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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Während Frau Euryale mit einem Lämpchen in der Hand dem Schützling aus einer engen, dunklen Treppe voranging, harrte Alexander in einem der Wartezimmer auf den Ruf des Kaisers. Der Oberpriester des Serapis nebst einigen Horoskopen des Tempels, der neue Nachtstratege Aristides und mehrere »Freunde« des Herrschers waren mit ihm bis hierher vorgelassen worden. Diesen allen hatte man den Eintritt in die innersten Gemächer versagt; denn Caracalla ließ von dem Magier Serapion Geister beschwören und sich in Gegenwart des Präfekten der Prätorianer und einiger anderen Vertrauten die Zukunft verkünden.

Die Deputation der Stadt, welche den Cäsar wegen der ärgerlichen Vorgänge im Zirkus um Entschuldigung bitten sollte, war gleichfalls angewiesen worden, auf den Schluß der Beschwörung zu warten.

Alexander hätte sich am liebsten abseits von den anderen gehalten; hier aber schien ihm niemand einen Vorwurf aus seiner leichtfertigen Handlungsweise zu machen.

Im Gegenteil!

Die Höflinge drängten sich mit lebhafter Beflissenheit an ihn, den Bruder der künftigen Gemahlin des Kaisers, der Oberpriester erkundigte sich nach seinem Bruder Philipp, und der Kaufherr Seleukus, der mit der Deputation der Bürgerschaft erschienen war, sagte ihm Schmeichelhaftes über die Schönheit seiner Schwester.

Einige römische Senatoren, deren Annäherung er zuerst herb genug zurückgewiesen hatte, nahmen ihn zuletzt völlig in Beschlag und erzählten ihm von den Kunstwerken und Bildern in den neuen Thermen des Caracalla, rieten ihm, sich um die Ausschmückung einiger noch unfertigen Säle mit Wandgemälden zu bewerben und stellten ihm ihre Fürsprache in Aussicht.

Sie geberdeten sich trotz ihrer grauen Haare, als habe der Jüngling über sie zu gebieten; Alexander aber durchschaute die Absicht.

Plötzlich verstummten indes die gesprächigen Herren; denn in dem Gemache des Kaisers ward es laut, und nun lauschten sie mit vorgestreckten Köpfen und angehaltenem Atem, um ein Wort zu erhaschen.

Alexander bedauerte, weder Kohle noch eine Tafel zur Hand zu haben, um ihre gespannten Gesichter an das Holz zu fesseln; endlich aber stand auch er auf; denn die Thür öffnete sich, und der Kaiser trat mit dem Magier aus dem Tablinum, wo dieser dem Cäsar den Geist einiger Verstorbenen gezeigt hatte. Inmitten der Vorstellung war auch der hingerichtete Papinian auf Wunsch des Caracalla dem Rufe des Serapion gefolgt. Unsichtbare Hände hatten ihm den abgeschlagenen Kopf, der dann den Herrscher, ihm Glück verheißend, begrüßte, auf den Rumpf gesetzt.

Zuletzt war der große Alexander erschienen und hatte dem Kaiser in Versen mit verblümten Wendungen bestätigt, daß die Seele der Roxane sich den Körper Melissas zur Herberge gewählt. – Caracalla werde das reichste Glück durch sie finden, solange sie sich nicht durch die Liebe zu einem andern Manne von ihm abwenden lasse. Wenn das geschehe, werde die Roxane zu Grunde gehen, und mit ihr ihr ganzes Geschlecht; sein, des Cäsar, Ruhm und Größe werde aber den Gipfel erreichen. Getrost möge der Herrscher sein, des Alexander Leben zu Ende führen. Der Genius seines göttlichen Vaters Severus wache über ihn und habe ihm in der Person des Macrinus einen Mann als Berater zugeführt, in dessen sterblichem Leibe die Seele des Scipio Africanus zu neuem Leben erwacht sei.

Damit war die Erscheinung, welche sich, gleich den früheren, wie ein farbiges Bild auf der verdunkelten Wand des Tablinum auf und nieder bewegt hatte, verschwunden. Der Klang der Stimme des großen Makedoniers war dumpf und geisterhaft gewesen, doch was sie dem Kaiser mitteilte, hatte ihn gefesselt und seine Stimmung gehoben.

Sein Wunsch, noch andere Geister zu sehen, war indes unerfüllt geblieben.

Der Magier, der, während die Erscheinungen sich zeigten, mit erhobenen Händen auf den Knieen gelegen, hatte erklärt, der Zwang, den seine magische Kraft eben auf die Geister geübt, habe ihn erschöpft; sein schönes bärtiges Antlitz war auch totenbleich gewesen, und ein starkes Zittern hatte ihm die hohe Gestalt erschüttert.

Seine Gehilfen waren stillschweigend verschwunden. Sie hatten sich mit großen Bücherrollen hinter einem Vorhang verborgen gehalten und Serapion erklärt, sie seien seine Schüler, und es falle ihnen die Aufgabe zu, seine Beschwörungen durch wirksame Formeln zu unterstützen.

Caracalla hatte ihn gnädig entlassen, und als er nun zu den Wartenden trat, erzählte er ihnen zufrieden und gesprächig, was er Wunderbares gesehen und gehört.

»Ein seltener Mann, dieser Serapion,« rief er dem Oberpriester Theophilus zu, »ein Meister in seiner Kunst. Was er, bevor es an die Beschwörung ging, als Einleitung sagte, ist überzeugend und erklärt mir so manches.

»Die Magie verhält sich seiner Meinung nach zur Religion wie die Gewalt zur Liebe, wie der Befehl zum Gebet. Die Gewalt! Auch im Leben übt sie magische Wirkung. Wir haben ihren Einfluß auf die Geister mit angesehen, und wer widersteht ihr unter den Menschen? Ihr schulde ich das Beste und werde ihr, denk' ich, noch mehr zu verdanken haben. Selbst die widerstrebende Liebe muß sich ihr fügen.«

Hier lachte er mit einem selbstzufriedenen Kichern vor sich hin und fuhr dann fort: »Wie der fromme Verehrer der Götter die Himmlischen durch Gebet und Opfer rührt, erklärte uns der wunderbare Mann, so zwinge sie der Magier durch sein Wissen, ihm Gehorsam zu leisten. Gegenüber dem Körperlosen – und körperlos seien auch die Himmlischen – bedeute der Name so viel wie das Wesen, dessen Spiegelbild er gleichsam sei. Wer darum den rechten Namen der Götter und Geister kenne und ihn gebrauche, um sie zu rufen, dem müßten sie Folge leisten wie der Sklave dem Herrn.

»Diesen Namen, der den Unsterblichen bei der Geburt auf die Seele gebunden sei, zu ergründen, sei den Weisen, die vor grauer Zeit den Pharaonen dienten, gelungen, und ihre Kenntnis habe sich fortgeerbt als kostbares Geheimnis von Geschlecht zu Geschlecht bis auf ihn.

»Doch es genüge nicht, den Namen vor sich hermurmeln und schreiben zu können. Jeder Laut in demselben habe seine Bedeutung wie jedes Glied am menschlichen Körper. Wie er auszusprechen und zu betonen sei, auch darauf komme es an, und die echten, das Wesen der Unsterblichen in sich zusammenfassenden und gleichsam versinnlichenden Namen seien andere als die, womit die Menschen sie riefen.

»Ob ich wohl ahne – und dabei wandte Serapion sich an mich – welchen Gott er mit den Worten: › Abar Barbarie Eloce Sabaoth Pachnuphis‹, und so ging es weiter – ich habe nur die ersten Silben behalten – zwinge, ihm Gehorsam zu leisten?

»Aber,« fuhr er fort, »mit der Aussprache dieser Silben sei es auch noch nicht gethan. Die himmlischen Geister fügten sich nur solchen Sterblichen, die ihre vorzüglichsten Eigenschaften während des zwingenden Rufes ihres Namens teilten. Bevor es der Magier wagen dürfe, sie zu rufen, habe er die Seele von der Last des Sinnlichen zu befreien und den Leib durch langes, strenges Fasten zu heiligen. Erst wenn es dem Beschwörer gelungen sei, wie ihm in diesen letzten Tagen, innerlich abzusterben allen Reizen der Sinne, und die Seele, soweit dies der menschlichen Natur gestattet sei, körperlos zu machen, habe er jene Gottähnlichkeit erworben, die ihn befähige, mit den Himmlischen und der gesamten Geisterwelt wie mit seinesgleichen zu verkehren und sie durch den Ruf ihres Namens seinem Willen zu unterjochen.

