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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Wohl hatte Melissa sich an der Brust Frau Euryales sattweinen können, wohl war die würdige Matrone ihren Klagen mit mütterlicher Teilnahme gefolgt und hatte sie eifrig zu ermutigen versucht, und doch war es ihr, als habe ein harter Frost alle Blüten geknickt und verwüstet, die ihr gestern noch so voll und hoffnungsgrün die junge Seele geschmückt. Diodors Liebe hatte auf sie gewirkt wie schöne, helle Sommertage, die harte, saure Beeren in süße, saftreiche Trauben verwandeln. Jetzt hatte ein Frost sie verdorben. Grau und farblos, gleichgiltig und fad erschien ihr alles, was um sie her vorging und die Zukunft noch bringen konnte. Nur zwei Gedanken beherrschten ihr ganzes inneres Wesen. Der eine bezog sich auf den Geliebten, von dem sie der Gang in den Zirkus auf immer zu trennen drohte, der andere auf den kaiserlichen Freier, von dem es sie weit forttrieb, mußte es sein, in das Grab.

Frau Euryale sah besorgt auf Melissas müde, dem wachen Wesen, das ihr sonst eigen, so fremde Haltung, während sie dem Vater und Alexander zuhörte, die mit der Matrone über die Zukunft sprachen.

Philostratus, der seinen Rat verheißen hatte, erschien nicht, und dem Steinschneider hätte nichts Schlimmeres angesonnen werden können, als die Vaterstadt und den kranken Lieblingssohn Philipp zu verlassen.

Er hielt es auch für unsinnig und für eine Frucht der grundverkehrten Lebensanschauung überspannter Weiber, das redliche Werben des Beherrschers der Welt um ein schlichtes Mädchen zurückzuweisen; doch Frau Euryale, von der seine verstorbene Gattin stets mit der höchsten Verehrung geredet, und, von ihr gleichsam gedeckt, sein Sohn Alexander, hatten ihm so entschieden vorgestellt, daß die Verbindung mit dem Kaiser Melissa unglücklich machen, ja ihr zum Verderben gereichen werde, daß er kleinlaut geworden war. Nur wenn von der Notwendigkeit der Flucht geredet wurde, fuhr er auf und versicherte, zu diesem Aeußersten sei die Zeit noch nicht gekommen.

Als Melissa zurückkehrte, nannte er das Verhalten des Kaisers gegen sie eines Ehrenmannes würdig und versuchte ihr das Herz zu rühren, indem er ihr vorstellte, wie es einem alten Mann zu Mute sein müsse, der das Haus des Vaters und Großvaters, ja auch die Stadt verlassen solle, deren Boden alles berge, was ihm teuer.

Dabei füllten sich ihm die leicht überfließenden Augen mit Thränen, und wie er sah, daß Melissas mitleidiges Herz von seinem Kummer ergriffen wurde, begann er größere Sicherheit zu gewinnen und warf der Tochter vor, mit den großen Augen – es seien die der Mutter – das Herz Caracallas mit Liebe entflammt zu haben. Im guten Glauben an ihre Neigung biete er ihr jetzt die höchste der Ehren dar; wenn sie aber fliehe, werde er berechtigt sein, sich für schmählich hinters Licht geführt und sie für eine gefallsüchtige Betrügerin zu halten. Hier aber trat Alexander für die Schwester ein und erinnerte den Vater, daß Melissa Leben und Freiheit gewagt, um ihn selbst und seine Söhne zu retten. Um Gnade für die Ihren zu gewinnen, habe sie dem Furchtbaren freundlich ins Antlitz schauen müssen, und ihm stehe es am wenigsten an, der Tochter daraus einen Vorwurf zu machen.

Melissa nickte dem Bruder dankbar zu, doch Heron blieb dabei, an die Flucht zu denken sei thöricht und wenigstens verfrüht.

Als Alexander bekannte, daß Melissa ihm eben ins Ohr gerannt habe, lieber zu sterben als in ewiger Todesangst ein glänzendes Leben an der Seite eines ungeliebten Mannes zu führen, ging der Atem des Heron in jenes leise Schnaufen über, das seinen Zornausbrüchen voranzugehen pflegte.

Doch eine Botschaft des Kaisers, die ihn zu sich beschied, beruhigte ihn schnell.

Beim Abschied küßte er Melissa und raunte ihr zu: »Willst Du wirklich den Alten aus unserem lieben Hause treiben, fort von der Arbeit, seinen Vögeln, dem Gärtchen und dem Grabe der Mutter? Ist es denn etwas so Schlimmes, als Kaiserin in Glanz und Herrlichkeit zu leben? Gleich seh' ich den Cäsar, und Du wirst mir nicht wehren, ihn freundlich von Dir zu grüßen.«

Ohne die Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer, draußen aber schaute er in den Spiegel, legte die letzte Hand an Bart und Haar und gab dabei seiner Riesengestalt die würdevollen Stellungen, die er dem Kaiser gegenüber einzunehmen gedachte.

Unterdes war die Gleichgiltigkeit, in die sie verfallen war, von Melissa gewichen, und die alten Zweifel erhoben mit neuer, verstärkter Macht das mahnende Haupt.

