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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Vierzehntes Kapitel.

Die Sklavin hatte recht gehört.

Der älteste Sohn des Heron kehrte von seinen Gängen zurück.

Erschöpft, enttäuscht und dazu mit zornig glühenden Augen taumelte er wie ein Trunkener, dem im Rausche schwere Unbill widerfuhr, über die Schwelle und fragte die Alte unvermittelt und ohne den Gruß, den die Mutter schon die Kinder auch den Sklaven zu bieten gelehrt, mit heiserer Stimme: »Melissa zurück?«

»Ja, ja,« versetzte Dido und legte den Zeigefinger auf die Lippen. »Du hast sie aus dem Schlummer getrommelt. Und wie Du aussiehst! So solltest Du doch nicht zu ihr hinein! Man sieht Dir ja von weitem an, was Du mitbringst. Der Präfekt will nicht helfen?«

»Helfen?« wiederholte Philipp höhnisch das letzte Wort der Sklavin. »Hier läßt der eine den andern ertrinken, wenn er nur fürchten muß, daß ihm der Fuß dabei naß wird.«

»So schlimm ist es doch nicht,« versetzte die Alte. »Unser Alexander verbrannte sich, denk' ich, oft genug für andere die Finger. Warte jetzt einen Augenblick. Ich hole erst einen Becher Wein. Es steht noch welcher in der Küche; denn trittst Du so vor die Schwester . . .«

Doch Melissa hatte die Stimme des Bruders vernommen, und obgleich Philipp schon das wirre Haar mit den Fingern glättete, lehrte sie doch ein Blick in sein Antlitz, daß sein Gang vergeblich gewesen.

»Du Armer,« sagte sie, nachdem er ihre Frage, was er bringe, mit dem dumpfen Rufe: »Von dem Schlimmen das Schlimmste,« beantwortet hatte.

Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn sich nach in die Werkstatt.

Dort erinnerte sie ihn, daß sie ihm in Diodor einen neuen Bruder zuführen werde, und sogleich umarmte er sie innig und wünschte ihr von Herzen Glück zu dem liebenswerten Verlobten.

Sie dankte ihm aus vollem Herzen, und während er dabei den Wein hinunterstürzte, bat ihn die Schwester, Bericht zu erstatten.

Er begann auch, und als sie ihn dabei ins Auge faßte, fiel es ihr auf, wie wenig er dem Vater und dem Bruder gleiche, obwohl seine Größe der ihren nichts nachgab, und sein Haupt ähnlich geformt war. Doch statt des herrlich entfalteten Körpers der beiden war der seine hager und unfest. Das Rückgrat schien zu schwach für die Länge des Leibes, den er längst gerade zu halten verlernt. Das Haupt hielt er wie spähend oder suchend nach vorn geneigt, und auch nachdem er auf dem Arbeitsstuhle des Vaters Platz genommen hatte und erzählte, blieben Hände und Füße und sogar die Muskeln seines wohlgebildeten, aber farblosen Angesichts in steter Bewegung. Bald sprang er auf, bald warf er das Haupt zurück, um das volle Lockenhaar aus dem Gesicht zu entfernen, und bei alledem brannten seine wirklich schönen, großen und tiefen Augen in zornigem Feuer.

»Die erste Abweisung ward mir beim Präfekten zu teil,« begann er, und dabei flogen ihm die Arme, auf deren anmutige Bewegung die griechische Erziehung so hohen Wert legte, in die Höhe, als folgten sie einem eigenen Willen und nicht dem des Redners.

»Titianus spielt ja den Philosophen, weil sein Fuß in der Jugend – wie lange ist es schon her – den Boden der Stoa betrat.«

»Aber Dein Lehrer Xanthos sagte doch, er sei ein tüchtiger Philosoph,« unterbrach ihn Melissa.

»Solches Lob ist wohlfeil,« versetzte Philipp, »wenn man der einflußreichste Mann in der Stadt ist. Aber seine Art hat sich überlebt. Dem Zeno kriecht er nach. Er beugt sich der Autorität und verlangt von selbständigen Geistern dasselbe. Die Gottheit ist ihm die wirkende Ursache. In dieser Welt erkennt er das zweckmäßige Walten übermenschlicher Kräfte und berauscht den Geist an windigen, abgethanen Idealen. Die Tugend . . . Doch wozu den alten, längst beseitigten Kram wiederholen!«

»Wir haben dazu in der That keine Zeit,« drängte Melissa, welche kommen sah, daß Philipp sich in philosophischen Auseinandersetzungen ergehen werde; denn er begann sich schon auf dem in der That ungewöhnlichen Wohllaute seiner Stimme zu wiegen.

»Warum nicht?« fragte er und zuckte mit einem bitteren Lächeln die Achseln. »Wenn er den letzten Pfeil verschossen hat, kann der Bogenschütze ruhen, – und – Du wirst es gleich hören – unser Köcher ist leer, ausgeleert bis auf den Grund wie dieser Pokal.«

»Nein, nein,« fiel ihm Melissa eifrig ins Wort. »Gerade weil Dir die ersten Schritte fehlschlugen, müssen wir auf neue sinnen. Auch ich kann in Bildern reden. Der Bogenschütze, dem die Sache am Herzen liegt, für die er die Pfeile verschoß, läuft nicht aus der Schlacht, sondern schafft sich neue, und findet er keine, schlägt er mit dem Bogen auf den Feind, oder fällt ihn an mit Steinen, Fäusten und Zähnen.«

