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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Der Oberpriester des Serapis leitete die am Morgen zu schlachtenden Opfer. Der Kaiser hatte ihre Zahl reichlich bemessen, um den Gott zu ehren. Timotheus war aber dennoch unwillig an die Erfüllung seiner Pflichten gegangen; denn der Befehl, die Häuser der Bürger mit Soldaten zu überfüllen, denen Caracalla noch dazu Unerhörtes von den Wirten zu fordern gestattete, brachte ihn von neuem gegen den Tyrannen auf, der ihm doch heute früh wie ein unglücklicher, aber den höchsten und größten Aufgaben gewachsener, reich begabter und dazu pflichttreuer Herrscher erschienen war.

Melissa hatte, dem Geheiß Frau Euryales gehorsam, einige Stunden geruht und sich dann im Bade erfrischt. Nun nahm sie mit der älteren Freundin das Frühmahl ein, und der Philosoph Philostratus leistete ihnen Gesellschaft. Er konnte berichten, daß ein schnelles Staatsschiff schon unterwegs sei, um die Ihren zu befreien, und wie er sie dabei so froh bewegt, so schön, frisch und rein vor sich sah, sagte er sich wieder bangen Herzens, daß es ein Wunder wäre, wenn der kaiserliche Sklave der eigenen Leidenschaften nicht begehren sollte, dies liebliche Geschöpf zu besitzen.

Frau Euryale fürchtete das Gleiche, und Melissa sah ihnen an, was sie mit Besorgnis erfüllte; doch sie teilte dieselbe mit nichten, und die frohe Zuversicht, womit sie die älteren Freunde zu beruhigen suchte, rührte und ängstigte diese zugleich. Es kam ihr gar zu thöricht und eitel vor, dem Kaiser, dem übermächtigen Beherrscher der Welt, zuzutrauen, für sie, das bescheidene, stille Steinschneiderkind, um das sich erst ein einziger Freier bewarb, Liebe zu fühlen. Nur wie der Patient die Nähe des Arztes, versicherte sie, wünsche der Kaiser – Philostratus habe es ja mit angesehen – die ihre. In der letzten Nacht sei sie freilich von großer Furcht ergriffen worden, aber es habe sich ja gezeigt, mit wie schwerem Unrecht. Was sie zu besorgen habe, sei nur, von seinem Gefolge falsch beurteilt zu werden, doch sie frage nichts nach all diesen Römern. Dennoch werde sie Frau Euryale bitten, den Diodor aufzusuchen und ihm mitzuteilen, was sie zwinge, der Ladung des Kaisers zu folgen, wenn er sie rufen lassen sollte. Die Möglichkeit liege ja nahe, daß der Kranke von ihrem Verkehr mit Caracalla benachrichtigt werde, und als ihr Verlobter müsse er wissen, was sie zu dem Cäsar führe; denn das sei sein Recht, und eifersüchtige Unruhe könne ihm schaden.

Aus ihrem Wesen sprach so froh und siegesgewiß die Zuversicht eines reinen Herzens, daß, als sie sich auf kurze Zeit entfernte, Frau Euryale dem Philosophen zurief: »Beunruhigen wir sie nicht weiter. Ihre vertrauensvolle Unschuld schützt sie vielleicht besser als bange Vorsicht.«

Und Philostratus stimmte ihr zu und versicherte, daß er für Melissa dennoch einen guten Ausgang erwarte, weil sie zu den bevorzugten Wesen gehöre, deren die Götter sich als Werkzeuge bedienten. Und nun erzählte er von ihrem wunderbaren Einfluß auf das Leiden des Kaisers und pries sie mit der ihm eigenen überschwenglichen Wärme.

Als Melissa wieder zurückkehrte, hatte Philostratus die Matrone verlassen. Sie war nun wieder mit Euryale allein, und diese erinnerte sie an die Mahnung, die in dem christlichen Worte liege, das sie ihr gestern erklärt. Jede That, jeder Gedanke übe Einfluß auf die Art und Weise, wie sich die Zeit für den einzelnen erfülle, und sei die Stunde der Entscheidung vorüber, so könne kein Bedauern, keine Reue und Anstrengung das Geschehene ändern. Eine einzige Minute, das lehre sie wohl schon die eigene junge Erfahrung, genüge oft, um aus einem achtungswerten Menschen einen Gebrandmarkten zu machen. Bisher habe ihr Lebensweg sie auf geebneten Pfaden durch Wiesen und Gärten geführt, und andere hätten dazu die Augen für sie offen gehalten, jetzt ziehe sie am Saume eines Abgrundes dahin, und bei solcher Wanderung gelte es auch bei dem kleinsten Schritt, der drohenden Gefahr zu gedenken. Aber auch der beste Wille und die größte Vorsicht würden sie nicht schützen, wenn sie nicht einer höheren Führung vertraue, und nun fragte sie das Mädchen, zu wem es, wenn es bete, das Herz erhebe, und Melissa nannte die Isis und andere Götter und endlich auch die Manen der verstorbenen Mutter.

Während dieses Bekenntnisses erschien der alte Adventus, um die Jungfrau zu dem Herrn zu berufen.

Melissa versprach dieser Ladung ungesäumt zu folgen, und nachdem der Alte gegangen war, sagte die Matrone. »Wenige hier beten zu den gleichen Göttern, und derjenige, dessen Diensten mein Gatte vorsteht, ist nicht der meine. Ich weiß mit vielen anderen, daß es einen Vater im Himmel gibt, der uns Menschen, seine Geschöpfe, lieb hat und schützt wie die eigenen Kinder. Du kennst ihn noch nicht und kannst darum nichts von ihm hoffen; willst Du aber den Rat einer Freundin befolgen, die auch einmal jung war, so denke von jetzt an, Deine Rechte liege fest in der unsichtbaren, geliebten Hand der Mutter. Stelle Dir vor, daß sie Dich begleite, und gib acht, ob jedes Wort, ja, ob auch jeder Deiner Blicke ihre Billigung fände. Dann wird sie da sein und Dich behüten, als sei sie am Leben, sobald Du ihres Beistandes bedarfst.«

Da sank Melissa der gütigen Freundin an die Brust und umschlang sie so fest und küßte sie so innig, als sei sie selbst die teure Frau, auf deren Schutz Euryale sie hinwies.

Der Rat dieser wahren Freundin fiel zusammen mit dem ihres eigenen Herzens, und so mußte er gut sein.

Als es endlich zum Abschied kam, wollte Frau Euryale einen der ihr bekannten Herren des Gefolges rufen lassen, damit er sie durch die Scharen der wartenden Freunde und Begleiter des Cäsar, der Besucher und Bittsteller führe, Melissa aber fühlte sich so mutig und durch den Adventus so wohl beschützt, daß sie ihm ungesäumt folgte. In der That war der Alte ihr freundlich gesinnt, seit sie ihm gestern die Füße so sorglich bedeckt; sie hatte das dem Klang seiner Stimme und dem besorgten Blick seiner blöden Augen entnommen.

Auch jetzt noch glaubte sie nicht an die Gefahren, welche die Freunde für sie zittern ließen, und ruhig schritt sie durch die hohen Marmorhallen des Vorsaales und die anderen weiten Räume der kaiserlichen Wohnung. – Die Anmelder begleiteten sie, dem kaiserlichen Befehl gehorsam, ehrerbietig von Thür zu Thür, und sie ging sicheren Schrittes gerade vor sich hinschauend vorwärts, ohne der neugierigen, beifälligen und höhnischen Blicke zu achten, deren Zielscheibe sie war.

In den ersten Gemächern bedurfte sie eines Führers; denn sie waren überfüllt von Aegyptern und Alexandrinern, die auf den Wink des Cäsar harrten, seine Gnade oder seine Entscheidung anzurufen, oder auch nur sein Antlitz zu schauen begehrten. Die »Freunde« des Kaisers saßen beim Frühmahl, an dem Caracalla nicht teilnahm. Die Truppenführer und die Mitglieder des ihm ferner stehenden Gefolges standen in den verschiedenen Gemächern zusammen, während die Häupter Alexandrias, viele Senatoren und reiche und vornehme Bürger der Stadt, sowie die Abgesandten der ägyptischen Gaue in Prachtgewändern und reichem Goldschmuck sich abgesondert von den ersteren hielten und gruppenweise auf den Ruf des Einführers harrten.

Melissa schenkte keinem auch nur einen Blick und ebensowenig den köstlich gewobenen Teppichen an den Wänden, den mit seltenen Kunstwerken und Hautreliefs geschmückten Friesen oder den breiten Mosaikbildern, über die ihre Füße sie trugen. Auch auf das vielstimmige Summen und Murmeln, das sie umgab, achtete sie nicht. Sie hätte auch ohnehin keinen zusammenhängenden Satz verstanden; denn außer den Anmeldern und nächsten Dienern des Kaisers war es in diesen Stunden des Empfanges keinem erlaubt, die Stimme laut zu erheben. Erwartung und Unterwürfigkeit schienen hier ohnehin jede lebhafte Regung niederzudrücken, und übertönte einmal der laute Ruf eines Anmelders das Gemurmel, so beugte hier ein Wartender unwillkürlich den Rücken und dort fuhr ein anderer auf, als stelle er sich einem Befehle zur Verfügung. Die von vielen geteilte Empfindung, in der Nähe einer höhern, beinahe göttlichen Macht zu weilen, in deren Hand das Wohl und Wehe eines jeden lag, erweckte den Eindruck des Feierlichen. Jede Bewegung war gehalten. Gespannte, ja bange Erwartung sprach aus vielen Zügen, aus anderen aber auch Ungeduld und Enttäuschung; war doch vor kurzem die Kunde von einem Ohr ins andere geflüstert worden, der Kaiser werde nur noch wenige Audienzen erteilen, und wie viele hatten schon gestern an der nämlichen Stelle stundenlang vergeblich gewartet.

Ohne Aufenthalt ging Melissa weiter, bis sie zu dem schweren Vorhang gelangte, der die inneren Gemächer des Cäsar abschloß, die sie schon kannte.

Der Anmelder öffnete ihn dienstwillig, bevor sie noch ihren Namen genannt, und während eine Deputation des städtischen Senates, die Caracalla empfangen hatte, an ihr vorbeischritt, folgten ihr alexandrinische Bürger, die Vorsteher der Großhändler, deren Bitte um eine Audienz er genehmigt. Es waren meist ältere Herren, und unter ihnen erkannte das Mädchen auch den Seleukus, den Gatten der Frau Berenike.

Melissa verneigte sich vor ihm, er aber bemerkte sie nicht und schritt stumm an ihr vorüber. Vielleicht überschlug er die ungeheuren Summen, welche die nächtliche Vorstellung kosten sollte, die er mit einigen Freunden zu Ehren des Kaisers im Zirkus zu veranstalten gedachte.

In dem großen Gemach, welches das Empfangszimmer des Kaisers von dem Vorraume trennte, war es ganz still. Melissa bemerkte nur zwei Krieger, die zum Fenster hinausschauten, und deren Oberkörper sich so lebhaft bewegten, als schüttle sie ein heiteres Gelächter.

Es war ihr wohl beschieden, hier länger zu warten; denn der Anmelder ersuchte sie, sich zu gedulden, bis die Audienz der Kaufherren vorüber. Sie seien die letzten, die heute empfangen werden sollten. Dabei ersuchte er sie, sich auf einem mit buntem Giraffenfell überzogenen Polster niederzulassen, sie aber zog es vor, auf und nieder zu schreiten; denn das Herz begann ihr nun doch banger zu schlagen.

Während der Anmelder hinter der Thür verschwand, wandte einer der Krieger den Kopf, um in das Zimmer zu schauen, und kaum hatte er Melissa erblickt, als er den Kameraden lebhaft anstieß und ihm laut genug, daß Melissa es verstehen konnte, zurief: »Ein Wunder! Apollinaris, beim Eros und allen Eroten, ein köstliches Wunder!«

Im nächsten Augenblick traten beide vom Fenster zurück und faßten das Mädchen ins Auge, das errötend und verlegen zu Boden schaute, sobald es erkannte, mit wem es hier allein sei.

