Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
Schließen

Navigation:

Einunddreißigstes Kapitel.

Vor der großen Freitreppe des Serapeums harrten die Prätorianer der Befehle des Cäsar.

Noch standen sie nicht in Reih und Glied, sondern umgaben den Centurio Martialis, der ihnen traurig von seiner Versetzung nach Edessa erzählte und nun Abschied nahm von den Kameraden. Jedem einzelnen bot er die Hand, und ihr Druck ward von allen erwidert; denn er, der Starrkopf, war zwar nicht der Klügste, doch er hatte sich als guter Soldat und Freund seiner Freunde vielen gefällig erwiesen. Es gab keinen, dem es nicht leid gethan hätte, ihn aus ihren Reihen scheiden zu sehen. Aber der Cäsar hatte befohlen, und da war kein Widerspruch denkbar. Nach dem Dienst im Lager konnte man diesen Vorgang besprechen. Jetzt galt es die Zungen hüten.

Eben hatte der Centurio von den letzten Kameraden seiner Cohorte Abschied genommen, als der Präfekt mit dem Legionslegaten Quintus Flavius Nobilior, der sie im Dienste befehligte, und den anderen höheren Offizieren unter ihnen erschien. Macrinus begrüßte sie kurz, und statt wie gewöhnlich die Tuba blasen und sie in Reih und Glied treten zu lassen, ersuchte er sie, sich mit den Centurionen voran dicht um ihn zu scharen.

Darauf eröffnete er ihnen den geheimen Befehl des Kaisers.

Der Cäsar, begann er, habe lange Geduld geübt und Gnade, doch der Uebermut und die Tücke der Alexandriner fahre fort, jedes Maß zu überschreiten, und so habe er, kraft seines Rechtes über Leben und Tod, das Urteil über sie gesprochen. Ihnen, die ihm am nächsten stünden, überlasse er bei der Vollstreckung der Strafe die am besten lohnende Arbeit. Wen sie auf der kanopischen Straße fänden, der größten und reichsten Verkehrsader der Stadt, den sollten sie niedermachen wie Aufrührer in einer eroberten Stadt. Nur der Weiber, Kinder und Sklaven möchten sie schonen. Wenn sie sich für diese im Grunde häßliche Arbeit mit den Schätzen der Bürger bezahlt machten, werde es ihnen keiner verargen.

Ein lautes Jubelgeschrei folgte diesem Befehle, und hunderte von Augen erglänzten heller; denn auch den Nüchternsten zeigte die Einbildungskraft eine tiefe und breite Blutlache, zu der man sich nur niederzubücken brauchte, um wie aus einem abgelassenen Teiche mit jedem Griff einen guten Fang zu thun. Was es aber hier zu fischen gab, waren keine elenden Karpfen, sondern schwere Gold und Silbergeräte, gemünztes Edelmetall und prächtige Geschmeide.

Dann erteilte Macrinus den höheren und niederen Befehlshabern die Verhaltungsmaßregeln, die er mit dem Kaiser und dem Zminis vereinbart.

Erst wenn sieben Posaunenrufe vom Altan des Serapeums das Zeichen gäben, solle der Angriff beginnen. Dann möge Manipel auf Manipel vorrücken. Von einem festen Zusammenhalten der Glieder sei abzusehen. Jeder einzelne habe das Seine zu thun. Beim Thore der Sonne, am östlichen Ende der Straße, solle die Legion sich vor Sonnenuntergang wieder vereinigen, nachdem sie die Straße vom westlichen bis zum östlichen Ende gereinigt. Dabei sei jedem einzelnen Mann auf besonderen Befehl des Kaisers einzuschärfen, wo er Versteckte finde, beim Niedermachen Vorsicht zu üben; denn der Cäsar wünsche als lebende Gefangene die folgenden Alexandriner, die ihn am schwersten beleidigt, einem Verhöre zu unterziehen. Darauf nannte er den Steinschneider Heron, dessen Sohn Alexander und seine Tochter Melissa, den alexandrinischen Senator Polybius, seinen Sohn Diodor und die Gattin des Seleukus.

Soweit er es vermochte, beschrieb er die Genannten. Für jeden einzelnen verheiße der Cäsar eine Belohnung von dreißigtausend Drachmen, für die Tochter des Heron das Doppelte, aber nur für den Fall, daß sie und die anderen Bezeichneten ihm unverletzt zugeführt würden. Es sei also ihr eigener Vorteil, in den Häusern die Augen offen zu halten und Vorsicht zu üben. Wer die Tochter des Steinschneiders fange – und dabei beschrieb er Melissa noch einmal – werde sich den Cäsar zu besonderem Dank verpflichten und dürfe auf Beförderung rechnen.

Dieser Anrede wohnte der Centurio Julius Martialis noch bei; dann aber entfernte er sich schnell.

Es war ihm zu Mute wie nach dem Keulenschlage, den ihm im Alemannenkriege ein rotlockiger Germane auf den Helm versetzt hatte; denn in seinem Kopfe sauste und schwirrte alles bunt durcheinander wie damals. Nur flimmerte es ihm heute blutrot statt veilchenblau und goldgelb vor den Augen.

Es dauerte auch ziemlich lange, bis er den ersten klaren Gedanken zu fassen vermochte; dann aber ballten sich ihm die Fäuste, und es kam ihm wieder in den Sinn, mit wie tückischer Bosheit der Cäsar ihn von den Seinen vertrieb.

Endlich verzog sich sein breiter Mund zu einem zufriedenen Lächeln. Er war hier des Dienstes enthoben und brauchte nicht teilzunehmen an dieser wüsten Schlächterei.

