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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Frau Euryale wurde in ihrem stillen Gebet durch die Rückkehr des Alexander unterbrochen. Er brachte die Kleider, die er von der Gattin des Seleukus für Melissa erhalten. Jetzt schon trug er sein bestes Gewand und war bekränzt wie alle Besucher der vornehmen Ränge des Zirkus; doch der festliche Schmuck paßte schlecht zu dem schmerzlichen Ausdruck seiner Züge, von denen jede Spur der übermütigen Daseinslust geschwunden war, die sie noch heute morgen verschönte.

Er hatte Dinge erfahren, die es ihm nicht mehr als ein Opfer erscheinen ließen, das Leben für die Rettung der Schwester einzusetzen.

Wie dunkle Fledermäuse hatten ihm trübe Gedanken schon den heitern Sinn gekreuzt, während er vorhin mit Melissa und ihrer Beschützerin verkehrte; denn auch er wußte, wie unendlich schwer es dem Vater fallen werde, sich von Alexandria zu trennen; und floh er selbst mit der Schwester in die Ferne, so galt es, von dem Kampf um die schöne Agathe zu lassen.

Der christliche Vater derselben hatte ihn zwar freundlich empfangen, doch ihm deutlich genug zu erkennen gegeben, daß er ihm, dem übermütigen Heiden, nie und nimmer gestatten werde, um seine Tochter zu werben. Dazu waren ihm Demütigungen widerfahren, die sich wie eine scheidende Mauer zwischen ihm und der Geliebten, dem einzigen Kind eines reichen, angesehenen Mannes, erhoben.

Er hatte das Recht eingebüßt, als Freier vor den Zeno zu treten; denn er war heute in der That nicht mehr derjenige, der er noch gestern gewesen.

An die Nachricht, der Kaiser gedenke sich mit Melissa zu vermählen, hatten Lästerzungen die Versicherung geknüpft, daß er, Alexander, sich durch Verräterei und Spionendienste die Gunst Caracallas erschlichen. Keiner hatte ihm dies offen erklärt, doch während er im Auftrage der Frauen auf dem Wagen des Kaisers die Stadt durcheilte, war es ihm nur zu deutlich in verschiedener Weise kundgegeben worden. Ihm, dem sonst jeder, an dessen Wohlwollen ihm etwas lag, die Hände entgegenstreckte, waren wackere Leute aus dem Wege gegangen, und was er sonst noch auf dieser Fahrt erfahren hatte, war kränkend genug gewesen, um eine Wandlung seines ganzen inneren Wesens hervorzurufen.

Die Empfindung, als weise man bald verächtlich, bald zornig auf ihn mit dem Finger, hatte ihn auf dem ganzen Wege nicht verlassen. Und er war von keiner Täuschung befangen gewesen; denn als er dem alten Bildhauer Lysander begegnete, der ihm und Melissa gestern so freundlich von der Mutter des Kaisers erzählt hatte, und Alexander ihm vom Wagen aus zuwinkte, war sein Gruß unerwidert geblieben, und der wackere Künstler hatte dabei die Hand in einer Weise geschwenkt, aus der jeder Alexandriner die Erklärung: »Ich kenne Dich nicht mehr und wünsche auch nicht mehr, von Dir gekannt zu sein,« herauslesen mußte.

Den Diodor hatte er von Kind an wie einen Bruder geliebt, und er war in einer der Nebenstraßen, deren der Wagen sich bediente, um sich dem Menschengetümmel auf der kanopischen Straße zu entziehen, an ihm vorbeigefahren. Da hatte Alexander dem Lenker die Rosse aufzuhalten befohlen und war auf das Pflaster gesprungen, um mit dem Freunde zu reden und sich hier der Aufträge Melissas an ihn zu entledigen; er aber hatte ihm unwillig den Rücken gekehrt, und auf des Künstlers traurig bittenden Ruf: »So höre mich doch!« herb erwidert: »Je weniger ich noch von euch vernehme, desto besser für mich. Fahre nur fort auf dem Wagen des Kaisers!«