Es waren zwei Tribunen des Prätorianercorps, doch trotz dieses hohen Grades junge Männer in den zwanziger Jahren. Zwillingsbrüder aus dem vornehmen Hause der Aurelier, waren sie als Centurionen in die Armee getreten, im Fluge über tausend Mann gesetzt und Tribunen in der Leibwache des Kaisers geworden. Sie glichen einander zum Verwechseln, und diese Aehnlichkeit, die ihnen Vergnügen bereitete, wußten sie künstlich zu steigern, indem sie das kohlschwarze Bart- und Haupthaar genau in der nämlichen Weise ordneten und sich bis auf den Ring am Finger gleichartig kleideten. Der eine hieß Apollinaris, der andere Nemesianus Aurelius. Beide waren gleich groß und wohl gewachsen, und keiner konnte sagen, wem das schwarze Auge heller aus dem Gesicht leuchte, wessen Mund übermütiger lache, wem der reiche, kurz gehaltene Vollbart und die künstlich ausgeschnittene »Fliege« zwischen Unterlippe und Kinn besser stehe. Den schön getriebenen goldenen Ornamenten auf dem Panzer, am Waffenrock, am Gehänge des kurzen Schwertes und den Beinschienen sah man an, daß sie nicht zu sparen brauchten, und in der That gedachten sie nur zum Vergnügen und um der Ehre willen einige Jahre unter den Prätorianern zu dienen. Später konnten sie in ihrem Palast zu Rom oder in den Villen auf ihren vielen Gütern, die sie von Vater und Mutter ererbt, von den Strapazen der Feldzüge ausruhen und zur Abwechslung daneben im Staatsdienst ein Ehrenamt verwalten. Ihre Freunde wußten, daß sie auch beabsichtigten, wenn das Kriegsspiel hinter ihnen liege, am nämlichen Tage Hochzeit zu halten.

Einstweilen verlangten sie vom Leben nichts als Ehre und Vergnügen, und was wohlgebildete, gesunde und heitere Jünglinge sich mit Liebenswürdigkeit, Kraft und Gold davon zu schaffen vermögen, das genossen sie, ohne es bis zur erschöpfenden Ausschweifung zu treiben.

Zwei fröhlichere, glücklichere, beliebtere Kameraden gab es vielleicht nicht in der ganzen Armee. Im Felde thaten sie brav ihre Pflicht; im Frieden und in einer Stadt wie Alexandria sahen sie dagegen verweichlichten Modeherren ähnlich genug. Wenigstens verbrauchten sie einen guten Teil ihrer Zeit für das Kräuseln des schwarzen Haares, gaben sie unsinnige Summen aus, um es mit dem feinsten Wohlgeruch zu salben, und ihren sorgsam gepflegten Händen war es schwer anzusehen, wie schneidig sie ein Schwert und, kam es darauf an, auch Beil und Spaten zu führen verstanden.

Heute war Nemesianus in das Vorzimmer des Kaisers befohlen worden und Apollinaris freiwillig, um dem Bruder Gesellschaft zu leisten, an die Stelle eines andern Tribunen getreten. Sie hatten die halbe Nacht durchzecht und den neuen Tag, den schönen Verkäuferinnen zu liebe, mit dem Besuche des Blumenmarktes begonnen. Jedem steckte an der linken Seite der Brust, zwischen Panzer und Waffenrock, eine halberschlossene Rose, von der die reizende Daphnion versichert hatte, daß sie von einem erst im vorigen Jahr aus Persien eingeführten Strauche stamme. Jedenfalls waren den Brüdern noch keine gleichen begegnet.

Während sie aus dem Fenster schauten, hatten sie sich die Zeit mit dem Spiel vertrieben, die vorübergehenden Mitglieder des weiblichen Geschlechts einer Prüfung zu unterziehen, um der ersten, die sich durch vollendete Anmut auszeichnen werde, die eine, der zweiten die andere Rose zuzuwerfen; es war aber während einer halben Stunde keine erschienen, die einer solchen Gabe würdig gewesen wäre. Was schön war in Alexandria, setzte eben den Fuß erst, wenn es vor Sonnenuntergang kühler ward, auf die Straße, und es fehlte hier wahrlich nicht an herrlichen Mädchengestalten. Es war den Brüdern sogar zu Ohren gekommen, daß der Cäsar, der doch den Freuden der Liebe abgesagt zu haben schien, sich den Reizen einer anmutigen Griechin gefangen gegeben.

Sobald sie Melissa ins Auge gefaßt hatten, stand es bei ihnen fest, dem schönen Spielzeug der kaiserlichen Laune begegnet zu sein, und als habe es ihm der nämliche unsichtbare Gebieter befohlen, griff jeder mit der gleichen Bewegung nach seiner Rose.

Apollinaris, der ein wenig früher zur Welt gekommen als sein Bruder, und dem mit dem Rechte der Erstgeburt auch ein noch unternehmenderes Wesen zugekommen war, trat Melissa keck entgegen und bot ihr die seine, während Nemesianus sich im gleichen Winkel mit ihm verneigte und sie bat, der seinen den Vorzug zu geben.

Doch so schmeichelhaft und wohlgesetzt ihre Rede auch war, wies Melissa sie doch mit der herben Bemerkung zurück, daß sie ihre Blumen nicht brauche.

»Das glauben wir gern,« versetzte Apollinaris, »bist Du doch selbst eine herrlich blühende Rose.«

»Eitle Schmeichelei,« entgegnete Melissa, »und für euch blüh' ich gewiß nicht.«

»Das ist grausam und ungerecht dazu,« seufzte Nemesianus; »denn was Du uns Armen weigerst, willst Du demjenigen gewähren, dem ohnehin alles zufällt, wonach andere Sterbliche sich sehnen.«

»Wir aber,« fiel ihm der Bruder ins Wort, »sind bescheidene und dazu fromme Krieger. Diese Rose dachten wir der Aphrodite zu opfern, und nun begegnet uns die Göttin in eigener Person.«

»Ihr Ebenbild wenigstens,« setzte der andere hinzu.

»Und Du hast der Schaumgeborenen dankbar zu sein,« fügte Apollinaris hinzu; »denn sie lieh Dir trotz der Gefahr, sich verdunkelt zu sehen, die eigenen göttlichen Reize. Meinst Du, daß sie uns zürnt, wenn wir ihr die Blumen entziehen und sie Dir opfern?«

»Ich meine nichts,« versetzte Melissa, »als daß mich euer süßes Gerede verdrießt. Macht mit euren Rosen, was euch beliebt, ich will sie nicht haben.«

»Wie darfst Du,« frug nun Apollinaris und trat ihr näher, »Du, der die Mutter der Liebe diese wundervoll frischen Lippen schenkte, sie mißbrauchen, um so hart zu verweigern, was ihre frommen Verehrer demütig erflehen? Willst Du nicht, daß Aphrodite Dir zürne, so beeile Dich, diesen Frevel zu sühnen. Ein Kuß, Allerschönste, ihrem Verehrer, und sie vergibt Dir.«

Damit streckte Apollinaris die Hand nach der Jungfrau aus, um sie an sich zu ziehen; doch sie wies ihn unwillig zurück und schalt es feig und unwürdig eines Kriegers, einem sittsamen Mädchen Gewalt anzuthun.

Da lachten beide Brüder zugleich fröhlich auf, und Nemesianus rief: »Du gehörst nicht in den Tempel der Vesta, schönste der Rosen, und doch bist Du mit so scharfen Dornen bewehrt, daß viel Mut dazu gehört, einen Angriff auf Dich zu wagen.«

»Mehr,« fügte Apollinaris hinzu, »als einen Festungswall zu erstürmen. Doch in welchem Lager, welcher Burg ließe sich wohl gleich Beneidenswertes erbeuten?«

Damit schlang er den Arm um Melissa und zog sie an sich.

Weder er noch sein Bruder hatten sich je gegen ehrbare Frauen unziemlich betragen, und wäre Melissa die Tochter eines schlichten Handwerkers gewesen, ihre abweisenden Worte hätten genügt, sie fern von ihr zu halten. Aber der Kaisergeliebten konnte das Recht nicht eingeräumt werden, sie, die an leichte Siege gewöhnten Aurelier, so keck zurückzuweisen, und es war ihr wohl auch kaum Ernst mit der spröden Strenge.

Darum achtete Apollinaris nicht ihres kräftigen Widerstrebens, sondern hielt ihr die Hände gewaltsam fest, und gelang es ihm auch nicht, der Widerstrebenden den Mund zu küssen, so hefteten seine Lippen sich ihr doch auf die Wangen, während sie sich ihm zu entwinden suchte und ihn in aufrichtiger Empörung atemlos zurückwies.

Bis dahin hatten die Brüder dies alles für ein munteres Spiel gehalten; als das Mädchen aber bei einem neuen Angriff des Apollinaris wie außer sich um Hilfe rief, gab er sie frei.

Doch es geschah zu spät; denn schon hatte sich der Vorhang des Empfangszimmers geöffnet und Caracalla sich den Aureliern genähert. Sein hochgerötetes Antlitz war verzerrt. Er zitterte vor Wut, und seine zornigen Blicke trafen wie zuckende Blitze die unseligen Brüder. Der Präfekt Macrinus hielt sich an seiner Seite, weil er fürchtete, ein neuer Anfall werde den Cäsar treffen, und Melissa teilte seine Besorgnis, als Caracalla dem Apollinaris mit heiserer Stimme zurief: »Schandbube, der Du bist, das sollst Du büßen!«

Doch der Aurelier war schon nach manchem übermütigen Streich dem Zorn des Kaisers begegnet, und gewohnt, ihn durch ein liebenswürdiges Bekenntnis zu entwaffnen, versetzte er, indem er mit einem schalkhaften Lächeln und doch demütig die Augen zu ihm aufschlug: »Vergib, großer Cäsar. Unsere arme Kraft, Du weißt es ja, unterliegt nur zu leicht im Kampfe gegen die siegreiche Schönheit. Das Naschen ist so süß, nicht nur für Kinder. Von jeher zog es den Mars zu der Venus, und wenn ich . . .«

Diese Worte hatte er in lateinischer Sprache gerufen, die Melissa nicht verstand; dem Kaiser aber trieben sie das Blut aus den Wangen, und bleich vor Empörung stammelte er mühsam hervor: »Du bist . . . Du hast Dir erlaubt . . .«

»Für diese Rose,« begann der Jüngling von neuem, »einen flüchtigen Kuß von der Schönheit zu erflehen, die doch für jeden blüht, der sie –« dabei hob er Hände und Augen bittend zu dem Herrscher empor; doch schon hatte dieser dem Macrinus das Schwert aus der Scheide gerissen, und bevor der Aurelier sich des versah, war ihm erst ein flacher Hieb über das Haupt gesaust, dann aber hatte ihm eine Reihe von scharfen Streichen Stirn und Antlitz getroffen.

Blutüberströmt, mit weit auseinander klaffenden Wunden im Gesicht, das der Ueberfallene zitternd vor Entsetzen und Empörung mit den Händen bedeckte, überließ er sich der Sorge des ihn stützenden Bruders, während der Kaiser beide mit einer Flut von zornigen Vorwürfen überhäufte.

Als dann Nemesianus dem Verwundeten das Antlitz mit dem Tuche, das Melissa ihm gereicht hatte, zu verbinden begann, und Caracalla die klaffenden Wunden sah, die er seinem Opfer geschlagen, ward er ruhiger und sagte: »Für einige Zeit, denk' ich, lüstet es diese Lippen kaum mehr, sich Küsse von ehrbaren Jungfrauen zu stehlen. Ihr habt das Leben verwirkt, Du und Nemesianus; doch – der bittende Blick aus den mächtigen Augen dort ist's, der euch rettet – doch es sei euch geschenkt. Führe den Bruder fort, Nemesianus. Bis auf Weiteres verlaßt ihr mit keinem Schritt die Quartiere.«

Damit drehte er den Aureliern den Rücken; auf der Schwelle aber wandte er sich ihnen noch einmal zu und sagte: »Ihr habt euch in dieser Jungfrau geirrt. Sie ist nicht weniger rein und edel als eure Schwester.«

Im Tablinum wurden die Kaufherren schneller abgefertigt, als es für die wichtigen Angelegenheiten taugte, denen der Herrscher vor diesem Zwischenfall seine Teilnahme aufmerksam und mit einem Verständnis, das sie überraschte, zugewandt hatte, und sie verließen den Cäsar enttäuscht, doch mit der Zusage, heute Abend noch einmal empfangen zu werden.

