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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Wieder war Melissa allein.

Sie wußte nun, daß Philipp nicht mehr unter den Lebenden wandle. Gewiß war auch er der Wut des Unholdes zum Opfer gefallen, und die Frage, ob er um ihretwillen getötet worden sei, griff ihr mit unabweislicher Gewalt in die Seele.

Es war ihr, als sei mit dem Tode dieses hochbegabten, ihr teuren Jünglings ein Eckstein aus dem väterlichen Hause gerissen.

In den Liebeskreis, der sie umgab, hatte der Tod eine neue Lücke geschlagen, und sie starrte ihr unheimlich trüb und hohl entgegen. Ein Sturm, und wie leicht konnte dem Gefallenen nachstürzen, was stehen geblieben war.

Die Augen flossen ihr über, und der marternde Gedanke, ob der Kaiser den Bruder gemordet, um ihn für die Flucht der Schwester zu strafen, ließ ihr keine Ruhe.

Jetzt erst gehörte sie recht zu den Bekümmerten und Bedrängten, und wie sie schon gestern, bevor sie ihn noch recht gekannt, von der höchsten Seelennot getrieben, Jesus Christus angerufen hatte, so erhob sie jetzt wieder Herz und Hände zu ihm, der ihr nun ein Freund war, und erinnerte ihn betend an seine Verheißung, sie zu trösten, wenn sie mühselig und beladen zu ihm komme.

Und während sie sich dann das Wesen des Heilands vergegenwärtigte, der das eigene Leben für andere dahingegeben hatte, kehrte ihr alles ins Gedächtnis zurück, was sie für den Vater und die Brüder gewagt, und was die letzte Zeit über sie verhängt, und sie durfte sich bekennen, daß, wenn der Tod den Philipp ereilt hatte, weil Caracalla ihr grollte, sie den Gang zu dem Cäsar doch nur gewagt habe, um die Brüder und den Vater zu retten.

Sie hatte nie ein begangenes Unrecht vor sich selbst beschönigt, aber ebenso wenig war ihre klare und wahre Natur je geneigt gewesen, sich selbstquälerisch Vorwürfe zu machen, wo ihr nicht unzweifelhaft vor Augen stand, daß sie gefehlt.

In diesem Falle hatte sie sich nicht völlig sicher gefühlt; doch sie mußte nun eines Wortes der Frau Euryale und des Andreas gedenken, das ihr früher unverständlich gewesen war. Jesus Christus, sagte es, habe die Sünden der Welt auf sich genommen. Wenn sie jetzt seine Bedeutung richtig erfaßte, dann mußte der Barmherzige ihr ja eine Schuld leicht vergeben, die sie unwissentlich begangen hatte, und gewiß nicht zu ihrem eigenen Vorteil.

Mehr und mehr wurde ihr Gebet zu einem Gespräche mit dem neu gewonnenen Freunde, und als sie es schloß, war sie fest von der Ueberzeugung durchdrungen, daß er wenigstens sie verstehe und ihr nicht zürne.

Das beruhigte sie wohl, doch mit der Freudigkeit von vorhin war es aus, und sie konnte auch nicht mehr lesen.

Tief bekümmert und je weiter die Zeit fortschritt, desto mehr von neuer Unruhe gequält, eilte sie, als die Sonne tiefer sank, von einer Seite ihres lang hingestreckten schmalen Quartiers zur andern.

Die widrigen Darstellungen überall begannen ihr von neuem unerträglich zu werden; in der Nähe ihrer Kammer, im Westen, lag das Stadium mit seinen gräßlichen Bildern, und so wandte sie sich denn dem Ostende der Zimmerreihe zu, um nach der Hermesstraße hinzuschauen, wo es doch wohl nichts so Schreckliches zu sehen gab wie von den Fenstern aus, die gen Abend gerichtet waren.

Aber sie hatte sich geirrt; denn als sie auf das Pflaster niederblickte, schwamm auch dies im Blute, und Leiche neben Leiche bedeckte den Boden.