Damit hatte er ihm den Rücken gewandt und den Klopfer an der Thür eines Baumeisters erhoben, der ihnen beiden befreundet; Alexander aber war, von den peinlichsten Empfindungen gequält, weiter gefahren, und zum erstenmal hatte sich seiner der Gedanke bemächtigt, daß er sich zum Spion herabgewürdigt, als er dem Kaiser hinterbracht, wie der Witz der Alexandriner seiner gedenke. Zwar durfte er sich sagen, daß er eher Tod und Gefangenschaft auf sich genommen, als dem Caracalla den Namen eines der Spötter verraten haben würde; er mußte sich aber bekennen, daß er dem Cäsar ohne die Hoffnung, den Vater und Bruder vor Tod und Gefangenschaft zu retten, kaum welchen Dienst auch immer geleistet hätte. Die Gnade, die den Seinen widerfahren war, glich immerhin einer Zahlung, und die eigene Handlungsweise erschien ihm nun hassenswert und abscheulich. Seine Landsleute hatten recht, ihm zu grollen, die Freunde, ihm aus dem Wege zu gehen.

Das Gefühl, das ihm bisher das fremdeste von allen gewesen, bittere Selbstverachtung, überkam ihn, und zum erstenmal begriff er, wie Philipp dazu kommen konnte, das Leben eine Last und ein tückisches Danaergeschenk der Gottheit zu nennen.

Als endlich in der kanopischen Straße, dicht vor dem Hause des Seleukus, ein fremder Bursch dem Wagen, der sich langsam durch die Menge Bahn brach, höhnisch nachrief: »Der Tarautas-Schwager!« mußte er an sich halten, um nicht abzusteigen und den Schreier die starken Fäuste fühlen zu lassen.

Auch er wußte, daß Tarautas der Name eines häßlichen, blutdürstigen Gladiators sei, den man schon zu Rom dem Kaiser als Spitznamen angehängt hatte, und als er wahrnahm, daß der Ruf des frechen Buben Aufnahme fand unter den Leuten und man: »Der Tarautas-Schwager« schrie, wo er sich zeigte, war es ihm, als bewerfe man ihn mit Kot und Steinen.

Hätte die Erde sich geöffnet und ihn samt dem Wagen verschlungen, um ihn den Blicken der Menge zu entziehen, es wäre ihm damit ein Gefallen geschehen. Am liebsten hätte er geweint und Thränen vergossen wie ein geschlagenes Kind.

Als das Haus des Seleukus ihn endlich aufgenommen hatte, war er ruhiger geworden; denn hier kannte man ihn, hier ward er verstanden. Frau Berenike sollte wissen, was er von der Werbung des Kaisers denke, und angesichts ihres gesunden und redlichen Hasses hatte er sich zugeschworen, die Schwester, und müßte er dabei den qualvollsten Tod sterben, den begehrlichen Händen des Tyrannen zu entreißen.

In kurzen Sätzen erzählte er nun, während er sich mit der Wahl eines Gewandes für den Schützling beschäftigte, Frau Euryale, was ihm auf der Straße und im Hause des Seleukus begegnet war.

Man hatte ihn durch die Soldaten im Vorsaal und Impluvium zu der Hausfrau geführt und in ihrem Gemache war er Zeuge eines heftigen ehelichen Streites geworden. Seleukus hatte der Gemahlin schon früher den Befehl des Kaisers überbracht, unter anderen vornehmen Frauen der Stadt im Zirkus zu erscheinen. Ein bitteres Lachen und die Versicherung, nur in Trauergewändern den Zuschauerraum zu betreten, war die Antwort gewesen. Dagegen hatte der Gatte, indem er auf die Gefahr hinwies, die solche Kundgebung nach sich ziehen würde, Einspruch erhoben und sie endlich auch scheinbar zum Nachgeben bewogen.

Als Alexander nun bei der Matrone eingetreten war, hatte er sie in einem kostbaren Gewande von strahlendem Purpurbrokat, mit einem Kranze von roten Rosen und einem glänzenden Diadem auf dem kohlschwarzen Haare gefunden. Eine Rosenguirlande umzog ihr die Brust, der köstlichste Edelsteinschmuck prunkte ihr an Hals und Armen. Kurz, sie war gekleidet wie eine frohe Mutter am Hochzeitstage der Tochter.

Bald nach dem Künstler war auch Seleukus bei der Gattin erschienen, und der auffallende, blendende Putz, der so wenig zu dem Alter und der sonstigen Art der Matrone paßte, und den sie sicherlich nur gewählt hatte, um die Ungeheuerlichkeit der Zumutung, die der Cäsar ihr stellte, in das grellste Licht zu setzen, erregte den Unwillen ihres Gemahls.

