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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Sechzehntes Kapitel.

Vor Sonnenaufgang drehte sich der Wind. Von Norden her zog dunkles Gewölk herauf und verfinsterte den hellen alexandrinischen Himmel. Als der Markt sich füllte, regnete es heftig, und von der See her schnob es kühl über die Stadt hin.

Philostratus hatte sich nur kurzen Schlaf gegönnt und bis lange nach Mitternacht an seinem Werke über den Weisen und Wunderthäter Apollonius von Tyana geschrieben. Er wünschte an dem Beispiele dieses Mannes zu zeigen, daß im Glauben an die Götter der Väter und genährt von den Lehren, die an dem vielästigen Baume der griechischen Religion und Philosophie erwachsen waren, eine der Nachfolge nicht minder würdige Persönlichkeit heranzureifen vermöge als die des Meisters der Christen.

Julia Domna, die Mutter des Caracalla, hatte den Philosophen zu diesem Werke ermutigt, das ihrem leidenschaftlichen und verbrecherischen Sohne die Würde der Tugend und Mäßigung vor Augen führen sollte. – Dies Buch hatte ferner die Aufgabe, dem Cäsar die Religion seiner Vorfahren und des Staates in ihrer ganzen Schönheit und veredelnden Kraft nahe zu bringen; denn er war bisher von einem Kultus zum andere geschwankt, hatte sich auch dem Christentum, das seine Amme ihm als Kind wert zu machen versucht, nicht abgeneigt gezeigt und sich jedem Aberglauben seiner Zeit in einer Weise hingegeben, die selbst die Mitlebenden abstieß.

Um der Tendenz dieses Werkes willen war es ihm wie ein Glück erschienen, einem schlichten Heidenkinde begegnet zu sein, das, ohne zu jenen Christen zu gehören, welche die zur wahren Sittlichkeit führende Macht ihrer Religion immer lauter priesen, Tugenden übte, die diesen für die höchsten galten.

Gestern hatte er in dem fortschreitenden Werke seinen Helden Apollonius sich über die geringe Anerkennung beklagen lassen, die er unter den nächsten Seinen finde. Auch darin sollte er ein ähnliches Schicksal gehabt haben wie Jesus Christus, dessen Namen zu nennen der Philosoph indes absichtlich vermied. In dieser Nacht nun dachte er an das Opfer, das Melissa für den ihr fremden Kaiser gebracht, und schrieb, als kämen sie aus der Feder des Apollonius selbst, die folgenden Worte nieder: »Ich weiß wohl, wie schön es ist, die ganze Welt für seine Heimat und alle Menschen für Brüder und Freunde zu halten. Sind wir doch sämtlich göttlichen Geschlechtes und haben einen gemeinsamen Vater.«

Dann schaute er von dem Papyrus auf und murmelte leise vor sich hin: »Von dieser Auffassung ausgehend konnte eine Melissa leicht in einem Caracalla einen Freund und Bruder sehen. Ging es nur an, dem Verbrecher im Purpur das Gewissen zu schärfen!«

Darauf nahm er das Blatt zur Hand, worauf er zu erörtern begonnen, wie das Gewissen es sei, das die Wahl zwischen dem Guten und Bösen vollziehe. Er hatte geschrieben: »Der Verstand beherrscht, was wir zu thun gedenken, das Bewußtsein das, was der Verstand zum Entschluß brachte. Wenn nun der Verstand das Gute erkor, so ist das Bewußtsein befriedigt.«

Wie matt das klang! In dieser Form konnt' es nicht wirken!

Melissa hatte ihm mit ganz anderem Feuer bekannt, wie es ihr zu Mute gewesen, nachdem sie für den leidenden Sünder geopfert. Aehnliches fühlte wohl jeder, der bei der Wahl zwischen dem Guten und Bösen sich für das erstere entschieden hatte, und nun änderte er die letzten Worte und ergänzte sie also: »So schickt das Bewußtsein den Menschen mit Gesang und Jubel in alle Heiligtümer, in alle Haine, auf alle Straßen und überall hin, wo Sterbliche wohnen. Auch noch im Schlafe wird der Gesang ihn umklingen, und ein heiterer Chor aus der Welt der Träume die Stimme an seinem Lager erheben.«

So war es besser! Dies freundliche Bild ließ vielleicht doch eine Spur in der Seele des jungen Verbrechers zurück, in dem der Wille zum Guten immer noch, wenn auch selten, aufflammen konnte. Der Kaiser las auch, was Philostratus schrieb, weil er Wohlgefallen fand an der Form des Gesagten, und dieser Satz war nicht vergebens geschrieben, wenn er den Caracalla wenigstens einzelnen Fällen gegenüber veranlasse, dem Guten den Vorzug zu geben.

Für Melissa und ihren Bruder sein Bestes zu thun, war der Philosoph fest entschlossen. Er hatte dem Kaiser schon oft Bilder vorführen müssen; denn als Kenner der Malerei und Beschreiber hervorragender Gemälde stand er allen Lebenden voran. Auch auf den Zauber der Unschuld Melissas setzte er Hoffnung, und so schaute der wackere Mann, als er sich zur Ruhe begab, dem keinenfalls gefahrlosen Rettungswerke zuversichtlich entgegen.