Da ergriff sie jähes Entsetzen, und wie von Häschern verfolgt eilte sie bis in die Mitte des langen Quartieres zurück.

Dort blieb sie stehen; denn die Schreckensbilder, die sich im Westen boten, waren noch weit furchtbarer als diejenigen, denen sie entflohen war.

Dabei erhob sich in ihr die Frage, wer denn hier dem Verruchten, nachdem er die blühende Jugend der Stadt von der Erde getilgt hatte, noch zum Opfer gefallen sein könne.

Die Abendsonne warf lange, goldene Strahlen über das Stadium hin in die westlichen Fenster, und Melissa wußte, wie schnell in Alexandria die Nacht der Dämmerung folge.

Wollte sie sich mit einem schnellen Blick noch überzeugen, wen da unten die Wut des Tyrannen dem Tode geweiht, so mußte es gleich geschehen; denn der Riesenbau des Heiligtums warf lange Schatten.

Entschlossen, sich Zwang anzuthun, und doch zaudernd schritt sie darum dem Fenster zu und sah rasch in die Tiefe.

Es bedurfte indes einiger Zeit, bis sie die Kraft gewann, die Einzelbilder da unten zu sondern; denn sie verschmolzen fortwährend vor ihrem widerstrebenden Auge zu einer einzigen, abstoßenden Masse.

Endlich gelang es ihr, ruhiger zu schauen und zu prüfen.

Nicht haufenweis wie im Stadium, sondern getrennt waren hunderte von Opfern des Caracalla über den Platz bis zum Eingang zur Hermesstraße hingestreut.

Da lag ein älterer Mann mit großem Bart – wohl ein Syrer oder Jude, – dort – seine Kleidung verriet es – ein Schiffsführer; und da – nein, sie irrte nicht – der jugendliche Körper, der da regungslos unter ihr lag, war Myrtilos, ein Freund des Philipp, und wie er ein Mitglied des Museums.

Neues Entsetzen wollte sie zurücktreiben in ihr schreckliches Versteck. Doch an das Becken des schönen Marmorbrunnens gelehnt, der sich vor dem östlichen Nebenthor des Serapeums dicht unter ihr erhob, lehnte noch eine andere jugendliche Gestalt, die sich regte und nur verwundet sein konnte. Um ihr lockiges Haupt schlang sich ein weißes Tuch, und das erinnerte sie an den Geliebten und fesselte ihr den Blick.

Jetzt regte der Jüngling sich wieder, jetzt wandte er das Haupt nach oben, und mit einem leisen Aufschrei streckte sie das Haupt weit vor und schaute und schaute, ohne der Gefahr zu achten, gesehen zu werden und selbst der Wut des Verruchten anheimzufallen.

Der Verwundete, der Lebende – da regte er sich wieder – es war Diodor, war ihr Geliebter.

Bis der letzte Dämmerschein dem nächtigen Dunkel wich, blieb sie nun am Fenster stehen und heftete mit angehaltenem Atem den Blick auf den Verwundeten. Nicht die kleinste seiner Bewegungen entging ihr, und bei jeder dankte sie, von leisen Hoffnungsschauern ergriffen, dem Himmel und betete für seine Rettung.

Endlich entzog auch ihn die wachsende Finsternis den Blicken.

Immer dichteres Dunkel drang in die Fenster, und ohne zu denken und zu erwägen, nur getrieben von einem unwiderstehlichen Drange, tastete sie sich in ihr Kämmerchen zurück, wo neben dem Lager die Lampe und der Feuerbohrer standen, entzündete den Docht, und neu beseelt von dem Gedanken, den Verwundeten dem Tode zu entreißen, hielt sie Rat mit sich selbst.

Es war ihr ein Leichtes, ins Freie zu gelangen. Sie hatte etwas Geld bei sich, am Peplos trug sie eine Spange, die sie von der Mutter geerbt, mit zwei Gemmen von der Hand des Vaters, und um den vollen Oberarm schlang sich ihr ein goldener Reifen.

Dafür konnte sie Hilfe erkaufen.