Da schaute ihr Philipp erstaunt ins Antlitz und rief freudig überrascht und ganz frei von dem überlegenen höhnischen Tone, dessen er sich sonst im Wortwechsel mit der bescheidenen Schwester bediente: »Sieh da, unsere Kleine! Woher gewannen die stillen Augen diesen mächtigen Glanz? Ja, das Unglück, das Unglück! Man will der sanften Taube das Junge rauben – den goldenen Alexander, mein' ich – und gleich wird sie zum tapfern Falken. Ich dachte Dich hier mit der naßgeweinten Stickerei als geduldiges Opferlamm zu finden, und nun bist Du's, die mich antreibt. Sieh denn zu, ob uns noch Pfeile übrig bleiben, nachdem Du mich hörtest. – Aber bevor ich fortfahre: Ist Argutis noch nicht zurück? Nein? Er muß noch einmal über den See und dem Alexander allerlei bringen: Wäsche, Kleider und dergleichen. Glaukias, der Bildhauer, ist mir vorhin begegnet. Er mahnte mich, es nicht zu vergessen; denn er weiß, wo der Bruder steckt und war eben im Begriff, zu ihm hinüber zu fahren. Unkenntlich, sag' ich Dir, hatte der Mensch sich gemacht. Ein treuer Freund, wenn es solchen überhaupt gibt! Und wie ihm das Geschick des Vaters ans Herz ging. Ich glaube, daß er den Diodor um Deinetwillen beneidet.«

Dabei drohte er Melissa mit dem Finger, sie aber war leicht erblaßt und fragte den Bruder besorgt, ob er dem Glaukias auch ans Herz gelegt habe, dem Alexander zu verschweigen, daß es in seiner Hand liege, den Vater zu befreien.

Da schlug sich Philipp auf die Stirn, und mit einem blöden Zug um den sonst so klugen und zum Spott geneigten Mund stammelte er wie ein ertappter Knabe: »Das, das . . . Es ist mir selbst unbegreiflich; aber gerade das habe ich zu erwähnen vergessen. Merkwürdige Zerstreutheit. Doch was sie verschuldete, soll gut gemacht werden, gleich, auf der Stelle! Argutis muß . . . Nein, ich selbst fahre über den See.«

Damit sprang er auf und hatte ernstlich im Sinne, dieser schnellen Eingebung zu folgen, doch Melissa hielt ihn zurück.

Mit einer Entschiedenheit, die ihn wiederum überraschte, gebot sie ihm, zu bleiben, und während er die Werkstätte mit hastigen Schritten durchmaß und harte Scheltworte gegen sich selbst ausstieß, sich bald an die Brust schlug, bald mit der Hand durch das wirre Lockenhaar fuhr, machte sie ihm deutlich, daß er den Alexander erst erreichen könne, wenn er schon alles wisse, und daß sein Besuch nichts bewirken werde, als die findigen Häscher auf die Spur des Versteckes zu leiten. Statt zu toben und zu klagen möge er schnell berichten, wo ihm die Thür verschlossen worden sei.

Zuerst, begann er nun hastig, habe er sich an den Präfekten Titianus gewandt, und Melissa wußte, daß dies ein älterer Herr war, aus dessen vornehmem Geschlechte schon mehrere Mitglieder in der kaiserlichen Präfektur zu Alexandria residirt und die Provinz Aegypten verwaltet hatten. Bei den Disputationen, denen er im Museum gern beiwohnte, war er dem Philipp oft begegnet und schätzte ihn hoch. In der letzten Zeit hatte Titianus das Haus hüten müssen; denn er war kränklich. Kurz vor der Meldung, daß Caracalla Alexandria besuchen werde, war er einer ernsten Operation unterzogen worden. Sie hatte es ihm unmöglich gemacht, dem feierlichen Empfange des Kaisers persönlich beizuwohnen, oder dem Cäsar auch nur einen Besuch abzustatten.

Als Philipp in der Präfektur vorgesprochen hatte, war Titianus sogleich bereit gewesen, ihn zu empfangen, doch während der Philosoph noch in der Wartehalle verweilte und sich wunderte, sie, die einst von Klienten, Bittstellern und Freunden des ersten Mannes der Provinz gewimmelt hatte, wie verödet zu finden, war es hinter ihm laut geworden, und die Hausbeamten hatten denselben stattlichen Herrn an ihm vorbeigeführt, an dessen Arm Caracalla diesen Morgen die Treppe hinabgestiegen war, und den der Serapispriester dem Mädchen als einen der mächtigsten Günstlinge bezeichnet hatte. Von einem Schauspieler und Tänzer war dieser Mann in wenigen Jahren zu den höchsten Würden emporgestiegen. Er hieß Theokrit, und obgleich er sich durch große körperliche Schönheit und eine seltene Gewandtheit auszeichnete, hatte er sich durch zügellose Habsucht berüchtigt gemacht und sich gleich unfähig als Staatsmann wie als Feldherr erwiesen.

Während dieser Mann die Wartehalle durchmaß, schaute er sich hochmütig um, und der verächtliche Blick, der dabei auch den Philosophen traf, hatte der geringen Zahl der Anwesenden gegolten; denn zu dieser Stunde pflegten die Audienzzimmer angesehener Römer von Besuchern zu wimmeln.

Hier waren heute die meisten wegen des Leidens des Präfekten abgewiesen worden, und manche Bekannte und Bittsteller, die sich sonst bei ihm einfanden, füllten die Empfangsräume des Kaisers, des Präfekten der Prätorianer und der anderen mächtigsten Würdenträger im Gefolge Caracallas. Titianus hatte beim Empfang des Herrschers gefehlt, und feinere Spürnasen schlossen daraus auf seinen Sturz und hielten es für geraten, dem Sinkenden beizeiten den Rücken zu kehren.