An einem fremden Orte hätte er wie jeder andere sich vielleicht gern an ihr beteiligt und sich der reichen Beute gefreut, die jedem zufallen mußte, aber hier in seiner Heimat, wo ihm Mutter, Weib und Kind weilten, wollte ihm das Bevorstehende wie die verruchteste Unthat erscheinen.

Außer auf die Steinschneiderssippe, die ihn nichts anging, schien es der Cäsar besonders auf Frau Berenike abgesehen zu haben, und ihr Gemahl Seleukus war doch der Brotherr des Vaters des Centurio gewesen, und sein eigenes Weib stand im Dienste des Kaufherrn.

Er selbst war ungelehrig gewesen und schon jung in das Heer getreten, hatte als Evocatus die Tochter eines freien Gärtners des Seleukus geheiratet, und als er nach Rom zu den Prätorianern versetzt worden war, hatte sein Weib den sicheren Posten einer Aufseherin der Villa des Kaufherrn zu Kanopus erhalten. Das hatte er zunächst der Güte Frau Berenikes und ihrer verstorbenen Tochter Korinna zu danken, und er war der Gemahlin des Seleukus auch aufrichtig erkenntlich; denn seit sein Weib die Villa beaufsichtigte, konnte er ruhig mit dem Heere von Land zu Land ziehen.

Als er nun auf dem Wege zu den Seinen in die kanopische Straße gelangte und die Statuen des Hermes und der Demeter gewahrte, die vor dem Hause des Kaufherrn zur Seite des großen Eingangsthores standen, gedachte sein langsamer Geist des Vielen, das er dem Seleukus und seiner Gemahlin verdankte, und eine innere Stimme sagte ihm, es sei seine Pflicht, sie zu warnen.

Dem Cäsar, dem tückischen Mörder, der einem braven Soldaten aus schnöder Bosheit die beste Lebensfreude verdarb und ihn um die Hälfte seines Soldes betrog – denn die Prätorianer erhielten doppelt so hohe Löhnung wie die anderen Truppen – schuldete er nichts mehr, und wäre er eines Handwerkes kundig gewesen, hätte er ihm am liebsten heute noch das Schwert vor die Füße geworfen.

Jetzt konnte er wenigstens die Gelegenheit ergreifen, ihm das ruchlose Spiel zu verderben. Es war schön, daß sich ihm auch einmal Gelegenheit bot, den Wohlthätern etwas Gutes zu erweisen, und so unterbrach er denn den Heimweg, um in das Haus des Kaufherrn zu treten.

Er war dort wohl bekannt, und man meldete ihn sogleich bei der Herrin.

Diesmal standen die unteren Räume leer; denn die Einquartierung hatte sich auf dem Serapeumsplatze versammelt.

Aber was war aus dem köstlichen Gärtchen im Impluvium geworden, wie häßliche Spuren machten sich überall bemerklich, wo die Krieger gelagert und trunken von den edlen Weinen des Wirtes ihrem Uebermut freies Spiel gelassen hatten!

Der sammetne Rasen glich einer Tenne, von den seltenen Sträuchern hatte man die Blumen mit den Zweigen gerissen. Auf dem kostbaren Mosaikboden zeigten schwarze Flecke an, wo man Feuer angezündet hatte, aus den Säulengängen waren Trockenplätze für die Wäsche der Krieger geworden, und eine Schnur, woran frischgewaschene, feuchte Soldatenkleider hingen, schlang sich hier um den Hals einer Venus von der Hand des Praxiteles und dort um die Leier eines Apoll, den Bryaxis aus Marmor gebildet. Einige indische Sträucher, auf deren Zucht sein Schwiegervater stolz gewesen war, hatte man zertreten, und in dem großen Festsaal, der hundert Prätorianern zum Schlafgemach diente, lagen kostbare Polster und Teppiche umher, die man von den Ruhebänken und Wänden gerissen, um sich bequeme Lager zu bereiten.

Der kriegsgewohnte Soldat biß bei diesem Anblick die Zähne zornig zusammen. Was er hier zerstört sah, war ihm, so lange er denken konnte, ehrwürdig erschienen, und es von der Roheit seiner Kameraden so verwüstet zu sehen, erregte ihm die Galle.

Vor den Frauengemächern ward ihm bang.

Wie sollte er der Herrin eröffnen, was sie bedrohte?

Aber es mußte sein, und so folgte er der Zofe Johanna, die ihn in den Wohnraum der Gebieterin führte.

Dort saß der christliche Sachwalter Johannes vor Schreibtafeln und Papyrusrollen und arbeitete im Dienste der Patronin. Sie selbst befand sich bei dem verwundeten Aurelier, und sobald Martialis dies erfuhr, ließ er sich bei ihm melden.

Eben erneuerte Frau Berenike dem Verwundeten die Umschläge, und als der Centurio dabei das hübsche, blühende Gesicht des jungen Tribunen, dem er von Herzen gut war, so grausam entstellt sah, wurden die Augen ihm feucht; die Matrone aber nahm es wahr und folgte überrascht dem bewegten Wiedersehen der vornehmen Jünglinge mit dem schlichten Manne.

Ehrerbietig war sie von dem Centurio begrüßt worden, doch erst als Nemesianus ihn fragte, was vorgehe, daß man die junge Mannschaft zu dieser Stunde unter Waffen rufe, faßte sich Martialis ein Herz und bat die Herrin des Hauses um eine Unterredung.

