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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Während Alexander vom Wundfieber geschüttelt, doch wohlverpflegt von dem alten Argutis und der Christin Johanna, nach Agathe und seinem Bruder Philipp, doch weit häufiger noch nach der Schwester rief, weilte Melissa allein in ihrem Versteck.

Es war groß genug; denn es bestand aus den Räumen, welche zur Aufnahme der Exoteriker in die Mysterien des Serapis dienten. Eine Reihe von Kammern, Zimmern und Sälen war dieser Bestimmung gewidmet und nahm von Westen nach Osten die ganze Breite des Riesenbaues ein.

Einige waren rechteckig, andere rund oder polygonal, die meisten aber sehr viel länger als breit. Fleißige Maler und Bildhauerhände hatten Wände und Decken überall mit einer Fülle von Darstellungen in Malerei oder Hautrelief geschmückt, welche den Uneingeweihten verwirren oder erschrecken mußten. Auch die Bildsäulen, woran es nicht fehlte, trugen sonderbare Symbole, und die Mosaik des Fußbodens zeigte Gemälde, welche die Einbildungskraft des Beschauers anregten und öfter noch erschreckten.

Als Melissa ihre kleine Schlafkammer betrat, hatte die Finsternis dies alles ihren Blicken entzogen.

Willig war sie dem Geheiß der Matrone gefolgt, sich sogleich zur Ruhe zu begeben. Frau Euryale aber hatte noch einige Zeit auf dem Rand ihres Lagers gesessen, um sich erzählen zu lassen, was ihr Schützling in den letzten Stunden erlebt, und der Jungfrau eingeschärft, wie sie sich, wenn ihr Versteck durchsucht werden sollte, zu verhalten habe.

Beim Abschied von der Beschützerin teilte Melissa ihr auch mit, was die Zofe Johanna ihr von dem Leben Jesu Christi erzählt; doch äußerte sie ihr Wohlgefallen an der Person des Heilandes in so sonderbarer, echt heidnischer Weise, daß Frau Euryale bedauerte, dem ermüdeten Mädchen das Vernommene nicht jetzt schon erklären zu können.

Mit einem herzlichen Kuß wünschte die Matrone ihr endlich gute Ruhe, und kaum war Melissa allein, als der Schlaf ihr die jungen, müden Augen schloß.

Vor ihrem Entschlummern war der Morgen nicht fern gewesen, und erstaunt bemerkte die an frühes Aufstehen Gewohnte beim Erwachen, wie weit der Tag schon vorgeschritten sei.

Rasch erhob sie sich darum und nahm sogleich wahr, daß Frau Euryale sie schon besucht haben müsse; denn sie fand neben ihrem Lager frische Milch und daneben einige Schriftrollen, die gestern nicht dagewesen waren.

Ihr erster Gedanke galt den gefährdeten Ihren: Dem Vater, den Brüdern, dem Geliebten, und sie betete für jeden und legte ihr Heil erst den Manen der Mutter, dann aber auch dem großen Serapis und der gütigen Isis ans Herz, die sie in diesen ihnen geweihten Räumen doch wohl zu hören vermochten.

Was ihre Lieben bedrohte, ließ sie die eigene Gefahr völlig vergessen, und mit aller Lebhaftigkeit vergegenwärtigte sie sich, wie es wohl jedem einzelnen ergehe, was wohl für jeden ins Werk gesetzt werde, um ihn zu verbergen und vor den Häschern des Gräßlichen zu retten, der ihren Brief jetzt schon empfangen haben mochte.

Die Frage, ob er sich nicht doch großmütig zeigen und ihr vergeben könne, stieg immerfort in ihr auf, obgleich doch alles sie zwang, es zu verneinen.

Während des Gebetes und der Sorge um die Ihren hatte sie sich noch ruhig gefühlt; mit dem ersten Gedanken, welcher der Person des Cäsar galt, bemächtigte sich aber ihrer Seele eine quälende Erregung, und um sie zu beschwichtigen, begann sie ihren weitläufigen Versteck zu besichtigen, auf dessen seltsames Aussehen Frau Euryale sie vorbereitet hatte.

Aber er war nicht nur eigentümlich, sondern erregte an vielen Stellen Herz und Sinn mit Erstaunen und Grauen.

Rätsel boten sich dem Auge, wohin es schaute, und wenn Melissa vor einem Reliefbilde, das Geköpfte mit den Füßen nach oben und Verdammte darstellte, die, in großen Kesseln schmorend, sich mit höllischer Ironie Kühlung zufächelten, fortschaute, traf ihr Blick das Bild eines Weibes, auf dessen gekrümmtem Leibe Barken umherfuhren, fiel er auf einen vierköpfigen Widder, oder Vögel mit Menschenhäuptern, die von einer mit Mumienbinden umwickelten Leiche aufflogen. An der Decke gab es noch wunderlichere Darstellungen, und schaute sie, um die gequälte Einbildungskraft zu beruhigen, zu Boden, so begegnete der Blick auf den Mosaikbildern des Estrichs einer Schar von Rachegöttinnen, die den Verbrecher vor sich her trieben, oder einem Feuerpfuhl, an dessen vier Seiten gräßliche Mißgestalten Wache hielten.

Dabei waren all diese Bildwerke nicht steif stilisirt wie die ägyptischen derselben Gattung, sondern von griechischen Künstlern so naturgetreu und lebensvoll ausgeführt, daß sie den Beschauer anzusprechen schienen, und es Melissa oft schien, als träten sie aus der Mauer oder Decke heraus und ihr entgegen.

Hier länger zu weilen, meinte sie, müsse sie um den Verstand bringen, und doch zog sie bald eine riesengroße Feuerstelle an, aus deren metallenem Boden noch große Kohlenstücke umherlagen, bald ein Wasserbassin, aus dessen Grund Krokodile, Frösche, Schildkröten und Muscheln in musivischer Arbeit zu sehen waren.

Außer ähnlichen Dingen fesselten ihre Neugier auch große Schränke, in denen hier Schriftrollen, da seltsame Geräte, dort endlich Gewänder in verschiedener Form und jeder Größe, von dem schlichten Chiton des gemeinen Mannes bis zum sternenbedeckten Prachttalar des Adepten aufbewahrt wurden.