Deutlich genug hatte er auch seiner Unzufriedenheit Ausdruck gegeben und abermals auf die Gefahr hingewiesen, die solche überkühne Kundgebung heraufbeschwören könne; diesmal aber war Frau Berenike nicht zu bewegen gewesen, auch nur eine Rose von ihrem Putz zu entfernen. Nach ihrer feierlichen Versicherung, entweder gar nicht, oder wie sie es für gut halte, im Zirkus zu erscheinen, hatte der Gemahl sie grollend verlassen.

»Die Thörin!« unterbrach Frau Euryale den Jüngling. Dann wies sie ihm das weiße Gewand von herrlichem, auf der Insel Kos gewobenem Bombyx, das sie für Melissa ins Auge gefaßt, samt dem Peplos, den eine Borte von zartem Meergrün umrahmte, und Alexander schenkte dieser Wahl seinen Beifall.

Die Zeit drängte, und ungesäumt begab Frau Euryale sich mit dem neuen Festkleide zu Melissa. Noch einmal nickte sie ihr freundlich zu und bat sie, während sie selbst einiges mit dem Alexander zu bereden habe, sich von der Zofe ankleiden zu lassen. Es war ihr, als überbringe sie einer Verurteilten das Gewand, worin sie auf den Richtplatz geführt werden solle, und Melissa nahm es hin wie ein solches.

Endlich begab sich die Matrone zu dem Maler zurück und forderte ihn auf, seinen Bericht zu beenden.

Frau Berenike hatte der Christin Johanna sogleich befohlen, die besten Festgewänder der verstorbenen Korinna für Melissa zusammenzupacken. Dann war Alexander ihrem Winke gefolgt und hatte sie auf einen Hof im Sklavenquartier des weitausgedehnten Hauses begleitet, wo eine häupterreiche Schar von Männern ihrer wartete.

Es waren die Führer der Schiffe des Seleukus, die gegenwärtig im Hafen lagen, die Vorsteher seiner Kornspeicher und Schreibstuben, im ganzen wohl hundert freie Männer im Dienste des Kaufherrn.

Was sie hier sollten, schien ein jeder zu wissen.

Ihre laute Begrüßung beantwortete die Matrone mit einigen dankenden Worten und fügte dann bitter hinzu: »Seht hier die trauernde Mutter, die ein Ruchloser zwingt, sich so – so – blickt mich nur an – geputzt wie ein Pfau – zu einem Freudenfest zu begeben.«

Da gab die bärtige Versammlung ihren Unwillen laut zu erkennen, Berenike aber fuhr fort: »Für die Plätze hat Melampous gesorgt; sie liegen indes mit gutem Bedacht nicht zusammen. Ihr seid sämtlich freie Männer, und ich habe euch nichts zu befehlen. Wenn aber die Schmach und das Herzeleid, das dem Weib eures Brotherrn angethan wird, euren Unwillen erregen, so gebt ihn im Zirkus demjenigen zu erkennen, der dies über sie brachte. Der Jugend seid ihr ja sämtlich entwachsen und werdet euch vor Unvorsichtigkeit hüten, die euch verderblich werden könnte. Die rächenden Götter mögen euch beistehen und schützen!«

Damit hatte sie den Versammelten den Rücken gewandt, doch der christliche Sachwalter Johannes, der vornehmste Freigelassene ihres Hauses, war zu rechter Zeit in den Hof geeilt, um sie zu beschwören, von dieser unseligen Kundgebung abzustehen und das Feuer zu löschen, das sie soeben entzündet. So lange der Kaiser den Purpur trage, sei die Auflehnung gegen ihn, den die Gottheit selbst mit der Herrschaft betraut, ein Verbrechen. Was sie hier ins Werk setze, solle eine Strafe für denjenigen sein, der ihr wehe gethan habe; sie vergesse aber, daß es den braven Männern, den Gatten und Vätern, die hier versammelt seien, Leben und Freiheit kosten könne. Die Rache, welche sie diese zu üben ausrufe, solle Balsam sein auf die Wunden ihres eigenen Herzens; wenn aber die Macht des empörten Cäsar ihre unschuldigen Werkzeuge ins Verderben stürze, werde der Balsam sich in ätzendes Gift verwandeln.

