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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Achtzehntes Kapitel.

Die Bildsäule des Gottes Serapis, ein Riesenwerk, das die Meisterhand des Bryaxis aus Gold und Elfenbein geschaffen, thronte mit dem Kalathos auf dem bärtigen Haupte und dem dreiköpfigen Cerberus ihr zu Füßen, hoch und still erhaben im Hintergrunde der großen Halle des Serapistempels.

Es fehlte bei der Statue nicht an frommen Betern und begeisterten Bewunderern; denn so lang der Kaiser der Gast des Gottes war, blieb der Vorhang gelüftet, der seine majestätische Gestalt sonst den Blicken verbarg. Aber die ihm am wärmsten ergebenen Anbeter meinten, das würdige, freundlich ernste Antlitz des großen Serapis schaue unwillig drein; denn hatte sich auch in der größten und schönsten Säulenhalle der Welt nichts geändert, waren auch die herrlichen Reliefbilder an den Wänden und an den Decken, die Statuen und Altäre von Marmor, Bronze und edlen Metallen zwischen den Kolonnaden und die köstlichen, farbenreichen Mosaikgemälde, die in wohlgeordneten Gruppen den Fußboden bedeckten, die alten geblieben, so ward dieser bewunderungswerte Estrich doch heute von tausend Füßen betreten, die nichts mit dem Gotte zu schaffen hatten.

Vor der Ankunst des Kaisers pflegte in diesem echten Götterheim, das der kaum sichtbare Rauch des verbrannten Kyphi mit seinem Wohlgeruch durchwehte, feierliche Stille zu herrschen, und die Verehrer des Gottes sammelten sich still um seine Bildsäule, um die Altäre, die kleinen Statuen der ihm verwandten Unsterblichen, oder die Tafeln, worauf die Geschenke und Gebete verzeichnet standen, die fromme Könige und Bürger dem Serapis verehrt und ihm geweiht hatten. An Festtagen und in den Stunden des priesterlichen Dienstes vernahm man hier den frommen Gesang priesterlicher Chöre oder das Hersagen der Gebete. Das Auge folgte dann den Stolisten, welche die Bildsäulen, wie das Ritual es vorschrieb, mit Kronen und Binden schmückten, oder den Prozessionen der höchsten, hohen und niederen Diener des Gottes. Mit heiligen Reliquien und Götterfiguren in Laden und auf Barken, mit bedeutungsvollen Standarten, Sceptern und Sinnbildern zogen sie auf vorgeschriebenen Bahnen durch die dem Kultus geweihten Räume des Heiligtums, und bei alledem sprach Andacht und Seelenerhebung aus den Zügen der meisten.

Aber gerade diese Empfindungen schien die Anwesenheit des Kaisers aus dem Tempel verbannt zu haben. Von früh bis spät wimmelte die große Halle zwar von Besuchern, doch ihr Ansehen und Verhalten paßte weit besser auf den Markt oder in ein öffentliches Bad als in diese geweihte Halle. – Sie hatte sich in das Vorgemach des Kaisers verwandelt, und an die römischen Senatoren, Legaten, Tribunen und anderen vornehmen Herren drängten sich Klienten des Cäsar und seiner »Freunde«, Soldaten von niedrigerem Range, Schreiber, Freigelassene und Sklaven, die mit Caracalla gekommen waren. Es fehlte auch nicht an Alexandrinern, die durch die Vertrauten des Herrschers einen Vorteil, eine Gunst, eine Auszeichnung, eine Gnade zu erreichen erwarteten. Die meisten suchten sich den Freunden und Begleitern des Cäsar zu nahen, um sie an sich ziehen und sich durch sie zu bereichern. Da gab es Korn-, Wein- und Waffenhändler, die Lieferungen für das Heer zu erhalten wünschten, dort Wucherer, die gegen kostbare Pfänder, die den Kriegern oft aus der Kriegsbeute zufielen, Geld zu verleihen wünschten, und hier wie überall drängten sich geputzte und geschminkte Schöne an die verschwenderischen Fremden. Nach Dutzenden zählten die Magier, Sternseher und Wunderthäter, die diesen heiligen Raum für die geeignetste Stelle hielten, den nach Vorzeichen und Zaubermitteln begierigen Römern ihren Dienst anzubieten. Sie wußten, wie hochgeschätzt die ägyptischen Zauberkünste im ganzen Reiche waren, und so überbot der eine den andern an Zudringlichkeit. Obgleich ihre Kunst zu den verbotenen gehörte, kleidete sich auch jeder in einer Weise, welche Neugier und Erwartung zu spannen bestimmt war.

Der Magier Serapion hielt sich fern von den anderen. Er glich ihnen auch äußerlich nur durch Bart und Talar; dieser aber war nicht wie bei jenen mit Hieroglyphen, Zungen und Flammen bestickt oder benäht, sondern weiß und schmucklos, und das gab ihm das Aussehen eines würdigen priesterlichen Gelehrten.

Als Alexander die Tempelhalle durchschritt, um dem Auftrage des Kaisers gerecht zu werden, und sich dem Magier näherte, schlüpfte Kastor, sein vielgewandter Gehilfe, hinter eine Bildsäule und flüsterte, als der Künstler wieder in der Menge verschwand, dem Gebieter zu: »Nichtswürdig! Der freche Maler ist immer noch frei.«

»Bis auf weiteres,« lautete die Antwort, und Serapion hatte schon die Lippen geöffnet, um dem andern einen neuen Befehl zu erteilen, als sich ihm eine Hand auf die Schulter legte und der Angeber Zminis ihm zuraunte: »Gut, daß ich Dich hier finde. Die Anklagen gegen Dich häufen sich, Freund, und wenn ich auch bis jetzt ein Auge zudrückte, wird es hinfort nicht mehr angehen.«

»Hoffen wir das Gegenteil,« versetzte der Magier bestimmt und fuhr dann in schnellem Flüstertone fort: »Ich weiß, was Du erstrebst, und mein Beistand wird Dir von Wert sein, – doch man darf uns nicht zusammen sehen. In der Gerätkammer, links neben den ersten Stufen der Sternwartentreppe finden wir uns. Ich geh' Dir voran.«

»Aber schnell,« entgegnete der andere. »In einer Viertelstunde werde ich vom Kaiser erwartet.«

Vor der bezeichneten Gerätkammer, zu der Serapion, als einer der geschicktesten Verfertiger der astronomischen Instrumente des Heiligtums, den Schlüssel besaß, empfing der Magier den Sicherheitswächter, und ihre Verhandlungen führten schnell zum Ziele. Sie kannten sich gut, und jeder wußte Dinge von dem andern, die ihm gefährlich werden konnten. Da die Zeit drängte, sahen beide von dem unnützen Bestreben ab, den ebenbürtigen Gegner zu täuschen.