Sie wußte von Frau Euryale, daß die Mysten, welche in höhere Grade aufgenommen zu werden wünschten, hier Feuer und Wasser zu durchschreiten und sich in verschiedener Kleidung mancherlei Zeremonien zu unterwerfen hatten.

Ferner war Melissa von der Beschützerin mitgeteilt worden, daß der Uneingeweihte, welcher diese Räume betreten wollte, drei Thüren zu öffnen habe, von denen jede, wenn man sie erschloß, lautes Schellengerassel erweckte, und so durfte sie sich von der Kammer fortwagen, in die sie sich einriegeln konnte. Ward die Gefahr dringender, so führte sie von dort eine Thür, die nur dem Eingeweihten sichtbar war, auf die Treppe und ins Freie. Glücklicherweise lag der Schlafraum unfern der Fenster, die gen Westen schauten, und hier fand sie Erholung nach den verwirrenden Eindrücken, die bei der Betrachtung der inneren Räume ihres Versteckes auf sie eingestürmt waren.

Der gepflasterte Damm, der das Serapeum vom Stadium trennte, war anfänglich ziemlich belebt, doch zogen sie die Wagen, Reiter und Fußgänger, auf deren Scheitel sie von ihrem hochgelegenen Quartier aus niederschaute, so wenig an wie der weite, leere Innenraum der Rennbahn mit der lang hingestreckten Arena, den sie zum Teil überblicken konnte.

Es mußte wohl morgen ein Wettfahren abgehalten werden; denn hier glätteten viele Sklaven den Sand, dort bekränzten andere eine Loge in der untersten Zuschauerreihe, die wohl für den Kaiser bestimmt war.

Ob es über sie verhängt sein sollte, den Furchtbaren von hier aus, wo sie sich vor ihm versteckt hielt, noch einmal zu sehen?

Das Herz begann ihr schneller zu schlagen, und zu gleicher Zeit stellte der erregte Geist ihr Frage auf Frage, und eine jede erweckte mit neuer Kraft die Sorge um die Ihren, deren sie vorhin so viel gelassener und zuversichtlicher gedacht.

Wohin mochte Alexander sich flüchten?

Ob es dem Vater und Philipp gelang, in der Werkstatt des Glaukias verborgen zu bleiben?

Ob Diodor mit dem Polybius und der Praxilla zu rechter Zeit aus dem Hafen entkommen war?

Wie Argutis es wohl anstellte, ihren Brief dem Cäsar zukommen zu lassen, ohne sich selbst zu schwer zu gefährden?

Sie war sich keiner Schuld gegen Caracalla bewußt.

Es hatte ja in der That eine geheimnisvolle Macht gegeben, durch die sie zu ihm hingezogen worden war. Sie fühlte auch jetzt noch, daß sie ihm gern jeden Dienst geleistet und ihm geholfen hätte, das Schwere zu tragen, was ein hartes Schicksal ihm auferlegte.

Nur die Seine konnte sie nicht werden.

Ihr Herz gehörte einem andern, und das hatte sie ihm, wenn auch vielleicht zu spät, in ihrem Briefe gestanden.

Besaß er wirklich ein der Liebe fähiges Herz und hatte es ihr zugewandt, dann mußte er es schwer empfinden, seine Neigung einer Jungfrau geschenkt zu haben, die schon einem andern angehört hatte, als sie ihm zum erstenmal als Bittstellerin und tief ergriffen von warmem Mitleid genaht war; doch ein Recht, ihre Handlungsweise zu verdammen, besaß er gewiß nicht.

Das war ihre feste Ueberzeugung.

Wenn ihre Absage seinen Zorn erregte, und die Voraussagung des Vaters und des Philostratus, seine Wut werde viele andere ins Verderben stürzen, sich aber dennoch bewahrheiten sollte, dann . . .

Hier stockte sie, und es überlief sie kalt.

Aber gleich darauf erinnerte sie sich der Stunde, in der sie bereit gewesen war, die Seine zu werden und Liebe und Lebensglück preiszugeben, um seinen wilden Sinn zu besänftigen und andere vor seiner zügellosen Leidenschaft zu beschützen. Ja, jetzt schon wäre sie viel leicht sein Weib, wenn er ihr nicht selbst bewiesen hätte, daß sie nie und nimmer die Macht gewinnen könne, seinen Jähzorn zu mildern und für die Opfer seiner Grausamkeit Gnade zu erwirken.

Dieser Hoffnung hatte der Mord des Vindex und seines Neffen den Todesstoß gegeben. Sie wußte am besten, wie ernst es ihr gewesen war mit dem Entschlusse, sich selbstlos jedes Anrechtes auf künftige Glückseligkeit zu entkleiden, um von anderen abzuwehren, was sie bedrohte, und jetzt, wo sie die Geschichte des göttlichen Meisters der Christen kannte, sagte sie sich, daß sie in jener Stunde so gehandelt habe, daß es dem Erhabenen gefallen haben würde. Aber die reinsten, heißesten Wünsche des Herzens vergeblich und zu keines andern Frommen kreuzigen zu lassen – ihr gerader Sinn war sich des sicher bewußt – wäre nicht gut und recht, sondern thöricht gewesen.

Was Caracalla jetzt ohne sie an Frevelthaten beging, hätte er auch mit ihr verbrochen. Von wie geringem Wert wäre ihr Besitz für ihn gewesen, und sie . . . Wenn diese Gefahr erst vorüber war, wenn ein anderer Teil seines weiten Reiches ihn wieder aufnahm und diejenigen, die sie liebte, verschont blieben, dann konnte sie so glücklich, so namenlos glücklich werden, an der Seite des Mannes, dem ihr Herz gehörte, wie sie elend geworden und einer nie aufhörenden Todesangst zum Opfer gefallen wäre als seine Gemahlin.

Frau Euryale hatte recht gehabt, und das Schicksal, das von ihr angerufen worden war, richtig entschieden. Das größte der Opfer wäre vergebens gewesen, und den unlauteren Wünschen eines Ruchlosen zu Gefallen hätte sie den schnödesten Treubruch verübt, und wie sich selbst, so auch dem Geliebten Herz und Seele vergiftet und das ganze künftige Leben verdorben.

Fort denn mit den müßigen Bedenken! Pythagoras hatte recht mit seinem Verbote, das Herz zu verzehren. Die Wahl war getroffen! Caracalla und sie gingen auf verschiedenen Wegen, und jedes künftige Verbrechen war nur die Fortsetzung seiner früheren Thaten.