»Er übte seine Macht, und wir sahen mit den leiblichen Augen, wie die Geister seinem Rufe gehorchten. Wir erfuhren aber auch, daß es die Worte allein nicht thun. Ein wie edles Ansehen besitzt dieser Mann! – Und die Kasteiungen, denen er sich unterwarf, auch das sind Thaten! Die Zungendrescher vom Museum können ein Beispiel an ihm nehmen. Was Serapion uns zu sehen gab, war ein Werk, und ein schweres. – Womit sie die Tage verderben, sind nichts als Worte, erbärmliche Worte. Sie beweisen damit schlagend, der Löwe dort sei ein Kaninchen. Der Magier winkte, und der König der Tiere zog sich winselnd vor ihm zusammen. Wie die Herren vom Museum, so ist in dieser Stadt jedermann ein Maul auf zwei Beinen. Selbst die Christen – ich kenne ihren Glauben – erfanden hier, – wo wäre das anderwärts möglich gewesen? – für ihren hohen Lehrer die Bezeichnung: das Fleisch gewordene Wort. Was ich hier auch zu hören bekam,« und damit wandte er sich an die Deputation der Stadt, »waren Worte und wiederum Worte. Von euch demütige, die mich der Liebe und Ehrfurcht versicherten; von denen, die da meinen, ihre kleine Person werde mir zwischen den Fingern durchschlüpfen und mir entwischen, nichtswürdige, witzelnde, in Gift und Galle getauchte. Im Zirkus sogar schossen sie mit Worten nach mir. Nur der Magier wagte es, mir eine That zu zeigen, und wie herrlich glückte sie dem seltenen Manne!«

»Was er Dich sehen ließ,« sagte der Oberpriester, »haben schon – alte Schriften lehren es – die Zauberer unter den Pyramidenerbauern vermocht. Unsere Horoskopen, die für Dich die Bahnen der Sterne verfolgten . . .«

»Auch sie,« unterbrach ihn der Cäsar, indem er sich leicht vor den Astrologen verneigte, »haben mit etwas Besserem als mit Worten zu thun. Wie dem Magier eine heitere, so verdanke ich euch eine glückliche Stunde, ihr Herren.«

Dies Bekenntnis bezog sich auf die Mitteilung, welche dem Cäsar während einer Pause in der Geisterbeschwörung gemacht worden war, daß die Sterne seinem Bunde mit Melissa reiches Glück voraussagten, und wie wohl begründet diese Voraussagung sei, lehrte ihn die Konstellation, welche ihm der oberste Horoskop dabei überreicht und kurz erläutert hatte.

Während Caracalla den Dank der Sternseher in Empfang nahm, fiel sein Blick auf den Alexander, und freundlich erkundigte er sich sogleich, wie Melissa in das Haus des Vaters gelangt sei. Dann frug er ihn munter, ob der alexandrinische Witz ihm vielleicht ein neues Gastgeschenk zugedacht habe.

Da hielt der Jüngling, der schon im Zirkus beschlossen hatte, das Leben einzusetzen, um sich von dem Verdacht zu reinigen, der ihn befleckte, die Stunde für gekommen, den Fehler gut zu machen, der ihn der Achtung seiner Mitbürger beraubte.

Die Anwesenheit so vieler Zeugen stärkte ihm den Mut, und in der Erwartung, sich wie der Konsular Vindex um den Kopf zu reden, richtete er sich höher auf und entgegnete ernst: »Wohl teilte ich Dir, hoher Cäsar, leichtfertig und ohne die Folgen zu bedenken, einige von jenen Witzworten mit . . .«

»Ich befahl und Du gehorchtest,« fuhr der Cäsar auf und fügte verdrossen hinzu: »Aber was soll das?«

»Es soll,« begann Alexander, der nun das Richterschwert die Scheide verlassen sah, mit einer pathetischen Würde, die den Kaiser in seinem Mund überraschte, »es soll Dir und meinen hier anwesenden alexandrinischen Mitbürgern melden, daß ich meine Unvorsichtigkeit bereue, ja sie verwünsche, seit ich vorhin aus Deinem eigenen Munde vernahm, wie tief Dich ihr rascher Witz gegen die Söhne meiner teuren Vaterstadt aufbringt.«

»So, so! Daher diese Thränen?« fiel ihm der Cäsar mit einer bekannten lateinischen Redewendung ins Wort. Dabei nickte er dem Maler zu und fuhr im Tone heiterer Ueberlegenheit fort: »Produzire Dich meinetwegen auch weiter als Redner; nur mäßige das Pathos, das nicht für Dich paßt und mach es kurz; denn bevor die Sonne aufgeht, wollen wir – ich und die Herren dort – im Bette sein.«

Da wechselte Röte mit Blässe auf dem Antlitz des Jünglings. Ein Todesurteil wäre ihm lieber gewesen als dieser höhnische Eingriff in ein Wagnis, das er eben noch für groß und heldenhaft gehalten. Unter den Römern sah er lachende Gesichter, und gekränkt, gedemütigt, verwirrt, der Rede kaum mächtig, stammelte er, immer noch von dem Wunsche sich zu rechtfertigen getrieben, mühsam hervor: »Ich habe . . . Ich wollte bezeugen . . . Nein, ich bin kein Spion! Eher sollte mir die Zunge verdorren, als daß ich . . . Du kannst ja . . . Es steht ja in Deiner Macht, mir das Leben zu nehmen.«

»Ganz gewiß,« unterbrach ihn hier Caracalla, und seine Stimme klang mehr höhnisch als unwillig. Er sah dem Künstler an, wie tief er erregt war, und um ihn, den Bruder Melissas, zu verhindern, eine Unvorsichtigkeit zu begehen, die er strafen mußte, fuhr er im Tone herablassender Ueberlegenheit fort: »Aber ich ziehe es vor, Dich noch recht lange unter den Sterblichen den Pinsel führen zu sehen. Du bist entlassen.«

Da verneigte sich der Jüngling und wandte dem Kaiser den Rücken; denn er fühlte, daß ihm jetzt drohe, was jedem Alexandriner das Unerträglichste war: ein lächerliches Ansehen vor so vielen.

Caracalla ließ ihn gehen; doch als er schon auf der Schwelle stand, rief er ihm nach: »Auf morgen nach dem Bade mit Deiner Schwester! Sage ihr, Sterne und Geister seien unserem Bunde gewogen.«

Dann winkte der Cäsar dem Nachtstrategen, und nachdem er seiner Lässigkeit die unliebsamen Vorgänge im Zirkus unwillig zur Last gelegt hatte, schnitt er dem beunruhigten Beamten das Wort ab, als dieser vorschlug, alle gefangen zu setzen, welche von den Lictoren unter den Schreiern bemerkt worden seien.

»Noch nicht. In keinem Fall morgen,« befahl Caracalla. »Merkt euch genau einen jeden. Haltet die Augen bei der nächsten Vorstellung offen. Verzeichnet die Namen der Uebelgesinnten. Sorgt, daß allen Schuldigen die Schlinge am Hals schwebt. Die Zeit, sie zuzuziehen, kommt später. Wenn sie sich in Sicherheit wiegen, zeigt uns auch der Zaghaftere das wahre Gesicht. Erst wenn ich das Zeichen gebe – bestimmt noch nicht in den nächsten Tagen – greift ihr zu, und keiner entgeht uns.«

Diesen Befehl hatte der Cäsar lachenden Mundes erteilt. Erst wünschte er Melissa zu der Seinen zu machen und wie ein Schäfer in süßem Liebesglück mit ihr zu schwelgen. Während dieser Zeit wollte er sich keine Stunde durch Bitten und Thränen der Neuvermählten trüben lassen. – Wenn ihr später die blutige Bestrafung der Widersacher ihres Gemahles mitgeteilt wurde, mußte sie die vollendete Thatsache hinnehmen; und es fanden sich dann wohl Mittel, ihren Unwillen zu beschwichtigen.

Die Freunde, welche erwartet hatten, den Cäsar nach den verletzenden Vorgängen im Zirkus wüten und toben zu sehen, wurden von einer Ueberraschung in die andere geworfen; denn sogar nach dem Gespräche mit dem Nachtstrategen schaute er heiter und zufrieden drein und rief ihnen zu: »So habt ihr mich lange nicht gesehen. Mein eigener Spiegel wird sich nachher fragen, ob er den Herrn nicht gewechselt. Hoffentlich wird er sich übrigens daran gewöhnen müssen, mich als lebensfrohen Mann darzustellen, so oft ich ihn brauche. Die beiden edelsten Freuden des Daseins stehen mir in Aussicht, und ich wüßte nicht, was ich in diesem Augenblicke zu wünschen hätte, wenn Philostratus hier wäre, um die kommenden Tage mit mir zu teilen.«

Da trat der ernste Senator Cassius Dio vor und bemerkte, es habe auch sein Gutes, daß sich der liebenswürdige Freund aus der Unruhe des Hoflebens entfernte. Sein Leben des Apollonius, worauf alle Welt gespannt sei, komme nun früher zum Abschluß.

»Gerade um über den Mann von Tyana mit ihm zu reden,« rief nun der Kaiser, »wünschte ich mir heute seinen Biographen zurück. Wenig zu besitzen und nichts zu bedürfen, ist, was der Weise sich wünscht, und ich könnte mir Verhältnisse denken, unter denen es einem, der Macht und Reichtum bis zum Ekel genoß, köstlich erscheinen möchte, als bescheidener Landmann nach dem horazischen Rezept: › procul negotiis‹ das Feld zu bestellen und Früchte von den eigenen Bäumen zu ernten. Nach Apollonius soll der Weise auch arm sein, und in seinem Staate ist es den Bürgern zwar erlaubt, Schätze zu sammeln, doch gelten die Reichen für ehrlos. Es liegt Sinn in diesem Paradoxon; denn die Güter, die sich durch Geld erwerben lassen, sind gemein. Was die Seele läutert, was sie erhebt und wahrhaft beglückt, ich hab' es erfahren, – unabhängig ist es von Macht und Besitz. Wer es kennen lernte, wem es zu teil ward . . .«

Hier stockte er, wie erschreckt über sich selbst, lachte kopfschüttelnd auf und wünschte mit dem Rufe: »Da stünde denn der Tragödienheld im Purpur schon mit einem Fuß im Idyll!« den um ihn Versammelten gute Ruhe für den kurzen Rest dieser Nacht.