Der Magier wußte bereits, daß der Sicherheitswächter dem Kaiser zum Nachfolger des abgesetzten Nachtstrategen vorgeschlagen worden sei und einen nicht zu mißachtenden Nebenbuhler besitze. Mit Hilfe des Syrers, der die Kunst der Bauchrednerei so vollkommen übte, daß er unfehlbar die Täuschung zu erwecken verstand, seine in der Verstellung wohlgeschulte Stimme töne aus jeder beliebigen Person oder Sache, hatte Serapion den mächtigsten Mann nach dem Kaiser, den Präfekten der Prätorianer Macrinus, zu sich herangezogen und ihn in der vergangenen Nacht mit festen Banden an sich gefesselt.

Macrinus, ein in Niedrigkeit geborener Mann, der dem Severus, dem Vater des Caracalla, seine Größe verdankte, hatte gestern im Pantheon zu der Statue seines verstorbenen Gönners gebetet. Da war ihm von derselben zugerufen worden, der göttliche Severus habe Großes mit ihm im Sinne. Ein frommer Weiser sei beauftragt, ihm nähere Aufschlüsse zu geben. Er werde ihn finden, wenn er sich um Sonnenuntergang in das Heiligtum der Isis begebe und dort am Altar der Göttin dreimal den Namen Severus rufe.

Der syrische Bauchredner hatte, gemäß der Verordnung des Serapion, hinter einer Säule versteckt aus der Statue seines Wohlthäters zu dem Präfekten gesprochen, und Macrinus war natürlich seiner Weisung gefolgt.

Im Isistempel hatte der Präfekt dann den Magier getroffen, und was dem Emporkömmling während der Nacht zu sehen, zu hören und zu empfinden gegeben worden war, hatte so tief auf ihn gewirkt, daß er den Serapion auch am kommenden Abend zu besuchen verhieß.

Durch welche Mittel er den mächtigen Mann an sich gezogen, verschwieg der Magier dem Sicherheitswächter, doch versicherte er, daß Macrinus Wachs in seiner Hand sei und schloß dann mit dem Aegypter den Vertrag, daß wenn ihm, dem Serapion, seine Erhebung zum Nachtstrategen gelinge, er, Zminis, ihn ungehindert walten lassen und dem Kaiser seine Kunst empfehlen solle.

Wenige Minuten hatten hingereicht, diesen Pakt zu schließen; dann aber forderte der Magier den Aegypter auf, vor allem den gefangenen Vater und Bruder des Malers Alexander aus dem Wege zu schaffen.

»Unmöglich,« versetzte Zminis. »Ich ginge der Künstlerbrut mehr als gern an den Hals, doch ich bin dem Cäsar ohnehin als zu streng und schonungslos dargestellt worden. Eine hübsche Dirne, die Tochter des Alten, hat ihn mit allerlei Weiberränken bestrickt.«

»Nein,« entgegnete der Magier bestimmt. »Ich sah sie. Sie ist eine Jungfrau mit der harmlosen Seele eines Kindes. Doch ich kenne die Macht des Gegensatzes, und wo die Verworfenheit reiner Unschuld begegnet . . .«

»Nur keine Philosophie!« fiel ihm der andere ins Wort. »Es sind hier ganz andere Dinge im Spiele, und eins oder das andere könnte Dir dienen.«

Nun berichtete er, daß der Kaiser, der ja das Leben des großen Alexander fortzuführen wähne, Melissa für die neubelebte Roxane halte.

»Das gibt freilich zu denken,« sagte der Magier, strich sich sinnend den Bart und fuhr dann plötzlich auf mit dem Rufe: »Nach dem Gesetz, das Du kennst, werden auch die Angehörigen der Staatsverbrecher in die Steinbrüche oder Bergwerke geführt. Laß den Heron und seinen Sohn, den Philosophen, sogleich forttransportiren. Wohin, ist Deine Sache, nur müssen sie für die nächsten Tage unerreichbar bleiben.«

»Vortrefflich,« entgegnete der Aegypter, und über sein langes braunes Gesicht flog ein widriges Lächeln. »Sie kommen als Knechte auf eine Galeere, um sich selbst in die Bergwerke auf Sardinien zu rudern. Ein göttlicher Gedanke!«

»Es stehen mir noch bessere zu Gebot, wenn es gilt, einem Freunde förderlich zu sein,« versicherte der Magier. »Schaffe nur den Philosophen aus dem Wege. Wenn der Kaiser seiner gewandten Rede das Ohr leiht, seh' ich Dich nie an des abgesetzten Nachtstrategen Stelle. Der Maler ist weniger gefährlich.«

»Auch an ihn soll es kommen!« rief der Späher und schnalzte dabei mit den vollen Lippen, als ob er einen Leckerbissen koste.

Dann winkte er dem Magier einen Abschiedsgruß zu und eilte in die große Halle des Serapeums zurück. Dort schärfte er einem Unterbeamten ein, für die Fortschaffung des Steinschneiders und seines Sohnes, des Philosophen, auf der nach Sardinien bestimmten Galeere zu sorgen.

Vor der Ausgangsthür trat ihm der Magier, zu dem sich der Syrer gesellt hatte, noch einmal entgegen und raunte ihm zu: »Mein Freund dort hat eine Thonfigur von der Hand eines geschickten Künstlers gesehen. Sie stellt den Kaiser als prahlerischen Soldaten in Gestalt eines verwachsenen Zwerges dar. Ein abschreckendes Zerrbild. In der Schenke zum Elefanten ist es zu sehen.«

Da drückte ihm der Aegypter mit einem kurzen »das läßt sich benützen!« die Hand und verließ schnell die Halle.

Zwei Stunden waren seitdem vergangen, und Zminis wartete noch immer im Vorzimmer des Kaisers. Dasselbe Schicksal traf den Griechen Aristides, der bisher der bewaffneten Sicherheitsmannschaft vorgestanden hatte, während der andere mit der Führung der Späher und schriftlichen Berichten auf der Nachtstrategie betraut gewesen war.

