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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Drittes Kapitel.

Die Geschwister hatten einen weiten Weg zurückzulegen. Die Straßen waren voller Menschen, und je näher sie der Totenstadt kamen, desto dichter war das Gedränge.

Während sie der Stadtmauer folgten, hielten sie Rat.

Nachdem sie übereingekommen waren, das Mädchen, dessen Hand Philipp ja berührt hatte, könne kein Dämon sein, der die Gestalt Korinnas angenommen habe, neigten sie sich der Annahme zu, eine Aehnlichkeit täusche den Bruder. Alexander, beschlossen sie endlich, solle diejenige suchen, welche der schönen Verstorbenen so wunderbar gleiche. Und der Künstler übernahm dies gerne; denn er brauchte zum Schaffen ein freies Herz, und das seine war noch nie so schwer belastet gewesen. Die Hoffnung, ein lebendes Wesen zu finden, das der entschlafenen Jungfrau gleiche, vereinte sich jetzt in ihm mit dem Wunsch, den hochbegabten Bruder vor der Verwirrung zu retten, in die er zu geraten drohte, und Melissa sah mit frohem Erstaunen, wie schnell dies neue Lebensziel dem Jüngling die getrübte Daseinsfreude zurückgab.

Diesmal führte sie das Wort, und Alexander, dem nichts Schönes entging, weidete das Ohr an dem reinem Wohllaut ihrer Stimme. So, dachte er, während sie durch das Dunkel hinschritten, ist auch ihr Antlitz, und die Charitinnen, die sie mit all dem Zauber schmückten, mögen es dem Vater vergeben, daß er sie vergräbt wie sein Gold.

In Gesellschaft eines andern etwas, was ihn bewegte, still für sich auszudenken, lag nicht in seiner Weise, und so raunte er der Schwester zu: »'s ist auch gut, daß die makedonische Jugend dieser Stadt einmal zu sehen bekommt, welches Kleinod das Haus unseres Alten verbirgt. Sieh nur, wie hell Selene scheint und wie prächtig die Sterne über uns funkeln. In leuchtenderen Farben blaut der Himmel wohl nirgends! Sind wir nur erst aus dem Schatten heraus, den die Stadtmauer auf den Weg wirft, so kommen wir ins Helle. Da taucht das Serapeum aus dem Dunkel hervor. Sie versuchen wohl schon die Beleuchtung, mit der dem Kaiser, wenn er kommt, die Augen geblendet werden sollen. Aber sie müssen auch zeigen, daß in dieser Nacht die Götter der Unterwelt und des Todes allesamt wach sind. Zu so später Stunde bist Du wohl noch nie in die Nekropole gekommen.«

»Wie sollt' ich?« versetzte das Mädchen; er aber gab der Freude Ausdruck, ihr zum erstenmal das wunderbare nächtliche Treiben an diesem Feste zu zeigen, und als er das laute »Ah!« vernahm, das sich ihrer Brust beim Anblick des größten aller Tempel entrang, der, mit Pechpfannen, Fackeln und zahllosen Lampen erhellt, aus dem Dunkel vor ihnen aufstieg, rief er ihr so stolz und froh bewegt ein fragendes »Nun?« zu, als schulde sie ihm diesen Anblick.

Von dem gewaltigen steinernen Unterbau, der sie trug, ragte die Kuppel des Serapeums hoch auf und schien mit der Spitze das Firmament zu berühren.

So edel waren die Formen dieses Riesenbaues dem Mädchen, das ihn immer nur bei Tage geschaut, noch nie erschienen; denn durch die von Künstlerhand angeordnete Beleuchtung trat jede seiner Linien heller und deutlicher hervor als im Lichte der Sonne, und Melissas empfängliches junges Herz vergaß bei diesem wunderbaren Anblick den Kummer, der es eben noch bedrückte, und begann schneller zu schlagen.