Am nächsten Tage erschien ihm sein Unternehmen in weniger freundlichem Lichte. Der bewölkte Himmel, der Sturm und Regen konnten leicht eine verhängnisvolle Wirkung auf die Stimmung des Kaisers ausüben, und als er erfuhr, der alte Galenus habe nach der Unterredung des Cäsar und der Verordnung einiger Mittel schon gestern Nachmittag das Schiff bestiegen und Caracalla dadurch zu heftigen Wutausbrüchen veranlaßt, die mit einem leichten Krampfanfalle geendet, bereute er beinahe sein Versprechen. Dennoch fühlte er sich gebunden, und so früh es anging, betrat er, auf das Schlimmste gefaßt, die Gemächer des Kaisers.

Seine finsteren Ahnungen gewannen durch den Auftritt, dem er dort beiwohnen sollte, neue Nahrung.

Schon im Vorzimmer hatte er die Häupter der Stadt und einige Vertreter des Senates von Alexandria gefunden, die ihrem kaiserlichen Gaste aufzuwarten wünschten. Zu ungewöhnlich früher Zeit waren sie hierher befohlen worden, und sie warteten schon über eine Stunde.

Caracalla selbst ließ sich, als Philostratus, dem der Zugang zu ihm jederzeit offen stand, ihn begrüßte, eben auf den Thronsessel nieder, den man für ihn in dem prunkend ausgestatteten Empfangssaal aufgestellt hatte. Er kam aus dem Bade und trug noch das weiße, bequeme Wollgewand, dessen er sich nach demselben bediente. Die sogenannten »Freunde«: Senatoren und andere hochgestellte Männer, umgaben ihn in großer Zahl. Der Senator Pandion, der dem Cäsar jetzt die Rosse lenkte, war unter der Leitung seines Herrn beschäftigt, die Kette des Löwen »Perserschwert« an den Ring zu schließen, den man zu diesem Zweck in den Boden neben dem Throne angebracht hatte, und da das Tier, dessen Halsband zu fest angezogen wurde, einen leisen Klagelaut von sich gab, schalt Caracalla den Günstling.

Sobald er den Philostratus bemerkte, winkte er ihm und raunte ihm zu: »Siehst Du mir nichts an? Dein Phöbus Apollon ist mir im Traume erschienen. Er legte mir die Hand auf die Schulter. Gegen Morgen gab es freilich um so widrigere Gesichter.«

Dann wies er ins Freie und rief: »Der Gott verbirgt sich uns heute. Trübe Tage brachten mir öfter schon Gutes; doch es wird mir da eine seltsame Probe von der ewig hellen Sonne Aegyptens gegeben. Mensch und Himmel empfangen mich gleich freundlich: Grau, grau, alles grau. Draußen und drinnen. Und auf dem Platz die armen Soldaten! Macrinus sagt, daß sie klagten. Aber der Rat meines Vaters war gut. Sie zufrieden stellen gilt es und nach nichts anderem fragen. Da draußen warten die Leiter dieser Stadt. Sie sollen ihre Paläste der Leibwache einräumen. Murren sie, laß ich sie selbst fühlen, wie sich's unter nassen Zelten auf durchweichtem Erdboden ruht. Das kühlt ihnen vielleicht das heiße Blut und verwässert ihnen beizeiten den salzigen Witz. Laß sie kommen, Theokrit.«

Damit winkte er dem früheren Schauspieler, und als dieser bescheiden frug, ob der Cäsar nicht vergessen, das Morgengewand mit einem andern zu vertauschen, lachte Caracalla höhnisch auf und versetzte: »Ein leerer Kornsack über der Schulter thäte es auch für das giftige Krämergesindel!«

Damit streckte er den kleinen, doch muskelstarken Körper lang aus, stützte den Kopf mit der Hand, und sein wohlgeformtes Antlitz, aus dem der schmerzliche Zug von gestern verschwunden war, änderte plötzlich den Ausdruck.

Wie das seine Art war, wenn er einzuschüchtern oder Furcht einzuflößen wünschte, zog er die Stirn in düstere Falten, biß die Zähne fest zusammen und zwang die Augen zu einem zugleich mißtrauischen und bedrohlichen Schielblick.

Unter tiefen Verneigungen traten die Abgesandten, geführt von dem Exegeten, dem Haupte der Stadt, und dem Oberpriester des Serapis, Timotheus, vor ihn hin. Es folgten ihnen die Strategen, Mitglieder des Senates, und als Vertreter der großen jüdischen Gemeinde ihr Vorsteher, der Alabarch.

Man sah jedem einzelnen an, daß der Löwe, der bei ihrem Nahen das Haupt erhoben hatte, ihm unheimlich sei, und ein flüchtiges, höhnisches Lächeln, das einzige, das der Kaiser bei diesem Empfange zeigte, umspielte ihm die Lippen, als er auf die ängstlich zusammengezogenen Beine dieser reich geschmückten Herren sah.

Nur der Oberpriester, der als Wirt des Cäsar an die Seite des Thrones getreten war, zwei oder drei andere, und unter ihnen der Exeget, ein stattlicher, längst ergrauter Herr von makedonischer Herkunft, achteten nicht des Tieres.