Was ihr noch oblag, war, für das eigene Glück und das der Ihren zu kämpfen gegen jeden, der es bedrohte, und allen voran gegen den Furchtbaren, der sie, die Unschuldige, zwang, sich wie eine Missethäterin zu verbergen.

Eine gesunde Empörung gegen den blutigen Verfolger bemächtigte sich ihrer, und mit erhobenem Haupte trat sie in die Kammer zurück, um ihre Kleidung zu vollenden.

Schneller noch als sonst regte sie dabei die Hände; denn die Schriftrollen, die Frau Euryale, während sie noch schlief, für sie hingelegt hatte, zogen ihre Blicke verheißungsvoll auf sich.

Begierig auf ihren Inhalt griff sie nach den Büchern, stellte einen Schemel ans Fenster und versuchte zu lesen. Aber von draußen her schollen viele Stimmen zu ihr heraus, und als sie auf die Straße blickte, sah sie ganze Scharen von Jünglingen in das Stadium ziehen.

Wie prächtige Gestalten waren es, die da plaudernd und singend gruppenweise dahinschritten, und sie sagte sich, daß Diodor und Alexander die meisten überragt und unter den Schönen zu den Schönsten gehört haben würden.

Eine Zeit lang ließ sie sich durch diesen Anblick zerstreuen; als aber der letzte Mann im Stadium verschwunden war und sich dort alle gliederweise aufgestellt hatten, griff sie wiederum nach den Rollen.

Die eine enthielt das Evangelium des Matthäus, die zweite das des Lukas.

Der Anfang des ersteren mit seinem Geschlechtsregister bot nichts als fremde, barbarische Namen, die sie nicht zu fesseln vermochten, und so ging sie zu der Schrift des Lukas über, und der ruhige Erzählungston derselbe zog sie an. Anfänglich ging es freilich schwer mit dem Lesen, und sie übersprang manchen ihr unverständlichen Satz, aber das zweite Kapitel begann sie zu fesseln. Es handelte von der Geburt des großen Lehrers, den die Christen als ihren Gott verehrten. Engel waren es gewesen, die den Hirten auf dem Felde verkündeten, daß dem ganzen Volke große Freude widerfahren solle, weil ihm der Heiland geboren. Und dieser Heiland und Retter sollte kein großer Held oder Weiser sein, sondern ein Kindlein, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.

Da lächelte sie zum erstenmal wieder; denn sie hatte die kleinen Kinder gern und sich schon lange nichts Lieberes gewußt, als mit Kindern zu spielen und ihnen dienstlich zu sein. Wie viele heitere Stunden dankte sie den hübschen Enkeln ihres Nachbarn Skopas!

Und dies Kind, das eine Schar von Engeln bei der Geburt empfangen hatte, es war zu einem Gott geworden, an den so viele glaubten! Und die Worte, mit denen es begrüßt ward, hießen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«

Wie groß und doch freundlich das klang!

In lebhafter Erregung faßte sie die Rolle zusammen, und in ihren Zügen malte sich das ungeduldige Verlangen, einem widrigen Zustand ein Ende zu machen, als sie, nur sich selbst vernehmbar, ausrief: »Ja, Friede, Heil, Wohlgefallen! Nicht dieser Haß, dieser Durst nach Rache, dies Blut, diese Verfolgung, und als ihre schreckliche Frucht diese Angst, diese furchtbare, grausame Angst . . .«

Hier wurde sie durch Waffengerassel und Hammerschläge, die zu ihr heraufdrangen, unterbrochen.

Die makedonische Legion des Kaisers und andere Fußgänger zogen abteilungsweise schweigend daher und verschwanden in Nebenthüren, die auf die oberen Ränge des Stadiums führten.

Was mochte das nur bedeuten?

Zu gleicher Zeit verschlossen Zimmerleute das große Hauptthor mit mächtigen Balken. Es sah aus, als sollten Schleusenpforten vor dem Andrang der Hochflut gefestigt werden.

Aber das Stadium war ja voller Menschen!

Viele Tausende von jungen Männern hatte sie hineinziehen sehen, und da standen sie unter ihr, Kopf an Kopf, in der Arena. Dazu kam eine große Menge von Kriegern. Sie alle wollten doch wieder ins Freie, und welch ein Gedränge mußte es auf den Nebentreppen geben, wenn man das Vomitorium verschloß!

Am liebsten hätte sie hinuntergerufen und die Zimmerleute vor solcher Thorheit gewarnt. Oder wollte man die Jugend der Stadt mit Gewalt im Stadium fest halten, um neue, strenge Verordnungen zu verlesen und einzelne Widerspenstige zu fangen?

Das mußte es sein!

Schändlich!

Da kamen auch einige Vexillen numidischer Reiter in langsamem Schritt daher. An ihrer Spitze ritt auf einem besonders hochbeinigen Pferde der Legat.

Ein großer Mann!

Jetzt schaute er aufwärts und zur Seite, und Melissa erkannte in ihm den ägyptischen Sicherheitswächter Zminis.

Da suchte ihre Hand die Stelle des Herzens; denn es war ihr, als habe es aufgehört zu schlagen.

Dieser Bösewicht, der Todfeind des Vaters und Alexanders, als Befehlshaber an der Spitze römischer Truppen.

Etwas Entsetzliches, Unerhörtes mußte im Werk sein!

Die Sonne spiegelte sich in dem glatten Felle seines hohen Rappen und in dem Lictorenbeil in seiner Hand, das er wie einen Feldherrnstab brauchte.

Jetzt hob er es einmal und noch einmal, und so hoch sie auch über ihm weilte, sah sie doch wieder, wie grell das gelbliche Weiß seiner Augen von dem bräunlichen Tone seines Antlitzes abstach.

Jetzt zuckte der blanke Stahl des Beiles zum drittenmal blitzend im Sonnenlicht auf; dann aber ließ sich in kurzen Zwischenräumen, die ihr doch unerträglich lang erschienen, ein tiefer Posaunenruf nach dem andern vernehmen.

Woher Melissa die Besonnenheit nahm, sie zu zählen, wußte sie selbst nicht; doch es gelang. – Nach dem siebenten verstummte die Posaune, und kurz darauf zerschnitt hier, dort, da drüben, von allen Seiten des Stadiums her ein kurzer Tubaruf die Luft.

