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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Zwanzigstes Kapitel.

Die Wartezimmer waren leer geworden, als Melissa sie zum andernmale durchschritt. Die meisten Freunde des Kaisers hatten sich auf die Nachricht, daß der Cäsar schlafe, zur Ruhe oder in die Stadt begeben, und die wenigen Zurückgebliebenen verhielten sich still bei ihrem Erscheinen; denn Philostratus hatte ihnen mitgeteilt, daß der Kaiser sie hochhalte als die einzige, der es gegeben sei, sein Leiden durch die ihr eigene, wunderbare Heilkraft zu lindern.

In dem zum Krankenzimmer umgewandelten Tablinum war jetzt nichts vernehmbar als die Atemzüge und das leise Schnarchen schlafender Männer. Auch Philostratus schlummerte auf einem Lehnstuhl im Hintergrunde des Zimmers.

Als der Philosoph zurückgekehrt war, hatte Caracalla ihn bemerkt und im Halbschlaf, vielleicht im Traum, ihm befohlen, bei ihm zu bleiben, und so sah der Gelehrte sich gezwungen, die Nacht hier zu verbringen.

Der Freigelassene Epagathos lag auf einem Polster aus dem Speisesaale, der wohlbeleibte Arzt schlief fest, und wenn sein Schnarchen lauter erscholl, stieß ihn der alte Adventus an und rief ihm leise ein warnendes Wort zu. Er, der frühere Postbote, war der einzige, der Melissas Eintritt wahrnahm; aber er blinzelte nur mit den blöden Augen zu ihr hin, und nachdem er stumm überlegt, was die Jungfrau wohl zurückführen möge, wandte er sich ab, um selbst zu ruhen; denn er war zu der Ueberzeugung gelangt, daß dies junge, rüstige Geschöpf schon wachen und zur Hand sein werde, wenn der Gebieter etwas bedürfe.

Sein Nachdenken über Melissas Wiederkehr hatte ihn auf viele Vermutungen geführt und war doch erfolglos geblieben. »Man müßte die Weiber nicht kennen,« schloß er seine Erwägungen, »wenn man nicht wüßte, daß bei ihnen das Unwahrscheinlichste oft das Zutreffende ist. Zu den Flötenspielerinnen und ihresgleichen gehört diese gewiß nicht. Wer weiß, welche für unsereinen unbegreifliche Schrulle oder Narretei sie hieher führt? Jedenfalls wird es ihr leichter sein als mir, die Augen offen zu halten.«

Dabei winkte er ihr und bat sie leise, ihm den Mantel aus dem leeren Nebenzimmer zu holen; denn der alte Leib brauche Wärme, und Melissa erfüllte gern diesen Wunsch und hüllte dem Greis die Caracalla mit gefälliger Sorgfalt um die frierenden Füße.

Dann zog sie sich wieder an das Krankenlager zurück, um auf das Erwachen des Kaisers zu warten. Er schlief fest; die Gleichmäßigkeit seiner Atemzüge verriet es. Auch die anderen schlummerten, und bald bewies das leise Schnarchen des Adventus, das sich in das lautere des Arztes mischte, auch er habe aufgehört zu wachen. Der schlummernde Philostratus murmelte bisweilen unverständliche Worte vor sich hin, und der Löwe, der vielleicht von der Freiheit in seiner sandigen Heimat träumte, winselte öfter leis auf aus dem Schlafe.

Sie allein wachte.

Es war ihr, als weile sie in der Wohnung des Schlafes und als wiegten sich auf den seltsamen Geräuschen ringsum Gesichter und Träume.

Sie fürchtete sich, und der Gedanke, unter so vielen Männern das einzige Weib zu sein, steigerte ihr banges Mißbehagen.

Es duldete sie nicht auf dem Stuhle.