Dabei reichte er einigen Bevorzugten die Hand; als er aber auch die des Prokonsuls Julius Paulinus ergriff, der – ein unerhörtes Unterfangen – Trauerkleider angelegt hatte, die dem heute hingerichteten Vindex, seinem Schwager, galten, verfinsterte sich plötzlich das Angesicht des Cäsar, und raschen Schrittes wandte er seiner Umgebung den Rücken.

Kaum war er hinter der Thür verschwunden, als der trauernde Prokonsul in seiner trockenen Weise, als rede er mit sich selbst, ausrief: »Das Idyll soll beginnen. Möchte es das Satyrspiel werden, das die blutigste der Tragödien abschließt.«

»Der Cäsar war schon heute nicht er selbst,« sagte der Günstling Theokrit, und der Senator Cassius Dio flüsterte dem Paulinus zu: »Darum bot er auch einen erträglichen Anblick.«

Der alte Adventus schaute erstaunt zu, wie Arjuna, der indische Leibsklave des Kaisers, diesen entkleidete; denn wohl war Caracalla mit düsterer, unheilverkündender Stirn in das Schlafgemach getreten; während ihm aber die Schuhe abgeschnürt wurden, lachte er wieder vor sich hin und rief dem alten Diener mit einem leuchtenden Blicke zu: »Morgen!« und der Kämmerer sprach sogleich einen Segen über den kommenden Tag und diejenige, welche bestimmt sei, dem hohen Cäsar viele kommende Jahre mit Sonnenschein zu erfüllen.

Der Frühaufsteher Caracalla schlief diesmal länger als an anderen Tagen. – Er war spät zur Ruhe gekommen, und der Kämmerer unterließ es darum, ihn zu wecken, zumal ihn, trotz der heiteren Stimmung, womit er das Lager bestiegen, böse Träume gequält hatten.

Als der Cäsar sich endlich erhob, fragte er zuerst nach dem Wetter und gab seine Zufriedenheit zu erkennen, als er erfuhr, daß die Sonne mit stechenden Strahlen aufgegangen sei, jetzt aber wieder von finsterem Gewölk verschleiert werde.

Der erste Gang führte ihn in den Opferhof.

Die Darbringungen waren vortrefflich ausgefallen, und er freute sich an dem frischen und gesunden Aussehen der Stierherzen und Lebern, welche die Eingeweideschauer ihm zeigten. In dem Magen des einen Rindes hatte man eine Pfeilspitze von Feuerstein gefunden, und als man sie dem Caracalla zeigte, lachte er und rief dem Oberpriester Theophilus zu: »Aus dem Köcher des Eros. Der Gott mahnt mich, auch seiner an diesem glücklichen Tage mit einem Opfer zu gedenken.«

Nach dem Bade ließ er sich mit besonderer Sorgfalt kleiden und befahl dann, erst den Präfekten der Prätorianer vorzulassen, dann aber Melissa, für die schon eine Menge der herrlichsten Blumen bereit stand.

Aber Macrinus war nicht zu finden, obgleich der Cäsar ihm gestern befohlen hatte, ihm heute vor allem übrigen Bericht zu erstatten. Schon zweimal war er im Vorzimmer erschienen, doch vor kurzem wieder fortgegangen und noch nicht wieder zurück.

Entschlossen, das Glücksgefühl, das ihn erfüllte, sich nicht trüben zu lassen, zuckte der Cäsar nur die Achseln und gebot darauf, die Jungfrau und, wenn diese sie begleiten sollten, auch ihren Vater und Bruder vorzulassen; doch weder Melissa noch die anderen waren bisher erschienen, und doch erinnerte Caracalla sich genau, alle drei eingeladen zu haben, ihn nach dem Bade aufzusuchen, und es war damit heute um mehrere Stunden später geworden als sonst.

Unwillig, und doch immer noch bemüht, sich zu mäßigen, trat er ans Fenster.

Der Himmel war dicht umwölkt, und ein scharfer Seewind trieb ihm die ersten Regentropfen ins Antlitz.

Auf dem weiten Platze zu seinen Füßen bot sich ihm ein Schauspiel, das ihn in besserer Stimmung ergötzt haben würde.

Die jüngeren Männer der Stadt, soweit sie von griechischer Herkunft waren, zogen scharenweis heran. Sie hatten sich nach den Ringschulen, in denen sie sich übten, den Zirkusfarben und Vereinen, denen sie angehörten, in Abteilungen geordnet.

Die Jünglinge schritten gesondert von den Ehemännern heiter dahin, und man sah es ihnen an, daß sie gerne kamen und Freude von diesem Tage und was er ihnen bringen sollte, erwarteten.

Von den anderen schauten viele weniger fröhlich drein. Sie waren nicht mehr gewohnt, dem Rufe eines Gebieters Gehorsam zu leisten, und viele verdroß es, von den Arbeiten und Geschäften eines ganzen Tages abgehalten zu werden. Doch keinem war gestattet, sich auszuschließen; denn der Kaiser hatte den Häuptern der Bürgerschaft, als sie ihn einluden, die Ringschulen zu besuchen, entgegnet, daß er es vorziehe, die männliche Jugend der Stadt im Stadium zu besichtigen; denn dies grenzte hart an seine Wohnung im Serapeum, und in seinem großen Raume konnte sich ihm die Augenweide auf einmal bieten, zu deren Genuß es sonst weiter Fahrten zu den verschiedenen Gymnasien bedurft hätte. Er liebte kräftige Wirkungen durch große Massen, und auch auf der Rennbahn konnten die Ring- und Faustkämpfer, die Läufer und Diskuswerfer Proben ihrer Kraft, Gewandtheit und Ausdauer ablegen.

Dabei war ihm der Gedanke gekommen, daß unter diesen Jünglingen und Männern sich die Nachkommen der Streiter befänden, die unter der Führung des großen Alexander die Welt erobert hatten. Hier bot sich ihm also Gelegenheit, die Scharen, an deren Spitze der Mann, dessen Erdenwallen er auszuleben bestimmt war, unsterbliche Siege erfochten hatte, verjüngt und gleichsam wiedergeboren um sich zu versammeln.

Das mußte er sich gönnen.

Er wollte Melissa die auferstandene Kriegsmacht dessen zeigen, mit dem sie als Roxane in einem früheren Dasein verbunden gewesen.

Wie immer schnell bereit, einen Einfall in die That umzuwandeln, hatte er dem Stadthaupte sogleich geboten, die gesamte Jugend Alexandrias am Morgen des Tages, der nun angebrochen war, zusammenkommen zu lassen, um aus ihr eine makedonische Phalanx zu bilden. Im Stadium wünschte er sie zu besichtigen, und ihm zogen sie jetzt entgegen.

Er hatte befohlen, Helme, Schilder und Lanzen in der bekannten makedonischen Form zu beschaffen, die dort unter der neuen hellenischen Legion verteilt werden sollten. Ihr konnte später auch die Bewachung der Stadt anvertraut werden, wenn es zum Partherkrieg kommen und er des Zuzuges der Garnison Alexandrias bedürfen sollte.

Die Besichtigung dieser Griechenschar würde Melissa Freude bereiten. Auch dem Alexander erwartete er unter ihr zu begegnen. Teilte die Geliebte erst mit ihm den Purpur, dann konnte er ihren Bruder zum Befehlshaber dieser auserlesenen Phalanx ernennen.

Jetzt sah er Schar auf Schar dem Stadium zustreben, und etwas Schöneres als diese schlanken Jünglingsgestalten, welche mit Kränzen auf den schwarzen, braunen und blonden Locken elastischen Schrittes dahergezogen kamen, meinte er lange nicht gesehen zu haben.

Als die Reihen der vornehmen jungen Männer, die sich in der timagetischen Ringbahn zu Leibesübungen zusammenfanden, an ihm vorbeikamen, empfand er solches Wohlgefallen an der Schönheit der Köpfe, dem wundervollen Ebenmaß der in athletischen Spielen gestählten Glieder und der freien Anmut der meisten, daß es ihm war, als habe ihn ein Zauber in die Blütezeit Griechenlands und am Tage eines olympischen Spieles auf die Altis versetzt.

Wo Melissa nur blieb?

Dieses Schauspiel war auch ihres Beifalls gewiß, und diesmal konnte er ihr endlich auch etwas Angenehmes über ihre Landsleute sagen. So prächtigen Burschen ließ sich mancherlei nachsehen.

Fortgerissen von Wohlgefallen an ihrem Anblick, winkte er ihnen mit dem Tuche zu, und der Gymnasiarch, der ihnen mit zwei Gehilfen, herkulischen Athletengestalten, voranschritt, nahm dies wahr und rief ein lautes: »Heil dem Cäsar!« zu ihm in die Höhe.

