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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Fünfzehntes Kapitel.

Die alte Dido wußte sich nichts Lieberes, als das teure Kind ihrer unvergeßlichen Herrin, das sie redlich aufzuerziehen geholfen, anzukleiden und zu schmücken, heute aber wurde es ihr sauer; denn Thränen über Thränen verdunkelten ihr dabei die alten Augen. Erst als sie die letzte Hand an die Ordnung des reichen braunen Haares der Jungfrau gelegt, die Schulterspange am Peplos befestigt und ihr den Gürtel zurechtgeschoben hatte, lichtete sich ihr beim Anblick des vollendeten Werkes das bekümmerte Gesicht. So schön hatte sie ihr liebes Mädchen noch nie gesehen. Von der kindlichen Befangenheit und der geduldigen Ergebung, die Dido, während sie Melissa die Locken aufband, noch vorgestern gerührt hatten, war zwar nichts mehr auf dieser ernsten, gedankenvollen Stirn und an diesem festgeschlossenen Munde zu bemerken; dafür aber schien die Jungfrau der Sklavin gewachsen zu sein und etwas von der frauenhaften Würde der Mutter gewonnen zu haben.

Die Alte sagte ihr auch, sie sehe aus wie das Bild der Pallas Athene, und fügte, um sie zu erheitern, hinzu, was die Eule der Göttin angehe, so könne sie, Dido, ja dafür gelten.

Das Scherzen war nie die Sache der Alten gewesen, und heute fiel es ihr besonders schwer; denn sie war verdammt, bis ans Ende die Handmühle zu drehen, wenn das Schlimmste eintraf und man sie in ihrem Alter in ein fremdes Haus und den Argutis in ein anderes verkaufte.

Doch wie war der Gang so schwer, den ihr mutter- und jetzt auch vaterloser Liebling antreten sollte, und deswegen mußte sie zu scherzen versuchen.

Während des Ankleidens hatte sie nicht aufgehört, zu allerlei Göttern und Göttinnen zu beten, daß sie der Jungfrau helfen möchten, die Seele derer zu rühren, die sie um Hilfe angehen wollte. Und sie, die sonst geneigt war, immer das Schlimmste zu befürchten, hoffte diesmal das Beste; denn die Gattin des Seleukus mußte ja ein steinernes Herz haben, wenn sie es dieser Unschuld, dieser Schönheit, dem rührenden Blicke dieser großen, bittenden Augen verschließen konnte.

Als Melissa endlich tief verschleiert mit dem Argutis das Haus verlassen hatte, reichte sie dem Sklaven den Arm, und das machte ihn, der den blauen Umwurf des Herrn trug und dem man längst nicht mehr auferlegte, das Haar kurz zu scheren, so stolz, daß er sich aufrecht trug wie ein Freier und niemand einen Sklaven in ihm vermutet hätte. Ein dichter Schleier verbarg das Antlitz Melissas, und sie wie ihr Begleiter waren schwer zu erkennen. Dennoch führte Argutis die Herrin durch möglichst stille und dunkle Gäßchen in die kanopische Straße.

Beide schwiegen und schauten gerade vor sich hin.

Ruhig wie sonst zu denken, wollte der Jungfrau auf diesem Gange nicht gelingen. Wie eine schwer leidende Kranke, die sich in das Haus des Arztes begibt, um durch den Schnitt seines Messers zu sterben oder Heilung zu gewinnen, sagte auch sie sich nur, daß sie etwas Schrecklichem entgegengehe, um etwas noch Furchtbarerem ein Ende zu machen. Dabei trat ihr bisweilen der Vater, der unvorsichtige und doch so wackere Alexander, der beklagenswerte Philipp und der wunde Geliebte vor das innere Auge; doch es wollte ihr nicht gelingen, auch nur eines dieser Bilder festzuhalten. Ebensowenig glückte es ihr, wie sonst, wenn sie etwas Wichtiges unternahm, ein Gebet an die Manen der Mutter oder die Götter zu richten, und zwischen alledem wurde fortwährend eine innere Stimme in ihr laut, die ihr zuversichtlich versicherte, der Kaiser, für den sie geopfert und der besser und milder sei, als die anderen glaubten, werde gerade ihr jede Bitte gewähren.

Aber sie wollte diese Verheißung nicht hören, und als sie einmal dennoch zu erwägen begann, wie es wohl angehen werde, sich Gehör bei dem Cäsar zu verschaffen, rieselte es ihr kalt über den Rücken, und es war ihr, als vernehme sie zum andernmale die letzten Worte des Philipp: »Lieber tot als entwürdigt.«

In des Sklaven Seele waren andere Empfindungen mächtig. Er, der sonst mit weit treuerer Sorge als Heron selbst über die Kinder seines Herrn wachte, hatte Melissa mit keinem Worte abgeraten, diesen gefahrvollen Gang zu unternehmen. Was sie vorhatte, schien auch ihm der letzte Erfolg verheißende Ausweg. Er stand noch im Anfang der Sechziger und war ein geschickter Mann, der leicht an einen milderen Gebieter gekommen wäre als den Heron; aber er dachte keinen Augenblick an die eigne Zukunft, sondern zunächst nur an die Melissas, die er wie eine eigene Tochter liebte. Seinem Schutze hatte sie sich anvertraut, und er fühlte sich verantwortlich für ihr Schicksal. Wie ein hohes Glück empfand er es darum, ihr schon beim Eintritt in das Haus des Seleukus nützlich sein zu können; denn der Thorhüter desselben war sein Landsmann, den, wie ihn, das Schicksal von den Ufern der Mosella hierher verschlagen hatte. Bei allen Festen, die den Sklaven auf Stunden die Freiheit zurückgaben, waren sie seit Jahren gute Genossen, und Argutis wußte, daß der Freund für ihn und seine junge Herrin thun werde, was in seiner Macht stand. Es mußte ja schwer sein, bei der Wirtin eines Hauses, in dem der Kaiser weilte, Gehör zu erlangen; doch sein Landsmann war gewandt und findig, und was nicht unmöglich war, das setzte er durch.

Gehobenen Herzens und Hauptes schritt der Sklave dahin, und es stärkte ihm die Zuversicht, als in der hell erleuchteten kanopischen Straße einer der Häscher, der bei der Gefangennahme des Philipp mitgewirkt hatte, ihn anschaute, ohne ihn zu erkennen.

In dieser großen und schönsten Verkehrsader der Stadt ging es lebhaft genug her. Die Menge erwartete den Kaiser; doch waren diesmal strengere Maßregeln getroffen worden als beim Einzug; denn die Sicherheitswächter entzogen die ganze südliche Seite der Straße dem Verkehr und gaben den Bürgern nur den mit Bäumen umsäumten Fußweg frei, der sich in der Mitte der Straße zwischen zwei mit Granitplatten belegten Fahrwegen und den Arkaden vor den Häuserreihen hinzog.

Die solcher Beschränkung ungewohnten freien Bürger der Großstadt rächten sich durch neue Witzeleien an dem Cäsar, der in Alexandria die Wege durch die Sicherheitswächter leer mache wie zu Rom durch den Henker. Als er zwei Wege frei zu halten befahl, scheine er vergessen zu haben, daß er nur noch eines bedürfe, seit er seinen Bruder und Mitregenten ermordet.

Auch Melissa sollte mit ihrem Begleiter auf die Allee zwischen den Fahrdämmen gedrängt werden; doch Argutis wußte einen der Sicherheitswächter zu bereden, daß sie – der Thorhüter werde es bestätigen – zu den Mimen gehörten, die im Hause des Seleukus vor dem Kaiser auftreten sollten, und so führte der Beamte sie selbst bis in den weiten Vorsaal des prächtigsten Hauses der Stadt.