Doch es lag Frau Berenike noch ob, die Wunden des Pfleglings zu waschen und zu verbinden, eine Arbeit, die sie selbst mit aller Sorgfalt zu verrichten pflegte, und so verhieß sie dem Krieger, sich ihm in einer halben Stunde zur Verfügung zu stellen.

Da entfuhr dem Centurio der Ruf: »Dann wird es zu spät sein!« sie aber erkannte an der Stimme und dem angstvollen Aussehen des ihr wohlbekannten Mannes, daß sie gewarnt werden solle, und es gab nur einen, der sie bedrohte.

»Der Kaiser?« frug sie. »Er schickt seine Kreaturen aus, um mich zu morden?«

Dabei wirkte der mächtige Blick der großen Augen Berenikes so gewaltig auf den schlichten Soldaten, daß ihm die Sprache eine Zeit lang versagte. Aber der Cäsar wollte der Herrin ja nicht ans Leben, und es gelang ihm, ihr entgegenzustammeln: »Nein, Frau, nein. Er will Dich nicht töten. Gewiß nicht . . . Im Gegenteil . . . Gerade Dich sollen sie leben lassen, wenn die anderen niedergemacht werden.«

»Niedergemacht?« stieß Apollinaris hervor, richtete sich dabei höher auf und schaute dem Schreckensboten entsetzt mit dem entstellten Antlitz entgegen; sein Bruder aber legte dem Centurio die Hand auf die starke Schulter, schüttelte ihn kräftig und befahl ihm als sein Tribun, deutlicher zu reden.

Und der an Gehorsam gewöhnte Krieger, den es ohnehin drängte, die warnende Stimme nicht zu spät zu erheben, bekannte in hastigen, einander überstürzenden Worten, was er von dem Präfekten vernommen.

Die Aurelier unterbrachen ihn durch manchen Ausruf des Entsetzens und Abscheus, Frau Berenike aber blieb stumm, bis Martialis tief aufatmend schwieg.

Da lachte die Matrone schrill auf, und als die anderen erschrocken auf sie hinschauten, sagte sie gelassen: »Ihr Männer watet mit dem Verruchten durch Blut und Schande, wenn es ihm so gefällt. Ich bin nur ein Weib, doch ich zeige ihm, daß auch seinen bösen Wünschen Schranken gesetzt sind.«

Dann blieb sie einige Augenblicke in Gedanken versunken stehen und befahl endlich dem Centurio, sich zu erkundigen, wo ihr Gemahl sich befinde.

Martialis gehorchte willig, und sobald die Thür sich hinter ihm schloß, rief sie den Brüdern zu, indem sie sich bald an den einen, bald an den andern, doch immer mit der gleichen Dringlichkeit wandte: »Wer ist nun im Rechte? Von allen Schurken, die den Thron und Namen des großen Cäsar schändeten, ist er der verruchteste. Dem Apollinaris schrieb er deutlich genug ins Antlitz, was ein braver Krieger, der Sohn eines edlen Hauses, ihm gilt. Und Du, Nemesianus? Bist Du nicht auch ein Aurelier? Du sagst es. Und hätte man Dir nicht zufällig gestattet, den Bruder zu pflegen, Du zögest jetzt durch die Stadt wie ein toller Hund und bissest, was Dir begegnet, zu Tode. Warum schweigt ihr noch immer? Warum hältst Du mir diesmal nicht vor, Nemesianus, der Soldat habe dem Kriegsherrn blind zu gehorchen? Getraust Du Dir noch zu behaupten, Apollinaris, nur die Entrüstung über die Beleidigung einer unschuldigen Jungfrau habe dem Cäsar die Hand geführt, als er Dir das Antlitz zerfleischte? Habt ihr beide noch den Mut, den Mord, den Caracalla an der eigenen Gemahlin und so vielen anderen edlen Frauen beging, mit seiner Sorge für Thron und Staat zu entschuldigen? Auch ich bin ein Weib, das das Haupt hochtragen darf. Und ich! Was habe ich mit dem Staate zu thun und dem Throne? Mein Blick traf ihn und machte mir den Mordgesellen zum Todfeind. Ein schnelles Ende durch das Schwert seiner Soldaten scheint ihm zu gut für die Verhaßte. Wilde Tiere sollen mich zu seiner Augenweide zerreißen. Ist euch das endlich genug? Nehmt alles zusammen, was verabscheuungswürdig, was eines edlen Mannes unwert und den Göttern verhaßt ist, und ihr habt den Mann, dem ihr willig gehorcht. Ich bin nur das Weib eines Bürgers. Wär' ich aber eines edlen Aureliers Witwe und eure Mutter . . .«

Hier fiel ihr Apollinaris, dessen Wunden wieder heißer zu brennen begannen, beunruhigt ins Wort: »Sie würde uns raten, den Göttern die Sühne zu überlassen. Er ist der Kaiser.«

»Ein Verruchter ist er,« kreischte die Matrone. »Der Fluch, der Schänder der Menschheit, ein fluchwürdiger Mörder des Glücks, der Ehre, des Lebens, wie die Welt noch keinen erblickte. Ihn zu vernichten, heißt sich den Dank und Segen des Erdkreises verdienen. Und ihr, die Sprossen eines hohen Geschlechts, sollt beweisen, daß es noch Männer gibt unter so vielen Sklaven. Die herrliche Roma selbst ist es, die euch durch mich, die ich wie sie ein bis ins innerste Lebensmark verletztes, mißhandeltes Weib bin, beruft, in ihrem Dienste die Waffen weiter zu tragen, bis sie euch ein Zeichen gibt, ein Ende mit dem tückischen Bluthunde zu machen.«