Es kam nur darauf an, sich unkenntlich zu machen.

Auf der großen, schwarz beräucherten Metallplatte, welche die Mysten zu kreuzen hatten, denen es oblag, durch das Feuer zu schreiten, lagen Kohlen genug, und in dem Schranke dort hingen Kleider jeder Art.

Im Nu hatte sie die ihren abgeworfen, um sich das Antlitz und die weißen, schimmernden Glieder mit Kohle zu schwärzen. Unter dem Nähzeuge, das Frau Euryale zu den Schriftrollen gelegt hatte, befand sich auch eine Schere, und die ergriff das Mädchen und trennte sich mit schnellen, rücksichtslos kräftigen Schnitten das lange, volle Haar, das Entzücken des Alexander und des Geliebten, vom Haupte.

Endlich wählte sie einen Chiton, der ihr bis an die Kniee reichte, um sich das Ansehen eines Knaben zu geben.

Atem und Hände flogen ihr bei alledem, und schon nahte sie sich der geheimen Thür, um dieser Stätte des Schreckens zu entfliehen, als sie noch einmal mit leisem Kopfschütteln stillstand.

Sie hatte Umschau gehalten, und das krause Durcheinander, das sie in dem kleinen Raume zurückließ, widerstand ihrem an Ordnung gewöhnten Sinne; doch diese Mißempfindung, die sie nicht hätte aushalten können, mahnte sie, sich zu sammeln, bevor sie die Zufluchtsstätte verließ, die ihr die Freundin geboten.

Besonnen und gewohnt, Rücksichten zu üben, vergegenwärtigte sie sich jetzt schnell, wie schwer es Frau Euryale gefährden könne, wenn die kenntlichen Spuren ihres Verweilens an dieser Stätte einem Unberufenen verrieten, daß sie sich hier aufgehalten habe. Die Güte der mütterlich sorgenden Freundin sollte derselben nicht zum Verderben gereichen.

Schnell und mit rüstiger Thatkraft las sie ihre Gewänder vom Boden, fegte sie die langen Haarsträhnen zusammen bis auf die letzte und warf das alles samt dem Nähzeug und dem Korbe, der den Mundvorrat enthalten hatte, in den Ofen neben der Feuerstätte und zündete es an. Die Schere nahm sie als Waffe für den Fall der äußersten Not mit sich.

Endlich legte sie die Evangelienbücher zu anderen Schriftrollen, und nachdem ein letzter Umblick sie überzeugt, daß jede Spur ihres Hierseins verschwunden sei, wandte sie sich noch einmal betend an den barmherzigen Tröster der Unglücklichen, der den Verfolgten verheißen hatte, sie zu erretten.

Dann öffnete sie die geheime Thür.

Hochklopfenden Herzens und doch weit kräftiger von dem Drange, dem Verwundeten zu rechter Zeit Hilfe zu bringen, vorwärts getrieben, als von der Furcht vor der Gefahr, in die sie sich stürzte, huschte sie die verborgene Treppe so schnell hinunter, wie sie es als Kind im Spiele gethan.

Wie viel Zeit war bei dem Aufräumen verloren gegangen, das sie doch nicht hatte umgehen können!

Es war ihr nicht aus dem Gedächtnis geschwunden, wohin man zu drücken habe, damit der schwere Stein, der den Ausgang verschloß, sich bewege; doch beim Sprunge von den letzten Stufen war das Lämpchen erloschen. Schwarze Finsternis verbarg den glatten Granit, der sie von der Straße trennte.

Wenn sie nun ins Freie trat und sie ward von Lictoren oder Häschern bemerkt?

Bei diesem Gedanken überfiel sie zum erstenmal die Angst mit voller Gewalt.

Jetzt fühlte sie, wie ihr beim Tasten die Hände zitterten und die Stirn sich ihr mit perlendem Naß bedeckte; doch sie mußte zu dem wunden Geliebten! Wo ein Mensch zu verbluten drohte, konnte jeder verlorene Augenblick ein gräßliches »Zu spät« bedeuten. Es war der Tod des Diodor, wenn der Stein sich nicht aufthat.