Die prächtige Kriegergestalt des Hellenen nahm sich neben der hageren, haltlosen des langen Aegypters vornehm genug aus. Sie wußten beide, daß die nächste Stunde den einen zum Vorgesetzten des andern machen werde, doch hielten sie für gut, davon zu schweigen. Zminis zeigte sich wie immer, wenn er von Herzen kommende Zuneigung, die seinem Wesen fremd war, zur Schau tragen wollte, bald unterwürfig, bald zudringlich vertraulich, Aristides aber ließ sich seine gleisnerische Beflissenheit gefallen und erwiderte sie mit herablassender Würde.

Es fehlte ihnen nicht an Unterhaltungsstoff; denn ihre Interessen waren die gleichen, und beiden gereichte es zur Genugtuung, dem andern darzuthun, welcher Schaden der öffentlichen Sicherheit durch sein langes, müßiges Warten an dieser Stelle erwachsen müsse.

Nachdem aber die zweite Stunde verronnen war, ohne daß sie der Kaiser vor sich gerufen, oder einer ihrer Gönner sich um sie gekümmert hätte, schwoll dem Zminis die Galle, und der Grieche zog unwillig die Stirn kraus.

Beide scheuten sich, zumal der Wartesaal sich immer mehr füllte, ihrem Unwillen Ausdruck zu geben; wenn aber die in die inneren Räume des kaiserlichen Quartiers führende Thür sich öffnete und ihnen helles Gelächter und das Klirren der Pokale ans Ohr drang, zuckte der Hellene die Achseln, und dem Aegypter leuchtete das Weiß der Augensterne unheimlich hell aus dem braunen Gesichte.

Caracalla hatte indes den Präfekten der Prätorianer empfangen und sein langes Ausbleiben verziehen, nachdem Macrinus ihm unaufgefordert erzählt, wie wunderbare Dinge ihm der Magier Serapion gezeigt. Außerdem war der Sohn des Präfekten zu dem Gastmahl des reichen Seleukus geladen gewesen, und als Caracalla durch ihn und andere erfuhr, wie glänzend es ausgefallen sei, regte sich auch in ihm die Eßlust.

Selbst der Sättigung gegenüber folgte der Cäsar nur dem Triebe des Augenblicks, und er, der es sich im Felde, um den Soldaten zu gefallen, an einem Stück Brot und etwas Brei genügen ließ, wußte in der Stadt die Freuden der Tafel sehr wohl zu schätzen. Wann immer er winkte, mußte ein köstliches Mahl bereit stehen. Was da seiner harrte oder versäumt ward, galt ihm gleich, wenn es etwas vorzunehmen galt, das ihm anstand.

Wohl erinnerte ihn Macrinus bescheiden an die wartenden Sicherheitswächter; er aber winkte nur verächtlich mit der Hand und begab sich in den Speisesaal, der sich bald mit der stattlichen Zahl der Tischgenossen füllte.

Wenige Minuten nach seinem Eintritt ward ihm die erste Schüssel an das Lager gestellt, und da man um ihn her Erheiterndes zu erzählen wußte, und eine ganz vorzügliche Bande von Flötenspielerinnen und Sängerinnen die Pausen des Gespräches ausfüllte, behagte es ihm bei Tafel. Er sprach auch trotz der Warnung, die Galenus seinem römischen Leibarzt eingeschärft hatte, den edlen Weinen, die in den luftigen Speichern des Serapeums für ihn ausgewählt worden waren, wacker zu, und seine Umgebung erstaunte über die ungewohnte Munterkeit des Herrschers.

Dem Oberpriester, den er auf das Polster an seiner Seite rief, bewies er sich besonders huldreich, ja er stützte sich auf seinen Arm, als er endlich den Speisesaal verließ und in das Tablinum zurückkehrte.

Dort warf er sich mit glühendem Haupt auf den Lehnstuhl und fütterte, ohne seiner Umgebung zu achten, den Löwen. Es machte ihm Freude, das mächtige Tier ein junges Lamm zerreißen zu sehen. Nachdem man die Reste dieser Vorspeise abgeräumt und den Estrich gesäubert, gab er seinem »Perserschwert« blutige Fleischstücke zu fressen und neckte das Tier, indem er ihm bald die besten Leckerbissen aus dem Rachen riß, bald sie ihm wieder hinhielt, bis die gesättigte Bestie sich gähnend zu seinen Füßen hinstreckte.

Während dieser Beschäftigung ließ er sich einen Brief des Senates vorlesen und diktirte dem Schreiber die Antwort. Wohl flimmerten ihm dabei die Augen weinselig aus dem hochroten Antlitz, doch war er bei voller Besinnung, und was er dem Senat zu wissen gab, klang zwar hochfahrend genug, doch nicht mehr oder weniger verständig als in völlig nüchternen Stunden.

Nachdem er sich die Hände in einem goldenen Becken gesäubert, folgte er der Mahnung des Macrinus und ließ die draußen harrenden Bewerber um den Posten des Nachtstrategen einführen.

Der Präfekt der Prätorianer hatte auf Anlaß des Magiers den Aegypter empfohlen; der Kaiser aber wünschte erst selbst zu sehen und dann zu entscheiden.

Beiden Bewerbern waren von ihren Gönnern Winke zugekommen; dem Aegypter, seine Strenge zu mäßigen, dem Griechen, sich möglichst scharf und rücksichtslos zu zeigen. Und diese Aufgabe wurde ihm erleichtert; denn der Mißmut, der sich bei dem mehr als dreistündigen Warten in ihm gesammelt, half ihm, seinen angenehmen Zügen etwas Herbes zu geben. Zminis versuchte durch kriechende Demut mild zu erscheinen, – und dies stand seinem tückischen Gesicht so übel, daß Caracalla mit Vergnügen wahrnahm, er werde der Bitte Melissas und dem Wunsche des Oberpriesters, auf dessen Gott er Hoffnungen setzte, nachgeben und den Griechen bevorzugen können.

Aber die eigene Sicherheit galt seiner Selbstsucht mehr als der Wunsch irgend eines sterblichen Wesens, und so überschüttete er zunächst beide mit Vorwürfen über die elende Handhabung der Ordnung in dieser Stadt. Ihrem Ungeschick sei es nicht einmal gelungen, den harmlosesten der Menschen, den Maler Alexander, zu fangen. Mit der Nachricht, die Beamten des Nachtstrategen hätten den Künstler festgenommen, sei er dazu betrogen worden; denn der Maler habe sich freiwillig gestellt. – Von einem andern Hochverräter, den es ihrer eigenen Geschicklichkeit zu ergreifen geglückt sei, habe er bisher noch nichts vernommen, und doch sei die Stadt voll von schnöden gegen seine Person gerichteten Epigrammen. Dabei schaute er den Bewerbern mit dem Ausdruck wilder Empörung ins Antlitz.