Da schauten die Brüder einander bleich und wortlos an, bis Nemesianus sagte: »Tausendfach, wir wissen es, verdient er den Tod, doch wir sind weder Richter noch Henker. Zu Mördern taugen wir nicht.«

»Nein, Frau Berenike, nein,« fügte Apollinaris lebhaft hinzu und schüttelte das wunde Haupt; die Matrone aber fuhr unbeirrt fort: »Wer hätte den Brutus je einen Mörder genannt? Aber ihr seid jung . . . Das Leben liegt vor euch. Das Schwert diesem Scheusal ins Herz zu stoßen, ist ein Geschäft, wozu ihr zu gut seid. Doch ich kenne die Hand, die geschickt ist und wohl auch bereit, den Stahl zu führen. Ruft sie auf in der rechten Stunde und übernehmt ihre Führung!«

»Und diese Hand?« frug Apollinaris in banger Spannung.

»Da ist sie,« versetzte Frau Berenike und wies auf Martialis, der das Zimmer eben betrat.

Wiederum tauschten die Brüder fragende Blicke; die Matrone aber rief ihnen zu: »Bedenkt euch! Ich will mit dem Bewußtsein dahingehen, daß der einzige, heiße Wunsch sich sicher erfüllt, den dies erstarrte Herz noch erwärmt.«

Damit winkte sie dem Centurio, verließ mit ihm das Zimmer und schritt ihm voran in das eigene Gemach. Hier befahl sie dem erstaunten Freigelassenen Johannes, in seiner Eigenschaft als Notar ein Kodizill an ihr Testament zu fügen. Sie hinterlasse im Fall ihres Todes der Xanthe, der Ehefrau des Centurio Martialis ihr Eigentum, die ihr gerichtlich zugeschriebene Villa zu Kanopus nebst dem gesamten Inhalt und den zu ihr gehörenden Gärten zur freien Verfügung für sich und ihre Kinder.

Erstaunt hörte der Krieger ihr zu; denn was die Matrone da verschenkte, hatte den Wert von zwanzig Häusern in der Stadt und machte den Besitzer zum reichen Manne. Doch die Erblasserin war ja kaum zehn Jahre älter als seine Xanthe, und so küßte er der gütigen Herrin das Gewand und rief in dankbarer Bewegung: »Mögen die Götter Dir lohnen, was Du den Meinen zu gewähren gedenkst; doch wir alle wollen beten und opfern, damit es recht spät in unsere Hände gelange.«

Da schüttelte die Matrone bitter lächelnd das Haupt, zog den Krieger an das Fenster und weihte ihn dort mit raschen Worten in ihren Entschluß ein, aus dem Leben zu scheiden, bevor die Prätorianer das Haus beträten. Dann eröffnete sie dem entsetzten Manne, daß sie ihn zu ihrem Rächer ausersehen habe. Auch ihm verderbe der schlechte Kaiser mit tückischer Bosheit das Leben. Daran möge er denken, wenn die Zeit gekommen sei, dem Verruchten das Schwert in die Brust zu stoßen. Koste aber diese That ihn, den Martialis, das Leben, das er in mancher Schlacht willig für ärmlichen Sold aufs Spiel gesetzt habe, werde ihr Testament seiner Witwe gestatten, ihren gemeinsamen Kindern ein schönes Los zu bereiten.

Mit manchem ablehnenden Worte hatte der Centurio diesen Befehl unterbrochen; doch Frau Berenike war über seinen Einspruch hinweggegangen, als höre sie ihn nicht.

Jetzt rief Martialis: »Du verlangst zu viel von mir, Herrin. Ja, auch mir ist der Cäsar verhaßt. Doch wie könnte ich, seit ich nicht mehr zu den Prätorianern gehöre und aus seiner Nähe verbannt bin, auch nur an ihn gelangen? Wie darf ich, ein geringer Mann, mich unterfangen . . 

Da trat die Matrone ihm näher und raunte ihm zu: »Die rächende That, zu der ich Dich berufe, wirst Du im Namen aller Guten verrichten. Was wir von Dir verlangen, ist nur Deine Klinge. Größere – die beiden Aurelier – werden sie lenken. Auf ihren Befehl gehst Du ans Werk. Erhältst Du von ihnen das Zeichen, wackerer Martialis, so wirst Du der unglücklichen Frau in Alexandria gedenken, deren Tod Du zu rächen gelobtest. Sobald die Aurelier . . .«

»Wenn die Tribunen befehlen,« fiel ihr der Centurio hier wie verwandelt mit Entschiedenheit ins Wort, und sein mattes Auge blitzte hell auf, »wenn sie es gebieten, dann thu' ich es gern. Sag ihnen, das Schwert des Martialis stehe zu ihrer Verfügung. Es hat Stärkeren den Garaus gemacht als diesem tückischen Knirpse.«

Da reichte Berenike dem Krieger die Hand, dankte ihm schnell und bat ihn, der ungefährdet durch die Stadt kommen konnte, sogleich an den See zu eilen und ihren Gatten, der dort in den Schreibstuben des Geschäftes verweilte, zu warnen und ihm ihren letzten Gruß zu bestellen.

Feuchten Auges folgte Martialis diesem Geheiß; als er aber gegangen war, und der Sachwalter Johannes die Matrone anzuflehen suchte, sich zu verbergen und die Gottesgabe des Lebens nicht sündhaft von sich zu werfen, wies sie ihn mit freundlicher Entschiedenheit zurück und begab sich wieder zu den Aureliern.

