzenden Augen, habe er den Mut gefunden, das ganz zu sein, wozu ihn das Schicksal berufen, der Richter und zugleich der Henker der verruchten, verkommenen Menschheit. Wie Titus der Gute genannt worden sei, so wolle er der Schreckliche heißen. Dieser Tag sichere ihm diesen kräftigen, ihm von Herzen wohlgefälligen Namen.

»Heil dem Liebenswerten, der doch der Schreckliche sein will,« rief Theokrit und hob den Pokal, und die anderen Tischgenossen stimmten mit ein.

Dann wurde auf die Zahl der ums Leben Gekommenen geraten.

Niemand konnte sie noch genau bestimmen; denn Zminis, der einzige, der alles zu übersehen vermochte, war noch nicht erschienen. Man riet auf fünfzig, auch sechzig und siebenzigtausend mit dem Tode bestrafter Alexandriner; der Präfekt Macrinus aber versicherte, es müßten hunderttausend und darüber sein, und Caracalla belohnte ihn dafür mit dem lauten Rufe: »Prachtvoll, groß, für den gemeinen Verstand kaum zu fassen. Aber damit ist noch nicht zu Ende, was ich ihnen zugedacht habe. Heute schlug ich ihnen die Glieder wund; doch es geht ihnen auch noch ans Herz, wohin sie mich trafen!«

Hier stockte er, und nach einer kurzen Pause recitirte er unvermittelt und als folge er einem plötzlichen Einfall die Verse, mit denen Euripides mehrere seiner Tragödien beschließt:

»Viel ordnet und schafft im Olympos Zeus,
Auch vieles verhängt unerwartet sein Rat,
Und was du gehofft, das vollendet sich nicht,
Zum Unmöglichen findet die Bahn ein Gott.«

Damit endete diese widrige Verhandlung; denn der Kaiser hatte nach dem letzten Verse den Pokal von sich geschoben und starrte bleich und so stier ins Leere, daß der Leibarzt, der einen neuen Anfall voraussah, schon seine Mittel zur Hand nahm.

Der Präfekt der Prätorianer gab den anderen ein Zeichen, des Aussehens ihres kaiserlichen Wirtes nicht zu achten, und er selbst that das Seine, um das stockende Gespräch im Gange zu erhalten, bis Caracalla nach längerer Zeit die Stirn trocknete und mit heiserer Stimme ausrief: »Wo der Aegypter nur bleibt? Die lebenden Gefangenen, die lebenden sag' ich, soll er uns bringen!«

Dabei schlug er heftig auf das Tischchen vor seinem Lager, und als hätte ihn das Geräusch des zusammenklirrenden metallenen Geschirres zur Mäßigung ermahnt, fuhr er nachdenklich fort: »Hunderttausend! Würden die Toten hier noch verbrannt, es kostete einen Wald, sie in Asche zu verwandeln.«

»Dieser Tag wird ihm ohnehin teuer genug zu stehen kommen,« flüsterte der Alexanderpriester, der in seiner Eigenschaft als Idiolog die Abgaben der Tempel und ihrer Güter in die kaiserliche Kasse abzuführen hatte – seinem Tischnachbar, dem alten Julius Paulinus zu, und dieser erwiderte: »Charon macht heute die besten Geschäfte. Hunderttausend Obolen in wenigen Stunden. Wenn der Tarautas lange an der Herrschaft bleibt, so pacht' ich sein Fährboot.«

Während dieses Geflüsters versicherte der Günstling Theokrit dem Kaiser mit lauter Stimme, die Einziehung der Güter der Erschlagenen würde genügen, jede Art der Bestattung und dazu eine recht stattliche Menge von Dankopfern zu bezahlen.

»Opfer,« sprach Caracalla ihm nach, wies auf das kurze Schwert, das neben ihm auf dem Polster lag, und fügte hinzu: »Es hat bei dem Werke geholfen. Mein Vater führte es in vielen Schlachten, und ich ließ es nicht rosten. Doch ob es in seinen und meinen Händen zusammen es bis gestern auf hunderttausend brachte, ich möcht' es bezweifeln.«

Dann schaute er sich nach dem Oberpriester des Serapis um, und als er ihn unter den Gästen vergeblich gesucht hatte, rief er: »Der würdige Theophilus entzieht uns heute sein Antlitz. Und doch war es sein Gott, in dessen Hand ich die Rache legte. Ihn dauern die Anbeter, die der hohe Serapis verlor, wie Dich, Vestinus – und damit wandte er sich an den Idiologen – die erschlagenen Steuerzahler. Du denkst dabei an meinen Anteil, und das muß ich loben. – Dein Genosse im Dienst des Serapis hat nur für die Größe seines Gottes zu sorgen; doch es gelingt ihm nicht, sich selbst zu ihr zu erheben. Armer Wicht! Ich will es ihn lehren. Hieher Epagathos, und Du, Claudius! Gleich sucht ihr den Theophilus auf. Ueberbringt ihm dies Schwert. Ich weihe es seinem Gotte. Es wird in seinem Allerheiligsten zum Andenken an die gewaltigste aller Rachethaten aufbewahrt werden. Sollte Theophilus die Annahme verweigern . . . Aber nein! Der Mann ist verständig. Er kennt mich.«

Hier hielt er inne und schaute dem Macrinus nach, der aufgestanden war, um mit einigen Beamten und Kriegern, die den Saal betreten hatten, zu reden. Sie brachten die Nachricht, daß die parthische Gesandtschaft die Verhandlungen abgebrochen und die Stadt am Nachmittage verlassen habe. Sie wolle kein Bündnis und erwarte das römische Heer.

Die Achsel zuckend teilte Macrinus dem Cäsar diese Entscheidung mit, doch verschwieg er die Bemerkung des greisen Führers der Botschafter, daß sie einen Gegner nicht scheuten, der die Feindschaft der Götter durch eine so schnöde Unthat auf sich geladen.

»Da hätten wir denn den Partherkrieg!« entgegnete Caracalla, und die Augen blitzten ihm auf: »Meine Lieblinge im Panzer werden sich freuen!«

Aber gleich darauf schaute er ernster drein und frug: »Sie verließen die Stadt? Aber sind es denn Vögel? Die Thore und der Hafen waren verschlossen.«

»Ein kleines, phönizisches Fahrzeug,« lautete die Antwort, »schlüpfte mit ihnen vor Sonnenuntergang zwischen unseren Wachschiffen durch.«

Da scholl ein lautes »Verwünscht« von den Lippen des Kaisers, und nach einem kurzen, leisen Gespräche mit dem Präfekten ließ er Papyrus und das Schreibzeug bringen.

Der Senat mußte durch ihn selbst von dem Vorgefallenen unterrichtet werden, und er that es in kurzen Worten.

Die Zahl der Gefallenen kannte er nicht, und er hielt es auch nicht für der Mühe wert, sie nur annähernd zu bestimmen. Eigentlich, schrieb er, seien alle Alexandriner des Todes schuldig.

Bei Tagesanbruch sollte eine schnelle Trireme den Brief nach Ostia bringen.

Wohl fragte er nicht nach dem Urteil des verkommenen Senats, und doch fühlte er, daß es besser sei, wenn die Kunde von den Ereignissen des heutigen Tages durch ihn selbst in die Curie komme, als durch die alles entstellende Stimme des Gerüchtes.

Macrinus legte ihm auch nicht wie sonst ans Herz, seinem Brief eine achtungsvollere Form zu geben. Wenn etwas, so konnte diese Unthat ihm helfen, die Voraussagung des Magiers Serapion zur Wahrheit zu machen.

Während der Kaiser den Brief noch zusammenrollte, betrat der längst erwartete Zminis den Saal.

Der Nachtstratege hatte sich stattlich gekleidet und trug die Zeichen seiner neuen Würde. Unterwürfig bat er wegen seines langen Ausbleibens um Entschuldigung. Er habe sein Aeußeres dem der Gäste des hohen Cäsar anpassen müssen; denn – und nun beschrieb er prahlerisch, wie er selbst im Blute gewatet sei, und wie im Vorhofe des Museums der rote Lebenssaft der Alexandriner seinem Rosse bis an die Kniee gestiegen.

Die Zahl der Gefallenen, schloß er auf die Frage des Kaisers mit widrigem Stolz, werde die Hunderttausend, auf die der Präfekt geraten, noch überbieten.

»So sagen wir elf Myriaden,« unterbrach ihn Caracalla. »Von den Toten haben wir genug. Jetzt beginnt die Krönung des Tages. Laß die Lebenden bringen!«

»Wen?« frug der Aegypter überrascht.