Der letztere begrüßte den Kaiser mit ruhiger Würde und erkundigte sich im Namen der Stadt, ob er wohl geruht habe. Dann teilte er dem Cäsar mit, welche Feste und Schaustellungen die Bürgerschaft für ihn vorbereite und nannte ihm endlich die hohe Summe, welche sie ihm zur Verfügung stelle, um ihrer Freude über seinen Besuch Ausdruck zu geben.

Da schwenkte Caracalla die Hand und sagte leichthin: »Der Alexanderpriester nehme als Idiolog dies Gold zugleich mit den Tempelsteuern in Empfang. Wir können es brauchen. Daß ihr reich seid, war uns bekannt. Doch wofür trennt ihr euch von dem Golde? Was habt ihr von mir zu erbitten?«

»Nichts, hoher Cäsar,« versicherte der Exeget. »Durch Deinen gnädigen Besuch . . .«

Hier fiel Caracalla dem Makedonier mit einem gedehnten »So?« ins Wort, streckte das Haupt weit vor und schielte dem Stadthaupt ins Antlitz. »Niemand ist wunschlos außer den Göttern; es fehlt euch also nur der Mut, mich zu bitten. Was kann mich das lehren, als daß ihr Uebles von mir erwartet, daß ihr mich beargwohnt? Und thut ihr das, dann fürchtet ihr mich, und wenn ihr mich fürchtet, so haßt ihr mich auch. Die Schmähungen, die ihr an dies Haus schriebt, beweisen dies ohnehin deutlich genug. Haßt ihr mich aber« – hier sprang er auf und schüttelte die geballte Faust – »so hab' ich mich vor euch zu hüten!«

»Großer Cäsar,« erhob hier der Exeget abwehrend die bittende Stimme, Caracalla aber fuhr drohend fort. »Vor wem ich mich zu hüten habe, der sehe sich vor! Es thut nicht gut, mit mir zu spielen. Die Lästerzungen sind schnell hinter den Lippen versteckt. Die Köpfe verbergen sich schon schwerer, und an sie will ich mich halten. Sagt das den witzigen Alexandrinern. Wegen des übrigen gibt euch Macrinus Bescheid. Ihr seid entlassen.«

Erregt von den drohenden Geberden des Herrn hatte der Löwe sich während dieser Rede aufgerichtet und zeigte den Abgeordneten knurrend die furchtbaren Zähne. Da sank den weniger Beherzten der Mut. Einige legten die Hände auf die gekrümmten Kniee, um sich zu schützen, andere waren schon allmälich bis zur Thür zurückgewichen, bevor noch der Kaiser das letzte Wort gesprochen hatte. Trotz des Versuches des Stadthauptes und des Alabarchen, sie zurückzuhalten, um den Allmächtigen milder zu stimmen, enteilten die meisten, sobald sie das Wort »entlassen« vernahmen, dem Saale. Wohl oder übel mußten die wenigen Mannhaften den anderen folgen.

Sobald die Thür sich hinter ihnen schloß, verschwand der Ingrimm von den Zügen des Kaisers. Mit beruhigenden und lobenden Worten streichelte er den Löwen und rief dann den Anwesenden höhnisch zu: »Das sind die Nachkommen der Makedonier, mit denen der größte aller Helden sich die Welt unterwarf! Wer war der feiste Große, der sich so elend in sich zusammenzog und, während ich noch sprach, sich nach dem Ausgange drängte?«

»Der Nachtstrateg Kimon, der Vorsteher des Sicherheitswesens der Stadt,« versetzte der Alexanderpriester, der als Römer neben dem Throne stand, und der Günstling Theokrit fiel ihm ins Wort: »Man schläft schlecht unter der Hut solcher Wichte. Laß den Feigling dem früheren Präfekten folgen, mein Cäsar.«

»Bring ihm sofort die Entlassung,« befahl Caracalla, »aber sorge dafür, daß ein Mann sein Nachfolger werde.«

Dann wandte er sich an den Serapispriester und ersuchte ihn höflich, dem Theokrit bei der Wahl des neuen Nachtstrategen zur Seite zu stehen, und Timotheus verließ mit dem Günstling den Saal.

Diesen Zwischenfall wußte Philostratus geschickt zu benützen, indem er berichtete, es sei ihm mitgeteilt worden, daß der mit gutem Recht entlassene Wicht einen Maler, der sicher zu den allerersten lebenden Meistern gehöre, auf einen bloßen Verdacht hin in den Kerker geworfen habe und mit ihm seine unschuldigen Verwandten.

»Das will ich nicht,« brauste der Kaiser auf. »Nur mit Blut wird hier Ruhe geschafft. Kleinliche Quälereien erregen die Galle und steigern die Frechheit. Ist der Maler, von dem Du sprichst, ein Alexandriner? Es zieht mich an die Luft, doch der Sturm peitscht den Regen ans Fenster.«

»Im Felde,« bemerkte der Philosoph, »trotzest Du dem Unwetter heldenhaft genug. Hier in der Stadt genieße, was sie Dir bietet. Gestern noch glaubte ich, die Kunst des Apelles sei hier elend entartet; doch seitdem änderte sich mein Urteil; denn es ist mir ein Bildnis begegnet, das der Pinakothek in Deinen Thermen zur Zier gereichen würde. Man hat die nördlichen Fenster geschlossen, wir könnten sonst im Lande der Ueberschwemmung bei diesem Unwetter unter Dach und Fach ins Wasser geraten. – In solcher Finsternis kommt kein Gemälde zur Geltung. Dein Ankleidezimmer ist günstiger gelegen, und das breite Fenster läßt das nötige Licht ein. Darf ich die Freude haben, Dir dort das Werk des gefangenen Meisters zu zeigen?«

Da nickte der Kaiser ihm zu und ging, von dem Löwen begleitet, dem Philosophen voran, der einem Aufwärter befahl, das Bildnis zu holen.