Doch so wenig wie Alexander vor einigen Tagen, war Melissa in der Stimmung, die Herrlichkeiten zu bewundern, die sie hier in verschwenderischer Fülle umdrängten.

Schüchtern und immer noch verschleiert, gesellte sie sich, während Argutis mit dem Thorhüter sprach, zu dem Chor, der, bereit den Kaiser mit Gesang und Saitenspiel zu empfangen, zu beiden Seiten des weiten Raumes aufgestellt war. Sie fühlte nur dunkel, daß das Kichern und Flüstern hinter ihr sich auf sie beziehe, und als ein älterer Mann, der Chorführer, sie fragte, was sie hier begehre, und ihr ernst gebot sich zu entschleiern, gehorchte sie widerstandslos und sagte leise: »Bitte, laß mich hier stehen. Frau Berenike wird mich gleich zu sich bescheiden.«

»Recht, recht,« versetzte der Musiker und gebot den Sängern, die sich fröhlich in allerlei Vermutungen über das Erscheinen eines so schönen Mädchens kurz vor der Ankunft des Cäsar ergingen, sie unbehelligt zu lassen.

Seitdem Melissa sich des Schleiers entledigt, drängte sich ihr das viele Köstliche, das sie hier von zahllosen Kerzen und Lampen sonnenhell beleuchtet rings umgab, zudringlich auf. Jetzt erst sah sie, daß Blumengewinde die weiß gesprenkelten Porphyrsäulen der Vorhalle umschlangen, daß andere von der offenen Decke in schönen Biegungen niederhingen, daß im Hintergrunde dieses weiten Raumes die marmornen Bildsäulen des Septimus Severus und der Julia Domna, der Eltern Caracallas, aufgestellt waren.

Zur Seite dieser Kunstwerke erhoben sich zwei gewaltige Laub- und Blumengruppen, in denen bunte Vögel, die das helle Licht munter erhielt, auf und nieder flatterten. Doch all diese Herrlichkeiten verschwammen vor ihren Blicken, und die erste Frage, welche die Künstlerstochter sich ihnen gegenüber sonst wohl vorgelegt hätte: ob sie schön seien oder nicht, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Auch den Wohlgeruch, den sie einatmete, nahm sie erst wahr, als er, frisch erneut, sie belästigte.

Vollbewußt war ihr nur zweierlei, als Argutis sich ihr endlich wieder näherte: Auf ihr ruhten viele neugierige Blicke, und ringsum fragte man sich, was den Kaiser so lange zurückhalten möge.

Endlich – sie hatte schon viele lange Minuten gewartet – trat ihr der Thorhüter in Begleitung eines schlicht, aber kostbar gekleideten Mädchens, in dem sie die christliche Zofe Johanna erkannte, von der ihr Alexander erzählt, entgegen und winkte ihr stumm, ihr zu folgen.

Tief atmend und gesenkten Hauptes gelangte Melissa endlich an der Seite der Dienerin in ein prächtiges Impluvium, in dessen Mitte, von Rosenbüschen umkränzt, ein Springquell rauschte. Das Licht des Mondes und der Sterne mischte sich hier in den Schimmer zahlloser Lampen und den roten Schein hell lodernder Feuer; denn um das Becken her, woraus plätschernde Wasser zum nächtigen Himmel aufstiegen, waren marmorne Genien aufgestellt, die auf dem Haupt oder in den erhobenen Händen silberne Becken trugen, in denen gierige Flammen duftendes Zedernholz und edle Harze verzehrten.

Im Hintergründe dieses tageshell erleuchteten Raumes erhoben sich neben den drei Stufen einer Treppe die Marmorstatuen des großen Alexander und des Caracalla. Beide waren von gleicher Größe, und dem Künstler, der die zweite schnell aus leichtem Material hergestellt hatte, war die Aufgabe gestellt worden, den Cäsar dem Helden, den er am höchsten verehrte, in jeder Hinsicht ähnlich zu gestalten. So riefen beide zusammen den Eindruck eines Brüderpaares hervor. Sie wurden von den Flammen zweier Feuer bestrahlt, die auf Altären aus Gold und Elfenbein brannten. Liebliche Knaben im Schmuck bewaffneter Eroten speisten dieselben.

Das alles gewährte einen zauberhaften, die Sinne bestrickenden Anblick. Melissa aber fühlte nur, während sie der Führerin folgte, daß eine fremde Welt sie umgebe, die sie vielleicht einmal im Traum geschaut, bis der Springquell, an dem sie vorbeischritt, sie mit kühlen Wassertropfen benetzte.

Da ward ihr wieder deutlich bewußt, was sie hierherführe.

Als Bittende sollte sie sogleich vor die Mutter Korinnas, vielleicht auch vor den Kaiser treten, und das Schicksal der Ihren war abhängig von ihrem Verhalten. Das Gefühl, eine ernste Pflicht zu erfüllen, ward in ihr lebendig. Höher aufgerichtet faßte sie nach dem Haar, um eine verschobene Locke an die rechte Stelle zu bringen, und das Herz schlug ihr zum Zerspringen, als sie auf der Plattform über den Stufen etliche Herren wahrnahm, die eine Frau redend umstanden. Diese erhob sich eben von dem elfenbeinernen Stuhl und schritt an der Hand eines römischen Senators – denn als solchen ließ ihn die mit Purpur verbrämte Toga erkennen – die Stufen hinunter und Melissa entgegen.

Die hohe Matrone, die den Beherrscher der Welt erwartete und sie doch würdigte, ihr, der armen Künstlertochter, entgegen zu schreiten, überragte den vornehmen Begleiter um eines halben Hauptes Länge, und die kurzen Augenblicke, deren die Mutter Korinnas bedurfte, um sich ihr zu nähern, reichten hin, um Melissa mit Dankbarkeit, Zutrauen und Bewunderung zu erfüllen; ja, diese Spanne Zeit war lang genug, um das Mädchen gegenüber der Pracht des weißen, mit Gold durchwirkten und von Edelsteinen funkelnden Brokatgewandes, das die majestätische Gestalt Frau Berenikes umfloß, vor die Frage zu stellen, was es dieser Mutter, der vor wenig Tagen das einzige, teuere Kind entrissen worden war, wohl kosten müsse, in solchem Prunke dem Kaiser und einer Schar von tobenden Gästen ein freundliches, ja ein beglücktes Antlitz zu zeigen.