Der Grieche neigte stumm und wie schuldbewußt das Haupt, dem Aegypter aber blitzten die Augen auf, und mit einer wunderlich tiefen Neigung des biegsamen Rückens berichtete er, daß er schon länger als drei Stunden eine fluchwürdige Thonfigur entdeckt habe, welche die hohe Person des Caracalla als Soldaten in widriger Pygmäengestalt darstelle.

»Und der Thäter?« knirschte Caracalla und folgte der Antwort des Aegypters mit einem drohenden Blicke.

Der hohe Cäsar selbst, lautete die Antwort des Zminis, habe ihn, da er eben die Spur des Verbrechers gefunden, zu sich beschieden, und während des Wartens seien ihm mehr als drei kostbare Stunden verloren gegangen.

Da stieß Caracalla ingrimmig hervor: »Ihr fangt mir den Buben. Ich will sein freches Machwerk sehen. Wozu habt ihr die Augen? Schützen sollt ihr mich, ihr Tölpel, auch vor der galligen Brut dieser Stadt und ihren giftigen Spöttern. Das Alte mag abgethan sein. Laßt den Vater und Bruder des Malers laufen. Sie sind gewarnt. Neues will ich hören! Neues, und allen voran die Witzreißer, den Mann mit dem Stricke und den Fratzenkneter an ihrer Spitze, in Ketten sehen. Wir brauchen sie, um den andern ein Beispiel vor Augen zu führen.«

Da meinte der Grieche Aristides, die Zeit sei gekommen, seine Strenge zu beweisen, und ehrerbietig, doch bestimmt stellte er dem Kaiser vor, daß er raten müsse, den Steinschneider Heron und seinen Sohn, den Philosophen, in Gewahrsam zu halten. Es seien bekannte Leute, und zu weit getriebene Milde werde den Uebermut der Lästerzungen nur steigern. Der Maler sei frei, und wenn man auch die Seinen aus dem Gefängnis entlasse, werde ihn nichts hindern, eines Tages in die unerreichbare Ferne zu verschwinden. Alexandria sei eine Seestadt, und ein Schiff führe die Verbrecher ins Weite, bevor man die Hand umgewandt habe.

Da herrschte der Kaiser ihn mit der zornigen Frage an, ob er seinen Rat zu hören gewünscht, und der listige Aegypter sagte sich, daß Caracalla um der Tochter willen den Vater und wohl auch seine Söhne zu schonen wünsche. Es mußte dem Cäsar aber doch lieb sein, sie fest zu halten, um durch sie auf das Mädchen einen Zwang zu üben, und so log er denn mit kecker Stirn, er habe, gehorsam dem Gesetz dieses Landes, den Heron und seinen Sohn Philipp wenigstens für die nächste Zeit der Gnade des Kaisers entrückt. Sie seien in der Nacht eingeschifft worden und auf dem Weg nach Sardinien. Ein schnelles Staatsschiff werde sie indes später einholen und zurückführen können.

Und der Angeber hatte richtig gerechnet; denn des Kaisers Antlitz hellte sich auf. Zwar tadelte er das allzu schnelle Vorgehen des Aegypters, doch gebot er keineswegs, für die Verfolgung der Galeere zu sorgen.

Dann rief er nach kurzem Besinnen: »In keinem von euch beiden find' ich das, was ich suche; doch in der Not begnügt man sich auch mit verdorbenem Brot, und so muß ich wohl unter euch wählen. Wer mir das Zerrbild zuerst bringt und zugleich seinen Schöpfer in Ketten und Banden, dem soll das Amt des Nachtstrategen gehören.«

Alexander hatte indes das Tablinum betreten. Sobald Caracalla ihn wahrnahm, winkte er ihn zu sich heran und der Künstler meldete dem Kaiser, daß er die Zeit wohl benutzt und ihm vieles mitzuteilen habe. Endlich frug er auch bescheiden nach dem Zerrbilde, wovon der Cäsar eben geredet habe, und Caracalla wies ihn an den Aegypter.

Da wiederholte dieser, was er von dem Magier vernommen.

Gelassen ließ Alexander ihn zu Ende reden, dann aber schöpfte er tief Atem, richtete sich höher auf, wies mit dem Finger so verachtungsvoll auf den Späher, als verpeste seine Gegenwart die Luft, und rief: »Dieser da, großer Cäsar, trägt Schuld, wenn die Bürger meiner Vaterstadt sich manchen Frevels vermessen. In Deinem Namen quält er sie und verfolgt sie. Wie viel Strafwürdiges ward hier begangen, nur um ihn und seine Kreaturen zu äffen und in Atem zu erhalten! Wir sind ein leichtlebiges Volk. Wie die Kinder reizt es uns, gegen ein Verbot zu handeln, dessen Uebertretung die Ehre nicht befleckt. Doch dieser da stempelt auch den heitern Uebermut und das harmlos witzige Wort zum Verbrechen oder deutet es so, daß es strafwürdig erscheint. Aus tückischer Lust am Unglück anderer, in der Hoffnung, dadurch höher zu steigen, hat dieser schlechte Mann Hunderte ins Elend gestürzt. In Deinem Namen, mein Kaiser, ist es geschehen, und keiner hat Dir mehr Widersacher geschaffen als dieser Wicht, der Deine Sicherheit untergräbt, statt sie zu schützen.«

Hier brach Zminis, auf dessen hageren Zügen sich das Braun in ein glanzloses Erdfahl verwandelt hatte, in den heiseren Ruf aus: »Ich werde Dir zeigen und mit Dir der alexandrinischen Hochverräterbande, die hinter Dir steht . . .«

Aber der Kaiser gebot ihm zornig, zu schweigen, und Alexander fuhr unbeirrt fort: »Du drohst uns und wirst Deine Verleumdungskunst ins Feld zu führen wissen – ich weiß es. Aber hier sitzt ein Herr, der Unschuldige schützt, – und das sind die Meinen. Dir wird er auf den Kopf treten, wenn er in Dir, Du Fluch dieser Stadt, erst die Natter erkannt hat, die Du ja bist. Wie jetzt eben im kleinen, hoher Cäsar, wird er Dich später auch im großen hintergehen. Höre nur, wie er Dir diente! Ein Zerrbild Deiner Person will er entdeckt haben, das einen Soldaten darstellt. Aber warum entfernte er es nicht von der Stelle, wo es nichts als Aergernis erregte und diejenigen, die es anschauten, nur zu leicht verleiten konnte, Deine edle Gestalt für die eines scheußlichen Zwerges zu halten? Die Antwort liegt auf der Hand. Um andre zu neuem Spott zu reizen, um auch sie ins Elend zu stürzen, ließ er es stehen.«

Der Kaiser war diesen Worten beistimmend gefolgt, und mit strengem Ernst frug er den Aegypter: »Hast Du das Bildnis gesehen?«

»In der Schenke zum Elefanten,« lautete die schrill hervorgestoßene Antwort.