In dem bezeichneten Raume war es weit heller als im Empfangssaale, und während der Kaiser mit Philostratus auf das Bildnis wartete, ordnete und salbte sein indischer Leibsklave, den der Partherkönig dem Caracalla geschenkt, ihm still und geschickt die gelichteten Locken.

Dabei seufzte der Herrscher laut vor sich hin und preßte die Hand auf die Stirn, als ob sie ihn schmerze.

Da wagte es der Philosoph, ihm näher zu treten, und warme Teilnahme klang aus seiner Frage: »Was quält Dich, Bassianus? Du botest doch vorhin den Anblick eines gesunden, ja eines furchtbaren Mannes.«

»Es geht auch wieder erträglich,« versetzte der Herrscher. »Und doch!«

Abermals stöhnte er vor sich hin und bekannte dann, daß er gestern wieder von wahren Marterqualen gepeinigt worden sei. »Ganz früh, Du weißt ja,« fuhr er fort, »kam der Anfall, und als er vorüber war – die Füße trugen mich kaum – stieg ich hinunter in den Hof zu den Opfern. Neugier . . . Sie warteten . . . Es konnte ja ein wichtiges Vorzeichen geben. Was aufregt, hilft noch am besten über das Elend hinweg. Aber nichts, nichts! Herz, Lunge, Leber, alles am rechten Platze . . . Und dann der Galenus . . . Was man gern hat, soll schaden, was einem zuwider ist, gesund sein. Dazu wohl zehnmal das nichtswürdige: ›Willst Du einem frühen Ende entgehen . . .‹ Das alles mit der Miene, als sei der Tod sein gehorsamer Sklave . . . Er kann ja mehr als die anderen. Sich selbst hält er, ich weiß nicht wie lange am Leben . . . Auch das meine zu verlängern ist seine Pflicht. Ich bin der Cäsar. Mein Recht war es, zu fordern, daß er bleibe. Ich that es; – denn er kennt meine Krankheit und beschrieb sie, als quäle sie ihn selber. Und doch, – ich befahl, ja ich bat. Du hörst es, Philostratus, ich habe gebeten . . . Aber er bestand trotzdem auf seinem Willen. Er ging, er ist fort.«

»Auch aus der Ferne kann er Dir dienen,« versicherte der Philosoph.

»Hat er dem Vater, hat er mir in Rom geholfen, wo er mich täglich besuchte?« frug der Kaiser. »Das Uebel etwas zu mildern, es zu besänftigen, versteht er. Das ist alles, und wer von den anderen reicht ihm das Wasser? Vielleicht möchte er helfen, aber er kann nicht; denn, Philostratus, die Götter wollen nicht, daß es ihm glückt. Du weißt, wie viel ich geopfert, was ich ihnen gewährte. Gefleht hab' ich, mich kläglich erniedrigt, doch nicht einer wollte mich hören. Wohl erscheint mir manchmal einer der Olympier, wie in der letzten Nacht Dein Apollo. Aber ob er mir wohl will? Erst legte er mir die Hand auf die Schulter, wie mein Vater es that. Aber sie ward schwerer, bis die Last mich erdrückte und ich in die Kniee sank wie gebrochen. Nichts Gutes denkst Du? Ich seh' es Dir an. Ich glaub' es auch selbst nicht. Und wie laut hab' ich gerade zu ihm die Stimme erhoben. Für das Wohlergehen des Titus, sagt man, habe das ganze Reich, Mann und Weib, freiwillig sich betend an die Himmlischen gewandt. Auch ich bin ihr Herr, – aber« – und hier lachte er bitter auf, »aber wer hätte für mich aus freiem Antrieb je die Hände flehend erhoben? Die eigene Mutter that es immer zuerst für den Bruder. Er hat es gebüßt . . . Doch die anderen!«

»Sie fürchten Dich mehr, als sie Dich lieben,« entgegnete der Philosoph. »Wem Phöbus Apollon erscheint, dem steht immer etwas Gutes bevor, und gestern – auch das ist erfreulich – hab' ich zufällig eine belauscht, eine Griechin, die sich ungesehen meinte und dennoch aus freiem Herzensdrange den Asklepios inbrünstig bat, Dich genesen zu lassen. Ja, sie suchte die Drachmen in ihrem Beutelchen zusammen und ließ eine Ziege für Dein Wohlergehen schlachten und dazu einen Hahn.«

»Und das soll ich glauben?« lachte der Kaiser höhnisch auf; Philostratus aber versicherte lebhaft: »Es ist die lautere Wahrheit. Ich war in das Heiligtum gegangen, weil Apollonius dort Schriften niedergelegt haben sollte. Jedes Wort aus seiner Feder, Du weißt es ja, ist mir für seine Lebensbeschreibung von Wert. Das kleine Tempelarchiv wird durch einen Vorhang von der Cella getrennt, und während ich es durchstöberte, hörte ich vom Altar her eine weibliche Stimme.«

»Sie erhob sich wohl für einen andern Bassianus, Antoninus, Tarautas, oder wie sie sonst mich noch nennen,« unterbrach ihn der Kaiser.