Unhörbar, wie ein Schatten näherte sie sich dem Haupte des schlafenden Kaisers, um mit angehaltenem Atem zu lauschen. Wie fest er schlief! Aber sie war ja gekommen, um mit ihm zu reden. Wenn sein Schlummer bis zum Aufgang der Sonne dauerte, kam die Begnadigung der Ihren zu spät, und an eine harte Bank gefesselt, mußten der Vater und Philipp neben Räubern und Mördern die schweren Ruder als Galeerensklaven ziehen. Wie furchtbar würde sich dann des Vaters Wunsch erfüllen, seine Kraft zu gebrauchen. Und war Philipp, der engbrüstige Philosoph, einer Anstrengung gewachsen, die schon manchem Stärkern verhängnisvoll geworden?

Sie mußte den Gefürchteten wecken, der doch der einzige war, der hier Hilfe bringen konnte.

Jetzt erhob sie die Hand, um sie ihm auf die Schulter zu legen; doch sie zog sie auf halbem Wege zurück. Es war ihr, als sei es nicht viel weniger ruchlos, einem Leidenden den Schlaf, seine beste Arznei, als einem Gesunden das Leben zu rauben. Es konnte auch noch nicht allzu spät sein, und erst beim Aufgang der Oktobersonne wurde die Hafenkette geöffnet. Mochte er noch weiter des Schlummers genießen.

Mit diesem Entschluß ließ sie sich abermals nieder und lauschte auf die Geräusche, welche die Stille der Nacht unterbrachen.

Wie häßlich sie waren, wie widrig sie klangen! Der Gemeinste der Schlafenden, der alte Adventus, zersägte jetzt förmlich die Luft mit seinem Schnarchen. Des Kaisers Atemzüge waren kaum vernehmbar, und die Seitenansicht seines Antlitzes, die sich ihr bot, während er die eine Hälfte desselben in das Kissen schmiegte, wie edel war sie geschnitten! Hatte sie denn wirklich Ursache, sein Erwachen zu fürchten? Ob er nicht doch anders war, als Frau Berenike ihn sah? Die Teilnahme, die sie bei ihrer ersten Begegnung für ihn empfunden hatte, erwachte wieder, trotz aller Trübungen, die sie erfahren, und sie hörte auf, sich zu fürchten. Dabei kam ihr ein Gedanke, der ihr Vorhaben, den Schlaf des Kranken zu stören, entschuldigte. Es hieß ihn vor einer neuen Unthat bewahren, wenn man ihn hinderte, Unschuldige ins Elend zu stürzen. Erst wollte sie sich aber überzeugen, ob die Zeit schon dazu dränge.

Durch das offene Fenster schaute sie nun nach den Sternen und auf den weiten Platz ihr zu Füßen. Die dritte Stunde nach Mitternacht war vorüber, und bis zum Aufgang der Sonne dauerte es noch lange.

Da unten war alles still. Macrinus, der Präfekt der Prätorianer, hatte auf die Nachricht hin, daß der Kaiser in einen wohltätigen Schlaf verfallen sei, der nicht gestört werden solle. verboten, laute Signale zu geben, der Platz war für die Bürger der Stadt abgesperrt worden, und so klang nichts zu der Lauschendem in die Höhe als der gleichmäßige Taktschritt der Schildwachen und der Schrei der Eulen, die in die Nester unter dem Dache des Serapeums zurückkehrten. Der Seewind trieb die Wolken am Himmel vor sich her, und die mit Zelten bedeckte Fläche, die er traf, glich einem Meere mit hohen, leise zitternden, weißen Wellen. Das Lager war am Nachmittag kleiner geworden; denn während des Mahles hatte Caracalla die Drohung von heute morgen zur That gemacht, indem er befahl, einen Teil der Elitetruppen in den Häusern der reichsten Alexandriner einzuquartieren.

Weit vorgebeugt schaute Melissa gen Norden. Der Seewind wehte ihr das Haar ins Antlitz. Auf dem Meere, woher er kam, warfen die erregten Wogen vielleicht schon in wenigen Stunden das Schiff auf und nieder, auf dessen Ruderbänken dann ihr Vater und Bruder in unwürdigem Sklavendienste die Arme rührten. Das durfte, das sollte nicht sein!

Doch – was war das?