Wie ein Pfeil traf jeder das Herz des atemlos lauschenden Mädchens.

Seit es den Zminis gesehen, hielt es auch das Furchtbarste für möglich; doch der tausendstimmige, kreischende Schrei der Wut und Verzweiflung, der jetzt in wild brandenden Tonwellen auf sie eindrang, zeterte ihr in das Ohr, wie weit die unerhörte Wirklichkeit die gräßlichste ihrer Ahnungen überbot.

Atemlos, mit glühendem Haupte, lehnte sie sich weit hinaus ins Freie und fühlte weder die Strahlen der Sonne, die eben den obersten Stock der Westseite des Serapeums zu treffen begannen, noch achtete sie der Gefahr, gesehen zu werden und sich selbst und die Beschützerin ins Verderben zu stürzen.

Wie eine Gazelle im Frost der Winternacht zitternd, wollte sie sich in das Gemach zurückziehen, und doch fühlte sie sich an das Fenster gebannt. Sie wollte Ohr und Auge verschließen und mußte doch sehen. Was in ihr war, drängte sie, um Hilfe zu schreien, und sie brachte keinen Laut über die Lippen.

So stand sie und schaute und lauschte, bis ihr leises Wimmern sich in jenes Lachen verwandelte, das der Schmerz, der alle Mittel, sich kund zu thun, erschöpfte, von der Lust borgt.

Endlich sank sie in die Kniee und lachte, am Boden niedergekauert, unter hellen Schmerzenszähren immer wieder schrill auf, bis ihr schaudernd ins Bewußtsein trat, was sie thue.

Da schrak sie entsetzt zusammen, und ein heftiges Schluchzen erschütterte ihr die Brust. Sie weinte und weinte, und die Thränen thaten ihr wohl.

Noch als in den ersten Nachmittagsstunden der Sonnenschein das Fenster berührte, fehlte es ihr an Fassung, sich zu erheben. Eine Flut von grellem Licht, in dem sich Millionen von Stäubchen wiegten, wogte an ihren offenen Augen vorüber, und als ihr Atem die schwankenden Atome zerteilte, flog es ihr durch die Seele, daß in diesem Augenblick ein fluchwürdiges Wort aus dem Munde eines Rasenden Glück, Freude, Ruhe und Hoffnung aus dem Leben vieler Tausende mit Sturmeskraft fortwehe in das Reich der Vernichtung.

Dann aber raffte sie sich zusammen; denn das Furchtbare, das sie geschaut, drohte sich ihr so fest ins Auge zu prägen wie ein Bild, das die Gravirnadel ihres Vaters in den Onyx grub, und sie mußte sich davon befreien; sonst war es um die Hoffnung, je wieder froh zu werden, geschehen.

Noch vor kaum einer Stunde hatte sie die Arena wie einen Blumenkorb mit frischen Blüten voll gesehen von herrlichen, jugendlichen Männergestalten.

Dann waren auf den Sitzen des lang hingestreckten Zuschauerraumes, den sie überblickte, die Krieger der makedonischen Phalanx und viele Cohorten von braunen numidischen und schwarzen äthiopischen Bogenschützen erschienen, um sich wie neugierige Besucher der zu erwartenden Schaustellung, doch in vollem Waffenschmuck, auf allen Rängen niederzulassen.

Anfänglich hatten die Jünglinge und jungen Männer, in Abteilungen geordnet, gesungen, gelacht, geplaudert, und hie und da auch ein Schelmenlied angestimmt; dann aber waren unliebsame Begegnungen mit den Sicherheitswächtern vorgekommen, und während die jüngeren und sorgloseren noch die Heiterkeit bewahrten, hatten hier ganze Scharen unwillig zu den Römern hinaufgeblickt, dort einzelne einander bedeutungsvoll und besorgt in die Augen oder stumm und verdrossen in den Sand geschaut.

Das unruhige, heiße Blut dieser Söhne der rastlos thätigen, in scharfer Arbeit und rauschender Lust schnell dahinlebenden freien Stadt verstand das Warten so schlecht, und als es ruchbar wurde, daß man die Thore schließe, gaben sie der Ungeduld und dem Mißtrauen deutlich genug Ausdruck.

Zaghaften Pfiffen und anderen Aeußerungen des Mißfallens waren bald schärfere und lautere gefolgt; denn das Stehen in dem verschlossenen Raume ward unerträglich. Doch die Lictoren und Sicherheitswächter ließen alles ruhig hingehen, nachdem sie den Schüler des Museums, der das Epigramm auf die Mutter des Kaisers verfaßt, aus ihrer Mitte entfernt. Dieser eine, der doch wohl zu weit gegangen war, sollte, so schien es, für die anderen büßen.

Dann erschollen die Posaunenstöße, und auch der leichtsinnigeren unter den jugendlichen Scharen in der Arena bemächtigte sich Unruhe und peinliche Besorgnis.

Von ihrer hohen Warte aus sah Melissa, obwohl das Erscheinen des Zminis sie schon fieberhaft erregte, wie ihre geschlossenen Verbände sich lösten, wie sie sich unschlüssig und auf Uebles gefaßt durcheinander bewegten und die lockigen Häupter bald hierhin, bald dorthin wandten, bis die Trompetenstöße aus dem Zuschauerraum aller Augen zwangen, sich aufwärts zu richten und das Entsetzliche begann.

War der Ruf: »Haltet ein, Unsinnige!« Melissa wirklich von den Lippen gedrungen oder hatte sie nur gemeint, ihn hinüber in das Stadium zu schreien, sie wußte es nicht mehr; doch als sie der langen Reihe der Numidier gedachte, wie sie die krummen Bogen blitzschnell in die Höhe geschwungen und dann einen Regen von Pfeilen auf die wehrlosen Unglücklichen in der Arena versandt hatten, war es ihr, als schreie sie ihnen ihr: »Haltet ein!« zum andernmal entgegen.

Dann war es gewesen, als reiße der Sturmwind von der Krone eines unsichtbaren Riesenbaumes tausende von geraden Aesten und im Sonnenglanz blitzenden metallenen Blättern und schleudere sie in die Arena. Und als ihr Blick ihnen gefolgt war, hatte sie ein Kornfeld zu sehen gemeint, das ein furchtbarer Hagelschlag getroffen; doch die Zweige und das Laub waren Lanzen und Pfeile, jeder der geknickten Halme ein junges, blühendes Menschenkind gewesen.