Das einsame Leben mit dem Vater war ihr bis dahin nach dem Sinne gewesen, und auch jetzt noch hätte sie sich für die Zukunft nichts Besseres gewünscht, als still und zurückgezogen für ihn und die Brüder zu sorgen; doch nun empfand sie dankbar die Lust, auch einmal etwas Großes und Herrliches zu schauen, und freute sich, dem Einerlei der Tage und Stunden auf kurze Zeit zu entrinnen.

Einmal hatte sie mit den Brüdern und dem Diodor, dem liebsten Freund des Alexander, einer Tierhetze, die einem Gladiatorenkampf gefolgt war, zugeschaut; doch sie war beängstigt und traurig nach Hause gekommen; denn was sie gesehen, hatte sie mehr entsetzt als erfreut. Einige der Erschlagenen und Zerrissenen kamen ihr nicht aus dem Sinn, und da sie auf den Plätzen des reichen Vaters des Diodor, auf dem untersten vornehmsten Range, gesessen, war sie von dem jungen, leichtfertigen Herrn ihr gegenüber, sobald sie nur die Augen aufschlug, so frech und herausfordernd angeschaut worden, daß es sie verletzt und beleidigt, ja mit dem Wunsche erfüllt hatte, bald nach Hause zu kommen. Und doch war sie dem Diodor gut von Kind an, und sie hatte sich mehr darauf gefreut, so lange ganz still in seiner Nähe weilen, als der Vorstellung zuschauen zu dürfen.

Diesmal ward ihre Neugier befriedigt, und dazu erfüllte sie der Wunsch, einem teuren Menschen zu helfen, mit stiller Freude. Es that ihr auch wohl, mit Alexander, der ihr besonders lieb war, nach langer Zeit einmal wieder am Grabe der Mutter beisammen zu sein. Das konnte sie nicht oft genug besuchen, und der Segen, der – davon war sie fest überzeugt – von ihm ausging, würde gewiß auch dem Bruder zu gut kommen und von ihm abwälzen, was ihn bedrückte.

Während sie zwischen dem alles hoch überragenden Serapeum und dem lang hingestreckten Stadium dahinschritten, verdichtete sich die Menge, und auf der Brücke, die sie über den Drakokanal führte, ward das Fortkommen schwer.

Jetzt, wo der Vollmond höher stand, begannen die den unterirdischen Göttern geweihten Opfer und Schauspiele, jetzt erst hatten sich die Fabriken und Werkstätten in der auch an den Nekysien rastlos thätigen Stadt entleert, und so füllte der Weg sich immer dichter mit Menschen.

Ihrer zurückgezogenen Natur war sonst jedes Gedränge zuwider, jetzt aber kam sie sich vor wie ein Tropfen in einem kräftig fließenden Strom, in dem alles das Verlangen teilte, das sie selbst ihrem Ziel entgegentrieb.

Der Wunsch, den Verstorbenen zu zeigen, daß man ihrer gedenke und bestrebt sei, sich ihrer Gunst zu vergewissern, beseelte Mann und Weib, Alt und Jung.

Da waren wenige, die nicht ein Kränzlein oder einen Strauß selbst in der Hand gehalten, oder ihn sich von den Sklaven hätten nachtragen lassen. Vor den Geschwistern her ging eine große, kinderreiche Familie. Die schwarze Wärterin hatte sich das Jüngste auf die Schulter gesetzt, und ein Esel trug zwei Körbe, aus denen Blumen für das Grab, ein Weinkrug und Eßwaren hervorlugten. Man wollte am Grabe der Großeltern ein Gedächtnismahl halten, und die Kleine, deren hübscher blonder Lockenkopf das Wollhaupt der Negerin hoch überragte, antwortete mit fröhlichem Nicken den Winken der Geschwister. Die Kinder freuten sich auf den Schmaus zu so ungewohnter Zeit, und die Eltern an ihnen und auf das Heitere und Erhebende, das ihnen bevorstand.

Viele begehrten in dieser Nacht am Grabe der Lieben nur der guten Stunden zu gedenken, in denen sie mit ihnen glücklich gewesen, andere hofften Leid und Sorge in der Totenstadt zurückzulassen und dort frischen Lebensmut und neues Wohlsein zu finden; denn die Unterwelt stand heute weit offen, und wenn irgendwo, so nahmen in dieser Nacht die »Unterirdischen« die Opfer der Frommen an und erhörten ihre Gebete.