Sobald sie sich entfernt hatten, warf Caracalla sich wieder auf das Polster.

Das Bad hatte ihm wohlgethan. Immer noch etwas matt, doch mit freiem Kopfe, war er nicht abzuhalten gewesen, die Deputationen, für die er Wichtiges entscheiden sollte, zu empfangen; doch dieser neue Ausbruch der Leidenschaft rächte sich wieder durch peinliches Kopfweh. Bleich und mit leise zuckenden Gliedern entließ er den Präfekten und die anderen Freunde und befahl dem Epagathos, Melissa zu rufen.

Er bedurfte der Ruhe, und wieder bewährte die kleine Hand des Mädchens die Heilkraft, die ihm gestern so wohlgethan hatte. Unter ihren leisen Strichen schwand das Pochen aus seinem Haupte, und nach und nach wandelte sich die Erschöpfung in die wohlige Mattigkeit des genesenden Körpers.

Wie gestern, so versicherte er auch heute Melissa seiner Dankbarkeit; doch er fand sie verändert.

Scheu und bekümmert schaute sie, wenn sie ihm nicht Antwort auf eine bestimmte Frage erteilte, in den Schoß, und doch hatte er alles gethan, um sie zufrieden zu stellen; denn der Befehl, die Ihren frei nach Alexandria zurückzuführen, ging der Ausführung entgegen, und Zminis saß mit Ketten an Hand und Fuß im Gefängnis.

Das teilte er ihr mit; aber wenn es sie auch erfreute, genügte es doch nicht, ihr die ruhige Heiterkeit zurückzugeben, die er an ihr liebte.

Nun drang er mit warmen Worten in sie, zu gestehen, was sie bedrücke, und endlich entschloß sie sich feuchten Auges zu der Antwort: »Du hast ja selbst gesehen, wofür sie mich halten.«

»Und Du,« versetzte er schnell, »wie ich diejenigen strafe, die der Achtung vergessen, die sie Dir schulden.«

Da rang es sich Melissa von den Lippen: »O, Dein Zorn ist so schrecklich! Wo andere tadeln, da kannst Du vernichten, und Du thust es auch, wenn die Leidenschaft Dich fortreißt. Ich soll Deinem Rufe Folge leisten, und da bin ich ja auch. Doch ich komme mir vor wie das Hündchen – Du kannst es noch sehen – das im Tiergarten am Paneum mit einem Königstiger den Käfig teilt . . . Das gewaltige Tier duldet gelassen mancherlei von dem kleinen Genossen, aber wehe ihm, wenn der Tiger – es braucht nur aus Vergessenheit zu geschehen – ihn einmal trifft mit der schweren, mörderischen Tatze.«

»Aber diese Hand,« unterbrach sie der Kaiser und wies ihr die seine, mit Ringen geschmückte Rechte, »wird so wenig wie mein Herz je vergessen, was sie der Deinen verdankt.«

»Bis ich Dich,« seufzte Melissa, »ich weiß nicht wodurch, vielleicht unwissentlich erzürne. Dann reißt die Leidenschaft Dich fort, und wie den anderen, so ergeht es auch mir.«

Da fuhr der Kaiser unwillig auf, doch im nämlichen Augenblick betrat Adventus das Zimmer und meldete das Haupt der Sternseher des Serapistempels. – Caracalla lehnte es indes ab, ihn zu empfangen, und fragte nur gespannt, ob er keine Aufzeichnungen bringe. Dies bejahte der Alte, und gleich darauf hielt der Kaiser eine Wachstafel in der Hand, die mit Worten und Zeichen bedeckt war. Gespannt hefteten sich seine Augen an dieselben, und sie schienen ihm Gutes zu melden; denn sein Antlitz hellte sich mehr und mehr auf, und während er die Tafel aus der Hand legte, rief er Melissa zu. »Du hast nichts von mir zu befürchten, Tochter des Heron, Du gewiß nicht! In einer ruhigen Stunde erklär' ich Dir selbst, wie mein Planet sich hinneigt zu dem Deinen und der Deine – das bist Du selber – zu mir. Die Götter, Mädchen, schufen uns für einander. Die Sterne bestätigen es. Ich stehe schon fest in Deinem Banne, doch Dein Herz, es schwankt noch, und ich weiß auch warum: Du mißtraust mir.«

Da schlug Melissa die großen Augen verwirrt zu ihm auf, er aber fuhr gedankenvoll fort: »Das Geschehene bleibt. Es ist wie die Narben, die kein Wasser abwäscht. Was Du wohl alles von meiner Vergangenheit vernahmst? Wie werden sie sich in der eigenen Tugend gesonnt haben, wenn sie von meinen Unthaten erzählten? Ob einer wohl daran dachte, daß ich zugleich mit dem Purpur das Schwert empfing, um das Reich zu schützen und meinen Thron? Und wenn ich den Stahl gebrauchte, o, wie eifrig erhoben sich dann die weisenden Finger, wie willkommene Arbeit hat es dann für die Lästerzungen gegeben! Zu fragen, was mich zwang, Blut zu vergießen, und was es mich kostete, wem fiel es ein? Aber Dir, Mädchen, Dir, die – auch die Sterne bestätigen es – das Schicksal mir sandte, um zu teilen, was mich bedrückt, und mir das Herz zu erleichtern, Dir will ich es anvertrauen, ungefragt, weil mich das Herz dazu drängt. Aber erst bekenne Du, womit sie in Dir die Furcht vor dem Manne nährten, dem Du ja selbst bekanntest, daß es Dich zu ihm hinzieht.«

Da hob Melissa bittend und zugleich abwehrend die Hände; er aber fuhr in wehmütigem Tone fort: »Ich will es Dir auszusprechen ersparen. Sie sagen ja, es reize mich zu neuem Blutvergießen, wenn ein anderer sich erkühne, mich daran zu erinnern. Seinen Bruder Geta, hörtest Du, hat der Cäsar ermordet und viele, viele, die den Namen seines Opfers im Munde führten. Mein Schwiegervater und seine Tochter Plautilla, mein Weib, heißt es, seien meiner Wut zum Opfer gefallen. Den Rechtsgelehrten und Präfekten Papinian hab' ich getötet und dem Cilo – Du sahst ihn noch gestern – wär' es beinah ebenso ergangen. Was hätte man Dir wohl von alledem verschwiegen? Nichts. Mit diesem Nicken gibst Du es zu. Und warum hätten die, denen es so große Lust gewährt, Böses über den andern zu reden, es Dir nicht mitteilen sollen? Es ist ja wahr, und es fällt mir auch nicht ein, es zu leugnen. Aber fragtest Du Dich wohl selbst einmal, oder hat ein anderer Dir zu erklären versucht, wie ich dazu kam, so Entsetzliches zu begehen, – ich, der ich in der Ehrfurcht gegen Götter und Gesetze erzogen wurde wie Du und die anderen?«

»Nein, Herr, nein,« versetzte die Jungfrau angstvoll. »Aber ich bitte, ich beschwöre Dich, laß von diesen furchtbaren Dingen! Ich weiß ja ohnehin, daß Du nicht schlecht, daß Du viel besser bist, als sie meinen.«

»Eben darum,« rief der Kaiser, dem die Lust an der schweren Aufgabe, die er sich selbst gestellt, die Wangen wieder rötete, »sollst Du mich hören. Ich bin der Kaiser. Kein Richter steht über mir, keinem hab' ich Rechenschaft abzulegen über mein Handeln. Ich thu' es auch nicht; denn wer außer Dir gälte wohl mehr als die Fliege dort an dem Becher?«

»Und das Gewissen?« frug sie schüchtern.

»Es erhebt bisweilen die grämliche Stimme,« versetzte er finster. »Aufdringlich kann es wohl werden; doch man lernt ihm die Antwort verweigern. Und dann: was Du das Gewissen nennst, kennt den Beweggrund zu jeder Handlung, und besinnt es sich auf ihn, so urteilt es milde. Du aber sollst es ihm nachthun; denn Du . . .«

»O Herr, was kann meine arme Meinung Dir gelten?« stieß Melissa beklommen hervor; Caracalla aber rief betroffen und als verletze ihn diese Frage: »Muß ich Dir das erst erklären? Die Sterne, Du weißt es, rufen Dir wie mir zu, daß eine höhere Macht uns verbindet wie das Licht und die Wärme. Hast Du vergessen, was wir schon gestern beide empfanden? Oder sollt' ich mich irren? Hat Roxanes Seele etwa nicht in diesem göttlich schönen Leibe Einkehr gehalten, weil sie sich zurücksehnt nach dem verlorenen Gefährten?«

Leidenschaftlich und mit zuckenden Lidern hatte er diese Worte gerufen; doch als er ihre Hand in der seinen zittern fühlte, sammelte er sich wieder und fuhr leise, doch dringlich fort. »Ich will Dir Einblick gewähren in diese allen anderen verschlossene Brust, weil mein verödetes Herz sich durch Dich mit neuer Triebkraft erfüllt, weil ich Dir dankbar bin wie der Ertrinkende dem Retter. Ich ersticke und vergehe, wenn ich den Drang unterdrücken soll, Dir das Herz zu eröffnen!«

Welche Veränderung hatte sich mit dem rätselhaften Mann begeben?

Melissa meinte einem Fremden ins Antlitz zu schauen; denn wohl zuckten dem Kaiser immer noch die Lider, die Augen aber glänzten ihm in schwärmerischer Glut, und seine Züge hatten sich wunderbar verjüngt. Auf diese schön geformte Stirn schien der Lorbeerkranz zu passen, womit sie geschmückt war. Dazu – sie bemerkte es erst jetzt – war er prächtig angethan; denn er trug einen aus starkem Wolltuch verfertigten, mit purpurfarbigem Stoff überzogenen leichten Panzer, und von dem entblößten Halse hing ein kostbares, schildartiges Schaustück von herrlichen, in Gold gefaßten Gemmen herab, in deren Mitte ein großes Medusenhaupt mit schönen und doch Scheu erweckenden Zügen prangte. Die goldenen Löwenköpfe auf jeder Zacke des kurzen Rockes, dessen oberen Teil der falsche Panzer bedeckte, waren edle Kunstwerke, und um den Fuß und Knöchel des Herrschers wanden sich mit Gemmen und goldenem Zierat geschmückte Sandalen.

Wie der Sohn eines vornehmen Hauses, der zu gefallen wünscht, nein, echt kaiserlich war er heute gekleidet, und welche Sorgfalt hatte sein indischer Leibsklave auf die Ordnung seiner dünnen Locken verwandt!

Jetzt strich er sich leicht über die Stirn und warf einen flüchtigen Blick in den Silberspiegel auf dem niedrigen Tischchen zu Häupten des Lagers. Als er das Haupt wieder hob, begegnete sein Liebe heischendes Auge dem Melissas.

Erschrocken senkte sie den Blick. Hatte der Kaiser sich um ihretwillen geschmückt und in den Spiegel geschaut? Es war ja kaum denkbar, und doch schmeichelte es ihr und gefiel ihr. Aber schon im nächsten Augenblick überkam sie so heiß wie noch nie das Verlangen, ein Zauber möge sie auf immer fort, weit fort von diesem Schrecklichen tragen. Vor ihr inneres Auge stellte sich das Schiff, das Frau Berenike für sie bereit hielt. Sie wollte und mußte darauf entfliehen, und galt es auch, den Diodor lange zu meiden.

Ob Caracalla ihr ansah, was in ihr vorging?

Aber er durfte sie ja nicht durchschauen, und so hielt sie seinem Blicke stand und trieb ihn an, zu reden; ihm aber schlug das Herz in froher Hoffnung, da er wahrzunehmen meinte, die eigene hohe Erregung beginne sich auch ihrer zu bemächtigen.

In diesem Augenblicke erfüllte ihn, wie schon so oft, die ernste Ueberzeugung, daß auch das furchtbarste seiner Verbrechen notwendig gewesen sei und unvermeidlich. Es lag auch etwas Großes, Ungeheuerliches in seinen Blutthaten, und das – er glaubte das weibliche Herz zu kennen – das mußte ihm außer der Furcht und Liebe, die er ihr schon einzuflößen meinte, auch ihre Bewunderung erringen.