Da begannen dem Kaiser die Lider zu zucken, und in bedrohlichem Ton erinnerte er sein blutiges Werkzeug an diejenigen, welche er ihm als Gefangene lebendig vorzuführen geboten.

Doch der Aegypter fuhr fort zu schweigen, und zornig kreischte ihm der Cäsar die Frage zu, ob die Tochter des Heron seinem Ungeschick entwischt sei, und ob er auch den Steinschneider und Maler nicht bringe?

Da erkannte der blutige Würger, daß das mörderische Schwert des Cäsar sich auch gegen ihn wenden könne. Doch er stand bereit, sich mit allen Mitteln zu wehren.

Sein Geist war erfinderisch, und da er voraussah, daß es ihm am schwersten vergeben werden würde, Melissa nicht ergriffen zu haben, suchte er sich mit einer Lüge zu decken.

Anknüpfend an einen Vorfall, dem er selbst beigewohnt hatte, begann er darum: »Das schöne Steinschneiderkind war mir schon sicher; denn meine Leute hatten das Haus des Heron umstellt. Aber den alexandrinischen Schurken war zu Ohren gekommen, daß ein Sohn des Künstlers, der Maler, und seine Schwester Verrat an ihren Mitbürgern geübt und Deinen Zorn gegen sie aufgeregt hätten. Ihnen schrieben sie die Strafe zu, die ich in Deinem Auftrage an ihnen vollzog. Besonnenes Erwägen kennt diese Brut nicht, und so fiel sie, bevor wir es hindern konnten, über das unschuldige Bauwerk her. Sie warfen Feuer hinein und brannten und rissen es nieder. Was darin war, ging zu Grunde, und so auch die Tochter des Heron. Das ist leider festgestellt worden. An den Alten und seinen Sohn komm' ich morgen. Heute galt es so fleißig mähen, daß es mit dem Garbenbinden nicht anging. Es heißt, sie wären entflohen gewesen, bevor die Menge sich noch auf das Haus warf.«

»Und die Tochter des Steinschneiders?« frug der Kaiser mit unsicherer Stimme. »Ist sie sicher mit dem Hause verbrannt?«

»So sicher, wie ich eifrig bestrebt war, die Alexandriner Deine strafende Hand fühlen zu lassen,« entgegnete der Aegypter selbstbewußt und log dann mit frecher Stirn weiter: »Ich trage die Spange bei mir, die sie am Arme trug. Man fand sie an dem verkohlten Körper im Keller. Der Kämmerer Adventus sagt, Melissa habe sie gestern von Dir zum Geschenke erhalten. Da ist sie.«

Damit überreichte er dem Cäsar dasselbe schlangenförmige Armband, welches Caracalla vor dem Gang in den Zirkus der Geliebten gesandt. Das Feuer hatte es verletzt, doch war es nicht zu verkennen.

Man hatte es unter dem Schutt des zerstörten Hauses gefunden, doch an keines Menschen Arm, und dem Zminis war erst eben durch den Kämmerer, dem er es gezeigt, mitgeteilt worden, daß es der Tochter des Heron gehört.

»Auch das Gesicht der Leiche,« schloß der Aegypter den falschen Bericht, »war noch zu erkennen.«

»Der Leiche!« wiederholte Caracalla dumpf. »Und Alexandriner, sagst Du, zerstörten das Haus?«

»Ja, Herr; eine wütende Rotte, und darunter auch alte Leute: Griechen, Juden, Syrer . . . Was weiß ich? Den meisten war durch das Werk der Rache ein Vater, Sohn oder Bruder in den Hades vorausgesandt worden. Die wildesten Flüche galten dem Maler Alexander, der ja auch in der That Dein Spion war. Die makedonische Phalanx kam indes zur rechten Zeit. Sie erschlug die meisten und nahm auch einige gefangen. Du kannst sie morgen verhören. Was das Weib des Seleukus angeht . . .«

»Nun?« fuhr der Kaiser auf, und sein Blick belebte sich aufs neue.

»Sie fiel dem Ungeschick der Prätorianer zum Opfer.«

»Oho,« unterbrach ihn hier der Legat Quintus Flavius Nobilior, der den Aureliern das Leben des Alexander geschenkt hatte, und auch Macrinus verbat sich beleidigende Bemerkungen gegen die tadellose Truppe, deren Führung ihm zur Ehre gereiche.

Doch der Aegypter ließ sich nicht irre machen und fuhr eifrig fort: »Um Vergebung, ihr Herren! Es steht indes fest, daß es ein Prätorianer war – sein Name ist Rufus, und er gehört zur zweiten Kohorte – der Frau Berenike mit einem Lanzenstiche durchbohrte.«

Da bat der Flavier ums Wort und berichtete, wie die Gattin des Seleukus den Tod gesucht und gefunden. Er that es, als feiere er den Ruhm einer Heldin, doch schloß er in mißbilligendem Tone mit den Worten: »Leider aber endete die Verirrte mit einem Fluche gegen Dich, mein Cäsar, auf den hochverräterischen Lippen.«

»Und der weibliche Heros fand in Dir seinen Homer,« rief der Kaiser. »Wir sprechen uns wieder, mein Quintus.«

Damit führte er einen vollen Pokal zum Munde, leerte ihn bis auf den Grund, stieß ihn dann auf den Tisch, daß es dröhnte und rief: »Also keinen, nicht einen von allen, die ich zu fangen gebot, bringst Du? Selbst die schwache Jungfrau, die sich aus dem väterlichen Hause nicht entfernte, ließest Du von rohen Unholden morden! Und das, denkst Du, finde ich löblich? Bis morgen um diese Zeit steht der Steinschneider vor mir und mit ihm sein Sohn Alexander, oder beim Haupt meines göttlichen Vaters – Du endest durch die Bestien im Zirkus.«

»Sie fressen nicht ihresgleichen,« nahm sich der alte Julius Paulinus zu bemerken heraus, und der Kaiser nickte ihm zu.

Da überlief es den Aegypter kalt; denn diese Bewegung des kaiserlichen Hauptes zeigte ihm, an einem wie lockeren Faden sein Leben hänge.

Blitzschnell überlegte er darum, wohin er fliehen könne, wenn es ihm nicht gelang, die Verhaßten zu finden. Fand er Melissa selbst später noch am Leben, um so besser! Man hatte dann eben eine falsche Leiche für die ihre gehalten. Den Armreif konnte ja eine Sklavin, bevor sie mit dem Hause verbrannte, entwendet und sich angelegt haben. Er wußte recht wohl, daß der verkohlte Körper, von dem er gesprochen, der einer feilen Dirne war, die sich wütend den anderen voraus in das Haus der beneideten »Kaisergeliebten« und »Verräterin« gestürzt und dort in dem schnell entzündeten Feuer den Tod gefunden hatte.

Einen kurzen Augenblick behielt Zminis übrig, sich der eigenen findigen und behutsamen Klugheit zu freuen; doch dabei bedachte er schon, womit sich der Cäsar vielleicht günstiger für ihn stimmen lassen könne.

Von allen Alexandrinern waren dem Caracalla die Mitglieder des Museums am meisten verhaßt. Keines einzigen zu schonen, hatte er ihm dringend eingeschärft, und bei dem Ritte, den der Cäsar unter den Panzerreitern von Arsinoë durch die in Blut schwimmenden Straßen gethan, war er vor den Leichenhügeln im Hofe des Museums am längsten halten geblieben. In dem der Stoa von Athen nachgebildeten Wandelgange, wohin sich ein Dutzend der überfallenen Gelehrten geflüchtet, hatte er sogar etliche mit eigener Hand niedergestoßen. Das Blut an dem Schwerte, das Caracalla vorhin dem Serapis geweiht, es stammte aus dem Museum.

Hier hatte der Aegypter das Gemetzel in eigener Person geleitet und gründlich aufgeräumt. Wenn etwas, so war wohl die Erinnerung an die gemordeten Silbenstecher geeignet, den Zorn des Cäsar zu beschwichtigen, und kaum war der Beifallsruf verhallt, den der gegen ihn gerichtete höhnische Ausfall des Prokonsuls erweckt, als Zminis von der großen Mordthat im Museum zu berichten begann.