Alexander gelobte zwar, ihr ein treuer Bundesgenosse zu sein, Frau Euryale versicherte sie von neuem ihres Beistandes; es war ihr aber dennoch, besonders wenn das Mitleid mit dem Vater, der um ihretwillen alles lassen sollte, was er liebte, sie ergriff, als werde sie auf schwankem Schiff hin und her geschleudert. Aber plötzlich kam ihr ein neuer Gedanke, und indem sie sich schnell erhob, rief sie: »Ich gehe zu Diodor und bekenne ihm alles; er soll entscheiden.«

»Jetzt?« fragte Frau Euryale erschrocken. »Du findest Deinen Verlobten sicher nicht allein, und nun alle Welt weiß, was Caracalla mit Dir im Sinne trägt und jeder Dir neugierig nachschaut, wird man dem Kaiser sogleich hinterbringen, daß Du den Leidenden besuchtest. Es ist auch nicht rätlich, Dich jetzt, wo weder Andreas noch ein anderer Dein Fürsprecher sein kann, dem gekränkten Jüngling zu zeigen.«

Da schluchzte Melissa laut auf, die Matrone aber zog sie an sich und fuhr liebreich fort: »Davon mußt Du lassen; doch Alexander, geh Du zu dem Freunde und sei der Bote der Schwester!«

Mit dem Eifer der Liebe war der Künstler zu diesem Gange bereit, und nachdem Melissa, neu ermutigt, ihm eingeschärft hatte, was er dem Geliebten zu sagen habe, verließ er das Zimmer.

Die Jungfrau hatte Zeit und Stunde und was ihr an äußeren Dingen oblag, in der stürmischen Bewegung ihres Herzens vergessen, doch Frau Euryale dachte für sie und führte sie in ihr Gemach, um ihr dort das Haar für den Zirkus ordnen zu lassen. Geflissentlich vermied es die Matrone dabei, mit dem Schützlinge jetzt schon von der Flucht zu reden, doch war ihr Geist fortwährend, und nicht vergebens, mit derselben beschäftigt.

Ihre geschickte Zofe, die sie aus dem Hause des Alexanderpriesters, eines römischen Ritters, gekauft, löste dem Mädchen mit lauter Bewunderung das reiche braune Haar und versicherte dabei, es sei leicht, aus solchem Hauptschmuck etwas Rechtes zu machen. Eifrig legte sie das Eisen auf das Kohlenbecken, das ein hoher, zierlicher Dreifuß trug, und wollte mit dem Brennen der Locken beginnen; doch Melissa, die solche Künste nie geübt, sträubte sich dagegen. Die Sklavin versicherte indes so erregt, als handle es sich um die wichtigste Frage, daß der Lockenschmuck einer Jungfrau aus hohem Hause ohne das Brenneisen nicht herstellbar sei, und auch Frau Euryale bat Melissa, sich zu fügen. Nichts werde in ihrer geputzten Umgebung mehr auffallen, als übergroße Schlichtheit. Das war gewiß richtig, doch es vergegenwärtigte dem Mädchen so lebhaft, was ihm bevorstand, daß es das Antlitz mit den Händen bedeckte und klagend ausrief: »Bloßgestellt der Neugier der ganzen Stadt, dem Neid, der Verachtung.«

Die mahnende Frage der Matrone, wohin denn der schöne Gleichmut des Lieblings gekommen sei, und ihr Rat, die Thränen zurückzuhalten, um nicht mit verweinten Augen vor das im Zirkus versammelte Volk zu treten, halfen Melissa indes, sich wieder zu fassen; auch hatte die Zofe ihr Werk noch nicht vollendet, als Alexander zurückkam.

Melissa durfte den Kopf, den das Brenneisen gefangen hielt, bei seinem Eintritt nicht wenden, doch als der Bruder seinen Bericht mit dem Rufe begann: »Wer weiß, welches Geschwätz oder was sonst ihn dazu brachte,« sprang sie auf, ohne des mahnenden Rufes der Zofe zu achten, und als der Bruder dann kurz erzählte, Diodor habe trotz der Vorschrift des Arztes, sich wenigstens noch bis morgen zu gedulden, das Serapeum verlassen, Melissa möge es sich indes nicht zu nahe gehen lassen, fühlte das Mädchen, auf dessen junges Herz heute schon so viel schwer Erträgliches eingestürmt war, den Boden unter sich wanken, und während es, von Schwindel ergriffen, nach einem Halt suchte, um nicht in die Kniee zu sinken, griff es nach dem hohen, schlanken Dreifuß, der das Kohlenbecken trug, und dies stürzte, rasselnd und klirrend, samt dem Brenneisen zu Boden; sein glühender Inhalt aber flog teils auf den Estrich, teils auf das Festgewand, das Melissa, bevor sie das Haar gelöst, über einen Stuhl gebreitet. Sie selbst kam nicht zu Fall; denn Alexander stützte sie beizeiten.

Die gesunde Natur Melissas gab ihr die verlorene Besinnung schnell zurück, und in den nächsten Minuten drängte die Sorge um das verdorbene Festgewand alles andere in den Schatten.

Während sie die Löcher mit den schwarzen Rändern kopfschüttelnd betrachtete, welche die Kohlen in den Peplos und in das Untergewand gebrannt, segnete Frau Euryale im stillen diesen Unfall. Dabei erinnerte sie sich, wie auch sie, während das Herz bei dem Tode ihres einzigen Kindes aus den schwersten Wunden geblutet, durch die Sorge um die Trauergewänder für sich selbst, den Gatten und die Sklaven auf andere Gedanken gebracht worden war. Wenigstens auf Stunden hatte damals eine leicht erfüllbare Pflicht ihr das bitterste Weh leichter zu tragen geholfen.

Nur bedacht, das Los des anmutigen Geschöpfes, das ihr lieb geworden, zu erleichtern, stellte sie es, obgleich sie wußte, daß ihre Schwägerin über viele ähnliche Gewänder verfüge, als schwierig dar, Melissa ein neues, passendes Festkleid zu verschaffen. Alexander erhielt den Auftrag, sich eines der Wagen des Kaisers, die stets zum Dienste der vornehmen Höflinge bereit, zwischen dem Serapeum und dem Brunnen im Osten desselben hielten, zu bedienen, um möglichst schnell zu Frau Berenike zu gelangen. Er, der Künstler, bat die Matrone, möge bei der Wahl des Gewandes helfen, und je weniger auffallend und prunkend es sei, um so besser.