Die hageren Aegypter, die sich dort stummen und gesenkten Hauptes an den Geschwistern vorbeidrängten, waren sicherlich willens, dem Osiris und dem Anubis – denn mit den Nekysien fiel das Fest aller Götter der Toten und der Auferstehung zusammen – Spenden darzubringen und sie durch magische Sprüche und Mittel zur Willfährigkeit zu zwingen.

Alles ringsum ließ sich deutlich erkennen; denn das wüste Gebiet der Totenstadt, wo sonst zu dieser Stunde tiefes Dunkel und lautlose Stille herrschten, war heute erleuchtet, und doch vermochte das Licht die Schauer, welche diese Stätte sonst bei Nacht umschwebten, nicht völlig zu bannen; denn die ungewohnte Helligkeit blendete und verwirrte die Fledermäuse und andere Nachtvögel, und sie flatterten jetzt in dunklen, gespenstischen Scharen über den Wanderern hin. Manche hielten sie für die ruhelosen Seelen verdammter Sünder und schauten beängstigt zu ihnen in die Höhe.

Melissa zog das Kopftuch zusammen und schmiegte sich fester an den Bruder; denn auch der Gesang und das wüste Geschrei, das sie längst hinter sich vernahm, kamen ihnen nahe.

Sie schritten nicht mehr auf einer gepflasterten Straße, sondern auf hartem Wüstenboden hin. Das Gedränge hatte aufgehört, weil es sich hier in die Breite entfalten konnte, und doch eilte die unbändige Schar, nach der sie sich nicht umzuschauen wagte, ganz dicht an ihr vorüber.

Es waren Griechen von jedem Alter und beiden Geschlechtern. Die Männer schwangen Fackeln und sangen sich in zügellosem Ungestüm heiser, die Weiber stürmten bekränzt neben ihnen her. Was sie in Körben auf dem Haupte trugen, war nicht zu erkennen, und auch Alexander wußte es nicht; gab es hier doch so viele religiöse Genossenschaften und Mysterienkreise, daß er nicht einmal sagen konnte, welchem diese laute Schar angehöre.

Kaum hatten die Geschwister dann einen Zug weißgekleideter Männer, der sich gemessenen Schrittes fortbewegte und in dem der Künstler die philosophisch-religiöse Brüderschaft der Neupythagoräer erkannte, überholt, als ein kleinerer Menschenhaufen in leidenschaftlicher Erregung, ja wie von Sinnen dahergerast kam. Die Männer trugen die roten, sackartigen Mützen ihrer phrygischen Heimat, die Weiber mit Früchten gefüllte Schüsseln. Etliche schlugen die Handpauke, andere die Cymbel, und mit sinnverwirrendem Geheul drängte der eine den andern zu immer schnellerem Vorwärtsjagen, bis der Staub sie den Blicken und neues wildes Getöse dem Gehöre entzog. Dann stürmten die Mysten des Dionysos heran und wetteiferten in tollem Ungestüm selbst mit den Phrygern.

Doch dieser rasende Zug blieb hinter den Geschwistern zurück; denn einer der schön ausgeputzten hellfarbigen Stiere, welche Männer und Jünglinge dem Zuge nachgetrieben hatten, um sie zu opfern, hatte sich, außer sich gebracht durch Geschrei und Fackellicht, losgerissen, und es galt, ihn von neuem zu fesseln.

Endlich erreichten die Geschwister den Friedhof.

Zu den lang hingestreckten Häusern der Totenbestatter konnten sie sich den Weg noch nicht bahnen. Eine undurchdringliche Menschenschar hatte sich vor ihnen gestaut, und Melissa bat aufatmend den Bruder, sie einen Augenblick ausruhen zu lassen.

Was sie auf dem Wege hierher gesehen und gehört, hatte sie aufs tiefste erregt, und doch war ihr nur selten aus dem Gedächtnis geschwunden, was sie in die Nacht hinausführte, wen sie hier suchte, und daß sie alles aufbieten müsse, ihn von dem Wahn zu befreien, der ihn bethörte.