Er durfte sich rühmen, von den hohlen Wortklaubern, aus deren Mitte die Epigramme gegen den hohen Cäsar und seine Mutter stammten, kaum einen verschont zu haben. Lehrer und Schüler, ja selbst die Beamten des Hauses habe die Rache des beleidigten Herrschers ereilt. Von der großen Anstalt, die ja ihren alten Ruhm ohnehin längst überlebt habe, sei nichts mehr übrig als Steine. Die Numidier, die ihm bei diesem Werke geholfen, wären wie berauscht von Blut gewesen und selbst in die Hörsäle der Aerzte und in das Krankenhaus gedrungen, woran jene sich schlossen. Auch dort hätten sie keine Schonung geübt, und unter den Leidenden, die dahin geführt worden seien, um sie zu heilen und den Schülern zu zeigen, sei auch der verwundete Gladiator Tarautas gewesen. Ein Numidier, der jüngste der Legion, ein bartloses Bürschchen, habe den furchtbaren Löwen und Menschenbesieger mit einem Lanzenstich an das Bett genagelt, und dann noch mit dem nämlichen Speer wohl ein Dutzend Gefährten des Tarautas von ihren Leiden erlöst.

Während dieser Erzählung starrte der Aegypter, als sehe er, was er schilderte, vor sich hin ins Leere, und das Weiß seiner Augen glänzte dabei unheimlicher denn je aus dem Braun seines Antlitzes. Wie eine redende Leiche stand der hagere, bleiche Mann dem Cäsar gegenüber und nahm nicht wahr, welche Wirkung sein Bericht vom Morde des Gladiators auf ihn übte.

Aber bald genug sollte er es erfahren; denn während er noch sprach, hatte Caracalla beide Hände auf das Tischchen neben seinem Lager gestützt und ihm sprachlos ins Antlitz gestarrt.

Plötzlich aber war er aufgesprungen und hatte, außer sich vor Wut, dem entsetzten Aegypter das Wort abgeschnitten und ihm entgegengezetert: »Mein Tarautas, der dem Tode kaum entronnene Tarautas. Der tapferste Held unter seinesgleichen, auf dem Krankenlager von einem Barbaren, einem bartlosen Bürschchen, meuchlings ermordet! Und das hast Du, widriges Scheusal, gelitten? Diese Schandtat – Du weißt es, Schurke – wird auf meine Rechnung geschrieben. Auf mich wird man sie wälzen bis ans Ende der Tage, zu Rom, in allen Provinzen, überall! Fluchen wird man mir um ihretwillen, wo ein Menschenherz fühlt und schlägt und eine Zunge sich regt. Und ich? Wann gab ich Dir den Befehl, Deinen Durst nach Blut mit dem der Verwundeten und Kranken zu löschen? Nirgends, nie konnte ich das thun! Selbst der Weiber und willenlosen Sklaven gebot ich zu schonen. Ihr alle seid Zeugen! Doch an mir – ihr hört es – ist es jetzt, für den Meuchelmord der armen Siechen Vergeltung zu üben. Gerächt sollst Du werden durch mich, blutig gerochen, Du tapferer, wackerer Tarantas! –

»Her, ihr Lictoren!

»Bindet ihn!

»In den Zirkus mit ihm zu den für die wilden Tiere bestimmten Verbrechern!

»Das Mädchen, dessen Leben ich zu schonen befahl, läßt er vor seinen Augen verbrennen, und die bemitleidenswürdigen Kranken, auf sein Geheiß werden sie von bartlosen Buben erschlagen. Und der Tarautas! Wie alles, was über seinesgleichen hervorragt, schätzte ich ihn und sorgte mich um ihn . . . Um uns zu ergötzen, ihr Freunde, ward er verwundet . . . Die armen Kranken, der arme, brave Tarautas!«

Dabei brach er in lautes Schluchzen aus, und es war etwas so Unerhörtes, Unfaßliches, den Mann weinen zu sehen, der sogar beim Tode des Vaters keine Thräne vergossen, daß selbst die Spötterzunge des Julius Paulinus erlahmte.

Auch die anderen ringsum schwiegen bang und beklommen, während die Lictoren dem Zminis die Hände fesselten und trotz seines Bestrebens, die Stimme noch einmal zu seiner Verteidigung zu erheben, ihn mit sich fortschleppten und über die Schwelle des Speisesaales stießen.

Die Thür schloß sich hinter ihm, und kein Beifallsruf erscholl, obgleich jeder dem Aegypter sein Schicksal gönnte; denn der Kaiser weinte noch immer.

War es denn möglich, daß diese Thränen kranken Leuten, die er nicht kannte, und dem rohen Gladiator, dem Tier- und Menschenwürger, galten, der dem Cäsar nichts geboten hatte, als einige Erregung bei rauschenden Schaustellungen im Zirkus?

Und doch mußte es so sein; denn bisweilen drang dem Kaiser der leise Ruf: »Die unglückseligen Kranken« und: »Der arme Tarautas« über die Lippen.

Und dem Caracalla selbst wäre es in diesem Augenblick nicht möglich gewesen, bestimmt zu sagen, wen er beweine.

Er hatte im Zirkus sein Schicksal von dem des Tarautas abhängig gemacht, und wenn er im Andenken an ihn Zähren vergoß, so galten sie wohl weniger dem Gladiator, als dem baldigen Ende des eigenen Lebens, das ihm durch den Tod des Tarautas in Aussicht gestellt wurde.

Aber er hatte im Kriege und sonst sich gleichmütig genug den Pforten des Hades genähert, und während er der Kranken und des Tarautas in schmerzlichen Klagerufen gedachte, sah er vor dem inneren Auge kein Siechenbett und weniger noch die gedrungene Gestalt des wilden Zirkushelden, sondern die schlanke und biegsame der anmutigsten Jungfrau, und neben ihr einen geschwärzten, runden Mädchenarm, an dem eine goldene Spange blitzte.

Dies Weib! Dies verräterische, schändliche und doch so holdselige, liebenswerte Weib war vor ihm aus der Reihe der Lebenden gestrichen worden, und mit ihm, mit Melissa, die einzige, für die sein Herz je schneller geschlagen hatte, die Wunderthäterin, der die Macht eigen gewesen war, seine Schmerzen zu bannen, deren Liebe – jetzt wollte er daran glauben und glaubte auch daran, obgleich er keine ihrer Bitten, Gnade zu üben, erhört – ihm die Kraft verliehen haben würde, ein milder Wohlthäter des Menschengeschlechtes, ein zweiter Trajan und Titus zu werden.

Daß er ihr, wenn sie ihm gefangen zugeführt worden wäre, die gräßlichsten Qualen und einen schimpflichen Tod in der Arena zugedacht hatte, wußte er nicht mehr. Es war ihm, als reiße das Ende der Roxane, mit der sein Lieblingswahn zunichte ging, ihm das Herz in Stücke, und die Jungfrau war es doch wohl, die er mit dem Namen des Gladiators auf den Lippen und mit der Spange, seinem Geschenk, das sie bis ans Ende am Arm getragen haben sollte, vor Augen, so schmerzlich beweinte.

Doch es gelang ihm bald, diese weiche Regung zu bemeistern, und er schämte sich, Thränen um diejenige zu vergießen, die ihn betrogen hatte und vor seiner Liebe geflohen war.

Nur noch einmal schluchzte er laut auf. Dann erhob er sich und rief den Gästen mit dem Tuch an den Augen in schauspielerischem Pathos zu: »Ja, meine Freunde, erzählt nur jedem, der es hören will, ihr hättet den Bassianus weinen sehen; aber fügt auch hinzu, seine Thränen seien aus Kummer über die Notwendigkeit geflossen, eine so harte Strafe über viele seiner Unterthanen zu verhängen. Sagt ihnen auch, der Cäsar habe aus Mitleid geweint und vor Entrüstung. Oder welchen Guten zwänge es nicht zu Thränen, arme Kranke und Verwundete mißhandeln zu sehen? Welcher Menschenfreund könnte sich enthalten, laut aufzujammern beim Anblick der Ruchlosigkeit, die der heilige Schmerz der Kranken und Wunden nicht hindert, die meuchlerische Hand an sie zu legen? – Damit verteidigt mich vor den Römern, die es lüsten sollte, über die Weichmütigkeit des weinenden Kaisers, des ›Schrecklichen‹, die Achseln zu zucken. Mein Amt fordert Strenge. Und doch, ihr Freunde, ich schäme mich nicht dieser Thränen.«

Damit verabschiedete er sich von den Gästen, um zur Ruhe zu gehen, und die Zurückbleibenden hielten jetzt jedes Wort der Rede, ja auch jede Thräne des Cäsar für schmählich erheuchelt.

Der frühere Schauspieler Theokrit bewunderte den Herrscher diesmal aus vollem Herzen; denn wie selten gelang es auch den größten Mimen, durch einen bloßen Akt des Willens die Augen von einem Strom wirklicher, warmer Thränen – er hatte sie rinnen sehen – überfließen zu lassen.

