Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
Schließen

Navigation:

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Während Melissa mit dem Philosophen durch die dichten Gruppen der Wartenden schritt, wies er auf dieselben und sagte: »Um Deinetwillen, Kind, ward heute diesen Hunderten die Zeit lang und manche Hoffnung betrogen. Sie zu befriedigen, ist ein Riesenwerk. Doch Caracalla bewältigt es wohl oder übel.«

»So wird er meiner vergessen,« versetzte Melissa und atmete tief auf.

»Das schwerlich,« entgegnete der Philosoph. Das geängstigte Kind that ihm leid, und beflissen, das Los Melissas, so weit es an ihm lag, zu erleichtern, sagte er ernst: »Du hast ihn ›furchtbar‹ genannt, und er kann es auch sein, wie kein anderer. Aber Dir hat er sich bisher gütig erwiesen, und folgst Du meinem Rat, so gibst Du Dir immer das Ansehen, nur Gutes, ja Edles von ihm zu erwarten.«

»Dann müßte ich heucheln,« versetzte Melissa. »Er hat heute erst den edlen Titianus ermordet.«

»Das sind Dinge, die den Staat betreffen und Dich nichts angehen,« entgegnete Philostratus. »Lies meine Schilderung des Achill. Ich stelle ihn unter den anderen Heroen so dar, wie Caracalla sein könnte. Versuche auch Du ihn so zu sehen. Ich weiß, daß es ihn zuweilen reizt, der guten Meinung, der er bei anderen begegnet, gerecht zu werden. Mute Deiner Einbildungskraft etwas zu! Ich werde ihm sagen, Du hieltest ihn für großmütig und edel.«

»Nein, nein!« bat Melissa, »das würde nur alles verschlimmern;« der Philosoph aber fiel ihr ins Wort: »Traue meiner reiferen Erfahrung. Ich kenne ihn. Gibst Du ihm Deine wahre Gesinnung offen zu erkennen, so steh' ich für nichts. Mein Achilleus zeigt die guten Anlagen, womit er zur Welt kam, und siehst Du scharf hin, kannst Du die Funken unter der Asche immer noch erkennen.«

Damit verließ er das Mädchen; denn sie waren auf den Vorsaal der Wohnung des Oberpriesters gelangt, und um weniges später saß Melissa Frau Euryale gegenüber und bekannte ihr alles, was sie erlebt und empfunden.

Nachdem sie der älteren Freundin auch mitgeteilt, was ihr Philostratus geraten, strich ihr jene über die Locken und sagte: »Versuche nur, der Vorschrift des erfahrenen Mannes zu folgen. Allzu schwer kann es Dir nicht werden. Wenn ein Frauenherz einmal durch irgend ein Band – und das des Mitleides gehört zu den stärksten – mit einem Manne verknüpft war, so kann dies Band wohl Schaden leiden, doch einige Fäden davon bleiben immer noch übrig.«

Aber Melissa fiel ihr lebhaft ins Wort: »Es gibt auch kein Spinngeweb mehr, das mich mit dem Gräßlichen verbände: der Mord des Titianus hat alles zerrissen.«

»Doch nicht,« versetzte die Matrone zuversichtlich. »Das Mitleid ist die einzige Form der Liebe, die in einem guten Herzen auch nicht durch das schlimmste Verbrechen verscherzt wird. Du hast für den Kaiser gebetet, bevor Du ihn kanntest, und es ist aus reiner Menschenliebe geschehen. Uebe nun auch weiter Barmherzigkeit an dem Armen, und denke dabei, die Schickung habe Dich zur Pflege eines schwer zu behandelnden, in Fieber rasenden Kranken berufen. Wie viele Christinnen, die meisten, die sich Diakonissinnen nennen, nehmen solches Liebeswerk freiwillig auf sich, und das Gute ist gut, das Rechte recht für jeden, mag er zu einem Gott beten oder zu vielen. Hältst Du das Herz rein und denkst immerdar an die Zeit, die sich für jeden zu seinem Heil oder Verderben erfüllt, so wirst Du auch aus dieser schweren Gefahr ungeschädigt hervorgehen; ich weiß es, ich fühl' es.«

»Aber Du kennst ihn nicht,« fiel ihr Melissa ins Wort, »und wie schrecklich er sein kann. Und Diodor. Wenn er wieder wohlauf ist und erfährt, daß ich, dem Ruf des Kaisers gewärtig, ihm folge, so oft er meiner begehrt, und dazu die bösen Zungen ihm Schlechtes von mir berichten, wird auch er mich verdammen!«