Da schüttelte Alexander mißtrauisch den Kopf und erbat sich die Erlaubnis, dem Aegypter eine Frage vorlegen zu dürfen. Sie ward ihm bewilligt, und der Künstler verlangte nun zu wissen, ob der Soldat allein gestanden habe.

»So viel ich mich erinnere, ja,« versetzte Zminis, seiner selbst kaum mächtig.

»Dann ist Dein Gedächtnis so untreu und schlecht wie Deine Seele!« rief ihm der Maler ins Antlitz; »denn neben dem Soldaten stand noch eine andere Figur. Der nasse Thon klebte auf demselben Brett wie der Soldat, den der gleiche Künstler modellirte. Nein, nein, mein schlaues Bürschchen, Du fängst den Bildhauer nicht; denn, wohl gewarnt, schwimmt er schon auf dem Meere.«

»Das lügst Du!« kreischte Zminis.

»Wird sich zeigen, Freund,« höhnte Alexander weiter. »Gestatte mir jetzt, hoher Cäsar, Dir die Figuren zu zeigen. Man trug sie mir nach, und draußen im Vorzimmer ließ ich sie stehen. – Gut umhüllt, versteht sich; – denn je weniger sie sehen, desto besser.«

Beifällig winkte Caracalla ihm Gewährung zu, und Alexander entfernte sich schnell; der Herrscher aber überhäufte den Aegypter mit Schmähungen und verlangte zu wissen, weswegen er die Bildwerke nicht sofort zu entfernen geboten.

Jetzt bekannte Zminis, um Gnade bettelnd, daß er nur durch einen Freund von dem Soldaten gehört habe und ihn sicher sogleich vernichtet hätte, wenn er ihm selbst zu Gesichte gekommen wäre.

Hier versuchte der Präfekt Macrinus den Angeber mit der Bemerkung zu entschuldigen, der eifrige Beamte sei bestrebt gewesen, ein gutes Licht auf seine Tüchtigkeit zu werfen. Diese That sei schwer zu billigen, aber verzeihlich.

Doch kaum hatte er ausgeredet, als sein Feind, der Prätor Lucius Priscillianus mit einem Ernst, der ihm sonst nicht eigen war, bemerkte: »Ich meinte, daß es auch zu den Pflichten des Mannes, der die Stütze und der Stellvertreter des Kaisers sein soll, gehöre, die Wahrheit unverfälscht vor seinen und unsern Herrn kommen zu lassen. Nichts dünkt mich weniger entschuldbar als eine dem göttlichen Cäsar ins Gesicht geschleuderte Lüge.«

Einige Höflinge, die dem Präfekten nicht hold waren, und auch der Oberpriester des Serapis stimmten dem Redner bei, Caracalla aber achtete ihrer nicht, sondern blickte gespannt und in seiner Eitelkeit schon durch das bloße Bewußtsein der Existenz solcher Zerrbilder tief verletzt, schnell atmend auf die Thür.

Er hatte nicht lange zu warten. Als aber die Hülle von den Thonfiguren genommen war, entrang sich seiner Brust ein leiser, knirschender Aufschrei, und sein eben noch gerötetes Antlitz erblaßte. Während dann rings um ihn her Rufe der Entrüstung laut wurden, stieg ihm das Blut wieder in die Wangen, und mit erhobener Faust murmelte er unverständliche Drohungen vor sich hin. Dabei kehrten seine Blicke wieder und wieder auf die Zerrbilder zurück. Sie nahmen ihn mehr als alles andere in Anspruch, und wie an einem Apriltag sich der Himmel bald verdunkelt, bald aufklärt, wechselten Blässe und Röte auf seinem Antlitz.

Während Alexander ihm sodann einige Fragen beantwortete und versicherte, dem Elefantenwirt seien diese Figuren höchst ärgerlich gewesen, und er habe sie ihm mit Freuden überlassen, um sie zu vernichten, schien Caracalla sich an ihren Anblick zu gewöhnen; denn er faßte sie gelassener ins Auge und gab sich Mühe, vor den anderen den Gleichgültigen zu spielen.

Den Philostratus frug er, als wünsche er sich zu belehren, ob er den Künstler, der diese Figürchen hergestellt habe, nicht auch für talentvoll halte, und als der Philosoph dies bedingungsweise bejahte, erklärte er, in den Zügen des Apfelhändlers immerhin einige Aehnlichkeit mit den seinen zu finden. Dann wies er auf die eigenen, geraden, nur durch eine Bruchstelle am Schenkel etwas verunstalteten Beine, um zu zeigen, wie schändlich ungerecht es sei, sie mit dem Untergestell eines verwachsenen Zwerges zu vergleichen.

Endlich erregte der Apfelhändler, eine häßliche Pygmäengestalt mit dem Kopf eines Alten, der dem seinen dennoch ähnlich genug sah, seine Wißbegier.

Worauf dies Bildwerk wohl anspielen, was an ihm es wohl geißeln sollte?

Der Korb, welcher der Figur um den Hals hing, war voller Früchte, und was sie in der freien Hand hielt, konnte ein Apfel sein, aber auch etwas anderes.

Hastig und mit erzwungener Heiterkeit frug er nach der Meinung »der Freunde« und verwarf die Behauptung des Günstlings Theokrit, dies Machwerk stelle gar keinen Apfelhändler dar, sondern einen Menschen, der im Vergleich zu den Göttern nur ein Zwerg sei und die Welt dennoch mit den Gaben der Unsterblichen beschenke, als fade Schmeichelei.