Ein Blick auf die Brüder lehrte sie, daß sie noch immer zu keinem festen Entschluß gelangt seien; doch ihr Schwanken nahm ein Ende, sobald sie erfuhren, daß der Centurio bereit stehe, auf ihren Wink das Schwert gegen den Kaiser zu zücken.

Wie erleichtert atmete sie nach der Zusage der Brüder auf und reichte ihnen dann dankbar die Hände.

Auch die Aurelier beschworen sie bei diesem Abschied fürs Leben, sich zu verbergen, sie aber sagte gelassen: »Möge aus eurer Jugend ein glückliches Alter erwachsen. Mir bietet das Dasein nichts mehr, seit mein Kind mir geraubt ward . . . Doch die Zeit drängt . . . Die Mörder sollen mir willkommen sein, seit ich weiß, daß die Rache nicht ruhen wird.«

»Und Dein Gemahl?« unterbrach sie Nemesianus; sie aber versetzte mit einem bitteren Lächeln: »Er? Ihm ward die Gabe, sich leicht zu trösten. Doch was ist das?«

Laute Stimmen vor dem Krankenzimmer hatten diesen Ruf veranlaßt.

Nemesianus stellte sich mit dem Schwert in der Hand vor die Matrone; doch die bedrohte Frau bedurfte noch keiner Verteidigung; denn statt der erwarteten Prätorianer trat die Zofe Johanna ein, und auf ihren Arm gestützt schwankte ein junger Mann in das Zimmer, in dem niemand den schön gelockten, sonst immer sorgfältig gekleideten Alexander wiedererkannt hätte.

Eine lange Caracalla bedeckte ihm die hohe Gestalt, die Sklavin Dido hatte ihm das Haar geschoren, und er selbst seine Züge durch Farbenstriche entstellt. Ein großer Reisehut mit breiter Krämpe war ihm wie einem Trunkenen weit nach hinten gerutscht und bedeckte eine Wunde, aus der ihm lichtes Blut über den Hals rann. Sein ganzes Wesen atmete Schmerz und Entsetzen, und Frau Berenike, die ihn für einen gedungenen Mordgesellen des Caracalla hielt, wich vor ihm zurück, bis die Zofe ihr seinen Namen nannte.

Zustimmend nickte er der Matrone zu. Dann sank er erschöpft in die Kniee und stieß, auf das Lager des Apollinaris gestützt, mühsam hervor: »Ich suche den Philipp. Er ging in die Stadt, krank, wie von Sinnen. Ist er nicht bei Dir gewesen?«

»Nein,« versicherte Frau Berenike. »Aber dies frische Blut! Hat das Morden begonnen?«

Ein bejahendes Nicken des Verwundeten bestätigte diese Frage. Dann fuhr er stöhnend fort: »Vor dem Haus eures Nachbars Milon . . . Hier am Hinterkopf . . . Ich floh . . . Eine Lanze.«

Dann versagte ihm die Stimme; Frau Berenike aber rief den Aureliern zu: »Stütze ihn, Nemesianus! Tragt für ihn Sorge und pflegt ihn. Es ist der Bruder der Jungfrau, ihr wißt ja . . . Kenn' ich euch recht, so thut ihr für ihn, was in eurer Macht steht und haltet ihn bei euch verborgen, bis nichts mehr zu fürchten.«

»Wir schützen ihn mit dem Leben,« beteuerte Apollinaris und reichte vom Lager aus der Matrone die Hand.

Doch er zog sie schnell wieder zurück; denn vom Impluvium her ließ sich Waffengerassel und lautes Lärmen vernehmen.

Da warf Frau Berenike das Haupt zurück und erhob die Hände wie zum Gebet.

Tiefe Atemzüge bewegten ihr die volle Brust, die feinen Nasenflügel zitterten, und die großen Augen funkelten ihr zornig.

So blieb sie kurze Zeit schweigend stehen; endlich aber ließ sie die Arme sinken und rief den Tribunen zu: »Meinen Fluch, wenn ihr vergeßt, was ihr euch selbst schuldet, dem römischen Reiche und der sterbenden Freundin; meinen Segen, wenn ihr haltet, was ihr verspracht.«

Damit drückte sie beiden schnell die Hand und wollte auch dem Künstler die Rechte reichen; doch er war bar der Besinnung, und die Zofe Johanna und Nemesianus hatten ihm schon Hut und Caracalla abgenommen, um nach der Wunde zu sehen.

Da flog ein sonderbares Lächeln über die strengen Züge der Matrone. Hastig nahm sie der Christin den gallischen Mantel aus der Hand, warf ihn sich selbst um die Schultern und sagte: »Wie der Bube sich wundern wird, wenn sie ihm, statt der lebenden Griechin, eine Leiche in seinem Barbarengewand bringen.«

Endlich drückte sie sich den Hut auf das Haupt und nahm aus der Ecke des Zimmers, wo die Waffen der Brüder standen, einen Jagdspeer.

Als ihre Frage, ob dies Wurfgeschoß nicht als Eigentum der Brüder wiederzuerkennen sei, verneint worden war, sagte sie: »Meinen Dank auch für dies letzte Geschenk!«

Endlich wandte sie sich schnell an die Zofe und rief: »Verbrenne mit Hilfe Deines Bruders das Bild Korinnas. Verbrecheraugen sollen es nicht zum andernmale schänden!«

Dabei riß sie die Hand aus der der Christin, die sie unter heißen Thränen zurückzuhalten versuchte, und verließ mit stolz erhobenem Haupte das Gemach.

Die Aurelier blickten ihr schaudernd nach.