Ein leises Flüstern drang zu ihr herauf. Trotz des strengen Verbotes hatte sich ein liebendes Paar drunten zusammengefunden. Das Weib des Centurio Martialis, das so lange von dem Gatten getrennt gewesen, war auf seine Bitte heimlich aus Kanopus, wo es die Villa des Seleukus im Stand hielt, zu ihm gekommen; denn der Dienst verbot ihm, sich selbst so weit zu entfernen. Jetzt standen sie zusammen im Schatten des Tempels und kosten und flüsterten. Melissa verstand nicht, was sie sagten, doch sie riefen ihr die seligen Nachtstunden ins Gedächtnis zurück, in denen Diodor ihr seine Liebe gestanden. Dann war es ihr auch, als stehe sie wieder an seinem Lager, und der Blick seiner treuen Augen begegne dem ihren. Nicht für alle Güter der Welt hätte sie ihn, dessen Erwachen ihr neues Liebesglück verhieß, gestern im Hause der Christen im Schlafe gestört, und nun stand sie doch im Begriff, einem andern das Göttergeschenk des Schlummers, seine beste Arznei, zu rauben. Aber Diodor galt ihr alles, und was der Kaiser? Bei dem Geliebten hatte es sich um Tod und Leben gehandelt, während eine Störung des Caracalla seine Genesung höchstens um eine Stunde hinausschieben konnte. Sie hatte dem kaiserlichen Schläfer auch erst die Ruhe gegeben, die sie gewiß auch wieder zurückrufen konnte, wenn sie ihn jetzt weckte. Vorhin hatte sie sich gelobt, nach dem eigenen Wohl und Weh nicht mehr zu fragen, und das machte sie dem Kaiser gegenüber anfangs bedenklich; aber wäre es nicht erst recht selbstsüchtig gewesen, die Stunde zu versäumen, die dem Vater und Bruder Befreiung bringen konnte, um die eigene Seele vor dem Vorwurf eines leicht verzeihlichen Unrechtes zu bewahren?

Mit der Frage: »Was liegt denn an dir?« wich jeder Zweifel von ihr, und nicht mehr auf den Zehen, sondern festen, entschlossenen Schrittes trat sie auf das Lager des Schlummernden zu, und der Frevel, den zu begehen sie sich gescheut, verwandelte sich in eine Wohlthat; denn sie fand den Kaiser mit perlender Stirne stöhnend und von einem schweren Alpdruck beängstigt. Mit der dumpfen, klanglosen Stimme redender Schläfer rief er, als habe er ihr Nahen vernommen: »Fort, Mutter, sag' ich! Er oder ich! Aus dem Weg! Du willst nicht? Aber ich, ich . . . Wenn Du . . .«

Dabei schwang er die Hand hoch auf und stieß einen dumpfen, schmerzlichen Schrei aus.

»Jetzt träumt er von dem Morde seines Bruders,« flog es Melissa durch den Sinn, und im nämlichen Augenblicke lag ihre Hand auf seinem Arme, und mit dringender Bitte rief sie ihm ins Ohr: »Wach auf, Cäsar, ich beschwöre Dich, hoher Cäsar, erwache!«

Da öffnete er die Augen, und seiner geängstigten Brust entrang sich ein leises, langgedehntes »Ah!«

Tief aufatmend schaute er sich dann mit wirren Blicken um, und als sein Auge dabei das der Jungfrau traf, glätteten sich seine Züge, und bald glänzten sie so freudig, als sei ihm ein Glück widerfahren.

»Du?« fragte er mit frohem Erstaunen. »Du, Mädchen, immer noch hier? Es muß wohl bald dämmern? Ich schlief gut, bis vor kurzem . . . Dann aber, zuletzt . . . O, es war furchtbar . . . Adventus!«