Während Caracalla mit der Hand in der Mähne des Löwen auf die Thür zuschritt, flüsterte der Prätor Priscillianus dem Cilo zu: »Dein Schüler ist hier am Nil bei den weinenden Krokodilen in die Schule gegangen.«

Auf dem großen Platze rasteten die Krieger von ihrem blutigen Tagewerk.

Wie in einem Feldlager hatten sie im Angesicht des vornehmsten Heiligtums einer großen Stadt Feuer entzündet. Um jedes her lagen und hockten abteilungsweise die Fußgänger und Reiter und erzählten einander bei dem Wein, den der Kaiser spendete, von den gräßlichen Erlebnissen dieses Tages, deren selbst diejenigen, welche sie reich gemacht hatten, nur widerwillig gedachten. Bei manchem Feuer kreisten silberne und goldene Pokale, die man eben erbeutet, goß man aus Krügen von edlem Metall den Rebensaft in die Becher.

Es ging laut her da unten; denn es herrschte zwar nur eine Meinung über das Geschehene; aber es gab doch Liebediener und Ehrgeizige, die es zu verteidigen wagten. Jedes Wort konnte an den Kaiser gelangen, und dieser Tag außer Geld und Gut noch Beförderung bringen.

Selbst die Ruhigeren waren noch erregt von der blutigen Aufgabe, die sie erfüllt, und dazu ward über die Beute verhandelt und ein lebhaftes Tauschgeschäft betrieben.

Als Caracalla an dem Altan vorbeikam, trat er, von Lichtträgern umgeben, einen Augenblick heraus, um seinen Getreuen für den Gehorsam und die Tapferkeit zu danken, die sie auch heute bewährt. Die hochverräterischen Alexandriner seien nun bestraft, wie sie es verdienten. Je größer die Beute seiner lieben Waffenbrüder sei, um so mehr solle es ihn freuen.

Dieser Rede dankte ein Jubelgeschrei, das sie laut genug übertönte; der Cäsar aber hatte seine teuer erkauften Gehilfen ihm schon mit ganz anderer Kraft und Wärme zujauchzen hören. Es gab da sogar ganze Gruppen, die nicht mitriefen oder den Mund nur zum Schein zu öffnen schienen.

Sein Ohr war scharf für dergleichen.

Welchen Grund hatten sie, nach solcher Beute, obgleich sie noch nicht wußten, daß ein neuer Partherkrieg beginne, der manchem reich Gewordenen ungelegen kommen mochte, unzufrieden zu sein?

Das mußte ergründet werden, wenn auch nicht heute.

Sicher waren sie ihm; denn sie gehörten dem Meistbietenden, und er hatte dafür gesorgt, daß es keinen im Reiche gab, dessen Mittel den seinen gleichgekommen wären. Aber daß sie sich so lau gezeigt hatten, verdroß ihn. Gerade heute wäre ihm ein enthusiastisch-stürmischer Zuruf wohlthuend gewesen. Das hätten sie sich sagen müssen, und mit stillem Groll betrat er das Schlafgemach.

Dort wartete der Freigelassene Epagathos, der alte Adventus und der gelehrte indische Leibsklave Arjuna. Dieser sprach nie ungefragt, und die beiden anderen hüteten sich wohl, das Wort an den Kaiser zu richten. So war es denn ganz still in dem weiten Raume, während der Inder den Gebieter entkleidete.

Caracalla behauptete oft, die Finger dieses Mannes hätten an Weichheit und Behutsamkeit nicht ihresgleichen; heute aber zitterten sie, während sie den Lorbeer von dem Haupte des Cäsar lösten und ihm den gepolsterten Panzer aufschnürten. Was da geschehen war, hatte diesem Manne, dem in seiner indischen Heimat die höchste Achtung vor dem Leben, ja auch vor dem der Tiere, von Kind an eingeschärft worden war, die Seele bis ins Innerste erschüttert. Er, der sich nur von Pflanzenstoffen nährte und alles Blutige verabscheute, empfand jetzt einen tiefen Widerwillen gegen alles, was ihn umgab, und große Sehnsucht nach dem stillen, reinen Gelehrtenheim, aus dem man ihn als Jüngling geraubt, war mit wachsender Gewalt über ihn gekommen.

Hier war nichts, dessen Berührung ihn nicht verunreinigt hätte, und die Finger zogen sich ihm scheu zusammen, als die Pflicht ihn zwang, den Leib dessen zu berühren, der in der Vorstellung des Inders von Menschenblut troff und den der Fluch der Götter und Menschen wie mit einem Aussatz bedeckte.

Arjuna eilte sich, um bald aus der Nahe des Gräßlichen zu kommen, und der Cäsar ließ ihn gewähren und bemerkte weder die Blässe seiner schönen bräunlichen Züge, noch das Zittern seiner schmalen Hand; denn eine Fülle von eigenen Gedanken machte ihn taub und blind für seine Umgebung.

Erst drehten sie sich um das Geschehene; als ihm aber der Inder den wärmenden Panzer abgezogen hatte, traf ihn die kühl in das Gemach dringende Nachtluft, und er schauerte zusammen.

Wenn das der Geist des erschlagenen Tarautas war, der den Weg durch das offene Fenster gefunden? Der kalte Hauch, der ihm die Wangen berührte, war gewiß kein bloßer Zugwind. Er blies ihn an wie ein menschlicher Atem; und doch war er nicht warm, sondern kalt. Kam er von dem Geiste des Erschlagenen, so mußte er ihm ganz nahe sein. Und der Wahn gewann schnell festere Formen und zeigte ihm eine schwankende Männergestalt, die ihm winkte und ihm die leichte, kühle Hand auf die Schulter legte.

Er, der Cäsar, hatte ja sein Geschick an das des Gladiators geknüpft, und nun kam er, um ihn zu mahnen.

Doch Caracalla war nicht gewillt, ihm zu folgen und gebot der Erscheinung mit einem lauten: »Fort!«, von ihm zu lassen.

Der Inder schrak bei diesem Rufe zusammen und ersuchte den Cäsar, kaum mehr der Sprache mächtig, sich zu setzen, damit er ihm die Schnürschuhe von den Füßen löse, und jetzt erkannte Caracalla, daß ihn nur ein Trugbild geängstigt und zuckte beschämt die Achseln.

Während der Sklave die Hände rührte, trocknete er sich die perlende Stirn und sagte sich mit einem überlegenen Lächeln, daß die Geister ja nicht bei Licht und in Gegenwart anderer erschienen.

Endlich verabschiedete er den Inder und bestieg das Lager.

Das Haupt glühte ihm, und das schnell klopfende Herz hinderte ihn am Entschlafen.

Epagathos und Adventus folgten auf sein Geheiß dem Inder in das Nebengemach, nachdem sie die Lampe verlöscht.

Caracalla war allein und im Dunkeln.

Den Schlummer erwartend streckte er sich aus; doch er blieb so wach wie bei Tage.

Immerfort mußte er des Geschehenen denken. Auch sein Feind konnte nicht leugnen, daß es seine Pflicht als Mensch und Kaiser gewesen, die härteste Strafe über diese Stadt zu verhängen, sie seine rächende Hand fühlen zu lassen, und doch begann er, die Ruchlosigkeit des Geschehenen zu empfinden. Er hätte das alles so gern mit einem andern besprochen. Aber Philostratus, der einzige, der ihn verstand, war unerreichbar. Er hatte ihn zu der Mutter geschickt. Und zu welchem Zwecke? Um ihr mitzuteilen, daß er eine Gemahlin nach seinem Herzen gefunden, und um das ihre für sie zu gewinnen.

Bei diesem Gedanken wallte das Blut ihm auf vor Scham und Ingrimm. Schon vor der Hochzeit hatte die Erwählte ihm die Treue gebrochen. Vor seiner Umarmung war sie geflohen, jetzt wußte er es, auf Nimmerwiedersehen, in den Tod.

Er hätte dem Philostratus gern eine Galeere nachgesandt, um ihn zurückzubringen, doch das Schiff, dessen er sich bediente, gehörte zu den schnellsten der kaiserlichen Flotte, und bei dem großen Vorsprung, den es gewonnen, konnte es schwerlich eingeholt werden.

So würde denn der Philosoph in wenigen Tagen der Mutter begegnen, und wenn einer, so verstand er es, die Schönheit und Tugend Melissas mit glänzenden Farben zu schildern. Daß er es gegenüber seiner kaiserlichen Freundin thun werde, unterlag keinem Zweifel.

Aber die stolze Julia würde schwerlich geneigt sein, das Steinschneiderkind als Tochter anzunehmen; ja, sie wünschte überhaupt nicht seine Wiedervermählung.

Was war er auch ihrem Herzen?