In diesem Menschengedränge, diesem tobenden Gewühl war kaum an jene ruhige Sammlung zu denken, die sie heute morgen beim Grabe der Mutter mit dem Vater gefunden. Daran war nicht zu zweifeln, und das schöne Freiheitsgefühl, das vorhin so hell in ihr aufgeleuchtet war, trat tief vor einer wachsenden Beängstigung und der Sehnsucht nach der gewohnten Ruhe in den Schatten.

Wenn der Vater sie hier fände!

Als sie eine hohe Gestalt, die der seinen glich, durch das vom Staub gedämpfte Fackellicht schreiten sah, zog sie den Bruder hinter den Stand eines Krämers, der Fruchtwasser und andere Erfrischungen feilbot. Der Vater wenigstens sollte noch verschont bleiben von der Unruhe, die sie um den Philipp, seinen Liebling, empfanden. Außerdem wußte sie, daß der Alte sie, wenn er sie hier fände, ungesäumt nach Hause führen würde.

Es galt jetzt, zu überlegen, wo sie dem Philipp begegnen könnten.

Hart neben ihnen standen die Buden der Händler, die Speisen und Getränke jeder Art, Blumen und Kränze, Amulette und Papyrusblätter mit seltsamen Beschwörungen für die Gesundheit des Körpers und das Heil der Seele verstorbener Menschen feilboten. Ein Sternseher, der aus dem Stand der Planeten den Lauf des künftigen Lebens voraussagte, hatte auf einer erhöhten Estrade große Tafeln und das Instrument aufgestellt, womit er wie mit einem Bogen nach den Gestirnen zielte, und sein syrischer Sklave schrie, begleitet vom Wirbel einer buntbemalten Trommel, laut aus, was er vermöge. In verschlossenen Zelten gab es allerlei magische Mittel zu kaufen, welche die Obrigkeit feilzubieten verbot: vom Liebestrank bis zu der Flüssigkeit, welche, recht angewandt, Blei, Silber und Kupfer in Gold verwandeln sollte. Hier luden alte Weiber ein, thrakische und andere Zauber zu versuchen, dort schritten Wunderthäter mit spitzen Mützen und in langen bunten Talaren, von denen die meisten sich Priester einer unterirdischen Gottheit nannten, gravitätisch auf und nieder.

Menschen aller Stämme und Zungen, welche die Ufer des Mittelmeers und das nördliche Afrika bewohnten, drängten sich lärmend durcheinander.

Hinter den Häusern der Totenbestatter war das größte Gedränge. Hier wurde auf den Altären des Serapis, der Isis und des Anubis geopfert, dort gab es das heilige Sistrum der Isis zu küssen, da vollbrachten hunderte von Priestern feierliche Zeremonien, und die Hälfte derer, welche das Totenfest in die Nekropole zog, versammelte sich um sie her. Vor Mitternacht begannen hier auch die Mysterien, und man konnte der dramatischen Aufführung der Klagen der Isis und der Neubelebung ihres erschlagenen Gatten Osiris zuschauen. Aber weder hier, noch bei den Buden, noch auch im Bereich der Gräber, wo viele Familien bei Fackellicht schmausten und Libationen für die Seelen der Verstorbenen in den Staub gossen, meinte Alexander, sei der Bruder zu finden. Auch die Mysterienfeiern der verschiedenen Genossenschaften konnten den Philipp nicht anziehen. Er hatte ihnen oft genug mit seinem Freunde Diodor beigewohnt, der bei dem Zuge nach Eleusis nie fehlte, weil er versicherte, daß man allein durch die Mysterien der Demeter Sicherheit über die Fortdauer der Seele erlange.

Das wüste Treiben der Syrer, die in religiöser Ekstase sich selbst verstümmelten, und was ihm verwandt war, stieß den Philipp ab als roh und barbarisch.