Aufrichtiges Mitleid mit dieser reichen, vor allen Weibern der Stadt ausgezeichneten Frau erwachte in der Seele des der Barmherzigkeit selbst so bedürftigen Mädchens, und als die Matrone ihr gegenüberstand und sie mit der tiefen Stimme gütig fragte, was ihren Bruder so schwer gefährde, verneigte sich Melissa mit unbefangener Anmut, und ob sie auch zum erstenmal von einer so vornehmen Matrone angeredet wurde, antwortete sie doch klar und im vollen Bewußtsein der Aufgabe, die sie hieher geführt hatte: »Ich bin Melissa, die Schwester des Malers Alexander. Wohl weiß ich, daß es unbescheiden ist, jetzt, wo Dir so Schweres obliegt, zu Dir zu dringen; aber ich sah keinen andern Weg, dem Bruder das schwer gefährdete Leben zu retten.«

Da fuhr Berenike zusammen und rief ihrem Begleiter, dem Gatten ihrer Schwester und dem ersten Aegypter, der Aufnahme in den römischen Senat gefunden hatte, ernst und mit leisem Vorwurf zu: »Sagte ich's nicht, Coeranus? Es konnte nur das Wichtigste sein, was die Schwester des Alexander veranlaßt, zu dieser Stunde meinen Rat zu suchen.« Der Senator aber, aus dessen schwarzen Augen das Wohlgefallen an der seltenen Schönheit Melissas blitzte, versetzte schnell: »Und käme sie auch um des Geringfügigsten willen, sie wäre mir wie Dir dennoch willkommen.«

»Laß jetzt dergleichen,« unterbrach ihn Berenike in verweisendem Ton. »Schnell, Kind! Was ist es mit Deinem Bruder?«

Da berichtete Melissa kurz und wahr, was der Leichtsinn Alexanders verschuldet und was ihn, den Vater und Philipp bedrohe. Zuletzt flehte sie mit innig rührender Bitte die hohe Frau an, dem Vater und den Brüdern Beistand zu leisten.

Indessen hatte das scharf geschnittene Antlitz des Senators sich immer tiefer verdüstert, und auch Frau Berenike schlug die großen Augen zu Boden. Es fiel ihr sichtlich schwer, eine Entscheidung zu treffen, und dies blieb ihr auch fürs erste erspart; denn Boten eilten herbei, und der Senator befahl Melissa mit fieberhaftem Eifer, zur Seite zu treten.

Dann flüsterte er der Schwägerin zu: »Es geht nicht an, dem Cäsar um dieser Leute willen unter Deinem Dache die Laune zu verderben,« und Frau Berenike behielt nur Zeit, ihm ein kurzes: »Ich fürchte ihn nicht« zu entgegnen; denn der erste Bote hatte sie eben erreicht und berichtete atemlos, der Kaiser sei abgehalten, in eigener Person zu erscheinen, doch die Abgesandten, die seine Entschuldigung brächten, folgten ihm auf dem Fuße.

Da rief Coeranus der Schwägerin mit einem bittern Lächeln zu: »Nenne mich wenigstens einen guten Propheten. Was er uns Senatoren oft genug anthat, damit werdet auch ihr euch abfinden müssen.«

Doch die Matrone hörte ihn kaum; denn voll inbrünstigen Dankes hatte sie die Augen aufwärts gerichtet und aus der erleichterten Brust drang ihr der Ruf: »Lob den Göttern für diese Gnade!«

Dann löste sie die Hände von dem stürmisch bewegten Busen und rief dem Hausmeister zu, der dem Boten nachgeeilt war: »Der Kaiser erscheint nicht. Benachrichtige den Herrn, doch so, daß es den anderen nicht auffällt. Er soll die Abgesandten hier mit mir empfangen. Die für mich bestimmten Polster läßt Du sogleich in aller Stille entfernen, dann aber soll das Gastmahl ungesäumt beginnen. – O Coeranus, Du weißt nicht, welche Marter dieser armen Seele erspart bleibt!«

»Berenike,« fiel ihr der Senator mahnend ins Wort, und legte den Finger auf die Lippen. Dabei nahm er auch wieder die junge Bittstellerin wahr und rief ihr bedauerlich zu: »Dein Gang hieher war leider vergeblich, mein schönes Kind. Bist Du so verständig wie reizend, dann wirst Du einsehen, daß es zu viel verlangt ist, sich zwischen den Löwen und denjenigen zu stellen, der ihn zur Wut reizt.«

Doch die Matrone achtete nicht dieser Warnung, die der Senator auch auf sie gemünzt hatte, sondern sagte, während der flehende Blick Melissas sie traf, mit selbstbewußter Bestimmtheit: »Du bleibst. Wir werden sehen, wen der Kaiser uns schickt. Ich weiß besser als dieser Herr, Kind, was es heißt, sein Liebstes bedroht zu sehen. Wie alt bist Du, Mädchen?«

»Achtzehn Jahre,« versetzte die Gefragte.

»Achtzehn?« wiederholte die Matrone, als erschrecke sie diese Zahl; denn ihre Tochter hatte das gleiche Alter erreicht. Dann erhob sie die Stimme und fuhr mit ermutigender Wärme fort: »Was in meiner Macht steht, wird für Dich und die Deinen geschehen, und Du hilfst mir, Coeranus.«

»Wenn es angeht,« entgegnete dieser, »mit dem ganzen Eifer meiner Verehrung für Dich und der Bewunderung, die alles Schöne mir einflößt. Doch da kommen die Gesandten. Der ältere ist der gelehrte Philostratus, dessen Schriften Du kennst; der jüngere das Glückskind Theokrit, von dem ich Dir erzählte. Wenn der Zauber ihres Antlitzes diesen Allmächtigen zu gewinnen verstünde!«

»Coeranus,« fiel ihm hier die Matrone mit ernstem Vorwurf ins Wort; doch hörte sie nicht mehr die entschuldigende Antwort des Senators; denn Seleukus, ihr Gatte, schritt eben die Treppe hinunter und, nachdem er ihr flüchtig zugewinkt hatte, den Gesandten entgegen.

Der Günstling Theokrit führte das Wort und verleugnete auch hier, trotz der Trauertoga, die ihn in schönen Falten umwallte, in keiner Bewegung den früheren Schauspieler und Tänzer.

Als Seleukus ihn seiner Gattin entgegenführte, versicherte Theokrit, sein hoher Herr sei ebenso erschreckt wie betrübt gewesen, als er vor kaum einer Stunde, schon bekränzt und zum Feste gerüstet, erfahren, daß die Götter dem Hause, von dessen Gastlichkeit er frohe Stunden erwartet, das einzige Kind grausam entrissen hätten. Schmerzlich empfinde der Cäsar den Unstern, als Nichtwissender die Ruhe, die des Trauernden Recht sei, gestört zu haben. Er ersuche sie und ihren Gemahl, sich der Gunst des Beherrschers der Welt versichert zu halten. Was ihn, den Theokrit, angehe, werde er zu berichten wissen, wie herrlich sie ihren fürstlichen Wohnsitz zu Ehren des Cäsar zu schmücken verstanden. Mit tiefer Rührung werde sein erhabener Herr vernehmen, daß auch die beraubte Mutter, die wie Niobe kinderlos traure, die Versteinerung, die sie an den Sipylos fessele, gelöst, und sich bereitet habe, strahlend wie Juno an der goldenen Tafel der Götter den höchsten aller sterblichen Gäste würdig zu empfangen.

Frau Berenike gelang es, sich Gewalt anzuthun und die schwülstigen Phrasen des Günstlings zu Ende zu hören, ohne ihn unwillig zu unterbrechen. Wie der bitterste Hohn kam ihr jedes Wort vor, das dem Komödianten so glatt von den Lippen floß, und die Persönlichkeit desselben erschien ihr so widerwärtig, daß sie sich wie erlöst fühlte, als er, nachdem er noch mit dem Hausherrn einige Worte gewechselt, um Erlaubnis bat, sich zurückziehen zu dürfen, da wichtige Geschäfte ihn riefen.

Und so verhielt es sich in der That. Um keinen Preis hätte er diese Pflichten einem andern überlassen; denn es lag ihm ob, dem Präfekten Titianus, der ihn beleidigt, mitzuteilen, daß der Kaiser ihn abgesetzt habe und die gegen ihn erhobene Anklage wegen schlechter Amtsführung zu erwägen gedenke.