Schon in der Nacht, beim Erwachen, im Bade hatte er gefühlt, daß er ihrer bedürfe, wie der Lebenslust und der Hoffnung. Was er für sie empfand, das war die Liebe, wie die Dichter sie besangen. Wie oft hatte er ihrer gespottet und gewähnt, daß er gepanzert sei gegen die Pfeile des Amor. Jetzt fühlte er zum erstenmal jene bange Glückseligkeit, jenes heiße Sehnen und Verlangen, das ihm aus manchem Liede bekannt war.

Da stand die Geliebte. Sie mußte ihn erhören, mußte die Seine werden, nicht durch Zwang, nicht auf einen kaiserlichen Befehl, sondern aus freiem Antriebe des Herzens.

Dazu sollten seine Eröffnungen ihm helfen.

Mit einer schnellen Bewegung, als sei auch die letzte Spur von Mattigkeit von ihm gewichen, richtete er sich auf und begann fest und mit blitzenden Augen: »Ja, ich habe den Geta, meinen Bruder, getötet. Du schauderst. Und doch . . . Lägen die Dinge heut, wo ich die Folgen dieser That kenne, ebenso wie damals – es geschähe das Gleiche! Das erschreckt Dich; aber höre mich nur! Du sprichst mir dann wohl nach, daß es das Schicksal selbst war, das mich zwang, so und nicht anders zu handeln.«

Hier hielt Caracalla inne, und da er die bange Erregung, die sich in den Zügen Melissas widerspiegelte, für teilnahmsvolle Spannung hielt, begann er, sicher ihrer Aufmerksamkeit, zu erzählen:

»Bei meiner Geburt war der Vater noch nicht mit dem Purpur bekleidet; – doch er trachtete schon nach der Herrschaft. Vorzeichen hatten sie ihm gesichert. Die Mutter kannte sie und teilte seinen Ehrgeiz. Während die Amme mich noch an der Brust hielt, ward er Konsul. Vier Jahre später hatte er sich auch des Thrones bemächtigt. Pertinax ward ermordet. Der elende Didius Julianus erkaufte sich die Herrschaft. Das zog den Vater aus Pannonien nach Rom. Uns Kinder, meinen Bruder Geta und mich, hatte er inzwischen aus der Stadt entfernen lassen. Erst als er am Tiber den letzten Widerstand gebrochen, zog er uns dahin zurück.

»Ich war ein fünfjähriger Knabe, und doch steht mir ein Tag aus jener Zeit wie der heutige vor Augen. Der Vater hielt an demselben den feierlichen Einzug in Rom. Sein erstes war, der Leiche des Pertinax die Ehren zukommen zu lassen, die ihr gebührten. Aus jedem Fenster und von jedem Altan in der ganzen Stadt hingen Teppiche. Blumengewinde und Lorbeerkränze zierten die Häuser, und Wohlgerüche wallten uns entgegen, wohin wir kamen. Der Jubel des Volkes mischte sich in die Fanfaren der Krieger. Tücher wehten, Hochrufe erschollen. Das galt dem Vater, aber auch mir, dem künftigen Cäsar. Mein kleines Herz war voll zum Zerspringen von freudigem Stolz. Es war mir, als sei ich um vieler Häupter Länge über all die Leute ringsum hinausgewachsen, nicht nur über die anderen Knaben.

»Als der Trauerzug für den Pertinax begann, wollte mich die Mutter mit in den Säulengang ziehen, wo man für die Frauen Sitze zum Anschauen bereitet; ich aber weigerte mich, ihr zu folgen. Der Vater ward zornig. Doch wie er mich rufen hörte, ich sei ein Mann und der künftige Kaiser, lieber wolle ich gar nichts sehen, als mich unter den Weibern dem Volke zeigen, lächelte er. Dabei befahl er dem Cilo, der damals Stadtpräfekt war, mich auf den Sitz der früheren Konsuln und alten Senatoren zu führen. Das ließ ich mir gern gefallen. Wie er aber den Geta, meinen jüngeren Bruder, mir nachfolgen ließ, war mir die Freude verdorben.«

»Und Du bist damals fünf Jahre alt gewesen?« fragte Melissa erstaunt.

»Das wundert Dich?« lächelte Caracalla. »Doch ich hatte schon das halbe Reich durchreist und mehr erfahren als andere Knaben in weit höherem Alter. Aber ich war doch noch Kind genug, um über die bunte Pracht, die sich vor meinen Augen entfaltete, alles andere bald zu vergessen. Ich erinnere mich noch wohl des farbigen Standbildes aus Wachs, das den Pertinax so lebensvoll darstellte, als sei er dem Grabe entstiegen. Und die Aufzüge! Sie wollten kein Ende nehmen und brachten Neues und immer Neues. Alles schritt in Trauergewändern einher, auch die singenden Chöre der Knaben und Männer. Cilo erklärte mir, wen die Bildsäulen der Römer, die sich um das Vaterland verdient gemacht, wen die Gelehrten und Künstler darstellten, deren Büsten und Statuen man dahertrug. Dann kamen Bronzebilder aller Völker des Reiches in ihren Trachten. Cilo lehrte mich, wie sie hießen und wo sie wohnten. Er bemerkte dazu, sie alle würden mir einmal gehorchen. Die Kriegskunst müsse ich erlernen, um sie, wenn sie widerstrebten, zur Unterwerfung zu zwingen. Auch als man die Fahnen der Zünfte an uns vorübertrug, und Krieger zu Fuß und zu Roß, die Rennpferde des Zirkus und noch so viel anderes an uns vorbeikam, blieb er der Erklärer. Doch das alles kommt mir jetzt nur in den Sinn, weil es mir so gut that. Der ältere Mann sprach ja immer nur zu mir. Mich allein bezeichnete er als den künftigen Herrscher. Den Geta ließ er ungestört an den Süßigkeiten naschen, die ihm die Basen mitgegeben hatten. Wie auch ich mir ein Stück davon nehmen wollte, verweigerte der Bruder es mir. Da streichelte mir Cilo die Locken und sagte: ›Laß ihm den Tand; Dir fällt dafür, wenn Du groß bist, das ganze römische Reich zu mit all den Völkern, die ich Dir zeigte.‹

»Indessen hatte Geta sich besonnen und schob mir unaufgefordert die Näschereien hin. Ich wies sie zurück. Als er sie mir aufdringen wollte, warf ich sie auf die Straße.«

»Und das alles hast Du behalten?« frug Melissa.

»Es prägte sich an jenem Tage noch mehr unauslöschlich meinem Gedächtnis ein,« lautete die Antwort. »Da seh' ich zuerst den Scheiterhaufen vor mir, auf dem sie die Leiche des Pertinax verbrannten. Er war herrlich geschmückt. Auf der Spitze stand auch der vergoldete Wagen, dessen er sich am liebsten bediente. Bevor nun die Konsuln die indischen Hölzer in Brand steckten, führte der Vater uns alle zu dem Bilde des Pertinax, um es zu küssen. Mich hielt er an der Hand. Wo wir uns zeigten, jubelte Senat und Volk uns begeistert entgegen. Die Mutter trug den Geta auf dem Arme. Das gefiel den Leuten. Sie erhoben die Stimmen bei ihrem und des Bruders Anblick ebenso laut wie bei dem unseren. Und ich weiß noch, wie mir das ins Herz stach. Die Näschereien gönnte ich ihm wohl. Was das Volk zu vergeben hatte, sollte dem Vater allein gelten und mir, nicht dem Bruder. Severus – zum erstenmal ward es mir damals voll bewußt – war ja der jetzige, und ich der künftige Kaiser. Geta hatte nur zu gehorchen wie all die anderen.

»Nachdem ich das Bild geküßt, schaute ich immer noch Hand in Hand mit dem Vater den Flammen nach. Knisternd und züngelnd brachen sie sich Bahn durch die Scheiter. Ich sehe noch vor mir, wie sie das Holz schmeichelnd beleckten, bis es sich ihnen ergab und aufprasselnd rauchende Glut nach oben entsandte. Endlich verwandelte der Holzberg sich in eine einzige, riesige Fackel. Nun erhob sich plötzlich aus dem Schoße der Flammen ein Adler. Angstvoll flog das breitgeflügelte Tier durch die vom Sonnenlicht vergoldete, vor Hitze zitternde Luft, über dem Rauch und dem Feuer die Schwingen regend, hierhin und dorthin. Aber bald war es der glühenden Lohe entronnen. Aufjubelnd wies ich nun auf den Adler und rief dem Vater zu: ›Sieh den Vogel; wohin er wohl fliegt?‹ Da sagte er eifrig: ›Recht so! Willst Du, daß Dir die Macht, die ich für Dich errang, ungeschmälert verbleibe, so mußt Du die Augen offenhalten. Kein Vorzeichen gilt es unbemerkt, keine Gelegenheit unbenutzt zu lassen.‹ Er selbst hat darnach gehandelt. Hindernisse waren für ihn nur da, um sie aus dem Wege zu räumen. Er lehrte mich auch, mir weder Ruhe noch Rast zu gönnen und das Leben der Feinde nicht ängstlich zu schonen. – Jenes Fest sicherte dem Vater die Anerkennung der Römer. Im Orient stand indes Pescennius Niger mit einem großen Heer immer noch gegen ihn im Felde. Doch das Zaudern war nicht des Vaters Sache. Wenige Monate nach der Bestattung des Pertinax hatte Severus den mächtigen Gegenkaiser in eine kopflose Leiche verwandelt.

»Aber noch gab es ein anderes Hindernis aus dem Wege zu räumen. Du hast von Clodius Albinus gehört. Der Vater hatte ihn selbst adoptirt und zum Mitregenten erhoben. Doch ein Severus konnte die Herrschaft mit niemand teilen. Als ich neun Jahr zählte, durfte ich nach der Schlacht bei Lyon dem Haupte des Geschlagenen in das Totengesicht schauen. Man hatte es vor der Kurie auf eine Lanze gesteckt.

»Ich war nun nach dem Vater der Höchste im Reiche, unter der Jugend der ganzen Welt der erste, und der künftige Kaiser. Im elften Jahre riefen die Soldaten mich zum Augustus aus. Im Partherkriege vor dem eroberten Ktesiphon war es. Aber dem Geta erwiesen sie das Gleiche. Wie Wermut floß mir das in den süßen Trank, und wenn nun . . . Doch was fragt ein Mädchen nach dem Staat und nach dem Schicksal der Herrscher und Völker?«

»Fahre nur fort,« bat Melissa. »Ich sehe schon, wo Du hinauswillst. Es widerstand Dir, die Herrschaft mit einem andern zu teilen.«

»Nein,« rief Caracalla lebhaft. »Es widerstand mir nicht nur; unerträglich, unmöglich wollt' es mir scheinen. Was ich Dir zeigen will, ist wahrlich nicht, daß ich, wie der neidische Sohn eines Krämers dem Bruder seinen Teil am Erbe des Vaters mißgönnte. Die Welt – das ist's – sie war zu eng für uns beide. Nicht ich, sondern das Schicksal verhängte den Tod über den Geta. Ich weiß es, und auch Du sollst es erkennen. Ja, das Schicksal! Es zwang schon die kleinen Finger des Kindes, sich gegen das Leben des Bruders zu erheben. Und diese That ward vollbracht, bevor noch mein Gehirn einen Gedanken zu fassen und meine Kinderlippen den verhaßten Namen zu stammeln vermochten.«

»So hast Du schon als Knabe dem Bruder nach dem Leben getrachtet?« fragte Melissa, und ihre großen Augen schauten weit geöffnet vor Entsetzen auf den furchtbaren Erzähler.