Dem schloß auch Melissa sich an, und, als Alexander fort war, nötigte Frau Euryale den bleichen Schützling, in das Speisezimmer zu treten und sich dort mit altem Weine zu stärken und den Imbiß einzunehmen, den sie vorhin nicht angerührt hatte.

Während der Aufwärter den Becher füllte, trat der Oberpriester selbst zu den Frauen, begrüßte Melissa kurz und mit höflicher Gemessenheit und ersuchte dann seine Gattin, ihm auf ein Wort in das Tablinum zu folgen.

Der Aufwärter, ein im Dienste des Timotheus ergrauter Sklave, nötigte nun, als habe er die Herrin zu vertreten, den jungen Gast, wenigstens von den Speisen zu naschen und nicht gar zu zaghaft an dem Pokale zu nippen.

Doch das einsame Mahl fand bald ein Ende, und widerstandskräftiger als vorher zog sich Melissa in das Schlafzimmer zurück.

Nur leichte Vorhänge verschlossen in dem schnell hergerichteten Quartier des Oberpriesters die Thüren, und so wenig er wie seine Gattin bemerkten, daß Melissa den Nebenraum betrat.

Sie hatte nie Wohlgefallen am Lauschen gefunden, doch besaß sie weder die Geistesgegenwart, sich schnell zurückzuziehen, noch konnte sie das Ohr verschließen, als sie ihren Namen hörte.

Die Matrone hatte ihn ausgesprochen, und ihr Gatte entgegnete laut und in großer Erregung: »Von Deinem Christentum und was darin Beleidigendes für mich, den ersten Diener eines heidnischen Gottes, liegt, später! Jetzt handelt es sich nicht um abweichende Neigungen, sondern um eine ernste Gefahr, die Dein leichtbewegtes Herz über Dich und mich bringen möchte. Die Steinschneidertochter ist ein anmutiges Geschöpf, ich will es nicht leugnen, und Deines Mitleids würdig. Zudem siehst Du, das Weib, die dem Weibe heiligsten Regungen in ihr verletzen.«

»Und behieltest Du etwa die Hände im Schoß,« unterbrach ihn die Gattin, »wenn Du ein liebenswertes, schuldloses Wesen am Rande eines Abgrundes sähest und Dich kräftig genug fühltest, es vor dem Sturz zu bewahren? Sicher hast Du Dich noch nicht ernstlich gefragt, welches Los eine Jungfrau wie Melissa als Gefährtin eines Caracalla erwartet.«

»Ich that es dennoch,« versicherte Timotheus ernst, »und nichts sollte mich mehr freuen, als wenn es Deinem Schützling gelänge, sich den Wünschen des Cäsar zu entziehen. Aber – die Zeit drängt und ich muß kurz sein – aber der Kaiser ist unser Gast und beehrt mich mit schrankenlosem Vertrauen. Vorhin noch eröffnete er mir den Entschluß, Melissa zu seiner Gemahlin zu erheben, und ich mußte ihn billigen. So sieht er denn in mir einen Förderer seiner Wünsche, und wenn die Jungfrau entkommt, und es fällt auf Dich, oder durch Dich auf mich nur ein Schatten des Verdachtes, ihr die Wege geebnet zu haben, so darf er mit Recht einen Verräter in mir sehen und mich als solchen behandeln. Das hohe Amt, das ich bekleide, läßt anderen meine Person unantastbar erscheinen; doch der Mann, dem das Leben, gleichviel wessen, nicht mehr gilt, als mir oder Dir das eines Opfertieres, der wird auch, ohne daß ihm eine Wimper dabei zuckte, mein Blut und Deines vergießen.«

»Mag er!« rief Frau Euryale feurig. »Mein alterndes, beraubtes Leben ist ein billiger Preis für die Rettung der blühenden, mit jedem Anrecht auf das höchste Glück ausgestatteten Jugend eines unschuldigen, in reiner, erwiderter Liebe glühenden Geschöpfes.«

»Und ich?« brauste Timotheus auf. »Was gelte ich Dir noch seit dem Tod unseres Kindes? Zu Gunsten der ersten, die Dir als ärmlicher Ersatz für die verlorene Tochter ins Haus fiel, bist Du bereit, in den Tod zu gehen und mich mit Dir in den finstern Hades zu ziehen. Das ist christlich! Auch den milden Philosophen auf dem Throne, den Marc Aurel, empörte bei Deinen Glaubensgenossen die eitele Sucht nach dem Tode. Von einer andern Welt erwartet der Christ, was ihm diese versagte; wir aber halten es mit dem Leben, in das die Gottheit uns stellt. Auch mir ist das Leben das Höchste, und höher als das eigene steht mir das Deine. Darum erkläre ich fest und entschieden: ›Es geht nicht an, daß Melissa von unserem Hause aus die Flucht antritt. Will sie in dieser Nacht das Weite suchen, so mag sie es thun; ich hindere sie nicht, und wenn Dein Rat ihr frommt, soll es mich freuen; aber nach der Vorstellung im Zirkus darf sie dies Quartier nicht wieder betreten, es sei denn mit dem festen Entschluß, dem Kaiser als Gemahlin zu folgen. Vermag sie dies nicht über sich zu gewinnen, sind die Räume, die wir bewohnen, ihr als einem gefahrbringenden Feinde verschlossen.‹«

»Und wohin soll sie sich wenden?« frug Euryale betrübt und mit feuchten Augen; denn ein so bestimmter Befehl des Gatten und Herrn schloß jeden offenen Widerspruch aus. »Das Haus ihres Vaters werden die Späher, sobald man sie vermißt, zuerst durchsuchen! Benützt sie aber das Schiff Berenikes, dann wird es sicher entdeckt, daß die Gattin Deines Bruders es war, die sie den Wünschen des Kaisers entzog.«

