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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Die Thür des Tablinums flog auf, und ihr entströmte die parthische Gesandtschaft, sieben stattliche Herren in der prächtigen Tracht ihrer Heimat, denen ein Dolmetsch und mehrere Schreiber folgten.

Melissa nahm wahr, wie der eine, ein junger Krieger, dem ein blonder Bart das schöngeschnittene Heldenantlitz umwallte und volles Lockenhaar aus der Tiara hervorquoll, die nervige Faust um den Griff des Schwertes krampfte, und wie sein Nachbar, ein bedächtiger Greis, ihm besänftigend zusprach.

Kaum hatten sie das Vorgemach verlassen, als der alte Adventus die Wartenden zu dem Cäsar berief.

Caracalla saß auf einem erhöhten Throne von Gold und Elfenbein mit scharlachroten Polstern. Wie gestern war er prächtig gekleidet und trug auch den Lorbeerkranz auf dem Haupte. Der Löwe, der neben dem Thron an der Kette lag, regte sich, als er die Eintretenden erblickte; Caracalla aber rief Melissa entgegen: »So lange miedest Du mich, daß mein ›Perserschwert‹ Dich nicht wiedererkennt. Wenn es mir nicht weit wohler thäte, Dir zu zeigen, wie lieb Du mir bist, könnt' Dir zürnen, Du spröder Flüchtling!«

Als Melissa ihn nun ehrerbietig begrüßte, schaute er ihr entzückt in das erglühende Antlitz und sagte, indem er sich halb an sie, halb an Philostratus wandte: »Wie sie errötet. Sie schämt sich, daß sie in dieser Nacht, als ich keinen Schlaf finden konnte und eine unbeschreibliche Unruhe mich quälte, meinem Rufe nicht folgte, obgleich sie sehr wohl weiß, daß die einzige wirksame Arznei für den schlaflosen Freund ihre schöne kleine Hand ist. Still, still! Der Oberpriester sagte mir schon, Du habest nicht unter dem gleichen Dache mit mir geruht. Aber das eben gab meinen Wünschen die rechte Richtung. Kind, Kind! . . . Sieh nur, Philostratus . . . Aus der roten ist eine weiße Rose geworden. Und diese bange Scheu! – Sie beleidigt mich nicht, nein, sie erfreut mich . . . Die Blumen dort her, Philostratus! Nimm sie, Melissa. Sie schmücken Dich weniger, als Du ihnen zur Zierde gereichst.«

Damit griff er nach den herrlichen Rosen, die er heute in aller Frühe für sie bestellt, und steckte ihr die schönste selbst in den Gürtel. Sie ließ es geschehen und stammelte dabei leise Dankesworte.

Wie seine Wangen glühten!

Mit frohem Entzücken hingen seine Blicke an der Erwählten. In dieser Nacht, nachdem er sie gerufen und ihrem Kommen mit fieberhafter Sehnsucht vergeblich entgegengeharrt hatte, war es ihm zur Gewißheit geworden, daß das bescheidene Kind eine neue, große Leidenschaft in ihm erweckt habe. Er liebte sie, und er, der bisher nur flüchtiges Wohlgefallen an schönen Frauen empfunden, freute sich dessen. Von marternder Sehnsucht gequält, hatte er sich geschworen, sie zu der Seinen zu machen und mit ihr alles zu teilen, ja selbst den Purpur.

Das Zaudern war nicht seine Sache, und schon am frühen Morgen hatte er die Boten der Mutter rufen lassen und sie von seinem Entschluß unterrichtet.

Niemand wagte, ihm zu widersprechen, und von derjenigen, die er so hoch erheben wollte, erwartete er es am letzten; sie aber fühlte sich ihm völlig entfremdet, und wie gern hätte sie ihm ins Gesicht gerufen, was sie empfand.

Doch es galt, standzuhalten, auch das Unerträgliche über sich ergehen zu lassen, und sich sogar zum Reden zu zwingen. Dennoch war ihr die Zunge wie gelähmt, und sie mußte die ganze Willenskraft zusammennehmen, um dem Erstaunen über seine schnelle Genesung in klaren Worten Ausdruck zu geben.

