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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Unter flammenden Blitzen, dem Gekrach und Geprassel mächtiger Donnerschläge und rauschenden Regengüssen entleerte sich der Zirkus.

Der Kaiser, ganz erfüllt von der freundlichen Verheißung, die ihm das Schicksal durch die wunderbare Erhaltung des Tarautas erteilt, rief Melissa mit liebevoller Sorge zu, sich schnell ins Trockene zu flüchten. Ein Wagen stehe für sie bereit, um sie in das Serapeum zurückzuführen.

Da bat sie bescheiden, er möge ihr lieber gestatten, unter dem Schutze des Bruders in das väterliche Haus zurückzukehren, und Caracalla versetzte munter, das sei das Rechte. Er habe ohnehin in dieser Nacht Dinge vor, die es ihm wünschenswert erscheinen ließen, sie nicht in seiner Nähe zu wissen. Ihren Bruder erwarte er später im Serapeum.

Die Caracalla mit der Kapuze, die der alte Adventus dem Kaiser eben umhängen wollte, legte er mit eigener Hand Melissa um die Schultern und bemerkte dazu, er selbst habe sich im Felde an Schlimmeres gewöhnt.

Als die Jungfrau ihm dann errötend dankte, trat er ihr näher und raunte ihr zu: »Morgen, wenn uns nach diesem Unwetter das Schicksal günstige Antworten auf die Fragen erteilte, die ich ihm nachher vorzulegen gedenke, wird die Glückseligkeit ihr Horn neu zu füllen haben für uns beide. Die karge Göttin schickt sich schon an, durch Dich zur Verschwenderin an mir zu werden.«

Rings um ihn her standen Sklaven mit verschlossenen Laternen; denn die Lichter im Theater waren erloschen, und der dunkle Zuschauerraum lag da wie ein finsterer Krater, in dem sich ein Gewühl von ununterscheidbaren Gestalten schattenhaft durcheinander bewegt.

Er erinnerte ihn an den Hades und die niederwärts dringenden Scharen der abgeschiedenen Seelen. Doch er wollte jetzt nichts als Erfreulichem mit der Seele und dem Auge begegnen, und einer schnellen Eingebung folgend nahm er einem Diener die Laterne aus der Hand, hob sie zum Haupt der Geliebten empor und schaute ihr lange und wie gebannt in das hell beleuchtete Antlitz. Dann ließ er den Arm sinken, atmete tief auf und sagte, als spreche er aus dem Traume: »Das ist das Leben! Jetzt erst soll es für mich beginnen.«

Dabei nahm er den durchnäßten Lorbeerkranz vom Haupte, schleuderte ihn in die Arena und rief Melissa zu: »Eile Dich, ins Trockene zu kommen, Liebling. Diesen ganzen Abend durfte ich Dich sehen; sogar als es dunkel ward; denn auch die Blitze sind Lichter! Das schlechte Wetter hat mir also doch Erfreuliches gebracht. Schlafe gut. Ich erwarte Dich früh, gleich nach dem Bade.«

Als auch Melissa ihm einen ruhigen Schlummer wünschte, entgegnete er scherzend: »Wenn nun das ganze Leben ein Traum und ich morgen beim Erwachen nicht der Sohn des Severus wäre, sondern Alexander, und Du nicht Melissa, sondern die Roxane, der Du so gleichsiehst? Ich könnte aber auch als der Gladiator Tarautas erwachen. Doch was wärest Du dann? Dein wackerer Vater, der dort immer noch dem Regen trotzt, sieht freilich nicht aus wie ein Traumbild, und dies Wetter taugt übel zum Philosophiren.«

Damit warf er ihr eine Kußhand zu, ließ sich eine trockene Caracalla um die Schultern legen, befahl dem Theokrit, nach dem Tarautas zu sehen und ihm den Beutel Gold, den er dem Günstling gab, zu überbringen, zog die Kapuze über den Kopf und schritt, nachdem er den Heron, der ihm genaht war, um ihn zu fragen, was er über die Kunst der alexandrinischen Maschinisten denke, kurz auf morgen verwiesen, den ungeduldigen Freunden voran.

Auch die Musik war bei dem Unwetter verstummt. Nur einige pflichttreue Tubabläser hatten ihre Plätze behauptet, und als die Laternen ihnen zeigten, daß der Kaiser den Zirkus verlasse, bliesen sie ihm eine Fanfare nach, die dem Beherrscher der Welt dünn und heiser das Geleite gab.

Draußen war es immer noch voll von den aus dem Theater tretenden Zuschauern.

Das gemeine Volk suchte unter den Bogen des Unterbaues Schutz oder eilte mutig durch den Regen nach Hause.

Der Steinschneider Heron wartete, obgleich ihm der Wolkenbruch die neue Toga mit dem Purpurstreifen mehr und mehr durchnäßte, neben dem Ausgangsthore auf die Tochter. Sie war ihm vorausgeeilt, während er sich an den Kaiser gedrängt und dabei in großer Seelenerregung alles andere übersehen hatte. Das Betragen seiner Mitbürger empörte ihn, und er hatte dunkel empfunden, daß es mißlich sei, den beleidigten Cäsar zu einer Anerkennung seiner Mitbürger zu bestimmen. Dennoch war er nicht stark genug gewesen, die Frage zu unterdrücken, die ihm während der ganzen Vorstellung auf den Lippen geschwebt hatte. Als einer der letzten begab er sich endlich ärgerlich über die Rücksichtslosigkeit der Kinder, die Zurückweisung, die er von seiten des kaiserlichen Schwiegersohnes erfahren, den Regen, die Aussicht auf einen Schnupfen und vieles andere zu Fuß nach Hause.