Der zweite Gesandte blieb zurück, und nachdem er die Ladung des Seleukus abgelehnt hatte, ihm zum Mahle zu folgen, und mit Frau Berenike einige Worte getauscht, zog der Senator ihn aus die Seite und führte ihn nach einem kurzen Gespräche Melissa entgegen, um sie aufzufordern, die Sache der Ihren dem berühmten Philostratus, der zu den bevorzugten Freunden des Kaisers gehöre, ans Herz zu legen.

Dann folgte Coeranus dem Winke der Schwägerin, die zu wissen begehrte, ob er es verantworten könne, dem Hofmanne, von dem sie nichts wisse, als daß er geschmackvoll zu schreiben verstehe, dies selten schöne Mädchen zuzuführen, das sich unter ihren Schutz gestellt habe, und das sie auch zu behüten gedenke.

Diese Frage schien den Senator zu belustigen, doch dem Ernste der Schwägerin gegenüber änderte er bald den leichtfertigen Ton und bekannte, daß der junge Philostratus einer der letzten gewesen wäre, dem er den Schutz einer Jungfrau anvertraut hätte. Seine berühmten Briefe lehrten deutlich genug, ein wie eifriger und glücklicher Freund schöner Frauen der geistreiche Philosoph und Schriftsteller gewesen. Doch das sei anders geworden. Auch jetzt noch huldige er zwar der weiblichen Anmut, doch führe er ein geordnetes Leben und sei einer der wärmsten und ernstesten Verteidiger der väterlichen Religion und Tugend geworden. Er gehöre zu dem gelehrten Kreis der Julia Domna, der Mutter des Kaisers, in deren Auftrag er den Caracalla begleite, um, wo es angehe, die wilden Leidenschaften ihres Sohnes zu zügeln.

Das Gespräch, das Melissa indes mit dem Philosophen begonnen, hatte eine sonderbare Wendung genommen; denn schon bei der ersten Anrede war ihr das Wort auf den Lippen. erstorben; hatte sie doch in dem Abgesandten des Kaisers den römischen Herrn wieder erkannt, der ihr im Tempel des Aeskulap aus dem Archiv entgegengetreten war und sie leicht belauscht haben konnte.

Und Philostratus schien sich gleichfalls ihrer Begegnung zu erinnern; denn sein kluges Gesicht, in dem sich Ernst und Heiterkeit liebenswürdig paarten, glänzte hell auf, und seinen Mund umspielte ein feines Lächeln, als er sie fragte: »Irr' ich mich, schöne Jungfrau, oder gewährte mir der große Asklepios am Morgen die Gunst, Dir zu begegnen, die ich am Abend dem göttlichen Cäsar verdanke?«

Da wies Melissa mit dem Blick auf den Senator und Frau Berenike, und obgleich ihr Ueberraschung und Bangigkeit die Lippen schlossen, sprachen ihre erhobenen Hände und ihr ganzes Wesen doch deutlich genug die Bitte aus, sie nicht zu verraten.

Und der Philosoph verstand sie und that ihr den Willen. Es gefiel ihm, mit einem so anmutigen Kinde ein Geheimnis zu teilen. Er hatte sie auch wirklich belauscht und überrascht und betroffen vernommen, daß sie für den Kaiser inbrünstig gebetet. Das reizte seine Neugier aufs höchste.

So raunte er ihr denn zu: »Was ich beim Asklepios sah und hörte, soll unser Geheimnis bleiben, mein Mädchen. Aber was in aller Welt konnte Dich veranlaßt, so herzlich für den Kaiser zu beten? Hat er Dir und den Deinen etwas Gutes erwiesen?«

Melissa verneinte dies mit einem leisen Kopfschütteln, und nun fuhr der Philosoph mit verdoppelter Wißbegier fort: »So gehörst Du zu denen, deren Herz Eros durch den Anblick des Bildes oder der Gestalt eines Menschen mit Liebe erfüllt?«

Da versetzte sie eifrig: »Welch ein Gedanke! O nein, nein! Ganz gewiß nicht.«

»Nicht?« fragte Philostratus mit wachsendem Erstaunen. »Dann erwartet Deine hoffnungsreiche, junge Seele vielleicht, er könne noch bei seiner Jugend unter dem Beistande der Götter wie Titus ein Beglücker des Erdkreises werden?«

Da schaute sich Melissa scheu nach der Matrone um, die immer noch mit dem Senator sprach, und erwiderte schnell: »Sie nennen ihn einen Mörder! Aber ich weiß gewiß, daß er von schrecklichen Schmerzen des Leibes und der Seele gequält wird, und weil mir nun einer, der vieles weiß, sagte, daß es keinen gebe unter den Millionen, die der Cäsar beherrscht, der für ihn bete, da that er mir so leid – ich kann es nicht sagen . . .«

»Und deswegen,« unterbrach sie der Philosoph, »erschien es Dir löblich und wohlgefällig den Göttern, die erste und einzige zu sein, die freiwillig und ungesehen ein Opfer für ihn auf den Altar legt? So hat sich's verhalten. Und wahrlich, Kind, Du brauchst Dich des nicht zu schämen.«

Dann verfinsterte sich ihm plötzlich das Antlitz, und in verändertem Tone frug er ernst: »Bist du eine Christin?«

»Nein,« versetzte sie bestimmt. »Wir sind Griechen. Wie könnt' ich auch dem großen Asklepios ein blutiges Opfer bringen, wenn ich an den Gekreuzigten glaubte?«

»Dann, dann,« sagte Philostratus, und die Augen leuchteten ihm hell auf, »darf ich Dir in der Götter Namen versichern, daß ihnen Dein Gebet und Opfer wohlgefällig waren; ich selber aber, Du wackeres Kind, schulde Dir eine große Freude. Und nun noch eins. Wie war Dir zu Mute, Mädchen, als Du das Heiligtum verließest?«

»Leicht, Herr, und freudig,« erwiderte sie schnell und schaute ihm mit den großen Augen heiter und offen ins Antlitz. »Singen hätte ich mögen mitten auf der Straße, obwohl sie nicht leer war.«

»Das wollt' ich nur hören,« versetzte er befriedigt, und während er ihr noch die Hand schüttelte, die er mit der liebenswürdigen Lebhaftigkeit seines Wesens ergriffen hatte, trat der Senator mit der Matrone ihm näher.

»Hat sie um Deinen Beistand geworben?« frug Coeranus, und Philostratus erwiderte schnell: »Was in meiner Macht liegt, für sie zu thun, das soll sicher geschehen.«

Da bat Frau Berenike die beiden, ihr in ihre Gemächer zu folgen; denn was an das Fest erinnerte, war ihr zuwider, und schon unterwegs begann Melissa dem neuen Freunde zu berichten, was ihren Bruder bedrohe.

In dem kunstvollen, ohne Prunk, doch mit den edelsten Werken der alten alexandrinischen Kunst ausgestatteten Frauengemache führte sie ihre Erzählung zu Ende.

Philostratus hatte ihr aufmerksam zugehört, doch bevor sie noch ihre Bitte in Worte kleiden konnte, unterbrach er sie mit dem Rufe: »So wird es also gelten, den Kaiser zu bewegen, Gnade zu üben, und das . . . Du weißt nicht, Kind, was Du damit verlangst!«

Hier wurde er von einem Boten des Seleukus unterbrochen, der den Coeranus zu den Gästen berief, Frau Berenike aber begab sich, sobald sich der Senator entfernt hatte, in ihr Gemach, um den ihr widrigen Putz abzulegen.