Melissa drängte sich in diesem Durcheinander der Kulte, dieser Feier so verschiedenartiger Götter, von denen der eine dem andern feind war oder noch öfter mit ihm verschmolz, die Frage auf, an wen sie sich in ihrer inneren Bedrängnis zu wenden habe.

Die Mutter hatte am liebsten dem Serapis und der Isis geopfert. Seitdem Melissa aber während der Krankheit derselben diesen Heilungsgöttern alles, was ihr eigen, vergeblich geopfert und ihr im Serapeum selbst Dinge widerfahren waren, die ihr jetzt noch das Schamrot in die Wangen trieben, hatte sie sich von dem großen Gott der Alexandriner abgewandt. War derjenige, welcher sie durch empörende Anträge verletzt, auch nur ein Priester in geringer Stellung gewesen, hatte sie sich doch gescheut, ihm, der übrigens seitdem gestorben war, wieder zu begegnen, und das Heiligtum, dem er gedient hatte, gemieden.

Sie war ein echt alexandrinisches Mädchen und den philosophischen Streitigkeiten der Männer von früh auf zu folgen gewohnt. So verstand sie auch sehr wohl die Versicherung ihres Bruders Philipp, des Skeptikers, er leugne das Dasein der Himmlischen mit nichten, doch dürfe er auch nicht daran glauben; denn das Denken führe ihn zu der Ueberzeugung, daß der Mensch überhaupt nichts Gewisses und also auch nicht von der Gottheit zu wissen vermöge.

Mit bestechlichen Gründen hatte er auch die Güte und Allmacht der Himmlischen, die Vernünftigkeit und Zweckmäßigkeit des Weltganzen geleugnet; Melissa aber freute sich zwar an dem Scharfsinn des Bruders, doch was nur den Geist gefangen nimmt und nicht auch das Herz, bestimmt das Weib zu nichts Großem und am wenigsten zu einer einschneidenden Wandlung im Leben des Gemütes.

So blieb die Jungfrau dem mütterlichen Glauben treu, daß es gewaltige Mächte außer ihr gebe, die das Leben der Natur und der Menschen leiteten. Sie meinte nur weder im Serapis noch in der Isis die rechten Götter gefunden zu haben und hatte darum nach anderen gesucht. Dabei war sie zu einem Ahnenkult gelangt, der, das wußte sie von der Sklavin ihrer Freundin Ino, auch den Aegyptern nicht fremd war.

In Alexandrien gab es für jeden Gott Altäre und Verehrungswesen in jeder Gestalt. Das ihre war nicht darunter; denn sie hatte dazu den Genius, die von der Last des vergänglichen Leibes befreite Seele der verstorbenen Mutter gemacht.

Von ihr war ihr nichts als Gutes und Liebes zu teil geworden, und sie wußte, daß die Mutter, wenn es ihr nur vergönnt sei, auch in anderer als der menschlichen Gestalt es sich nicht nehmen lassen werde, freundlich und sorgend ihrer zu walten.

Auch die in die eleusinischen Mysterien Eingeweihten – Diodor hatte es ihr gesagt – wünschten sich die Unsterblichkeit der Seele, um an dem Leben derer, die sie zurückließen, auch fürder teilnehmen zu können, und was führte so viele zu jeder Zeit mit Gaben in die Nekropole hinaus als das Bewußtsein, mit den Verstorbenen zusammenzustehen und von ihnen beachtet zu werden, so lange sie selbst ihrer nicht vergaßen?

War es dem verklärten Geist der Mutter aber auch versagt, ihr Flehen zu hören, so brauchte sie darum doch nicht aufzuhören, sich an sie zu wenden; denn es that ihr selbst unsagbar wohl, im Geist bei ihr zu verweilen und ihr anzuvertrauen, was ihr die Seele bewegte.

So war ihr das Grab der Mutter zur Lieblingsstätte geworden.

Dort hoffte sie auch diesmal, wenn irgendwo, Trost, eine gute Eingebung und vielleicht sogar Hilfe zu finden.

Jetzt bat sie den Alexander, sie dahin zu begleiten, und er that ihr den Willen, obgleich er meinte, Philipp sei schon in den Bestattungshäusern bei dem Bilde Korinnas.