Dem Caracalla war diesmal das üble Wetter wirklich hold; denn es entzog ihn den unliebsamen Kundgebungen, welche von seiten der Grünen für seine Heimfahrt vorbereitet worden waren.

Alexander hatte die für Melissa bestimmte geschlossene Carruca schnell gefunden und half der Schwester hinein, nachdem er Frau Euryale in ihre Harmamaxa gehoben. Wie staunte er aber, im Innern des Wagens neben der Schwester einen Mann zu finden.

Es war Diodor, der, während Alexander mit dem Rosselenker geredet hatte, im Schutze des Dunkels von der andern Seite in das Fahrzeug gesprungen war. Einige Ausrufe des Erstaunens, der Rechtfertigung und Billigung, und die jungen Menschenkinder, denen allen dreien in besonderer Weise das Herz zum Zerspringen voll war, fuhren dem Hause des Heron entgegen. Ihr Wagen rollte schon über das Pflaster hin, während die Sklaven der meisten vornehmen Alexandriner noch vergeblich nach den Fuhrwerken und Sänften ihrer Gebieter suchten.

Den düsteren Scenen im Zirkus folgten nun für die Liebenden andere, denen es trotz des engen, dunklen Raumes, der sie vereinte, und dessen schwarzes, triefendes Lederdach der Regen prasselnd und rauschend traf, nicht an lichtem Sonnenschein fehlte.

Caracallas Wort, auch die Blitze seien Lichter, bewahrheitete sich bei dieser Fahrt mehr als einmal; denn die hellen Wetterstrahlen, die einander immer noch rasch genug folgten, gestatteten den schnell Versöhnten einander mancherlei mit den Augen anzuvertrauen, wofür die Lippen das rechte Wort nicht fanden.

Wenn beide Teile sich einer Schuld bewußt sind, geht es schneller mit der Versöhnung, als wenn nur einer der Vergebung bedarf, und die beiden Liebenden in der Carruca waren von vornherein so innig geneigt, das Beste von einander zu glauben, daß es der erklärenden Worte Alexanders nicht bedurft hätte, um sie den zerrissenen Bund so willig wie warm erneuern zu lassen. Dazu hatte jedes Grund, für den andern zu fürchten; denn Diodor besorgte, Frau Euryale werde nicht mächtig genug sein, die Geliebte den suchenden Kreaturen des Cäsar zu entziehen, und Melissa zitterte bei dem Gedanken, daß der Leibarzt dem Caracalla vorzeitig verraten werde, daß und mit wem sie vor der ersten Begegnung mit ihm einen Liebesbund geschlossen; denn geschah dies, so war für den Diodor die wütendste Verfolgung zu besorgen. Darum legte Melissa dem Geliebten dringend ans Herz, womöglich schon in dieser Nacht ein Schiff zu besteigen.

Alexander hatte bis jetzt sich nur selten in das Gespräch gemischt. Der Empfang, den er vor dem Zirkus gefunden, kam ihm nicht aus dem Sinne. Frau Euryales Begleitung hatte zwar die Schwester von dem schlimmsten Verdachte gereinigt, doch nicht ihn, und sein glücklicher Leichtsinn hielt nicht stand vor der Gewißheit, von den Mitbürgern für einen käuflichen Verräter gehalten zu werden.

Während der Vorstellung hatte er sich auf eine der hinteren Sitzreihen zurückgezogen, weil er, nachdem sich das Theater plötzlich mit hellem Lichte erfüllt, von allen Seiten her durch finstere Blicke und drohende Geberden verletzt worden war.

Zum erstenmal hatte er dann Mitleid mit den von den wilden Tieren zerrissenen Verbrechern und den verblutenden Gladiatoren empfunden, weil er selbst – er empfand es dunkel – ihr Schicksalsgenosse geworden. Und das Furchtbarste bei alledem war, daß er sich selbst nicht ganz von dem Vorwurfe, für seine leichtsinnige Dienstfertigkeit eine Gegengabe erhalten zu haben, freisprechen konnte.

Auch nicht die entfernteste Möglichkeit sah er, denjenigen, an deren Achtung ihm etwas lag, jemals begreiflich zu machen, wie er dazu gekommen sei, dem schändlichen Verführer im Purpur den Willen zu thun, nachdem der Vater, indem er sich dem Volk in der Toga praetexta gezeigt, auch den schlimmsten Verdacht schmählich besiegelt hatte.

Der Gedanke, daß es ihm in Zukunft versagt sei, jemals wieder seinen Handschlag von einem braven Manne erwidert zu sehen, zerfraß ihm die Seele.

Auch Diodors Wertschätzung war ihm teuer gewesen, und als der Jugendgenosse ihn anredete, hatte er anfänglich das Gefühl, als widerfahre ihm unverhofft eine Ehre. Dann aber überkam ihn der Argwohn, was der Freund ihm gewähre, habe er nur der Schwester zu danken.