Dem Knaben ihrer Nichte MammaeaDer dritte Kaiser nach Caracalla, Alexander Severus. gehörte es, und es sollten sich ja alle Gaben und Tugenden in dem Bürschchen vereinen!

Das würde einen Jubel geben unter den Weibern am Hofe der Julia, wenn man erfuhr, daß die erwählte Braut des Cäsar ihn und mit ihm den Purpur verschmähte.

Doch lange sollte die Freude nicht dauern; denn die Nachricht von den hunderttausend mit dem Tode bestraften Alexandrinern würde, er wußte es, die Frauen wie ein Peitschenhieb treffen.

Es war ihm, als höre er sie heulen und jammern, als sähe er das Entsetzen des Philostratus vor Augen, und wie er mit den Weibern den ungeheuren Frevel beklagte. Er, der Philosoph, war vielleicht ernstlich betrübt, und hätte er ihn heute morgen an seiner Seite gehabt, wäre vielleicht alles anders gekommen.

Doch nun war das Unerhörte geschehen, und es galt, die Folgen zu tragen.

Die Besseren – sie hatten schon das letzte Mahl nicht mit ihm geteilt – würde, das lag auf der Hand, diese That fern von ihm halten. Dafür brachte sie das Gelichter ihm näher, das er in seine Nähe gezogen. Die Theokrit und Pandion, die Antigonus und Epagathos, den Alexander-Priester, der zu Rom in Schulden erstickt war und den in Aegypten ein weites Gewissen wieder zum reichen Manne gemacht hatte, schloß sie fester an seine Person.

»Gesindel!« murmelte er vor sich hin.

Wenn Philostratus nur zu ihm zurückkehren wollte! Doch er durfte es kaum hoffen. Die Schlechten sorgten so viel besser um ihren Bestand und ihre Vermehrung als die Guten. Wenn von jenen einer abfiel, gleich wandten ihm die Rechtschaffenen den Rücken, und wenn der Abtrünnige zu ihnen zurückkehren wollte, so wiesen die Guten ihn ab, oder gingen ihm aus dem Wege. Aber die Schlechten wußten den Gefallenen schnell zu finden. Sie hingen sich an ihn und wehrten ihm die Umkehr. Ihre Reihen standen jedem immerdar offen, so fest er sich auch früher zu den Guten gehalten haben mochte.

Ausschließlich mit diesem Gelichter zu verkehren, es war abscheulich. In seine Nähe zwingen konnte er jeden. Doch was nützten ihm stumme und dazu widerwillige Genossen! Und wer trug die Schuld, daß er den besten unter den Guten, den Philostratus, fortgeschickt hatte? Sie, von der er Glück und Frieden erwartet, die treulose Betrügerin, die sich mit ihm verbunden zu fühlen versichert hatte, die Gauklerin, in der er die Seele der Roxane vermutet . . .

Aber sie war ja nicht mehr.

Auf dem Tischchen bei seinem Lager lag – er sah sie auch in der Finsternis vor Augen – unter seinem eigenen Schmuck die goldene Schlange, die er ihr geschenkt, und die noch ihre Leiche geschmückt hatte.

Da überlief es ihn kalt, und es war ihm, als tauche aus dem Dunkel ein von Ruß geschwärzter Frauenarm, und als löse sich von seiner Rundung die goldene Schlange und züngle, wie zum Bisse bereit, ihm entgegen.

Da schrak er entsetzt zusammen und verbarg das Haupt unter der Decke.

Aber beschämt und unwillig über die eigene thörichte Schwäche entzog er sich bald wieder dem dumpfen Versteck, und eine innere Stimme legte ihm höhnisch die Frage vor, ob er immer noch glaube, daß die Seele des großen makedonischen Helden sich seinen Leib zur Wohnung erwählte.

Mit dieser stolzen Ueberzeugung mußte es aus sein. Er hatte so wenig zu schaffen mit dem Alexander wie Melissa mit der Roxane, der sie gleichsah.

Das Blut gärte ihm heiß in den Adern. So fortzuleben schien ihm unmöglich.

Wenn es Tag wurde, mußte es sich ergeben, daß er einer schweren Krankheit verfallen. Der Geist des Tarautas erschien dann wohl wieder – doch nicht nur als nichtiges Trugbild – und machte dem grausen Elend ein Ende.

Aber sein Puls, den er selbst befühlte, schlug nicht schneller als sonst. Er hatte kein Fieber, und doch mußte er krank sein, schwer krank.

Da stieg es ihm wieder so heiß auf, daß er ersticken zu müssen meinte.

Schweratmend richtete er sich in die Höhe, um den Arzt zu rufen.

Da gewahrte er Licht durch die angelehnte Thür des Nebengemaches.

Man redete darin, und er erkannte die Stimmen des Adventus und des Inders.

Dieser war sonst so verschlossen, daß Philostratus sich vergebens bemüht hatte, Näheres über die Lehren der »Brachmanen«, unter denen Apollonius von Tyana die höchste Weisheit gefunden zu haben versicherte, und die Sitten seines Volkes von ihm zu erfragen. Und Arjuna war doch wohl unterrichtet und verstand sogar die Schrift seines Volkes zu lesen. Die parthische Gesandtschaft hatte dies besonders betont, wie sie ihn dem Cäsar als Geschenk ihres Herrn überbrachte. Doch Arjuna würdigte keinen der Fremden, die ihn umgaben, seines Vertrauens. Nur mit dem alten Adventus ließ er sich zuweilen in ein längeres Gespräch ein; denn der Kämmerer trug Sorge, daß er mit der Pflanzenkost genährt ward, an die er, der kein Fleisch über die Lippen brachte, gewöhnt war. Jetzt redete er wieder mit dem Alten, und Caracalla richtete sich auf und legte die Hand an das Ohr.

Der Inder hatte sich in eine der Schriften seines Volkes versenkt, die er bei sich führte.

»Was liest Du da?« fragte der Kämmerer.

»Eine Schrift,« versetzte Arjuna, »aus der man lernen kann, was aus mir und Dir und all den Verbluteten wird nach dem Tode.«

»Wer das wüßte,« klang es mit einem Seufzer aus der Brust des Alten, und Arjuna entgegnete entschieden: »Hier steht es geschrieben, und es ist kein Zweifel daran. Willst Du es hören?«

»Gewiß!« rief der Alte gespannt, und der Inder begann aus seinem Buche zu übersetzen: »Wenn der Mensch stirbt, so gehen seine Teile dahin, wohin sie gehören: Seine Stimme geht hin zu dem Feuer, sein Atem zu dem Winde, sein Auge zu der Sonne, sein Geist zu dem Monde, sein Gehör wird eins mit dem Raume, sein Leib mit der Erde, sein Selbst verschmilzt mit dem Aether, seine Haare werden zu Gesträuch, die Locken seines Hauptes zu Kronen der Bäume, sein Blut kehrt zum Wasser zurück. So gesellt sich jeder Teil des Menschen wieder dem Teil im Weltall, zu dem er gehört, und von ihm selbst, von seinem eigenen Wesen bleibt nichts übrig als eins, – doch wie das heißt, ist ein großes Geheimnis.«

Gespannten Ohres war Caracalla bis dahin dem Inder gefolgt.

Seine Rede gefiel ihm.

Auch ihn, den Cäsar, mußte der Senat wohl nach dem Tode zu den Göttern gesellen, doch hielt er es für gewiß, daß die Olympier ihn nie und nimmer in ihre Mitte aufnehmen würden. Dazu war er Philosoph genug, um zu wissen, daß nichts Seiendes zu Nichts werden könne. Doch die Rückkehr der Teile seines Wesens in diejenigen des Weltalls, denen sie angehören sollten, diese Ansicht gefiel ihm. In der Lehre des Inders gab es zudem keinen Raum für die Verantwortlichkeit der Seele, für ein Gericht nach dem Tode.

Der Cäsar neigte sich auch schon vor, um dem Sklaven zu befehlen, sein Geheimnis zu enthüllen, als Adventus ihm mit dem Rufe zuvorkam: »Mir kannst Du schon anvertrauen, was von mir übrig bleibt, wenn Du nicht die Würmer meinst, die mich fressen und aus mir entstehen. Viel wert ist es gewiß nicht, und ich verrate es keinem.«

Da versetzte Arjuna feierlich: »Eines von Dir bleibt bestehen in alle Ewigkeit und geht nicht verloren im Kreislaufe des Weltenlebens, und das ist › die That‹.«

»Das weiß ich selbst,« entgegnen der Alte und zuckte gleichgiltig die Achseln; auf den Kaiser aber wirkte das Wort wie ein Blitzschlag.