»Nein, nein!« rief die Matrone und küßte ihr Stirn und Auge. »Liebt er Dich wahrhaft, so bewahrt er Dir auch sein Vertrauen.«

»Er liebt mich,« schluchzte Melissa, »und wenn er auch nicht von der Gebrandmarkten läßt, so wird doch sein Vater sich zwischen uns stellen.«

»Das verhüte Gott!« rief die Matrone. »Bleibe, wie Du bist, und ich bleibe Dir, was ich Dir jetzt bin, wie es auch komme. – Diejenigen, welche Dich lieben, werden eine alte Frau, die in Ehren ergraute, gewiß nicht ungehört lassen.«

Und Melissa glaubte der mütterlich gütigen, würdigen Freundin, und mit der neuen Zuversicht, die in ihr erwacht war, begann die Sehnsucht nach dem Geliebten sich unwiderstehlich zu regen. Sie bedurfte eines warmen Blickes aus den Augen dessen, den sie liebte, und dem sie doch um eines andern willen jetzt nicht alles gewähren konnte, was ihm zukam, ja der vielleicht im Rechte war, sich über sie zu beklagen.

Unverhohlen bekannte sie dies, und die Matrone führte das ungeduldige Mädchen selbst zu dem Geliebten.

Auch diesmal fand Melissa den Andreas bei dem Kranken, und erstaunt nahm sie wahr, in wie vertraulicher Weise die Gattin des Oberpriesters den Christen begrüßte.

Diodor saß schon angekleidet auf dem Lehnstuhl. Bleich und mit verbundenem Haupt und immer noch leicht ermattet, begrüßte er die Geliebte warm, doch mit leisem Vorwurf über die Spärlichkeit ihrer Besuche.

Andreas hatte ihm schon mitgeteilt, daß Melissa durch die Sorge um die Gefangenen zurückgehalten werde, und so beruhigte ihn die Versicherung, daß sie ihn, wenn die Pflicht es zuließe, gar nicht mehr verlassen würde. Und die Freude, sie wieder zu haben, die Wonne, ihr in das liebe, schöne Antlitz zu schauen, die Kunst der Jugend, zu Gunsten der Gegenwart das Vergangene schnell zu vergessen, brachten jeden bitteren Nebengedanken schnell genug in ihm zum Schweigen.

Bald hörte er mit neugeröteten Wangen ihr glückselig zu, und so zärtlich, so hingebend, so beflissen, ihm die ganze Fülle ihrer großen Liebe zu zeigen, hatte er sie noch nie gefunden. Die stille, zurückhaltende Jungfrau war heute der werbende Teil, und mit dem dringlichen Eifer, den der heiße Wunsch, ihm wohlzuthun, hervorrief, gab sie ihm die ganze Zärtlichkeit des warmen Herzens so offen und froh zu erkennen, daß es ihm schien, als habe Eros sie erst jetzt mit dem rechten Pfeile getroffen.

Sobald Euryale sich mit Andreas in ein tieferes Gespräch versenkt hatte, bot sie ihm, als geschehe es der Aufmerksamkeit eines strengen Tugendwächters zum Trotz, mit heiterem Uebermute freiwillig die Lippen, er aber genoß wonnetrunken, was sie ihm gönnte.

Bald ward er dann selbst zum Fordernden und versicherte, zum Reden sei später Zeit, heute habe ihr roter Mund nichts zu thun, als ihn mit Küssen zu heilen. Und während dieses süßen Gebens und Nehmens bat sie ihn mit rührender Innigkeit, nie und nie, was er auch hören möge, an ihrer Liebe zu zweifeln.

Die älteren Freunde, die ihnen den Rücken zukehrten und am Fenster eifrig flüsterten, beobachteten sie nicht, und immer voller durchflutete sie die selige Gewißheit, so heiß wiedergeliebt zu werden, wie sie selbst liebte.

Nur während kurzer Augenblicke trübte ihr die Erinnerung an den Kaiser wie ein drohendes, aus fernen Nebeln auftauchendes Schreckbild die Seligkeit dieser Stunde.

Wohl drängte es sie, dem Bräutigam alles zu bekennen, doch es war so schwer, ihm das Geschehene recht verständlich zu machen, und Diodor durfte nicht in dauernde Unruhe versetzt werden. Dazu machte er selbst, ganz berauscht von heißer Leidenschaft, jeden Versuch einer Erklärung unmöglich.

Wenn er sprach, so geschah es nur, um sie seiner Liebe zu versichern, und als Frau Euryale endlich zum Aufbruch mahnte und dem Schützling in das glühende Antlitz schaute, war es Melissa, als würde sie aus dem seligsten der Träume gerissen.