Ein tiefer Seufzer, der sich seiner Brust entrang, veranlaßte Melissa, dem Bruder Trost zuzusprechen, und nun floß dem Unglücklichen das mehr als volle Herz über, und mit beredten Worten schilderte er dem Diodor und mit ihm auch der Schwester, was er unbedacht gefehlt, und wie entsetzliche Folgen sein Leichtsinn jetzt schon nach sich ziehe. Dabei trieb ihm der tiefe Seelenschmerz heiße Thränen ins Auge.

Er hatte sich selbst das Urteil gesprochen und erwartete von dem Freunde nichts mehr als einiges Mitleid. Doch Diodor suchte und fand trotz des Dunkels seine Hand und umfaßte sie innig, und wäre es dem Alexander möglich gewesen, das Antlitz des Gespielen zu erkennen, hätte er auch die feuchten Augen gewahrt, womit jener ihm ans Herz legte, sich zu beruhigen und auf bessere Tage zu hoffen.

Diodor kannte den Freund. Er war keiner Lüge fähig, und die That des Alexander, die, falsch beleuchtet, so leicht ein verdammenswertes Ansehen gewinnen konnte, war im Grunde nichts gewesen als einer jener unbedachten Streiche, bei denen er dem tollen Maler oft Beistand geleistet.

Aber Alexander schien sich dem Zuspruche des Jugendgenossen und der Schwester geflissentlich zu verschließen.

Ein neuer Blitzstrahl zeigte den Verlobten den Bruder und Freund mit tief gesenktem Haupt und mit der Stirn in den Händen, und dies traurige Bild dessen, den sie noch vor so kurzer Zeit als den Frohesten der Frohen gesehen, trübte ihr neu erwachtes Glück tiefer als selbst der Gedanke an die schwere Gefahr, die, wie jedes wußte, dem andern drohte.

Bei dem erleuchteten Heiligtum der Artemis, das sie an die Nähe ihres Zieles erinnerte, fuhr Alexander endlich auf und bat die Liebenden, an ihre eigenen Angelegenheiten zu denken. Sein Verstand war klar geblieben, und was er sagte, bewies, daß er die Zukunft der Schwester im Gedächtnis behalten.

Nach der Flucht Melissas ließ der Kaiser sicher nicht nur ihren Geliebten verfolgen, sondern auch seinen Vater. Diodor sollte sogleich über den See, um den Polybius und die Praxilla zu wecken und von dem Bevorstehenden zu unterrichten, während Alexander es auf sich nahm, ein Schiff für sie zu mieten. In einer Herberge am Hafen sollte der Sklave Argutis die Flüchtlinge erwarten und sie auf das Fahrzeug führen, das ihrer harrte.

Diodor, der noch immer nicht weit zu gehen vermochte, versprach, sich einer der Sänften zu bedienen, die sie beim Artemistempel gesehen.

Kurz bevor der Wagen hielt, nahmen die Verlobten Abschied. Sie machten aus, wo sie Nachrichten von einander finden sollten, und was sie sich sonst noch in kurzen Worten und mit einem innigen Abschiedskuß sagten, das gewann bei dieser Trennung, die sie beide in Gefangenschaft oder Tod zu führen drohte, den Wert feierlicher Gelübde.

Jetzt hemmten die schnellen Rosse den Lauf, und plötzlich beugte Alexander sich über den Freund, küßte ihm beide Wangen und raunte ihm zu: »Halte das Mädchen gut! Denke freundlich an mich, wenn wir uns nicht mehr wiedersehen sollten, und sage den anderen, der tolle Alexander habe wieder einmal einen thörichten Streich begangen, doch so übel er auch für ihn ausgeschlagen sei, gewiß keinen schlechten.«

Um des Rosselenkers willen, der nach der Flucht Melissas jedenfalls ins Verhör genommen wurde, war es dem Diodor versagt, auch nur noch ein Wort an den Freund zu richten. Die Carruca rollte den Weg zurück, den sie gekommen, die Gestalt des Diodor verschwand im Dunkeln, und Melissa schlug die Hände vor das Antlitz. Es war ihr, als sei dieser Abschied von dem Geliebten der letzte gewesen und als solle es für sie nie wieder hell werden auf Erden.

Es war kurz vor Mitternacht.

Die Sklaven hatten das Rasseln des Wagens gehört und empfingen die Heimkehrenden so herzlich wie immer, doch fügten sie, gehorsam dem Gebote des Heron, tiefe Verneigungen zu dem alten, treu gemeinten Willkommen.

Seitdem der Herr sich der alten Dido am Nachmittag mit prahlerischer Würde als einen vornehmen römischen Großen gezeigt hatte, schien ihr eine Zeit der Wunder angebrochen und alles möglich. Bunte, glänzende Bilder von der künftigen hohen Herrlichkeit, die des ganzen Hauses und auch ihrer und des Argutis wartete, stellten sich ihr fortwährend vor das Auge; aber mit dem Kaiserinwerden schien es doch nicht ganz glatt abgehen zu wollen; denn woher kamen dem Mädchen die naßgeweinten Augen und das bekümmerte Gesicht? Was sollte das lange Geflüster der Heimgekehrten mit dem Argutis? Doch das alles ging sie nichts an, und einmal erfuhr sie doch, um was es sich hier handelte. »Was die Herren heute im Geheimen spinnen, das erfahren die Sklaven eine Woche darauf,« pflegte der Trevirer zu sagen, und sie hatte das Zutreffende dieser Behauptung oft genug erprobt.