Doch Caracalla fuhr in beschwichtigendem Tone fort. »Ich zählte damals ja noch nicht zwei Jahre! In Mailand, kurz nach der Geburt des Geta, ist es gewesen, da fand man ein Ei im Hofe des Palastes. Eine Henne hatte es neben eine Säule gelegt. Es war von purpurner Farbe. Ueber und über soll es rot gewesen sein wie der kaiserliche Mantel. Das deutete darauf, daß der Neugeborene zur Herrschaft bestimmt sei. Die Freude war groß. Auch mir, der ich kaum gelernt hatte, einige Schritte zu thun, zeigte man das purpurne Wunder. Doch ich Knirps warf es zu Boden, daß die Schale zerbrach und der Inhalt sich über den Estrich ergoß. Die Mutter sah es mit an, und ihr Ruf: ›Verruchter kleiner Bösewicht, Du hast den Bruder gemordet!‹ ist mir später oft genug mitgeteilt worden. Er wollte mir nie recht mütterlich erscheinen.«

Hier schaute er nachdenklich vor sich hin und frug dann das gespannt lauschende Mädchen: »Ist Dir nie ein Wort nachgegangen, so daß Du es nicht los werden konntest?«

»O, ja,« entgegnete Melissa. »Ein in die Ohren fallender Rhythmus aus einem Liede oder ein Vers aus einem Gedicht . . .«

Da nickte Caracalla ihr bestätigend zu und fuhr lebhafter fort: »So erging es auch mir mit dem Worte: ›Du hast Deinen Bruder gemordet.‹ Ich hörte es aber nicht nur dann und wann vor dem inneren Ohre, sondern wie das Gesumm der lästigen Fliegen im Lagerzelt stundenlang bei Tag und bei Nacht. Da half kein Wedel! Am lautesten raunte die Stimme eines Dämons es mir zu, wenn Geta mir etwas angethan, oder wenn man ihm Dinge erwiesen hatte, die ich ihm nicht gönnte. Und wie oft ist das doch geschehen! Denn ich, ich war der Mutter nur der Bassianus; ihr Jüngster aber der liebe kleine Geta. So vergingen die Jahre. Im Zirkus hatten wir schon früh eigene Gespanne. Eines Tages bei einer Wettfahrt – wir waren noch Knaben und ich den anderen Buben voraus – schleuderten die Rosse meinen Wagen zur Seite. Weithin flog ich in die Bahn. Der Geta sah es. Er lenkte die Renner nach rechts, wo ich lag. Ueber den Bruder jagte er hin wie über Stroh und Apfelschalen im Staube. Und sein Rad zerbrach mir den Schenkel. Was es sonst noch in mir vernichtete, wer weiß es. Aus jener Zeit stammt – das ist gewiß – das schmerzlichste meiner Leiden. Und er, der Schandbube, hat es geflissentlich gethan. Sein Auge war scharf. Er verstand es, die Rosse zu lenken. Gegen seinen Willen hätte sein Rad keine Haselnuß auf dem Sande der Arena berührt; ich aber lag weit ab von der Fahrbahn.«

Die Augenlider zuckten dem Cäsar bei dieser Anklage krampfhaft auf und nieder, und jeder seiner Blicke verriet das wilde Feuer, das in seiner Seele entbrannt war.

Melissas bangen Ruf: »Welch ein furchtbarer Argwohn!« beantwortete er mit einem kurzen, höhnischen Auflachen und der grimmigen Versicherung: »O, es gab Freunde genug, die mir hinterbrachten, welche Hoffnung Geta an den Bubenstreich knüpfte. Reizbar und verdrossen machte ihn die Enttäuschung, als es dem Galenus gelang, mich so weit zu heilen, daß ich die Krücken fortwerfen konnte und man mein Hinken – so sagt man mir wenigstens – kaum noch bemerkt.«

»Gar nicht, ganz gewiß, gar nicht,« versicherte Melissa mitleidig; er aber fuhr fort: »Doch, was hab' ich erduldet, bis ich dahin gelangte! Und als ich während so vieler langen Wochen auf dem Lager vor Schmerz und Ungeduld verging, da hab' ich das mütterliche Wort von dem Bruder, den ich gemordet, so oft vor dem inneren Ohre vernommen, als hätt' ich einen Hersager geworben, um es mir Tag und Nacht entgegenzurufen.

»Aber auch das ging vorbei. Neben dem Schmerze, der mir manche gute Stunde verdarb, brachte das Stillliegen mir übrigens auch etwas Besseres ein: Gedanken und Entwürfe. Ja, in jenen ruhigen Wochen ward mir erst klar und lebendig, was mich der Vater und mein Erzieher gelehrt. Ich sah ein, daß ich thätig sein müsse, um ein rechter Herrscher zu werden. Sobald ich den Fuß wieder gebrauchen konnte, bin ich ein fleißiger und gelehriger Schüler des Cilo geworden. Als Kind, ja bis zu dieser grausamen Erfahrung hatte ich das junge Herz an die Amme gehängt.

»Von ihr – sie war eine Christin aus der afrikanischen Heimat des Vaters – wußte ich, daß ich ihr das Liebste sei auf Erden. Die Mutter kannte nichts Höheres, als die › domna‹,domina, Herrin. Im Latein der Soldaten: »domna«. Woher der Name Julia Domna. die Herrin der Soldaten, die Mutter des Lagers und unter den Gelehrten die Philosophin zu sein. Was sie mir an Liebe schenkte, waren kupferne Almosen. Dem Geta warf sie die goldenen Solidi der Liebe verschwenderisch in den Schoß. Und wie mit ihr, so erging es mir auch mit ihrer Schwester und mit ihren Nichten, die oft bei uns wohnten. Mir erzeigten sie Rücksicht oder mieden mich, der Bruder aber war das verzogene Spielzeug. Ich verstand es eben gerade so schlecht, mir Liebe zu erschleichen, wie Geta ein Meister in dieser Kunst war. Aber während der Kinderjahre brauchte ich sie nicht; denn wenn ich eines guten Wortes, eines süßen Kusses, wenn ich der Liebe eines Weibes bedurfte, standen die Arme der Amme mir offen. Sie war auch kein gewöhnliches Weib. Als Witwe eines Tribunen, der unter der Führung des Vaters gefallen, hatte sie meine Wartung übernommen. Wie sie hat mich keine wieder geliebt. Sie war auch die einzige, der ich willig gehorchte. Voller wilden Triebe kam ich zur Welt, sie aber wußte sie freundlich zu zähmen. Bloß meiner Abneigung gegen den Bruder wehrte sie nur lau; denn er war auch ihr ein Dorn im Auge. Das erkannte ich, wenn sie, die Sanftmütige, mir unwillig darthat, daß es nur einen Gott geben solle auf Erden und nur einen Kaiser, der in seinem Namen die Welt regiere. Auch gegen andere verteidigte sie diese Ueberzeugung. Das gedieh ihr zum Bösen. Die Mutter trennte uns und schickte sie in ihre afrikanische Heimat zurück. Da ist sie bald darauf gestorben.«

Hier schwieg er und schaute sinnend ins Leere; bald aber sammelte er sich wieder und sagte leichthin: »Dann ward ich der eifrige Schüler des Cilo.«

»Aber,« frug Melissa, »sagtest Du nicht selbst, daß Du ihm einmal nach dem Leben getrachtet?«

»Das that ich,« erwiderte Caracalla finster; »denn es kam ein Augenblick, an dem ich seine Lehren verwünschte. Und doch waren sie weise und wohlgemeint gewesen. Sieh, Kind, ihr alle, die ihr bescheiden und machtlos durchs Leben gehet, werdet erzogen, um euch dem Willen der Himmlischen gehorsam zu fügen. Mich lehrte Cilo, hoch über alles und auch über die Götter die eigene Macht und die Größe des Reiches zu stellen, das mir zu regieren oblag. Dir und den Deinen wird eingeschärft, das Leben der anderen heilig zu halten, uns stellt die Pflicht des Herrschers über dies Gesetz. Auch das Blut des Bruders muß fließen, wenn das Wohl des uns anvertrauten Staates es fordert. Die Amme hatte mich gelehrt, gut sein heiße keinem etwas anthun, was uns selbst wehe thun würde. Cilo rief mir zu: ›Schlage nieder, damit Du nicht niedergeschlagen werdest. Vergiß dabei jeder Schonung, wenn das Wohlergehen des Staates bedroht wird.‹ Und wie viele Hände erheben sich gegen Rom, das Weltreich, dem ich als Kaiser gebiete! Mit gewaltiger Hand gilt es, seine widerstrebenden Teile zusammenzuzwingen. Sonst fällt es auseinander, wie ein Bündel Pfeile, wenn die Schnur zerreißt, die es umschlingt. Und ich – schon als Knabe hatt' ich bei dem Terminussteine auf dem Kapitol dem Vater geschworen, keinen Fußbreit seines Bodens ohne Kampf preiszugeben. Er, Severus, war der weiseste der Herrscher. Nur die von den Weibern angefachte blinde Liebe für den zweiten Sohn ließ ihn Billigkeit und Klugheit vergessen. Mein Bruder Geta sollte das Reich, das mir, dem Erstgeborenen, allein zukam, mit mir zusammen regieren. Alljährlich wurden Feste für die ›Liebe der Brüder‹ mit Gebet und Opfern gefeiert. Du hast vielleicht die Münzen gesehen, die uns Hand in Hand und die Inschrift zeigen: ›Ewige Eintracht!‹

»Ich in Eintracht, ich Hand in Hand mit dem Verhaßtesten unter der Sonne! Es brachte mich schon außer mir, nur seine Stimme zu hören. Am liebsten wäre ich ihm an die Gurgel gesprungen, wenn ich ihn mit seinen gelehrten Kumpanen die Zeit vergeuden sah. Weißt Du, was sie trieben? Die Worte stellten sie kindisch fest, womit man die Stimmen der vermiedenen Tiere bezeichnet. Einmal riß ich auch dem Freigelassenen den Stift aus der Hand, wie er als Ergebnis der Sitzung aufzeichnete: das Roß wiehert, das Schwein grunzt, die Ziege meckert, die Kuh brüllt, das Schaf määt. Er selbst, das füg' ich hinzu, schnarrte wie ein heiserer Häher. Mit diesem erbärmlichen, mattherzigen, giftigen Nichts als mit meinem andern Ich die Regierung zu teilen, das ging nicht an. Diesen Feind, der, wenn ich ›ja‹ sagte, ›nein‹ kreischte, jede meiner Maßregeln vereiteln zu sehen, das war unmöglich. So sicher hätte das den Untergang des Staates herbeigeführt, wie es des Severus ungerechteste und unweiseste That war, den jüngeren Bruder dem Erstgeborenen, dem wahren Thronerben zum Mitregenten zu bestellen. Ich, den der Vater auf Vorzeichen achten gelehrt, ward stündlich gemahnt, dem unerträglichsten der Zustände ein Ende zu machen.

»Nach dem Tode des Severus lebten wir anfänglich in getrennten Teilen des nämlichen Palastes neben einander wie zwei Löwen in einem Käfig, zwischen die man eine Scheidewand errichtet, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen.

»So trafen wir uns bei der Mutter.

»Am Morgen hatte mein Molosserhund den Wolfspacker des Geta zu Tode gebissen, und in seinem Opfertier hatte man eine schwarze Leber gefunden. Das war mir mitgeteilt worden. Das Schicksal stand auf meiner Seite. Der trägen Thatlosigkeit mußte ein Ende gemacht werden. Ich weiß selbst nicht, wie mir war, als ich die Treppe zu der Mutter hinanstieg. Nur erinnere ich mich deutlich, daß ein Dämon mir beständig das Wort: ›Du hast deinen Bruder gemordet‹ ins Ohr rief. Dann stand ich plötzlich dem Geta gegenüber. Im Empfangszimmer der Kaiserin war es. Und wie ich da den verhaßten, oben flachgedrückten Kopf so dicht vor mir sah, wie sein bartloser Mund mit der feisten Unterlippe mir so süß und dabei so falsch entgegenlächelte, da war es mir, als hörte ich den Schrei wieder, womit er die Rosse angefeuert hatte. Es war auch – ich fühlte den Schmerz noch – als zerbräche mir sein Rad zum andernmale den Schenkel. Und dabei raunte mir der Dämon ins Ohr: ›Stoße ihn nieder, sonst mordet er Dich, und Rom geht durch ihn zu Grunde!‹

»Da griff ich ans Schwert. Seine widrig schnarrende Stimme rief mir, ich weiß nicht mehr welche Nichtigkeit entgegen. Da war es mir, als blökten mir all die Schafe und meckerten mir alle Ziegen entgegen, an die er die Zeit schmählich vergeudet. Das Blut stieg mir zu Kopfe. Der Saal drehte sich mit mir im Kreise. Schwarze Punkte tanzten mir auf rotem Grund vor den Augen. Und dann . . . Was mir da vor dem Blicke funkelte, war mein eigenes, nacktes Schwert. Weiter sah und hörte ich nichts mehr. Auch nicht mit dem leisesten Gedanken plante ich, übersann ich, was dann geschah . . . Aber plötzlich war es mir, als sei mir ein Berg von lastendem Blei von der Brust gefallen. Wie leicht ließ es sich wieder atmen. Was sich eben noch in rasendem Wirbeltanz um mich her gedreht hatte, kam wieder zum Stillstand. Die Sonne schien hell in das weite Gemach. Ein Lichtstreifen mit tanzenden Stäubchen fiel auf den Geta. Mit meinem Schwert in der Brust sank er dicht vor mir in die Kniee. Die Mutter bemühte sich vergeblich, ihn zu schützen. Lichtes Blut rann ihr dabei von der Hand. Ich sehe noch jeden Ring an den schlanken weißen Fingern. Deutlich erinnerte ich mich nun auch, wie sich die Mutter, als ich das Schwert gegen ihn erhob, zwischen uns gestürzt hatte, um den Liebling zu schützen. Die scharfe Klinge, nach der sie griff, streifte ihr dabei wohl – ich weiß nicht wie – flüchtig die Hand. Nur die Haut war leicht geritzt. Und welches Geschrei erhob sich dennoch über die Wunde, die der Sohn der Mutter geschlagen. Die Julia Mäsa, ihre Tochter Mammäa und die anderen Weiber zeigten mir das wahre Gesicht. Aus Tropfen wußten sie Blutströme zu machen.