Diese mit der Wärme der aufrichtigsten Ueberzeugung geflüsterten Worte waren nicht ohne Wirkung geblieben. Eine Zeit lang hatte Frau Berenike düster zu Boden geschaut, dann aber war sie den Versammelten noch einmal näher getreten, um die Warnung des Sachwalters, den alle ehrten und durch den einige zur Taufe bewogen worden waren, vor ihnen zu wiederholen: »Johannes hat recht,« schloß sie. »Das mißhandelte Herz that unrecht, als es seinen Schmerzensruf vor euch erhob. Lieber noch sich in der Weise der Christen von dem Feinde mit Füßen treten lassen, als Unschuldige, die treu an uns hängen, schwerem Mißgeschick anheimfallen sehen. Uebet also Vorsicht. Haltet euch von lauten Kundgebungen zurück. Meide den Zirkus jeder, der sich zu schwach fühlt, den Ingrimm zu zähmen, und wer ihn besucht, der verhalte sich still, wenn er in meinem Sinne zu handeln begehrt. Nur eins ist euch gestattet. Verbreitet, was mir angesonnen wurde, in so weiten Kreisen, wie es nur angeht. Was andere dann thun, das haben sie selbst zu tragen.«

Der Christ war dem letzten Satze mit lebhafter Mißbilligung gefolgt; Frau Berenike aber hatte seiner nicht mehr geachtet und mit Alexander den Hof verlassen.

Das Geschrei der empörten Männer war ihnen nachgeklungen, und es hatte sich trotz ihrer Warnung angehört wie eine furchtbare Drohung. Freilich war der Sachwalter bei ihnen zurückgeblieben, um sie durch neue Vorstellungen zur Mäßigung zu bewegen.

»Was haben die Verblendeten im Sinne?« unterbrach die Matrone sorgenvoll den Jüngling; er aber fuhr hastig fort: »Sie nennen den Cäsar nur noch ›Tarautas‹; jeder Mund fließt über von Spott und Ingrimm wegen der neuen unsinnigen Steuern, der Einquartierung und des frechen Uebermutes der Soldaten, den Caracalla freventlich anschürt. Bis aufs tiefste verletzte seine schmachvolle Mißachtung der Häupter der Stadt. Und sein Werben um die Schwester! Jung und Alt zerbricht sich darüber die Zunge.«

»Es wäre ihrem Wesen angemessener, sich dieser Wahl zu freuen,« fiel ihm die Matrone ins Wort. »Eine Alexandrinerin im Purpur, auf dem Throne der Cäsaren!«

»Das hatte ich auch gehofft!« rief Alexander, »und es lag ja so nahe. Doch wer begreift diese Menge? Jedes Weib hier, dachte ich, müßte den Kopf höher tragen bei dem Gedanken, eine alexandrinische Jungfrau Kaiserin werden zu sehen; doch gerade von den Frauen vernahm ich die hämischsten, schändlichsten Reden. Und übergenug bekam ich zu hören; denn je mehr wir uns dem Serapeum näherten, desto langsamer mußte der Wagen sich den Weg durch die Menge bahnen. Da gab es Dinge zu vernehmen; die Fäuste ballen sich mir noch, wenn ich nur daran denke. Und wie wird es im Zirkus werden? Was wird Melissa über sich ergehen lassen müssen!«

»Der Neid,« murmelte die Matrone vor sich hin. Doch sie verstummte schnell; denn die Jungfrau trat aus dem Schlafgemach den anderen entgegen. Ihr Putz war vollendet. Das kostbare weiße Gewand kleidete sie herrlich. Der Rosenkranz mit dem schimmernden Diamanttau schwebte ihr leicht auf den Locken, die schlangenförmige Spange, die der kaiserliche Freier ihr gesandt, umgab ihr den weißen Arm, und das leicht vorgeneigte Köpfchen, das liebe, blasse, anmutige Gesicht und die großen, beschämt und fragend gesenkten Augen boten einen so liebenswürdig bescheidenen, unsagbar rührenden Anblick, daß die Matrone zu hoffen wagte, auch im Zirkus werde sich nur in verhärteten Herzen eine feindselige Empfindung gegen diese holdselige, reine, von stillem Leid leicht gebeugte Blume erheben.

Sie konnte auch dem Drange nicht widerstehen, Melissa zu küssen, und dabei reifte in ihr die schwankende Absicht, das Aeußerste für den Schützling zu wagen, zum festen Entschluß.