»Es ist wie ein Wunder,« schloß sie; er aber bestätigte dies. Sonst mache sich dergleichen vier Tage und länger noch fühlbar. Das Erstaunlichste aber sei, daß er trotz des besten Wohlseins doch unter der schwersten aller Krankheiten leide. »Dem Fieber der Liebe, mein Philostratus,« rief er mit einem zärtlichen Blick auf Melissa, »bin ich verfallen.«

»Aber, mein Cäsar,« unterbrach ihn der Philosoph. »Nicht das Lieben ist eine Krankheit, sondern das Nichtlieben.«

»Beweise diese neue Behauptung,« lachte der Kaiser, und jener fuhr mit einem bezeichnenden Blick auf die Jungfrau fort: »Wenn das Lieben vom Sehen ausgeht, so sind die blind, welche nicht lieben.«

»Aber,« versetzte Caracalla munter, »man sagt, nicht nur, was das Auge, sondern auch was Seele und Geist fesselt, wecke die Liebe.

»Als wenn Geist und Seele nicht auch Augen besäßen!« lautete die Antwort, und der Kaiser stimmte ihm lebhaft bei.

Dann frug er Melissa mit leisem Vorwurf, warum sie, die ihm gestern bewiesen, daß es ihrem Geiste wahrlich nicht an Schlagfertigkeit fehle, sich heute so zurückhaltend zeige; sie aber schob ihre Einsilbigkeit auf die gewaltigen Erregungen, die heute von früh an auf sie eingestürmt seien.

Die Stimme versagte ihr am Schluß dieser Erklärung, und Caracalla, der aus ihrem plötzlichen Verstummen schloß, daß es die Größe der Wandlung sei, die ihr durch seine Gnade bevorstand, was sie verwirrte und mit den zarten Farben auf ihren Wangen sein Spiel trieb, ergriff ihre Hand und sagte, einer besseren Regung gehorsam: »Ich verstehe Dich, Kind. Es begegnen Dir hier Dinge, die auch eine Stärkere ängstigen müssen. Mit halben Worten bekommst Du zu hören, was doch entscheidend auf Deine Zukunft einwirken muß. Du weißt, wie ich Dir gesinnt bin. Schon gestern bekannte ich, was Dir ja ohne Worte bewußt war. Beide fühlen wir die Macht, die uns zu einander hinzieht. Wir gehören zusammen. In Zukunft darf weder Zeit, noch Raum, noch was es sonst sei, uns trennen. Wo ich bin, sollst auch Du sein. In allen Stücken wirst Du mir gleichstehen. Jede Ehre, die mir zukommt, wird man auch Dir erweisen. Den Mißgünstigen zeigte ich schon, was ihrer wartet. Des Konsularen Claudius Vindex und seines Neffen, die in Deiner Person auch mich beleidigten, wartet ein Schicksal, das die anderen lehren wird, sich zu hüten.«

»O Herr, der weißhaarige Greis!« fiel ihm Melissa mit flehend erhobenen Händen ins Wort.

»Er stirbt samt seinem Neffen,« lautete die entschiedene Antwort. »Sie erfrechten sich beide, bei meinem Gespräche mit den Gesandten der Mutter die Stimme in einer Weise gegen Dich und meinen heißesten Herzenswunsch zu erheben, die der Auflehnung gleichsah. Sie werden es büßen.«

»Um meinetwillen willst Du sie strafen!« rief Melissa. »Ich aber vergebe ihnen gern. Schenk ihnen Gnade! Ich bitte, ich flehe Dich an.«

»Unmöglich! Ohne dies Beispiel kommen die Lästerzungen noch lange nicht zur Ruhe. Das Urteil bleibt stehen.«