Atemlos lauschte er zu dem Inder hinüber, um mehr zu vernehmen, doch Arjuna, welcher beschämt wahrnahm, das Höchste an einen Unwürdigen zu verschwenden, las schon weiter, und der Alte streckte sich aus, um ein wenig zu schlummern.

Alles blieb still in dem Schlafgemach und seiner Umgebung; nur das schreckliche Wort: »Die That« hallte wider in den Ohren des Mannes, der sich erst eben mit der unerhörtesten aller Schandthaten befleckt. Er konnte nicht los von dem schrecklichen Worte, und alles, was er von Kind an verschuldet, kehrte ihm in die Vorstellung zurück und häufte sich zu einem Berge zusammen, der ihm wie ein Alp die Brust belastete.

Die That!

Fortleben sollte auch die seine, und mit ihr sein Name, verflucht, verabscheut von den fernsten Geschlechtern. Auch in den Hades trugen die Seelen der Ermordeten die Kunde von den Thaten, die er begangen, und kam der Tarautas und zog ihn sich nach, dann empfingen ihn dort die Legionen der empörten Schatten, – die Hunderttausend – und ihnen voran sein strenger Vater, und die anderen würdigen Männer, die Rom ruhmreich und weise gelenkt, und riefen ihm ins Antlitz: »Hunderttausendfältiger Mörder! Plünderer des Staats! Verderber des Heeres!« und zogen ihn vor Gericht, und bevor noch das Urteil gesprochen, stürzten die Hunderttausend, und ihnen voran das würdigste seiner Opfer, der edle Papinian, auf ihn ein und rissen ihn in Stücke.

Im Halbschlaf fühlte er ihre kalten, luftigen Hände am Haupt, an den Armen, überall, wo der kühle Hauch der schwindenden Nacht, der durch das Fenster drang, ihn berührte, und laut aufheulend schnellte er, von einem Schlag der Schattenhand des alten Vindex getroffen, in die Höhe.

Da eilten Adventus, der Inder und auch Epagathos, der seine Stimme im zweiten Zimmer vernommen hatte, erschrocken herbei. Von hellem Angstschweiß bedeckt, keuchend, mit stierem Blick fanden sie den Gebieter, und der Freigelassene eilte fort, um den Arzt zu rufen.

Als dieser erschien, wies Caracalla ihn ärgerlich aus dem Zimmer; denn er fühlte keine Störung in seinem körperlichen Befinden.

Unbekleidet begab er sich an das Fenster.

Es währte noch drei Stunden bis zum Aufgang der Sonne.

Dennoch befahl er, ihn anzukleiden, das Bad zu rüsten, den Macrinus und andere zu rufen.

Lieber in siedendes Wasser als zurück in die Schrecknisse dieses Lagers!

Der Tag, das lebendige Leben mußten sie bannen.

Aber dem Abend folgte wieder eine Nacht, und wenn sich in ihr und denen, die ihr folgten, wiederholte, was er eben erlitten, so kam er um den Verstand, so wollte er den Geist des Tarautas segnen, wenn er erschien, um ihn sich nachzuziehen in den Tod.

Aber die »That,« die schreckliche – der Inder hatte recht – sie blieb hinter ihm auf Erden zurück und lehrte die Menschheit ihm fluchen.

Ob es noch Zeit war, ob er noch die Fähigkeit besaß, das Begangene durch edle, durch große, durch herrliche Thaten zu sühnen?

Aber die Hunderttausend?

Wie ein Wall stellte diese Zahl sich vor jeden Vorsatz, den er zu fassen versuchte, während er mit dem Löwen in das Bad ging, sich in dem lauen Wasser wiegte und endlich unter frischen Linnentüchern rastete.

Keiner hatte ihn bisher anzureden gewagt. Sein Aussehen war zu bedrohlich gewesen.

In einem Nebenraume des Badezimmers ließ er sich das Frühmahl auftragen. Es war einfach wie immer, und doch konnte er nur wenige Bissen genießen; denn alles schmeckte ihm bitter.

Der Präfekt der Prätorianer war geweckt worden, und sein Erscheinen dem Kaiser willkommen. In Geschäften vergaß er am leichtesten, was ihn bedrückte. Je ernster sie waren, desto besser, und Macrinus sah aus, als werde es Wichtiges zu erledigen geben.

Des Kaisers erste Frage bezog sich auf die parthische Gesandtschaft. Sie hatte in der That die Stadt verlassen, und es galt, den Krieg vorzubereiten.

Caracalla wollte die Verwendung der einzelnen Legionen sogleich ins Auge fassen und die Legaten zu einem Kriegsrat zusammenberufen, doch der Präfekt war bei der vorbereitenden Verhandlung nicht wie sonst bei der Sache.

Er hatte etwas mitzuteilen, das dem Cäsar, er wußte es, über alles gehen werde. Wenn es sich bewahrheitete, mußte es ihn vollkommen von den Regierungsgeschäften abziehen, und das bezweckte Macrinus, als er, bevor er die Berufung der Legaten verordnete, scheinbar widerwillig bemerkte, der Cäsar werde ihm zürnen, wenn er durch den Kriegsrat die Mitteilung einer Kunde verzögere, die ihm vorhin zu Ohren gekommen.

»Erst die Geschäfte!« rief Caracalla mit abweisender Bestimmtheit.

»Wie Du befiehlst. Ich dachte nur an die Versicherung eines Beamten dieses Hauses, daß die Tochter des Steinschneiders – Du weißt ja – noch lebe . . .«

Doch weiter kam er nicht; denn Caracalla war jäh aufgesprungen und verlangte mit glühendem Haupte, Näheres zu erfahren.

Da berichtete Macrinus, daß vorhin einer der Schlächter im Opferhof ihm mitgeteilt habe, Melissa sei gestern nachmittag gesehen worden, und sie befinde sich im Serapeum.

Näheres wußte der Präfekt nicht zu berichten, und nun entsandte ihn der Kaiser sofort, um sich Gewißheit zu verschaffen, bevor er sich selbst an die Prüfung dieser Nachricht begab.

Wie neu belebt wandelte er auf und nieder.

Seine Augen funkelten, und schnell atmend strengte er sich an, um die Ueberfülle der Vorsätze, Anschläge, Wünsche, die auf ihn einstürmten, in Ordnung zu bringen.

Er mußte die Entflohene strafen, aber noch gewisser wollte er sie nicht wieder von sich lassen und ihrer genießen.

Wär' es doch angegangen, sie erst den wilden Tieren vorzuwerfen und sie dann neu ins Leben zu rufen, sie mit dem kaiserlichen Diadem zu schmücken und mit allen Gaben zu überhäufen, die Macht und Reichtum zu gewähren vermögen. Jeder Wunsch sollte ihr an den Augen abgesehen werden, wenn sie sich nur wieder entschloß, ihm die Hand auf die Stirn zu legen, ihm den Schmerz aus dem Haupte zu treiben und den Schlaf an sein Schreckenslager zurückzurufen.

Er hatte ihr nichts angethan; ja, jede Bitte, die sie an ihn gerichtet . . . Da trat ihm plötzlich das Bild des alten Vindex und seines Neffen vor die Seele, die er trotz ihrer Fürsprache dem Henker überantwortet hatte, und wieder scholl ihm das furchtbare Wort »die That« an das innere Ohr.

Wollten ihn die gräßlichen Gedanken auch in den Tag hinein verfolgen?

Aber nein! Im wachen Leben gab es so viel, was ihm die Macht verlieh, sie zu zerstreuen.

Der Küchenmeister wurde gemeldet; doch was fragte Caracalla nach Zungenkitzel, nun er hoffen durfte, Melissa wieder zu begegnen. Gleichgiltig gab er darum dem geschickten und erfindungsreichen Manne freie Hand.

Dem Verschwinden des Koches folgte schnell die Rückkehr des Präfekten.

Der Schlächter war zu seiner Nachricht durch einen Genossen gekommen, der Melissa gestern an einem der Fenster der Mysterienräume im obersten Stockwerke des Serapeums zweimal, und zwar am Nachmittag, gesehen haben wollte. Er hatte die Belohnung zu gewinnen beabsichtigt, die für die Einbringung der Entflohenen ausgesetzt worden war, und dem andern Schlächter, wenn er ihm beim Fange des Mädchens Beistand leiste, einen Teil des Gewinnes versprochen. Aber der erstere war um Sonnenuntergang auf die Nachricht hin, daß das Morden eingestellt worden sei, unvorsichtigerweise in die Stadt gegangen und dort von einem trunkenen Soldaten der Scythischen Legion erschlagen worden.