Der unerhörte Anschlag des Zminis war zur Ausführung gelangt, Caracalla hatte sich an der Jugend Alexandrias gerochen.

Von den Zungen der Jünglinge, die ihn gelästert, regte sich keine mehr; jedes junge Lippenpaar, das es gewagt, sich zu einem höhnischen Rufe zu öffnen oder sich beim Anblick des Cäsar zu einem Pfiffe des Mißfallens zu spitzen, und mit wenigen Schuldigen eine hundertfach größere Zahl von Unschuldigen, war auf ewig zur Ruhe gelangt.

Jetzt wußte sie, warum man das Vomitorium mit Balken versperrt, weswegen die Reitervexillen vor den Nebenpforten aufgestellt worden waren!

Zu einem See von Blut, der ein Gewirr von Sterbenden bespült, war die Stätte glänzender Wettfahrten geworden. Des Zuschauerraums hatte der Mord sich bemächtigt, und statt grüner Kränze und Beifallsspenden tötende Waffen in die Arena gesandt.

Jetzt schien es, als wolle die Sonne mit blendendem Glanze dem menschlichen Auge mitleidig wehren, dies furchtbarste aller Bilder zu schauen.

Um dem unerträglichen Anblicke zu entgehen, schloß Melissa die Augen, und gewaltsam raffte sie sich auf, um sich, sie wußte selbst nicht wohin, zu verbergen.

Da schollen abermals schmetternde Fanfaren und laute Jubelrufe zu ihr herauf, und wieder zwang sie ein unwiderstehlicher Drang an das Fenster.

Vor dem Stadium hielt ein prächtiges Viergespann, das Höflinge und Krieger umgaben.

Es war das des Kaisers; denn der Senator Pandion hielt die Zügel der Rosse.

Ob Caracalla auf dem Schauplatze der grausamsten aller Frevelthaten billigen konnte, was der Schurke Zminis verordnet, oder ob er sich, entrüstet über den blutigen Uebereifer seines schnöden Werkzeuges, empört von ihm abwenden würde?

Sie glaubte, sie hoffte das letztere. Um jeden Preis verlangte es sie nach einer Antwort auf diese Frage, die nicht nur die Neugier in ihr erhob.

Mit der Hand auf dem schnell klopfenden Herzen blickte sie über die blutige Arena hinweg, auf den Zuschauerraum und die für den Kaiser geschmückte Loge.

Und da stand Caracalla, und neben ihm der Aegypter, der mit dem Finger auf die Arena wies. Und was es an der Stelle zu sehen gab, auf die er zeigte, war so entsetzlich, daß sie die Augen wiederum schloß und diesmal auch mit den Händen bedeckte. Aber sie wollte und mußte ja sehen, und sie blickte wieder hinüber, und derjenige, dessen Versicherung sie einmal geglaubt, nur durch die Sorge für Thron und Staat und den Zwang eines grausamen Schicksals genötigt worden zu sein, Menschenblut zu vergießen, da stand er neben dem niedrigen, ruchlosen Häscher, dessen lange Gestalt ihn hoch überragte. Seine Hand lag auf dem Arme des Schurken, sein Auge ruhte auf dem blutigen Leichenfeld ihm zu Füßen, und jetzt hob er das Haupt, jetzt wandte er das Antlitz, dessen schmerzlicher Ausdruck ihr einmal die Seele bewegt hatte, nach ihr hin, und er lachte – keiner seiner Züge entging ihr – lachte so übermütig laut, so ausgelassen fröhlich, wie sie es nie vorher gesehen. Ja, er lachte so herzlich, daß die Brust und die Schultern ihm flogen.

Jetzt löste er die Hand von dem Arme des Aegypters und wies selbst auf die gräßliche Stätte des Todes.

Melissa war es, als klinge das Lachen Caracallas, von dem sie nicht der leiseste Ton erreichen konnte, ihr wie das einer Hyäne hell in das Ohr, und einem übermächtigen Triebe gehorsam, schaute sie noch einmal auf all das in einer kurzen Stunde vernichtete Jugendglück und Leben und auf die Ströme von Blut ihr zu Füßen, denen so viele heiße Thränen nachrinnen sollten.

Wohl schnitt ihr diese Umschau ins Herz, doch sie war ihr auch dankbar; denn sie ließ sie die Verruchtheit des lachenden Ungeheuers ihr gegenüber zum erstenmal in seiner ganzen, nackten Gräßlichkeit erkennen.

Abscheu, Widerwillen, Ekel gegen den Mann dort, an dem alles klein war außer der Macht, der Bosheit und Tücke, verdrängten Furcht, Mitleid und den letzten Schatten des Vorwurfes, Wünsche in ihm erweckt zu haben, die sie nicht zu erfüllen vermochte.

Die kleinen Hände ballten sich ihr zu Fäusten, und ohne sich wieder nach dem widrigen Schlächter umzuschauen, der es gewagt hatte, den Blick zu ihr zu erheben, zog sie sich vom Fenster zurück und, erschreckend vor dem heiseren Klange der eigenen Stimme, rief sie laut vor sich hin: »Die Zeit, die Zeit! Für ihn erfüllt sie sich heute.«

Wie die Augen ihr dabei glänzten und der Busen sich stürmisch hochhob und senkte! Wie festen Schrittes sie dann die lange Zimmerreihe durchmaß, während sich die Ueberzeugung in ihr festigte, diese That des schnöden Mörders im Purpur werde der mißhandelten Welt die Tage des Heils und Friedens näher bringen, von denen der Freigelassene Andreas träumte. Als ihre stumme Wanderung sie aber an den Schriften vorüberführte, die Frau Euryale ihr still an das Lager gelegt, griff sie in enthusiastischer Erregung nach der frohen Botschaft des Lukas, hielt sie hoch empor und rief den Gruß des Engels, der sich ihr ins Gedächtnis geprägt hatte, laut zum Fenster hin, als wünsche sie, daß Caracalla ihn höre: »Und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«

Dann setzte sie den Gang durch die Gemächer der heidnischen Mysten fort und wiederholte sich dabei jedes gute Wort, das sie von Frau Euryale und dem Freigelassenen Andreas vernommen. Das Bild des Göttlichen, der gekommen war, um der Welt die Liebe zu schenken und seine erhabene Lehre selbstlos mit dem Tod zu besiegeln, stellte sich ihr vor die Seele, und was ihr die Christin Johanna von ihm erzählt, verdeutlichte ihr das Gemälde, bis es mit scharfen Zügen vor ihr stand, schön, milde, von Liebe und Güte umflossen, und dazu – war der bekreuzigte doch ein todesmutiger Befreier – kraftvoll und herrlich.