Alexander und Philostratus wußten keine Auskunft zu erteilen; als aber der Prokonsul Julius Paulinus sich herausnahm, zu bemerken, das Männlein gebe seine Aepfel für Gold her, wie der Cäsar das römische Bürgerrecht, er wisse schon, wofür, den Provinzialen zuerteilt habe, nickte Caracalla ihm beistimmend zu.

Dann übertrug er das Amt des Nachtstrategen einstweilen auf den Griechen Aristides. Der Aegypter werde hören, was er über ihn verhänge.

Als der Präfekt die Figuren entfernen lassen wollte, untersagte der Kaiser dies hastig und befahl dann den Anwesenden, sich zurückzuziehen. Nur dem Alexander winkte er, bei ihm zu bleiben, und sobald er mit ihm allein war, sprang er auf und verlangte mit leidenschaftlichem Eifer zu wissen, was er erkundet. Aber der Jüngling zauderte, bevor er mit dem Berichte begann.

Da schwur Caracalla ihm nochmals aus freien Stücken, seinen Eid zu halten, und nun versicherte Alexander, er kenne die Verfasser der Epigramme, die er hier und dort aufgelesen habe, in der That so wenig wie der Cäsar selbst, und wenn der Spott, den sie enthielten, bisweilen auch giftig sei, so stehe er, der Beherrscher der Welt, doch so hoch, daß er ihn wie Sokrates, als Aristophanes ihn selbst auf die Bühne brachte, belachen könne.

Da beteuerte der Herrscher, er verachte die Fliegen, doch reize es ihn, ihr Gesumm zu vernehmen.

Alexander freute sich dieser Versicherung und sprach nur sein Bedauern über den unglücklichen Umstand aus, daß die meisten der Epigramme, die er mitzuteilen habe, sich auf den Tod seines Bruders Geta bezögen. Er wisse jetzt, daß es vermessen sei, eine That zu verdammen . . .

Hier fiel der Kaiser, dem es immer noch gelang, ruhig zu bleiben, ihm ernst ins Wort: »Diese That war nötig, nicht für mich, sondern für das Reich, das mir mehr gilt als Vater, Mutter und hundert Geschwister und tausendmal mehr als die Meinung der Menschen. Laß hören,« schloß er, »in welcher Form das witzige Volk dieser Stadt sie verdammt.«

Das klang so würdig und einnehmend, daß Alexander es wagte, das Distichon herzusagen, das er schon in dem Bade vernommen, dem sein erster Besuch gegolten hatte. Es bezog sich nicht auf den Brudermord, sondern nur auf das mantelförmige Gewand, dem der Kaiser seinen Spitznamen Caracalla verdankte, und es lautete also:

»Warum so gern wohl benutzt das weiteste Kleid Caracalla?
Weil er so vieles vollbracht, das zu verbergen ihm frommt.«

Da lachte der Kaiser leise auf: »Wer hätte wohl nichts zu verbergen? Der Vers ist übrigens nicht übel. Gib nur Dein Täfelchen her! Sind die anderen nicht schlimmer . . .«

»Sie sind es,« unterbrach ihn Alexander besorgt, »und es reut mich, daß ich Dir helfe, Dich selbst zu quälen!«

»Quälen?« wiederholte der Kaiser verächtlich. »Diese Verschen belustigen mich, und ich finde sie lehrreich. Das ist alles. Her mit der Tafel!«

Dieser Befehl klang so streng und entschieden, daß Alexander das kleine Diptychon mit der Bemerkung hervorzog, Maler schrieben schlecht, und was er da hingekritzelt, sei nur zur Stütze seines Gedächtnisses berechnet.

Es hatte ihn gereizt, daß Caracalla die Wahrheit durch ihn zu hören bekommen sollte; jetzt aber ward ihm die ganze Größe des Wagnisses klar, in das er sich gestürzt. Dabei sah er auf die in das Wachs gekritzelten Buchstaben, und es kam ihm in den Sinn, daß er sich vorgenommen hatte, am Ende des einen Verses das Wort »Zwerg« in Cäsar zu verwandeln, und das dritte sehr bissige Epigramm dem Kaiser ganz vorzuenthalten. Das vierte und letzte war durchaus harmlos, und er hatte es zuletzt mitteilen wollen, um ihn zu versöhnen. Die Tafel ließ sich deshalb nicht zeigen. Wie er sich aber anschickte, sie zurückzuziehen, riß Caracalla sie ihm aus der Hand und las mühsam:

»Einst galt hier die Bruderliebe
Für des Fürsten höchste Zierde,
Und man pries die Piladelphen.
Heute jauchzt man zu dem Zwerge,
Der als Mörder seines Bruders
Misadelphos heißen sollte.«

»So, so,« murmelte der Kaiser bleich vor sich hin und fuhr dann mit bedeckter Stimme fort; »immer dasselbe. Mein Bruder und der Wuchs meines Leibes! Man scheint es in dieser Stadt der Gelehrten den Barbaren nachzuthun, die den Längsten und Breitschulterigsten zum Könige wählen. Wenn der dritte Vers nichts anderes enthält, wird mir der ohnehin schale Witz Deiner Mitbürger vollends langweilig werden. – Sieh da, was nun kommt, sind wieder Trochäen. Werden auch kaum etwas Neues enthalten! Der Wasserkrug dort! Trinken. Fülle den Becher!«

Doch Alexander gehorchte nicht gleich diesem rasch hervorgestoßenen Befehle, sondern griff mit der Versicherung, der Kaiser werde seine Schrift nicht lesen können, nach der Tafel.

Da legte Caracalla die Hand auf dieselbe und herrschte den Künstler an: »Trinken! Den Becher befahl ich!«

Damit heftete er den Blick auf das Wachs und entzifferte mühsam die ungelenken Schriftzüge, womit der Maler die folgenden Verse, die er in der Schenke zum Elefanten gehört, aufgezeichnet hatte:

»Knapp ist hier die Zeit bemessen;
Fragt mich drum nicht, wie viel Frevel
Des TarautasSpitzname des Kaisers nach einem besonders grausamen Gladiator von kleinem Wuchs. Hand beflecken,
Fragt nach seinen edlen Thaten,
Und mit einem kurzen ›keine‹
Still ich eure Wißbegierde
Und erspare gute Stunden.«

Alexander that indessen, wie ihm geheißen, und als er den Krug wieder in das Gestell gesetzt hatte und zu dem Kaiser zurückkehrte, erschrak er; denn das Haupt und die Arme Caracallas flogen und zuckten hastig hin und her, und ihm zu Füßen lagen die beiden Hälften des Wachstäfelchens, das er, während der Krampf ihn befiel, auseinander gerissen hatte. Mit schäumendem Munde stieß er leise Klagelaute aus, und bevor es Alexander hindern konnte, biß er, vom Uebermaß des Schmerzes überwältigt und einer Stütze bedürftig, in die Armlehne des Stuhles, von dem er niederzugleiten drohte.