Außerdem war die Redlichkeit des Titianus bekannt, und man glaubte gern dem Gerüchte, daß er, in dessen Hand die Besteuerung der reichen Provinz lag, kühn genug gewesen sei, das Ansinnen des Theokrit zurückzuweisen, die für Rom bestimmte Ladung einer Getreideflotte gemeinsam mit ihm zu unterschlagen und sie auf Rechnung der Verpflegung der Armee zu setzen. In der That war dieser ruchlose Vorschlag des Günstlings gestern Abend von dem Präfekten abgewiesen worden, und der Auftritt, dessen Zeuge Philipp werden sollte, war die Folge dieser Weigerung gewesen.

Theokrit, dem es immer um Zuschauer zu thun war, hatte den Vorhang geflissentlich offen gelassen, der das Krankenzimmer des Präfekten von dem Wartesaale trennte, und so war Philipp Zeuge des Auftrittes geworden, von dem er nun der Schwester erzählte.

Der leidende Titianus empfing den Boten des Kaisers in liegender Stellung, und doch vereinte sich in seiner Erscheinung die selbstbewußte Würde des hochgeborenen Römers mit der Gelassenheit des stoischen Philosophen.

Ruhig hörte er den Günstling an, der nach den üblichen Höflichkeitsformeln sich herausnahm, den älteren, vornehmen Herrn mit Vorwürfen und schweren Anklagen zu überschütten. Man erlaube sich, sprudelte Theokrit hervor, in dieser Stadt Unerhörtes gegen den Cäsar. Es gingen schnöde Witzeleien über ihn von Mund zu Mund. An das Serapeum, seine Wohnung, habe man eine Schmähung seiner geheiligten Person angebracht, für die jede Strafe, selbst der Tod am Kreuze, einer Belohnung gleiche.

Als der Präfekt nun unmutig, doch mit ruhiger Bestimmtheit zu wissen begehrte, woraus diese unerhörte Schmähung bestehe, zeigte Theokrit, daß er in seiner hohen Stellung das treue Gedächtnis des Mimen zu bewahren verstanden, und halb empört, halb beflissen, den Inhalt der Verse, die er deklamirte, durch Stimme und Gesten zum wirksamsten Ausdruck zu bringen, begann er: »Einen Strick haben die Verruchten an eines der Thore des Heiligtums genagelt und darunter die tempelschänderischen Worte geschrieben:

›Sei Du willkommen als Gast dem im Totenreich herrschenden Gotte;
    Mehrte doch keiner sein Volk reichlicher, Cäsar, als Du.
Lorbeer gedeihet ja nicht in dem finsteren Reich des Serapis,
    Nimm drum den Strick zum Geschenk, den Du wie keiner verdienst.‹«

»Nichtswürdig!« rief nun auch der Präfekt. »Deine Entrüstung ist begründet genug; doch man kennt ja in der ganzen Welt den schonungslos beißenden Witz des beweglichen Mischvolkes dieser Stadt. Auch an mir hat er sich versucht, und wenn hier einen ein Vorwurf trifft, so ist es nicht der an das Haus gebannte Präfekt, sondern der Nachtstrateg und seine Mannschaft, deren Pflicht es gewesen wäre, die Wohnung des Cäsar besser zu hüten.«

Da brauste der Günstling auf und ergoß sich in einen Schwall von Redensarten über die Pflichten des Präfekten, der die Person des Kaisers in der Provinz vertrete. Sein Auge habe überall zu sein wie das der alles schauenden Gottheit. Je besser er die aufrührerische Brut kenne, über die er gesetzt sei, desto entschiedener sei er verpflichtet gewesen, die geheiligte Person des Cäsar ängstlich zu behüten wie die Mutter das Kind, wie der Geizige den gesammelten Schatz.

Laut und pathetisch flossen dem beweglichen Manne diese hohlen Worte, denen er durch wirksame Handbewegungen größeren Nachdruck zu verleihen suchte, vom Munde, bis es dem leidenden Präfekten zu viel ward. Ein schmerzliches Lächeln umspielte ihm die Lippen, während er sich mühevoll aufrichtete und den Theokrit ungeduldig mit dem Ausruf unterbrach: »Immer noch der Schauspieler!«

»Immer noch,« unterbrach ihn der Günstling mit heiserer Stimme. »Du aber sollst am längsten gewesen sein, was Du schon viel zu lange warst: der Steuereinnehmer des Kaisers.«

Dabei schleuderte der empörte Mann das Ende der Toga mit einem raschen Wurfe neu um die Schultern, und obgleich ihm dabei die Hand vor Zorn zitterte, fiel der schmiegsame Stoff doch in schönen Falten an seinem athletischen Leibe nieder.

Dann wandte er dem Präfekten den Rücken und schritt in der Haltung eines Feldherrn, der eben mit dem Siegeskranze gekrönt ward, an Philipp und den anderen Wartenden vorüber.

Wenige Sätze hatten dem Philosophen genügt, der Schwester dies zu berichten. Jetzt hemmte er den raschen Gang durch das Zimmer und beantwortete die Frage Melissas, ob die Macht dieses Emporkömmlings in der That groß genug sei, um einen so vornehmen und verdienten Herrn aus dem Amte zu verdrängen, mit dem Ausrufe: »Und das kannst Du bezweifeln? Titianus war vom ersten Augenblick an darüber im klaren, und was ich im Serapeum erfuhr . . . Aber eins nach dem andern. Der Präfekt beklagte den Vater, bedauerte den Alexander und versicherte dann, daß er selbst eines Fürsprechers bedürfe; denn wenn auch nicht heute, werde es dem Schauspieler doch morgen glücken, dem Kaiser sein Todesurteil abzuschmeicheln.«