Mit der Verheißung, bei ihrer baldigen Wiederkehr sich mit an der Beratung zu beteiligen, ging sie, und nachdem Philostratus ihr eine Weile gedankenvoll nachgeschaut hatte, wandte er sich an Melissa mit der Frage: »Würdest Du Dich entschließen, den Deinen zu liebe Dich bitteren Demütigungen, ja vielleicht einer schweren Gefahr auszusetzen?«

»Alles, auch das Leben für sie!« entgegnete Melissa so freudig entschlossen, und aus ihren Augen strahlte dem Frager so opfermutige Begeisterung entgegen, daß es ihm das alternde Herz wärmte und der Grundsatz, dem er, seit er in der Nähe des Kaisers weilte, streng gefolgt war, ungefragt auch kein Wort an den Herrscher zu richten, in alle Winde zerstob.

Mit ihrer Hand in der seinen und einem forschenden Blick in ihr Antlitz frug er sie noch einmal: »Und wenn es einen Schritt zu thun gälte, vor dem vielen Männern der Mut versagte; – Du würdest ihn wagen?«

Auch diesmal war ein frohes »Ja« die Antwort, und nun gab Philostratus ihr die Hand frei und sagte: »So wollen wir denn das Aeußerste versuchen. Ich ebene Dir den Weg, und morgen – erschrick nicht – morgen trittst Du unter meinem Schutze vor den Kaiser.«

Da entfärbten sich die Wangen der Jungfrau, die neu erwachende Hoffnung lieblich gerötet, und während ihr Ratgeber den Wunsch äußerte, das weitere mit der Gattin des Seleukus zu bereden, trat Berenike in das Gemach.

Sie trug jetzt wieder Trauergewänder, und ihr bleiches, edles Antlitz war noch feucht von den Thränen, die sie eben vergossen. Jene dunklen Schatten, die, wo sie das Auge einer Frau umgeben, auf vergangene Seelenstürme deuten, wie der Hof, der den Mond, das Auge des nächtlichen Himmels, umrahmt, auf nahendes Unwetter weist, waren tiefer geworden, und als ihr bekümmerter Blick Melissa traf, überkam das Mädchen das Verlangen, sich dieser Frau in die Arme zu werfen und sich auszuweinen wie an der Brust einer Mutter.

Auch Philostratus schien von dem Anblick der Matrone ergriffen, die so vieles besaß und der ein roher Schicksalsschlag alles verdarb, was dem weiblichen Herzen teuer.

Es that ihm wohl, ihr mitzuteilen, daß er hoffen dürfe, den Kaiser milder zu stimmen. Was er vorhabe, sei indes ein Wagnis. Der Cäsar sei tief aufgebracht über die höhnischen Angriffe, die er hier erfahre, und der Bruder Melissas vielleicht der einzige Spötter, dessen man habhaft geworden. Ungestraft könne der Frevel der Alexandriner Witzlinge nicht bleiben. In solcher verzweifelten Lage hülfen nur verzweifelte Mittel, und darum wage er den Vorschlag, Melissa zu dem Herrscher zu führen, damit sie ihn selbst um Gnade bitte.

Da zuckte die Matrone zusammen, wie von einem Skorpionstich getroffen. Heftig erregt, und als habe sie die Jungfrau vor einem Angriff zu schützen, schlang sie den Arm um sie, und Melissa schmiegte hilfesuchend das Haupt an die Brust der Matrone.

Da ward Berenike durch den Wohlgeruch, der den Locken des Mädchens entstieg, an die Stunden erinnert, in denen sie das eigene Kind so warm am Herzen gehalten. Ihr Mutterherz hatte ein neues Liebesziel gefunden, und mit dem Rufe: »Unmöglich!« zog sie den Schützling fester an sich.

Doch Philostratus bat sie um Gehör.

Von dem Gnadengesuch durch einen Dritten, sagte er, sei nichts zu erwarten als das Verderben dessen, der die Fürbitte wage.

»Caracalla,« fuhr er fort und wandte sich an Melissa, »ist furchtbar in seinem Zorne, wer könnte es leugnen; doch in der letzten Zeit hat schweres Leid einen reizbaren Unzufriedenen aus ihm gemacht, der auf strenge Sitten hält in seiner Umgebung. Die Schönheit des Weibes gilt ihm nichts mehr, und dies anmutige Kind wird ohnehin mancherlei vor seiner Leidenschaft sichern. Er soll wissen, daß die Gattin des Oberpriesters, dessen Gast er ist, die würdigste der Frauen, dem Schicksal Melissas mit Teilnahme folgt, und ich selbst, der Freund seiner Mutter, bleibe in ihrer Nähe. Maßlos und von keinem Lebenden zu bändigen ist dagegen seine Rachelust, und wer sie erweckte, den vermöchte auch nicht die edle Frau Julia vor dem grausamsten Mißgeschick zu bewahren. Weißt Du es nicht, so laß es Dir melden, Mädchen, daß er seinem Bruder Geta das Leben nahm, obgleich ihn die Arme der erhabenen Frau schützend umfingen, die ihn und sein Opfer gebar. Auch das mußtest Du wissen, und nun frage ich Dich zum drittenmal: Bist Du immer noch willens, alles für die Deinen zu opfern? Hast Du den Mut, den Gang in die Höhle des Löwen zu wagen?«

Da schmiegte Melissa sich fester an die Matrone, und von ihren erblaßten Lippen klang es leis, doch entschieden: »Ich bin bereit, und er wird mich erhören.«

»Kind, Kind,« rief die Matrone entsetzt und löste den Arm von dem Mädchen. »Du weißt nicht, was Dir droht. Dich blendet die glückliche Zuversicht der unerfahrenen Jugend. Ich kenne das Leben, und hier vor Augen sehe ich Dein Herzblut, rein und rot wie das der jungen Lämmer . . . Ich sehe . . . O Kind, Du kennst nicht den Tod und seinen furchtbaren Ernst!«

»Ich kenne ihn,« fiel ihr Melissa in fieberhafter Erregung ins Wort. »Mein Liebstes, die Mutter, – mit diesen Augen sah ich sie sterben. Was ging mir nicht alles mit ihr zu Grabe! Und doch! Die Hoffnung blieb lebendig hier drinnen, und ein wie wüster Mörder Caracalla auch sein mag, mir wird er nichts anthun, gerade weil ich so schwach bin. Und, Frau Berenike, was bin ich denn, was liegt an meinem Leben, und was geht mit dem Vater verloren und den Brüdern, die beide auf dem Weg sind zum Höchsten und Größten!«

»Doch Du bist Braut,« fiel die Matrone ihr lebhaft ins Wort, »Du sagtest auch vorhin, daß der Verlobte Dir teuer . . . Und er? Er liebt Dich gewiß, und gehst Du zu Grunde, so verdirbt ihm der Schmerz das junge blühende Leben.«

Da schlug Melissa die Hände vor das Antlitz und schluchzte laut auf: »So zeigt mir doch einen andern Weg! Jeden, auch den schwersten will ich betreten. Aber es gibt ja keinen, und wäre Diodor hier, er hinderte mich gewiß nicht; denn wozu das Herz mich drängt, das ist meine Pflicht und das Rechte! Doch er liegt krank und mit getrübtem Geist auf dem Lager, und ich kann ihn nicht fragen; aber Du, edle Frau, aus deren Augen mir so viel Güte entgegenschaut, laß doch ab, mir Salz in die Wunden zu streuen! Was mir obliegt, ist ja ohnehin so schwer! Aber ich würde es doch thun und zu dem schrecklichen Manne zu dringen versuchen, auch wenn keiner mich schützte!«