»Die Schwägerin wird Rat zu schaffen wissen,« entgegnete Timotheus gelassen. »Wenn eine, so versteht sie es ja, sich zu wehren. Ihr einflußreicher Schwager Coeranus steht ihr zur Seite, und gerade in diesem Augenblicke setzt sie alles daran, dem Verhaßten einen Schlag beizubringen.«

Da rief die Matrone bekümmert: »Was machten doch Schmerz und Rachlust aus dieser seltenen Frau! Wohl that Caracalla ihr wehe . . .«

»Er that es, und heute fügte er zu der ersten eine zweite, schwerere Unbill; denn er zwingt sie, mit den Gattinnen der anderen Herren, welche die Kosten der nächtlichen Vorstellung tragen, im Zirkus zu erscheinen. Ich war dabei, als er dem Seleukus, der den Sprecher spielte, zurief, er erwarte bestimmt auch seine Gemahlin, von der er viel Schönes vernommen, auf den ihm und den Seinen bestimmten Plätzen. Das gießt Oel in das Feuer ihres Hasses. Wenn sie sich nur nicht hinreißen läßt, ihren Unmut in einer Weise zur Schau zu tragen, die sie später bereut. Aber die Zeit drängt. Ich habe mit dem Alexanderpriester den Götterbildern und zwar im vollen Ornat in den Zirkus voranzuschreiten. Dir, meine Freundin, sind ja solche Schaustellungen leider zuwider. Und nun noch einmal: die Jungfrau darf, wenn sie auf der Flucht besteht, dies Quartier nicht wieder betreten. Wenn eine, ich wiederhole es, schafft Berenike sie, wohin sie begehrt. Die Folgen hat die Schwägerin selbst zu tragen. Des Verrates wenigstens kann der Cäsar sie nicht zeihen, uns aber befreit ihr Eingreifen von jedem Verdacht einer Mitschuld.«

Kein Wort dieses Gespräches war Melissa entgangen.

Es brachte ihr nichts Neues, und doch griff es ihr tief in die Seele.

Warmen Herzens empfand sie, welche Fülle von Dank sie Frau Euryale schulde, und auch dem Oberpriester durfte sie nicht zürnen; denn gewiß gebot ihm die Klugheit, ihr sein Haus zu verschließen. Und doch that ihr weh, was sie aus seinem Munde vernahm.

Ihr, die in den letzten Tagen so wacker gerungen hatte, das eigene Wohl zu vergessen, um die Ihren vor Schaden zu wahren, war die Selbstsucht nie so nackt vor Augen getreten. Hatte es nicht geschienen, als frage dieser oberste Priester des höchsten Gottes, zu dem man sie beten gelehrt, nur wenig nach dem Verderben der nächsten Anverwandten, wenn es ihn und sein Weib nur verschonte? Das war das Gegenteil dessen, was ihr Andreas, bevor sie zum letztenmal die Fähre mit ihm bestieg, als das Höchste gepriesen, und sie verstand, seit ihr Johanna die Leidensgeschichte Christi erzählt, die Begeisterung, womit der Freigelassene von dem gekreuzigten Gottessohne, dem Selbstlosesten der Selbstlosen, geredet.

In dem feurigen Enthusiasmus ihres jugendlichen Herzens sagte sie sich nun, daß das, was sie von dem Meister der Christen vernommen, schön sei, und daß es auch ihr nicht schwer fallen werde, für diejenigen, welche sie liebte, zu sterben.

Gesenkten Hauptes betrat Frau Euryale wieder das Zimmer und schaute dem Mädchen mit den guten Augen bekümmert und wie um Vergebung bittend ins Antlitz.

Da folgte Melissa dem Drang ihres redlichen Herzens. Fest umschlang sie die alternde Frau mit den schönen, jungen Armen, küßte ihr lebhaft Stirn, Mund und Augen und rief der Ueberraschten in zärtlich bittendem Tone zu: »Vergib mir! Ich wollte ja nicht horchen, und doch konnt' ich das Ohr nicht verschließen. Kein Wort eures Gespräches ist mir entgangen. Ich weiß nun auch, daß ich nicht fliehen darf und auf mich nehmen muß, was die Götter über mich verhängen. Schon früher sagte ich mir oft, wie wenig doch an mir und meinem Wohlergehen liegt, und jetzt, wo ich auch von dem Geliebten lassen soll, ist mir vollends eins, was die Zukunft mir bringt. Den Diodor vergessen kann ich wohl nimmer, und wenn ich mir vorstelle, daß alles aus sein soll zwischen uns beiden, ist es mir, als risse das Herz mir in Stücke. Aber ich erfuhr ja in diesen letzten Tagen, wie Schweres man tragen kann, ohne zusammenzubrechen. Wenn meine Flucht so viele Gute in Gefahr bringt, ja vielleicht in Tod und Verderben, muß ich wohl bleiben. Der Mann, der meiner begehrt, ja gewiß, – besonders wenn ich an seine Zärtlichkeit denke, läuft es mir kalt über den Rücken! Aber vielleicht gelingt es mir auch sie zu ertragen. Und, nicht wahr, wenn ich das Herz zum Schweigen bringe und dem Diodor auf immer entsage und mich dem Cäsar preisgebe, weil es doch so sein muß, dann wirst Du mir auch Dein Haus nicht verschließen, und ich werde bei Dir bleiben dürfen, bis die gräßliche Stunde kommt und Caracalla mich ruft?«

Tiefbewegt war die Matrone diesem Siege Melissas über Verlangen und Widerwillen gefolgt.