»Unmöglich,« unterbrach ihn das Mädchen und streckte ihm wie zur Abwehr die Hände entgegen; er aber warf sich auf den Stuhl und fuhr eifrig fort: »Höre nur weiter! Von dem Präfekten war also nichts mehr zu erwarten. Ein wackerer Mann ist er gewiß, doch ein wenig vom Schauspieler steckt auch in dem vornehmen Herrn. Wozu wäre man Stoiker, wenn man sich nicht die Miene zu geben wüßte, dem nahen Tode wie einem Gang ins Bad entgegenzuschauen. Titianus spielte seine Rolle vortrefflich; ich aber ging – der Weg ist weit – durch den Sonnenbrand in das Serapeum, um den Beistand meines alten Gönners, des Oberpriesters, zu suchen. Der Kaiser ist jetzt sein Gast, und auch der Präfekt hatte mir geraten, diesem mächtigen Manne den Schutz des Vaters anzuvertrauen.«

Hier sprang er wieder auf und eilte bald ruhelos hin und her, bald blieb er vor der Schwester stehen, während er zu erzählen fortfuhr. –

Der Günstling Theokrit hatte das Serapeum auf seinem schnellen Wagen schon lange erreicht, wie der Philosoph endlich dort eintraf. Als häufiger Gast des Oberpriesters wurde Philipp ungesäumt in das Vorzimmer des Quartieres geführt, das dem Theophilus übrig geblieben war, nachdem er die Prachträume seiner Wohnung dem kaiserlichen Gast überlassen. Schon in dem überfüllten Warteraum erfuhr der Philosoph, daß die Beleidigung des Günstlings bereits ernste Folgen nach sich gezogen habe, auch hörte er von dem Zorn des Kaisers und dem beklagenswerten Vorwitz unbesonnener Buben, der den ruhigen Bürgern zum Schaden gereichen werde. Bevor er sich aber noch unterrichten konnte, was man damit meine, wurde er zu dem Oberpriester berufen.

Das war an solchem Tage eine hohe Gunst, und das Wohlwollen, womit das Haupt der angesehensten Priesterschaft der Stadt ihn empfing, erweckte in ihm frohe Hoffnung auf günstigen Erfolg. Doch kaum hatte Philipp dem würdigen Herrn zu berichten begonnen, was sein Bruder verschuldet, als der Oberpriester die Hand, wie zur Vorsicht mahnend, auf die bärtigen Lippen legte und ihm dringlich zuraunte: »Schnell und leise, wenn das Leben Dir lieb ist.«

Als Philipp dann mit fliegenden Worten berichtet hatte, daß Zminis auch den Vater verhaftet habe, erhob sich der Greis mit einer Hast, die seinem majestätischen Wesen sonst fremd war, und wies den Jüngling auf eine verhängte Thür des Gemaches.

»Durch dieses Pförtchen,« raunte er ihm zu, »kommst Du auf die westliche Hintertreppe und den Gang, der gegenüber dem Stadium ins Freie führt. Im Vorzimmer wissen die Römer wohl schon, wer Du bist. Was jetzt in diesem Hause geschieht, darüber gebieten andere als der Gott, dem es geweiht ist. Die unbesonnenen Worte Deines Bruders gehen bereits von Mund zu Mund. Auch der Kaiser weiß schon davon. – Es ward ihm versichert, der nämliche Hochverräter, der dem Zminis und seinen Häschern entwischte, habe auch einen Strick an unsere Pforte genagelt und ruchlose Schmähworte darunter geschrieben. Jetzt auch nur mit einem Worte für den Alexander oder euren Vater einzutreten, hieße sich selbst auf ein loderndes Feuer werfen, um es zu löschen. Du weißt nicht, wie heiß es brennt. Theokrit schürt es; denn er bedarf seiner, um den Präfekten darin zu vernichten. Kein Wort mehr, und was auch geschehe, solange die römischen Gäste dies Haus bewohnen, betrittst Du es nicht wieder.«

Damit hatte der Oberpriester mit eigener Hand die Pforte geöffnet.

»Ungesäumt eilte ich dann nach Hause,« schloß Philipp, »und wenn ich, niedergeschmettert von diesem neuen Fehlschlage, vergaß, dem Glaukias Schweigen aufzuerlegen . . . Nein – nein! Es ist doch unverzeihlich; es ist . . . Vielleicht fährt Alexander jetzt schon über den See, und als Brudermörder wie Caracalla . . .«

Hier schlang Melissa dem erschütterten Manne den Arm um die Schulter und suchte ihn liebreich zu trösten, und es schien auch, als thäten ihre beruhigenden Worte ihm wohl. Aber warum verschloß er sich ihr noch immer? Warum konnte Philipp sich ihr nicht vertrauensvoll eröffnen wie Alexander? Sie war ihm nie viel gewesen, und auch jetzt hielt er vor ihr verborgen, was ihn doch wohl am tiefsten bewegte.

Betrübt wandte sie sich von ihm ab; denn es ging nicht einmal an, ihn zu trösten. Doch da seufzte Philipp schwer und aus tiefstem Herzensgrund auf, und nun hielt das Mädchen sich nicht länger. Zärtlich, wie sie ihm noch nie genaht war, bat sie den Bruder, ihr das Herz zu öffnen. Sie wolle ihm gern tragen helfen, was ihn bedrücke; auch werde sie ihn verstehen; denn sie habe jetzt ja selbst Lust und Leid der Liebe erfahren.

Und sie hatte die rechten Worte gefunden; denn Philipp nickte ihr zu und sagte dumpf: »So höre! Vielleicht wird es mir gut thun.«

Dann begann er zu erzählen, was sie schon von Alexander wußte, und mit den Händen auf den heißen Wangen hörte sie atemlos zu und verlor kein Wort, obgleich die Frage immerfort in ihr aufstieg, ob sie ihm die volle Wahrheit mitteilen solle, die er ja nicht kennen konnte, oder ob es nicht besser sei, seine ohnehin schwer belastete Seele jetzt noch zu schonen.