Dieser Ruf ward indessen von Melissa unterbrochen, indem sie den Kaiser mit dem Finger auf dem Munde zum Schweigen mahnte, und er verstand sie und folgte ihr willig, zumal sie erraten hatte, was er von dem alten Kämmerer begehre. Dienstwillig reichte sie ihm das Tuch, das auf dem Tische lag, um sich die triefende Stirn zu trocknen. Dann brachte sie ihm auch zu trinken, und nachdem Caracalla sich erfrischt aufgerichtet hatte und dabei empfand, daß der Schmerz, der nach einem schweren Anfall bisweilen tagelang dauerte, ihn jetzt schon verlassen, sagte er eingedenk ihres Winkes ganz leise: »Wie viel besser fühl' ich mich schon! Und das danke ich Dir, der Roxane, Du weißt ja. Als Alexander fühl' ich mich gern; aber sonst . . . Etwas Gutes hat es freilich doch, die Welt zu beherrschen. Wo es uns zu strafen oder zu lohnen verlangt, steckt niemand uns Grenzen. Du, Kind, sollst erfahren, daß es der Kaiser ist, den Du zum Danke verpflichtet. Fordere, was Du willst, und ich will es Dir schaffen.«

Da flüsterte sie ihm eifrig zu: »Gib meinen Vater frei und den Bruder.«

»Immer dasselbe,« entgegnete Caracalla verdrossen. »Weißt Du Dir nichts Besseres zu wünschen?«

»Nein, Herr, nein!« rief Melissa mit dringlicher Wärme. »Willst Du mir wirklich schenken, was mir das Liebste . . .«

»Ich will, ja, ich will,« unterbrach sie der Kaiser in besänftigendem Tone; doch plötzlich zuckte er die Achseln und fuhr bedauerlich fort: »Aber Du wirst Geduld haben müssen; denn die Deinen schwimmen auf Befehl des Aegypters schon längst auf dem Meere.«

»Nein, Herr,« versicherte das Mädchen. »Sie sind noch hier. Der Zminis hat Dich schmählich betrogen.« Und nun wiederholte sie ihm die Mitteilung des Bruders.

Caracalla hatte, einem weichen Triebe gehorsam, sich Melissa dankbar zu erweisen gewünscht. Doch ihre Bitte mißfiel ihm; denn der Steinschneider und sein Sohn, der Philosoph, waren Pfänder, die das Mädchen und den Maler bei ihm festhalten sollten. Aber so stark sein Mißtrauen auch war, die verletzte Herrscherwürde und die peinliche Empfindung, betrogen zu sein, ließen ihn alles andere vergessen, und so fuhr er zornig auf und rief laut die Namen des Epagathos und Adventus.

Seine vor Wut zitternde Stimme weckte auch die anderen aus dem Schlafe, und nachdem er ihnen kurz und hart ihre Trägheit verwiesen, trug er dem Epagathos auf, dem Präfekten Macrinus sogleich den Befehl zu erteilen, das Schiff, worauf sich Heron und Philipp befänden, nicht aus dem Hafen zu lassen, die Gefangenen in Freiheit zu setzen und den ägyptischen Sicherheitswächter Zminis mit schweren Ketten ins Gefängnis zu werfen.

Als der Freigelassene demütig bemerkte, der Präfekt werde kaum zu finden sein, da er auch in dieser Nacht den Geisterbeschwörungen des Magiers Serapion beiwohne, befahl der Cäsar zornig, den Macrinus von dem Wundertäter fortzuberufen und ihn ungesäumt in den Hafen zu senden.

»Und find' ich ihn nicht?« fragte Epagathos.

»Dann wird es von neuem auf der Hand liegen,« entgegnete der Kaiser, »wie schlecht ich bedient bin. Im äußersten Fall trittst Du für den Präfekten ein und sorgst für die Ausführung meiner Befehle.«

Der Freigelassene entfernte sich schnell, und erschöpft sank Caracalla in die Kissen zurück.

Melissa ließ ihn einige Zeit rasten; dann aber trat sie ihm näher, dankte ihm innig und bat ihn, sich ruhig zu halten, damit der Schmerz nicht zurückkehre und ihm den nahenden Tag verderbe.

Da fragte er nach der Zeit, und als Philostratus, der ans Fenster getreten war, erklärte, die fünfte Stunde nach Mitternacht sei vorüber, befahl Caracalla, ihm ein Bad zu bereiten.