Doch Melissa beruhigte sich nicht bei dieser Entscheidung. Noch einmal bat sie mit glühendem Eifer den Kaiser, Gnade zu üben, er aber schnitt ihr das Wort ab mit dem Geheiß, sich von Dingen fern zu halten, die er allein zu bestimmen und zu verantworten habe. »Jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen,« fuhr er fort, »bin ich Dir schuldig wie mir. Wollt' ich des Vindex schonen, es wäre um ihren Glauben an meinen ernsten Willen geschehen. Er stirbt samt dem Neffen. Einen Hochbau zu errichten, ohne die Fundamente zu festigen, wäre vermessene Thorheit. Auch ohne der Vorzeichen zu achten, beginne ich nichts. Das Horoskop, das die Priester dieses Tempels Dir stellten, bestärkte mich in meinem Vorsatz. Die Opferschau heute morgen war günstig. Jetzt gilt es noch, zu erkunden, was die Sterne zu meinem Entschlusse sagen. Bei der ersten Frage an die Schicksalskünder da oben war er noch nicht gefaßt. In dieser Nacht wird sich's ergeben, welche Zukunft die Planeten unserer Verbindung verheißen. Nach den Angaben auf der Tafel dort ist es kaum denkbar, daß ihre Entscheidung anders ausfällt als günstig. Aber selbst wenn sie mich vor Mißgeschick an Deiner Seite warnten, könnt' ich Dich nicht mehr lassen. Dazu ist es zu spät. Ich würde nur, achtsam auf die Winke der Sterne, mit doppelter Strenge fortfahren, aus dem Wege zu räumen, was unser Bündnis bedroht. Und dann noch eins . . .«

Doch er ward unterbrochen; denn Epagathos erinnerte ihn an die Deputation der alexandrinischen Bürger, die wegen der Spiele im Zirkus gekommen seien. Sie warteten schon mehrere Stunden und hätten noch manche Anordnung zu treffen.

»Schicken sie Dich zu mir?« fragte Caracalla gereizt, und als der Freigelassene dies bejahte, rief er: »Die Fürsten, die in meinem Vorzimmer warten, rühren sich nicht, bis die Reihe an sie kommt; diesen Krämern verwirrt der Glanz ihres Goldes die Sinne. Sage ihnen, man werde sie rufen, sobald man Zeit für sie finde.«

»Auch der neue Nachtstrateg wartet,« meldete der Freigelassene, und auf des Kaisers Frage, ob er ihn gesprochen habe und ob er etwas Wichtiges bringe, entgegnete der andere, der Mann sei in großer Unruhe, scheine aber die nötige Strenge walten zu lassen. Er erinnere auch an das Wort, den Alexandrinern müsse man Brot und Wettrennen hinwerfen; um anderes kümmerten sie sich wenig. In diesen Tagen ohne Spiele, Schaustellung und Kornverteilung seien die Römer und der Kaiser der einzige Gegenstand des Gesprächs gewesen. Im Zirkus stehe heute Großartiges bevor. Schon das werde den frechen Lästerzungen neue Beschäftigung geben. Der Nachtstratege hätte den Kaiser gern selbst gesprochen, um ihn vorzubereiten, daß es hier lebhafter im Zirkus zugehe als selbst in Rom. Trotz aller Wachsamkeit werde er den Pöbel auf den oberen Rängen nicht zwingen können, sich still zu verhalten.

»Das sollen sie auch nicht,« unterbrach ihn der Kaiser, »je lauter sie schreien, um so besser; und ich denke, sie werden Dinge zu sehen bekommen, die des Zurufes wert sind. Es fehlt mir an Zeit, den Mann zu sehen. Gib Du ihm zu bedenken, daß jede Ausschreitung auf sein Haupt kommt.«

Damit winkte er dem Epagathos, zu gehen; Melissa aber trat dem Cäsar näher und bat bescheiden, die würdigen Herren um ihretwillen nicht länger warten zu lassen.

Da zog Caracalla die Stirne kraus und rief unwillig: »Zum zweitenmal muß ich Dich bitten, Dich nicht in Dinge zu mischen, die Dich nichts angehen. Wer es wagt, mich zu meistern . . .«