Entsetzt und von aufrichtigem Mitleid erfaßt, suchte Alexander ihn aufzurichten; doch der Löwe, der wohl wähnte, Alexander trage Schuld an dem veränderten Zustande seines Herrn, richtete sich brüllend auf, und es wäre um den Jüngling geschehen gewesen, wenn man das Tier nicht nach der Fütterung an die Kette gelegt hätte.

Gegenwärtigen Geistes sprang Alexander nun hinter den Stuhl und zog ihn mit dem Bewußtlosen, der ihm auch zum Schilde diente, von der aufgebrachten Bestie fort.

Galen hatte dem Kaiser ans Herz gelegt, sich vor übermäßigem Weingenuß und starken Gemütserregungen zu hüten, und wie berechtigt seine Mahnung gewesen, das bewies der Anfall, der mit furchtbarer Heftigkeit eingetreten war, nachdem der Cäsar beide Warnungen schnell hinter einander mißachtet.

Alexander mußte die ganze Kraft der in der Ringschule gestählten Arme aufbieten, um den Kranken, dessen keineswegs verächtliche Stärke die Dämonen des Krampfes verdoppelten, auf dem Stuhle festzuhalten und vor dem Zubodenstürzen zu wahren.

Hieher gezwungen durch das wütende Gebrüll des Löwen, das in immer mächtigeren Schwingungen weit über das Gemach hinausdrang, und den Hilferuf Alexanders, eilte das ganze Gefolge des Kaisers herbei. Doch der Leibarzt und der Kammerdiener Epagathos wehrten ihnen den Eintritt, und nur sie und der alte, halbblinde Adventus teilten sich in die Pflege des Kranken. Ihn hatte Caracalla von einem Briefboten zu den höchsten Würden und dem Ehrenamt seines vertrauten Kämmerers erhoben, der Heilkünstler aber bediente sich am liebsten des Beistandes dieses erfahrenen und ruhigen Mannes, und beide brachten auch den Tobenden bald wieder zur Besinnung.

Bleich und wie zerschlagen ruhte der Cäsar nun auf einem schnell herbeigeschafften Diwan. Kaum fähig, ein Glied zu rühren, schaute er ins Leere. Alexander hielt ihm die zitternde Hand, und als der Leibarzt, ein behäbiger Lebemann in mittleren Jahren, an die Stelle des Künstlers trat und ihm winkte, sich zu entfernen, bat Caracalla den Jüngling mit leiser Stimme, zu bleiben.

Sobald die unterbrochene Geistesthätigkeit des Kaisers sich wieder zu regen begann, wandte sie sich auf die Ursache des neuen Anfalls zurück. Mit einem schmerzlich bittenden Blick ersuchte er den Alexander, ihm die Täfelchen noch einmal zu reichen; doch dieser versicherte – und Caracalla schien ihm nicht ungern zu glauben – er habe während des Krampfes das Wachs auf der Tafel zerdrückt. Der Kranke fühlte wohl selbst, daß solche Kost noch zu kräftig für ihn sei.

Nachdem er dann lange schweigend vor sich hingeschaut hatte, begann er von dem Witz der Alexandriner zu reden. Was ihm, der sich mit kriechenden Günstlingen umgab, die er an Geist und Gaben hoch überragte, hier geboten worden war, schien ihn doch stärker als alles andere in Anspruch zu nehmen. Er begehrte zu hören, wo und von wem der Maler die Epigramme vernommen. Doch Alexander versicherte wiederum, die Namen der Verfasser nicht zu kennen. Das eine habe er im Bade, das zweite in einer Schenke und das dritte beim Haarkräusler gehört.

Da schaute der Kaiser wehmütig auf die volle, braune, neugesalbte Lockenfülle des Jünglings und sagte: »Die Haare sind wie die anderen Lebensgüter. Sie bleiben nur schön bei den Gesunden. Du Glückspilz weißt wohl kaum, was Kranksein bedeutet?« Dann blickte er wieder stumm vor sich hin, bis er plötzlich auffuhr und, wie Philostratus gestern Melissa, den Alexander frug: »Du und Deine Schwester, seid ihr unter die Christen geraten?«

Als der Jüngling dies lebhaft verneinte, fuhr Caracalla fort: »Und doch! Deine Epigramme zeigen ja deutlich genug, wie die Alexandriner mir gesinnt sind. Auch Melissa ist ein Kind dieser Stadt, und bedenke ich, daß sie es über sich gewann, für mich zu beten, dann . . . Meine Amme, die beste der Frauen, war eine Christin. Von ihr hörte ich die Lehre, den Feind zu lieben und für denjenigen zu beten, der uns verdammt . . . Ich hielt sie immer für unerfüllbar; aber jetzt . . . Deine Schwester . . . Was ich da vorhin über die Haare sagte und die Gesundheit, es erinnert mich noch an ein andres Wort des Gekreuzigten, das die Amme – wie lange ist's her – manchmal brauchte: ›Wer hat, dem wird gegeben, und wer da nicht hat, dem wird genommen,‹ heißt es. Wie grausam das ist, und doch wie so weise, furchtbar zutreffend und wahr! Ein Gesunder! Was besitzt er nicht schon alles, und wie reiche Gaben erwirbt ihm das beste aller Geschenke noch zu den anderen. Einer der dem Siechtum verfiel – schau nur mich an! – wie viel Elend zieht dieser Fluch, der doch für sich schon furchtbar genug ist, noch nach sich, wie bitteren Wermut gießt er in alles!«

Dann lachte er höhnisch vor sich hin und fuhr aufbegehrend fort: »Aber ich! Ich bin ja der Beherrscher der Welt. Ich habe ja viel, sehr viel, und darum wird mir auch viel gegeben, und meine kühnsten Wünsche, befriedigt sollen sie werden!«

»Ja, Herr!« fiel ihm Alexander lebhaft ins Wort. »Dem Leid folgt die Freude!