Der Arzt billigte diesen Wunsch, und nun reichte der Cäsar dem Mädchen die Hand und sagte matt und mit leiser Stimme: »Der Schmerz bleibt immer noch aus. Könnte ich die Ungeduld mäßigen, es wäre mir besser. Das Bad in der Frühe thut mir oft wohl nach so schlimmen Nächten. Geh nur. Der Schlaf, den Du anderen zu schenken verstehst, läßt auch bei Dir wohl kaum auf sich warten. Nur bitt' ich, Dich in der Nähe zu halten. Wir fühlen uns, denk' ich, beide gestärkt, wenn ich Dich rufe.«

Da sagte Melissa ihm dankbar Lebewohl; als sie sich aber der Schwelle näherte, rief er sie noch einmal zurück und fragte sie mit veränderter Stimme kurz und streng: »Du wirst dem Vater beistimmen, wenn er mich schmäht?«

»Welch ein Gedanke!« versetzte sie lebhaft. »Er weiß ja, wer ihm die Freiheit raubte, und von mir soll er erfahren, wer sie ihm zurückgab.«

»Gut,« murmelte der Kaiser. »Doch merke noch dies: Ich bedarf Deines Beistandes und brauche auch Deinen Bruder, den Maler. – Wenn Dein Vater es versucht, euch mir zu entfremden . . .«

Hier ließ er plötzlich den drohend erhobenen Arm sinken und fuhr milder und in vertraulichem Flüsterton fort: »Aber wie möcht' ich Dir anders als gütig begegnen. Nicht wahr, Du fühlst auch jetzt noch das geheimnisvolle Band, – Du weißt doch? Irr' ich, wenn ich denke, es thue Dir leid, Dich von mir zu trennen?«

»Gewiß nicht,« erwiderte sie leise und senkte das Haupt.

»So geh denn,« fuhr er freundlich fort. »Es kommt noch der Tag, an dem Du fühlen wirst, daß ich Deiner Seele nötig bin, wie Du der meinen. Aber Du weißt wohl kaum, wie ungeduldig ich sein kann. Ich muß gern an Dich denken können, gern, immer, immer.«

Damit winkte er ihr zu, und die Augenlider blieben ihm noch lang in zitternder Bewegung.

Philostratus schickte sich an, die Jungfrau zu begleiten, Caracalla aber hielt ihn zurück mit dem Rufe: »Führe Du mich ins Bad. Bekommt es mir, wie ich hoffe, hab' ich mancherlei mit Dir zu reden.«

Melissa vernahm die letzten Worte nicht mehr. Froh und schnell eilte sie durch die spärlich erleuchteten menschenleeren Räume und fand den Alexander in sitzender Stellung, halb schlafend, halb wachend, mit geschlossenen Augen. Da nahte sie sich ihm auf den Zehen, und weil ihm eben der nickende Kopf auf die Brust fiel, lachte sie und erweckte ihn mit einem Kusse.

Die Lampen waren noch nicht niedergebrannt, und als er ihr überrascht ins Antlitz schaute, erhellte sich auch das seine, und schnell aufspringend, rief er: »Alles gut, wir haben Dich wieder, und es gelang Dir. Der Vater, ich seh' es Dir an, und auch der Philipp ist frei!«

»Ja, ja, ja,« gab sie froh zurück. »Und nun kommst Du mit, und wir holen sie selbst aus dem Hafen.«

Da hob Alexander Augen und Arme wie verzückt in die Höhe, und Melissa that es ihm nach, und so dankten sie stumm, doch in brünstiger Herzenserhebung gemeinsam dem freundlichen Walten der Götter.

Dann brachen sie zusammen auf, und Alexander sagte: »Es ist mir, als flösse mir lauter Dank durch die Adern. Vorhin lernt' ich übrigens zum erstenmal kennen, was Angst ist. Hier hat dieser böse Gast wohl seine Heimat. Laß uns jetzt fort. Unterwegs erzählst Du mir alles.«

»Nur einen Augenblick Geduld,« bat sie munter und eilte in die Wohnung des Oberpriesters. Dort wurde sie noch immer von Frau Euryale erwartet, und die Matrone küßte sie und schaute ihr innig erfreut in die feucht schimmernden hellen Augen.