Die ablehnende Weise, mit der Melissa die Glückwünsche hinnahm, die sie überströmenden Herzens auf die künftige Kaiserin ergoß, und ihre verweinten Augen schienen der Alten indes jetzt schon verständlich. Das Kind dachte wohl noch an den schönen Diodor; aber in der Herrlichkeit des Cäsarenpalastes ließ sich vieles vergessen. Wie wundervoll schon der Putz und der Schmuck waren, womit das Mädchen sich im Zirkus dem Volke gezeigt!

»Wie sie ihr zugejubelt haben werden,« dachte die Alte, nachdem sie Melissa ein einfaches Gewand angethan und die Heimgekehrte sich hingesetzt hatte, um zu schreiben. »Hätte das die Frau noch erlebt. Und die anderen Weiber! Vor Neid werden sie bersten! Ewige Götter! Wer weiß aber, wie groß oder wie klein das Glück ist, das man den anderen mißgönnt? Hat nicht in dies Haus, das die Götter mit Gunst und Gaben bis zum Dach überschwemmten, das Unheil gerade jetzt den Weg durch das Schlüsselloch gefunden? Der arme Philipp! Aber wenn es unserem Mädchen nur gut geht! Bei ihm ist es wirklich einmal gekommen, wie es so selten geschieht und doch immer sein sollte. Die Schönste und Beste wird die Größte und Glücklichste im Reiche.«

Dann griff sie hastig nach den Amuletten und dem Kreuz an Armen und Hals, um ein schnelles Gebet für das Wohlergehen des Lieblings zu sprechen.

Auch der Sklave Argutis wußte nicht, was er von alledem denken sollte.

Wenn einer, so gönnte er dem geliebten Kinde seines Herrn alles Glück; doch wenn er auch vorausgesagt hatte, was Melissa und ihrem Vater bevorstehe, war ihm die Ernennung des Herrn zum Prätor doch zu schnell gekommen, und Heron hatte sich in der mit Purpur verbrämten Toga gar zu sonderbar geberdet. Wenn ihm die neue, unerhörte Ehre nur nicht an den Verstand ging!

Aber der Zustand des ältesten Sohnes seines Herrn bereitete dem treuen Diener noch schwerere Sorgen.

Statt sich des Glückes der Seinen zu freuen, war er bei dem ersten Gespräche mit dem Vater in Wut ausgebrochen, und wenn er, Argutis, auch nicht verstanden hatte, was die beiden geredet, so wußte er doch, daß sie heftig gestritten und Heron dem Sohne unversöhnt den Rücken gekehrt hatte.

Und dann – er erinnerte sich des mit Schrecken und es fiel ihm sauer, den Geschwistern das Erlebte in der rechten, schonenden Weise mitzuteilen – dann war Philipp aus dem Bette gesprungen, hatte sich ganz allein angekleidet, sogar mit den Schuhen, und war, nachdem der Vater kaum die Sänfte bestiegen hatte, in die Küche getreten. Wie ein dem Grabe Entstiegener war er anzusehen gewesen, und seine Stimme hatte hohl geklungen, als er dem Sklavenpaar erklärte, er gedenke sich in den Zirkus zu begeben, um dort nach dem Rechten zu sehen.

Aber dem Argutis war das Herz gesunken, als der Philosoph ihm befohlen, die Flöte zu holen, womit der Herr die Vögel ein Lied pfeifen lehrte, und sie zu dem scharfen Küchenmesser gesteckt hatte, womit der Sklave die Hammel schlachtete.

Dann war Philipp in den Vorsaal getreten, doch schon auf der Schwelle war er über die langen Schuhriemen, die ihm nachschleiften, gestolpert, und aus dem Garten hatte Argutis, der ihm heimlich gefolgt war, ihn in das Haus zurückführen, ja beinahe tragen müssen; denn ein furchtbarer Hustenanfall hatte ihn völlig erschöpft. Die Anstrengung beim Ziehen der schweren Ruder auf der Galeere war zu viel für seine ohnehin schwache Brust gewesen. Dido und er hatten ihn zu Bett gebracht, und bald darauf war er in einen tiefen Schlaf verfallen, von dem er noch immer nicht erwachte.

Was den beiden Heimgekehrten wohl im Sinne lag?

Sie schrieben, und zwar nicht auf Wachstafeln, sondern, als gelte es etwas besonders Wichtiges zu verzeichnen, mit dem Rohr auf Papyrus.

Dies alles mußte dem Sklaven wohl zu denken geben, und der treue Mann wußte selbst nicht, ob er vor Freude oder vor marternder Angst weine, als Alexander ihm mit einer Feierlichkeit, die den Trevirer an dem jungen Herrn erschreckte, kund that, daß er ihm hiermit, teils um seine Treue zu lohnen, teils um ihn in den Stand zu setzen, ihnen allen in schwerer Gefahr zur Seite zu stehen, die Freiheit schenke. Der Vater habe dies schon lange im Sinne gehabt, und den Freisprechungsbrief von dem Notar anfertigen lassen. Hier sei das Dokument; er wisse aber, daß er, Argutis, auch als Freigelassener fortfahren werde, ihnen so treu wie immer zu dienen.

