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Per aspera

Georg Ebers: Per aspera - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitlePer aspera
authorGeorg Ebers
year1892
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titlePer aspera
created20030215
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Dreizehntes Kapitel.

Andreas, auf dessen Schultern so Schweres ruhte, hatte viel Zeit versäumt, und es drängte ihn nach Hause.

Nachdem er Melissas Wunsch befriedigt und ihr geschildert hatte, wie die Operation des Galen dem Diodor sogleich das verlorene Bewußtsein wieder gegeben habe, und die anderen Aerzte von tiefster Bewunderung vor der Kunst dieses herrlichen Greises ergriffen worden seien, hatte er alles erfüllt, was er dem Mädchen jetzt zu leisten vermochte. Es war ihm darum lieb, als ihnen in der Straße des Hermes, die nun wieder von Bürgern, Soldaten und Reitern wimmelte, die Schaffnerin des Polybius begegnete, die, nachdem sie Agathe ihrem Vater zugeführt hatte, in die Stadt zurückgeschickt worden war, um, that es not, als Pflegerin bei Diodor zu bleiben. Der Freigelassene überließ es ihr, die Jungfrau nach Hause zu geleiten und entfernte sich dann, um allem voran dem Polybius von dem Ergehen des Sohnes selbst Bericht zu erstatten.

Es war verabredet worden, Melissa solle einstweilen bei ihrem Vater bleiben; sobald Diodor aber aus dem Serapeum entlassen werden könne, über den See fahren, um den Genesenden dort zu empfangen.

Die Schaffnerin versicherte der Jungfrau, während sie neben ihr herschritt, Diodor sei immer ein Glückskind gewesen; daß aber der große Galen gekommen sei, um ihm Verstand und Leben zurück zu geben und daß er eine Braut wie Melissa gefunden, beweise, daß er es nie mehr gewesen sei als jetzt.

Dann erzählte sie von Agathe, pries ihre Schönheit und Güte und vertraute Melissa, daß die junge Christin sich viel nach dem Alexander erkundigt habe. Sie, die Schaffnerin, sei auch nicht sparsam mit dem Lobe des lockeren Jungen gewesen, und wenn sie nicht alles täusche, habe diesmal der Pfeil des Eros das Herz der Agathe getroffen, die bis dahin ein Kind gewesen sei, ein reines Kind, sie wisse es; denn sie habe sie aufwachsen sehen. Ihr Glaube brauche weder sie noch den Alexander zu stören; denn ruhigere und bescheidenere Weiber als die Christinnen – sie habe mit vielen verkehrt – könne man unter den Griechinnen suchen.

Melissa unterbrach nur selten die gesprächige Frau, doch stellten sich ihr, während sie ihr zuhörte, freundliche Zukunftsbilder vor das innere Auge, und sie sah sich selbst mit dem Diodor im Haus des Polybius walten und neben ihr auf dem großen Gute des Zeno den Alexander mit der schönen, heißgeliebten Gattin. Aus dem wilden, unbesonnenen Jüngling mußte dort unter den Augen des würdigen Christen ein rechter Mann werden. Der Vater würde sie recht oft besuchen und im Mitgenuß ihres Glücks sich wiederum des Lebens freuen lernen. Nur der Gedanke an die Entsagung, die der leidenschaftliche Philipp sich um des Bruders willen auferlegen sollte und an die Gefahr, die den Alexander bedrohte, störte zuweilen die heitere Ruhe ihrer Seele, die jetzt an frohen Hoffnungen so reich war.

Je näher sie dem väterlichen Hause kam, desto freudiger schlug ihr das Herz. Sie hatte ja daheim nichts als Gutes zu berichten.

Die Schaffnerin mußte die Eilende atemlos ersuchen, ihrer sechzig Jahre zu gedenken und weniger stürmisch vorwärts zu streben.

Da hemmte Melissa willig den Schritt, und als sie das Ende der Hermesstraße erreicht und beim Tempel des Gottes, dem die große Verkehrsader den Namen verdankte, sich nach rechts gewandt hatten, nahm die gefällige Begleiterin von dem Mädchen Abschied; denn in dieser stillen Gegend konnte sie es ruhig sich selbst überlassen.

Melissa war nun allein. Zu ihrer Linken lagen die Gärten des Hermes, an deren südlicher Grenze sich das Haus ihres Vaters und das seines Nachbarn Skopas erhob. Hatte die Schaffnerin ihr auch nur Gutes berichtet, that es ihr doch wohl, ihr nicht mehr zuhören zu brauchen und den eigenen Gedanken frei nachzuhängen.

Es begegnete ihr auch nichts, was sie abzog; denn zu dieser Stunde wurde der große Volksgarten fast nur von Kindern und ihren Wärterinnen oder von Leuten aus den benachbarten Quartieren besucht, die in den Tempel des Hermes und der Artemis oder in das kleine Heiligtum des Asklepios wollten, das in einem Mimosenhain am Saume des Gartens lag und auch Melissa anzog.