Dabei erinnerte sie sich froh der Kämpfe, die sie selbst ausgefochten, und des Wohlgefühls nach dem Entschluß, das eigene Glück zu opfern, um andere vor Leid zu bewahren.

Die Schriftrollen Frau Euryales zogen sie jetzt mächtig an; denn sie enthielten den Schlüssel für die Innenräume des Wunderbaues, in dessen Vorhalle sie das Leben selbst und eigenste Erfahrung eingeführt hatten.

Bald saß sie, mit dem Rücken nach dem Fenster gewandt, und wickelte das Buch mit dem Evangelium des Matthäus bis zu dem ersten Satze auf, den Frau Euryales Hand mit einem roten Strich ausgezeichnet hatte.

Zum Lesen hinter einander fehlte Melissa die Ruhe; denn ungeduldig wie ein Kind, das den neuen Garten zum erstenmal betritt, den die Eltern erwarben, eilte sie von einer anziehenden Stelle zur andern, und jede bezog sie auf sich selbst, denjenigen, den sie liebte, und in anderem Sinn auf den Störer ihres Friedens.

Freudigen Herzens glaubte sie jetzt an die Verheißung, auf die sie zuerst stieß, das Himmelreich sei nahe herbeigekommen. Aber ihr Auge schweifte schnell über die aufgeschlagene Rolle weiter und wurde von einem Merkzeichen gefesselt, das ein ganzes Kapitel der Aufmerksamkeit empfahl.

Da stand zu lesen, wie Jesus Christus einen Berg erstieg, um zu der großen Volksmenge, die ihm nachgezogen war, zu reden. Von dem Himmelreich und der Seligkeit sprach er, und, wem es vergönnt sein solle, sie zu erwerben.

Zuerst wurden die Armen im Geiste genannt, und zu ihnen gehörte sie wohl selber. Unter den am Geiste Reichen war ihr Bruder Philipp gewiß einer der reichsten, und wohin hatte ihn der scharfe Verstand und das rastlose Denken geführt, das dem Gemüte nur so selten Zeit ließ, die Stimme zu erheben?

Die Trauernden, hieß es dann, sollten getröstet werden. O, daß es ihr doch möglich gewesen wäre, Frau Berenike an ihre Seite zu rufen und sie mit an dieser Verheißung teilnehmen zu lassen! Und die Sanftmütigen! Vielleicht kamen sie doch einmal zur Herrschaft nach dem Sturze des Wüterichs, der die Welt mit Blut überschwemmte und von allen Menschen auf Erden dem Geiste, der ihr aus diesem Buch mild und herzerwärmend entgegenblickte, am fernsten stand. Zu denen, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, gehörte sie wiederum selbst. Sie sollte gesättigt werden, und Frau Euryale und Andreas hielten den Tisch schon für sie gedeckt.

Die Barmherzigen, hieß es weiter, würden Barmherzigkeit finden. Wenn eine, so besaß sie das Recht, sich zu den Friedfertigen zu zählen, und darum wurde auch ihr verheißen, zu den Kindern Gottes gesellt zu werden.

Bei dem folgenden Verse richtete sie sich höher auf, und das Antlitz glänzte ihr vor Freude; denn wie für sie gemacht wollt' er ihr scheinen; ja, ihn hier zu finden, kam ihr vor, wie ein beglückendes Wunder; denn da stand zu lesen: »Selig, die da verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich, und selig seid ihr, wenn sie euch geschmäht und verfolgt und allerlei Böses nachgesagt haben.«

Das alles war ihr selbst in den letzten Tagen begegnet, wenn sie auch nicht um Jesu Christi oder der Gerechtigkeit, sondern nur um der Ihren willen, das Schwerste hatte auf sich nehmen wollen.

Und die armen Erschlagenen dort in der Arena! Ob ihrer nicht auch die verheißene Seligkeit harrte? O wie warm hätte sie den Unglücklichen das schönste der Lose gegönnt. Und wenn ihnen ein solches nach dem Tode zufiel, wohin kam dann die Rache ihres blutigen Schlächters?

Daß doch die Mutter noch lebte, daß es ihr, Melissa, vergönnt gewesen wäre, sie an diesem großen Seelentroste teilnehmen zu lassen!

In einem kurzen Gebete schlug sie die Augen zu der teuren Verstorbenen auf, und als sie die Rolle weiter aufwickelte, traf ihr Blick die Worte: »Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen.«

Das konnte sie noch nicht, das schien ihr zu viel verlangt, dahin war auch Andreas noch nicht gekommen, doch es mußte ja schön sein und gut, schon weil es den Frieden festigen half, nach dem sie sich brünstiger sehnte als nach jedem andern Gut.

Dann las sie: »Denn mit welchem Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden,« und es durchschauerte sie kalt, als sie des künftigen Schicksals des Mannes gedachte, der eine fleißige, blühende Stadt mitten im Frieden mit einem mörderischen Ueberfall meuchlerisch heimsuchte, um sie für die flüchtigen Worte und Rufe einiger Spötter und die Enttäuschung zu strafen, die ihm ein geringes Mädchen bereitete.

Doch bald atmete sie erleichtert auf; denn da stand zu lesen: »Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan werden.«

Gab es eine schönere Verheißung?

Und an ihr, sie fühlte es, hatte sie sich schon erfüllt; denn nur wie von ungefähr war ihr pochender Finger mit der Thür in Berührung gekommen, und da stand ja das Thor schon offen, und was sie so lange gesucht, da lag es vor ihr!