Dies Heidenmädchen, das eine brave Mutter zum Rechten erzogen und das Leben in eine harte Schule genommen hatte, wandelte es nicht jetzt schon in der Nachfolge des Heilands? Die große und reine Liebe seines Herzens brachte dies Kind dar, um andere vor Schaden und Leid zu bewahren, und welche Handlungsweise schrieb der Gatte ihr vor, er, der berufen war, der gesamten Heidenwelt ein leuchtendes Vorbild zu bieten!

Das Opfer des Abraham kam ihr in den Sinn. Vielleicht ließ sich der Herr auch an dem guten Willen Melissas genügen, ihr Liebstes auf den Altar zu legen. Wenigstens was an ihr, Euryale, lag, das sollte geschehen, um sie vor dem furchtbarsten Schicksal, das ihre Frauenseele ausdenken konnte, zu behüten, und diesmal war sie es, welche die andere an sich zog und sie küßte.

Das Herz war ihr so voll, und doch vergaß sie nicht, Melissa zur Behutsamkeit zu mahnen, als sie den Kopf mit dem kunstvoll geordneten Lockenputz an ihre Brust schmiegen wollte: »So nicht, so nicht,« sagte sie liebevoll, während sie die Jungfrau von sich abwehrte und, mit den Händen auf ihren Schultern, ihr gerade ins Antlitz schaute. »Dieser Ruheplatz wird stets für Dich bereit stehen. Umrahmt das Haar Dir nur erst wieder so schlicht wie gestern das liebe Gesicht, dann drück' es, so fest Du magst, an meine Brust. Hier im Serapeum kann und soll es geschehen, wenn auch nicht in diesen Räumen, die Dir mein Herr und Gatte verschließt. Ich wies Dich selbst auf die Zeit, die sich für jeden erfüllt, und als sie für Dich kam, hast Du Dich als der gute Baum, von dem unser Herr spricht, bewährt, der gute Frucht trägt. Du siehst mich fragend an, und wie sollst Du auch die Rede der Christin verstehen? Aber ich finde in den nächsten Tagen schon Zeit genug, sie Dir zu erklären; denn, – ich wiederhole es: In meiner Nähe sollst Du bleiben, während der Kaiser die Stadt und die halbe Welt nach Dir durchforscht. Daran halte nur immerfort fest, das stärke Dir den Mut auch im Zirkus.«

»Aber der Vater?« rief Melissa und wies auf den Vorhang, durch den man die nahende laute Stimme des Heron vernahm.

»Baue auf mich,« raunte die Matrone ihr hastig zu, »und verlaß Dich darauf, daß er beizeiten gewarnt wird. Schweige noch von meinem Versprechen. Zögen wir ihn jetzt ins Vertrauen, er würde alles verderben. Ist er fort und Dein Bruder zurück, sollt ihr beide erfahren . . .«

Hier wurden sie von dem Hausmeister unterbrochen, der mit einem sonderbaren Lächeln um den glatt geschorenen Mund den Besuch des Heron anmeldete.

Schon dem Diener hatte der sonst wenig mitteilsame Steinschneider vertraut, was ihm die Seele bewegte; Melissa aber sah verwundert auf das veränderte Wesen des Vaters.

Der schleppende Schritt des riesengroßen, schweren Mannes, der bei sitzender Arbeit ergraut war, hatte etwas Majestätisches gewonnen. Seine Wangen glühten, und seine grauen Augen, die sonst längst durch das scharfe Hinsehen auf Stein und Stichel einen starren Ausdruck gewonnen, strahlten jetzt einen glückseligen Glanz aus. Es mußte ihm etwas Großes begegnet sein, und er wartete auch nicht auf die Frage der Matrone, sondern sprudelte auch vor ihr hervor, was er am liebsten der ganzen Stadt auf dem Markte ins Ohr gerufen hätte.

Ueber alle Beschreibung schmeichelhaft, versicherte er, sei der Empfang gewesen, den er an der Tafel des Cäsar gefunden. Rücksichtsvoller, ja bisweilen ehrerbietiger als die eigenen Söhne habe sich der göttliche Beherrscher der Welt gegen ihn benommen. Die besten Bissen wären ihm aufgetragen worden, und Caracalla habe, er wußte nicht mehr was alles über die künftige Gemahlin zu erfahren gewünscht, und nach seiner Mitteilung, Melissa lasse ihn grüßen, sich aufgerichtet, um ihm zuzutrinken wie einem Freunde.

Auch von den Tischgenossen sei Heron in jeder Weise ausgezeichnet worden. Schon bei seinem Eintritt habe der Herrscher sie aufgefordert, ihn als den Vater der künftigen Kaiserin zu ehren. Sie alle hätten seiner Forderung zugestimmt, den Aegypter Zminis mit dem Tode zu bestrafen, und ihn sogar angetrieben, seinem gerechten Zorne die Zügel schießen zu lassen. Wenn einer, so sei er gewöhnt, in allen Dingen Maß zu halten, schon um den Söhnen ein gutes Beispiel zu geben, und an manchem dionysischen Feste habe er bewiesen, daß der Gott ihn so leicht nicht übermanne. So viel Becher wie heute hätten sonst nur wie Wasser auf ihn gewirkt, und doch sei es ihm manchmal gewesen wie im Rausche und als drehe sich der ganze Festsaal rings um ihn her. Auch jetzt noch würde er nicht im stande sein, auf einer vorgezeichneten Linie gerade vorwärts zu schreiten.

Mit dem Ausrufe: »Was ist das Leben? Vor wenigen Stunden noch auf der Ruderbank und im Kampfe mit dem Stempler auf der Galeere, der mir das Sklavenmal einbrennen wollte, und heute unter den Großen einer der Größten!« schloß er seinen Bericht; denn ein Blick durch das Fenster lehrte ihn, daß die Zeit dränge.