»Und sich sagen müssen,« rief Nemesianus, und preßte die Faust an die Stirn, »daß unsere Kameraden ihre Mörder sein werden. So wurden die Waffen Roms noch niemals entwürdigt.«

»Er soll es büßen,« knirschte der Verwundete. »Wir rächen sie, Bruder.«

»Sie und – die Götter hören es – auch Dich, Apollinaris,« versicherte der andere und erhob die Hand wie zum Schwure.

Lautes Zetergeschrei, Waffengeklirr und kurze Kommandorufe, die von unten her in das Gemach drangen, unterbrachen das Gelübde des Tribunen, und ungesäumt stürzte er mit wenigen langen Schritten an das Fenster, um den Vorhang zurückzuschlagen und das Schreckliche mit eigenen Augen zu schauen. Apollinaris aber rief ihn zurück und mahnte ihn, an die Pflicht gegen den Bruder Melissas zu denken, der verloren sei, wenn die anderen ihn hier fänden.

Da faßte Nemesianus den Besinnungslosen mit starken Armen, zog ihn in den nächsten Raum, legte ihn dort auf der Matte nieder, die ihrem treuen, alten Sklaven, den sie ausgeschickt hatten, zur Lagerstatt diente, und bedeckte ihn, nachdem er die Wunde am Hinterkopf und eine zweite an der Schulter des Alexander flüchtig verbunden, mit dem eigenen Mantel.

Als der Tribun endlich zu dem verwundeten Bruder zurückkehrte, war der Lärm draußen schon weniger laut als vorhin, doch mischte sich klägliches Jammergeschrei in die Rufe der Krieger.

Hastig entfernte Nemesianus jetzt den Vorhang, und ein Strom von Sonnenlicht wogte so voll und hell in das Gemach, daß Apollinaris das wunde Antlitz stöhnend mit den Händen bedeckte.

»Gräßlich! Furchtbar! Unerhört!« rief der andere außer sich zu ihm zurück. »Ein Schlachtfeld . . . Was sag' ich? Eine Schlachtbank das friedliche Haus eines römischen Bürgers. Fünfzehn, zwanzig, dreißig Erschlagene auf dem Rasen. Und die Sonne spiegelt sich so lustig in den Blutlachen und den Waffen der Kameraden, als hätte sie ihre Freude . . . Aber dort! O Du! – O mein Bruder! Unser Marcipor, unser alter, braver ›Marci‹, da liegt er! Und neben ihm der Korb mit den Rosen, die er als Geschenk für Frau Berenike vom Blumenmarkte holte. Da liegen sie im Blute, die weißen und roten, und des Himmels lichteste Sonne, das alles bescheint sie!«

Hier schluchzte er laut auf und fuhr dann, knirschend vor Ingrimm, fort: »Noch lächelt Apollon, aber er sieht es. Und, warte, warte nur noch ein wenig, Tarautas! Der Gott greift bereits zu dem rächenden Bogen! Ob Berenike sich schon unter sie wagte? Bei dem Springbrunnen . . . Wie er glitzert und von den Farben der Iris so lustig umschwebt wird! . . . Da drängen sich viele um etwas am Boden . . . Vielleicht der Leib des Seleukus. Aber nein! Nun treten sie auseinander. Ewige Götter. Sie ist es! Es ist die Frau, die Dich pflegte.«

»Tot?« frug der andere.

»Mit einem Speer in der Brust liegt sie am Boden. Jetzt beugt sich der Legionslegat – ja Quintus Flavius Nobilior ist es – über sie und zieht ihn heraus. Tot, tot . . . Von einem Manne unserer Cohorte ermordet.«

Dabei schlug er die Hände vor das Antlitz, und Apollinaris murmelte Verwünschungen, den Namen des treuen Sklaven Marcipor, der schon ihrem Vater gedient, und wilde Racheschwüre vor sich hin.

Endlich gewann Nemesianus wieder genügende Fassung, um den gräßlichen Vorgängen unten weiter zu folgen.

»Jetzt,« fuhr er berichterstattend fort, »umdrängen sie den langen Rufus. Der grausame Halunke hat wieder etwas Schändliches begangen, das sogar seinesgleichen zu weit geht. Da halten sie auch einen Sklaven fest, der ein Bündel in der Hand trägt. Vielleicht gestohlenes Gut. Mit dem Tod werden sie ihn dafür bestrafen, und sind sie denn etwa besser als er? Könntest Du nur sehen, wie sie von allen Seiten hergewimmelt kommen mit dem kostbarsten Gut. Der herrliche goldene Krug mit den Gemmen, aus dem Frau Berenike Dir den Bybloswein in den Becher goß, ist auch dabei . . . Sind wir denn noch Soldaten oder Einbrecher und Mörder?«

»Wenn wir es sind,« rief Apollinaris, »so hat uns der Eine dazu gemacht.«

Hier ward er von nahendem Waffengeklirr auf dem Gange und bald darauf von einem derben Klopfen an die Zimmerthür unterbrochen. Gleich darauf blickte der Kopf eines Kriegers in das Gemach, um sich nach flüchtiger Umschau wieder zurückzuziehen mit dem Rufe: »Es ist wahr, da liegt der Aurelier!«

»Nur auf wenige Augenblicke,« ließ sich nun eine andere tiefe Stimme vernehmen, und über die Schwelle trat der Legionslegat Quintus Flavius Nobilior in vollem Waffenschmuck und begrüßte die Brüder.