Aber das war ja natürlich; denn der Christengott liebte diejenigen, die sich gläubig an ihn wandten, wie eigene Kinder. Hier stand auch erklärt, warum dem Bittenden gegeben werden und der Suchende finden solle. »Oder,« hieß es da, »welcher Mensch ist unter euch, der, wenn sein Sohn ihn um Brot bittet, ihm einen Stein reichen würde?«

Schon um ihrer Friedfertigkeit willen war sie jetzt ein Kind dessen, der diese Frage erhob, und sie durfte nichts als gute Gaben von ihm erwarten. Und was dafür dicht darunter gefordert ward, das erschien ihr so einfach, so leicht erfüllbar und doch so weise.

Sie dachte ein wenig nach und fand, daß in diesem Satze, von dem es hieß, er sei das Gesetz und die Propheten, in der That ein Gebot enthalten sei, das, würde es befolgt, jeden einzelnen und die ganze Menschheit schuldlos erhalten und glücklich machen müßte. Dieser Satz, dachte sie, sollte, wie die geflügelte Sonnenscheibe über jeder ägyptischen Tempelpforte angebracht war, über jede Thür und jedes Herz geschrieben werden, damit ihn keiner auch nur einen Augenblick vergesse. Sie wollte ihn im Gedächtnis behalten und sagte ihn sich leise her, und er lautete also: »Alles nun, das ihr irgend wollt, daß die Leute es euch thun, das thut auch ihr ihnen.« In seiner Umkehr aber würde er lauten: »Was Du nicht irgend willst, daß es die Leute dir anthun, das lasse auch ihnen nicht widerfahren.«

Da wandte ihr Blick sich nach dem Fenster und dem Stadium hin. Wie glücklich konnte die Welt unter einem Herrscher sein, der diesem Gebot folgte! Und Caracalla? Nein, sie wollte sich nicht mehr durch den Gedanken an ihn die Freudigkeit trüben lassen, die sie erfüllte!

Mit einem schnellen Griffe brauchte sie das Elfenbeinstäbchen, das sie inmitten der Rolle gefunden hatte, um sie weiter auseinander zu legen, und ihr Auge traf die Worte: »Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«

Wenn einem, so galt doch diese herrliche Ladung auch ihr; denn wenigen war wohl Schwereres auferlegt worden. Aber sie kam sich ja schon herrlich erleichtert vor nach dem Furchtbaren, das sie auf der Schwelle der Verzweiflung erlebt, und auch jetzt noch, von drohender Gefahr rings umgeben, war sie weit entfernt, sich beängstigt und niedergedrückt zu fühlen. Nein, ihr Herz schlug nur schneller in hoffnungsreicher Freude, und heißer Dank erfüllte sie, da sie mit neu erwachter, zuversichtlicher Sicherheit sich sagte, einen neuen Führer gefunden zu haben, an dessen liebreicher, mächtiger Hand sie wohlbeschützt dahinschreiten dürfe.

Es war ihr, als habe sie eine Phiole voll köstlicher, jede Krankheit heilender Arznei von geliebter Hand zum Geschenk empfangen, als sie auch diesen Spruch sich eingeprägt hatte. Sie wollte nie vergessen, welche freundliche, verheißungsvolle Ladung sie in ihm besitze. Und wenn nicht dem Philipp und dem Vater, so sollte er auch dem armen, geängstigten Alexander zu gute kommen, an den die Ladung des Gottessohnes ja auch ergangen war.

Dabei schaute sie so zufrieden drein, als habe sie etwas Herz und Sinn Beglückendes vernommen. Die roten Lippen öffneten sich wieder und ließen die beiden weißen Zähne sehen, die sich immer nur zeigten, wenn sie lächelte und etwas recht Freundliches ihr die Seele bewegte.

Sie wähnte sich allein; doch schon während sie den Worten begegnet war, womit der Heiland die Mühseligen und Beladenen zu sich berief, war Frau Euryale durch eine nur ihrem Gatten und ihr bekannte verborgene Thür, die sich geräuschlos geöffnet hatte, in den Versteck Melissas und ihr näher getreten.

Erstaunt und befremdet beobachtete die Matrone jetzt die Jungfrau, die sie außer sich, verzweifelnd, mehr als je des Trostes und der Beschwichtigung bedürftig zu finden erwartet.

Die Unglückliche mußte ja durch das Geschrei der Ueberfallenen an das Fenster gezogen worden sein und wenigstens einen Blick auf die entsetzlichen Unthaten im Stadium geworfen haben! Hätte Frau Euryale den Schützling überwältigt von dem Uebermaß des Gräßlichen, dessen Zeuge sie geworden, zerrütteten Geistes oder doch wie zermalmt von Schmerz und Jammer wiedergefunden, es wäre ihr verständlicher gewesen.

Und da saß das junge Wesen, das sie doch als gut und barmherzig erkannt, und lächelte, und dabei strahlten ihm die Augen, denen eben noch das gräßlichste aller Schauspiele begegnet sein mußte, als stünde in der Rolle auf seinem Schoße das erste beseligende Bekenntnis des Geliebten.

Das Buch auf den Knieen Melissas war das Evangelium des Matthäus, das sie heute früh, während jene noch schlief, bei ihr zurückgelassen hatte, um sie zu trösten und ihr einen Blick in die Segnungen des Christentums zu eröffnen. Und nun schienen diese Frau Euryale so heiligen Schriften der Heidin, der Schwester des Skeptikers Philipp, weniger als nichts zu bedeuten.

Euryale liebte Melissa; aber noch teurer war ihr das Buch, dessen ergreifendem Inhalt sich das Mädchen so kaltherzig verschlossen zu haben schien.

Um Melissas willen war vorhin die Wohnung des Oberpriesters von den Bütteln des neuen Nachtstrategen von oberst zu unterst gekehrt worden, hatte sie geduldig berechtigten Tadel aus dem Munde des Gatten ertragen. Es war ihr ein lieber Gedanke gewesen, diese Jungfrau als neues, reines Lamm zu der Herde des guten Hirten zu führen, der ihr teuer und durch den ihrem getrübten Leben neuer Reiz, ihrem gebeugten Herzen neue Freudigkeit zu teil geworden war.

Noch vor wenigen Stunden hatte sie ihrem Freunde Origenes versichert, sie sei einer jungen Griechin begegnet, die ihm beweisen werde, daß eine Heidin, die reinen und mitleidigen Herzens durch die Schule der Leiden gegangen, nur eines Winkes, eines zündenden Wortes bedürfe, um die beseligende Macht des Christentums an sich selbst zu erfahren und sich nach der Taufe zu sehnen. Und nun fand sie diejenige, auf welche sie so schöne Hoffnungen gesetzt, dem Tod und Verderben von tausend Unschuldigen gegenüber, mit lächelndem Munde wieder, und als sei ihr ein Glück widerfahren.