Mit wechselnden Empfindungen war die Matrone diesem Herzensergusse gefolgt. Was in ihr war, sträubte sich gegen den Gedanken, dies reine, schöne, liebenswerte Geschöpf der Wut des Tyrannen preiszugeben, dessen Verruchtheit so groß und grenzenlos war wie seine Macht; und doch sah auch sie keinen andern Weg, den Künstler zu retten, der ihr lieb geworden war. Ihre große Seele verstand den Entschluß der Jungfrau, das Leben der Ihren mit dem eigenen Herzblute zu erkaufen. In der gleichen Lage wäre sie selbst bereit gewesen, das Gleiche zu thun. Dazu sagte sie sich, wie glücklich es sie gemacht hätte, bei der eigenen Tochter die nämliche Gesinnung zu finden. So schmolz denn ihr Widerstand dahin, und von den widerstrebenden Lippen drang ihr der Ruf: »Thue denn, was Du für recht hältst!«

Dankbar und wie von einer schweren Last befreit flog Melissa ihr wiederum an die Brust, Frau Berenike aber trug Sorge, dem Schützling den steinigen Gang, so weit es in ihrer Macht lag, zu ebnen.

Eingehend und als gelte ihre Fürsorge der eigenen Tochter, hielt sie mit Philostratus Rat, und es ward, während aus dem Männersaale der Lärm des fortschreitenden Gastmahls zu ihnen drang, beschlossen, daß sie die Jungfrau in eigener Person zu der Gattin des Oberpriesters, des Bruders ihres Gemahls, führen und bei ihr auf die Rückkehr Melissas warten solle.

Philostratus stellte die passende Stunde und andere Einzelheiten fest und wünschte dann auch Näheres über den jungen Künstler zu erfahren, dessen Spottlust so Schweres über die Seinen gebracht.

Sogleich führte Frau Berenike den Philosophen in das Nebengemach, wo das Bildnis ihrer geliebten Verstorbenen aufgestellt war. Ein dichter Kranz von Veilchen, die Lieblingsblumen der Verstorbenen, umgab es. Zwei dreiarmige Lampen auf hohen Gestellen beleuchteten das herrliche Kunstwerk, und Philostratus, ein Kenner, der viele Gemälde in geschmackvoller und anschaulicher Weise beschrieben hatte, versenkte sich stumm in die schönen Züge, die mit seltener Meisterschaft und der begeisterten Hingabe eines liebenden Herzens wiedergegeben waren.

Endlich wandte er den Blick auf die Matrone und rief: »Glückseliger Künstler, dem ein solches Vorbild sich darbot! Ein Werk, würdig der alten, besseren Zeit und eines Meisters aus den Tagen des Apelles! Was Dir in dieser Tochter genommen ward, edle Frau, hatte nicht seinesgleichen, und kein Schmerz ist groß genug, es zu beklagen. Aber die Gottheit, die nimmt, weiß auch zu geben, und durch dies Bildnis rettet sie Dir einen Teil dessen, was Du an Deinem Kinde geliebt. Auch für Melissas Sache ist dies herrliche Bildnis bedeutend; denn der Kaiser hat einen feinen Sinn für die Kunst, und zu den Mängeln seiner Zeit, die ihm die Seele verbittern, gehört auch die Lähmung, die das Schaffen der bildenden Künstler befiel. Für den Meister, der dies Bildnis schuf, wird es leichter sein, Gnade zu erwirken, als für einen hochgeborenen Großen. Maler, wie diesen Alexander, braucht er außerdem für die Pinakothek in den von ihm geschaffenen herrlichen Bädern am Tiber. Wolltest Du mir Dein Kleinod anvertrauen für den morgenden Tag . . .«

Da unterbrach ihn die Matrone mit einem. lebhaften »Nie«, und wie zum Schutz legte sie die Hand auf den Rahmen.

Doch Philostratus ließ sich nicht entmutigen und fuhr im Tone schmerzlicher Enttäuschung fort: »Dies Bildnis ist Dein, und wer kann Dir Deine Weigerung verdenken? Wir werden also versuchen müssen, ohne diesen mächtigsten aller Bundesgenossen zum Ziele zu gelangen.«

Frau Berenikes Blicke waren während dieser Worte auf dem Antlitz der Tochter ruhen geblieben und versenkten sich mehr und mehr in die schönen, sprechenden Züge des verstorbenen Kindes.

Wie sie selbst, so schwieg alles rings umher.

Endlich wandte sie das Haupt langsam Melissa zu, die betrübt zu Boden schaute, und sagte leise: »Sie war Dir ähnlich in vielen Stücken. Die Gottheit hatte sie geschaffen, um Glück und Licht um sich her zu verbreiten. Wo sie Thränen trocknen konnte, that sie es gern. Ihr Bild ist ja stumm, aber dennoch befiehlt es mir, so zu handeln, wie sie es gethan haben würde. Kann dies Werk des Alexander in der That den Kaiser bewegen, Gnade zu üben, so soll es . . . Du, Philostratus, bestehst auf Deiner Meinung?«

»Ja,« versetzte dieser bestimmt, »einen besseren Fürsprecher als dies Werk gibt es nicht für den Meister!«

Da richtete die Matrone sich auf und sagte: »Wohl denn! Morgen in aller Frühe ist es bei Dir im Serapeum. Das Bild der Verstorbenen mag verloren gehen, wenn es den Lebenden rettet, der es so liebevoll schuf.« Hier reichte sie dem Philosophen mit abgewandtem Antlitz die Hand und verließ schnell das Gemach.

Ungesäumt eilte Melissa ihr nach und rief überströmend von dankbarer Liebe der Schluchzenden entgegen: »Weine nicht! Ich weiß etwas, das Dir besseren Trost bringen kann als das Werk meines Bruders; das lebendige Ebenbild, mein' ich, Deiner Korinna. Eine Jungfrau wie sie . . . Hier in Alexandria lebt sie . . .«

»Agathe, die Tochter des Zeno?« fragte die Matrone, und als Melissa dies bejahte, fuhr jene schwer atmend fort: »Dank für Deine Güte, mein Mädchen; doch auch dies Kind ging mir verloren.«

Dabei stöhnte sie laut auf und warf sich mit dem leisen Ruf: »Ich will allein sein!« auf den Diwan.

Da zog sich Melissa bescheiden in das Nebenzimmer zurück, und Philostratus, der indes tief versunken in das Bildnis Korinnas dagestanden hatte, nahm von ihr Abschied.

Ohne den kaiserlichen Wagen zu benützen, der seiner harrte, begab er sich zu Fuß in sein Quartier, und so heiter und mit sich selbst zufrieden wie auf dieser Wanderung hatte er sich lange nicht gefühlt.

Nachdem Frau Berenike kurze Zeit einsam geruht hatte, rief sie Melissa wieder zu sich und sorgte für den jungen Gast, als sei ihr in ihm der verlorene Liebling auf kurze Zeit wiedergeschenkt worden.

Zunächst gestattete sie dem Mädchen, den Sklaven Argutis kommen zu lassen, und nachdem auch sie den treuen Mann versichert, daß alles gut zu gehen verheiße, entließ sie ihn mit der Weisung, sich daheim für die junge Herrin zur Verfügung zu halten, die einstweilen in ihrem Hause Schutz finden werde.

Sobald der Trevirer sie verlassen, befahl sie der Zofe Johanna, ihren Bruder zu rufen.