Es war ihr wohl vertraut aus der Zeit, in der sich das Leiden der Mutter verschlimmert hatte. Wie oft war sie aus dem nahen Elternhause dorthin geeilt, um den Altarstein zu salben, dem Gotte, der den Kranken Genesung schenkte, ein kleines Opfer zu bringen und Trost im Gebete zu suchen.

Es war heiß geworden, sie fühlte sich müde, und wie sie die weißen Marmorsäulen aus dem Grün hervorschimmern sah, wehrte sie dem Drange nicht, in der kühlen Cella ein wenig auszuruhen und dort das Gelübde zu lösen, das sie sich selbst vor kurzem geleistet.

Wohl zog es sie nach Hause, um den Vater das Erfreuliche mitgenießen zu lassen, das ihr das Herz so froh bewegte, und doch sagte sie sich, daß sie nicht so bald wieder Gelegenheit finden werde, unbeobachtet auszuführen, was sie im Sinne trug.

Wenn je, so war jetzt die rechte Zeit, für den kranken Kaiser und die Linderung seiner Schmerzen ein Opfer zu bringen. Der Gedanke, daß der große Galen recht haben könne und sie wohl unter den zahllosen Unterthaninnen des Caracalla die einzige sei, die dies für ihn thue, bestärkte sie nur in ihrem Entschluß.

Der Haupttempel des Asklepios, den die Aegypter ImhotepDieser Gott wurde von den Aegyptern der Sohn des Ptah genannt, der in Alexandria mit dem Serapis verschmolzen worden war. nannten, war beim Serapeum gelegen. Dort hing der Kultus des Gottes mit dem des Serapis und der Isis zusammen, und Aegypter, Griechen und Syrer nahmen an ihm teil. Das Asklepiosheiligtum, dem Melissa jetzt zuschritt, wurde nur von Hellenen besucht.

Der zweite makedonische König von Aegypten, Ptolemäus Philadelphus, hatte es im Anschluß an den Artemistempel erbaut, nachdem seine Gattin Arsinoë von einer Krankheit genesen.

Es war klein, doch ein Meisterwerk griechischer Kunst, und die Statuen des Traumes und Schlafes am Eingangsthor und die Marmorgruppe hinter dem Altare, welche den Asklepios selbst und neben ihm seine Schwester Hygiêa und seine Gattin Epione, die Lindernde, darstellten, wurden von den Kennern zu den sehenswertesten Kunstwerken Alexandrias gezählt.

Die Würde und Güte des Heilungsgottes, der sich rechts auf den Schlangenstab stützte, kamen in seinen Zügen, die denen des Zeus von Olympia glichen, wie in seiner Haltung wundervoll zum Ausdruck, und das anmutige, verheißungsvolle Wohlwollen, womit die Hygiêa die Schale in der Hand hielt, als ob sie in derselben einem Leidenden Genesung reiche, war wohl geeignet, in verzagenden Kranken die gesunkene Hoffnung neu zu beleben.

Um das volle Haar des Gottes schlang sich eine schön gefaltete Binde, zu seinen Füßen ruhte sein Tier, der Hund, und schaute wie um Hilfe flehend auf zu dem Herrn.

In einem Käfig neben dem Altar ringelten sich die Schlangen des Gottes, und sie, denen man die Fähigkeit zuschrieb, sich selbst zu erneuern, verhießen den Siechen, daß es ihnen gegeben sei, die Krankheit abzuwerfen wie die Natter ihre Haut. Die schnelle Macht der Schlange über Leben und Tod erinnerte den Beter aber auch an die des Gottes, das Ende des Menschen hinauszuschieben oder es schnell über ihn zu verhängen.

Das Innere dieses kleinen Tempels war eine heimlich kühle Stätte. An den weißen Marmorwänden hingen Täfelchen mit Danksagungen und Gelübden der Genesenen. Auf manchen fanden sich auch die Mittel verzeichnet, die einzelnen Kranken geholfen, und hinter einem schweren Teppich an der linken Wand wurden in dem kleinen Tempelarchiv bewährte Rezepte, Schenkungsurkunden und Aufzeichnungen bewahrt, welche sich auf die Geschichte des Heiligtums bezogen.

Es war in diesem einsamen, schattigen Raume, zwischen diesen starken Marmorwänden so viel frischer als draußen. Vor der Bildsäule des Gottes erhob Melissa betend die Hände. Sie befand sich allein mit dem alten Asklepiospriester. Sein Gehilfe hatte sich entfernt; er selbst aber schlief mit tiefen Atemzügen auf dem Lehnstuhl, den er in eine dunkle Stelle hinter der Marmorgruppe gerückt.