Hier aber unterbrach er sich selbst; denn als Melissa scheu von ihm zurücktrat, gewahrte er, daß auch die Liebe nicht stark genug sei, ihm Mäßigung aufzuerlegen. Aergerlich über sich selbst, zwang er sich zu größerer Ruhe und fuhr gelassener fort: »Wenn ich Befehle erteile, Kind, so liegt oft etwas hinter ihnen verborgen, das ich allein kenne. Wer sich an die Person des Cäsar herandrängt wie diese, der muß sich zu gedulden verstehen. Und Du . . . Wenn Du diejenige sein wirst, zu der ich Dich zu erheben gedenke, solltest Du Dich zuerst bemühen, von kleinlichen Rücksichten und Bedenken zu lassen. Uebrigens kommt das schon von selbst. Weichmütige Milde zerschmilzt auf dem Throne wie das Eis in der Sonne. Du lernst auch bald genug das Gezücht verachten, das uns umbettelt. Wenn ich vorhin aufbrauste, so lag die Schuld mit an Dir. Es war mein Recht, zu erwarten, Du werdest begieriger sein, mich zu Ende zu hören, als armseligen Krämern das Warten zu kürzen.«

Hier nahm seine Stimme wieder einen rauheren Klang an; als sie aber den Blick zu ihm erhob und ihm ein bittendes: »O Herr!« zurief, fuhr er gütiger fort: »Es bleibt auch nicht viel zu sagen übrig. Du wirst die Meine. Bestätigen die Sterne ihr erstes Gutachten, so erheb' ich Dich hier in der Stadt des Alexander schon morgen zu meiner Gemahlin und lasse das Volk Dir als Kaiserin huldigen. Der Alexanderpriester ist bereit, die Vermählungsfeier zu leiten. Philostratus überbringt diesen Entschluß meiner Mutter.«

In wachsender Verwirrung, tief atmend und keines Wortes mächtig, war Melissa diesen Verordnungen gefolgt; den Cäsar aber entzückte die reizende Verwirrung, die sich in ihren Zügen malte, und froh erregt rief er: »Auf diese Stunde hab' ich mich gefreut, und die Ueberraschung gelang. Das ist götterähnlich an der kaiserlichen Macht, daß sie gestattet, auf einen Wink aus dem Kleinsten das Höchste zu machen.«

Dabei zog er Melissa an sich, küßte der zitternden Jungfrau die Stirn und fuhr in froher Erregung fort. »Die Zeit steht nicht still, und von dem ersehnten Ziele trennen uns nur noch wenige Stunden. Laß uns ihnen Flügel verleihen! Wir nahmen uns ja gestern vor, einander zu zeigen, was wir als Sänger und Zitherspieler vermögen. Da liegt mein Saitenspiel. Gib es her, Philostratus, ich weiß schon, womit ich beginne.«

Der Philosoph brachte und stimmte das Instrument; Melissa aber hielt mühsam die Thränen zurück. Der Kuß des Kaisers glühte ihr wie ein Schandmal auf der Stirn. Eine namenlose, schmerzliche Unruhe war über sie gekommen, und am liebsten hätte sie die Zither zu Boden gestoßen, als Caracalla in die Saiten zu greifen begann und dem Philostratus zurief: »Du gehst morgen von uns, und so will ich denn das Lied singen, das Du in Deinen Heldengeschichten zu Ehren brachtest.«

Dann wandte er sich an Melissa, und als sie die Frage, ob sie das Werk des Philosophen kenne, bejahte, fuhr er fort: »So weißt Du, daß ich ihm zu seinem Achilleus Modell stand. Der abgeschiedene Geist des Heros genießt auf der Insel Leuke im Pontus der seligen Ruhe, die ihm nach dem thatenreichsten Heldenleben gebührt. Nun findet er auch Zeit, Lieder zum Saitenspiel zu singen, und die folgenden Verse – sie sind von mir – legt Philostratus ihm in den Mund. Ich will spielen, Adventus! Die Thür auf!«

Der Freigelassene gehorchte, der Kaiser aber schaute in das Nebengemach, um sich zu überzeugen, wer sich dort befinde. Er brauchte Zuhörer für seinen Gesang. Der Zirkus hatte ihn an lauteren Beifall gewöhnt, als ihn die Geliebte und ein Kenner zu spenden vermochten. Endlich schlug er die Saiten und begann mit einem wohlgeübten Tenor, dessen scharfer, schmelzloser Klang indes dem verwöhnten Ohre der Alexandrinerin weh that, das Lied auf das Echo am Pontus:

»Echo an der tiefen Wasser Weiten,
An des großen Pontus Felsenstrand,
Dich erwecken setzt der Lyra Saiten,
Die begeistert schlägt des Dichters Hand.