»So war denn das Schreckliche geschehen. Und doch! Hätt' ich den Buben am Leben gelassen, ich wäre ein Verräter gewesen an Rom, an mir selbst, an der Lebensarbeit des Vaters. Erst jener Tag machte mich zum Beherrscher der Welt. Wer mich einen Brudermörder schilt, der glaubt vielleicht im Rechte zu sein. Aber er ist es doch nicht. Ich weiß es besser. Und Du, Du weißt es nun mit mir, daß das Schicksal, nicht ich, den Geta aus der Reihe der Lebenden strich.«

Hier schwieg er eine Weile atemlos still. Dann fragte er Melissa: »Und Du verstehst jetzt, wie ich dazu kam, des Bruders Blut zu vergießen?«

Da fuhr sie auf und sprach ihm leise nach: »Ja, ich versteh' es.«

Warmes Mitleid füllte ihr dabei das Herz, und doch fühlte sie, daß sie nicht billigen dürfe, was sie verstand und beklagte. Von einem quälenden Zwiespalt der Empfindungen bis ins tiefste ergriffen, warf sie das Haupt zurück, strich sich das Haar aus dem Antlitz und rief: »Laß mich jetzt; ich trag' es nicht länger.«

»So weichmütig?« frug er ernst und schüttelte mißbilligend das Haupt. »Das Leben braust eben wilder in der Nähe des Thrones als im Hause eines Künstlers. Du wirst lernen müssen, den rauschenden Strom mit mir zu durchschwimmen. Auch das Ungeheure, glaub' es mir, kann zum Alltäglichen werden. Und dann! Warum erschreckt Dich noch, was Du selbst für notwendig erkanntest?«

Da rang es sich ihr von den Lippen: »Ich bin nur ein schwaches Mädchen, und mir ist, als wär' ich Zeuge des Schrecklichen gewesen, als hätt' ich die furchtbare Blutschuld mit Dir zu tragen.«

»Das mußt Du, das sollst Du! Um das zu bewirken, vertraute ich Dir, was noch keiner aus diesem Munde vernahm,« rief Caracalla, und das Auge blitzte ihm dabei heller auf. Ihr aber war es, als wecke sie dieser Ruf aus dem Schlafe und zeige ihr den Abgrund, zu dem sie sich nachtwandelnd verirrt.

Als Caracalla von seiner Jugend zu erzählen begonnen, war sie ihm nur mit halbem Ohre gefolgt; denn das rettende Schiff der Frau Berenike war ihr nicht aus dem Sinn gekommen. Bald aber hatten sie seine Bekenntnisse mächtig gefesselt, und die Klagen dieses Gewaltigen, dem so viel Leid und Unrecht widerfahren war, ja, der schon in der Kindheit des Glückes der Mutterliebe entbehrte, hatten ihr das weiche Herz gerührt. Was ihr dann noch mitgeteilt worden war, hatte sie auf ihr eigenes, kleines Leben übertragen und schaudernd vernommen, daß die Bosheit eines Bruders die grausamen Leiden verschuldet, die dem Beklagenswerten wie ein giftiger Mehltau die Freuden des Daseins verdarben, während sie der Bruderliebe das Schönste und Beste in ihrem jungen Leben verdankte.

Die Gründe, womit Caracalla die Behauptung gestützt hatte, das Schicksal habe ihn zum Morde des Geta gezwungen, waren ihrem jungen, unerfahrenen Geist überzeugend erschienen. Er war nur das beklagenswerte Opfer seiner Geburt und eines grausamen Schicksals.

Auch der Bescheidenste und Nüchternste kann sich dem Zauber der Majestät nicht entziehen. Der Bedauerungswürdige aber, der Melissa seines Vertrauens würdigte, und der so warm versichert hatte, daß er ihr so viel sei und gewähre, war der Beherrscher der Welt.

Sie hatte auch bei den Bekenntnissen des Cäsar gefühlt, daß es sie stolz machen dürfe, von ihm selbst gewürdigt worden zu sein, an der Tragödie im Kaiserpalaste teilzunehmen, als gehöre sie zu den Mitgliedern desselben. Ihr lebhafter Geist hatte sie gleichsam zur Zeugin der gräßlichen That berufen, zu der ihn – sie hatte es, noch während sie seine Frage bejahte, sicher geglaubt – unüberwindliche Mächte gezwungen.

Aber die Forderung, die ihrer Antwort gefolgt war, hatte sie sich selbst wiederfinden lassen. Das Bild des Diodor, das ihr während des Lauschens völlig aus dem Gedächtnis geschwunden war, stellte sich ihr plötzlich wieder vor das innere Auge, und es war ihr, als schaue es sie vorwurfsvoll an.

Hatte sie sich denn aber gegen den Verlobten vergangen?

Nein, nein, gewiß nicht!

Sie liebte ihn, nur ihn allein, und eben darum sagte ihr jetzt der gerade Sinn, daß es sich gegen den Geliebten versündigen heiße, das Verlangen des Caracalla zu erfüllen, gleichsam seine Mitschuldige und sicher die Beschönigerin blutiger Frevel zu werden. Auf sein »Das mußt Du, das sollst Du,« wußte sie indes keine Antwort zu erteilen, die seinen Zorn nicht erweckt haben würde. Vorsichtig und mit lebhaftem Dank für sein Vertrauen bat sie ihn deshalb abermals, ihn verlassen zu dürfen, weil sie nach solcher Erschütterung der Seele der Ruhe bedürfe. Auch ihm selbst werde es wohlthun, sich einige Erholung zu gönnen. Er aber versicherte selbstbewußt, daß für ihn die Ruhe erst komme, wenn er seine Pflichten als Herrscher erfüllt. Wenige Minuten vor dem letzten Atemzuge habe sein Vater gerufen: »Gibt es noch etwas zu schaffen, dann reicht es nur her,« und er, der Sohn, werde es ebenso halten. »Uebrigens,« schloß er, »hat es mir wohlgethan, einmal ans Licht zu ziehen, was ich so lange hier drinnen verschloß. Dir dabei ins Antlitz zu schauen, war vielleicht noch bessere Arznei.«

Dabei erhob er sich, faßte beide Hände des überraschten Mädchens und rief: »Du machst den Nimmersatten genügsam, Kind. Die Liebe, die ich Dir entgegenbringe, gleicht einer vollen Traube, und ich bin schon zufrieden, wenn Du mir nur eine Beere zurückgibst.«

Doch bereits der Anfang dieser Versicherung wurde von wildem Geschrei übertönt, das mit gewaltigen Tonwellen in das Gemach drang.

Da stutzte Caracalla: bevor er sich aber noch dem Fenster genähert, stürzte der alte Adventus atemlos herbei, und ihm folgte in würdigerer Haltung, doch gleichfalls raschen Schrittes und mit allen Zeichen der Erregung Macrinus, der Präfekt der Prätorianer, mit seinem jungen, schönen Sohn und mit einigen Freunden des Kaisers.

»Das ist meine Erholung!« rief Caracalla bitter, indem er die Hände Melissas freigab und sich dann den Eintretenden fragend zuwandte.

Unter den Prätorianern und der makedonischen Legion hatte sich die Nachricht verbreitet, der Kaiser, der sich ihnen, gegen alle Gewohnheit, zwei Tage lang nicht gezeigt, sei schwer krank und liege im Sterben. Ernstlich besorgt um ihn, der sie mit Gold überschüttete und ihnen Freiheiten ließ, wie sie ihnen noch kein Imperator gewährte, hatten sie sich vor dem Serapeum zusammengeschart und verlangten den Cäsar zu sehen.

Des Caracalla Augen leuchteten auf bei dieser Nachricht, und froh erregt rief er: »Die einzigen wahrhaft Getreuen!«

Dann ließ er sich Schwert und Helm reichen und das Paludamentum, den purpurnen, goldgestickten Feldherrnmantel holen, den er sonst nur trug, so lang er im Felde stand. Die Soldaten sollten sehen, daß er noch weiter Krieg zu führen gedenke.

Während des Wartens unterredete er sich leis mit Macrinus und anderen, als aber der kostbare Umwurf ihm die Schultern bedeckte und der Günstling Theokrit, der ihn in Leidenstagen am besten zu stützen verstand, ihm den Arm reichen wollte, herrschte er ihm zu, daß er keiner Führung bedürfe.

»Und dennoch solltest Du nach einem so ernsten Anfall –« wagte der Leibarzt ihn zu ermahnen; er aber unterbrach ihn höhnisch mit einem Blick auf Melissa: »Die kleinen Hände dort umschließen mehr Heilkraft als Deine und die des großen Galenus zusammengenommen.«

Damit winkte er der Jungfrau zu, und als sie ihn noch einmal ersuchte, sich entfernen zu dürfen, verließ er mit dem herrischen Rufe: »Du wartest!« das Zimmer.

Er hatte einen ziemlich weiten Weg zurückzulegen und auch eine Treppe zu ersteigen, um den Altan zu erreichen, welcher die Basis der Kuppel des Pantheons umgab, das sein Vater an das Serapeum gefügt hatte; doch er nahm dies willig auf sich; denn von dort aus sah und hörte man ihn am besten.

Noch vor wenigen Stunden wäre es ihm unmöglich gewesen, dies Ziel zu erreichen, und Epagathos hatte Sorge getragen, daß am Fuße der Treppe eine Sänfte und kräftige Träger seiner harrten; er aber wies sie zurück, denn er fühlte sich wie neu belebt, und das Geschrei seiner Krieger berauschte ihn wie feuriger Wein.

Melissa blieb indes in dem Empfangssaale zurück. Sie mußte dem Befehle des Cäsar gehorchen. Doch er beängstigte sie, und dazu war sie Weib genug, um es wie ein Kränkung zu empfinden, daß der Mann, der sie seiner Dankbarkeit so warm versicherte und sie sogar zu lieben vorgab, ihren Wunsch nach Ruhe so rauh zurückgewiesen hatte. Daß sie ihm, solange er in Alexandria weilte, noch oft Gesellschaft zu leisten haben werde, sah sie jetzt sicher voraus. Ihr graute davor; doch wenn sie sich ihm durch Flucht entzog, waren die Ihren sicher verloren. Nein, auf dergleichen galt es zu verzichten! Sie mußte bleiben.