Mit glühenden Farben schilderte er seine Liebe. Auch Korinnas Herz, versicherte er, müsse es zu ihm hingezogen haben; denn bei ihrer letzten Begegnung am nördlichen Ufer des Sees habe ihre Hand auf der seinen geruht, während er ihr aus dem Boote geholfen. Er fühle noch die Berührung ihrer Finger. Diese Begegnung sei auch kein Zufall gewesen; denn in der vermeinten lebenden Tochter des Seleukus habe er jetzt die irdische Erscheinungsform ihrer abgeschiedenen Seele sicher erkannt. Von Sehnsucht nach ihm sei auch sie ergriffen gewesen, weil sie mit den feinen Sinnen der körperlosen Geister die Tiefe und Echtheit seiner Leidenschaft empfunden. Alexander habe ihm darüber Gewißheit verschafft; denn als Korinna ihm am See entgegengetreten sei, habe sich ihre Seele schon längst von der irdischen Hülle getrennt. Bevor er sie besessen, sei ihr sterbliches Teil ihm entrissen worden, und doch dürfe er sich glücklich preisen; denn das geistige sei ihm nicht verloren gegangen. In der vergangenen Nacht – der Vater sei zugegen gewesen und keine Täuschung möglich – hätten magische Kräfte ihn wieder mit ihr zusammengeführt.

Beflügelten Geistes, ganz voll von köstlichen Hoffnungen habe er sich zur Ruhe begeben, und Korinna sei ihm auch ungesäumt im Traum erschienen, so wunderschön, so gütig, und dazu feinen Geistes, bereit, seinem Denken und Streben zu folgen. Als er aber eben ein volles Liebesbekenntnis von ihren Lippen vernommen und die Frage an sie gerichtet, wie er sie rufen solle, wenn die Sehnsucht, sie wiederzusehen, übermächtig in ihm werde, habe die alte Dido ihn geweckt, um ihn mitten aus der Wonne des Elysiums in die tiefste Erdennot zu stürzen.

Aber – und dabei richtete er sich selbstbewußt höher auf – er werde es bald dem Magier gleichthun; denn es gebe keine Wissenschaft, die er sich nicht anzueignen vermöge; er habe es den Lehrern schon als Knabe bewiesen. Er, dessen Wissen gestern in der Ueberzeugung gegipfelt, daß es unmöglich sei, etwas sicher zu wissen, dürfe nun doch mit Gewißheit behaupten, es sei der menschlichen Seele vergönnt, sich von dem Stoffe zu trennen, den sie einmal belebt. So habe er denn den festen Punkt außerhalb der Erde gewonnen, den Archimedes verlangte, um von ihm aus sie selbst zu bewegen, und er werde bald dahin gelangen, als sterblicher Mensch an den Seelen der Verstorbenen, deren Natur er nun kenne, seine Macht so gut wie Serapion, ja besser zu bewähren. Die willige Seele Korinnas werde ihm beistehen, und sei er erst dahin gelangt, den Seelen der Verstorbenen als ihr Meister zu gebieten und sie unter den Lebenden fest zu halten, dann werde eine neue Zeit der Glückseligkeit nicht nur für ihn und den Vater, sondern für jeden beginnen, dem der Tod ein geliebtes Wesen entriß.

Hier unterbrach Melissa seine immer schnellere und zuversichtlichere Rede. Mit wachsender Unruhe war sie dem betrogenen Jüngling gefolgt. Anfänglich hatte sie es grausam gefunden, seinen glücklichen Wahn zu vernichten. Mochte er sich seiner wenigstens freuen, bis die Angst hinter ihm lag, den Bruder durch seine Gedankenlosigkeit ins Verderben gezogen zu haben! Sobald sie aber sah, daß er auch den Vater und die Manen der Mutter mit in das betrügerische Spiel des Magiers zu verstricken gedenke, war es um ihre Zurückhaltung geschehen, und mit mahnendem Eifer drang es ihr von den Lippen: »Du läßt von dem Vater, Philipp; denn nichts als eitles Gaukelspiel war alles, was ihr bei dem Magier gesehen habt.«

»Mäßigung, Kind!« fiel ihr hier der Philosoph überlegen ins Wort. »Als wär' ich nicht noch gestern nach Sonnenuntergang der gleichen Ansicht gewesen! Du weißt, daß die Richtung der Philosophie, der ich folge, zunächst die Zurückhaltung des Urteils befiehlt; wenn es aber überhaupt zulässig ist, etwas mit Bestimmtheit zu behaupten . . .«

Doch weiter ließ ihn die Schwester nicht kommen.

Schnell und klar, und immer seltener von seinen Einwürfen unterbrochen, eröffnete sie ihm, wer diejenige sei, der er am Ufer des Sees die Hand gereicht und im Hause des Magiers wiedergesehen habe.

Mit wachsendem Feuer hatte sie das Ihre gethan, seinen unseligen Wahn zu zerreißen; als sie aber das Blut ihm aus den ohnehin fahlen Wangen weichen und ihn die Faust an die Stirn pressen sah, als gälte es, einen körperlichen Schmerz zu verbeißen, fand sie die verlorene Gelassenheit wieder, und die schöne Scheu der Frauenseele, nutzlos wehe zu thun, ließ sie dem Bruder verschweigen, was sie von der Begegnung des Alexander mit Agathe zu erzählen wußte.

Doch trotz dieser Schonung schaute Philipp wie vernichtet zu Boden, und was ihm so weh that, war weniger das peinliche Gefühl, mit grober List betrogen worden zu sein, als die Einbuße des reichen Hoffnungsschatzes, den er in der vergangenen Nacht gehoben zu haben meinte. Es war ihm, als zertrete ein roher Fuß das grünende Zukunftsglück, woran er sich eben noch gefreut, und nicht nur das Leben hienieden, sondern auch das endlose nach dem Tode hatte ihm die Erzählung der Schwester verdorben.