Die Leiche des Unglücklichen hatte man aufgefunden, und der zweite Schlächter beteuerte, fest überzeugt von der Wahrheit des Berichtes seines erschlagenen Genossen zu sein, der, wie auch der oberste Opferschauer versicherte, ein nüchterner und zuverlässiger Mann gewesen sei.

Diese Auskunft genügte dem Kaiser.

Macrinus sollte zunächst den Oberpriester zu ihm führen und dabei Sorge tragen, daß er nichts unternehme, um Melissa neu zu verbergen.

Der Schlächter hielt schon im geheimen mit einigen Genossen, die teil an dem Auslieferungslohn haben sollten, seit Sonnenaufgang alle Thore des Serapeums und die Haupttreppe besetzt, welche von den Mysterienräumen in das untere Stockwerk führten.

Ungesäumt folgte der Präfekt dem Befehle des Herrschers.

Auf der Schwelle begegnete er dem Küchenmeister, der zurückkehrte, um dem Cäsar die Folge der Gerichte zur Begutachtung vorzulegen.

Er fand Caracalla verändert, wie verjüngt und in heiterster Stimmung. Nachdem derselbe die Vorschläge des Beamten schnell gebilligt, fragte er ihn, in welchem Teile des Baues die Mysterienräume gelegen seien, und als er erfuhr, daß die Treppe, welche zu ihnen hinanführte, bei der Küche beginne, die für den Bedarf des Cäsar unter den Tempellaboratorien eingerichtet worden war, verhieß Caracalla in beinahe übermütigem Tone, einen Blick in die Werkstätte der Köche zu werfen. Auch den Löwen werde er mitbringen, damit er sich für das gute Fleisch bedanke, das ihm stets geliefert worden sei.

Erfreut über die ungewöhnliche Huld des Gebieters, dessen Zorn sich oft genug auch auf ihn entlud, begab sich der Oberkoch an den Herd zurück.

Dieser stand in einer weiten Halle, die ursprünglich das größte der Laboratorien gewesen, worin man die Räucherungsmittel für das Heiligtum und die Medikamente für die Krankenstuben des Tempels bereitete.

Es schlossen sich an sie kleinere Säle und Zimmer, worin auch jetzt noch einige priesterliche Verfertiger des Kyphi und Arzneibereiter des Tempels thätig waren.

Stolz auf die Verheißung des Cäsar berichtete der Küchenmeister seinen Untergebenen, welcher Besuch sie vielleicht erwarte, und begab sich dann auch an die Thür des nächsten, kleinen Laboratoriums, um dem dort arbeitenden alten Pastophoren, dem er manchen guten Dienst verdankte, mitzuteilen, wenn er den Herrscher sehen wolle, brauche er nur das auf die Stiege führende Pförtchen zu öffnen. Er werde gleich mit seinem berühmten Löwen zu den Mysterienräumen hinansteigen. Man brauche sich nicht vor dem Tiere zu fürchten. Es sei zahm, und der Kaiser liebe es wie einen eigenen Sohn.

Da murmelte der alte Arzneimischer eine Antwort vor sich hin, die eher einem Fluche glich als dem erwarteten Dank, und der Küchenmeister bedauerte schon, den Löwen vor diesem Manne mit einem »Sohne« verglichen zu haben; denn der Pastophore trug ein dunkles Trauergewand, und zwei blühende Söhne waren ihm gestern mit den anderen Jünglingen im Stadium erschlagen worden.

Doch der Vorstand der Köche vergaß bald den Alten; denn es galt, seine Untergebenen anzutreiben, die Stätte ihrer Thätigkeit schnell aufzuräumen und für den hohen Besuch vorzubereiten. Während er bald hier, bald dort selbst Hand anlegte, betrat der Pastophore die Küche und bat, sich ein Stück Hammelfleisch nehmen zu dürfen.

Dies wurde ihm mit einem hastigen Wink auf die frisch geschlachteten Tiere gern gestattet, und der Alte machte sich lange am Rücken des einen zu schaffen.

Endlich hatte er abgeschnitten, wessen er bedurfte, und mit besonderer Zärtlichkeit blickte er auf das rote, sehnenlose Fleischstück.

In seinem Laboratorium riegelte er schnell die Thür zu, und als er es wenige Minuten später verließ, hatte das faltige Gesicht des stillen, friedsamen Greises einen bösen, schadenfrohen Ausdruck gewonnen.

Vor der Treppe schaute er sich spähend um; bald aber eilte er behend wie in jüngeren Jahren die Stufenreihe hinan und preßte das Fleischstück bei einer Biegung derselben an den untersten Fuß des Geländers.

So schnell, wie er gekommen war, kehrte er zurück, warf durch das offene Laboratoriumfenster einen schmerzlichen Blick auf das Stadium, wo erschlagen lag, was ihm das Leben verschönt hatte, und fuhr sich über die feuchte Wange. Endlich begann er die Arbeit von neuem; doch er war nicht wie sonst bei der Sache. Mit zitternden Fingern wog er Wachholderbeeren und Zedernharz ab und lauschte dabei mit verhaltenem Atem nach der Treppe hin.

Jetzt ward es laut auf derselben, und Küchensklaven riefen, der Cäsar komme. Da trat er aus dem Laboratorium hinter die anderen, um auch etwas zu sehen, und ein Bratenwender machte unaufgefordert dem bekümmerten Greise Platz, um ihm die Aussicht nicht zu versperren.

War der kleine, junge Mann, der dort seinem Gefolge voran neben dem Oberpriester so heiter und eilfertig die Treppe hinanstieg, das finstere Scheusal, das auch ihm die blühenden Söhne gemordet? Wie so ganz anders hatte er sich den Schrecklichen gedacht. Jetzt lachte der Cäsar sogar, und der stattliche Herr in Purpur hinter ihm – der Küchenmeister sagte, es sei der römische Alexander-Priester, der mit dem Theophilus nicht gut stehe – erteilte ihm eine muntere Antwort.

Ob sie des Oberpriesters spotteten?

So bleich und verstört war dem Alten das Haupt des Tempels, das er seit vielen Jahren kannte, noch nie erschienen.

Und Theophilus hatte Grund zu schwerer Besorgnis; denn ihm ahnte, wen der Kaiser in den Mysterienräumen suche, und daß seine Gattin Melissa in den Gemächern verborgen halte, zu denen er jetzt den Weg wies. Als Macrinus ihn rief, hatte er sich keine Gewißheit verschaffen können; denn der Präfekt war ihm nicht von der Seite gewichen, und Frau Euryale befand sich in der Stadt, um mit anderen Frauen für die Unterbringung und Wartung der Verwundeten zu sorgen, die man unter den Toten gefunden.

Den Kaiser freute das veränderte, bedrückte und düstere Wesen dieses sonst so selbstbewußten Mannes; denn er meinte daraus zu ersehen, daß Theophilus Kenntnis von dem Versteck Melissas besitze; und so scherzte er mit dem Alexander-Priester, dem Präfekten Macrinus, dem Günstling Theokrit und anderen »Freunden«, die ihn begleiteten, während er den Oberpriester scheinbar unbeachtet ließ und der Jungfrau mit keinem Worte erwähnte.

Kaum waren sie an dem Alten vorübergeschritten und das »Heil dem Cäsar« der Küchendiener eben verhallt, als Frau Euryale, bleich wie der Tod, zu ihnen trat und sie mit zitternder Stimme frug, ob sie ihren Gatten gesehen, und wohin er den Kaiser geführt.

Sie war auf halbem Wege zurückgekehrt, um gehorsam dem Drang ihres Herzens, bevor sie an ihr Samariterwerk ging, Melissa in ihrem Versteck zu begrüßen und ihr am Eingang dieses neuen, einsamen und angstvollen Tages das Gesicht einer Freundin zu zeigen.

Bei der Antwort, die ihr willig zu teil ward, wankten ihr die Kniee, und der Küchenmeister, der sie taumeln sah, richtete sie auf und führte sie in das Laboratorium, wo die Essenzen des Pastophoren ihr bald wieder die gelähmte Widerstandskraft zurückgaben.

Frau Euryale kannte den Alten seit vielen Jahren, und als sie sein Trauerkleid bemerkte, frug sie teilnahmsvoll: »Auch Dich hat es getroffen?«

»Alle beide,« lautete die Antwort. »Du warst ihnen ja auch gut. Wie die Opfertiere geschlachtet. Dort drüben im Stadium,« und dabei floß dem Greise Thräne auf Thräne über die faltigen Wangen.

Da hob die Matrone die Hände, als wolle sie den Himmel anrufen, diesem Uebermaß des Frevels zu steuern, und im nämlichen Augenblicke scholl von oben her ein lautes Jammergeheul, und ihm folgte ein wildes Durcheinanderrufen männlicher Stimmen.