Die Jünglinge, welche ihm folgten, thaten es ihm nach, und auch die folgende Schar erwiderte seinen Gruß laut und willig. Weithin ließen sich die jungen Stimmen vernehmen, und bald verbreitete sich unter den hinter der ersten Abteilung heranziehenden die Kunde, wem zu Ehren sie sich erhöben.

Besonders unter den Männern, die schon einem eigenen Hausstande geboten, gab es aber viele, denen es schmählich und unwürdig schien, dem Tyrannen, dessen drückende Hand sie schon selbst empfunden hatten, zuzujubeln, und eine Schar junger Herren von der Partei der Grünen, die schon eigene Rosse rennen ließen, hatte verabredetermaßen den verhängnisvollen Mut, den Gruß des Cäsar unerwidert zu lassen. Eine vielköpfige Menge aber ist wie eine Reihe von Saiten, die mitklingt, sobald der Ton erschallt, auf den sie gestimmt ist, und jeder empfand nun, daß der Uebermut des Brudermörders, des blutigen Wüterichs, des Bedrückers und Beleidigers der Bürgerschaft, durch seinen Zuruf nur bestärkt werden könne. So thaten es denn die folgenden Reihen den Grünen nach, und in der Mitte einer Schar von jungen Eheherren, die gemeinsame Leibesübungen im Gymnasium der Dioskuren verbanden, ließ ein bärtiger Wagehals mit frevlerischer Keckheit einen weithin schrillenden Pfiff auf den Fingern erschallen.

Er fand keinen Nachfolger; doch der beleidigende Klang traf das Ohr des Kaisers und erschien ihm wie ein Signalruf des Schicksals; denn bevor er noch verklungen war, zerriß das Gewölk, und ein Strom hellen Lichtes breitete sich schnell über den Platz und die ihn bevölkernden Menschen. Den trüben Tag, der dem Cäsar Glück brachte, hatte die Sonne Afrikas plötzlich in einen hellen verwandelt, und das heitere Licht, das andere zu Freude und Hoffnung aufruft, erschien ihm wie eine Botschaft von oben, daß dieser Tag, von dem er die höchste Glückseligkeit erwartet hatte, ihm Enttäuschung bringen werde und Unheil. Er sprach es nicht aus; denn da war keiner, dem er sich gern und gewiß seiner Teilnahme anvertraut hätte, um Erleichterung zu finden; doch wer von den Anwesenden, als er vom Fenster aus in ihre Mitte zurücktrat, sein Antlitz beobachtete, der wußte, daß wenigstens in der nächsten Stunde, wenn kein Wunder geschah, das Idyll gewiß nicht beginnen werde, dessen Anfang er für heute vorausgesagt hatte.

O nein! Es sollte gute Weile mit seinem erträumten Schäferglück haben. Statt des Satyrspieles, wovon der alte Julius Paulinus geredet, schien nach dem Pfiff des jungen Ehemannes ein neuer Akt in der schrecklichen Lebenstragödie Caracallas anfangen zu wollen.

Besorgt blickten »die Freunde« auf den Kaiser, als er mit tief gefurchter Stirne ungeduldig frug: »Macrinus noch nicht hier?«

Der Günstling Theokrit und andere, die neidisch auf Melissa und die Ihren und besorgt auf die Verbindung des Kaisers mit ihr geblickt hatten, wünschten das Mädchen zurück.

Aber der Präfekt Macrinus blieb immer noch aus, und während der Kaiser wieder auf den hell beleuchteten Platz schaute und – er hatte Boten ausgesandt, um Melissa zu holen – mit düster niedergeschlagenem Blick immer noch hoffte, diesmal werde die Vorbedeutung lügen, und der sonnige Tag endlich doch zu einem Glückstage für ihn werden, glaubte der Präfekt Macrinus, daß sich das Thor zu künftiger Größe und Herrlichkeit für ihn öffne.

Abergläubisch wie der Kaiser und jedermann in seiner Zeit, war er heute fester überzeugt denn je, daß es Menschen gebe, denen ein geheimnisvolles Wissen Kräfte verleihe, vor denen auch er, der besonnene Mann, der sich aus der Niedrigkeit zur höchsten Stellung im Staate nach der des Kaisers hinaufgearbeitet hatte, sich beugen müsse.

Der Magier Serapion hatte ihm schon an früheren Abenden Unfaßbares zu sehen und zu hören gegeben. Er glaubte an die Macht dieses merkwürdigen Mannes über die Geister und sein Vermögen, Wunder zu thun; denn er hatte in erschreckender Weise bewiesen, welche Gewalt er über seine, des Präfekten, willensstarke Persönlichkeit übe.

Schon gestern Abend hatte der Magier den Macrinus um die dritte Stunde nach dem Aufgang der Sonne des nächsten Tages zu sich entboten, und dieser ihm willig zu kommen verheißen. Doch heute früh war der Kaiser später aufgestanden als sonst, und in der verabredeten Zeit konnte der Präfekt jeden Augenblick erwarten, vor den Gebieter gerufen zu werden. Trotzdem, und obgleich sein Ausbleiben den Cäsar aufzubringen drohte, und alles ihn nötigte, das Wartezimmer nicht zu verlassen, war Macrinus von einem unwiderstehlichen Drange gezwungen worden, der Ladung, die einem Befehle geglichen hatte, zu folgen.

Dieser Umstand schien ihm entscheidend.

Wie der Wunderthäter seinen, des Lebenden, energischen Geist beherrschte, so hatten ihm auch die Seelen der Abgeschiedenen zu gehorchen. Alles, was in ihm war, drängte von nun an den Macrinus, mit der Voraussagung zu rechnen, die ihm Serapion heute zum drittenmale machte und die verhieß, daß er, der in Niedrigkeit Geborene, mit dem Purpur des Caracalla bekleidet, den Thron der Cäsaren besteigen werde.

Aber nicht nur wegen dieser Prophezeiung, sondern auch um ihm mitzuteilen, daß die Kaiserbraut mit einem jungen Alexandriner versprochen sei und auch während der Werbung des Caracalla nicht aufgehört habe, mit dem Geliebten zärtlich zu verkehren, hatte der Geisterbeschwörer den Macrinus zu sich berufen.

Schon gestern nachmittag war dem Serapion das alles durch seinen gewandten Gehilfen Kastor zu Ohren gekommen, und der Wunderthäter hatte es in der Nacht benutzt, um den Cäsar auf die Treulosigkeit der Erwählten vorzubereiten.

Dem Präfekten versicherte der Magier, was gestern der Geist des großen Makedoniers angedeutet habe, sei jetzt durch die Dämonen, die ihm dienten, bestätigt worden. Es werde dem Macrinus jetzt leicht sein, die Favoritin, die mächtig zu werden drohe, zu verhindern, sich weiter zwischen ihn und das große Ziel zu stellen, das die Geister ihm wiesen.

Dann hatte der Magier seine Voraussagung wiederholt, und die Worte des Wunderthäters, die dem Emporkömmling den Thron verhießen, waren jenem so fest überzeugt von den bärtigen Lippen geflossen, daß den vorsichtigen Staatsmann auch der letzte Zweifel verlassen, und er mit dem Rufe: »Ich glaube Dir, und auf jede Gefahr hin geht es jetzt vorwärts,« dem Zukunftskünder die Hand zum Abschiede gereicht hatte.

Bis dahin war Macrinus, der Sohn eines armen Schuhflickers, der die Seinen mühsam durchbrachte, dem Glückspropheten mit kühler Vorsicht begegnet und hatte keinen Schritt gewagt, dem hohen Ziele näher zu kommen, das sein Ehrgeiz ihm zeigte. Mit aller Treue war er als gehorsamer Diener seines Herrn und des Staates bemüht gewesen, die Pflichten seines Amtes zu erfüllen. Jetzt hatte das alles sich geändert, und fest entschlossen, den Kampf um den Purpur zu wagen, kehrte er in die Gemächer des Kaisers zurück.

Macrinus durfte keinen freundlichen Empfang erwarten, als er endlich das Tablinum betrat, doch sein großer Entschluß stärkte ihm den Mut.

Er, der Vielerfahrene, wußte, daß das Glück von seinen Günstlingen verlangt, die Augen offen zu halten und die Hände zu regen. So ließ er sich denn zuerst von seinem Vertrauten, dem Senator Antigonus, einem Krieger von geringer Herkunft, der durch ein schnelles Reiterstück den Cäsar für sich gewonnen, genau berichten, was heute vorgefallen sei.

Mit dem frechen Pfiff des Hellenen schloß der Gefragte seine Erzählung, in der das Erstaunen über das Ausbleiben der Kaiserbraut und der Ihren den breitesten Raum einnahm.

Das gab auch dem Präfekten zu denken; bevor er aber das Tablinum betrat, ward er von dem Freigelassenen Epagathos angerufen, der ihm eine Briefrolle wies, die vorhin für den Kaiser abgegeben worden war. Der Bote hatte sich schleunig entfernt und war nicht mehr zu erreichen gewesen.

Wenn sie nur nicht durch giftigen Duft den Leser gefährdete!