Wo die Hoffnung aufhört, beginnt die Verzweiflung, und mit wie leidenschaftlichem Ungestüm warf der leicht erregbare Grübler, der, ohne je an andere zu denken, nur mit selbstischem Eifer an der Ausbildung des eigenen Geistes gearbeitet und im Wettlauf nach Erkenntnissen anderen vorauszukommen getrachtet hatte, sich ihr in die Arme.

Wie Steine fielen ihm die dumpfen Worte, in denen er sich den Elendesten der Elenden und ein Opfer des finstern Mißgeschicks nannte, von den Lippen.

Einem kranken Kinde ähnlich, dessen Schmerz sich steigert, wenn es Mitleidige bedauern, wies er den freundlichen Zuspruch der Schwester ungeberdig zurück, bis sie ihm wieder die Pflicht ins Gedächtnis zurückrief, die Hände für die Rettung des Vaters und Bruders zu regen.

Da brach er in den Ruf aus: »Auch sie, auch sie! Uns alle trifft es. Wie die Tantaliden jagt uns Schuldlose ein blindes Schicksal in Tod und Verzweiflung. Was hast Du denn verbrochen, Du stilles, geduldiges Wesen? Was der Vater, was unser froher, den Göttern freundlicher Bruder? Und ich, ich? Haben diejenigen, die man die Lenker der Welt nennt, ein Recht, mich zu strafen, weil ich den rastlosen Geist, den sie mir schenkten, gebrauchte? O, und wie sie zu martern verstehen! Meine Erkenntnis macht mich ihnen verhaßt, und nun beuten sie die Denkfehler des Feindes aus und lassen ihn wie einen Narren betrügen. Gerecht wollen sie sein, und doch handeln sie wie ein Vater, der den Sohn enterbt, weil er als Mann seine Schwächen bemerkte. Nach Wahrheit, nach Erkenntnis hab' ich unter Schmerzen und Thränen gerungen. Es gibt kein Gebiet des Denkens, dessen tiefste Tiefe mein Geist nicht zu ergründen bestrebt war, und wenn ich erkannte, daß es uns Sterblichen nicht gegeben sei, das Wesen der Gottheit zu erfassen, weil die Organe, die sie uns dazu gab, zu klein und ohnmächtig sind, wenn ich mich weigerte, zu entscheiden, ob das, was ich nicht zu begreifen vermag, sei oder nicht sei, ist es meine Schuld oder die ihre? Vielleicht gibt es göttliche Kräfte, die das All erschufen und regieren; nur von ihrer Güte, ihrer Vernunft und Fürsorge für uns Sterbliche soll man mir schweigen! Kann denn ein vernünftiges Wesen auf das Wohl des andern bedacht sein, wenn es den Wohnplatz, den es ihm anweist, mit Fußangeln und Wolfsfallen besäte, wenn es ihm hundert Triebe in die Brust pflanzte, die ihn, gäbe er ihnen nach, in gräßliche Abgründe lockten? Ist das Wesen mein Freund, das mich entstehen und groß werden ließ, um mich neben erbärmlich wenig wahren Freuden am Marterpfahl leiden zu lassen und endlich, ob schuldig oder schuldlos, so gewiß zu töten, wie es mich geboren werden ließ? Wäre die Gottheit, die uns Sterblichen einen Teil ihres Geistes als Vernunft schenken soll, so beschaffen, wie sie der Menge gezeigt wird, dann könnte es hienieden nichts geben als Weisheit und Güte; aber die Thoren und Schlechten sind in der Mehrzahl, und die Guten den Bäumen gleich, die der Blitzschlag lieber trifft als das am Boden kriechende Unkraut. Ein Titianus fiel dem Tänzer Theokrit, der edle Papinian dem Mörder Caracalla, unser prächtiger Alexander einem Zminis zum Opfer, und die göttliche Vernunft läßt es zu und gestattet der menschlichen, ihr das Gesetz ins Antlitz zu schreien: Für die Schwachköpfe und Schlechten das Glück, für die Hüter und Pfleger der denkenden Vernunft, der Vernunft, die ein Teil ihres eigenen Wesens, Verfolgung, Elend, Verzweiflung!«

»Halt ein,« fiel hier Melissa dem Bruder ins Wort. »Hat uns die Strafe der Himmlischen noch nicht schwer genug getroffen? Willst Du sie zwingen, ihren Zorn noch furchtbarer auf uns zu entladen?«

Da schlug sich der Skeptiker mit herausforderndem Selbstgefühl auf die Brust und rief: »Ich fürchte mich nicht vor ihnen und scheue mich auch nicht, das Ergebnis meines Denkens frei zu verkünden. Es gibt keine Götter! Es gibt keine vernunftgemäße Regierung der Welt. Aus sich selbst ist das All von ungefähr entstanden, und schuf es ein Gott, so gab er ihm ewige Gesetze und läßt diese walten ohne Güte und Gnade und ohne sich um das Gewimmel der Menschen zu kümmern, das die Erde bekriecht wie ein Ameisenschwarm den Kürbis im Garten. Und wohl uns, wenn es so ist; denn tausendmal lieber ein Knecht eiserner Gesetze als der Sklave eines launenhaften Herrn, der neidisch und tückisch Gefallen findet an dem Verderben der Besten.«

»Und das, sagst Du, sei das letzte Ergebnis Deines Denkens?« rief Melissa und schüttelte traurig das Haupt. »Fühlst Du denn nicht, daß Du mit solchen Ausbrüchen wilder Verzweiflung nur die eigene Lehre entwürdigst, deren Endziel die Leidenschaftslosigkeit sein soll, der unerschütterliche Gleichmut?«