Wohin war denn das weiche, liebreiche Herz des Mädchens gekommen, das gestern noch bereit gewesen war, für die Wohlfahrt derer, die ihr teuer, sich selbst zu opfern?

War sie, Euryale, alt geworden, um sich von einem Kinde so hinters Licht führen zu lassen?

Das Herz schlug ihr schneller vor Enttäuschung, und doch wollte sie die Verirrte nicht ungehört verdammen.

So folgte sie einem raschen Drange, nahm die Rolle aus dem Schoße Melissas, und ihre Stimme klang mehr bekümmert als streng, da sie ihr zurief: »Ich hoffte, mein Kind, diese Schriften würden wie schon für viele, so auch für Dich zum Schlüssel werden, der die Pforten der ewigen Wahrheit eröffnet. Ich meinte, sie würden Dich trösten und Dich den Erhabenen lieben lehren, dessen vorbildliches Leben und rührender Tod Dir ja, seit Dir Johanna davon erzählte, nicht mehr fremd ist; ja ich glaubte, sie würden vielleicht in späterer Zeit die Sehnsucht in Dir erwecken, Dich selbst zu uns zu gesellen, die wir . . .«

Doch weiter kam sie nicht; denn Melissa war ihr um den Hals gefallen, und während die überraschte Matrone sich von ihren Armen zu befreien suchte, rief das Mädchen halb lachend, halb weinend: »Es hat sich ja schon alles erfüllt, was Du erwartet! Treu dem Erhabenen, den ich liebe, will ich leben und sterben. Ich bin schon die Eure! Ja, Mutter, ich bin es schon vor der Taufe, nach der mich verlangt. Mühselig und beladen war ich wie keine, und das Wort eures Herrn hat mich erquickt. Dies Buch lehrt mich, daß es nur einen Weg gibt zum wahren Glück, und das ist der, den Jesus Christus uns zeigt. O Frau Euryale, wie viel schöner wär' es doch auf Erden, wenn einem jeden ins Herz geprägt wäre, was hier von der Seligkeit steht. Es ist mir, als wär' ich in dieser Stunde zum zweitenmale geboren. Ich kenne mich selbst nicht wieder, und wie ist es nur möglich, daß ein armes Menschenkind in so schrecklicher Not und Gefahr und nach so gräßlichen Greueln sich so dankbar fühlen kann und so voll von der lichtesten Freude!«

Da zog die Matrone den Liebling fest an sich, und ihre Thränen benetzten das Antlitz Melissas, und sie küßte sie und küßte sie wieder, und die Heiterkeit der Jungfrau, die sie eben noch so schmerzlich verletzt hatte, kam ihr vor wie das lieblichste Wunder.

Ihre Zeit war gemessen; denn sie wurde belauert und benützte die halbe Stunde, in der man die Sicherheitswächter auf den Platz führte, um ihren Bericht in Empfang zu nehmen, zu dem Besuch bei dem Mädchen.

So drängte sie denn Melissa zur Eile, und diese erzählte der geliebten Frau mit fliegenden Worten, was sie hier oben erlebt und geschaut, und wie die Schrift des Matthäus für sie zu einer frohen Botschaft geworden, wie sie ihr Trost gespendet und sie während der schwersten Stunden ihres Lebens mit unfaßlicher Freudigkeit erfüllt habe.

Da vergaß auch Frau Euryale der Schrecknisse, die sie umgaben, bis Melissa sie in die entsetzliche Wirklichkeit zurückrief; denn gesenkten Hauptes und tief beklommen begehrte sie zu wissen, ob die Freundin nichts über das Ergehen ihrer Lieben erfahren.

Da kämpfte die Matrone einen harten Kampf aus.

Es fiel ihr so schwer, dem Mädchen das Herz mit Kummer zu belasten, das ihr wie eine jener weißgekleideten Jungfrauen vor Augen stand, die sich zum Taufgang anschickten, und denen man an diesem hohen Feste Geschenke brachte und alles sorglich entzog, was sie beunruhigen und ihnen die stille, heilige Freude der Seele stören konnte.

Dennoch verlangte ihre Frage eine Antwort, und so erwiderte sie denn, von den anderen – auch von ihrer Schwägerin Berenike und dem Diodor – wisse sie nichts; ihrem Bruder Philipp aber gehe es übel. Er sei ein edler Mensch, und trotz seiner Irrgänge beim Suchen nach der Wahrheit wohl wert ihres Mitleids.

Da begehrte Melissa tief beängstigt zu wissen, was dem Philipp geschehen sei, und Frau Euryale bekannte nun, ohne indes über die Art seines Todes Auskunft zu erteilen, daß er nicht mehr unter den Lebenden wandle.

Dann mahnte sie das weinende Mädchen, Trost bei dem Freunde aller Bekümmerten zu suchen, den sie ja nun kenne, und sich in der Zuversicht, daß niemand schwerer heimgesucht werde, als er es zu tragen vermöge, des Schlimmsten gewärtig zu halten; denn wie ein schwarzes Ungewitter bedrohe die Wut des blutigen Tyrannen Alexandria und jeden seiner Bürger. Sie selbst setze sich durch den Gang zu ihr einer schweren Gefahr aus, und erst morgen könne sie wieder nach ihr sehen.

Melissas bange Frage, ob ihre Weigerung die Seine zu werden es gewesen sei, die den Caracalla veranlaßt habe, so Entsetzliches über die unschuldige Jugend Alexandrias zu verhängen, konnte die Freundin verneinen; denn sie hatte von ihrem Gatten erfahren, daß es das schändliche Epigramm eines Schülers des Museums gewesen sei, das die Wut des Kaisers entfesselt.

Mit warmen, beruhigenden Worten wies Frau Euryale die Jungfrau auf die Nahrungsmittel, die sie in einem Körbchen für sie mitgebracht hatte, zeigte ihr noch einmal die geheime Ausgangspforte und umarmte sie beim Abschied so innig, als habe der Himmel ihr in der neuen Glaubensgenossin die verlorene Tochter zurückgegeben.

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