Da löste sie die Hände von dem Granit, und mit dem Aufgebot der ganzen Kraft ihres Willens, zwang sie sich zu ruhigem Erwägen.

Wo hatte die Stelle sich befunden, deren Druck den Granit zwang, sich zu bewegen?

Es war oben an seiner rechten Seite gewesen, und nun folgte sie der Fuge, in welcher der Stein lag, bedachtsam mit der Hand, und erst nachdem der Tastsinn ihr seine Form vor Augen geführt, suchte sie von neuem. Da berührten ihre Fingerspitzen etwas, das kälter war als der Stein. Sie hatte den metallenen Drücker gefunden! Tief aufatmend und ohne sich durch den Gedanken, was ihr draußen begegnen könne, aufhalten zu lassen, preßte sie die Feder hinunter, die Platte bewegte sich, noch ein Schritt, und sie stand auf der Straße zwischen dem Stadium und dem Serapeum.

Alles war still in der Nähe.

Nur von dem Platze im Norden des Heiligtums her, auf dem alles, was Waffen trug, zusammengeströmt war, um dem Weine zuzusprechen, der dort als Zeichen der Anerkennung des Kaisers in Strömen floß, und aus dem Innern des Stadiums ließen sich Stimmen vernehmen. Von der Bürgerschaft wagte sich kein Mensch auf die Straße, obwohl das Morden seit dem Untergang der Sonne aufgehört hatte. Was nicht die Waffen des Kaisers trug, hielt sich in den Häusern verschlossen, und wie verödet erschienen Straßen und Plätze, seit sich die Krieger vor dem Serapeum versammelt.

Keiner hatte Melissa bemerkt.

Die Gefahren, die ihr von ferne her drohten, kümmerten sie jetzt wenig. Sie wußte nur, daß sie vorwärts, schnell vorwärts eilen müsse, um das geliebte Ziel noch zur rechten Zeit zu erreichen.

Während sie die Südseite des Heiligtums umging, um zu dem Brunnen zu gelangen, galt es, sich im Dunkeln zu halten. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und man hatte bisher weder die Pechpfannen, noch die Fackeln entzündet, die sonst vor der Südfront des Tempels brannten. Man war heute mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, und jetzt brauchte man viele Hände, um die Leichen zusammenzuhäufen. Die Männer, deren Stimmen vom Stadium her ihr ans Ohr drangen, hatten schon damit begonnen.

Vorwärts, nur vorwärts!

Aber damit ging es heute schwerer als in der gestrigen Nacht. Die zarten Sandalen waren ihr schon durchnäßt, und immer wieder gab es Hindernisse zu umschreiten. Sie wußte, daß, was ihr den Fuß befeuchte, Blut, edles Menschenblut sei, und jedes Hindernis, woran er stieß, die Leiche eines Menschen. Doch sie wollte es sich nicht vergegenwärtigen, und als halte nichts sie auf als Wasser und Steine, eilte sie immer mit dem Bilde des an dem Brunnen lehnenden wunden Jünglings vor dem inneren Auge vorwärts, nur vorwärts.

So kam sie an die Ostseite des Tempels.

Schon hörte sie das Plätschern des Brunnens, sah sie das Weiß des Marmors durch das Dunkel schimmern, suchte sie nach der Stelle, wo sie den Geliebten gesehen. Da stellte sich ihrem Vorwärtseilen ein Hindernis entgegen; denn zugleich mit ihr näherten sich von Süden, von der Mündung der Straße her, die tiefer in die Rhakotis und an den See führte, schwankende mattere und hellere Lichter. Sie befand sich mitten auf der Straße, und außer einer der Nischen im Serapeum hätte sich ihr weit und breit kein Versteck geboten.

Sollte sie sich von ihm entfernen?

Doch sie mußte ja vorwärts, und an der Außenwand des Heiligtums Schutz suchen, hätte umkehren bedeutet. So blieb sie denn stehen und schaute mit verhaltenem Atem auf die näher kommenden Lichter.