Im Vorsaal hielt Andreas sie auf.

Frau Euryale hatte zwar seine schwersten Besorgnisse zerstreut; es drängte ihn aber dennoch, der Jungfrau die Frage vorzulegen, ob es nicht geraten sei, schon diese Nacht zur Flucht zu benützen; sie aber legte, immer noch mit freudestrahlenden Augen, dem Christen die kleine Hand schmeichlerisch auf den bärtigen Mund und bat ihn, ihr jetzt nicht durch Warnungen und schlimme Vorhersagungen den frohen Mut und die Hoffnung auf bessere Zeit zu trüben. Auch Frau Euryale habe ihr geraten, sich furchtlos auf sich selbst zu verlassen, und bei dem Geliebten habe sie die Gewißheit erlangt, daß es so recht sei.

Der Freigelassene scheute sich, dies schöne Zutrauen zu trüben und legte Melissa nur noch ans Herz, zu ihm zu schicken, wenn sie ihn brauche. Er werde einen Versteck für sie finden, und Frau Euryale habe sich angeboten, für den Boten zu sorgen.

Dann sagte er den Frauen Lebewohl, und diese kehrten in das Quartier des Oberpriesters zurück.

Im Vorsaal fanden sie einen Diener der Frau Berenike, welcher die Matrone im Namen seiner Herrin, die daheim zurückgehalten werde, ersuchte, ihr Melissa zu schicken, damit sie während der Nacht bei ihr bleibe.

Diese Einladung, welche Melissa aus dem Serapeum entfernte, war beiden Frauen willkommen, und die Matrone begleitete den Schützling selbst eine verborgene Treppe hinunter, die zu einer kleinen Hinterpforte führte.

Der Sklave Argutis, der gekommen war, um nach der geliebten jungen Herrin zu sehen, und den hier niemand kannte, sollte sie begleiten und sie morgen früh wieder durch dieselbe Thür zurückführen.

Der Alte hatte ihr viel zu berichten. Er war den ganzen Tag auf den Füßen gewesen. Bald hatte er sich in den Hafen begeben, um sich nach der Rückkehr des Schiffes zu erkundigen, das die Gefangenen trug, bald in das Serapeum, um nach ihr zu sehen, bald zu der alten Dido, um ihr Bericht zu erstatten. Vor Mittag war er auch dem Alexander begegnet, und zwar auf der Rhede der kaiserlichen Schiffe. Als der Jüngling dort erfuhr, daß die ausgelaufene Triere frühestens morgen zurückkehren könne, hatte er sich aufgemacht, um über den mareotischen See zu dem Christen Zeno und seiner Tochter zu fahren. Dem Sklaven war der Auftrag geworden, Melissa mitzuteilen, die Sehnsucht nach der schönen Agathe habe ihm keine Ruhe gelassen.

Die alte Dido und er mißbilligten den Leichtsinn des jungen Herrn, den auch der Ernst dieser Tage und die Gefahr der Schwester nicht geduldiger und besonnener machten; doch es kam ihm kein tadelndes Wort über die Lippen. Es beglückte ihn schon, neben Melissa hingehen zu dürfen und aus ihrem eigenen Munde zu vernehmen, daß es ihr gut gehe und daß der Kaiser sich ihr gnädig erweise.

Auch Alexander hatte dem Alten erzählt, er sei »gut Freund« mit dem Cäsar, und nun dachte der Sklave an den Theokrit, den Pandion und die anderen Günstlinge, von denen er gehört, und darum versicherte er Melissa, wenn der Vater erst frei sei, werde Caracalla ihn in den Ritterstand erheben, ihm Landgüter schenken und vielleicht auch einen der kaiserlichen Paläste im Bruchium. Dann wolle er der Hausmeister werden, um zu zeigen, daß er mehr verstehe, als die Werkstätte und den Garten in Ordnung zu halten, das Holz zu spalten und auf dem Markte billige Einkäufe zu machen.

Da lachte Melissa und sagte, daß er es nicht schlechter haben solle, wenn sich nur erst der einzige Wunsch ihres Herzens erfülle, das Weib des Diodor zu werden, und Argutis versicherte, auch damit zufrieden zu sein, wenn sie ihm nur gestatte, in ihrer Nähe zu bleiben.

Aber sie hatte nur mit halbem Ohre gehört und antwortete auch nur zerstreut; denn tief atmend stellte sie sich vor, wie sie dem Kaiser, an dem sie ihre Macht schon erprobt, zeigen wolle, daß sie aufgehört habe, vor ihm zu zittern.

So kamen sie an das Haus des Seleukus.