»Halten denn diejenigen Maß,« stieß Philipp keuchend hervor, »die über ein einziges Herz das Gift des Unheils in Strömen ergießen?«

»So rechnest Du dennoch mit denen, deren Dasein Du leugnest?« fragte Melissa mit unwilligem Eifer. »Ist das Deine vielgepriesene Logik? Wohin geraten dem ersten Mißgeschick gegenüber eure Lehren, die euch gebieten, euch eines bestimmten Urteils zu enthalten, um zum Gleichmut zu gelangen, damit – und das gefiel mir, als ich's zum erstenmal hörte – außer dem Unglück nicht auch die sichere Ueberzeugung die Seele belaste, es sei wirklich ein Unheil, was euch betraf? Um Deiner selbst, um unser aller willen laß dies unsinnige Toben und nenne Dich nicht nur einen Skeptiker, sondern sei es; gebiete der Leidenschaft, die Dich fortreißt. Thu es mir, thu es den Unseren zu Liebe!«

Damit legte sie ihm, der sich wieder auf den Arbeitsstuhl niederwarf, die Hand auf die Schulter, und obwohl er sie verdrossen zurückstieß, fuhr sie in begütigendem und bittendem Tone fort: »Wenn nicht alles zu spät kommen soll, laß uns jetzt ruhig erwägen. Ich bin nur ein schwaches Mädchen, und was uns bedroht, trifft mich weit schwerer als Dich; denn was wäre ich ohne den Vater?«

»Das Leben mit ihm hat Dich wenigstens gelehrt, Dich geduldig zu fügen,« unterbrach sie der Bruder dumpf und zuckte die Achseln.

»Ja, das Leben,« entgegnete sie fest. »Es weist uns bestimmter auf den rechten Weg als all Deine Bücher. Wer weiß, was den Argutis zurückhält. Ich warte nicht länger. Die Sonne geht bald unter, und diesen Abend – der Römer Samonicus, der auch zu den Gästen gehört, hat mir's erzählt – nimmt der Kaiser im Hause des Seleukus, des Vaters der Korinna, das Mahl ein. Die Eltern der Verstorbenen schätzen den Alexander und werden für ihn thun, was in ihrer Macht steht. Frau Berenike, sagte der Bruder, sei eine edle Matrone. An Dir wäre es, sie um Hilfe anzuflehen für die Unseren; doch Du darfst Dich nicht in die Nähe des Kaisers wagen, und so geh' ich denn selbst und ruhe nicht, bis die Mutter Korinnas mich anhört und mir verspricht, uns zu helfen.«

Da rief Philipp entsetzt: »In das Haus, wo Caracalla mit den Wüstlingen zecht, die seine Freunde, willst Du Dich wagen? Du unerfahrenes, durch Dein bloßes Erscheinen jede Begier erregendes, junges, schönes Geschöpf! Ehe ich das gestatte, bevor ich das dulde, dränge ich mich selbst in das Haus des Seleukus und unter die Häscher, die den Tyrannen umgeben.«

»Damit der Vater auch Dich verliert und mir auch der zweite Bruder geraubt wird?« frug Melissa ernst und gelassen. »Kein Wort weiter, Philipp! Ich gehe, und Du erwartest mich hier.«

Da brauste der Philosoph befehlshaberisch auf: »Was ist in Dich gefahren, daß Du plötzlich das Gehorchen verlernt hast!? Aber ich werde Dich zwingen, und eh' ich zugebe, daß Du über Dich und uns zu dem Kummer auch Schande und Schmach bringst, schließ' ich Dich in Deine Kammer.«

Damit ergriff er die Hand der Schwester, um sie sich nach in das Nebengemach zu ziehen.

Mit aller Kraft wehrte sich die Jungfrau; doch der Bruder war stärker als sie, und schon hatte er sie bis an die Schwelle geschleppt, als die in den Vorsaal führende Thür aufflog und der gallische Sklave Argutis in die Werkstatt stürzte und atemlos und keuchend den Ringenden zurief: »Was thut ihr? Bei allen Göttern, die Zeit ist übel gewählt, euch zu streiten. Zminis ist auf dem Weg hieher mit seinen Leuten, um euch zu verhaften. Gleich werden sie hier sein. In die Küche, Mädchen. Dido verbirgt Dich in der Holzkammer hinter dem Herde; Du aber, Philipp, mußt in den Hühnerstall kriechen. Nur kein Zaudern; sonst ist es zu spät!«

»Fort denn!« mahnte auch Melissa den Bruder, »durch das Küchenfenster kommst Du ungestört zu dem Geflügel.«

Hierauf warf sie sich ihm weinend an die Brust, küßte ihn und rief schnell: »Was uns auch betrifft, ich setze alles daran, den Vater und die anderen zu retten. Lebe wohl, und daß uns die Götter behüten!«

Wie Philipp vorhin die ihre, so ergriff sie nun seine Hand, um ihn sich nachzuziehen, er aber riß sich los und sagte mit einer Gelassenheit, die sie erschreckte: »So mag denn das Aeußerste geschehen. Das Verderben geht seinen Gang. Lieber tot als entwürdigt.«

»Unsinniger!« drang es dem Sklaven jetzt über die Lippen, und der an Gehorsam gewöhnte, treue Mann umfaßte den Sohn seines Herrn, um ihn mit Gewalt in die Küche zu schleifen; Philipp aber stieß ihn zurück und rief wütend: »Ich verstecke mich nicht wie ein zitterndes Weib.«

Da vernahm der Gallier draußen den Taktschritt der Sicherheitswächter, und ohne des Bruders weiter zu achten, riß er die Schwester sich nach in die Küche, wo die alte Dido sie in Empfang nahm, um sie zu verbergen.