Auf! die Stimme mächtig zu erheben!
Dem Homerus töne hell dein Lied, –
Ihm, der Helden göttlich ew'ges Leben,
Ihren Thaten hehren Ruhm beschied.

Der auch mich dem blassen Tod entrückte,
Ihm, durch den Patroklus mir noch lebt,
Der mit Jugendblüte Ajax schmückte,
Daß er götterähnlich vor uns schwebt.

Dessen Laute, wenn auch speerbezwungen,
Ilion danket, daß es preist die Welt,
Daß es hochgefeiert, hell besungen,
Ewig blüht und nie in Staub zerfällt.«Eigene Uebersetzung aus dem Heroïca des Philostratus.

Den Löwen »Perserschwert« schien der Gesang seines Herrn besonders zu rühren; denn er begleitete ihn mit einem langgezogenen Klagelaut, und bevor der kaiserliche Virtuos das Lied beendet, scholl von der Straße her ein mißtönendes Geschrei, welches das quiekende Grunzen junger Ferkel nachahmen sollte, durch das geöffnete Fenster. Es kam aus der Menge, die den Cäsar in den Zirkus fahren zu sehen wünschte, und Caracalla schielte, als es lauter wurde, nach der Stelle hin, von woher es kam, und die Falten zwischen seinen Augen zogen sich bedenklich zusammen.

Doch sie sollten sich bald wieder glätten; denn kaum hatte er geschlossen, als sich ein stürmisches Beifallsgeschrei in den Warteräumen erhob. Von den Freunden des Cäsar ging es aus, und die tiefen Stimmen der germanischen Leibwache, die hier die Zurufe wiederholten, die sie im Zirkus gelernt, verliehen ihnen eine so ungestüme Kraft, daß sich der Künstler im Purpur befriedigt fühlte.

Wie dann auch Philostratus ihm anerkennende Worte sagte und Melissa ihm errötend dankte, sagte er lächelnd: »Es lag etwas Urwüchsiges in der Kundgebung dort draußen. Gemachter Beifall klingt anders. In meinem Gesange muß doch wohl etwas liegen, das die Seelen mit fortreißt. Nur meine alexandrinischen Gastfreunde beeilten sich wieder, mir ihre Gesinnung zu zeigen. Ich hörte es wohl und schreibe es zu dem andern.«

Dann lud er Melissa ein, ihm als Gegengeschenk für seine Liedergabe die Ode der Sappho an Aphrodite zu singen.

Bleich und wie von einem fremden Willen gezwungen, stellte sie sich gehorsam dieser Ladung an die Zither, und das Vorspiel klang ihr rein und ansprechend von den geschickten Fingern.

»Prächtig! Des Mesomedes würdig!« rief Caracalla, doch zu singen vermochte Melissa nicht; denn schon vor dem ersten Ton erschütterte ihr ein heftiges Schluchzen die Brust.

»Die Macht der Göttin, die sie zu feiern gedachte,« sagte Philostratus, indem er auf sie hinwies, und der feuchte, flehende Blick, mit dem sie dem Kaiser ins Antlitz schaute, während sie ihn leise bat: »Jetzt nicht! es will heute nicht gehen,« bestärkte in Caracalla die Meinung, daß die Leidenschaft, die er in der Jungfrau erweckt, der seinen nicht nachstehe, oder sie gar überbiete.

Mit einem feurigen »Ich liebe Dich,« das er Melissa zuflüsterte, machte er dem übervollen Herzen Luft, und als verlange ihn auch, durch ein Geschenk zu zeigen, wie er ihr gesinnt sei, fügte er hinzu: »Ich lasse auch Deine Mitbürger da draußen nicht länger warten. Adventus! Die Veranstalter der Spiele.«