Eine große Einquartierung machte sich jetzt darin breit.

In der Säulenhalle hinter dem Eingang saßen und hockten bärtige Soldaten auf Bänken und am Boden gruppenweise zusammen, tranken lärmend und singend Wein und warfen lachend und zankend Würfel auf die kostbaren Mosaikbilder des Estrichs.

Im herrlichen Gärtchen des Impluvium umgab eine übermütige Schar zechend und schwatzend ein Feuer, das sie auf dem sorgsam gehaltenen sammetweichen Rasen entzündet. Ein Dutzend Offiziere hatte sich auf Polstern unter einem der Säulengänge gelagert und sah, ohne dem rohen Treiben der Untergebenen Einhalt zu thun, dem Tanze einiger ägyptischen Mädchen zu, die man in das Haus ihres unfreiwilligen Gastfreundes geladen. Obgleich ein Diener der tief verschleierten Jungfrau das Geleit gab, blieb sie doch nicht unbehelligt von häßlichen Worten und dreisten Blicken. Ja, ein junger, übermütiger Prätorianer hatte schon die Hand nach ihrem Schleier ausgestreckt, als ein älterer Offizier es ihm wehrte.

Die Wohnräume der Frau Berenike waren bis jetzt unangetastet geblieben; denn der Präfekt der Prätorianer Macrinus, mit dem Berenike durch ihren Schwager, den Senator Coeranus bekannt geworden, hatte Maßregeln getroffen, die Frauengemächer vor der Begehrlichkeit der Quartiermacher des Leibwachencorps sicher zu stellen.

Schnell atmend, mit hoch geröteten Wangen, betrat Melissa endlich das Gemach der Gattin des Seleukus.

Aus der Stimme der Matrone klang scharfe Bitterkeit, als sie den jungen Gast mit dem Ausruf begrüßte: »Wie auf der Flucht, wie einer Verfolgung entgangen. Und in meinem Hause gewinnt man dies Ansehen! Oder« – und hier glänzten ihr die großen Augen hell auf – »oder ist der Bluthund dem Wild auf den Fersen? Mein Schiff steht bereit.«

Als Melissa dies verneint und berichtet hatte, was ihr begegnet, rief Berenike: »Du weißt doch, daß der Panther still liegt und sich zusammenzieht, bevor er den Sprung thut. Wo nicht, so kannst Du es morgen im Zirkus zu sehen bekommen. Es gibt dort eine Schaustellung für den Kaiser, wie selbst dem Nero keine gleiche geboten wurde. Mein Gatte trägt den Löwenpart der Kosten und denkt an nichts anderes. Sogar das einzige Kind hat er darüber vergessen. Und das alles, um den zu ergötzen, der uns beleidigt, beraubt, entwürdigt. Nun die Männer die Hände küssen, die sie mißhandeln, ist es an uns Frauen, ihnen zu trotzen. Du mußt fliehen, Mädchen! Der Hafen ist jetzt geschlossen, doch morgen früh steht das Meer wieder offen, und gewinnen die Deinen im Laufe des Tages die Freiheit, dann fort mit euch allen! Oder hoffst Du noch Gutes von dem Tyrannen, der aus diesem Hause das machte, was es nun ist?«

»Ich habe ihn kennen gelernt,« versetzte Melissa, »und erwarte nichts von ihm als das Schlimmste.«

Da griff die ältere Frau freudig nach der Hand des Mädchens, doch sie wurde von der Zofe Johanna unterbrochen, die für einen vornehmen römischen Offizier, einen Tribunen, um Gehör bat.

Als Berenike ihn zu empfangen ablehnte, versicherte die Dienerin, er sei jung und habe in ziemlicher, bescheidener Weise gewünscht, der Herrin mit einer dringenden Bitte zu nahen.

Da gestattete die Matrone, dem Manne Einlaß zu gewähren, und Melissa folgte schnell dem Geheiß, in das Nebengemach zu treten.

Nur ein halbgeschlossener Vorhang trennte sie von dem Raume, in dem Berenike den Krieger empfing, und auch ohne zu lauschen hätte sie dem lauten Gespräche zu folgen vermocht, das sie doppelt fesselte, sobald sie die Stimme des Redenden erkannte.

In höflich bittendem Tone ersuchte der junge Tribun die Gastfreundin, ihm für seinen schwer verwundeten Bruder ein Zimmer anzuweisen. Der Leidende werde von heftigem Fieber geschüttelt, und der Arzt versichere, der Lärm und das Wagengerassel auf der Straße, in die das Krankenzimmer schaue, sowie das Aus- und Einziehen der Krieger könnten sein Leben gefährden.