Jetzt standen sie still.

Waffengeklirr und Männerstimmen waren vernehmbar geworden. Eine Wache hatte die Laternenträger aufgehalten. Es waren dies die ersten Krieger, deren sie ansichtig wurde; die anderen fesselte alle der Wein an den Platz oder die Arbeit an das Stadium. Ob die Soldaten sich auch ihr zuwenden würden?

Aber nein!

Sie bewegten sich, mit den Fackelträgern voran, der Hermesstraße entgegen.

Wer waren die Leute, die da unter den Erschlagenen suchend umherirrten, und sich bald hieher, bald dorthin wandten, bald stehen blieben, als suchten sie etwas?

Leichenräuber konnten sie nicht sein; die Wache würde sie sonst festgehalten haben.

Jetzt kamen sie ihr ganz nahe, und sie schrak zusammen; denn der eine war ein Krieger. Das Licht der Laterne spiegelte sich in seinem Panzer. Er ging einem Mann und zwei Burschen voran, die einem beladenen Esel folgten, und in dem größeren der jungen Leute erkannte Melissa – und das Herz schlug ihr schneller – einen Gartensklaven des Polybius, der sich ihr oft dienstlich erwiesen hatte.

Nun faßte sie auch den Mann näher ins Auge, und es war – trotz des bäuerlichen Aussehens, das ihm seine Kleidung gab, konnte sie sich nicht irren – es war Andreas . . .

Da meinte sie, jeder Atemzug ihrer jungen Brust müsse zu einem Dankgebet werden, und bald genug hatte der Freigelassene in dem flinken, schwarzen Knaben, der ihm, wie aus dem Boden getreten, entgegengeeilt war und ihm jetzt den Weg wies, Melissa erkannt, und ihm war, als habe sich ein Wunder begeben.

Wie schöne Blumen, die sich auf dem Richtplatz erschließen, den schwarze Raben gierig umkrächzen, erblühte hier mitten unter Tod und Schrecken Freude und Hoffnung in dankbaren Herzen.

Diodor lebte.

Kein Wort, nur ein rascher Händedruck und ein schneller Blick verkündeten dem reifen Manne und der Jungfrau, die jetzt einem kaum der Schule entwachsenen Knaben glich, was sie empfanden, während sie neben dem Verwundeten niederknieten und ihm den tiefen Schwerthieb in der Schulter verbanden, der ihn zu Falle gebracht.

Um weniges später zog Andreas aus dem Korbe, den der Esel trug, und dem er schon Verbandzeug und Arznei entnommen hatte, eine tragbare Sänfte von leichtem Flechtwerk. Endlich hob er Melissa auf den Rücken des Grautiers, und es ging vorwärts.

Was es, so lange sie in der Nähe des Serapeums weilten, zu sehen gab, zwang sie, die Augen zu schließen, zumal wenn der Esel ein Hindernis umging, oder wenn das Tier und ihr Begleiter durch schlammiges Naß zu waten hatten.

Sie konnte jetzt nicht mehr vergessen, daß es rot sei und woher es komme, und so gab es auf diesem Ritt Augenblicke zu durchleben, in denen sie meinte, vor Grauen und Entsetzen, vor Schmerz und Zorn, vergehen zu müssen.

Erst in einer stillen Gasse der Rhakotis, wo es gleichmäßig und ungehindert vorwärts ging, öffnete sie wieder die Augen.

Aber ein eigentümlicher, drückender Schmerz, den sie zum erstenmal empfand, hatte sie befallen, und der Kopf war ihr so heiß, daß sie den Andreas, der vor ihr herging, und die Burschen kaum erkannte, die, gestählt durch die Freude, den jungen Herrn am Leben zu wissen, den Diodor in der Hängematte, ohne auszuruhen, weiter und immer weiter trugen.

Der Krieger – es war der an den Pontus verbannte Centurio Martialis – begleitete den Zug noch immer, doch der glühende Kopf that Melissa so weh, daß sie sich nicht einmal fragte, wer er sei, und wie er zu ihnen komme.