Während diese den Auftrag erfüllte, teilte die Matrone dem Mädchen mit, daß dies Geschwisterpaar zu den Christen gehöre. Sie seien die Kinder von Freigelassenen ihres Hauses und frei geboren. Johannes habe sich schon früh so gelehrig gezeigt, daß man seinem Wunsche, ihn zum Sachwalter auszubilden, nachgegeben habe. Jetzt gehöre er zu den geachtetsten Anwälten der Stadt; doch stelle er seine seltene Beredsamkeit, die er nicht nur in Alexandria, sondern auch zu Karthago ausgebildet habe, am liebsten in den Dienst angeklagter Christen. In den freien Stunden besuche er die Verurteilten in den Kerkern, spreche ihnen Trost zu und beschenke sie mit dem reichen Gewinne, den seine Thätigkeit unter den Reichen ihm schenke. Er sei der rechte Mann, die Ihren aufzusuchen, ihre Hoffnung neu zu beleben und ihnen ihren Gruß zu überbringen.

Als der Christ dann erschien, zeigte er sich mit Freuden bereit, diesen Auftrag auszurichten. Seine Schwester war schon beschäftigt, Wein und andere Erfrischungen für die Gefangenen zusammenzupacken, und Johannes bekannte der Matrone, daß es wohl mehr werden würde, als die drei, um die es sich handle – auch wenn ihre Haft recht lange dauere – aufbrauchen könnten.

Sein Lächeln bewies, wie sicher er auf die Freigebigkeit Frau Berenikes baue, und Melissa faßte schnell Zutrauen zu dem jungen Christen, der sie an ihren Bruder Philipp erinnert hätte, wenn die Haltung seiner hageren Gestalt nicht aufrechter und das lange Haar nicht schlicht und völlig ungekräuselt gewesen wäre.

Am wenigsten glichen die Augen des Johannes denen des Philipp; denn sie blickten so milde in die Welt wie die des Philosophen scharf und prüfend.

Melissa trug ihm mancherlei für den Vater und die Brüder auf, und als Frau Berenike ihn bat, dafür zu sorgen, daß das Bild ihrer Tochter sicher in das Serapeum gelange, wo es helfen solle, den Kaiser günstig für den Maler zu stimmen, lobte er den Entschluß der Matrone und fügte bescheiden hinzu: »Wie lange gehört uns denn überhaupt, was wir an vergänglichen Gütern besitzen? Vielleicht einen Tag, ein Jahr und im bestem Fall einige Lustren. Aber die Ewigkeit ist lang, und wer ihr zu liebe die Zeit vergißt und auf sie allein, die ja auch die Zeit unserer eigenen Seele ist, seine Hoffnung setzt, der verlernt zu beklagen, was uns an vergänglichen Gütern, und wären es die edelsten und uns teuersten, geraubt ward. O, könnte ich auch Dich dahin führen, auf die Ewigkeit Deine Hoffnung zu setzen, Du beste der Frauen, Du treuste der Mütter! Sie, die auch das klügste Gehirn nicht zu fassen vermag – das sag' ich Dir, der Philosophin – ist das am schwersten zu erreichende und darum das vornehmste Ziel für das menschliche Denken. Faß es ins Auge, und in ihrem unermeßlichen Reiche, auch Dein zukünftiges Heim, wirst Du der Geschiedenen wieder begegnen, wird nicht nur ihr Bild Dir von neuem angehören, sondern sie selbst.«

»Laß das,« unterbrach hier die Matrone den Freigelassenen mit herber Ungeduld. »Ich weiß, wo Du hinaus willst; doch die Ewigkeit zu erfassen, ist dem Geiste der Gottheit vorbehalten; der unsere scheitert an diesem Versuche. Wie dem Ikarus schmelzen ihm die Flügel ab, und er stürzt in das Meer – das Meer des Wahnsinns mein' ich, dem ich oft nahe genug war. – Ihr Christen glaubt ja die Ewigkeit zu kennen, und wenn ihr darin nicht irrtet . . . Doch ich will den alten Streit nicht erneuern. Gib mir mein Kind zurück auf ein Jahr, einen Monat, einen Tag nur, wie es war, bevor es von der mörderischen Krankheit erfaßt ward, und ich schenke Dir das Wolkenkuckucksheim Deiner Ewigkeit und gebe den Rest meines Erdenlebens noch mit in den Kauf.«

Wie in hartem Fieberschauer wurde die kraftvolle Frau von dem neu aufgeregten Schmerze geschüttelt; sobald sie aber die Fähigkeit zurückgewonnen hatte, verständlich zu reden, rief sie dem Sachwalter zu: »Ich will Dich wahrlich nicht kränken, Johannes. Ich schätze Dich, und Du bist mir lieb. Aber wenn Du willst, daß es so bleibe, dann laß von dem thörichten Verlangen, die Schildkröte fliegen zu lehren. Thu das Deine für die armen Gefangenen, und wenn Du . . .«

»Morgen, sobald es Tag wird, suche ich sie auf,« unterbrach sie Johannes und verabschiedete sich schnell von den Frauen.

Sobald sie wieder allein waren, rief Berenike. »Da geht er hin, verletzt, als hätte ich ihm unrecht gethan. Und so sind sie alle, die Christen. Anderen aufzudrängen, was ihnen recht scheint, halten sie für Pflicht, und wer sich ihrer fraglichen Wahrheit verschließt, von dem setzen sie voraus, daß er beschränkten Geistes sei oder Feind alles Guten. Die Agathe, von der Du mir sprachst, und auch Zeno, ihr Vater, der Bruder meines Gatten, sind Christen. Korinnas Tod, hoffte ich, werde das Kind, nach dem mein Herz sich sehnte, und von dem ich viel Freundliches vernahm, zu uns zurückführen können; doch der gemeinsame Schmerz, der sonst so viel Getrenntes zusammenführt, hat die Kluft nur vertieft, die zwischen meinem Gemahl und dem Bruder sich aufthut. Wir sind schuldlos daran! Ja, wie freute es mich, als mir wenige Stunden nach dem Schrecklichen ein Brief des Zeno meldete, daß er uns mit der Tochter noch am nämlichen Abend aufsuchen werde. Doch dies Schreiben« – die Stimme der lebhaften Frau begann vor Unwillen zu zittern – »doch dies Schreiben zwang uns, ihn zu ersuchen, den Besuch unterbleiben zu lassen; denn – es ist nicht zu glauben, und ich thäte besser, nicht neues Oel in die Flamme zu gießen – denn er forderte uns auf, uns zu freuen, drei, vier, fünfmal wiederholte sich der gräßliche Ruf. Dazwischen sprach er mit empörendem Schwulst von der Seligkeit und Wonne, die unserer Verstorbenen warte . . . Und das, das einer Mutter, der ein roher Streich des Schicksals vor wenigen Stunden das Herz in Stücke zerbrach! Lachenden Mundes der Beraubten, Todeswunden, Vereinsamten zuzurufen, – sich zu freuen – dies Uebermaß der Roheit oder Verwilderung hat uns auf immer geschieden. Die schwarzen Gartenarbeiter, die Korinna gekannt, und deren Gott eine Baumwurzel ist, die nur von fern der Menschengestalt ähnelt, sind in Thränen zerflossen, als sie das Schreckliche vernahmen, und Zeno, unser Bruder, der Oheim der gebrochenen Blume, freut sich und fordert uns auf, uns zu freuen! Mein Mann meint, der Haß und die alte Feindschaft habe dem Unsinnigen die Feder geführt; ich glaube nur, daß er, von christlichem Wahnsinn erfaßt, mir, einer Mutter, zumutete, sich unter das Tier zu stellen, das seine Jungen mit dem Leben verteidigt. Was Zeno meinem Gemahl anthat, da er ein Christ wurde und sein Vermögen dem Handelshause entzog, um es zum Teil an Gesindel zu vergeuden, hätte Seleukus ihm verziehen, dies ›freue dich‹ aber kann weder er, von dem doch abfließt wie das Wasser vom Oel, was mir in das Herz dringt, noch ich dem Vater Agathens vergeben.«

Hier schwieg sie mit heißen Wangen, und die sengende Glut ihrer Augen hatte der dunkel gekleideten majestätischen Frau, deren volles, rabenschwarzes Haar sich während dieser leidenschaftlichen Anklage gelockert, ein Ansehen gegeben, das Melissa erschreckte.