Anfänglich wollte sie Melissa bestimmen, sich jetzt Ruhe zu gönnen; denn sie werde ihrer Kraft noch bedürfen. Bald aber fand sie ihren Wunsch, dem Vater entgegenzugehen, berechtigt, legte ihr den eigenen Mantel um die Schultern – denn die Luft war kühl vor Sonnenaufgang – und begleitete sie zuletzt in den Vorsaal.

Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, wandte sie sich an den Sklaven ihrer Schwägerin Berenike, der dort während der ganzen Nacht gewartet, und befahl ihm, seiner Herrin mitzuteilen, was sie von Melissa erfahren.

Vor dem Serapeum trat den Geschwistern der Sklave Argutis entgegen. Er hatte im Hause des Seleukus erfahren, wo die Jungfrau weile, und mit der Dienerschaft des Oberpriesters Freundschaft geschlossen.

Als er am späten Abend hörte, Melissa sei immer noch bei dem Kaiser, hatte ihn solche Unruhe ergriffen, daß er während der ganzen Nacht bald auf den Stufen einer Treppe, bald hin und her schreitend vor dem Serapeum gewartet. Herzensfroh begleitete er nun die Geschwister bis zum Aspendiaviertel, und wenn er sich dort von ihnen trennte, so geschah es nur, um der armen alten Dido mitzuteilen, was er Gutes erfahren, und Vorbereitungen für den Empfang der Heimkehrenden zu treffen.

Von nun an eilte Melissa allein Arm in Arm mit dem Bruder durch die stillen Straßen.

Die Jugend, der die ganze Gegenwart gehört, verlangt von der Zukunft nur den lichten Teil zu kennen, und auch Melissa dachte in der Freude, den geliebten Ihren die Freiheit zurückgeben zu dürfen, nur selten daran, daß, wenn dieser Gang vorbei sei und der Kaiser sie wieder rufe, neue Gefahren zu überwinden sein würden.

Froh des schönen Erfolges erzählte sie dem Bruder zuerst, was sie bei dem kranken Cäsar erlebt. Dann erging sie sich in Erinnerungen an den Besuch bei dem Geliebten, und als Alexander ihr das Herz eröffnete und mit feurigem Eifer versicherte, nicht zu ruhen, bis er die schöne Christin Agathe sich gewonnen, ließ sie ihm willig das Wort und verhieß ihm ihren Beistand. Endlich berieten sie, wie die Gunst des Kaisers, der – Melissa versicherte es – schmählich verkannt werde, für den Vater und Philipp zu gewinnen sei, und zuletzt vergegenwärtigen sich beide die Ueberraschung des Alten, wenn er ihnen als den ersten nach seiner Befreiung begegnen werde.

Der Weg war weit, und als sie beim Cäsareum im Bruchium, dem vornehmen Palästeviertel der Stadt, an das Meer gelangten, zeigte sich hinter der Halbinsel Lochias der erste Dämmerschein des nahenden Morgens. Das Meer war erregt und schlug mit trägen, öligen Wellen an das einem Finger gleich in das Meer reichende Choma und das Gemäuer des Timoniumturmes an seiner Spitze, in dem Antonius nach der Schlacht von Actium sich und seine Schmach verborgen hatte.

Bei dem säulenreichen Poseidontempel, der sich hart am Ufer zwischen dem Choma und dem Theater des Dionysos erhob, blieb Alexander stehen, wies auf das im Dunkel ruhende Hufeisen des dem flachen Ufer gegenüberliegenden Eilandes und fragte: »Weißt Du noch, wie wir mit der Mutter nach Antirhodus hinüberfuhren und wie sie uns am kleinen Hafen Muscheln suchen ließ? Wäre sie heut noch am Leben, was bliebe uns dann noch zu wünschen übrig?«