Er war wie sie von altem, vornehmem Geschlecht und befehligte an Stelle des Präfekten Macrinus, dessen Staatsämter ihn von der militärischen Führung der Prätorianer enthoben, dieses mächtige Corps. Um zwanzig Jahre älter als die Aurelier, hatte er, der Waffengenosse ihres Vaters, für ihr schnelles Aufrücken gesorgt. Er war ihnen ein treuer Freund und Gönner gewesen, und das Mißgeschick des Apollinaris hatte ihn so tief empört wie der Befehl, an dessen Ausführung er heute teilnehmen mußte.

Nachdem er die Brüder herzlich begrüßt, ihre schmerzliche Erregung wahrgenommen und die Klage über den Mord ihres alten Sklaven mit angehört hatte, schüttelte er das männliche Haupt und rief, indem er auf seine von Blut triefenden Soldatenstiefel und Beinschienen wies: »Verzeiht, daß ich euer Zimmer beschmutze. Käme man so aus der männermordenden Feldschlacht, es könnte dem Krieger zur Ehre gereichen; doch es ist das Blut wehrloser Bürger, und auch Weiberblut mischt sich darein.«

»Ich sah die Leiche der Frau dieses Hauses,« sagte Nemesianus dumpf. »Sie hat den Bruder wie eine Mutter gepflegt.«

»Dafür aber war sie unvorsichtig genug, den Groll des Cäsar auf sich zu ziehen,« unterbrach ihn der Flavier und zuckte die Achseln. »Lebend sollten wir sie ihm bringen; doch er hatte alles eher als Freundliches mit ihr im Sinne; sie aber verdarb ihm das Spiel: Ein wunderbares Weib! So sah ich kaum einen Mann dem selbstgewählten Tod ins Angesicht schauen . . . Als die Leute eben niedermachten, was ihnen da unten in den Wurf kam – so war es befohlen, und ich sah der Schlächterei zu; denn lieber . . . Doch das könnt ihr euch denken. Da trat plötzlich aus einer Thür eine hohe Gestalt von wunderlichem Aussehen. Die breite Krämpe eines Reisehutes verdeckte ihr das Antlitz, einer der närrischen Kaisermäntel den Leib. So eilt sie auf die Manipel des Sempronius zu, schwingt drohend einen Jagdspeer und ruft den Leuten mit tiefer Stimme Schmähworte ins Gesicht, die auch mir die Galle erregen. Da nehm' ich ein langes Weibergewand unter der Caracalla wahr und, weil der Hut sich eben verschiebt, ein schönes Frauengesicht mit großen, schrecklichen Augen. Nun geht es mir plötzlich auf, daß der grimmige Todesverächter da eine Frau, daß sie wohl diejenige sei, die verschont werden solle. Ich rufe es auch den Leuten zu; doch – in diesem Augenblick schämt' ich mich unseres Standes – doch es war zu spät gewesen. Der lange Rufus hatte sie mit der Lanze durchbohrt. Selbst im Fallen bewahrte sie die Würde einer Königin, und wie die Leute sie umringten, maß sie noch jeden einzelnen mit den mächtigen Augen und röchelte uns zu: ›Schmach über Männer und Krieger, die sich wie Hunde hetzen lassen in den Mord und die Schande!‹

»Da hebt Rufus das Schwert, um ihr den Garaus zu machen; ich aber falle ihm in den Arm, kniee mich neben sie hin und bitte sie, mir zu gestatten, nach der Wunde zu sehen. Da greift sie mit beiden Händen nach der Lanze in ihrer Brust, und mit stockendem Atem lallt sie mir zu: ›Die Lebende wollte er sehen. Bringt ihm die Leiche und dazu meinen Fluch.‹

»Dabei stößt sie sich mit letzter Kraft den Speer tiefer in die Brust; doch es wäre nicht nötig gewesen.

»Wie versteinert starre ich ihr in die noch im Tode zornigen, wundervoll edlen Züge und die unheimlich großen, weit geöffneten Augen, die so hell und stolz ins Leben geschaut haben mußten. Es war um den Verstand zu verlieren. Auch noch, als ich ihr die Lider zugedrückt hatte und den Mantel über sie breitete . . .«

»Und was ward aus der Leiche?« frug Apollinaris.

»Ich ließ sie in das Haus bringen und das Totengemach sorgsam verschließen. Da ich aber zu den Leuten zurückkehrte, mußte ich ihnen wehren, den Rufus in Stücke zu reißen; denn er hatte sie um den reichen Lohn gebracht, den der Cäsar für die lebendig Gefangene ausgesetzt hatte.«

»Und Du mußtest dulden,« frug Apollinaris erregt, »daß unsere Krieger, daß brave Soldaten in einer friedlichen Stadt dies Haus, das viele von uns gastlich aufnahm, wie eine Räuberbande plünderten? Ich sah sie zusammenschleppen, was gestern noch in unserem Gebrauch stand.«

»Der Kaiser . . . Seine Erlaubnis!« seufzte der Flavier. »Ihr wißt ja. Was in jedem das Gemeinste, kommt heute an den Tag, und die Sonne bescheint es freundlich genug. Mancher arme Schlucker von gestern geht heute wohlhabend zur Ruhe. Aber vielerlei, glaub' ich, ward den Leuten dennoch entzogen. In dem Zimmer der Hausfrau, woher ich eben komme, brannte noch ein Feuer, worin verschiedenes verkohlte. Die Flammen hatten auch Gemälde verzehrt, ein bemaltes Brettchen verriet es. Man besaß hier vielleicht Meisterwerke des Apelles oder Zeuxis. Um sie dem kaiserlichen Feinde zu entziehen, ließ der Haß dieses Weibes sie wohl vernichten, und wer kann's ihr verdenken?«

»Es war das Bild ihrer Tochter,« entfuhr es dem Nemesianus.