Gedankenvoll warf sie sich auf den Diwan, und wie sie sich dabei das kaum glaubliche Vertrauen vergegenwärtigte, dessen sie der unnahbare, stolze Herrscher für würdig gehalten, raunte eine innere Stimme ihr zu, daß es doch auch reizvoll sei, an den gewaltigen Erregungen der Höchsten und Größten teilzuhaben. Und konnte der denn ganz schlecht sein, der das Bedürfnis empfand, sich vor einer schlichten Jungfrau zu rechtfertigen, dem es unerträglich erschien, auch von ihr verkannt und verurteilt zu werden? Neben dem Kaiser und dem leidenden Menschen war Caracalla nun auch der werbende Mann für sie geworden. Es kam ihr nicht in den Sinn, ihn zu erhören, aber es schmeichelte ihr doch, daß der Höchste sie seiner Neigung versichert.

Und brauchte sie sich denn vor ihm zu fürchten? Sie war und gewährte ihm so viel, daß er sich wohl hüten würde, sie zu beleidigen oder zu kränken. Das bescheidene Kind, das noch jüngst vor den Launen des eigenen Vaters gezittert hatte, fühlte sich, im Bewußtsein, sein Wohlgefallen erweckt zu haben, jetzt schon mächtig genug, den Zorn und das Verlangen des Gewaltigsten und Schrecklichsten zu besiegen. Dem Unberechenbaren zu bekennen, daß sie die Braut eines andern, durfte sie indes doch nicht wagen; denn das hätte ihn bestimmen können, den Diodor seine Macht fühlen zu lassen. Der Gedanke, es liege dem Kaiser daran, von ihr für gut gehalten zu werden, that ihr besonders wohl, ja, es begann schon in dem unerfahrenen Kinde die Hoffnung zu erwachen, Caracalla werde sich um ihretwillen Mäßigung auferlegen, als der alte Adventus in das Gemach trat.

Er hatte Eile; denn es galt, vieles für den Empfang der Gesandten und im Speisesaale vorzubereiten. Als aber Melissa sich bei seinem Erscheinen vom Diwan erhob, riet er ihr gutmütig, sich nur weiter Ruhe zu gönnen. Man könne nicht wissen, in welcher Stimmung Caracalla zurückkehren werde. Sie sei ja schon Zeuge gewesen, wie schnell dies Chamäleon die Farben wechsle. Wer hätte ihm vorhin, als er zu den Soldaten ging, angesehen, daß er vor wenigen Stunden die Witwe des Statthalters von Aegypten, die gekommen sei, um für den Gatten um Gnade zu bitten, mit grausamer Härte abgewiesen habe.

»So hat der elende Theokrit es wirklich durchgesetzt, den wackeren Titianus zu stürzen?« frug Melissa entsetzt.

»Nicht nur zu stürzen,« versetzte der Kämmerer. »Vorhin schon wurde Titianus enthauptet.«

Damit winkte ihr der Alte und verließ das Gemach; Melissa aber blieb zurück, als habe sich der Boden vor ihr geöffnet. Er, dessen eifrige Versicherung sie eben noch geglaubt hatte, nur dem Zwang eines übermächtigen Schicksals gehorsam das Blut ruchloser Frevler vergossen zu haben, war wenige Stunden vorher fähig gewesen, einem feilen Günstling zu Gefallen den edelsten der Männer unschuldig enthaupten zu lassen. So war denn sein Bekenntnis nichts als ein widriges Gaukelspiel gewesen! Den Abscheu, den sie gegen ihn empfand, hatte er zu belegen versucht, um sie und ihre heilkräftige Hand desto sicherer an sich zu fesseln als sein Spielzeug, seine Arznei, seinen Schlaftrunk.

Und sie war in die Schlinge gegangen und hatte ihm geglaubt und ihn freigesprochen von der furchtbarsten Blutschuld.

Mitleidlos war eine edle römische Matrone von ihm zurückgewiesen worden, da sie für das Leben des Gatten bat, und das heute mit dem gleichen Atem, mit dem er sie später bethört.

Entrüstet, bis ins Tiefste verletzt, sprang sie auf.

War es nicht auch schmählich, hier auf Befehl eines Ruchlosen wie eine Gefangene zu warten?

Und sie hatte dies Ungeheuer auch nur einen Augenblick mit dem Diodor, dem schönsten, dem besten, dem liebenswertesten der Jünglinge zu vergleichen vermocht!

Es wollte ihr selbst undenkbar erscheinen. Hätte nur nicht in seiner Hand die Macht gelegen, alles, was ihrem Herzen teuer war, zu verderben, welche Wonne wäre es gewesen, ihm ins Gesicht zu rufen: »Ich verabscheue Dich, Mörder, und bin die Braut eines andern, an dem so viel gut ist und schön, wie an Dir alles schlecht ist und widrig!«

Dann erhob sich in ihr die Frage, ob es wirklich nur ihre Hände seien, die den Tyrannen bewögen, sie an sich zu ziehen und Bekenntnisse vor ihr abzulegen, als sei sie seinesgleichen.

Das Blut stieg ihr in die Wangen bei dieser Frage, und mit heißer Stirn trat sie an das offene Fenster.

Eine Reihe von Ahnungen bestürmte ihr unschuldiges, bis dahin argloses Herz, und sie waren alle so schrecklich, daß sie es als Erleichterung empfand, als plötzlich ein Jubelgeschrei aus der ehernen Brust vieler Tausende von gerüsteten Männern die Luft erschütterte. In diesen übermächtigen Ausbruch der vereinten Freude so großer Scharen mischte sich das Fanfarengeschmetter aller Trompeten und Posaunen der hier zusammengeströmten Legionen. Welch ein sinnverwirrendes Lärmen!

Vor ihr lag der weite Platz, ganz erfüllt mit vielen tausend Kriegern, die in glänzendem Waffenschmuck mit ihren Adlern und Vexillen das Serapeum umstanden. An die Prätorianer schloß sich die auserlesene Mannschaft der makedonischen Phalanx, und an diese die Gesamtheit der Legionen, die dem kaiserlichen Feldherrn hieher gefolgt waren, und die auf Verwendung im nächsten Kriege hoffende Garnison der Stadt des Alexander.

Auf dem Altan, der, mit Statuen geschmückt, die Stelle im Kreise umgab, an der die Kuppel auf dem Unterbau des Pantheon ruhte, stand Caracalla, und in gemessener Entfernung eine stattliche Anzahl seiner Freunde in roten, weißen und mit Purpurstreifen umsäumten Togen oder im Waffenschmuck der Legionen. Mit dem goldenen Helm, den er abgenommen, winkte der kaiserliche Feldherr den Seinen zu, und bei jeder Neigung seines Hauptes und jeder lebhafteren Bewegung erneute und steigerte sich der begeisterte Zuruf.

Dann trat Macrinus an die Seite des Kaisers, und die Lictoren, die ihm folgten, gaben den Kriegern, indem sie die Fasces senkten, das Zeichen, sich still zu verhalten.

Im Nu verwandelte sich das ohrerschütternde Getöse in lautloses Schweigen.

Erst hörte man noch, wie die Lanzen und Schilde, die mancher Krieger in enthusiastischer Freude geschwungen hatte, an den Boden schlugen, und das Geklirr der in die Scheiden zurückgestoßenen Schwerter, dann verstummte auch dies, und endlich vernahm man nur noch, obgleich nur die oberen Befehlshaber zu Pferde gekommen waren, das Stampfen der Hufe, das Schnaufen der Rosse und das Klirren der Ketten an den Gebissen.

Atemlos horchte und spähte Melissa bald auf den Platz und die Soldaten herunter, bald nach dem Altan hin, wo der Kaiser stand. Trotz der Abneigung, die sie erfaßt hatte, schlug das Herz ihr schneller. Es war, als hätte dies unübersehbare Heer nur eine Stimme, als zwinge diese Tausende von Augen eine unwiderstehliche Macht, sich den einen kleinen Mann dort am Pantheon zum Ziele zu wählen.

Sobald er zu sprechen anhob, heftete sich auch der Blick Melissas an Caracalla.

Nur die Schlagworte, die er mit erhobener Stimme den Soldaten zurief, verstand sie; und aus ihnen entnahm sie, daß er den Waffengefährten für ihre Besorgnis danke, daß er sich aber immer noch stark genug fühle, jede Beschwerde mit ihnen zu tragen. Harte Anstrengungen lägen hinter ihnen. Die Rast in dieser üppigen Stadt werde jedem wohlthun. Es gebe noch im reichen Osten viel zu gewinnen und zu dem erworbenen Golde zu fügen, bevor sie nach Rom zurückkehrten, um den wohlverdienten Triumph zu feiern. Hier sollten die Ermüdeten es sich wohl sein lassen. Die reichen Geldsäcke, in deren Häuser er sie einquartiert habe, seien angewiesen, gut für ihre Pflege zu sorgen, und, unterließen sie dies, sei ja jeder einzelne Krieger Manns genug, ihnen zu zeigen, was der Soldat zu seinem Behagen bedürfe. Man sehe sie und ihn, ihren Führer, hier scheel an; darum sei übergroße Zartheit übel am Platze. Doch es gebe hier auch wünschenswerte Dinge, die der Wirt nicht gehalten sei, seinen kriegerischen Gästen zu liefern, und auch die gönne er ihnen, und zu diesem Zweck habe er zwei Millionen Denare von der eigenen Armut beiseite gelegt, um sie unter sie zu verteilen.

Schon mehrmals war diese Rede von lauten Beifallsrufen unterbrochen worden, nun aber erscholl ein so rasendes Jubelgeschrei, daß es den Donner des stärksten Ungewitters übertönt haben würde. Die Zahl der Rufenden und die Kraft jeder Stimme schienen sich verdoppelt zu haben.

Caracalla hatte zu den goldenen Ketten, welche diese Getreuen an ihn fesselten, eine neue gefügt, und wie er von dem Altane aus dem wild entzückten Haufen zulachte und nickte, glich er einem glückseligen, übermütigen Jüngling, der sich selbst und vielen geliebten Menschen eine große Freude bereitet.

Was er weiter sprach, verklang in dem Stimmengewirr auf dem Platze. Die Glieder hatten sich gelöst, und von den Panzern, Helmen und Trutzwaffen der sich hin und her bewegenden Streiter, welche die Sonne traf oder streifte, strahlten helle Blitze aus und kreuzten einander auf dem weiten, von blendend weißen Marmorstatuen umgebenen Platze.

Als der Kaiser den Altan verließ, trat auch Melissa in das Gemach zurück.

Was sie am stärksten zu Caracalla hingezogen hatte, der barmherzige Trieb, einem Leidenden das schwere Geschick zu erleichtern, hatte diesem Gesunden, Uebermütigen gegenüber Sinn und Bedeutung verloren. Wie eine Betrogene kam sie sich vor, die ein listiger Bettler durch erheuchelte Schmerzen bethörte, ihm ein übergroßes Almosen zu schenken.

Dazu liebte sie ihre Vaterstadt, und die Anforderung des Caracalla an die Soldaten, die Bürger zu zwingen, ihnen ein üppiges Leben zu verschaffen, hatte ihre Empörung mächtig gesteigert. Wenn er ihr wirklich noch einmal gestattete, frei die Stimme vor ihm zu erheben, wollte sie es ihm unverhohlen zeigen; doch nur zu schnell fiel ihr wieder aufs Herz, daß sie der leicht entfesselten Wut dieses Allmächtigen gegenüber ihrer Zunge Zwang auferlegen müsse, bis die Ihrigen in Sicherheit seien.

Bevor der Kaiser zurückkehrte, füllte das Gemach sich mit Männern, von denen sie keinen kannte als ihren alten Freund, den weißhaarigen, gelehrten Samonicus. Sie war die Zielscheibe aller Blicke, und wie auch der freundliche Greis sie von ferne in einer so nichtachtenden Weise begrüßte, daß ihr das Blut ins Gesicht stieg, bat sie den Adventus, sie in das Nebenzimmer zu führen.