»Was wäre hier wohl unmöglich?« hatte die Antwort des Präfekten gelautet. »An uns ist es, für die Sicherheit des Göttlichen zu wachen.«

Der Brief war derselbe, den Melissa dem Sklaven Argutis für den Kaiser übergeben, und mit rücksichtsloser Kühnheit hatte Macrinus ihn geöffnet und mit dem Epagathos überflogen. Beide hatten die Verabredung getroffen, dies seltsame Schreiben erst wenn jener fragen lassen werde, ob die Jünglinge nun vollzählig im Stadium versammelt seien, dem Kaiser einhändigen zu lassen. Eine Vorbereitung war ihnen nötig erschienen, um den Cäsar vor einem neuen Anfalle seines Leidens zu bewahren.

Jetzt stand Caracalla am Pfeiler des Fensters, um zu beobachten, ohne gesehen zu werden. Der Pfiff von vorhin gellte ihm noch vor dem Ohre. Doch etwas anderes beschäftigte ihn so lebhaft, daß er noch nicht daran dachte, den ihm angethanen Schimpf jetzt schon blutig zu rächen.

Was hielt Melissa zurück, was ihren Vater und Bruder?

Der Maler mußte sich mit den makedonischen Jünglingen in das Stadium begeben, und darum spähte Caracalla jetzt nach ihm aus und streckte den Kopf vor, sobald ein Lockenhaupt sich sehen ließ, das die anderen überragte.

Ein bitterer Geschmack hatte sich ihm im Munde gesammelt, und mit jeder neuen Enttäuschung schlug das empörte, gequälte Herz ihm schneller. Dennoch blieb die Befürchtung, Melissa könne es wagen, die Flucht zu ergreifen, ihm immer noch fern.

Der Oberpriester des Serapis hatte ihm mitgeteilt, sie sei auch bei seiner Gattin noch nicht erschienen. Jetzt kam er auf die Vermutung, der Regen habe sie gestern durchnäßt, ein Fieber schüttle sie und halte auch den Vater zu Hause, und darin lag für den Selbstsüchtigen so viel mehr Beruhigendes als Schmerzliches, daß er, erleichtert aufatmend, von neuem hinunterschaute.

Wie übermütig diese Burschen das Haupt hoch trugen, wie elastisch ihr gelenker Fuß kaum den Boden berührte, wie sie mit der Kraft und Gewandtheit prunkten, die jedem von der Wiege an eigen. Dabei kam ihm in den Sinn, daß er, der durch wüste Ausschweifungen in jungen Jahren Gealterte mit dem schlecht geheilten gebrochenen Bein und dem ausgehenden Haar sich unter diesen Altersgenossen recht kläglich ausnehmen würde, und vielleicht, sagte er sich, sei der Pfiff einem der Schönsten und Stärksten von den Lippen geklungen, der ihn des Zurufs nicht wert gehalten habe.

Doch er war nicht schwächer als die meisten einzelnen von denen da unten, und wollte er nur, konnte er sie alle zusammen zertreten, wie das Johanniswürmchen, das dort auf dem Fensterbrette kroch. Mit einem raschen Drucke des Mittelfingers machte er dem Leben des hübschen Käfers ein Ende, und im nämlichen Augenblicke ward es hinter ihm laut.

Kam die Geliebte?

Nein, es war nur der Präfekt.

Schon längst hätte er dem Cäsar sich zeigen müssen, wäre er seinem Befehle gehorsam gewesen. So kam Macrinus jetzt seinem Ingrimme gelegen. Ein wie gemeines Gesicht dieser langbeinige Emporkömmling mit den kleinen Augen, der spitzen Nase und der faltigen Stirn doch hatte! War der schöne Diadumenianus wirklich sein Sohn? Gleichviel! Der Knabe, des Vaters Augapfel, stand in seiner Gewalt und bürgte ihm für die Treue des Alten. Im Grunde war Macrinus doch ein geschickter, brauchbarer Beamter und dazu fügsamer als die Römer von altem, vornehmem Geschlechte.

Trotz dieser Erwägungen herrschte Caracalla den Präfekten an wie einen säumigen Sklaven, und dieser nahm seine Schmähreden demütig hin. Auf den Vorwurf des Kaisers, daß er nie da sei, wenn er ihn brauche, erwiderte Macrinus unterwürfig, gerade weil er sich dem Cäsar habe brauchbar erweisen können, sei er auf jede Gefahr hin gegangen. – Die aufsässige junge Brut da unten werde jetzt gut überwacht, und wenn es bei dem einen Pfiff verblieben sei, so hätten das seine Maßregeln bewirkt.

Später werde es hier gelten, die Frevler und Hochverräter mit unerbittlicher Strenge zu züchtigen.

Erstaunt blickte der Kaiser dem Ratgeber ins Antlitz, der ihn bis dahin stets zur Mäßigung ermahnt und ihn noch gestern gebeten hatte, der alexandrinischen Weise manches zu gute zu halten, was in Rom streng geahndet werden müsse. – Wurde die Frechheit dieser zügellosen Städter jetzt auch dem besonnenen und milden Mann unerträglich?

Ja, so mußte es sich verhalten, und der Groll, den Macrinus gegen die Alexandriner zur Schau trug, beschleunigte die Vergebung, die der Cäsar ihm stillschweigend schenkte.

Caracalla sagte sich auch, daß er den Geist des Präfekten bisher unterschätzt habe; denn aus den Augen desselben blitzte und glühte hellte ein Feuer, das ihre Kleinheit vergessen ließ und seinem unfein gebildeten Antlitz eine Bedeutung verlieh, die Caracalla bisher übersehen zu haben wähnte.

Dieser Mann – ob dem Cäsar eine Ahnung es sagte? – war ihm in der letzten Stunde ähnlich geworden; denn in seinem zähen Geiste hatte der Entschluß sich gefestigt, vor nichts zurückzubeben, – auch nicht vor dem Tode so vieler, wie sein hohes Ziel, der Thron, es erheischte.

Macrinus war Menschenkenner genug, um die tiefe Unruhe zu bemerken, die sich des Kaisers wegen des Ausbleibens der Geliebten bemächtigt hatte, doch hütete er sich wohl, die Rede auf sie zu bringen; sobald aber Caracalla die Besorgnis, die ihn quälte, nicht länger in sich verschließen konnte und selbst nach ihr fragte, gab der Präfekt dem Epagathos das verabredete Zeichen, und gleich darauf überreichte dieser dem Gebieter den neu verschlossenen Brief Melissas.

»Laß ihn mich öffnen, hoher Cäsar,« bat Macrinus. »Schon Homer nennt Aegypten die Heimat der Gifte.«

Aber der Kaiser hörte ihn nicht.

Niemand hatte es ihm gesagt, es war ihm zeitlebens noch kein Brief von Frauenhand zugekommen, außer von der seiner Mutter, und doch wußte er, daß ein Weib, daß Melissa ihm dies zierliche Röllchen sende.

Es war mit einer seidenen Schnur und dem Siegel verschlossen, womit Epagathos eben das schon geöffnete ersetzt. Riß Caracalla es auf, so mußte der Papyrus und die Schrift Schaden leiden. Ungeduldig verlangte der Cäsar darum nach einem Messer, und im nämlichen Augenblick reichte ihm der Leibarzt, der vor kurzem zu den anderen Höflingen getreten war, das seine.

»Zurück?« frug der Kaiser, während der Heilkünstler die Klinge aus der Scheide zog.

»Auf etwas unsicheren Beinen bei Tagesanbruch,« entgegnete der muntere Arzt; Caracalla aber nahm ihm das Messer aus der Hand, schnitt die Schnur durch, öffnete hastig das Siegel und begann zu lesen.

Bis dahin hatte seine Hand sicher gethan, was ihr oblag; jetzt begann sie zu zittern, und während er das Absageschreiben Melissas – es enthielt nur wenige Zeilen – überflog, begannen ihm die Kniee zu wanken, und ein leiser, kreischender Aufschrei, der keinem Laute glich, den die Natur in die Menschenbrust legte, entrang sich der seinen.

In zwei Stücke zerrissen flatterte der Papyrusstreifen auf den Estrich.

Der Präfekt stützte den von einem leichten Schwindel ergriffenen Mann, der die Arme von sich streckte, als suche er nach einem Beistand.

Der Arzt holte die Medizin eilig hervor, die Galenus ihm beim Eintritt ähnlicher Zustände anzuwenden geraten, und die er stets bei sich trug, und indem er auf den Brief wies, frug er den Präfekten: »In aller Götter Namen, von wem?«

»Von der schönen Steinschneiderstochter,« versetzte Macrinus und zuckte verächtlich die Achseln.

»Von der?« rief unwillig der Arzt. »Von der leichtfertigen Phryne, die sich in einem Krankensaal unten mit dem Jungen meines reichen Gastfreundes geherzt und geküßt hat?«

Da fuhr der Kaiser, der keinen Augenblick die Besinnung verloren hatte, wie von einer Natter gestochen in die Höhe, sprang dem Arzt an den Hals, und, während er ihn zu erwürgen drohte, kreischte er ihn an: »Was war das? Was hast Du gesagt? Verruchter Schwätzer! Die Wahrheit, Elender, und die ganze, wenn das Leben Dir lieb ist!«

Und der schwer bedrohte, redselige Mann hatte keine Ursache, dem Kaiser vorzuenthalten, was er mit eigenen Augen im Serapeum gesehen, und was er später auch an der Tafel des Polybius vernommen.