Fassungslos schwankte Frau Euryale an die Treppe.

Hatte man Melissa in dem Verstecke gefunden, so war es um ihren Gatten geschehen, und sie trug Schuld an seinem Verderben. Doch die Mysterienräume konnten noch kaum geöffnet worden sein, und das Mädchen war klug und behend und entkam vielleicht, wenn sie die Männer nahen hörte, beizeiten.

Atemlos eilte sie an das Fenster.

Da unten befand sich der Stein, der Melissa den Ausgang gewähren sollte; aber zwischen ihm und dem Stadium wimmelte es von Menschen, und an jeder Thür des Serapeums, ja sogar vor der nur den Eingeweihten bekannten Granitpforte standen Lictoren und neben den Opferschlächtern andere Bedienstete des Heiligtums, die hier Wache zu halten schienen.

Trat Melissa jetzt ins Freie, so war sie eine Gefangene, und es mußte an den Tag kommen, wer ihr das Versteck geöffnet hatte, das sie verbarg.

Jetzt jagte Theokrit mit großen Sätzen die Treppe herunter und schrie ihr entgegen: »Der Löwe! Ein Arzt! Wo finde ich Aerzte?«

Da wies die Matrone auf den Alten, der zu den Heilkünstlern des Tempels gehörte, und der Günstling schrie ihm nur hastig zu: »Hinaus!« und eilte dann weiter, ohne Frau Euryales Frage nach Melissa zu beachten; der Alte aber lachte ihm heiser nach: »Ich bin kein Tierarzt!«

Dann wandte er sich an die Matrone und sagte ernst: »Es ist mir leid um den Löwen. Du kennst mich ja, Frau. Keine Fliege konnt' ich leiden sehen bis gestern. Aber dies Tier! Wie ein eigener Sohn war es dem Bluthund, und er soll auch einmal fühlen, was weh thut. Der Löwe hat sein Teil. Kein Arzt der Welt macht ihn wieder lebendig.«

Damit begab er sich gesenkten Hauptes in das Laboratorium zurück; die Matrone aber ahnte, daß dieser stille, gute Mensch trotz seiner weißen Haare zu einem Giftmörder geworden sei, und daß er den Tod des schönen, unschuldigen Tieres verschuldet.

Ein kalter Schauer überlief sie.

Wohin dieser Unselige trat, wurde das Gute schlecht, und Angst, Elend und Tod traten an die Stelle des Friedens, des Glückes, des Lebens.

Auch sie hatte er zu einem Unrecht gezwungen, zur Widersetzlichkeit gegen ihren Herrn und Gemahl.

Es sollte sich jetzt rächen, daß sie Melissa trotz seines Verbotes heimlich verborgen.

Er und sie mit ihm hatten diese That vielleicht mit dem Leben zu bezahlen; denn wie jäh mußte der Mord dieses Tieres jede wilde Leidenschaft in dem Cäsar entfesseln.

Sie wußte, daß Caracalla sie schätzte. Vielleicht schonte er um ihretwillen des Gatten.

Aber Melissa?

Was würde er über sie verhängen, wenn man sie aus dem Verstecke hervorzog, und man mußte sie ja entdecken! Sie vor die wilden Tiere zu werfen, hatte er gedroht, und sollte sie ihr dies schreckliche Los nicht lieber wünschen als die Vergebung und ein neues Erwachen der Leidenschaft des Kaisers?

Bleich und thränenlos, doch bis in die Grundtiefen der Seele erschüttert, lehnte sie sich an die Brüstung der Treppe und sprach ein Gebet, in dem sie sich, den Gatten und Melissa dem Schutze des Himmels befahl. Dann eilte sie die Stufen hinan.

Die Flügel der Hauptthür, welche in die Mysterienräume führten, standen weit offen, und der erste, dem sie begegnete, war ihr Gemahl.

»Du hier?« frug er leise. »Danken wir den Göttern daß Dich das milde Herz nicht verleitete, das Mädchen hier zu verbergen. Ich zitterte schon für sie und für uns alle. Aber keine Spur von ihr, weder hier noch auf der geheimen Treppe. Welch ein Morgen, und was für ein Tag wird ihm folgen! Da liegt der Löwe des Cäsar! Bestätigt sich sein Verdacht, ward das Tier vergiftet, dann wehe unserer armen Stadt, dann wehe uns allen!«

Und des Kaisers Anblick berechtigte zu der schwersten Besorgnis.

Eben hatte er sich wieder neben den ermordeten Freund zu Boden geworfen und vergrub mit sonderbar wimmernden Klagelauten das Gesicht in seine prächtige Mähne. Dann hob er das regungslose Haupt des Löwen und küßte ihm das gebrochene Auge; als aber der schwere Kopf des Tieres ihm aus der Hand glitt und auf den Estrich aufschlug, sprang er wieder in die Höhe, schüttelte drohend die Faust und schrie: »Ja, er ward mir vergiftet! Den Thäter her, oder ihr folgt ihm!«

Da versicherte Macrinus, daß wenn es in der That der Verruchteste aller Verruchten gewagt, diesem herrlichen, treuen König der Tiere ans Leben zu gehen, man den Mörder zu finden wissen werde; Caracalla aber kreischte ihm die Frage ins Antlitz: »Finden? Von Finden wagt ihr zu reden? Habt ihr mir denn die schon gebracht, die sich hieher verbarg? Fandet ihr sie, oder wo ist sie? Man hat sie gesehen, und sie muß hier sein!«

Damit eilte er von einem der schmalen Räume in den andern, riß in unwürdigem Eifer wie ein Sklave, der ein verlorenes Kleinod des Herrn sucht, die Schränke auf, schaute hinter jeden Vorhang, blickte aus der Feuerstelle zu der Esse empor, zerrte die Kleider, hinter denen sie sich verborgen haben konnte, von den Haken, ließ sich die verborgenen Thüren zeigen und eilte die Treppe, auf der Melissa das Freie gesucht, herunter und wieder hinauf.

In dem Saale, wo nun Aerzte und ein großes Gefolge den Löwen umstanden, warf Caracalla sich mit triefender Stirn auf einen Sessel und hörte, zu Boden starrend, den Heilkünstlern zu, von denen die meisten Alexandriner waren und, um die Wut des Herrschers nicht noch mehr zu reizen, versicherten, es scheine, als habe den Löwen, der bei geringer Bewegung zu reichlich genährt worden sei, ein Herzschlag getroffen. Und weil das Gift in der That eine schnellere Wirkung geübt, als jedes dem Leibarzt bekannte, schloß auch er, der den Gebieter wie die anderen zu besänftigen wünschte, sich ihrer Aussage an.

Doch die wohlgemeinte Deutung der Aerzte wirkte ganz anders, als sie erwartet; denn während die Verfolgung und Bestrafung eines Mörders den Rachsüchtigen beschäftigt, ihn auf neue Gedanken gebracht und, ergriff man den Frevler, beruhigt hätte, sah er nun den Tod des Löwen als einen neuen Streich des Schicksals gegen seine Person an, und in dumpfem Groll sich selbst verzehrend, murmelte er wilde Verwünschungen vor sich hin und gebot dem Oberpriester höhnisch, ihm die Opfer zurückzugeben, die er an seinen Gott vergeudet, der so tückisch sei und ihm feindlich wie alles in dieser verruchten Stadt.

Dann stand er wieder auf, befahl den anderen, von der Leiche des Löwen zurückzutreten, und blickte lang, lang zu ihm nieder.

Dabei zeigte ihm die erregte Einbildungskraft, wie Melissa das herrliche Tier streichelte, und wie es den harten Boden mit dem Schweife schlug, wenn es den leichten Schritt ihrer kleinen Füße vernommen. – Er hörte den Wohllaut ihrer Stimme, wenn sie dem Löwen schmeichelnd zusprach, und wieder fuhr er auf und begann die langen Räume zu durchsuchen, und rief, der Anwesenden nicht achtend, laut ihren Namen, bis Macrinus es wagte, ihm zu versichern, die Nachricht des Opferschlächters sei falsch gewesen. Er müsse eine andere für die Jungfrau gehalten haben; denn es sei sicher bestätigt worden, daß Melissa im Hause ihres Vaters verbrannt sei.

Da blickte er mit einem gläsernen, irren Blicke dem Präfekten ins Antlitz, und dieser wich entsetzt von dem Unglücklichen zurück, als er plötzlich laut aufschrie: »Die That, die That,« und sich dabei mit der Faust vor die Stirn schlug.

Von diesem Augenblick an verlor Caracalla das Vermögen, die bunten Wahnbilder, die ihn verfolgten, von der Wirklichkeit zu sondern.

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