Auch ihr erschien dies »freue dich« bei solchem Anlaß unziemlich und kränkend, doch sie hielt ihre Meinung zurück, teils aus Bescheidenheit, teils weil sie die Unglückliche, der Agathe durch ihren bloßen Anblick so reichen Trost gewähren konnte, nicht noch weiter von der Nichte und ihrem Vater entfremden wollte.

Als die freigelassene Zofe Johanna kam, um sie in ein Gastgemach zu führen, atmete sie auf, doch Frau Berenike wünschte Melissa diese Nacht in ihrer Nähe zu behalten und befahl der Christin leise, in dem an ihr Schlafgemach stoßenden Zimmer neben dem Lager der Verstorbenen, das nicht berührt werden dürfe, ein anderes zu rüsten.

Dann führte sie in immer gleicher Erregung Melissa in das freundliche Zimmer der Tochter.

Dort zeigte sie ihr alles, was Korinna besonders lieb gewesen war. Selbst der Vogel der Verstorbenen hing noch an der gleichen Stelle. Ihr Schoßhund schlummerte in einem Körbchen auf dem Kissen, das die Mutter einmal für den Liebling der Tochter gestickt. Melissa mußte die Laute und die ersten Webereien der Entschlafenen bewundern und den zierlichen Webestuhl von Elfenbein und Ebenholz ansehen, woran sie dieselben vollendet. Selbst die Verse, die Korinna auf den Tod ihres Lieblingsvogels nach dem Muster des Catull gedichtet, gab sie der Altersgenossin ihres Kindes zu hören.

Ob Melissa auch vor Erschöpfung die Augen zufallen wollten, zwang sie sich doch, aufmerksam zu bleiben, weil sie wahrnahm, wie wohl ihre Teilnahme der gütigen Frau that.

Dazwischen drangen die Stimmen der Männer, die vom Schmausen zum Zechen übergegangen waren, immer lauter in den den Weibern angewiesenen Teil des Hauses. Wenn die Heiterkeit der Gäste besonders hohe Wogen schlug und etwas Erheiterndes viele auf einmal zu hellem Gelächter hinriß, schrak Berenike zusammen, murmelte unverständliche Drohungen vor sich hin und bat die beleidigten Manen der Tochter leis um Vergebung.

Es schien ihr Erleichterung zu gewähren, sich von einer Stimmung in die andere schleudern zu lassen, und doch verlor sie weder im Schmerz, noch wenn die mütterliche Zärtlichkeit sie gesprächig machte, noch im Zorn die ihr eigene Majestät.

Was Melissa hier sah und hörte, zwang sie bald zum Mitleid, bald erschreckte es sie. Dazwischen peinigte sie die Sorge um die Ihren und die wachsende Erschöpfung.

Doch endlich kam die Erlösung.

Im Festsaal erklang heiterer Frauengesang zu hellem Flötenspiel.

Hoch aufgerichtet und mit geblähten Nüstern folgte die Matrone den ersten übermütigen Takten.

Daß dies Lied in ihrem trauernden Hause angestimmt werden durfte, war zu viel, und mit eigener Hand riß sie die Lade vor das nächste offene Fenster. Dann gebot sie dem jungen Gaste, zur Ruhe zu gehen.

O, wie wohl that es dem übermüdeten Mädchen, auf dem weichen Lager zu rasten!

Wie immer vor dem Entschlafen, teilte sie der Mutter im Geiste mit, was der letzte Tag ihr gebracht. Dann flehte sie die Manen der Verstorbenen an, ihr Beistand auf dem schweren Gange zu leisten, der ihr bevorstand; doch mitten im Gebet überwältigte sie der Schlummer, und schon hob und senkte sich ihr die junge Brust in gleichmäßigen Atemzügen, als der Besuch der Matrone sie wieder aus dem Schlaf erweckte.

In einem weißen Nachtgewande, von dem langen, aufgelösten Haar umwallt, mit einer silbernen Lampe in der Hand, erblickte Melissa sie plötzlich zu Häupten ihres Lagers, und wie zur Abwehr streckte sie ihr im Halbschlaf die Arme entgegen; denn es war ihr, als schaue ihr der Dämon des Wahnsinns aus den großen schwarzen Augen der Matrone entgegen. Aber plötzlich veränderte sich der Blick der Unglücklichen und schaute gütig und liebreich auf sie hin.

Gelassen stellte sie das Lämpchen auf den Tisch, schlang, da die kühle Nachtluft durch das unverschließbare, offene Fenster des Gemaches drang, mit zärtlicher Sorgfalt die leichte weiße Wollendecke fester um den Leib der Jungfrau und murmelte dabei vor sich bin: »So hatte sie es gern.«

Dann ließ sie sich vor dem Bette auf die Kniee nieder, heftete der Erwachten die Lippen lange auf die Stirn und sagte: »Auch Du bist schön, und er wird Dich erhören!«

Dann frug sie Melissa nach dem Verlobten, dem Vater, der Mutter, dem Philipp, und zuletzt raunte sie ihr unvermutet zu: »Dein Bruder Alexander, der Maler. – Mein Kind, – ob es auch auf dem Totenbette lag, es hat ihm dennoch das Herz mit Liebe erfüllt. Korinna ist ihm teuer gewesen. Ihr Bild lebt ihm fort in der Seele. Hab' ich recht gesehen? Sag es mir redlich!«

Da bekannte Melissa, wie tief die Schönheit der Verstorbenen den Bruder schon beim Malen ergriffen, und daß er ihr Herz und Seele mit einer Wärme der Hingabe geschenkt, deren sie ihn nie für fähig gehalten.

Und die unglückliche Frau lächelte, wie sie dies hörte, und murmelte vor sich hin: »Ich hab' es gewußt.«

Dann schüttelte sie das Haupt und sagte wehmütig: »Ich Närrin!«

Endlich wünschte sie Melissa gute Ruhe und begab sich in ihr Schlafgemach zurück. Die Christin Johanna erwartete sie dort, und während sie der Herrin das Haar zusammenflocht, sagte die Matrone drohend: »Wenn der Verruchte auch dieser nicht schont . . .«

Hier schnitt ihr lauter Jubel aus dem Festsaal das Wort ab, und unter den lachenden Stimmen meinte sie auch die ihres Gatten zu erkennen. Da entzog sie sich mit einer heftigen Bewegung den Händen der Zofe und rief in zorniger Erregung: »Seleukus hätte das Unerhörte abzuwenden vermocht. O, ich kenne das Herz dieses trauernden Vaters! Furcht, Eitelkeit, Ehrgeiz, Genußsucht . . .«

»O Herrin,« unterbrach sie Johanna. »Bedenke! Den Wunsch des Kaisers kreuzen heißt das Leben verwirken!«

»Dann hätt' er sterben müssen!« entgegnete die Matrone fest und streng.

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