Man habe ihm gesagt, es gehöre zu dem Quartier der Hausfrau eine Reihe von Räumen, die in das Impluvium schauten, und nun wolle er sie ersuchen, ihm eins derselben für den Verwundeten abzutreten. Wenn sie selbst einen Bruder habe oder Kinder, werde sie die Kühnheit seiner Bitte entschuldigen.

Bis dahin hatte sie schweigend zugehört, jetzt erhob sie plötzlich das Haupt und maß die schlanke Gestalt des Bittstellers mit den düster glühenden Augen. Dann versetzte sie, indem sie ihm halb höhnisch, halb unwillig in das hübsche, jugendliche Antlitz schaute: »O ja, ich weiß, was es heißt, ein liebes Wesen leiden zu sehen. Ich hatte ein einziges Kind, und es war die Wonne meines Herzens. Der Tod . . . er riß es von mir, und einige Tage später befahl uns der Herr, dem Du dienst, ihm ein Gastmahl zu rüsten. Es schien ihm wohl neu und reizvoll, in einem Trauerhause zu zechen. Im letzten Augenblick – die Gäste waren schon versammelt – ließ er uns melden, daß er selbst nicht zu erscheinen gedenke; doch seine Freunde haben gelacht und ausgelassen getobt . . . Es war eine Lust! Sie loben sicherlich unsere Köche und Weine. Jetzt – auch diese Ehre wissen wir zu schätzen – gestattet er seinen Prätorianern, dasselbe sonst leidlich ehrbare Trauerhaus zu einer Herberge, einer Weinschenke zu machen, in der singt und tanzt, was man von der Straße hereinruft. Der Rang, den Du so jung bekleidest, deutet darauf hin, daß Du aus gutem Hause stammst, und so kannst Du Dir denken, wie hoch wir die Ehre schätzen, daß Deine Leute zertreten, verderben, durch Lagerfeuer vernichten, was – schau nur hinaus! – in unserem Impluviumgärtchen langjährige Arbeit und Sorgfalt zur Augenweide machte. Macrinus, der auch über euch steht, hat mir indes versprochen, die Gemächer des Weiberhauses unangetastet zu lassen. Kein Fuß der Prätorianer, weder der Gemeinen noch der Befehlshaber,« und hier erhob sie die Stimme, »darf sie betreten. Hier ist sein Schreiben. Der Präfekt drückte im Namen des Kaisers das Siegel darunter.«

»Ich kenne den Befehl, edle Frau,« unterbrach sie der Tribun, »und möchte der letzte sein, der ihm zuwider handelt. Auch fordere ich nicht, ich richte nur eine bescheidene Bitte an das Herz einer Frau, einer Mutter.«

»Eine Mutter,« fiel ihm Berenike höhnisch ins Wort, »und zwar eine, der Dein Herr die Seele mit Messern zerschnitt, eine Frau, der man das eigene Heim verhaßt macht und schändet. Der Ehre hab' ich genug genossen und bestehe jetzt streng auf meinem Rechte.«

»Höre nur dies noch,« scholl es hier angstvoll von den Lippen des Jünglings; Frau Berenike aber hatte ihm schon den Rücken gewandt und begab sich hoch aufgerichtet und mit stolzen, langen Schritten in das Nebengemach zu Melissa.

Tiefatmend, wie betäubt, blieb der Tribun an der Schwelle stehen, wo ihm die schreckliche Frau aus den Augen geschwunden, und strich sich, nach Fassung ringend, das Lockenhaar aus der Stirn; kaum aber hatte Berenike das andere Zimmer betreten, als Melissa ihr zuraunte: »Der Verwundete ist der unglückliche Aurelier, dem Caracalla um meinetwillen das Antlitz zerfleischte.«

Da begann es plötzlich in dem Auge der Matrone so seltsam zu blitzen und zu funkeln, daß es das Mädchen kalt überlief. Doch es behielt keine Zeit, sich zu fragen, was die andere so eigen bewege; denn die starke Rechte des majestätischen Weibes umklammerte plötzlich das Handgelenk der schwächeren Jungfrau, und mit dem Befehle: »Du folgst mir!« zog sie Melissa in das Gemach, das sie eben verlassen, und rief den Tribun zurück, dessen Hand schon das Thürschloß berührte.