Manchmal regte sich in ihr der Wunsch, sich zu erkundigen, wohin der Weg sie denn führe; doch es fehlte ihr an Willenskraft, die Stimme zu erheben. Als Andreas einmal an ihre Seite trat und sie auf den Centurio wies, ohne den es ihm nimmer gelungen wäre, sie und den Geliebten zu retten, hörte sie nur ein dumpfes Gemurmel, dessen Inhalt ihr entging. Ja, sie wünschte, der Freigelassene möge lieber schweigen, als er ihr sein rechtzeitiges Erscheinen am Brunnen zu erklären begann, das ihr doch wie ein Wunder vorkommen mußte.

Das Sklavenzeichen auf seinem Arme hatte ihm geholfen, bis in das Haus des Seleukus zu dringen, wo er von ihr zu hören erwartete. Dort war er von seiner Glaubensgenossin Johanna zu dem Alexander geführt worden, und bei den Aureliern hatte er den Centurio und den Sklaven Argutis getroffen. Dieser war eben von einem Gang zu Frau Euryale zurückgekehrt und beteuerte nun, des verwundeten Diodor ansichtig geworden zu sein. Da hatte Andreas seinem Entschluß, den Sohn des früheren Herrn in Sicherheit zu bringen, Worte geliehen, und der Centurio war von den jungen Tribunen bestimmt worden, dem Freigelassenen den Weg durch die Wachen zu bahnen. Den Esel und die Gartenarbeiter des Polybius hatte die Sperrung der Schiffahrt auf dem mareotischen See in einer Herberge auf der Stadtseite festgehalten, und Andreas sich ihrer umsichtig bedient. Ohne den den anderen Soldaten bekannten Centurio hätten die Wachen den Freigelassenen gewiß nicht bis zu dem Brunnen vordringen lassen, und darum forderte Andreas Melissa auf, dem Krieger zu danken.

Doch auch diese Mahnung verklang vor ihrem Ohre, und als der Fremde sie verließ, um sich dem Diodor wieder zu widmen, atmete sie erleichtert auf; denn seine schnelle Rede hatte ihr wehe gethan.

Wenn er nur nicht wieder kam, um noch einmal mit ihr zu sprechen!

Selbst nach dem Geliebten schaute sie nicht aus. Nichts sehen und hören zu brauchen, schien ihr jetzt das Schönste und Beste.

Gewann sie es später einmal über sich, die schweren, schmerzenden Lider zu heben, so nahm sie ärmliche Häuser wahr, die sie noch nicht gesehen zu haben meinte. Daß sie sich dem mareotischen See oder dem Meere nähere, glaubte sie indes zu fühlen; denn feuchte Luft wehte ihr entgegen und that ihrem heißen Haupte wohl.

An dem hohen Zaune vor der Hütte dort, die eben das Licht der Laterne traf, hing wohl ein Fischernetz. Es konnte allerdings auch etwas anderes sein; denn die Bilder, die das drückende Auge ihr zeigte, begannen in einander zu rinnen, sich zu verdoppeln und sich mit Regenbogenfarben wunderlich zu umsäumen.

Der Körper war ihr so schwer, daß der Geist aufgehört hatte, zu fürchten oder zu hoffen, aber er fuhr doch fort, sich langsam zu regen, während es stumm und ohne Aufenthalt weiter, immer weiter ging durch das nächtliche Dunkel.

Als die letzten Hütten hinter ihr lagen, gewann sie es über sich, aufwärts zu schauen.

Der Abendstern stand hell am Himmel, und es war ihr, als drehten sich die übrigen Sterne schnell um ihn her.

Der Mund war ihr so peinlich trocken geworden, und schon mehrmals hatte sie ein Schwindel ergriffen, der sie zwang, sich fester an dem Sattel zu halten.

Jetzt hielten sie vor einem großen Gewässer, und ihr ward ganz wohl und sonderbar leicht zu Mute.

Das mußte ja der liebe, ihr so vertraute See sein.