Sonderbar verschämt schaute er dann auf den Ring an seiner Rechten und sagte zögernd, die ihm eigene Bescheidenheit mache ihm dies Bekenntnis schwer; er sei aber nicht mehr der, als welcher er die Frauen vorhin verlassen. Die Gnade des Kaisers bekleide ihn mit der prätorianischen Würde.

Zuerst habe der Cäsar ihn zum Ritter machen wollen; doch er achte seine makedonische Herkunft höher als jenen Stand, dem nach seinem Geschmack zu viele freigelassene Sklaven angehörten. Das habe er offen bekannt, und dem Kaiser müsse sein Einwand gerecht erschienen sein; denn er habe mit dem Präfekten Macrinus einige Worte gewechselt und gleich darauf die Freunde aufgefordert, ihn als Senator mit prätorianischem Range zu begrüßen.

Da sei es ihm freilich gewesen, als verwandle sich das Polster unter ihm in ein wildes Roß, das mit ihm durchgehe ins Meer, in den Himmel, wohin es möge. Er habe sich auch an der Lehne des Lagers festhalten müssen und erinnere sich nur noch, daß ihm, er wisse selbst nicht mehr wer, zugeraunt habe, dem Cäsar zu danken.

»Das gab mir,« fuhr der Steinschneider fort, »die verlorene Fassung so weit zurück, daß ich Deinem künftigen Gemahl, mein Kind, meine Erkenntlichkeit aussprechen konnte. Der zweite Aegypter bin ich ja erst, der in den Senat kommet! Nur Coeranus ging mir voran. Welche Gnade! Und was dann kam, wie soll ich es beschreiben? Von all den vornehmen Herren vom Senat und den früheren Konsuln ward ich als neuer Amtsgenosse brüderlich umarmt. Als dann der Cäsar mir befahl, schon im Zirkus in der weißen Toga mit dem breiten Purpurstreifen neben Dir zu erscheinen und ich bemerkte, jeder größere Kleidermacher halte jetzt schon wegen der Vorstellung den Laden geschlossen, und solche Toga sei nicht zu beschaffen, gab es – wohl wegen der Schaulust der Alexandriner – ein lautes Gelächter. Von allen Seiten bot man mir an, was ich brauchte; ich aber gab dem Theokrit wegen seines hohen Wuchses den Vorzug. Was ihm paßt, wird ja auch für mich nicht gar zu kurz sein. Jetzt wartet meiner ein kaiserlicher Wagen. Wenn der Alexander nur daheim wäre! Eigentlich müßte das Haus bei meinem Eintritt erleuchtet sein und bekränzt, und die Schar meiner Sklaven mir die Hände küssen; es kommen auch bald mehr zu unseren beiden. Wenn der Argutis es nur versteht, mir die Schuhe mit den Riemen und dem Halbmond anzulegen! Dem Philipp ist dergleichen noch fremder als mir, und zudem liegt der arme Bursch ja darnieder. Gut, daß ich mich seiner erinnere. Hatt' ich doch ganz und gar vergessen, daß er auf der Welt ist. Ja, wenn die Mutter noch lebte! Sie war geschickt. O sie! Ach, Frau Euryale, Melissa hat Dir vielleicht von ihr erzählt. Olympias hieß sie, wie die Mutter des großen Alexander, und auch sie hat gute Kinder geboren. Du lobtest vorhin ja selbst meine Jungen. – Und das Mädchen! . . . Bis vor wenigen Tagen war es nur ein hübsches, bescheidenes Ding, von dem sich alles eher erwarten ließ als etwas Großes, und was haben wir nun dem stillen Kinde nicht alles zu danken! Der Mutter Liebling ist die Kleine immer gewesen. Ewige Götter! ich darf nicht daran denken, daß es der Verstorbenen hätte vergönnt sein können, mich Senator und Prätor rufen zu hören. O Kind, wenn sie heute mit uns auf den Plätzen des Kaisers sitzen und sie und ich zusammen auf Dich schauen dürften, auf Dich, unsern Stolz, die Ehre der ganzen Stadt, die künftige Gattin des Cäsar – –«

Hier versagte dem rauhen Manne mit der weichlichen Seele die Stimme, und laut aufschluchzend schlug er die Hände vor das Antlitz; Melissa aber schmiegte sich an ihn und streichelte ihm die bärtigen Wangen.

Unter ihrem liebreichen Zuspruch gewann er bald die verlorene Fassung zurück, und immer noch im Kampfe gegen neu aussteigende Zähren rief er: »Von der thörichten Flucht ist ja, den Himmlischen sei Dank, nicht mehr die Rede. Ich bleibe auch hier und werde mich des Elfenbeinstuhles, der in der Kurie zu Rom meiner harrt, nie bedienen. Dein Gatte, mein Kind, und der Staat werden es auch kaum von mir verlangen. Wenn aber der Cäsar mich, seinen Vater, mit Landgütern und Schätzen beschenkt, dann soll es mein Erstes sein, Deiner Mutter ein Denkmal zu errichten. Ihr werdet ja sehen! Ein Denkmal sag' ich euch, sondergleichen. Die Kraft des Mannes, die sich der weiblichen Anmut beugt, soll es zur Darstellung bringen.«

Damit neigte er sich zu der Tochter nieder, um ihr die Stirn zu küssen, und raunte ihr ins Ohr: »Blicke froh in die Zukunft, mein Mädchen. Das Auge eines Vaters sieht scharf, und so sag' ich Dir denn: Der Kaiser hat Blut vergießen müssen, um sich den Thron zu sichern; im persönlichen Umgang mit ihm lernte ich Deinen künftigen Gatten indes als einen prächtigen Mann kennen. Ja, ich bin nicht reich genug, den Göttern für solchen Schwiegersohn genügend zu danken.«

Sprachlos schaute Melissa dem Vater nach.