Damit reichte er dem Sklaven die Urkunde, die ihm nach dreißigjähriger Dienstzeit im nächsten Monat hatte verehrt werden sollen, und weinend, halb vor Freude, halb vor Kummer und Besorgnis, nahm Argutis das Dokument hin, das ihn noch vor kurzem zum Glücklichsten der Sterblichen gemacht haben würde.

Während er den Geschwistern die Hände küßte und dankende Worte stammelte, sagte ihm der ungelehrte, doch gerade Sinn, daß er verblendet gewesen sei, als er sich nicht vor Freude zu lassen gewußt bei der Nachricht, der Kaiser habe Melissa zur Gemahlin erkoren.

Was er in der letzten halben Stunde mit erlebt und gesehen, vereinte sich ihm zu einem deutlichen Bilde, und so sicher, als sei es ihm schon anvertraut worden, stand es in ihm fest, daß sein Liebling Melissa den hohen Freier verschmähe und sich ihm – er wußte nicht wie – zu entziehen gedenke. Und zugleich mit dieser Erkenntnis regte sich die ihm eigene Lust an Abenteuern und gewagtem Spiel.

Es galt hier einen Kampf, den der Schwache gegen die Gewalt des Starken aufnehmen sollte, und nichts konnte ihm, der zeitlebens zu den Unterdrückten gehört hatte, lockender erscheinen, als ihn aus Seiten der Bedrängten ausfechten zu helfen.

Mit feurigem Diensteifer nahm Argutis es nun auf sich, den Diodor und seine Angehörigen auf das von ihm zu mietende Schiff zu schaffen und dem Heron, nachdem er den Brief gelesen, den Alexander eben an ihn gerichtet, deutlich zu machen, daß er verloren sei, wenn er nicht sich und den Philipp rechtzeitig verberge. Endlich versprach er, den Brief, den Melissa eben an den Cäsar gerichtet, morgen in seine Hände gelangen zu lassen.

Jetzt nahm er auch die Freilassungsurkunde froh in Empfang und willigte ein, sich in Gewänder des Heron zu kleiden; denn als Sklave wäre es ihm versagt gewesen, mit einem Schiffsführer oder wem sonst einen bindenden Vertrag zu schließen.

Das alles ging in fliegender Eile vor sich; denn Alexander wurde vom Kaiser und Melissa von Frau Euryale erwartet.

Die freudige Dienstfertigkeit des wackern Alten, der zum erstenmal auf eigenen Füßen Aufgaben lösen sollte, vor denen mancher Freie zurückgewichen wäre und denen er sich dennoch gewachsen fühlte, wirkte erfrischend auch auf die niedergedrückten Seelen der andern.

Sie wußten jetzt, daß Argutis, wenn es ihnen selbst zu sterben bestimmt sei, treu zu dem Vater und kranken Bruder halten werde, und der Sklave lieferte den ersten Beweis seiner Findigkeit und Klugheit, indem er die Geschwister, die vergeblich nach einem passenden Versteck für den Heron und Philipp gesucht hatten, auf eine Stätte hinwies, die auch von den schlausten Häschern schwerlich entdeckt werden konnte.

Der entflohene Bildhauer Glaukias war ein Mietsmann des Heron. Seine Werkstatt, ein speicherartiges Gebäude, stand auf dem Boden des kleinen Gemüsegartens, den der Steinschneider von seinem Schwiegervater geerbt, und nur Heron und der Sklave wußten, daß sich unter dem Estrich dieses Gebäudes an Stelle des Kellers ein großes Reservoir der alten, unter dem Kaiser Vespasian aufgegebenen Wasserleitung befinde.

Argutis hatte vor langer Zeit dem Heron geholfen, über den Eingang zu diesen verborgenen Räumen eine Fallthür anzubringen, deren Vorhandensein selbst von dem Bildhauer Glaukias während der vielen Jahre, in denen er die Werkstatt benützte, unbemerkt geblieben war.

In diesem verborgenen Raume hielt Heron, ohne die eigenen Kinder ins Vertrauen zu ziehen, sein Gold versteckt, und erst vor wenigen Monaten hatte Argutis ihn dorthin begleitet und das hohe Reservoir trocken, luftig und durchaus bewohnbar gefunden.

Bei seinem Schatz würde der Steinschneider sich am liebsten verbergen, und zudem lag der Garten mit der Werkstatt des Glaukias nur wenige hundert Schritte von dem Hause des Heron entfernt. Den Philipp ungesehen dahin zu schaffen, schien dem Argutis ein Kleines. Auch Alexander, die alte Dido und, that es not, Diodor mit den Seinen konnten sich dort verbergen. Für Melissa schien indes dieser Versteck weder dem Bruder noch dem Sklaven sicher genug.