»Nein, mein Cäsar, nein. Sie betete für Dich, den Sohn des Severus. Ich sprach sie später. Sie hatte Dich gestern morgen gesehen und zu bemerken gemeint, Du habest schwer und schmerzlich zu leiden. Das war ihr zu Herzen gegangen. Darum ging sie hin und betete und opferte für Dich, obgleich sie wußte, daß Du ihren Bruder verfolgst, den Maler, von dem ich Dir sprach. O, hättest Du mit angehört, wie warm, wie innig es klang, als sie den Gott anrief und die Hygiêa.«

»Eine Griechin, sagtest Du, sei es gewesen?« fiel ihm Caracalla ins Wort. »Und sie kannte Dich nicht und wußte wirklich nicht, daß Du sie hörtest?«

»Nein, Herr, gewiß nicht. Sie ist eine anmutige Jungfrau, und wenn Du sie sehen willst . . .«

Der Kaiser hatte den letzten Worten mit Spannung und in freudiger Erwartung gelauscht; plötzlich aber verfinsterte sich sein Antlitz, und ohne der Sklaven zu achten, die unter Leitung seines alten Kämmerers Adventus das Bildnis Korinnas brachten, sprang er auf, trat dem Philosophen näher und herrschte ihn an: »Wehe Dir, wenn Du lügst! Den Bruder willst Du aus dem Gefängnis befreien und findest die Schwester von ungefähr, wie sie für mich betet. Ein Märchen für Kinder!«

»Ich rede die Wahrheit,« unterbrach ihn der Philosoph gelassen, obgleich die zuckenden Augenlider des Kaisers verrieten, daß ihm das Blut in zornige Wallung geriet. »Erst durch die Schwester, die ich im Tempel belauschte, hörte ich von der Gefahr des Bruders, lernte ich das Bildnis dort kennen.«

Da schaute der Kaiser eine Weile schweigend zu Boden. Dann hob er das Haupt und stieß erregt und heiser hervor: »Ich lechze nach was es auch sei, das mich mit der verruchten Brut versöhnt, über die ich gebiete. Du zeigst es mir. – Der einzige bist Du, der mich nie um etwas bat. Dich hab' ich für so rechtschaffen gehalten, wie die anderen es nicht sind. – Wenn auch Du, wenn Du mir gerade diesmal . . .«

Hier dämpfte er die Stimme, die einen immer bedrohlicheren Klang angenommen hatte und fuhr dringlich fort: »Bei dem Heiligsten, das Du auf Erden kennst, frage ich Dich: Hat das Mädchen aus freiem Antrieb, ohne zu wissen, daß man es hörte, für mich gebetet?«

»Ich schwöre es beim Haupte meiner Mutter,« gab Philostratus feierlich zur Antwort.

»Deiner Mutter?« wiederholte der Kaiser und sein Antlitz begann sich zu glätten. Aber plötzlich schwand der freudige Glanz, der seine Züge einen Augenblick verschönt hatte, und jäh auflachend rief er: »Die Mutter! Das also ist's! Denkst Du, daß ich nicht wüßte, was die meine von Dir erwartet? Ihr zu Gefallen hältst Du, der freie Mann, es bei mir aus. Um ihretwillen wagst Du es bisweilen, das stürmische Meer meiner Leidenschaft zu beschwören. Weil es mit Anmut geschieht, nehm' ich es hin. Jetzt erhebt sich meine Hand gegen einen Buben, der mich beschimpft. Aber er ist ein Maler, der etwas kann. Natürlich wird er Dein Schützling. Im Nu erdenkt Dein findiger Geist die Geschichte von der betenden Jungfrau. Es steckt auch etwas darin, das mich leicht milde stimmen könnte. Zehnmal betrügst Du den Bassianus, um einen Künstler zu retten. O, und wie wird meine Mutter sich beeilen, dem Manne, dem einzigen, zu danken, der den wilden Sohn zu besänftigen verstand! Die Mutter! Ich schiele nur, weil es mir gefällt. Mein Auge müßte blöder geworden sein, als es ist, könnte ich der Gedankenverbindung nicht folgen, die Dich dahin führte, bei der Mutter zu schwören. An die meine dachtest Du, als Du es thatest. Um ihr gefällig zu sein, betrogst Du den Sohn. Du, den ich für den einzigen, redlichen Freund hielt, Du zeigst dem Hungernden ein Brot. Da er aber darnach greift, zerstiebt es in der Luft. Es ist nur eine trügerische Seifenblase gewesen!«

Traurig, empört, verächtlich hatten die letzten Worte geklungen, der Philosoph aber, der ihnen erst erstaunt, dann unwillig gefolgt war, hielt sich nicht länger und fiel dem Herrscher mit einem gebieterischen: »Genug!« in die Rede.