›Lebe, liebe, trink und schwärme
Und bekränze Dich mit mir‹

singt Sappho, und der Rat des Anakreon, den heutigen Tag zu genießen, ist auch nicht übel. Denke, das kurze Leid, das Dir dann und wann den süßen Lebenstrank vergällt, sei der Ring des Polykrates, mit dem Du den Neid der Götter, die Dir so vieles gaben, beschwichtigst. Ich an Deiner Stelle, ewige Götter, wie wollt' ich die guten, gesunden Stunden genießen und den Unsterblichen und Sterblichen zeigen, wie viel echte und rechte Lust sich erkaufen läßt durch Macht und Reichtum!«

Da leuchteten die matten Augen des Kaisers auf, und mit dem Rufe: »Das will ich auch! Ich bin noch jung, und ich habe die Macht!« richtete er sich jäh in die Höhe. Doch gleich sank er wieder in die Polster zurück, und als er dabei das Haupt bewegte, wie um zu sagen: »Da siehst Du, wie es mit mir bestellt ist,« ging dem Alexander das Schicksal dieses Unglücklichen tiefer als je zuvor zu Herzen.

Seine junge, für jeden neuen Eindruck empfängliche Seele vergaß das Blut und die Schandthaten, die diesen Beklagenswerten befleckten. Sein Künstlergeist war gewöhnt, was ihn anzog, als stehe es zur Nachbildung bereit, ohne Nebengedanken mit ganzer Seele zu erfassen, und der Mann, der da vor ihm lag, war für ihn in diesem Augenblick nur ein Bemitleidenswerter, den ein grausames Schicksal um die besten Freuden des Daseins betrog. Es kam ihm auch in den Sinn, wie schmählich er selbst und andere den Kaiser verspottet. Vielleicht hatte Caracalla wirklich das meiste Blut vergossen, um der Wohlfahrt und Einheit des Reiches zu dienen.

Er, Alexander, war nicht sein Richter.

Hätte Glaukias den Gegenstand seines Spottes so daliegen sehen, wäre es ihm sicher nicht eingefallen, ihm die Gestalt eines pygmäenhaften Scheusals zu geben. Nein, nein! Sein, des Alexander, Künstlerauge wußte das Schöne vom Häßlichen wohl zu unterscheiden, – und der dort auf dem Diwan ruhende müde Mann war kein widriger Zwerg. Träumerische Schlaffheit breitete sich über seine edel geschnittenen Züge. Nur selten flog ein schmerzliches Zucken darüber hin, und die ganze Erscheinung des Cäsar erinnerte den Maler an den schönen ephesischen Gladiator Kallistos, wie er bei den letzten Spielen schwer verwundet auf dem Sande gelegen und den Todesstoß erwartet hatte. Am liebsten wäre er nach Hause geeilt, um sein Gerät zu holen, das Bildnis des Verkannten zu malen und es den Spöttern zu zeigen.

Schweigend versenkte er sich in dies stille, von der Natur so fein gebildete und Mitleid erweckende Antlitz. So konnte kein von Grund aus verderbter Bösewicht aussehen; doch der ruhenden See war es vergleichbar. Wenn der Orkan losbrach, welch ein strudelndes Gewirr von grauen, zischenden, hochauf brandenden Wellen wurde dann aus der friedvollen, seidenglatten, schimmernden Fläche!

Und plötzlich begann es auch in den Zügen des Kaisers lebendig zu werden. Sein eben noch mattes Auge leuchtete heller auf, und als habe das lange Schweigen den Gang seiner Gedanken kaum unterbrochen, rief er immer noch mit umflorter Stimme: »Ich möchte aufstehen und mit Dir, aber ich bin noch zu schwach. Geh Du jetzt, Freund, geh, und bringe mir Neues.«

Da gab Alexander ihm zu bedenken, daß jede Erregung ihm schädlich sein werde; doch Caracalla rief eifrig: »Stärken wird es mich und mir wohl thun. Was mich umgibt, ist so hohl, so flach, so elend – was ich höre, so schal. Ein kräftiges, gesalzenes Wort, ist es auch scharf, es erfrischt mich . . . Wenn Du ein Bild vollendest, willst Du nur hören, wie es den Freunden, den Schmeichlern gefällt?«

Da meinte der Künstler den Kaiser zu verstehen. Treu seiner Art, stets das Beste zu erwarten, hoffte er, daß wie ihm, dem Alexander, der Tadel der Neider förderlich gewesen war, den Caracalla der scharfe Witz der Alexandriner zur Selbsterkenntnis und zu größerer Mäßigung führen werde; nur nahm er sich vor, dem Leidenden nichts wieder mitzuteilen, was einer bloßen Schmähung gleiche.

Als er ihm dann Lebewohl sagte, schaute Caracalla so schmerzlich zu ihm empor, daß der Künstler ihm gern die Hand gereicht und recht warm zugesprochen hätte. Der Kopfschmerz, welcher jedem Krampfe marternd folgte, hatte von neuem begonnen, und widerstandslos ertrug der Cäsar, was der Arzt mit ihm vornahm.

In der Thür fragte Alexander den alten Adventus, ob er nicht meine, daß der Verdruß über die Spottverse der Alexandriner den schrecklichen Anfall hervorgerufen habe, und ob es nicht geraten sei, dem Kaiser nie wieder dergleichen zu Ohren kommen zu lassen; doch der Emporkömmling schlug die halbblinden Augen verwundert zu ihm auf und versetzte mit einer rohen Teilnahmlosigkeit, die den Jüngling empörte: »Angetrunken hat er sich den Krampf. Was den da krank macht, sind andere Dinge als Worte. Wenn Dir selbst, junger Mann, die Witze der Alexandriner nicht noch übel bekommen, dem Cäsar schaden sie gewiß nicht!«

Da wandte Alexander dem Kämmerer unwillig den Rücken, und die Frage, wie es möglich gewesen sei, daß der wohlunterrichtete und für das Schöne empfängliche Kaiser elendes Gelichter wie den Theokrit und diesen Alten aus dem Staube in seine nächste Nähe gezogen, nahm ihn so voll in Anspruch, daß Philostratus, der ihn im nächsten Zimmer traf, ihn laut anrufen mußte.

Der Philosoph teilte ihm mit, daß Melissa bei der Gattin des Oberpriesters weile; doch als Philostratus sich eben anschickte, neugierig zu erfragen, was zwischen dem kühnen Maler und dem Cäsar vorgegangen sei – denn auch der Philosoph war ein Höfling – wurde er zu Caracalla berufen.

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