Beim Abschied legte die Jungfrau dem neuen Freigelassenen noch ans Herz, den Vater tausendmal zu grüßen, ihn in ihrem Namen um Vergebung zu bitten für die schweren Sorgen, die sie ihm bereite und ihn ihrer Liebe zu versichern. »Sage ihm,« schloß sie eilig und unter strömenden Thränen, »es sei mir, als ging' es in den Tod. Doch ich bliebe, was auch komme, sein gehorsames Kind, das alles für ihn zu opfern bereit sei – alles, nur nicht den Einen, dem ich ja mit seiner Einwilligung Treue gelobte. Sage ihm endlich, ich sei ihm zu liebe schon bereit gewesen, dem blutigen Freier die Hand zu reichen, doch das Schicksal selbst und vielleicht auch die Manen unserer teuren Verstorbenen hätten es anders bestimmt.«

Dann ging sie in das Zimmer, wo die Mutter die Augen geschlossen. Nachdem sie vor dem Sterbebette, das dort immer noch stand, ein kurzes Gebet gesprochen, eilte sie in das Gemach des Philipp. Doch er lag noch immer in festem Schlafe, und so beugte sie sich nur über ihn und küßte ihm die überhohe Stirn, die auch im Schlummer aussah, als mühe sich hinter ihr der Geist ab, etwas Schweres und Unerfreuliches zu ergründen.

Der Weg führte sie noch einmal durch die Werkstatt des Vaters, und sie hatte dieselbe schon schnell durchmessen, als sie eilig umkehrte, um das Tischchen wiederzusehen – es sollte das letztenmal sein – an dem sie so viele Jahre neben dem arbeitenden Künstler in bescheidenem Wohlsein die Nadel gerührt, mit offenen Augen geträumt und bedacht hatte, was sie mit ihrer geringen Kraft und reichen Liebe jedem einzelnen Freundliches erweisen und Lästiges abnehmen könne.

Dann wandte sie sich, als wisse sie, daß es von den freundlichen Genossen ihres früheren Lebens auf immer Abschied zu nehmen gelte, den Vögeln zu, die längst in den Käfigen zur Ruhe gegangen waren. Der Vater hatte trotz der neuen curulischen Würde der kleinen Lieblinge nicht vergessen und ihre Bauer, bevor er das Haus verließ, um sich dem Volke in der Toga praetexta zu zeigen, wie gewöhnlich sorgsam verhängt. Als Melissa nun das Tuch, das den Käfig des Starmatzes umhüllte, fortzog und dieser ihr leiser als sonst, vielleicht aus dem Schlafe, sein altes: »Meine Kraft« zum letztenmal zurief, überkam sie ein leises Grauen, und, während sie mit dem Bruder die Straße betrat, sagte sie beklommen: »Es geht wohl dem Ende entgegen! Mag es denn kommen. – Ach, was haben diese wenigen Tage doch aus uns allen gemacht, Alexander! Bevor der Kaiser kam, wie warst Du, wie war unser Philipp! In dem Herzen hier drinnen, wie still sah es aus . . . Und der Vater? Das wenigstens ist tröstlich, daß er auch als Prätor seiner Vögel nicht vergaß, und gefiederte Freunde wird er ja überall finden. Aber ich . . . Um meinetwillen soll er sich jetzt schmählich verbergen.«

Hier fiel Alexander ihr heftig ins Wort: »Nicht Du, ich war es, der dies Elend über uns brachte.« Und nun begann er so schmerzlich zu klagen, daß Melissa es bereute, ihn auf das Unglück ihres Hauses hingewiesen zu haben und sich fest zusammennahm, um ihm Mut einzusprechen.

Wenn der Kaiser die Stadt erst verlassen und sie sich seinen Wünschen entzogen habe, würden die Mitbürger leicht zu bewegen sein, an seine Unschuld zu glauben. Sie müßten ja sehen, wie wenig ihnen allen an dem Glanz und Reichtum des Herrschers gelegen sei, und er wisse selbst, wie schnell man in Alexandria vergesse. Auch seine Kunst werde ihm zu gute kommen, und dürfe er sich nur erst wieder frei hervorwagen, dann werde es ihm auch leicht werden, Agathe für sich zu gewinnen. Ihr Beistand, der des Diodor und der Frau Euryales sei ihm gewiß.

Doch der Jüngling schüttelte zu diesen guten Worten nur bekümmert das Haupt. – Wie durfte er, der Verachtete, Ausgestoßene, es jemals wagen, um die Tochter eines Zeno zu werben! Mit einem schweren Seufzer schloß er, und Melissa, der das Herz immer schwerer wurde, je mehr sie sich durch Nebenstraßen dem Serapeum näherten, brachte es dennoch über sich, ihren Trostgründen in einer Weise Ausdruck zu geben, als sei sie selbst durch Frau Euryales Schutz jeder Sorge enthoben.

Es kam ihr so sauer an, sich in der eigenen Bedrängnis ruhig und heiter zu zeigen, daß sie sich oft die Augen heimlich trocknen mußte; doch das lebhafte Reden verkürzte den Weg, und überrascht, dem Ziele so nahe zu sein, blieb sie stehen, als Alexander sie auf die Kette wies, mit der man die Mündung der Hermesstraße, der sie jetzt folgten, in den Serapeumplatz verschlossen hatte.

Der Himmel war, nachdem das Gewitter sich verzogen und der Regen aufgehört hatte, wieder klar und wolkenlos, und der Mond ergoß verschwenderisch und wie erfrischt sein silbernes Licht auf die Tempel und Bildsäulen ringsum.

Jetzt galt es, sich zu trennen; denn beide sahen die Unmöglichkeit ein, den Platz zusammen zu kreuzen.