Dann richtete er sich höher auf und fuhr mit überlegener Würde fort: »Ich weiß, wie so mancher endete, der Dein Mißfallen erweckte, und doch hab' ich den Mut, Dir ins Antlitz zu rufen: Du fügst zu der Ungerechtigkeit, dem Kinde des Mißtrauens, die sinnloseste Kränkung. Oder glaubst Du, ein rechter Mann – und so nanntest Du mich selbst mehr als einmal – werde die Manen der teuren Frau, die ihn gebar, beleidigen, um der Mutter eines andern – und sei es auch die des Kaisers – gefällig zu sein? Was ich beim Haupte der Mutter schwöre, hat mir Freund und Feind zu glauben, und thut er es nicht, so hält er mich für den verächtlichsten der Wichte, und mein Umgang kann ihn nur schänden. Darum bitte ich Dich, mich nach Rom zu entlassen.«

Mannhaft und selbstbewußt hatten diese Worte geklungen, und sie gefielen dem Caracalla; denn die Freude, an die Wahrheit der Erzählung des Philosophen glauben zu dürfen, überbot jede andere Empfindung. Doch die Drohung des Philostratus, in dem er die Verkörperung des Guten sah, woran er doch den Glauben verloren, ihn zu verlassen, beunruhigte den haltlosen Mann, und so legte er dem mutigen Mahner die Hand auf den Arm und versicherte, daß er es als ein Glück empfinde, ihm das so schwer Glaubliche glauben zu dürfen.

Jeder Zeuge dieses Auftritts hätte den ruchlosen Brudermörder, den Tyrannen, den der Verkehr mit den Wahngebilden einer zügellosen Einbildungskraft zum Aeußersten fähig machte, und der sich so gern das Ansehen eines düsteren Menschenkindes gab, für einen Schüler gehalten, der alles daransetzte, die Vergebung und Gunst des würdigen Lehrers zurück zu gewinnen. Und Philostratus kannte den Kaiser und das menschliche Herz und machte es ihm darum nicht allzu leicht, sein Ziel zu erreichen.

Nachdem er endlich von dem Vorhaben, nach Rom zurückzukehren, abgelassen und dem Kaiser ausführlicher erzählt hatte, wie und wo er mit Melissa zusammengetroffen sei und was er von ihrem Bruder Alexander erfahren, entfernte er das Tuch von dem Bildnis Korinnas, stellte es in ein günstiges Licht und wies Caracalla auf die wunderbaren, einzelnen Schönheiten der echt hellenischen jungfräulichen Züge Korinnas.

Voll aufrichtiger Bewunderung hob er hervor, wie trefflich der Künstler es verstanden habe, die edlen Linien, welche der Cäsar an den Skulpturen der großen griechischen Meister so hoch schätze, mit Farbe und Cestrum zur Geltung zu bringen, und wie lebenswarm und weich dennoch das Fleisch, wie sonnig der Glanz der herrlichen Augen, wie biegsam, und als atme es noch den Wohlgeruch des Salböles aus, das wellige Haar erscheine.

Und Caracalla, der durch den Philosophen die feste Versicherung empfangen, daß Alexander vielleicht unvorsichtige und tadelnswerte Reden geführt habe, doch in keinem Falle der Verfasser der schnöden Verse sein könne, die man unter dem Strick am Serapeum gefunden, stimmte in das Lob des Kunstkenners ein und verlangte den Maler und seine Schwester zu sehen.

Heute morgen, da er sich vom Lager erhob, war ihm mitgeteilt worden, daß die Planeten, die man auf der Warte des Serapeums in der vergangenen Nacht für ihn beobachtet hatte, ihm für die nächste Zeit Glück und Freude verhießen. Er war selbst wohl vertraut mit der Sternseherei, und der oberste Horoskop des Tempels hatte ihm gezeigt, wie besonders günstig die Konstellation gewesen sei, die ihn zu dieser Voraussagung führte. Phöbus Apollo war ihm im Traum erschienen, heute früh Opfer für Opfer günstig ausgefallen, und bevor er den Philostratus entließ, um Melissa zu rufen, sagte er: »Seltsam! Das Beste ist mir immer bei umwölktem Himmel begegnet. Wie hell schien die Sonne bei meiner Hochzeit mit der widrigen Plautilla. Bei fast all meinen Siegen hat es dagegen geregnet, und bei einem Wolkenbruche bestätigte das Orakel, daß die Seele des großen Alexander diesen von schweren Martern gequälten Leib wählte, um sein zu früh beschlossenes Erdendasein zu Ende zu leben. Sollte dies Zusammentreffen zufällig sein? Phöbus Apollon, Dein Lieblingsgott und der Deines Weisen von Tyana grollte mir vielleicht. Er, der sich selbst nach dem Morde des Python von der Blutschuld reinigte, ist der sühnende Gott. An ihn will ich mich halten wie der edle Held Deines Buches. Heute Morgen näherte der Gott sich mir wieder, und so laß' ich ihm jetzt Opfer schlachten, wie ihm noch keine dargebracht wurden. Ist es Dir so recht, Du schwer zu befriedigender Tadler?«

»Mehr als das, mein Bassianus,« versetzte der Philosoph. »Nur bedenke, daß nach der Lehre des Apollonius das Opfer erst wirksam wird durch die Gesinnung, welche es darbringt!«

»Immer ein Wenn und Aber!« rief Caracalla dem Freunde nach, während dieser sich in das Quartier des Oberpriesters begab, um Melissa zu rufen.