Zu der Liebe hatte sich in ihrem guten Herzen das Mitleid gesellt, und als sie das holdselige Geschöpf, bei dessen bloßem Anblick die Seele ihr aufging, den herrlichsten Schmuck, mit dem andere Mädchen glückselig geprunkt hätten, gebeugt und des Trostes bedürftig tragen sah wie die schwerste der Lasten, wollte es ihr plötzlich wie eine heilige Pflicht erscheinen, dem unglücklichen Liebling diesen schweren Gang zu erleichtern und Melissa, so weit es an ihr lag, vor Schimpf und Demütigung zu schützen.

Seit vielen Jahren hatte sie sich den blutigen Metzeleien im Zirkus, die ihr ein Greuel waren, ferngehalten; heute aber gebot ihr das Herz, den alten Widerwillen zu besiegen und die Jungfrau in das Amphitheater zu begleiten.

Hatte sie ihr nicht in ihrem Herzen die Stelle der verlorenen Tochter eingeräumt? War sie, Euryale, nicht die einzige, die, wenn sie sich neben Melissa zeigte und sich freundlich gegen sie erwies, dem Volke die Versicherung erteilen konnte, daß sie, die das Wohlgefallen eines Ruchlosen und Verhaßten der Verkennung und Mißbilligung aussetzte, rein sei und wert der Liebe?

Unter ihrem Schutze, an ihrer Seite war die Jungfrau – sie wußte es – vor Verkennung und Beleidigung geschützt, und sie, die ältere, die Christin, sollte sie der ersten Gelegenheit aus dem Wege gehen, ein Kreuz auf sich zu nehmen in der Nachfolge des Göttlichen, zu dem sie sich freudig, doch aus Menschenfurcht nur im geheimen bekannte?

Blitzschnell war das alles ihr durch Geist und Seele geflogen, und der Ruf »Doris!«, welcher der Zofe galt, scholl ihr so laut und unerwartet von den Lippen, daß Melissas gereizte Nerven zusammenschraken.

Erstaunt schaute sie auf die Matrone, als diese ohne ein Wort der Erklärung der Dienerin, die schnell herbeigeeilt war, befahl: »Das blaue Festgewand, das ich bei der Adonisfeier trug, das Diadem von meiner Mutter und die große Gemme mit dem Serapishaupte für die Schulter! Mein Haar . . . Ein Schleier soll es bedecken. Was kommt darauf an, wenn man alt ist? Und Du, Kind! Warum Du mich nur so verwundert anschaust? Welche Mutter ließe die junge, schöne Tochter denn allein in den Zirkus? Nebenbei darf ich wohl hoffen, daß es Dir den Mut stärken wird, mich an Deiner Seite zu wissen. Vielleicht nimmt es die Menge auch ein wenig für Dich ein, wenn das Weib des obersten Priesters ihres höchsten Gottes Dich begleitet.«

Doch sie konnte die letzten Worte nicht beenden; denn Melissa war ihr mit dem Rufe: »Das wolltest Du für mich thun?« an die Brust geflogen, und Alexander küßte ihr, tief ergriffen von Dank und Freude, den hageren Arm und den Saum des einfachen Peplos.

Während Melissa der Matrone beim Ankleiden im Nebenzimmer half, ging Alexander ruhelos und mit langen Schritten auf und nieder.

Er kannte die Alexandriner, und es unterlag keinem Zweifel, daß die Begleitung der allverehrten Frau sie veranlassen werde, mit günstigeren Augen auf die Schwester zu schauen.

Nichts anderes hätte ihrem Gang in den Zirkus den Stempel des Ziemlichen so kräftig ausdrücken können.

Je banger er gefürchtet hatte, Melissa werde durch rohe Kundgebungen des Volkes bis ins Tiefste verletzt und beleidigt werden, desto dankbarer schlug ihm das Herz, ja, sein leichter Sinn sah in dieser That der Matrone das erste Lächeln des neu erwachenden Glückes.

Er wollte wieder hoffen, wollte eingedenk so vieler Mahnungen der Philosophen und Dichter des Augenblicks genießen, sich der glänzenden Vorstellung im Zirkus, vielleicht seines letzten Vergnügens, freuen und die Zukunft vergessen.