Die Geschwister hatten es nicht leicht, sich durch die der großen Schaustellung in dieser Nacht zuströmenden Tausende zu drängen; dafür aber waren die meisten Friedhofbesucher durch die Mysterien von den Gräbern der Makedonier fortgezogen worden, und in der Umgebung des schönen marmornen Denkmals, das Alexander, um den Vater zu erfreuen, von dem ersten größeren Verdienste für die Mutter errichtet, störte nur wenig die Ruhe. Es war mit verschiedenen Kränzen behängt und belegt, und bevor Melissa zu beten und den Stein zu salben begann, prüfte sie dieselben mit Auge und Hand.

Diejenigen, welche von ihr und dem Vater kamen, erkannte sie sogleich. Der schlichte Schilfkranz, an dem zwei Lotusblumen hingen, war eine Liebesgabe ihres alten Sklaven Argutis und seiner Gefährtin Dido. Die hübsche Blumenkrone dort stammte aus dem Garten ihrer Nachbarn, denen die Mutter teuer gewesen. Dieser herrliche, mit den prächtigsten Rosen gefüllte Korb endlich, der ihr am Morgen noch nicht begegnet war, ihn hatte auch diesmal Andreas, der Verwalter des Vaters ihres jungen Freundes Diodor, obgleich er sich zu den Christen hielt, hieher gestellt. – Das war alles.

Philipp konnte noch nicht hier gewesen sein, und doch war Mitternacht nahe.

Er hatte – zum erstenmal geschah es – diesen Tag vorüber gehen lassen, ohne der Verstorbenen zu gedenken.

Wie das Melissa weh that! Und es steigerte auch ihre Besorgnis.

Bekümmert und schweren Herzens salbten die Geschwister den Stein, und während Melissa dann die Arme hoch hob, um zu beten, blickte der Maler stumm und sinnend zu Boden; kaum aber hatte sie die Hände wieder gesenkt, als er lebhaft ausrief: »Er ist doch hier und im Hause des Totenbestatters. Daß er zwei Kränze bestellte, steht ja fest, und wenn er für das Bild der Korinna den einen bestimmte, sollte die Mutter doch gewiß den andern haben. Hat er der Jungfrau trotzdem beide gespendet . . .«

»Nein, nein,« unterbrach ihn Melissa. »Er bringt seine Gabe. Laß uns hier noch ein wenig bleiben, und bete auch Du zu den Manen der Mutter. Thu es mir zu Gefallen!«

Da fiel ihr der Bruder lebhaft ins Wort: »Ich gedenke ihrer, wo es auch sei; denn wer ein anderes recht liebt, dem bleibt es lebendig. Es gab keinen Tag und, kam ich nüchtern nach Hause, auch keine Nacht, da ich ihr liebes Antlitz nicht schaute, sei es wachend, sei es im Traume. Von allem Heiligen ist mir ihr Angedenken das höchste, und hätte man sie vergöttert wie die verstorbenen Kaiser, von denen doch viele den Fluch der Welt auf sich luden . . .«

»Sprich leiser,« bat Melissa dringlich; denn zwischen den benachbarten Gräbern bewegten sich menschliche Gestalten, und römische Wachen zogen hin und her; doch der leichtblütige Künstler fuhr unbeirrt fort: »Zu ihr könnt' ich die Hände mit Freuden erheben, wenn ich auch sonst das Beten verlernte. Wer weiß denn hier überhaupt noch, wenn er nicht der Herde nachläuft und dem Serapis huldigt, an welchen Gott von den vielen er sich wenden soll, wird er einmal nicht mehr selbst mit sich fertig? Bei Lebzeiten der Mutter konnt' ich willig wie Du die Unsterblichen anbeten und ihnen opfern; doch der Philipp hat mir das alles verleidet. Ueber die vergötterten Kaiser denkt wohl jeder wie wir. Die Mutter würde lieber ein Pesthaus betreten haben als den Festsaal auf dem Olymp, wo sie schmausen. Auch Caracalla kommt unter die Götter. Und er! Vater Zeus warf seinen Sohn Hephästos aus der Höhe des Olympos zu Boden und hat ihm dabei nur den Schenkel zerbrochen, unser Kaiser that einen kräftigeren Wurf; denn durch die Erde hindurch hat er den leiblichen Bruder in die Unterwelt geschleudert – eine kaiserliche That! – und ihn nicht nur gelähmt, sondern gemordet.«