Wo das Leben auf dem Spiele stand, konnte das einem Freigelassenen gegebene Versprechen nichts gelten, und so ließ er denn der schnellen Zunge freien Lauf und beantwortete die mit heiserer Stimme hervorgestoßenen Fragen, womit Caracalla ihn unterbrach, rückhaltslos und als beim Hofe heimischer Mann in einem Sinne, der dem nach neuen Verdammungsgründen begierigen Richter willkommen sein mußte.

Gestern, vor- und vorvorgestern, jeden Tag, an dem Melissa ihm vorgespiegelt hatte, das geheimnisvolle Band zu fühlen, das ihr Herz an das seine fessele, an dem sie ihm Liebe geheuchelt und ihn herausgefordert hatte, um sie zu werben, hatte sie – jetzt erfuhr er es – einem andern gewährt, was sie ihm mit so herber Züchtigkeit verweigert.

Ihr Gebet, was sie für ihn zu fühlen versichert, das jungfräuliche Feingefühl, womit sie ihn entzückt hatte, alles, alles war Lüge, Betrug, Spiegelfechterei gewesen, um einen Zweck zu erreichen. Und der Alte wie der Junge, in deren Dienst sie sich in seine Nähe gewagt, hatten um das ruchlose Spiel gewußt, das sie mit ihm getrieben, mit ihm und seinem Herzen. Die Lippen, die ihn mit trügerischen Worten in die schmählichste der Fallen gelockt, sie hatten noch vom heißen Kuß eines andern gebrannt.

Dabei war es ihm, als höre er die Alexandriner über den verlassenen Bräutigam kichern, als sehe er sie ihren widerwärtigen Spott über den Mann ausgießen, den ein schlaues Weib schon vor der Hochzeit betrogen.

Welchen Stoff hatte er jetzt den Witzmachern geboten!

Und doch! Das Furchtbarste hätte er willig ertragen, wäre ihm nur die Ueberzeugung geblieben, daß sie ihn einmal geliebt, daß ihr Herz ihm auch nur eine kurze Stunde angehört habe.

Aus den Papyrusfetzen dort am Boden bekannte sie, seine Wünsche nicht erfüllen zu können, weil sie einem andern, schon bevor er ihr begegnet sei, Treue gelobt. Wohl habe sie sich zu ihm hingezogen gefühlt wie zu keinem außer dem Verlobten, und hätte er sich begnügt, sie als treue Dienerin und Pflegerin in seiner Nähe zu dulden, dann wäre sie . . . Kurz, was da stand, sollte zu Gunsten eines andern jedes Band zerreißen, das sie an ihn gefesselt, und es empörte ihn doppelt durch das gleisnerische Bedauern, worein es gehüllt war.

Lüge, Lüge, auch in diesem Schreiben nichts als Lüge und ein heuchlerisches Gaukelspiel mit seinem Herzen!

Wie das blutete! Aber er besaß die Macht, auch dem ihren Wunden zu schlagen. Wilde Tiere sollten ihr den schönen Leib zerreißen, zerreißen, wie sie ihm in dieser Stunde die Seele zerfleischte.

Nur noch ein Wunsch bewegte ihm das Herz: Sie, die er geliebt wie noch keine, der er seine Seele erschlossen, vor der er seine Thaten beschönigt hatte wie nicht vor der leiblichen Mutter, vor sich im Staube zu sehen und ihr so schweres Leid anzuthun, wie noch kein sterblicher Mensch durch den andern erfuhr. Und wie sie, so sollten ihm alle, die sie liebte und ihre Mitwisser waren, die Marter dieser Stunde bezahlen. Jetzt war die Zeit der Abrechnung gekommen, und alle bösen Triebe in seiner Brust vermischten sich jauchzend mit dem Schmerzensschrei seines blutenden Herzens.

Der Präfekt folgte jeder Miene des Mannes, der, während er dem gesprächigen Arzte zuzuhören schien, den eigenen Gedanken freien Lauf ließ, und er kannte seinen Gebieter. Dies Zucken der Augenlider, diese scharf umrissenen roten Flecke auf der Wange, dies Blähen der Nüstern, diese Falten über der Nase deuteten auf Entsetzliches, das ihm im Sinne lag.

Gestern noch hätte er versucht, wenn er ihm so begegnet wäre, ihn mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, zu besänftigen, heute war er bereit, wenn der Cäsar die Welt angezündet hätte, Oel in das Feuer zu gießen; denn was die wohlbefestigte Macht dieses Kaisersohnes und Kaisers stürzen konnte, war zunächst nur er selbst. Das Unerhörte hatte das römische Volk schon von ihm ertragen, doch der Krug war voll, und des Cäsars Aussehen verhieß, daß er ihn heute zum Ueberfließen bringen werde. Der strudelnde Strom, der den Sohn eines vergötterten Vaters vom Throne riß, trug vielleicht ihn, das Kind der Niedrigkeit und Armut, in den Palast.

Bei alledem blieb Macrinus stumm. Es galt, den tief Verletzten mit keinem Wort auf andere Gedanken zu bringen. Das Furchtbare, das der Kaiser jetzt plante, durfte nicht abgeschwächt werden.

Doch es hätte dieser Zurückhaltung des Präfekten nicht bedurft. Das bewies der flackernde Blick, den Caracalla, als der Arzt seinen Bericht schloß, durch das Tablinum schweifen ließ.

Geist und Zunge waren dem Cäsar noch wie gelähmt, doch bald ereignete sich etwas, das ihn sich selbst zurück gab und seinen Blick auf ein festes Ziel lenkte.

In dem äußeren Empfangszimmer war es lebendig geworden, und man hörte es dort rufen und schreien.

Die Freunde des Cäsar, die ein Schwert trugen, griffen darnach, und der unbewaffnete Caracalla befahl dem Antigonus, ihm das seine zu reichen.

»Ein Aufruhr?« frug er den Macrinus mit blitzenden Augen, und als sei ihm eine bejahende Antwort willkommen; der Präfekt aber eilte mit blanker Klinge an die Thür. Bevor er sie indes noch erreicht hatte, flog sie auf, und der Legat Julius Asper stürzte wie verstört in das Tablinum und rief: »Verruchtes Mördernest! Ein Anschlag auf Dein Leben, erhabener Cäsar; doch wir halten ihn fest.«

»Meuchelmord!« fiel ihm Caracalla mit toller Freude ins Wort; »das letzte, das noch fehlte, da ist es! Her mit dem Mörder! Doch erst,« und dabei wandte er sich an den Nachtstrategen Aristides, »die Thore und die Häfen schließen! Kein Mensch und kein Schiff darf sie undurchsucht verlassen! Den Fahrzeugen, die seit Sonnenaufgang von Stapel gingen, wird nachgesetzt, und man führt sie zurück! Numidische Reiter suchen, gut geführt, sämtliche Landstraßen ab, nachdem man die Thorwächter verhörte. Jedes Haus steht Deinen Leuten offen, jeder Tempel und jede Freistatt. Der Steinschneider Heron, seine Tochter und seine Söhne werden ergriffen, und ebenso – Diodor heißt der Bube – er, seine Eltern und alles, was zu seiner Sippe gehört! Der Arzt weiß, wo sie zu finden. Lebendig, nicht tot, hörst Du? Lebendig will ich sie haben! Bis Mitternacht geb' ich mir Zeit! Dein Kopf, wenn die Dirne Dir entrinnt und ihr Bruder!«

Gesenkten Hauptes entfernte sich der unglückliche Beamte.

Auf der Schwelle begegnete ihm der Centurio Martialis von den Prätorianern.

Ihm folgte mit auf den Rücken gebundenen Händen der Verbrecher. Seine edlen Züge waren hoch gerötet, unter der überhohen Stirn glühten die Augen in wilder, fiebernder Glut, das Lockenhaar umstarrte ihm in wirrer Unordnung das Haupt. An dem fein geschnittenen Munde hatte sich die Oberlippe erhoben und erschien wie ein Sitz des Spottes und der bittersten Verachtung. Jeder seiner Züge verriet eine ähnliche Empfindung und keine Spur von Furcht oder Reue. Aber die Brust flog ihm auf und nieder, und der Arzt erkannte in ihm auf den ersten Blick einen von heißem Fieber ergriffenen Kranken.

Draußen schon riß man ihm den Umwurf ab, aus dessen Brustöffnung das große, scharf geschliffene Schlachtmesser hervorlugte, das seine Absicht verriet. Bis in das erste Wartezimmer war er gelangt, als ein Soldat von der germanischen Leibwache die Hand an ihn legte.

Jetzt hielt ihn Martialis am Gürtel, und der Kaiser blickte den Prätorianer scharf und unwillig an und frug, ob er es sei, der den Mörder festgenommen habe.

Der Centurio erteilte eine verneinende Antwort. Der Germane Ingiomarus habe das Messer bemerkt; er stehe hier nur kraft des Rechtes der Prätorianer, solche Gefangene vor den hohen Cäsar zu führen.