Der Kaiser war seit langen Tagen zum erstenmal allein.

Mit der Hand im Halsband des Löwen trat er ans Fenster. Der Regen hatte nachgelassen, doch finsteres Gewölk bedeckte noch immer den Himmel. Vor ihm lag die von Menschen wimmelnde Mündung der Hermesstraße in den großen Platz, auf dem sich das durchnäßte Lager der Soldaten erhob, und sein Blick fiel in das Zelt eines in Alexandria heimischen Centurio, den die Seinen besuchten, zu denen ihn der bewegliche Lauf des Soldatenlebens zurückgeführt hatte.

Der bärtige Mann hielt ein Kind auf dem Arme. Ein Knabe und Mädchen – gewiß seine eigenen – schmiegten sich an ihn und schauten mit den großen schwarzen Augen verwundert zu ihm auf, während ein dreijähriges Kleines, der anderen nicht achtend, in einer Regenlache jauchzend mit den nackten Füßchen umherstampfte.

Eine ältere und eine jüngere Frau – wohl die Mutter und Gattin des Centurio – hingen an seinen Lippen, während er ihnen wohl von seinen Kriegsthaten erzählte.

Da die Tuba schon zum Sammeln rief, küßte er das Kind und legte es behutsam in die Arme der Mutter. Dann hob er den Knaben und das Mädchen auf, fing sich das im Wasser spielende Kleine lachend ein und drückte endlich allen vier Kindern die bärtigen Lippen auf das rote Mündchen. Zuletzt zog er die jüngere Frau an sich, streichelte ihr behutsam das Haar und flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie aber schaute dabei bald unter Thränen lächelnd zu ihm auf, bald schamhaft zu Boden. Der Mutter klopfte der Sohn zärtlich auf die Schulter, und beim Abschied küßte er auch ihr die faltige Stirn.

Caracalla hatte den Centurio schon mehrmals bemerkt. Er hieß Martialis und war ein einfacher, gering begabter, aber ordentlicher Mann, der sich durch blinde Todesverachtung ausgezeichnet hatte.

Für ihn bedeutete der Zug des Kaisers nach Alexandria Heimkehr und das beste Glück des Lebens. Wie viele Arme hatten sich liebreich dem schlichten Krieger geöffnet, wie viele Herzen ihm erwartungsvoll entgegengeschlagen. Sicherlich war kein Tag während seiner Anwesenheit vergangen, an dem die Mutter, das Weib und die Kinder nicht die Götter angefleht hatten, ihn zu erhalten. Und er, der Beherrscher der Welt, wollte es eben noch unglaublich finden, daß von den Millionen seiner Unterthanen ein einziger für ihn gebetet.

Wer erwartete ihn wohl liebenden Herzens?

Wo war seine Heimat?

In Gallien hatte er das Licht der Welt erblickt, der Vater war ein Afrikaner, die Mutter in Syrien geboren. Der Kaiserpalast in Rom, sein Haus, er mochte nicht daran denken; schweifte er doch im Reiche umher, um weite Strecken zwischen sich und diese Unglücksstätte zu legen, von der sich die Spuren des brüderlichen Blutes nicht austilgen ließen.

Die Mutter?

Sie fürchtete, ja vielleicht haßte sie ihn, den leiblichen, erstgeborenen Sohn, seit er ihr den jüngeren Liebling gemordet. Was fragte sie nach ihm unter ihren Gelehrten, mit denen sie philosophirte, und die ihr in zierlicher Weise zu schmeicheln wußten.

Plautilla, sein Weib?

Der Vater hatte ihn genötigt, sich mit ihr, der reichsten Erbin der Welt, deren Mitgift größer gewesen war als der zusammengeworfene Schatz eines Dutzends von Königen, zu vermählen, und nun das spitze Gesicht dieser nichtigen, säuerlichen, namenlos anspruchsvollen Kreatur ihm in den Sinn kam, überlief es ihn kalt.

Er hatte sie in der Verbannung ermorden lassen. Andere waren die Thäter gewesen, und er dachte nicht daran, daß ihn die Verantwortung für die Unthat treffe, die sie in seinem Dienste begangen; doch um so lebhafter trat ihm ihr liebloses, ihm abgeneigtes Herz, ihr Vogelgesicht, das wie eine wohlgeformte Maske aus der Ueberfülle des Haares hervorgeschaut hatte, und der gefärbte überkleine Mund mit den schmalen Lippen vor die Seele. Wie schneidende Worte hatten sie zu sagen, wie unsinnige Forderungen zu stellen verstanden, und nichts Beleidigenderes war denkbar, als die Art, womit sie sich zusammengezogen, wenn er ihnen zugemutet hatte, die seinen zu küssen.

Sein Kind?