Tief atmend blieb Philipp in der Werkstätte zurück. Durch das weit geöffnete Fenster sah er die Häscher nahen, und der auch in Stärkeren mächtige Trieb der Selbsterhaltung drängte ihn, dem Rate des Sklaven dennoch zu folgen. Bevor er aber noch die Thür erreicht hatte, sah er sich im Geiste zu den unter den Säulengängen im großen Hofe des Museums lustwandelnden Gelehrten treten und hörte diese kichern und ihren schnellen Witz an dem Skeptiker, dem starken Geist üben, der bei den Hühnern, aus deren Stall man ihn hervorgezogen, einen Versteck gesucht hatte, und dieses Vorstellungsbild besiegelte seinen Entschluß, lieber der Gewalt zu unterliegen, als den Fluch der Lächerlichkeit auf sich zu nehmen. Aber es zeigte sich ihm auch ungesucht ein seiner Stellung, der ganzen Richtung seines Wesens und dem Unglücksgefühl, das seine Seele beherrschte, angemessener und würdiger Grund, die Gefangenschaft auf sich zu nehmen. Als Skeptiker kam es ihm zu, auch das Schwerste mit Gleichmut zu tragen, und er, dem das Rechtbehalten unter allen Umständen wohlthat, hätte der Schwester gern zugerufen, daß die furchtbaren Mächte, deren Feindschaft er auf sich gezogen, fortführen, ihn, der eines bessern Loses würdig gewesen wäre, in Tod und Verzweiflung zu treiben.

Bald darauf trat Zminis ihm entgegen und streckte den langen, hageren Arm nach ihm aus, um ihn im Namen des Kaisers zu verhaften.

Philipp ließ es geschehen, und es regte sich dabei keine Muskel in seinem fahlen Antlitz. Nur einmal flog es ihm wie ein Lächeln um die Lippen; denn es war ihm in den Sinn gekommen, daß man ihn kaum in den Kerker führen würde, wenn man des Alexander habhaft geworden wäre; doch das Lächeln verschwand nur zu bald und machte düsterem Ernste Platz, als Zminis ihm, der ihm jede Antwort verweigerte, höhnisch mitteilte, sein hochverräterischer Bruder habe sich vorhin selber dem Nachtstrategen gestellt und werde hinter Schloß und Riegel sorgsam behütet. Seine Schuld sei indes so groß, daß seine nächsten Angehörigen nach ägyptischem Recht mit verhaftet und bestraft werden sollten. Es fehle nur noch seine Schwester, aber auch die werde man aufzufinden wissen.

»Möglich,« hatte Philipps gelassene Antwort gelautet. »Da die Gerechtigkeit blind ist, hat wohl die Ungerechtigkeit um so schärfere Augen.«

»Gut gesagt,« lachte der Aegypter. »Man erkennt das Salz, womit man Dich neben dem freien Brot im Museum füttert.«

Argutis war Zeuge dieses Gespräches geworden, und als eine halbe Stunde später die Häscher das Haus verließen, ohne Melissa in ihrem Versteck gefunden zu haben, teilte der Sklave ihr mit, daß Alexander sich, wie er gefürchtet, freiwillig ins Gefängnis begeben habe, um die Befreiung des Heron dadurch zu bewirken; die Schurken aber hätten den Sohn festgehalten, ohne den Vater zu entlassen. Beide weilten jetzt mit Ketten belastet im Kerker.

Der Sklave hatte diesen Bericht schon eine gute Weile beendet, und Melissa schaute immer noch bleich, thränenlos, wie versteinert zu Boden; plötzlich aber schüttelte sie sich, als habe ein Fieberschauer sie überfallen, und blickte durch das Fenster in den von der Abenddämmerung verschleierten Garten.

Die Sonne war untergegangen. Die Nacht brach herein, und wieder kam ihr das Wort der Christen in den Sinn: »Da aber die Zeit sich erfüllet.«

Auch für sie und die Ihren war ein Abschnitt des Lebens zu Ende gekommen, und ein neuer mußte daraus erwachsen. Sollte Knechtschaft und Tod das freie Geschlecht des Heron vernichten?

Da zeigte sich der Abendstern am fernen Horizonte, und das erschien ihr wie ein Wink der Götter, und sie sagte sich, daß es an ihr sei, der letzten, die im Hause des Heron die Freiheit bewahrt, die Ihren auf der neuen Lebensbahn vor dem Untergange zu behüten.

Der Himmel begann sich mit Gestirnen zu schmücken. Das Gastmahl beim Vater der Korinna, an dem der Kaiser teilnehmen sollte, mußte in einer Stunde beginnen. Unschlüssiges Zaudern konnte alles verderben, und so warf sie das Haupt entschlossen zurück und rief dem Sklaven zu, der teilnahmsvoll jeder ihrer Bewegungen gefolgt war: »Nimm den blauen Mantel des Vaters, Argutis, damit Du stattlicher aussiehst. Mache Dich auch unkenntlich; denn Du sollst mich begleiten, und die Häscher könnten uns nachgehen! – Du, Dido, komm mit mir in meine Kammer. Nimm das neue Feiertagskleid vom Adonisfest aus der Truhe. Es liegt dabei auch das schöne blaue Band der Mutter mit den Gemmen in der Mitte. Der Vater sagte immer: ›Das trägst Du zum erstenmal am Tage der Hochzeit;‹ aber nun . . . Gleichviel! Du sollst mir damit die Locken durchflechten. Ich will in ein vornehmes Haus, wo man keinen einläßt, dem man nicht schon von fern ansieht, daß er guter Leute Kind ist. Den Schmuck laß nur beiseite; die Bittstellerin darf ja nicht prunken.«

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