Er war beinahe menschenleer, da man das Volk von ihm fernhielt. Von den zahllosen Zelten, die ihn noch vor kurzem bedeckt hatten, waren nur noch die der siebenten Cohorte des Prätorianercorps stehen geblieben, welche, um sie in der Nähe des Kaisers zu lassen, nicht in der Stadt einquartiert worden war. Hätten aber die Geschwister diese weite, tageshell beleuchtete Fläche gemeinsam durchmessen, wären sie sicher bemerkt worden, und Melissa hätte dadurch die schwersten Gefahren nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf ihre Beschützerin heraufbeschworen.

Es lag ihr noch so viel auf der Seele, was sie dem Bruder vorstellen, was sie ihm noch besonders für den Vater ans Herz legen wollte, und was war das für ein Abschied, da es doch – eine finstere Ahnung rief es ihr zu – jetzt galt, auf Nimmerwiedersehen auseinander zu gehen. Doch wie lange mochte Frau Euryale schon bang auf sie warten, und auch die Verspätung Alexanders war groß.

Die Jungfrau allein über den Platz zu lassen, ging wegen der Krieger, die ihn bewachten, nicht an. Hatte sie nur die Seite des Heiligtums erreicht, an der sie erwartet wurde, und auf welche die ihr gegenüberliegende Rennbahn tiefen Schatten warf, dann war alles gut, und es schien also dem Alexander nichts übrig zu bleiben, als die Schwester durch Nebengassen um das Heiligtum herumzuführen.

Schon hatten sie sich entschlossen, diesen weiten, zeitraubenden Umweg zu machen, als von den Zelten her eine junge Frau mit elastischen, wie von Freude beflügelten Schritten ihnen entgegenkam. Da ließ Alexander plötzlich die Hand der Schwester los und trat mit dem leisen Rufe: »Sie wird Dich begleiten!« der Näherkommenden entgegen.

Es war die Gattin des Centurio Martialis, welche die Villa des Seleukus zu Kanopus hütete, und deren Bekanntschaft der Künstler gemacht hatte, während er die Galatea in dem Landhause des Kaufherrn für sein Bildnis der Korinna studirte.

Alexander hatte damals in seiner herzgewinnend munteren Weise mit der Soldatenfrau verkehrt, und sie freute sich, dem fröhlichen Maler wieder zu begegnen, und zeigte sich gern bereit, seine Schwester über den Platz zu begleiten und reinen Mund darüber zu halten.

Nach einem kurzen Händedruck mit dem Bruder und dem innig bittenden Rufe: »Laß uns keinen Augenblick einander vergessen und auch der Mutter immer gedenken!« folgte Melissa der Begleiterin.

Diesmal hatte das Weib des Martialis ihren Mann aufgesucht, um ihm mitzuteilen, daß sie und die Mutter dem Schrecken im Zirkus glücklich entronnen seien, und ihm für das Vergnügen zu danken, dessen Herrlichkeit trotz der vielen Störungen, die es unterbrochen hatten, ihr doch immer noch Herz und Sinn erfüllte.

Das erste Wort, das sie an das Mädchen richtete, leitete denn auch die Frage ein, ob auch sie den Zirkus besucht, und als Melissa dies mit der Bemerkung bejahte, sie habe vor Angst und Schrecken nur wenig gesehen, begann das redselige Weib das von ihr Geschaute zu schildern.

Vom dritten Stockwerk, versicherte sie, habe sie alles aufs beste überblickt. Auch die Braut des Kaisers sei ihr gezeigt worden. Das arme Ding werde den Glanz des Purpurs teuer genug bezahlen. Dem Caracalla könne sie die Wahl indes nicht verdenken; denn schön sei seine Erwählte über alle Beschreibung. Dabei hemmte sie den Schritt und schaute Melissa ins Antlitz; denn es schien ihr, als gleiche sie der Geliebten des Cäsar. Doch sie ging bald wieder schneller und bemerkte, die andere sei von stattlicherem Wuchs und glänzenderer Schönheit, wie es sich für eine Kaiserbraut zieme.

Da zog Melissa das Kopftuch fester zusammen, und es that ihr wohl, als das Weib, nachdem es ihr das eigene Aussehen beschrieben, hinzufügte, daß Caracallas Wahl auch auf eine sittsame Jungfrau gefallen sei; denn sonst hätte die Gemahlin des Oberpriesters – sie sei die Schwägerin des Herrn, dem sie diene, und sie kenne sie von Kind an – sich ihr nicht so freundlich erwiesen.

Als Melissa sie, um sie auf andere Dinge zu bringen, fragte, warum denn dem Volke versagt werde, sich dem Serapeum zu nähern, erwiderte das Weib, der Kaiser sei seit der Heimkehr vom Zirkus mit Fragen an die Zukunft, Sternseherei und anderen wichtigen Dingen beschäftigt, bei denen der Lärm der Menge ihn störe. Er verstehe sich gut auf dergleichen, und wenn sie länger zusammenblieben, könne sie ihr Wunderdinge erzählen.

Unter solchen Gesprächen überschritten sie den weiten Platz, und als er hinter ihnen lag und sie in den Schatten des Stadiums getreten waren, dankte Melissa der lebhaften Erzählerin für ihre Begleitung, und diese versicherte, daß es ihr Freude gemacht habe, dem fröhlichen Maler einen Dienst zu erweisen.