Sie hatte ihm eins geboren, doch es war der Mutter in die Verbannung und den Tod gefolgt. Das ihm kaum bekannte kleine Ding hing so eng mit der verhaßten Mutter zusammen, daß er sein Ende so wenig beklagte wie das ihre. Es war gut, daß die Mörder, ohne dazu beauftragt zu sein, auch dies unselige Leben ausgelöscht hatten. Von dem Ungeheuer, das seine und Plautillas Neigungen in sich vereinte, verlangte ihn nicht nach Kuß und Umarmung.

Von Menschen, für die das Herz anderer Männer wärmer empfindet, war es leer um ihn her geworden. Es gab keinen, der ihn liebte, außer seinem Löwen, keinen Ort auf Erden, wo man ihn freudig erwartet hätte.

Wie auf ein Wunder harrte er jetzt der einzigen, die aus freien Stücken die Götter zu seinen Gunsten angerufen hatte. Vielleicht war dies Mädchen ein jämmerliches, thränenreiches, vor elender Weichherzigkeit schwachköpfiges Nichts.

Da stand der Centurio schon vor der Manipel und hob den Stab. Beneidenswerter Bursch! Wie froh er dreinschaute, wie hell sein Kommandoruf klang. Und wie gesund der gemeine Gesell sein mußte, während ihn, den Kaiser, der Kopf wieder grausam zu schmerzen begann.

Da knirschte er mit den Zähnen, und es wandelte ihn die Lust an, dem unverschämten Glückspilz da unten die Lust zu verderben.

Wenn er ihn sogleich nach Spanien oder an den Pontus versetzte, war es aus mit der Freude. Der Centurio sollte auch einmal empfinden, wie es einem verlassenen Manne zu Mute ist.

Dieser tückischen Regung gehorsam, legte er schon die Hand an den Mund, um einem Tribunen den ruchlosen Befehl zu erteilen, als plötzlich das Gewölk auseinander riß und die mächtige Sonne Afrikas aus einer blauen Insel im grauen Himmelsozean hervortrat und mit glühenden Strahlengarben die Erde erhellte.

Blendend spiegelte sich ihr entschleiertes Licht in den Rüstungen und Waffen der Krieger und erinnerte den Kaiser an den Gott, dem er eben Opfer ohne gleichen gelobt.

Philostratus hatte oft genug den Phöbus Apollon hoch über alle anderen Götter gestellt, ihn, der Klarheit um sich her verbreitete, wo er auftrat, der die Seelen wie die Erde erhellte, und als Herr der Harmonie und Musik den Menschen beistand, zu jener sittlich reinen, ebenmäßigen Gesinnung zu gelangen, die seinem lauteren Wesen angemessen war und genehm.

Jetzt hatte Apollon die schwarzen Vorboten des Ungewitters besiegt, und Caracalla wandte den Blick nach oben. Er scheute sich, vor diesem lichten Zeugen sein finsteres Vorhaben zur Ausführung zu bringen und rief leis in die Höhe: »Um deinetwillen, Phöbus Apollon, schon' ich des Mannes.«

Selbstzufrieden senkte er dann den Blick. Der Zwang, den er sich selbst angethan hatte, kam ihm, der jedem Triebe nachzugeben gewohnt war, in der That groß und schwer vor.

Dabei nahm er wahr, daß es nun mit dem bewölkten Himmel vorbei sei, der ihm oft Glück gebracht hatte, und das beunruhigte ihn wieder.

Geblendet von der Flut des Lichtes, die durch das Fenster auf ihn eindrang, zog er sich mürrisch in das Zimmer zurück.

Wenn auch dieser helle Tag ihm Uebles brachte? Wenn der Gott sein Opfer verschmähte?

Aber war Apollon nicht vielleicht wie die anderen Unsterblichen ein Trugbild, das nur in der menschlichen Einbildungskraft lebte, die es geschaffen? Tüchtige Denker und fromme Leute, wie die Skeptiker und Christen, verlachten ja die ganze bunte Schar der Olympier.

Aber schwer hatte die Hand des Phöbus Apollon ihn im Traume bedrückt. – Seine Macht war vielleicht dennoch gewaltig. Das verheißene Opfer mußte der Gott haben, was er ihm auch anthat. Wie schon so oft, empfand er auch bei diesem Entschluß bitteren Groll gegen die Unsterblichen, denen gegenüber er, der Allmächtige, machtlos war. Wären sie auch nur eine Stunde lang seine Unterthanen gewesen, er hätte sie die Leiden büßen lassen wollen, womit sie ihm das Dasein verdarben!

»Martialis heißt er. Ich will diesen Namen behalten,« dachte er und warf einen letzten neidischen Blick auf den Centurio.

Wie lange Philostratus ausblieb! Die Einsamkeit beängstigte ihn, und wirren Blickes schaute er, wie nach Beistand suchend, umher.

Da meldete ein Diener den Philosophen. Erleichtert ging Caracalla ihm in das Tablinum entgegen. Dort ließ er sich auf dem Stuhle, vor dem mit Tafeln und Papyrusrollen belasteten Schreibtische nieder, warf das Ende der purpurnen Toga, mit der er vorhin das Badegewand vertauscht, neu um die Schulter, stellte den Fuß auf den Hals des Löwen und stützte das Haupt mit der Hand.

Er wollte das wunderliche Mädchen als sorgender, das Wohl seiner Unterthanen erwägender Denker empfangen.

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