Ueberrascht und erschreckt blieb der Jüngling stehen, als er Melissa erblickte; Frau Berenike aber sagte gelassen: »Nun ich die Ehre kenne, die der Gebieter, dem ihr so treulich dient, auch euch erweist, soll mir der arme Geschändete, den Du Deinen Bruder nennst, willkommen sein in diesen Räumen. Er ist mein Leidensgenosse. Es wird ihm ein luftiges, stilles Gemach angewiesen werden. An sorgsamer Pflege soll es ihm nicht fehlen, ja an nichts, was die eigene Mutter ihm nur zu bieten vermöchte; doch zweierlei verlang' ich, und das ist die Versicherung, daß Du keinen Deiner Waffengenossen und keinen Mann, wer es auch sei, außer dem Arzte, den ich euch sende, in dieses Quartier läßt. Ferner aber darfst Du auch dem nächsten Freunde nicht verraten, wen Du außer mir hier fandest.«

Aurelius Nemesianus hatte angesichts der Kränkung, die seinem brüderlichen Herzen widerfahren, die Fassung verloren, jetzt aber antwortete er mit der schnellen Geistesgegenwart des Kriegers: »Es wird mir schwer, edle Frau, die rechte Antwort zu finden. Ich weiß wohl, daß Du mich zu warmem Danke verpflichtest, und ebenso wohl ist mir bewußt, daß derjenige, welchen Du unsern Herrn nennst, uns so schmählich verletzte wie Dich; noch aber ist der Kaiser mein Kriegsherr.«

»Noch!« unterbrach ihn Berenike. »Aber Du bist ein zu junger Tribun, als daß ich glauben sollte, Du habest zum Schwerte gegriffen, um Dir den Lebensunterhalt zu erwerben.«

»Wir sind Aurelier,« versetzte Nemesianus stolz, »und es kann wohl sein, daß dieser Tag uns veranlaßt, den Adlern Valet zu sagen, denen wir folgten, um Ehre zu ernten und die Lust des Krieges zu genießen; aber über das alles kann erst die Zukunft entscheiden. Jetzt danke ich Dir, edle Frau, auch im Namen meines Bruders, der meine andere Hälfte ist. Es geschieht gleichfalls im Namen des Apollinaris, wenn ich Dich bitte, uns die Unbill zu verzeihen, die wir dieser Jungfrau –«

»Ich zürne euch nicht mehr,« fiel ihm Melissa mit unbefangenem Eifer ins Wort, und der Tribun dankte ihr auch im Namen des Bruders.

Er versuchte auch, den unseligen Vorfall zu erklären, doch Frau Berenike ermahnte ihn, keine Zeit zu versäumen.

Da entfernte sich der Krieger, Frau Berenike aber befahl der Zofe, die Schaffnerin und andere Gehilfen zu rufen. Dann begab sie sich raschen Schrittes in die Zimmer, die sie im Geiste schon für den Kranken und seinen Bruder bestimmt; dort aber gelang es weder Melissa noch den Dienern, nach Herzenslust zuzugreifen; denn mit Umsicht und Thatkraft rührte sie selbst den Geist und die Hände und vergaß nichts, was bei der Pflege eines Verwundeten nützlich und angenehm sein kann.

In dem wohlgeordneten Hause stand alles Erforderliche bereit, und noch war keine Viertelstunde verflossen, als dem Nemesianus gemeldet werden konnte, daß das Zimmer zur Aufnahme seines Bruders bereit sei.

Dann begab sich die Matrone mit Melissa in ihr eigenes Schlafgemach und entnahm dort der Hausapotheke mehrere Fläschchen und Büchsen. Dabei ersuchte sie das Mädchen, sie zu entschuldigen, weil sie die Pflege des Kranken selbst zu übernehmen gedenke. Hier seien Bücher, dort stehe die Zither Korinnas. Johanna werde für das Abendmahl sorgen. Morgen früh könnten sie das Nötige weiter besprechen. Endlich küßte sie den Gast und verließ das Gemach.

Melissa war nun allein und ergab sich wechselnden Gedanken, bis Johanna ihr das Mahl auftrug.

Während sie nur wenig naschte, teilte die Christin ihr mit, daß es übel mit dem Tribunen stehe. Besonders die Stirnwunde erwecke die Besorgnis des Arztes.

Um dies zu erfahren, hatte es vieler Fragen an die Freigelassene bedurft; denn sie war schweigsam. Wenn sie aber sprach, so geschah es freundlich, und in ihrem ganzen Wesen lag etwas Schlichtes und Mildes, das Vertrauen erweckte.