»Daß der Kaiser fort wäre!« drang es aus tiefstem Herzensgrunde dem Mädchen über die Lippen. »Wenn Diodor dann wieder gesund ist, wenn der Vater die Hände regt wie sonst, und ich neben ihm sticke, bis Diodor kommt, um mich zu holen, ja dann . . . O, käme doch etwas im Reiche vor, das den Cäsar fortriefe, weit fort zu den fernsten Hyperboräern!«

»Das wird bald zu den geschehenen Dingen gehören,« versicherte Alexander. »Philostratus sagte, die Römer blieben höchstens noch eine Woche.«

»So lang?« frug Melissa erschreckt; doch Alexander beruhigte sie schnell mit der Versicherung, sieben Tage flögen schnell dahin, und schaue man auf sie zurück, so schrumpften sie gar auf ebenso viele Stunden zusammen. »Nur nicht,« fuhr er lebendig fort, »nach der Ankunft fragen! Freuen wir uns, daß alles so gut geht!«

Hier stockte er plötzlich und schaute gespannt auf das von den schwindenden Schatten der Nacht nicht mehr völlig verdunkelte Meer. Melissa folgte seiner weisenden Hand, und als er in großer Erregung ausrief: »Das ist kein Boot, das ist ein Schiff, und ein großes,« fügte Melissa besorgt hinzu: »Es nähert sich schon der Diabathra. Gleich ist es beim Alveus Steganus und fährt am Pharus vorbei.«

»Aber dort steht der Morgenstern am Himmel, und das Feuer auf dem Turme brennt noch,« fiel ihr der Bruder ins Wort. »Erst wenn man es verlöscht, wird die äußere Kette geöffnet. Und doch steuert das Schiff in nordwestlicher Richtung. Es kommt gewiß aus dem königlichen Hafen.« Damit zog er die Schwester schneller mit sich fort, und als sie nach wenigen Minuten das Hafenthor erreicht hatten, rief er erleichtert: »Sieh dort hin! Die Kette spannt sich noch vor den Eingang; ich sehe es deutlich.«

»Ich auch,« versicherte Melissa bestimmt, und während ihr Bruder an das Thor des fest abgeschlossenen kleinen Hafens pochte, vor dem ein schön bespannter Wagen hielt, fuhr sie eifrig fort: »Es darf auch kein Schiff vor Sonnenaufgang hinaus wegen der Klippen – Epagathos sagte es vorhin, – und das dort beim Pharus . . .«

Doch sie behielt nicht Zeit, ihrer Vermutung Worte zu leihen; denn das breite Hafenthor ward geräuschvoll aufgethan, und es entströmte ihm eine Schar von römischen Soldaten, der mehrere alexandrinische Sicherheitswächter folgten. Diese schritten einem mit Ketten belasteten Gefangenen nach, mit dem sich ein vornehmer Römer in kriegerischem Schmuck unterhielt. Beide waren groß und hager, und als sie sich den Geschwistern näherten, erkannten sie in dem einen den Präfekten der Prätorianer Macrinus, in dem Gefesselten den Angeber Zminis.

Aber auch der Aegypter nahm den Künstler und seine Begleiterin wahr. Die Augen blitzten ihm dabei hell auf, und mit triumphirendem Hohne wies er auf das Meer.

Der Magier Serapion hatte den Präfekten veranlaßt, dem Aegypter die Freiheit zu lassen. Im Hafen war noch nichts vom Sturze des Zminis bekannt geworden, und man hatte ihm darum willig den gewohnten Gehorsam geleistet, als er, von dem Magier und dem alten Haß dazu ermutigt, den Befehl erteilte, die Galeere, welche den Steinschneider und seinen Sohn trug, trotz der frühen Stunde, die Anker lichten zu lassen.

Heron und Philipp zogen jetzt mit Ketten am Fuße auf der gleichen Bank mit schweren Verbrechern die Ruder, und die zurückgebliebenen Kinder des alten Künstlers schauten dem Schiffe nach, das den Vater und Bruder forttrug in die Ferne. Melissa that es stumm und mit feuchten Augen, während Alexander, außer sich, seinem Zorn und Schmerz durch leere Drohungen Luft zu machen suchte.