»Vorzüglich!« unterbrach hier eine tiefe Stimme den Jüngling. »Du bist es, Alexander! Hört, welchen neuen Ruhmestitel der Sohn des Heron für den kaiserlichen Gast entdeckte, der morgen hier einzieht.«

»Laß das!« bat Melissa besorgt und erhob das Antlitz zu dem bärtigen Manne, dessen Arm nun die Schulter Alexanders umfing. Es war der Bildhauer Glaukias, der Mietsmann des Heron; denn seine Werkstätte stand auf dem Grundstück bei den Gärten des Hermes, das der Steinschneider von seinem Schwiegervater ererbt.

Das männlich kecke Gesicht des Glaukias war hochgerötet von Wein und Vergnügen. Die lebhaften Augen glühten ihm, und in dem gelockerten Haar hingen noch Epheublätter und bewiesen, daß er an dem Zug der Mysten des Dionysos teilgenommen habe; doch das hellenische Blut, das ihm jede Ader erfüllte, half ihm auch im Rausche anmutig bleiben.

Heiter verneigte er sich vor der Jungfrau und rief den anderen zu: »Die jüngste Perle im Schönheitsdiadem unserer Stadt!« und Bion, der alternde erste Meister des Alexander, schlug den Jüngling auf den Arm und fügte eifrig hinzu: »Ja, was ist aus dem kleinen Dinge geworden! Weißt Du noch, schönes Kind, wie Du Dir einmal – wie viel Jahr ist's her? – in meiner Werkstatt das weiße Kleidchen mit roten Punkten betupftest? Ich sehe das Fingerchen noch vor mir, wie es sich gelassen in den Farbentopf senkte und dann fein bedächtig das helle Gewand mit dem runden Muster versah. Aus der kleinen Färberin ward nun eine Hebe, eine Charis, oder besser noch die anmutig sinnende Psyche.«

»Ja, ja,« nahm Glaukias wieder das Wort, »mein wackerer Mietsherr Heron schuf sich gute Modelle! Er braucht nicht lange nach passenden Köpfen für seine Gemmen zu suchen. Der Sohn ein Helios oder der große Makedonier, dem er den Namen verdankt, die Tochter – Du hast recht, Bion – die holde Geliebte des Eros. Kannst Du dichten, junger Musenfreund, so bring Dein Epigramm von vorhin in ein paar Verse, die man unserem kaiserlichen Gast zu Ehren im Gedächtnis behält.«

»Nicht hier, nicht hier auf dem Friedhof,« bat Melissa zum andernmal.

Unter den Begleitern des Glaukias befand sich aber der schöne Argeios, ein eitler junger Poet, mit weithin duftenden langen Locken, der die Schnelligkeit seines dichterischen Vermögens gern sehen ließ und schon während der Rede der älteren Künstler das Scherzwort des Alexander in Verse gebracht hatte. Es wäre ihm auch einer größeren Gefahr gegenüber unmöglich gewesen, mit dem so schnell zusammengeschmiedeten Distichon zurückzuhalten und einen so wohlberechtigten Anspruch auf Beifall sich entgehen zu lassen. Darum warf er, ohne Melissas zu achten, den himmelblauen Umwurf in neue Falten und deklamirte mit komischem Pathos:

»Zeus warf zur Erde den Sohn, doch kräftiger schleudert den Bruder
Jüngst noch ein Zwerg durch das Land tief in den Hades herab.«

Lautes zustimmendes Gelächter belohnte den Dichter, der, angestachelt von dem Beifall der Freunde, auch die Weise für sein Distichon gefunden zu haben versicherte, und es ihnen mit wohllautender Stimme vorsang.