Gesättigt kehrte Melissa in das Gemach der Hausfrau zurück, dort aber fiel ihr wieder schwer aufs Herz, was ihr morgen bevorstand. Als Johanna schon mit der Hand an der Thür zu wissen wünschte, was sie noch etwa begehre, frug sie dieselbe, ob sie das Wort ihrer Glaubensgenossen kenne: »Da aber die Zeit sich erfüllet.«

»Gewiß,« versetzte die andere, »unser Heiland selbst sprach: ›Die Zeit ist erfüllet‹, und Paulus war es, der es an die Galater schrieb.«

»Wer ist dieser Paulus?« frug Melissa weiter, und die Christin erwiderte, er sei ihr unter den Lehrern ihres Glaubens der liebste. Dann zauderte sie ein wenig und fragte, ob Melissa, die doch eine Heidin sei, sich nach der Bedeutung dieses Wortes erkundigt.

»Andreas, der Freigelassene des Polybius, und Frau Euryale erklärten es mir. Ist für Dich schon der Augenblick erschienen, an dem Du sicher empfandest, die Erfüllung der Zeit sei für Dich gekommen?«

»Ja,« versetzte Johanna fest, »und in eines jeden Leben tritt dieser Augenblick ein, früher oder später.«

Da begann Melissa bescheiden: »Du bist ja eine Jungfrau wie ich. Mir steht Schweres bevor, und wenn Du mir vertrauen wolltest . . .«

Doch die Christin fiel ihr abweisend ins Wort: »Mein Leben bewegte sich in anderen Kreisen als das Deine, und was mir, der Freigelassenen, der Christin, begegnete, kann wenig Wert für Dich haben. Aber das Wort, das Dir die Seele bewegte, bezieht sich auf die Erscheinung des Einen, der alles ist für uns Christen. Hat Dir Andreas nichts von seinem Leben erzählt?«

»Nur wenig,« entgegnete das Mädchen; »doch ich möchte wohl mehr von ihm hören.«

Da nahm die Christin neben der Jungfrau Platz und erzählte mit Melissas Hand in der ihren von der Geburt des Heilandes, seinem liebreichen Herzen und von seinem freiwilligen Opfertod für die sündige Menschheit.

Gespannten Ohres lauschte ihr das Mädchen.

Mit keinem Wort unterbrach sie die Erzählerin, und rein, groß, liebenswert stellte sich das Bild des Gekreuzigten ihr vor die Seele.

Tausend Fragen schwebten ihr auf den Lippen; doch bevor sie noch die erste an die Christin richten konnte, ward diese zu Frau Berenike gerufen, und Melissa war wieder allein.

Was sie schon früher von der Lehre der Christen vernommen, kam ihr wieder in den Sinn, und allem voran der erste Satz, der sie zum Nachdenken gezwungen und sie vorhin veranlaßt, Johanna zu fragen.

Vielleicht hatte die Zeit sich auch für sie schon erfüllt, als sie den Mut gefaßt, der Forderung des Kaisers zu trotzen. Sie freute sich dieser That; denn sie empfand, daß die Kraft ihr nie wieder gebrechen werde, ihren Willen dem seinen entgegenzusetzen. Wie gefeit gegen seine Macht fühlte sie sich, seit sie den Geliebten verlassen und der Mord des Statthalters ihr die Augen über denjenigen geöffnet, an den sie ihr Mitleiden viel zu willig verschwendet. Dennoch graute ihr vor der Stunde, in der sie dem Kaiser wieder begegnen und ihm zeigen sollte, daß sie sich sicher vor ihm fühle, weil sie seiner Großherzigkeit vertraue.

In stillem Sinnen wartete sie lange vergebens auf die Rückkehr der Matrone und der Christin.

Endlich traf ihr Blick die Bücherrollen, auf die Frau Berenike sie gewiesen. Sie lagen in schönen Alabasterkästchen auf einem Ebenholzgestell. Wären es doch die Schriften der Christen gewesen, die von dem Leben und Tod ihres Erlösers sprachen! Aber wie hätte dergleichen hieher kommen sollen? Die erste Kiste enthielt denn auch nur die Werke des Philostratus, und sie entnahm ihr die Rolle mit den Heldengeschichten, wovon er ihr selber gesprochen.

Neugierig glättete sie den Papyrus mit dem Elfenbeinstäbchen, und das heitere Gespräch zwischen dem Winzer und seinem phönizischen Gaste zog sie an.

Den Anfang überflog sie; bald aber gelangte sie zu der Stelle, von der ihr Philostratus geredet. Er wollte in dem Achill die Gestalt Caracallas, wie die schonende Einbildungskraft sie ihm zeigte, wiedergegeben haben. Aber das war kein Bildnis mehr; es zeigte höchstens, wie die Mutter den Dargestellten gern gesehen haben würde.