Der Kammerdiener entfernte sich sogleich, der Kaiser aber warf sich auf den Thron und fuhr seufzend fort: »Ob einer der reichen Krämer wohl auf sich nehmen möchte, was heute schon hinter mir liegt? Erst das Bad, und während der Rast der Vortrag des Macrinus, dann die Opferschau, dann die Musterung der Truppen, und dabei ein huldreiches Wort an einen jeden. Kaum zurück, das Gespräch mit den Gesandten der Mutter, und der Verdruß mit dem Vindex. Dann die Sendung aus Rom. Die Prüfung der Schriften. Jedes einzelne Blatt, mit dem Entscheid versehen und unterzeichnet. Endlich die Abrechnung mit dem Idiologen, der als Oberpriester von meiner Wahl die Steuern der Tempel in ganz Aegypten für mich einzieht . . . Der Empfang von verschiedenen Leuten . . . Auch Dein Vater war darunter. Wunderlich ist er; aber ein Mann, ein echter Makedonier vom alten Schlag. Gruß und Geschenke lehnte er ab; doch gerochen wollte er sich sehen, und das schwer und blutig an dem Angeber Zminis, der ihn auf die Ruderbank brachte . . . Wie der Alte als Gefangener getobt haben mag! Als wär' er mein Vater, bin ich dem drolligen Graukopf begegnet. Der Riese gefällt mir, und wie kunstfertige Finger hat er an den gewaltigen Händen! Er schenkte mir auch den Ring dort mit dem Bilde des Kastor und Pollux.«

»Meine Brüder sind die Vorbilder gewesen,« fügte Melissa hinzu, froh, etwas gefunden zu haben, das sie sagen konnte, ohne sich zu verstellen.

Da besichtigte der Kaiser den Siegelstein in dem goldenen Reifen näher und rief voller Bewunderung. »Wie klein das Köpfchen ist, und auf den ersten Blick erkennt man den frohsinnigen Maler! Die Kunst Deines Vaters gehört zu den alleredelsten und feinsten. So gut wie einem Zitherspieler kann ich auch einem Steinschneider Bildsäulen errichten.«

Hier wurde die Deputation der Festveranstalter gemeldet, und nachdem der Kaiser abermals ein kurzes: »Warten!« gerufen, fuhr er fort: »Ihr seid ein schönes Geschlecht. Die Männer kraftvoll, die Weiber von aphroditischer Anmut. Das ist das Rechte! Auch mein Vater nahm die Klügste und Schönste zum Weibe. Die Schönste bist Du . . . Die Klügste? Vielleicht hab' ich auch die in Dir gefunden. Die Zukunft wird es lehren! Aphrodite hat sonst nur eine schmale Stirn, und Schönheit und Klugheit, sagt Philostratus, wären bei euch Weibern feindliche Schwestern.«

»Doch die Ausnahme,« fiel ihm der Philosoph ins Wort und wies auf Melissa, »bestätigt die Regel.«

»In diesem Sinne schildere sie der Mutter!« gebot Caracalla. »Ich ließe Dich nicht von mir, wenn Du nicht der einzige wärst, der Melissa kennt. Man darf Deiner Beredsamkeit auch zutrauen, sie so darzustellen, wie sie es verdient. Und jetzt,« fuhr er eiliger fort, »nur noch das eine. Ist die Deputation entlassen, und hab ich noch einige andere empfangen, so beginnt die Mahlzeit. Vielleicht würdest Du Dich dabei gut unterhalten. Indes, – unter die Freunde führe ich Dich besser erst nach der Vermählung. Wenn es dunkelt, geht es dafür in den Zirkus, und Du mußt mich natürlich begleiten.«

»O Herr,« klang es hier angstvoll und abwehrend von den Lippen des Mädchens. Caracalla aber rief lebhaft: »Keinen Widerspruch, bitt' ich. Ich zeigte schon, denk' ich, zur Genüge, daß ich von Dir fern zu halten weiß, was der Jungfrau mit Recht nicht genehm ist. Dein Besuch der Vorstellung ist nur der erste Schritt, den Du als künftige Kaiserin auf der Bahn der neuen Ehren zu thun hast.«