Da stand auch schon Agathe und winkte ihr, und neben ihr Frau Euryale unter der schönen Krone einer prächtigen Palme. Heller Sonnenglanz umfloß beide, und es war doch Nacht; denn da blickte ja immer noch der Abendstern zu ihr nieder.

Wie war das nur?

Doch da sie es zu ergründen suchte, schmerzte sie der Kopf, und der Schwindel erfaßte sie so heftig, daß sie sich über den Hals des Esels lehnte, um nicht zu Boden zu sinken.

Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie ein großes Boot, und es traten ihnen aus demselben mehrere Leute, und ihnen voran ein großer Mann in einem langen weißen Gewande entgegen.

Das war kein Traum, sie fühlte es deutlich.

Und doch! Wie kam es, daß die Laterne, die der eine hoch hielt, ihr und nicht ihm den Kopf so stark erhitzte?

O, wie er glühte!

Und nun drehte sich wieder alles mit ihr im Kreise, und es ward ihr ganz dunkel vor den Augen.

Aber nur auf kurze Zeit; denn dann wurde es plötzlich tageshell um sie her, sie hörte eine tiefe, gütige Stimme sich rufen, und da sie mit einem vertrauensvollen »Hier bin ich« antwortete, sah sie einen fremden Mann von erhabenem und doch gütigem Ansehen, wie sie sich den gekreuzigten Heiland der Christen gedacht, in einem weißen Gewande dicht vor sich, und an das Ohr klang ihr die freundliche Ladung, die er an die Mühseligen und Beladenen gerichtet, zu ihm zu kommen, um sich erquicken zu lassen.

Wie so mild, wie tröstlich und verheißungsvoll sie klang, und wie gern sie ihr folgte!

»Da bin ich!« rief sie zum andernmale, und deutlich sah sie nun, wie sich die Arme des Weißgekleideten ihr entgegen öffneten.

Da schwankte sie auf ihn zu und fühlte, wie eine feste Männerhand die ihre freundlich erfaßte, und wie sie sich dann segnend und kühlend niederließ auf ihren glühenden Scheitel.

Dann ward es ihr wieder dunkel vor den Augen, und sie sah und hörte nichts mehr.

Andreas hatte sie von dem Esel gehoben und stützte sie, während beide Christen dem hilfreichen Krieger dankten.

Nachdem dieser versichert hatte, es sei ihm nicht darum zu thun gewesen, ihnen einen Dienst zu erweisen, sondern nur seinen Vorgesetzten den Willen zu thun, und dann schnell im Dunkel verschwand, nahm der Freigelassene Melissa auf die starken Arme und trug sie dem Boote des Zeno, das seiner wartete, entgegen.

»Sie fiebert,« sagte der Freigelassene mit einem liebreichen Blick auf die teure Last, die er trug. »Ihre Seele ist stark; den Erschütterungen dieses Tages aber war sie doch nicht gewachsen. ›Du sollst mich erquicken‹ war das letzte Wort, bevor die Sinne ihr schwanden. Ob sie an die Verheißung des Heilands gedacht hat?«

»Wenn nicht,« versetzte die tiefe, wohllautende Stimme des Zeno, »wollen wir ihr denjenigen zeigen, der die Kinder zu sich berief und die Mühseligen und Beladenen. Sie gehört zu ihnen, und sie wird erkennen, daß der Herr erfüllt, was er so freundlich verheißt.«

»Ein Wort Christi, das Paulus in dem Briefe an die Galater wiederholte,« fügte Andreas hinzu, »hat sie tief ergriffen, und ich denke, daß in diesen Schreckenstagen auch für sie die Zeit sich erfüllte.«

Damit betrat der Freigelassene die Brücke, die das Boot mit dem Lande verband, und auf der man auch schon den Diodor an Bord geschafft hatte.

Als Andreas Melissa auf die gepolsterte Bank in dem kleinen Kajütenhause niederlegte, atmete er tief auf und sagte zufrieden. »Da sind wir am Ziele.«

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