Da blickte Caracalla dem Krieger forschend ins Antlitz; denn er meinte in ihm den Mann wiederzuerkennen, der seinen Neid wachgerufen und dem es ihm schon einmal das Glück zu trüben gelüstet, als er Weib und Kind gegen das Verbot im Lager empfangen hatte, und jetzt drängten sich ihm Erinnerungen auf, die ihm das Blut in die Wangen trieben.

»Das konnt' ich mir denken!« versetzte er scharf und fuhr in wegwerfendem Tone fort: »Von Pflichtvergessenen ist nichts zu erwarten, was über den Dienst hinausgeht; Du aber hast das Lager benützt, um unter meinen Augen mit frechen Weibern zu kosen und die Vorschrift zu verletzen. Fort die Hand von dem Gefangenen! Du bist am längsten Prätorianer und in Alexandria gewesen. Sobald der Hafen geöffnet wird – morgen denk' ich – brichst Du mit dem Schiffe auf, das nach Edessa Verstärkungen bringt. Der Winter am Pontus kühlt das begehrliche Blut.«

Dieser Ueberfall kam dem beschränkten Centurio so unerwartet und schnell, daß er seine ganze Tragweite nicht sogleich übersah. Er wußte nur, daß er wieder von den lang entbehrten lieben Seinen verbannt sei, und als er sich endlich so weit gefaßt hatte, um sich mit der Versicherung zu entschuldigen, daß es sein eigenes Weib und seine Kinder gewesen seien, die ihn im Lager besucht, schnitt der Cäsar ihm das Wort ab mit dem Befehle, dem Legionstribunen sogleich seine Versetzung zu melden.

Da gehorchte der Centurio mit einer stummen Verbeugung; Caracalla aber trat auf den Gefangenen zu, zog den schwach Widerstrebenden aus dem beschatteten Hintergrunde des Zimmers ans Fenster und frug höhnisch: »Wie wohl die Mörder in Alexandria aussehen? – Oho, das ist kein Gesicht eines gedungenen Kehlabschneiders. So könnten diejenigen aussehen, deren scharfen Witz ich mit noch schärferem Stahle beantworten werde.«

»Um diese Antwort wenigstens brauchst Du nicht verlegen zu sein,« schallte es jetzt dem Gefangenen verächtlich von den Lippen.

Da fuhr der Kaiser zusammen und rief: »Dank es Deinen gebundenen Händen, daß Dir nicht die einzige Antwort sogleich erteilt wird, die Du mir zutraust!«

Dann wandte er sich an seine Umgebung und frug, ob keiner Auskunft über die Person und den Namen des Mörders zu erteilen wisse; doch niemand schien ihn zu kennen.

Auch der Serapispriester Theophilus, der sich als Oberhaupt des Museums so oft an dem scharfen Geiste dieses Jünglings gefreut und ihm eine große Zukunft vorausgesagt hatte, schwieg und ließ bekümmert den Blick auf ihm ruhen.

Doch der Gefangene selbst befriedigte die Neugier des Cäsar und sagte, nachdem er sich im Kreise der Höflinge umgeschaut und einen dankbaren Blick auf seinen Gönner im Priestergewande geworfen: »Es ist von Deinen römischen Tafelgenossen zu viel verlangt, einen Philosophen zu kennen; doch Du hättest die Frage sparen können, Cäsar. Damit Du mich kennen lernest, kam ich hieher. Ich heiße Philippus und bin der Sohn des Steinschneiders Heron.«

Da stürzte Caracalla sich auf ihn, schlug die Hand in die Brustöffnung seines Chiton und stieß in schrillen Kehllauten hervor: »Ihr Bruder?«

Dabei schüttelte er den Kranken, den die Füße kaum bis hieher trugen, und fuhr mit einem höhnischen Blick auf den Oberpriester fort: »Die Zierde des Museums, der Feindenker, der tiefsinnige Skeptiker Philippus!?«

Dann stockte er, die Augen blitzten ihm auf, als habe er plötzlich eine das Dunkel lichtende Eingebung empfangen, seine Hand löste sich von dem Rocke des Jünglings, und mit weit vorgestrecktem Kopfe flüsterte er ihm ins Ohr: »Du kommst von Melissa?«

»Nicht von ihr,« entgegnete ihm schnell und mit tiefer Glut im Antlitz der andere, »doch in der unseligen, beklagenswerten Jungfrau Namen und als Vertreter ihres ehrenwerten makedonischen Hauses, das Du mit Schmach und Schande zu beflecken gedenkst, im Namen der Bürgerschaft dieser Stadt, die Du mit Füßen trittst und brandschatzest, im Auftrag des ganzen Erdenrundes, das Du entwürdigst.«

Da fiel Caracalla ihm zitternd vor Wut in die Rede: »Wer Dich wohl zum Abgesandten wählte, elender Bube!« Der Philosoph aber entgegnete mit stolzer Ruhe: »Du solltest denjenigen weniger gering schätzen, der sehnsüchtig erwartet, was Du jämmerlich fürchtest.«

»Den Tod, meinst Du?« frug Caracalla, in dem die Wut dem Erstaunen Platz machte, in verändertem, spöttischem Tone, und Philipp entgegnete: »Den Tod, mit dem ich Freundschaft schloß und den ich zehnfach segnen wollte, wenn er mein Ungeschick gut machte und zum Heile der Welt die Hand an Dich legte.«

Aber den Kaiser, den das Unerhörte, das ihm begegnete, immer noch gleichsam im Bann hielt, lüstete es, gleichen Schritt mit dem Philosophen zu halten, dem ja an Scharfsinn wenige gleichkommen sollten, und indem er sich zwang, das Brausen seines siedenden Blutes zu überhören, rief er in überlegenem Tone: »Das also ist die Logik des berühmten Museums? Den Tod, der Dir selbst das Liebste, wünschst Du dem Feinde?«

»Ganz richtig,« versetzte Philipp, und wieder zog er die Oberlippe spöttisch in die Höhe. »Denn es gibt etwas, das auch dem Philosophen höher steht als die Logik. Dir ist es fremd, doch dem Namen nach kennst Du es wohl: Gerechtigkeit heißt es.«

Und dies Wort und der Ton, in dem es ihm verachtungsvoll entgegenklang, zersprengte das Schleusenthor, das die mühsam zurückgedrängte Wut des gereizten Mannes noch aufhielt, und seine Stimme erhob sich so laut, daß der Löwe sich aufrichtete und mit grollenden Zorneslauten an der Kette zerrte, die ihn fesselte, während sein Herr dem kühnen Beleidiger die hastig hervorgestoßenen Worte ins Antlitz schleuderte: »Bald wird man erkennen, Du Fechter mit spitzfindigen Worten, wie ich Deiner Mahnung zu achten und wie streng ich die Tugend zu üben verstehe, die ein Mörder mir abspricht. Oder wer darf mich noch ungerecht schelten, wenn ich die verruchte Brut, die in diesem Giftneste großwuchs, mit der strengsten Strafe züchtige, die sie verdient? Ja, starre mich nur an mit den großen glühenden Augen! – Alexandrinische sind es! Sie verheißen alles, um nichts zu gewähren. Sie überreden den Vertrauensvollen, an Unschuld und Reinheit, an Treue und Neigung zu glauben. Aber schärft er den Blick, so findet er nichts als tiefe Verderbnis, schmutzige List, schnöde Selbstsucht und den verruchtesten Treubruch.

»Und so wie dies Augenpaar ist alles in dieser Stadt. Wo gäb' es so viele Götter und Priester, wo brächte man so viele Opfer, wo fastete man und ergäbe sich so eifrig der Reinigung und Sühnung, und wo machte sich das Laster so frech und widerwärtig breit? Zu einer alten Vettel, die in der Jugend so ausschweifend war wie schön, ist dies Alexandria geworden. Nun sie zahnlos ward und ihr Runzeln das Antlitz entstellen, geberdet sie sich fromm, um sich, wie der Wolf im Felle des Lammes, für das verlorene Glück und die eingebüßte Bewunderung durch Bosheit zu rächen. Zutreffender als diesen Vergleich fand ich keinen; denn auch die widrige Lust an leerem Geschwätz und gehässiger Nachrede ist der Vettel eigen wie euch, die ihr einst schön waret und gefeiert, und nun tiefer und tiefer herabkommt und nichts mehr ertragen könnt, was groß ist und Triumphe erkämpft, ohne es neidisch mit Gift zu bespritzen.

»Gerecht, ja gerecht will ich sein, Du erhabener Tugendheld, der mit dem versteckten Schlachtmesser auf Meuchelmord ausgeht. Ich danke Dir für die Lehre!