Aber Melissa hob noch einmal bittend Stimme und Hände. Doch es war umsonst; denn Caracalla schnitt ihr befehlshaberisch das Wort ab mit dem Rufe: »Ich habe alles bedacht. Du gehst in den Zirkus. Nicht mit mir allein; denn das gäbe den Lästerzungen willkommene Arbeit. Dein Vater begleitet Dich. Wenn Du willst, auch Dein Bruder. Erst während der Vorstellung geselle ich mich zu euch. Deine Landsleute werden die Bedeutung dieses Besuches erraten. Zudem sind Theokrit und die anderen beauftragt, dem Volke zu melden, welche Auszeichnung Dir und den Alexandrinern bevorsteht. Aber wie Du erblaßt bist! Im Zirkus röten sich Dir die Wangen schon wieder. Entzückt und begeistert – ich irre nicht – wirst Du ihn verlassen. Erfahre nur erst, wie der Zuruf der Zehntausende ins Herz greift und die Seele berauscht. Mut, nur Mut, makedonische Jungfrau! Alles Große und Unerwartete, auch unverhofftes Glück, erschreckt und verwirrt. Aber auch das Unerhörte wird zur Gewohnheit. Ein kräftiger Geist wie der Deine wird bald mit dergleichen fertig. Doch die Zeit verrinnt. Und jetzt nur noch dies! Bei Sonnenuntergang bist Du im Zirkus. Jedenfalls mußt Du vor mir auf dem Platze sein. Adventus sorgt für den Wagen oder die Sänfte; wie Du befiehlst. Am Eingang wartet Theokrit und führt euch auf die Sitze.«

Da hielt Melissa sich nicht länger, und fortgerissen von dem wilden Aufruhr in ihrer Brust rief sie, Mäßigung und Vorsicht vergessend: »Ich kann nicht!«

Dann warf sie das Haupt zurück und schaute, als wolle sie ihn zum Zeugen anrufen, mit den großen, weitgeöffneten Augen gen Himmel.

Aber bald genug gewann ihr Blick eine andere Richtung; denn ihr kühner Widerspruch hatte die Wut des Kaisers entfesselt, und mit dumpfen Zorneslauten brach es hervor: »Du kannst nicht, sagst Du? Und damit, unsinnige Thörin, denkst Du, wären wir fertig?«

Dann lachte er jäh auf, preßte die Faust auf das linke Augenlid, das krampfhaft auf und nieder tanzte, und fuhr leiser, doch mit herausforderndem Hohne fort: »Ich weiß es besser! Du mußt! Und Du mußt nicht nur in den Zirkus, sondern wirst es auch gern thun oder doch mit lachendem Munde. Bei Sonnenuntergang brichst Du auf! Zu rechter Zeit find' ich Dich auf dem Platze; – und fänd ich Dich nicht . . . Soll ich Dich heute schon lehren, daß ich Ernst zu machen verstehe? Hüte Dich, Mädchen! Wohl bist Du mir teuer, doch – beim Haupte meines Vaters – wenn Du mir trotzest, dann schleppen Dich meine numidischen Löwenhüter, wohin Du gehörst.«

Bis hierher war Melissa tief atmend, mit hoch wogendem Busen und zuckenden Nüstern dem Toben des Cäsar wie einem empörenden Schauspiele gefolgt, dem zu rechter Zeit ein Ende gemacht werden müsse, und nun fiel sie dem Wütenden ins Wort und rief zum Aeußersten entschlossen: »Schicke sie nur und befiehl ihnen auch, mich vor die wilden Tiere zu werfen! Den Zuschauern, o gewiß, ihnen ist das unerwartete Schauspiel willkommen. Wer hätte hier schon die Tochter eines freien römischen Bürgers, die nie vor den Richtern stand, auf dem Sande der Arena zerreißen sehen? Und sie lieben das Neue. – Morde mich wie die Plautilla, wenn ich auch weder Dich, noch, wie sie, Deine Mutter beleidigte. Lieber hundertmal sterben, als die eigene Schande zur Augenweide machen für die Zirkusbesucher!«

Hier schwieg sie, und als sei ihre Widerstandskraft erschöpft, warf sie sich auf den Diwan und vergrub, leise weinend, das Antlitz in die Polster.