Es that ihr so weh, daß diese Hoffnungen durch sie in Leid und Enttäuschung verwandelt werden sollten, und sie sprach es auch mit feuchten Augen aus und schüttelte abweisend das Haupt, als die Matrone versicherte, bei ihr handle es sich um ein grausam vernichtetes Leben, bei dem Vater nur, eitlen Tand preiszugeben, den er so leicht verschmerzen werde wie er sich ihm schnell aufgedrängt habe.

»Du kennst ihn nicht,« sagte das Mädchen betrübt. »Wenn ich fliehe, muß auch er sich in der Fremde verbergen. Er wird nimmer froh, wenn man ihm das Grab der Mutter nimmt, unser Häuschen und seine Vögel. Allein um ihretwillen fragt er nicht nach dem elfenbeinernen Sitz in der Kurie. Wüßtest Du nur, wie unendlich viel ihm bedeutet, was an die Mutter erinnert, und sie hat unsere Stadt nie verlassen.«

Hier wurde sie von dem Eintritt des Philostratus unterbrochen.

Er kam nicht allein; denn der kaiserliche Sklave, der ihn begleitete, brachte ihr in einem zierlichen Korbe Geschenke des Kaisers.

Das erste war ein Kranz von Rosen und Lotosblumen, die das Ansehen hatten, als habe man sie soeben vor Sonnenaufgang gepflückt; denn zwischen Blüten und Blättern gleisten und blitzten als schimmernder Tau an schwanken Silberdrähten schwebende, leicht gefaßte Diamanten. Das zweite war ein Blumenstrauß, um dessen Griff sich eine goldene, mit Smaragden und Rubinen übersäte biegsame Schlange wand, die bestimmt war, sich als Spange um einen Frauenarm zu schmiegen, das dritte eine Halskette von besonders kostbaren persischen Perlen, die – der Händler hatte es versichert – aus dem Schatz der großen Kleopatra stammte.

Melissa liebte die Blumen, und die kostbaren Gaben, die sie begleiteten, mußten jedes Frauenherz erfreuen. Dennoch warf sie ihnen nur einen flüchtigen Blick zu und errötete in peinlicher Verlegenheit bei ihrem Anblick.

Was der Ueberbringer ihr zu sagen hatte, schien ihr werter der Beachtung als die Gaben seines Auftraggebers, und in der That verriet das unruhige Wesen des sonst so gelassenen Philosophen, daß er Anderes und Ernsteres überbringe, als die Geschenke eines Verliebten.

Frau Euryale, die ihm ansah, er werde noch einmal versuchen, Melissa zum Nachgeben zu bestimmen, erklärte kurz, daß sie Mittel und Wege sehe, dem Mädchen zur Flucht zu verhelfen; er aber schüttelte mit einem leisen Seufzer bedenklich das Haupt und sagte: »Wohl, wohl. Ich besteige, während die wilden Tiere im Zirkus ihr Teil empfangen, das Schiff. Möge uns ein frohes Wiedersehen hier oder anderwärts blühen. Der Weg führt mich zuerst zu der Mutter des Kaisers, um ihr mitzuteilen, daß er Dich zur Gemahlin erwählte. Ihrer Einwilligung bedarf es nicht; denn nach wessen Zustimmung oder Mißbilligung fragte wohl Caracalla? Aber das Herz der Julia soll ich Dir gewinnen. Vielleicht wird es mir glücken; Du aber, Mädchen, verschmähst es, und entfliehst ihrem Sohne. Und dennoch ist – glaub' es mir, Kind – ist das Herz dieser Frau ein Schatz sondergleichen, und wem ihre Arme offen stehen, der kann leicht auch Schweres ertragen. Als ich Dich vorhin verließ, versetzte ich mich in Deine Lage und billigte Deinen Entschluß, und doch wäre es gewissenlos, Dir nicht noch einmal vor Augen zu halten, was bevorsteht, wenn Dir der Wille geschieht und der Cäsar sich durch Dich für verschmäht hält, mißhandelt, betrogen.«

»Um aller Götter willen, was ist geschehen?« unterbrach Melissa totenbleich den erregten Mann. Philostratus aber drückte die Faust an die Brust, und seine Stimme klang heiser, als er mit schmerzlichem Eifer fortfuhr: »Nichts Neues. Nur das Alte geht seinen Gang. Dir ist bekannt, daß der Kaiser den alten Claudius Vindex und seinen Neffen wegen ihres Widerstandes gegen seine Verbindung mit Dir mit dem Tode bedrohte. Wir hofften indes alle, Caracalla werde sich bewegen lassen, Gnade zu üben. Er liebt ja, er war bei Tafel so heiter. Ich selbst stellte mich an die Spitze der Fürsprecher und bot alles auf, den Cäsar milde zu stimmen. Doch er ließ sich nicht erweichen, und der alte wie der junge, die edelsten unter den Edlen Roms werden nicht mehr sein, bevor die Sonne dieses Tages verschwindet. Und dies Blut, Kind, die Liebe des Caracalla zu Dir will es vergießen. Frage Dich nun selbst, wie viele Leben es kosten wird, wenn nach Deiner Flucht Haß und Wut in der Seele des Betrogenen die Herrschaft führen?«

Frau Euryale war tief atmend dem Berichte des Philosophen gefolgt, ohne des Mädchens zu achten; kaum aber hatte Philostratus die letzte Frage erhoben, als Melissa in leidenschaftlichem Ungestüm auf sie loseilte, ihren Arm mit den Händen umschloß und wie außer sich rief: »Darf ich Dir denn folgen, Euryale, darf ich auf den Angstschrei des eigenen Herzens hören?«

Dann ließ sie die Matrone los, und dem Philosophen zugewandt, stieß sie hervor: »Oder bist Du im Rechte, Philostratus? Muß ich bleiben, um das Unheil zu verhüten, das andere so schrecklich bedroht?«