Sein Antlitz gewann auch den alten, sonnigen Glanz zurück, doch verschwand er bald wieder; denn während er sich im Geiste das Amphitheater betreten sah, kam ihm in den Sinn, daß ihm dort frühere Genossen den Handschlag verweigern und nichtswürdige Buben das widrige »Tarautas-Schwager« oder »Verräter« nachrufen könnten, das ihn auf der Straße verfolgt. Dabei überlief es ihn kalt, und ganz unvermittelt trat ihm das Bild der hübschen Ino vor die Seele, die an seine Liebe glaubte, und der er allen voran das Recht gegeben hatte, ihn des Verrates zu zeihen.

Da überkam ihn wieder ein peinliches Mißbehagen und jene quälende Unzufriedenheit mit sich selbst, die er, der bis dahin Selbstquälerei, Reue und Buße für einen frevelhaften Lebensverderb gehalten, heute zum erstenmal empfunden hatte.

Aus dem schönen, sonnigen Herbsttage war ein schwüler, trüber Abend geworden, und Alexander trat an das Fenster, um sich den Seewind über die perlende Stirn streichen zu lassen, doch bald ward es hinter ihm laut; denn Frau Euryale und Melissa und mit ihnen zugleich der Hausmeister, betraten das Zimmer. Dieser überreichte der Matrone ein verschlossenes Doppeltäfelchen, das der Leibsklave des Philostratus soeben gebracht.

Die Frauen hatten im Schlafgemach von dem Gelübde der Jungfrau geredet, und die Matrone Melissa verheißen, falls das Schicksal gegen den Kaiser entscheide, sie an einer Stelle in Sicherheit zu bringen, deren Unzugänglichkeit ihr gestatten werde, der Zukunft in aller Ruhe entgegenzuschauen.

Dann hatte sie ihr ans Herz gelegt, wenn es anders bestimmt sei, auch das Unerträgliche geduldig und als treues, gehorsames Weib zu tragen, als Herrscherin aber sich immer des Ernstes und der segnenden Macht ihres neuen Berufes bewußt zu bleiben.

Das Täfelchen enthielt die Entscheidung, und Kopf an Kopf überflogen beide Frauen die Mitteilung, welche Philostratus mit der feinen, deutlichen Handschrift, die ihm eigen, in das Wachs des Täfelchens gegraben. Sie lautete also:

»Die Verurteilten sind nicht mehr. Dein Gesuch hatte keine andere Wirkung, als die Vollstreckung des Urteils zu beschleunigen. Der Cäsar wünschte Dich auch gegen den eigenen Willen von Widersachern zu befreien. Vindex und sein Neffe sind nicht mehr; ich aber besteige zeitig genug das Schiff, um dem Zorne dessen zu entgehen, dem die höchste Gnade des Glückes zu teil geworden wäre, wenn er es verstanden hätte, Gnade zu üben.«

»Gott sei gelobt; doch der arme Vindex!« rief die Matrone, während sie die Tafel sinken ließ; Melissa aber küßte sie und rief dann dem Bruder zu: »Nun ist es aus mit jedem Zweifel! Ich darf ihm entrinnen. Er selbst hat die Entscheidung getroffen.«

Dann fuhr sie leiser, doch dringlich fort: »Sorge Du für den Vater und Philipp und auch für Dich selbst, Alexander. Mich will Frau Euryale verbergen. O, wie dankbar ich bin!«

Dabei wandte sie den Blick mit heißer Inbrunst nach oben; die Matrone aber flüsterte den Geschwistern zu: »Mein Plan ist gemacht. Nach der Vorstellung führt Alexander Dich, Kind, in das Haus Deines Vaters. Es muß auf einem Wagen des Kaisers geschehen. Später kehrst Du mit dem Bruder hieher zurück, und ich erwarte Dich unten. Aber wir fahren ja zusammen in den Zirkus, und unterwegs können wir das alles näher erwägen. Geh jetzt, junger Freund, bestelle die Sänfte des Kaisers ab und trage dem Hausmeister auf, meine eigene bedeckte Harmamaxa anspannen zu lassen. Sie hat reichlich Platz für uns drei.«

Als Alexander bald darauf zurückkehrte, begann das Tageslicht schon zu erbleichen, und man hörte das Rasseln der ersten Wagen, welche das Gefolge des Kaisers in den Zirkus führten.

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