Ueberrascht und verwirrt von solcher Kühnheit hatte der Kaiser sie zu Ende reden lassen. Welche Heldenseele barg der zarte Leib dieser Jungfrau! Herrlich, wie die siegreiche Venus hatte sie nun schon zum zweitenmal ihm gegenübergestanden, und ein wie rührendes Bild bot die Weinende jetzt in ihrer Schwäche! Er liebte sie, und das Herz drängte ihn, sie aufzurichten, sie in die Arme zu nehmen, sie um Vergebung zu bitten und ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Doch er war ein Mann, war der Kaiser, und Melissa dem Volk im Zirkus als seine Erwählte zu zeigen, schon in dieser schlaflosen Nacht beschlossene Sache geworden. Dazu wäre ihm unmöglich gewesen, von einem Wunsche, ja einem Entschluß zu lassen, auch wenn er es gewollt hätte. Doch es verdroß ihn, wie ein roher Barbar auf das zarte Griechenmädchen eingestürmt zu sein und der Erfüllung seines Verlangens selbst Hindernisse in den Weg gewälzt zu haben. Das heiße Blut hatte ihn wieder einmal fortgerissen. Ein Dämon war es, der ihn so oft zu Ausschreitungen zwang, die ihn später gereuten. Auch diesmal, er fühlte es, war der Unhold mächtig in ihm gewesen. Jetzt galt es, die tief erregte Jungfrau mit Güte seinem Willen zu beugen.

Es war ihm lieb, dem Blick ihres mächtigen Auges nicht zu begegnen, als er dicht zu ihr herantrat und sich an den Platz des Philostratus stellte, der ihr heimlich zugeraunt hatte, sich zu mäßigen, um nicht Tod und Verderben über sich selbst und die Ihren zu bringen.

»Ich hatte es wahrlich gut genug mit Dir im Sinne, Liebling,« begann er in völlig verändertem Tone. »Aber wir sind beide wie allzu volle Gefässe, die ein Tropfen zum Ueberlaufen bringt. Du – gesteh es nur, daß auch Du Dich zu mäßigen vergaßest; ich . . . Auf dem Throne verlernt es sich, Widerspruch zu ertragen. Ein Glück nur, daß die Zornesflamme so schnell wieder erlischt. Aber es läge in Deiner Hand, sie gar nicht auflohen zu lassen; denn freundliche Bitten werde ich stets zu erfüllen suchen, wenn es nur angeht. Diesmal freilich muß ich darauf bestehen –«

Hier wandte Melissa dem Kaiser wieder das Antlitz zu, streckte ihm die Hände bittend entgegen und rief: »Was Du befiehlst, auch das Schwerste, es soll geschehen; nur zwinge mich nicht, Dir in den Zirkus zu folgen. Ja, wenn meine Mutter noch lebte! Jeder Platz war der rechte, an dem sie mit mir erschien. Aber der Vater, und nun gar der Tollkopf Alexander – sie wissen nicht, was einer Jungfrau ziemt, und keiner traut es ihnen zu.«

»Und mit Recht,« unterbrach sie Caracalla. »Jetzt erst versteh' ich Dich und danke Dir, daß Du mir Widerstand botest. Doch es liegt zum Glück in meiner Macht, Deine Bedenken aus der Welt zu schaffen. Auch die Weiber haben mir zu gehorchen. Gleich werde ich die nötigen Befehle erteilen. Unter den edelsten Matronen der Stadt, von ihnen begleitet und behütet, wirst Du im Zirkus erscheinen. Die Gemahlinnen der Herren da draußen werden Dich umgeben. Diese Anordnung wird auch der Billigung meiner Mutter gewiß sein. Auf Wiedersehen also im Zirkus!«

Mit stolzer Befriedigung und in der feierlichen Haltung, die ihn Cilo in der Kurie anzunehmen gelehrt, hatte er die letzten Worte gesprochen.

Dann befahl er, die alexandrinischen Herren einzuführen; der unglücklichen Kaiserbraut aber erstarb der Widerspruch auf den Lippen; denn schon flogen die Thürflügel weit auf, und die Wartenden drangen über die Schwelle.

Der alte Adventus winkte Melissa, und gesenkten Hauptes folgte sie ihm durch die Hintergemächer und Gänge, die in das Quartier des Oberpriesters führten.

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