Der Alte that ihr den Willen, doch bevor er sie verließ, raunte er ihr zu: »Die Unschuld ist vertrauensvoll; doch hier kommt man mit dergleichen nicht weit. – Nimm Dich in acht, Kind. Es gibt, sagen die Leute, Sandhügel am Nil, die wie weiche Kopfkissen zur Ruhe laden. Wenn man sich aber ihrer bedient, werden sie lebendig, und ein Krokodil kriecht aus ihnen hervor und öffnet den Rachen. Ich rede hier schon wie ein Alexandriner in Bildern; aber Du wirst mich verstehen.«

Da nickte Melissa ihm erkenntlich zu, der Alte aber fuhr fort: »Vielleicht vergißt er Dich; denn es hat sich vielerlei aufgehäuft durch seine Krankheit. Wenn die Masse des Einlaufenden nur vierundzwanzig Stunden unerledigt bleibt, staut sie sich auf wie der Mühlbach, den die Schleuse zurückhielt. Geht es dann an die Geschäfte, so reißen sie ihn fort. Er vergißt darüber Essen und Trinken. Es sind auch Gesandte gekommen von der Kaiserin Mutter, den Armeniern und Parthern. Fragt er in einer halben Stunde nicht nach Dir, so geht es zur Tafel, und ich lasse Dich durch die Thür dort hinaus.«

»Thu es gleich,« bat Melissa mit flehend erhobenen Händen; der Alte aber versetzte: »Damit lohnte ich Dir schlecht, daß Du mir die Füße gewärmt hast. Behalte das Krokodil unter dem Sande im Gedächtnis! Geduld, Kind! Da steht die Zither des Kaisers. Kannst Du sie spielen, so vertreibe Dir damit die Zeit. Die Thür schließt gut, und die Vorhänge sind dicht. Mein altes Ohr hat vorhin vergeblich gelauscht.«

Aber Caracalla hatte Melissa so wenig vergessen, daß er, obgleich auch ihm von den Gesandten und eingelaufenen Schriften des Senates Mitteilung gemacht worden war, schon vor der Thür des Tablinums nach ihr fragte. Er hatte sie vom Altan aus auf den Platz schauen sehen, und sie war also Zeuge des Empfanges gewesen, den ihm seine Soldaten bereitet. Das großartige Schauspiel mußte auch sie ergriffen und mit Freude erfüllt haben. Es drängte ihn, dies von ihr selbst bestätigt zu hören, bevor er den Geschäften sich hingab.

Adventus flüsterte ihm zu, wohin er sie geführt, um sie den zudringlichen Blicken so vieler fremden Männer zu entziehen, und Caracalla nickte ihm beifällig zu und trat in das Nebengemach.

Dort stand sie neben der Kithara und ließ die Finger leise über die Saiten gleiten.

Bei seinem Eintritt trat sie schnell zurück; er aber rief ihr heiter zu: »Laß Dich nicht stören. Ich liebe dies Instrument. Dem großen Zitherspieler Mesomedes – Du kennst vielleicht seine Lieder – ließ ich eine Bildsäule errichten. Heute abend, wenn das Mahl vorbei ist und der Drang der Geschäfte, will ich hören, was Du vermagst. Ich spiele Dir auch einige Lieder.«

Da faßte Melissa den Mut zusammen und sagte bestimmt: »Nein, Herr, für heute nehm' ich jetzt schon von Dir Abschied.«

»Das klingt sehr entschieden,« versetzte er halb überrascht, halb belustigt. »Aber man darf doch wohl wissen, was Dich zu diesem Entschlusse bestimmt?«

»Es warten Deiner viele Geschäfte,« entgegnete sie gelassen.

»Das ist meine Sache, nicht Deine,« lautete die abweisende Antwort.

»Auch die meine,« entgegnete sie und bemühte sich, ruhig zu bleiben; »denn Du bist noch nicht völlig genesen, und solltest Du meiner heute abend wieder bedürfen, so könnt' ich Deinem Rufe nicht folgen.«

»Nicht?« frug er unwillig, und das Augenlid begann ihm zu zucken.

»Nein, Herr; denn die nächtlichen Besuche bei Dir sind unziemlich für eine Jungfrau, wenn Du nicht krank bist und nicht der Pflege bedarfst. Jetzt schon begegnen mir Deine Freunde . . . Das Herz steht mir still, wenn ich nur daran denke.«

»Ich werde sie lehren, was Dir gebührt,« brauste Caracalla auf, und die Stirnfalten zogen sich ihm wieder zusammen.

»Aber mich,« versetzte sie bestimmt, »kannst Du nicht zwingen, über das, was sich ziemt, die Meinung zu ändern,« und der Mut, der ihr einer Spinne gegenüber versagte, der ihr aber in ernster Gefahr wie ein treuer Bundesgenosse an die Seite trat, machte sie zum Aeußersten entschlossen, als sie lebhafter fortfuhr: »Eine Stunde ist's her, seit Du versichertest, so lang ich bei Dir weile, bedürfe ich keines Schutzes, und ich sei Deines Dankes gewiß. Aber das waren Worte; denn als ich Dich vorhin ersuchte, mir einige Erholung zu gönnen, mißachtetest Du den wohlberechtigten Wunsch und befahlst mir rauh zu bleiben und Dich zu erwarten.«

Da lachte der Kaiser hell auf: »Siehe da! Das Weib! Auch Du wie die anderen! Güte und Sanftmut halten stand, so lang euch der Willen geschieht.«

»O nein,« unterbrach ihn Melissa, und die Augen füllten sich ihr mit Thränen. »Ich sehe nur weiter als von einer Stunde zur andern. Wollt' ich das Recht preisgeben, nach eigenem Ermessen zu gehen oder zu kommen, würde ich bald nicht nur selbst elend werden, sondern auch Dir ein Gegenstand der Verachtung.«

Hier brach sie, von einem unwiderstehlichen Drange gezwungen, in lautes Schluchzen aus; Caracalla aber stampfte wild mit dem Fuße und rief: »Keine Thränen! Ich mag Dich nicht weinen sehen. Ich will nicht! Soll Dir denn Uebles angethan werden? Nur Gutes, nur das Beste hatt' ich bisher für Dich im Sinne. Beim Vater Zeus und Apollon, ich hatt' es! Anders zeigtest Du Dich bisher als die übrigen Weiber, wenn Du Dich aber geberdest wie sie, dann – ich schwör' es – dann sollst Du zu fühlen bekommen, wer der Mächtigere ist von uns beiden.«

Damit zog er ihr die Hand unsanft von den Augen und erreichte damit, was er begehrte, wenn auch in anderer Weise.

Die Empörung, sich von einer rauhen Männerhand angegriffen zu sehen, verlieh Melissa die Kraft, das Schluchzen zu unterdrücken. Nur ihre feuchten Wangen verrieten noch, wie reichlich die Thränen geflossen, und ihrer selbst kaum mächtig vor aufrichtiger Entrüstung rief sie ihm ins Antlitz: »Du läßt meine Hand los! Schande über den Mann, der ein schutzloses Mädchen mißhandelt. Du hast geschworen, doch auch mir ist es gestattet, Eide zu leisten, und: Beim Haupte meiner Mutter! Nur als Leiche siehst Du mich wieder, wenn Du Dich noch einmal unterfängst, mir Gewalt anzuthun. Du bist der Kaiser, bist der Mächtigere von uns. Wer bezweifelt es denn? Aber zu etwas Niedrigem zwingst Du mich niemals, und könntest Du statt eines Todes tausend über mich verhängen!«

Sprachlos hatte Caracalla die Hand von der ihren entfernt und starrte sie an wie ein Wunder.

Ein Weib und ein so sanftes, das ihm trotzte, wie noch kein Mann es gewagt!

Wie zum Aeußersten entschlossen stand sie ihm mit erhobener Hand und wogendem Busen gegenüber. Aus ihren feuchten Augen strahlte ihm ein zorniger Glanz heiß entgegen, und so schön war sie ihm noch niemals erschienen.

Welche Majestät wohnte dieser Jungfrau inne, deren bescheiden anmutiges Wesen ihn schon mehr als einmal veranlaßt hatte, sie »Kind« zu nennen. Einer Königin, einer Kaiserin glich sie, und vielleicht sollte sie es auch werden. Zum erstenmal kam ihm jetzt dieser Gedanke. Und die kleine Hand, die sie nun senkte, welch lindernde Heilkraft wohnte ihr inne, wie viel hatte er ihr zu danken! Wie heiß war noch eben sein Verlangen gewesen, von ihr verstanden und für besser gehalten zu werden als von den andern. Und dies Verlangen erfüllte ihn noch immer. Ja, mächtiger denn je zog es ihn zu diesem auch für den Höchsten begehrenswerten Geschöpfe hin, das ihm durch seinen stolzen Eigenwillen doppelt reizend erschien. Ihr jetzt zum letztenmal zu begegnen, erschien ihm so undenkbar, wie von dem Tageslicht Abschied zu nehmen, und doch bekundete ihr ganzes Wesen, daß sie mit ihrer Drohung Ernst machen werde.

Der gekränkte Männerstolz und das verletzte Bewußtsein der Allmacht kämpften mit Liebe, Reue und der Furcht, ihre schmerzenlindernde Kraft einzubüßen; doch der Streit währte nicht lange, zumal die Menge der aufgehäuften Geschäfte wie ein schwer übersteigbarer Höhenzug vor ihm lag und ihn zur Eile drängte.

So trat er ihr denn kopfschüttelnd näher und sagte im überlegenen Tone des Bedächtigen, der den Unbesonnenen zurechtweist: »Wie die anderen, – ich wiederhol' es. Meine Forderung bezweckte ja nichts, als Dir Freude zu machen und Wohlsein durch Dich zu empfangen. Wie heiß muß das Blut sein, das schon ein Funken zum Sieden und Ueberschäumen bringt! Nur allzu ähnlich sieht es dem meinen, und weil ich Dich verstehe, wird es mir leicht, Dir zu verzeihen. Ja, ich muß Dir am Ende noch erkenntlich sein; denn ich lief Gefahr, den Wünschen des Herzens zu Gefallen die Pflichten des Herrschers zu vergessen. So geh denn und ruhe aus, während ich mich den Geschäften ergebe.«

Da zwang sich Melissa zu einem Lächeln und sagte immer noch unter Thränen: »Wie bin ich Dir dankbar! Und nicht wahr, Du befiehlst mir nicht wieder, zu bleiben, wenn ich versichere, daß es nicht angeht?«

»Es fehlt mir nur leider an Uebung, mich in Mädchenlaunen zu fügen.«

»Ich habe keine,« versicherte sie lebhaft. »Aber jetzt hältst Du Wort und gestattest mir, mich zu entfernen. Ich flehe Dich an, mich zu lassen.«

Da gab er ihr tiefatmend und mit einer Selbstüberwindung, deren er sich gestern nicht für fähig gehalten hätte, die Hand frei, sie aber meinte schaudernd die Antwort auf die Frage, was er von ihr begehre, gefunden zu haben. Seine Blicke hatten es verraten, nicht seine Worte; denn das Weib erkennt aus dem Auge des Werbers die Art seiner Wünsche, dem Manne sagt der Blick der Geliebten nur, ob sie seine Gefühle erwidere.

»Ich gehe,« sprach sie fest, er aber nahm die tiefe Blässe wahr, die sich über ihr Antlitz breitete, und ihre entfärbten Wangen bestärkten ihn in dem Glauben, daß es nach der schlaflosen Nacht und den Erregungen der letzten Stunden in der That nur der erschöpfte Leib sei, der Melissa antreibe, sich ihm so jäh zu entziehen.

Mit einem gütigen »Auf morgen also,« sagte er ihr darum Lebewohl. Doch als sie sich schon der Thür näherte, fügte er hinzu: »Nur dies noch! Wir wollen die Zither morgen zusammen versuchen. Nach dem Bade gönn' ich mir am liebsten Zeit für angenehmere Dinge. Adventus wird Dich holen. Ich bin begierig, Dein Spiel und Deinen Gesang zu hören. Von allen Klängen ist doch der der menschlichen Stimme der schönste. Auch der Jubel meiner Legionen thut dem Ohre wohl und dem Herzen. Nicht wahr, auch Dir bewegte das Jauchzen so vieler Tausende das Herz?«

»Gewiß,« versetzte sie schnell, und es drängte sie, ihm das Unrecht vorzuwerfen, das er den Bürgern von Alexandria seinen Kriegern zu liebe anthat, doch sie fühlte, daß jetzt die Zeit dazu übel gewählt sei, und alles andere trat weit hinter dem Verlangen zurück, dem Schrecklichen schnell zu entrinnen.

Im nächsten Zimmer traf sie den Philostratus und bat ihn, sie zu Frau Euryale zu führen; denn alle Warteräume waren jetzt überfüllt, und die sichere Ruhe, mit der sie gekommen war, hatte sie verlassen.

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