Aber auch der Dichter Mentor befand sich unter den Begleitern des Glaukias, und da ihm der Erfolg seines Rivalen keine Ruhe ließ, rief er: »Der große Färber – ihr wißt schon – der Blut an die Stelle der Purpurschnecke setzt, hat meines Wissens nichts mit dem Vater Zeus zu schaffen, um so mehr aber mit dem großen Alexander, dem Gründer unserer Stadt, dessen Grab er morgen besucht. Wollt ihr nun wissen, worin es der kleine Sohn des Sever dem makedonischen Riesen zuvorthut, sollt ihr es hören.«

Damit ließ er den Finger über den Thyrsusstab gleiten, als schlage er die Saiten einer Leier, und nachdem er das stumme Vorspiel munter beendet, sang er:

Was Caracalla, der Knirps, zuvortat dem Held Alexander?
Dieser stieß zornig den Freund, jener den Bruder ins Grab.«

Doch diese Spottverse fanden keine günstige Aufnahme; denn sie waren nicht wie die ersten von ungefähr entstanden, und es erschien geschmacklos, plump und gefährlich, bei solchen Scherzen den Namen des Mächtigen frei auszusprechen, auf den sie zielten.

Und die Besorgnis der fröhlichen Schar war nur zu wohl begründet; denn wie dem Boden entstiegen stand plötzlich ein hochgewachsener, hagerer Aegypter unter den Griechen. Da verflog ihr Rausch, und wie ein Taubenschwarm, auf den der Habicht niederschießt, zerstreuten sie sich nach allen Seiten.

Auch Melissa winkte dem Bruder, ihr zu folgen; der Störenfried aber hatte dem Alexander blitzschnell den Mantel von der Schulter gerissen und eilte mit ihm bis zu der nächsten Pechpfanne. Dort warf er dem Jüngling, der dem vermeinten Dieb rasch gefolgt war, den Umwurf wieder zu und rief gebieterisch, doch mit gedämpfter Stimme – denn es weilten noch viele unter den Gräbern: »Keine Hand gerührt, Sohn des Heron, wenn Du nicht willst, daß ich die Wache dort rufe. Habe Dein Antlitz bei Lichte gesehen, und das genügt wohl für heute. Wir kennen einander. An einer anderen Stelle sprechen wir uns wieder.«

Damit verschwand der Aegypter im Dunkel; Melissa aber frug entsetzt: »Um aller Götter willen, wer war das?«

»Wahrscheinlich ein unverschämter Tischler oder Schreiber, der dem Nachtstrategen Spionendienste leistet. Wenigstens haben diese wackeren Leute oft eine so schiefe rechte Schulter wie dieser Prahlhans,« versetzte Alexander leichthin.

Doch er kannte den Aegypter nur zu wohl. Es war Zminis, das Haupt der Späher des Nachtstrategen, ein Mann, der dem Heron besonders übel gesinnt war und dessen Feindschaft auch der Sohn sich zugezogen, da er ihn bei manchem tollen Streich mit den Genossen überlistet und irre geführt hatte. Dieser Späher, dessen Tücke und Grausamkeit allgemein gefürchtet ward, konnte ihn in ernstlichen Schaden stürzen, und er verschwieg darum der Schwester, die den Namen des Zminis oft genug gehört hatte, wer der Lauscher gewesen.

Eine neue Frage Melissas schnitt er mit der Aufforderung ab, ihm nun ungesäumt in die Bestattungshallen zu folgen.

»Finden wir ihn aber auch dort nicht,« bat das Mädchen, »dann – mir ist so bang – gehen wir ungesäumt nach Hause.«

»Recht, recht,« entgegnete Alexander zerstreut. »Wenn wir nur irgend jemand träfen, dem Du Dich anschließen könntest.«

»Nein, wir bleiben zusammen,« erwiderte Melissa bestimmt, und nach einem beipflichtenden »Auch gut« zog der Jüngling den Arm der Schwester durch den seinen und zerteilte mit ihr die sich lichtende Menge.

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