Da hieß es, die Heftigkeit, die aus den Augen des Heros geleuchtet, scheine auch in der Ruhe darauf hingedeutet zu haben, daß sie bald losbrechen werde; bei solchem Losbrechen aber sei er denen, die ihn liebten, noch anmutiger erschienen als sonst. Die Athener hätten nämlich eine ähnliche Neigung für ihn empfunden, wie für die Löwen; denn wenn ihnen die Könige der Tiere auch wohlgefielen, wenn sie ruhten, so bereiteten sie ihnen doch noch größere Lust, wenn sie sich mit wütender Kampfbegier auf einen Stier, einen Eber oder ein anderes wehrhaftes Tier stürzten.

O ja, auch Caracalla überfiel seine Opfer schonungslos genug! Wie hatte sie ihn erst vor wenigen Stunden auf den Aurelier einhauen sehen!

Ferner sollte Achill gesagt haben, er wüßte die Traurigkeit zu bewältigen, indem er auch den schwersten Gefahren für seine Freunde die Stirn biete und sie unverdrossen bestehe.

Aber wo waren denn die Freunde Caracallas?

Höchstens der römische Staat konnte hier gemeint sein; denn für ihn unterzog der Cäsar sich allerdings – sie hatte es nicht nur von ihm selbst gehört – mancher schweren Mühsal und Fährnis.

Nun schaute sie ein wenig zurück und fand dort die Stelle: »Weil er aber zum Zorn geneigt war, unterwies ihn Chiron in der Musik; wohnt doch dieser Kunst die Kraft bei, die Heftigkeit und den Zorn zu mäßigen. Achill aber machte sich mühelos die Gesetze der Harmonie zu eigen und sang zur Leier.«

Das entsprach alles der Wahrheit, und morgen sollte sie sehen, was Philostratus zu der Erzählung veranlaßte, Kalliope habe, als Achill sie um die Gabe der Musik und der Dichtung gebeten, ihm so viel von beiden bewilligt, wie er bedürfe, um das Mahl fröhlicher zu machen und den Gram zu zerstreuen. Auch ein Dichter sollte er sein und die Poesie am eifrigsten pflegen, wenn er nach dem Kriege sich Ruhe gönne.

Ungerechter Tadel eines Mannes, zu dem es das Herz einer Frau hinzieht, kommt ihrer Neigung zu gute, ungerechtes Lob schärft dagegen ihr Urteil und verwandelt ein zärtliches leicht in ein spöttisches Lächeln.

So lehrte auch das zum Achill gesteigerte Bild des Caracalla Melissa über den Mann, den sie gefürchtet hatte, die Achseln zucken, und während sich in ihr sogar an der musikalischen Begabung des Kaisers Zweifel erhoben, erklang die jugendlich frische, glockenhelle Stimme des Diodor doppelt schön und rein vor ihrem inneren Ohre.

Endlich verdrängte das Bild des Geliebten ganz und gar das des Cäsar, und während sie den Hochzeitsgesang, den Jünglinge und Jungfrauen bald für sie beide anstimmen sollten, zu hören meinte, entschlief sie.

Es war schon spät, als Johanna sie zur Ruhe zu gehen ermahnte. Kurz vor Sonnenaufgang wurde sie von Frau Berenike geweckt, die sich einige Ruhe zu gönnen wünschte und ihr, bevor sie das Lager bestieg, mitteilte, daß sich der Aurelier besser befinde. Die Matrone schlief noch, als Johanna Melissa meldete, der Sklave Argutis warte auf sie.

Die Christin übernahm es, der Herrin die Grüße des Mädchens auszurichten. Als beide das Wohngemach betraten, hatte der Gärtner eben frische Blumen darin aufgestellt. Es waren darunter drei Rosensträucher, an denen sich volle Blüten an halb erschlossene und frische Knospen drängten. Da fragte Melissa schüchtern, ob Frau Berenike es ihr wohl gestatten würde, eine zu brechen – es seien ihrer ja so viele; die Christin aber entgegnete, es komme darauf an, zu welchem Zweck.

»Nur für den kranken Tribunen,« entgegnete Melissa errötend.

Da schnitt Johanna behutsam zwei der schönsten Rosen vom Stocke und reichte sie der Jungfrau. Die eine solle für den Mann sein, der ihr Uebles gethan, die andere für ihren Verlobten.

Dankbar küßte Melissa die Christin und bat sie, dem Leidenden die Blumen in ihrem Namen zu reichen.

Johanna erfüllte sogleich diesen Wunsch; der Verwundete aber heftete den Blick betrübt auf die Rose und murmelte leise vor sich hin: »Armes, schönes, freundliches Kind. Es verdirbt oder ist eine Leiche, bevor Caracalla Alexandria verläßt.«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.