Da schaute der Flavier ihm überrascht ins Antlitz und frug: »So waret ihr ihre Vertrauten?«

»Ja,« versetzte der Aurelier. »Und es macht uns stolz, daß sie uns würdig hielt dieser Ehre. Bevor sie auszog, um sich töten zu lassen, nahm sie von uns Abschied. Wir ließen sie ziehen; denn uns wenigstens widersteht es, die Hand an eine edle Matrone zu legen.«

Da schaute der Flavier ihn fester an und rief grollend: »Glaubst Du, junger Fant, dergleichen sei mir und manchem andern unter uns weniger schmerzlich? Fluch diesem Tag, der unsere Waffen mit Weiber- und Sklavenblut schändet, und Fluch bringe über mich jede Drachme, die mich von dem Raube hier bereichert. Nennt das Unglück, das euch von diesem Bubenstreiche fern hielt, ein freundliches Schicksal, aber hütet euch, die zu verachten, die ihr Eid zwingt, was menschlich an ihnen ist, mit Füßen zu treten. Wer als Soldat gemeinsame Sache macht mit dem Gegner des Kriegsherrn . . .«

Hier ward er durch den Eintritt der Christin Johanna unterbrochen, die sich vor dem Flavier verneigte und dann befangen an dem Bett des Apollinaris stehen blieb.

Ein flüchtiger Blick, den sie auf das Nebenzimmer und von ihm aus auf den Nemesianus warf, wurde von dem scharfen Auge des Truppenführers bemerkt, und mit soldatischer Entschiedenheit verlangte er zu wissen, was hinter der Thür dort verborgen werde.

»Ein Unglücklicher,« lautete die Antwort des Apollinaris.

»Seleukus, der Herr dieses Hauses?« frug der Befehlshaber streng.

»Nein,« entgegnete Nemesianus. »Es ist nur ein armer verwundeter Maler. Und doch! Die Prätorianer gehen für Dich durchs Feuer, wenn Du ihnen den Mann dort als kostbares Beutestück überlieferst. Bist Du aber der, für den wir Dich halten . . .«

»Die Meinung junger Hitzköpfe gilt mir so wenig wie die Gunst der Untergebenen,« unterbrach ihn der Flavier. »Was das Gewissen mir befiehlt, das entscheidet. Schnell jetzt! Wer wird dort verborgen?«

»Der Bruder der Jungfrau, um derentwillen der Cäsar . . .« stammelte der Verwundete.

»Der Jungfrau,« fiel der Flavier ihm ins Wort, »der es zuzuschreiben ist, daß Du mit zerfleischtem Angesicht hier liegst. Ihr seid doch echte Aurelier, ihr Jungen, und wenn ihr daran zweifelt, ob ich derjenige bin, für den ihr mich hieltet, so bekenne ich gern, daß ich euch gerade so finde, wie ich euch mir wünsche. Die Prätorianer haben euch den Freund und Diener erschlagen; nehmet denn den da drin zum Ersatz.«

Da ergriff Nemesianus bewegt mit beiden Händen die Rechte des älteren Freundes, und Apollinaris rief ihm dankbare Worte von dem Lager aus zu.

Der Flavier suchte ihnen zu wehren und schritt auf die Thür zu; doch die Christin Johanna trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, den Aureliern, denen man den Diener getötet habe, zu gestatten, einen andern anzunehmen, von dem sie keinen Verrat zu befürchten hätten. Er sei von den Prätorianern im Impluvium festgehalten worden, als er auf jede Gefahr hin in das Haus gedrungen sei, um nach dem Maler zu sehen, dessen Vater er seit vielen Jahren gehöre. Er werde den Apollinaris und den Bruder Melissas aufs beste pflegen helfen und es möglich machen, daß das Versteck des Alexander unbemerkt bleibe. Man würde gewiß hier eindringen, und auch anderen drohe das Schlimmste, wenn die Soldaten den treuen Mann als Gefangenen fortführten und man auf der Folter das Bekenntnis von ihm erpresse, wo der Vater und die anderen Angehörigen Melissas zu finden.

Da versprach der Flavier für die Befreiung des Argutis zu sorgen.

Noch wenige kurze Danksagungen und Abschiedsworte, und der Flavier hatte seine Sendung bei den Aureliern erfüllt.

Um weniges später erscholl die Tuba, welche die im Hause des Seleukus zerstreuten Plünderer zusammenrief, und Nemesianus sah die Kameraden in schmalen Gliedern auf den Vorsaal zu marschiren. Ihnen folgten die Waffenträger, beladen mit Kostbarkeiten jeder Art, und drei mit den edlen Rossen des Seleukus und seiner ermordeten Gemahlin bespannte Wagen, die den Prätorianern die Beutestücke nachführten, welche für menschliche Schultern zu schwer waren.

Auf dem letzten stand hoch aufgerichtet ein Eros von der Hand des Praxiteles. Die helle Sonne dieses Tages umstrahlte sein lächelndes Marmorhaupt, und mit Liebe heischendem Schönheitszauber blickte er auf die schwarzroten Lachen am Boden und die bewaffnete Cohorte, die ihm, um neues Blut zu vergießen und neuen Haß zu erwecken, voranschritt.

Als Nemesianus sich vom Fenster zurückzog, trat Argutis in das Zimmer.

Der Legionstribun hatte ihn freigegeben, und als Johanna den treuen Mann an das Lager des Alexander führte und er ihn bleich und mit geschlossenen Augen daliegen sah, als habe der Tod auch ihn zum Opfer gefordert, sank er laut aufschluchzend neben ihm in die Kniee.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.