»Du, Zierde des Museums, führst mir auch den Quell vor Augen, dem eure Verderbnis entspringt. Die berühmte Gelehrtenkrippe ist's, die Dich großzog! Dort, ja, dort wird der Unglaube aufgefüttert, der die Götter zu Strohpuppen und die Majestät des Herrschers zum Uhu macht, auf den sich das winzige Gevögel naseweis stürzt. Ihm entströmt die Gesinnung, die Mann und Weib lehrt, der Tugend zu spotten und die Treue zu brechen. Was da, wo einst edle Geister Großes im Schatten der Fürstengunst ersannen, jetzt noch gepflegt wird, ist das Wort, das leere, nichtige Wort. Das hab' ich schon gestern erkannt und gesagt und jetzt weiß ich es gewiß: Im Museum ward jeder Giftpfeil geschmiedet, den eure Bosheit gegen mich abschoß.«

Hier schöpfte er Atem und fuhr dann, höhnisch auflachend fort: »Die Gerechtigkeit, die Dir selbst über der Logik steht, sie gehe denn ihren Lauf, und nichts kann gerechter sein, als wenn heute noch der Brutstätte eurer Verderbnis ein Ende gemacht wird. Aber auch Deine ungelehrten Mitbürger sollen meine Gerechtigkeit zu sehen und zu fühlen bekommen! Dir selbst werden die Tiere im Zirkus die Gelegenheit rauben, mit anzusehen, welche Wirkung Dein mahnendes Wort auf mich übte. Aber noch lebst Du und sollst hören, welche Erfahrungen euch gegenüber die härteste Strenge zur höchsten Gerechtigkeit machen.

»Was hoffte ich hier zu finden, und was ist mir begegnet?

»Die Gastlichkeit der Alexandriner ward mir gepriesen, der Eifer, mit dem man hier immer noch die Wissenschaft pflegt, die hohe Kunst eurer Sternseher, die Frömmigkeit, die hier so viele Altäre errichtete und Götterlehren ersann, und endlich die Schönheit und der feine Geist eurer Frauen.

»Und diese Gastlichkeit! Was mir hier als Privatmann widerfuhr, war eine Flut der tückischsten Angriffe und des hämischsten Spottes. Bis an das Thor dieses Tempels, meiner Wohnung, drang sie.

»Auch als Kaiser kam ich hieher, und der Hochverrat folgte mir, wo ich mich zeigte, ja bis in mein eigenstes Quartier; denn da stehst Du, den ein Barbar verhindern mußte, mich meuchlings niederzustoßen.

»Die Wissenschaft? Du kennst ja schon mein Urteil über das Museum. Und die Sternseher dieser berühmten Warte? Das gerade Gegenteil von allem, was sich erfüllte, ward mir von ihnen verheißen . . . Die Religion? Das Volk, von dem Du unter dem Bücherstaub des Museums so wenig kennen lerntest wie von dem fernen Thule, es braucht sie. Die alten Götter, sie sind ihm notwendig. Sein Lebensbrot sind sie. Doch statt seiner gabt ihr ihm unreifes, saures Obst mit verführerisch glänzender Schale. Aus eurem eigenen Garten, eurer eigenen Zucht stammt es. Aber nein! Die Früchte des Baumes sind Geschenke der Natur, und an allem, was die erzeugt, ist etwas Gutes; was ihr aber den Völkern bietet, ist hohl und verpestet. Eure Redekunst gibt ihm ein verführerisches Ansehen . . . Auch sie stammt aus dem Museum. Dort ist man klug genug, auch neue Götter zu machen, und so geschieht es. Wie Pilze wachsen sie aus der Erde. Fällt es ihnen ein, so erheben sie den Mord zum höchsten der Himmlischen und Dich zum obersten seiner Priester.«

»Dies Amt gehört Dir,« unterbrach ihn der Philosoph.

»Das sollst Du erfahren,« lachte der Kaiser schrill auf, »und mit Dir die Aftergelehrten vom Museum. Du bedienst Dich des Messers. Doch – höre den Meister – auch der Zahn der wilden Tiere und ihre Klauen sind achtbare Waffen. Dein Vater und Bruder und das Weib, das mich lehrte, wie es mit der Tugend und Treue der Alexandrinerinnen bestellt ist, werden es Dir im Hades bestätigen. Es folgt Dir dahin bald jeder, der nur durch einen Blick seines Auges vergaß, daß ich der Cäsar und der Gast dieser Stadt bin. Schon nach der nächsten Vorstellung im Zirkus werden Dich die Bestraften in der Unterwelt lehren, wie ich Gerechtigkeit übe. Uebermorgen, denk' ich, triffst Du dort bereits mit manchem Genossen vom Museum zusammen. Es werden genug sein, um bei den Disputationen Beifall zu klatschen.«

Hier schloß er höhnisch auflachend die schnell hervorgestoßene Rede und sah sich, begierig auf den Applaus, dessen seine letzten Worte keineswegs unabsichtlich gedacht hatten, unter den »Freunden« um, und der erwartete Beifall ward ihm auch so willig zu teil, daß er die Entgegnung des Philosophen laut übertönte.

Nur Caracalla hatte sie verstanden, und als es wieder ruhiger um ihn ward, frug er sein dem Tod erlesenes Opfer: »Was wolltest Du mit dem Rufe: ›Dann möcht' ich dennoch, daß der Tod mich verschonte!‹«

»Um, wenn das zur Wahrheit würde,« versetzte der Philosoph schnell, und die Stimme zitterte ihm dabei vor unwilliger Erregung, »um dann Zeuge zu sein, mit wie grimmem Hohn die alles vergeltenden Götter Dich, ihren Verteidiger, vernichten.«

»Die Götter!« lachte der Kaiser. »Meine Achtung vor Deiner Logik sinkt immer tiefer. Du, der Skeptiker, erwartest von denen, deren Dasein Du leugnest, erwartest von der Gottheit die That eines sterblichen Menschen!«

Da rief Philipp, und die großen, vor Haß und tiefer Empörung glühenden Augen fanden dabei die des Kaisers: »Wohl hielt ich bis zu dieser Stunde nichts für gewiß, und darum auch nicht das Dasein der Gottheit; jetzt aber glaub' ich fest und sicher, daß die Natur, in der alles sich nach ewigen, unantastbaren Gesetzen vollzieht, die alles ausstößt und vernichtet, was sich anmaßt, in das harmonische Zusammenwirken ihrer Teile einen Mißklang zu bringen, eine Gottheit, wäre sie nicht schon da, aus sich selbst gebären würde, um Dich, den Friedens- und Lebenszerstörer, mit gewaltiger Faust zu zermalmen.«

Hier aber ward dem wilden Ausbruch der Empörung des edlen Verirrten ein plötzliches Ende bereitet; denn der Cäsar traf ihn mit einem wütenden Stoß seiner starken Faust so kräftig, daß der sieche Feind an die Wand neben dem Fenster zurücktaumelte. Dabei kreischte Caracalla, seiner selbst nicht mehr mächtig, heiser auf: »Zu den Tieren! Nein, nicht zu den Tieren! Erst auf die Folter! Er und die Schwester! Die Strafe, die ich Dir ersinne, Du Auswurf . . .«

Doch auch der Seelenaufruhr des andern, in dessen Brust Haß und Fieber mit gleicher Macht glühten, hatte in diesem Augenblick den Gipfel erreicht. Wie ein gehetztes Wild, das die Flucht unterbricht, um einen Ausweg zu suchen oder sich auf den Verfolger zu stürzen, schaute er mit wirrem Blick rings um sich her, und bevor der Kaiser noch seine Drohungen beendet, lehnte er sich, wie bereit, den Todesstreich zu empfangen, an den Fensterpfeiler und schnitt Caracalla das Wort ab mit dem Rufe: »Und wenn Dein stumpfer Witz die Todesart nicht findet, die Deiner grausamen Bosheit genugthut, so wird der Bluthund Zminis Dir helfen. Ihr seid einander würdige Brüder. Verflucht sollst Du sein . . .«

»Auf ihn!« schrie der Kaiser dem Macrinus und den Legaten zu; denn für den fortgesandten Centurio war kein Ersatzmann gekommen.

Während aber die vornehmen Herren zaudernd auf den Rasenden zuschritten, und Macrinus die germanischen Leibwächter anrief, die im Nebenzimmer aufgestellt waren, hatte Philipp sich umgewandt und war blitzschnell durchs Fenster verschwunden.

Die Legaten und der Cäsar kamen zu spät, um ihn aufzuhalten, und von dem Platze her hörte man es rufen: »Zerschmettert – Tot . . . Was hat der Unselige verbrochen? . . . Man schleuderte ihn herunter . . . Es kann nicht freiwillig geschehen sein . . . Unmöglich! . . . Die Arme sind ihm gebunden . . . Eine neue Todesart, die der Tarautas eigens für die Alexandriner erfand!«

Dann erscholl wieder ein Pfiff und der Ruf: »Nieder mit dem Tyrannen!«

Doch ihm folgte kein zweiter.

Der Platz war zu voll von Kriegern und Lictoren.

Caracalla vernahm dies alles.

Endlich wandte er sich in das Gemach zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte scheinbar gelassen, doch mit einem häßlich rauhen Klang in der Stimme: »Er hat den Tod zehnfach verdient; doch am Ende muß ich ihm noch für einen guten Rat danken. Ich hatte den Aegypter Zminis vergessen. Lebt er noch, Macrinus, so führe ihn aus dem Kerker hieher. Aber im Wagen und rasch. Wie er geht und steht soll er kommen. Ich kann ihn jetzt brauchen.«

Der Präfekt verneigte sich zustimmend, und der Eile, womit er sich entfernte, sah man an, wie gern er den Auftrag des Gebieters erfüllte.

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