Damit preßte sie, hingerissen von dem Aufruhr ihrer Seele, die gefalteten Hände an die Stirn und fuhr stürmisch fort: »Beide seid ihr ja weise und wollt sicher das Beste. Wie könnt ihr mir nun so Verschiedenes raten? Und mein eigenes Herz? Warum schlägt ein Gott es mit Stummheit? Verstand es sonst doch immer laut genug zu sprechen, wenn ein Zweifel mich quälte. Sicher weiß ich nur das Eine: Könnt' ich dies alles mit dem Opfer meines Lebens ungeschehen machen, vor die Löwen und Panther ließ' ich mich so willig werfen, wie das Christenmädchen, das die Mutter heiter lächeln sah, als es in die Arena geführt ward. Glanz und Macht sind mir so verhaßt wie der Strauß dort mit dem falschen Tau. Der Stimme der Selbstsucht hab' ich das Ohr verschließen gelernt. Will ich noch etwas für mich, so ist es nur, dem die Treue zu halten, dem ich sie schwur. Aber dem Vater zu liebe, und wenn ich sicher wäre, durch mein Bleiben viele vor Tod und Unheil zu wahren, wollt' ich es auch auf mich nehmen, mich selbst, von dem Geliebten auf immer getrennt, verachten zu müssen!«

»Füge Dich dem Unvermeidlichen!« fiel ihr hier der Philosoph dringend ins Wort. »Die Unsterblichen vergelten es Dir mit dem Segen der Hunderte, die ein Wort aus Deinem Munde vor Untergang und Verderben bewahrt.«

»Und Du?« frug die Jungfrau und schaute der Matrone mit ängstlicher Spannung ins Antlitz.

»Folge dem Gebot des eigenen Herzens!« versetzte die Matrone bewegt.

Beiden Ratgebern hatte Melissa gespannten Ohres gelauscht, und beide hingen erwartungsvoll an ihren Lippen, während sie mit hochwogendem Busen und wie sich selbst entrückt ins Leere starrte.

Und sie hatten nicht lange zu warten; denn plötzlich trat die Jungfrau dem Philostratus näher und sagte mit einer selbstgewissen Entschiedenheit, die den Freund überraschte: »So soll es sein. Das – hier drinnen fühl' ich's – das ist das Rechte. Ich bleibe, ich entsage der Liebe meines Herzens und nehme auf mich, was das Schicksal über mich verhängt. Es wird schwer sein, und was ich opfere, ist groß. Darum muß ich Gewißheit haben, daß es nicht vergebens geschieht.«

»Aber, Kind,« fiel Philostratus ihr ins Wort, »wer vermag in die Zukunft zu schauen und für Ungeschehenes zu bürgen?«

»Wer?« fragte Melissa unbeirrt. »Derjenige allein, in dessen Hand mein künftiges Geschick liegt. Dem Cäsar selbst überlass' ich die Entscheidung. Du begibst Dich jetzt zu ihm, und ich mache Dich zu meinem Vertreter. Ueberbringe ihm meinen Gruß und sage ihm in meinem Namen, ich, die er seiner Liebe würdige, wage es, ihn bescheiden, doch dringlich zu bitten, den greisen Claudius Vindex und seinen Neffen nicht büßen zu lassen, was sie um meinetwillen gefehlt. Mir zu liebe möge er ihnen Leben und Freiheit schenken. Füge hinzu, es sei der erste Wunsch, dessen Erfüllung ich von seiner Großmut erwarte, und kleide das alles in so gewinnende Worte, wie Peitho sie Dir nur immer auf die beredten Lippen zu legen vermag. Gewährt er diesen Unglücklichen Gnade, so soll mir das als ein Zeichen gelten, daß es mir vergönnt sein wird, auch andere vor seinem Zorn zu beschützen. Weigert er sie ihnen, und verfallen sie dem Tode, dann hat er selbst und durch ihn das Schicksal anders entschieden, dann sieht er mich im Zirkus zum letztenmal als Lebende wieder. So soll es sein, ich wiederhol' es.«

Wie ein strenger Befehl hatten die letzten Worte geklungen, und Philostratus schien auf die Gnade des Kaisers, des liebenden Mannes, und die eigene Beredsamkeit zu hoffen; denn sobald Melissa verstummte, ergriff er ihre Hand und rief eifrig: »Ich will es versuchen, und gewährt er Deine Forderung, so bleibst Du.«

»Ja,« versetzte die Jungfrau fest. »Bitte den Cäsar um Gnade, erweiche ihm das Herz, wie nur Du es vermagst. Ich erwarte die Antwort vor dem Aufbruch in den Zirkus.«

Damit eilte sie, ohne der rufenden Stimme des Philostratus zu achten, in das Schlafgemach zurück. Dort warf sie sich auf die Kniee und betete bald zu den Manen der Mutter und bald auch – zum erstenmal geschah es – zu dem gekreuzigten Heiland der Christin, der den schmerzvollsten der Tode auf sich genommen, um andere glücklich zu machen. Erst flehte sie um Kraft, was auch komme, ihr Gelübde zu halten, dann aber betete sie für den Diodor, und daß es ihn nicht zu elend machen möge, wenn sie sich gezwungen sehe, ihm die Treue zu brechen. Auch des Vaters und der Brüder gedachte sie und legte einer höheren Macht ihr Schicksal ans Herz.

Als Frau Euryale in das Zimmer schaute, fand sie Melissa immer noch auf den Knieen und sah, wie ihr junger Leib bebte, als schüttle sie ein Frost. Da zog sie sich still von der Andächtigen zurück und betete im Tempel des Serapis, dem ihr Gemahl als oberster Priester diente, zu Jesus Christus, daß er, der die Kinder gerufen, zu ihm zu kommen, dies unschuldige, nach dem Rechten suchende Wesen.

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