Indes veranlaßten die Vorstellungen der Schwester ihn bald, sich zu mäßigen und Erkundigungen einzuziehen, ob Macrinus, dem Befehle des Kaisers gehorsam, der Galeere ein Staatsschiff nachgesandt habe.

Dies war geschehen, und beruhigt, doch schmerzlich enttäuscht begaben sie sich auf den Heimweg.

Die Sonne war inzwischen aufgegangen, und die Straßen füllten sich mit Menschen.

Vor dem Prachtbau des Cäsareums trafen sie den alten Bildhauer Lysander, der schon ein Freund ihres Großvaters gewesen. Der Greis nahm warmen Anteil an dem Geschicke des Heron, und als Alexander ihn bescheiden fragte, was er in so früher Stunde hier treibe, zeigte er in das Innere des Prachtbaues, wo die Bildsäulen der Kaiser und Kaiserinnen in weitem Kreise einen großen Hof umgaben, und lud die Geschwister ein, ihm dahin zu folgen. Er hatte sein Werk, die Marmorstatue der Julia Domna, der Mutter des Caracalla, nicht vor dem Einzuge des Kaisers vollenden können. Gestern Abend war es indes hier aufgestellt worden, und er kam nun, um zu sehen, wie es sich ausnehme in der neuen Umgebung.

Melissa hatte das Bild der Julia auf Münzen und manchem Bildwerk gesehen, heute aber reizte es sie ganz anders als früher, der Mutter des Mannes ins Antlitz zu schauen, der so mächtig in ihr eigenes Dasein und in das der Ihrigen eingriff.

Der alte Meister hatte die Julia vor vielen Jahren in ihrer Heimat Emesa als Tochter des Bassianus, des vornehmen Sonnenpriesters dieser Stadt, gesehen, und später, nachdem sie Kaiserin geworden, war es ihm gestattet worden, sie für ihren Gatten Septimius Severus zu modelliren. Während nun Melissa dem wohlgelungenen Marmorbilde ins Antlitz schaute, erzählte der greise Künstler von der bestrickenden Anmut, die der Mutter des Caracalla in der Jugend alle Herzen gewonnen, von dem Reichtum ihres Geistes und den seltenen Kenntnissen, die sie sich fleißig erworben habe und im Verkehr mit Gelehrten immer noch vermehre. Man hörte ihm an, daß sein Herz nicht unberührt von den Reizen des fürstlichen Modelles geblieben sei, und Melissa versenkte sich immer tiefer in den Anblick dieses schönen Werkes.

Lysander hatte die kaiserliche Witwe stehend in faltigen Gewändern gebildet, die ihr bis auf die Füße herabflossen. Sie hielt das liebliche jugendliche Haupt etwas zur Seite geneigt, und am Halse zog die Rechte das Kopftuch ein wenig zurück, welches das Hinterhaupt bedeckte und ihr die Schultern leicht umwallte. Das Antlitz schaute aus demselben hervor, als lausche sie schönem Gesang oder einer fesselnden Rede. Das leicht gewellte, volle Haar umrahmte unter dem Kopftuche das liebliche Oval des Antlitzes, und Alexander stimmte mit ein, als die Schwester den Wunsch zu erkennen gab, diese selten schöne Frau einmal zu sehen. Doch der Bildhauer versicherte, sie würden enttäuscht sein; denn die Jahre hätten sich auch an ihr grausam erwiesen. »Ich habe sie,« fuhr er fort, »gebildet, wie sie mich vor einem Menschenalter entzückte. Was ihr da vor euch seht, ist die Jungfrau Julia; sie als Matrone, als Mutter darzustellen, wär' ich nicht fähig gewesen. Die Erinnerung an den Sohn hätte alles verdorben.«

»Er ist auch besserer Regungen fähig,« versicherte Alexander.

»Mag sein,« erwiderte der Greis. »Ich kenne sie nicht. Mögen euch Vater und Bruder bald wiedergegeben werden. – Ich muß an die Arbeit!«

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