Die Westseite des großen Heiligtums stand mit der Stadt in keiner Verbindung, und es befanden sich in ihr wenige, nur den Bewohnern des Riesenbaues geöffnete bronzene Thore, die sämtlich, längst verschlossen, keines Wächters bedurften.

Da es dem Volke versagt war, den Platz und den Raum zu betreten, welcher das Stadium vom Serapeum trennte, war es hier ganz still.

Dunkle Schatten breiteten sich über den Weg, und die hohen Gebäude, die ihn wie Berge begrenzten, schienen bis an den Himmel zu reichen.

Das Herz des einsamen Mädchens schlug banger und banger, während es an der Mauer des Heiligtums dahinschlich, von der ihr nach dem Unwetter der letzten Stunden ein feuchtwarmer Hauch entgegenwehte. Die schwarzen Höhlen, die sie, wenn der Blick auf sie fiel, aus dem Unterbau des Stadiums wie dunkle, eingesunkene Augen anstarrten, waren die Luken der Ställe.

Wenn nun ein flüchtiger Sklave, ein wildes Tier oder ein Räuber aus ihnen hervorbrach?

Unhörbaren Fluges schwebten Eulen über ihr hin, und Fledermäuse flatterten hastig zwischen der Bekrönung des Stadiums und dem Tempel hin und her, ja streiften beinahe das Haupt des zitternden Mädchens.

Mit jedem Schritte wuchs ihre Angst, und die Wand, deren Ende sie erreichen mußte, war so lang, so unendlich lang!

Wenn Frau Euryale nun des Harrens müde geworden und es aufgegeben hatte, sie zu erwarten? Dann blieb ihr nichts übrig, als sich durch die Wachen in die Stadt zurück oder durch das große Thor in das Haus zu begeben, wo der Schreckliche weilte, und wo man sie sicher erkannte. Aber dann schwand auch die Möglichkeit, zu entkommen, und sie mußte, ja mußte sich dennoch dem blutigen Werber entziehen! Jeder Gedanke an Diodor rief ihr zu, daß sie es müsse, selbst um den Preis ihres jungen Lebens, dessen nahes Ende sie ohnehin mit wachsender Sicherheit voraussah. Sie wußte ja nicht, wohin die Flucht sie führen solle, doch eine innere Stimme sagte ihr, daß es ein frühes Grab sei.

Von dem gestirnten Himmel ließ sich hier zwischen den beiden hohen Gebäuden nur ein kleines Stück gewahren; dennoch schaute sie aufwärts und erkannte, daß die zweite Stunde nach Mitternacht gekommen sei.

Da beschleunigte sie den Schritt; doch bald hemmte sie ihn wieder; denn vom Platze her schollen drei Tubastöße schnell hinter einander durch die Stille der Nacht.

Was bedeuteten diese Signale in so ungewöhnlicher Stunde?

Es schien ihr nur eine Erklärung zu geben: Der Kaiser hatte wieder einen Unglücklichen zum Tode verurteilt, und man führte ihn jetzt auf den Richtplatz. Auch als man den Vindex und seinen Neffen enthauptet hatte, war dreimal in die Trompete gestoßen worden; sie wußte es von dem Bruder.

Da stellte die Schar derer, die dem Blutdurst des Caracalla zum Opfer gefallen, sich ihr vor das innere Auge. Es war ihr, als winke ihr Plautilla, die der kaiserliche Gatte gemordet, ihr nachzufolgen in den frühen Tod. Alle Schrecken der Nacht ergriffen sie, und wie als Kind beim Spiel mit den Brüdern eilte sie, so schnell die Füße sie tragen wollten, weiter. Einer Verfolgten gleich jagte sie mit dem langen, hindernden Gewand an der Mauer des Heiligtums hin, bis ihr nach links gewandter Blick der Stelle begegnete, die ihr bezeichnet worden war.

Atemlos blieb sie nun stehen, und während sie sich noch die Merkmale vergegenwärtigte, die sie sich eingeprägt hatte, um den rechten Eingang zu finden, öffnete sich wie durch einen Zauber die Tempelwand ihr gegenüber, und eine freundliche Stimme rief ihr den eigenen Namen entgegen, und dann das Wort »Endlich«, und um weniges später ruhte Frau Euryales Hand in der ihren und zog sie sich nach in den Tempel.

Da wichen wie auf den Wink eines Zauberers Grauen und Todesfurcht von der Geängstigten, und ob der Atem ihr auch noch flog, wollte sie der geliebten Beschützerin doch sogleich erklären, was sie zu dem thörichten Laufe veranlaßt, Frau Euryale aber schnitt ihr das Wort ab mit dem Rufe: »Nur rasch! Es darf niemand sehen, daß die Porphyrplatte dort sich bewegt. Sie verschließt die von außen unbemerkbare Oeffnung, durch welche die Mysten und Adepten nach den Weihen die Mysterienräume verlassen. Wer auch von ihr unterrichtet ist, hat es geheim zu halten geschworen.«

Damit schritt die Matrone dem Mädchen in einen dunklen Vorraum des Tempels voran, und wenige Augenblicke später stand die große Steinplatte, die ihnen Einlaß gewährt hatte, wieder an der alten Stelle. Wer später an ihr vorbeikam, konnte auch nicht im hellsten Sonnenschein erkennen, daß sie etwas anderes sei als ein zu den Quadern des gewaltigen Unterbaues gehöriges Werkstück.

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