So konnte sie unbeobachtet und gehorsam dem Drang ihres Herzens für den kranken Geliebten beten, dem ihr Herz gehörte, und dann für den Leidenden, dem die ganze Welt widerstandslos gehorchte. Für das Wohlergehen des Diodor, sie wußte es, erhoben sich auch andere Hände und Herzen in aufrichtigem Mitgefühl. Wer außer ihr betete aber wohl für den Vielbeneideten, dem alle und auch die kostbarsten und seltensten Glücksgüter zur Verfügung standen, und dem doch bitteres Weh des Leibes und der Seele jede Freude vergällte?

Die Leute wußten nur von den Schmerzen, die er anderen zugefügt hatte; wie bittere Qualen ihm selbst beschieden waren, schien keiner zu ahnen, außer ihr, der es der große Galenus bestätigt. Hatten ihr nicht auch seine Züge und der Blick seines Auges verraten, daß der Schmerz ihm die Brust zerfleische wie der Adler dem gefesselten Prometheus?

Armer, beklagenswerter, zum höchsten Glück geborener, verbrecherischer, und nun dem schwersten Leid verfallener Greis in der Blüte der Jahre! Für ihn zu beten und zu opfern war gewiß eine fromme, den Göttern wohlgefällige That.

Und Melissa flehte zu den Marmorbildern hinter dem Altar aus dem tiefsten Grund des Herzens und fragte sich dabei nicht, warum sie diesem fremden Manne, diesem blutigen Tyrannen, um dessenwillen ihr Bruder verfolgt ward, etwas gewähre, wozu sie sonst nur die Sorge um die Geliebtesten bewegte. Aber sie fühlte sich ihm nicht fremd und dachte auch nicht daran, wie fern sie ihm stehe. Das Beten ward ihr hier auch leicht; denn es waren alte, freundliche Beziehungen, die sie mit den schönen Marmorbildern ihr gegenüber verbanden.

Während sie dem des Asklepios ins Antlitz schaute und es anflehte, dem kaiserlichen Jüngling sich gnädig zu erweisen und den Schmerz von ihm zu nehmen, ohne den er vielleicht gut und menschenfreundlich geblieben wäre, wurden die marmornen Züge des edlen Kunstwerkes vor ihren Augen lebendig, und die Würde und Majestät, die ihm von der Stirn leuchtete, versicherte sie, daß die Macht und Weisheit des Gottes groß genug sei, jede Krankheit zu heilen. Die freundliche Milde, die seinen Mund umspielte, erweckte in ihrer Seele die Zuversicht, daß er gesonnen sei, sich gnädig zu erweisen, ja, es war ihr, als regten sich seine steinernen Lippen und verhießen, ihr Gebet zu erhören.

Als sie zu der Bildsäule der Hygiêa hinaufsah, war es ihr, als nicke das schöne, gütige Haupt ihr verheißungsvoll zu.

Vertrauensvoll hob sie die flehenden Arme höher und redete die steinernen Freunde an, als könnten sie sie hören.

»Ich weiß ja,« begann sie, »daß euch nichts verborgen bleibt, ihr hohen Götter, und da ihr es zuließet, daß mir die Mutter geraubt ward, hat mein thörichtes Herz euch gegrollt. Aber damals war ich noch ein unverständiges Kind, und wie im Schlummer lag mir die Seele. Doch das ist nun ganz anders geworden. Die Liebe zu einem Manne, müßt ihr wissen, ist über mich gekommen. Vieles, und auch die Erkenntnis, daß ihr gut seid und gnädig, wachte damit hier drinnen auf. Verzeiht der Jungfrau, was das Kind verschuldete, und macht mir den Geliebten gesund, der unter dem Schutze des großen Serapis in seinem Heiligtume ruht, aber doch auch eures Beistandes bedarf. Es geht ihm schon besser, und der größte deiner Diener, hoher Asklepios, sagt, er werde genesen, und so muß es wohl wahr sein. Doch ohne euch ist auch des Galenus Kunst wenig nütze, und darum fleh' ich euch an: Macht mir den Bräutigam, den ich liebe, bald wieder gesund. – Aber ich möchte auch noch für einen andern beten. Es wird euch wundern; doch es ist Bassianus Antoninus, den die Leute Caracalla nennen, der Kaiser.

»Wie erstaunt du mich ansiehst, großer Asklepios! Und auch du schüttelst das Haupt, hohe Hygiêa. Es ist ja auch schwer zu begreifen, was mich, die ich einen andern liebe, antreibt, für den blutigen Mörder zu beten, für den kein anderer im Reiche aus freien Stücken ein gutes Wort bei euch einlegt. Weiß ich ja selbst nicht recht, wie ich dazu komme. Vielleicht ist es nur das Mitleid; denn er, der doch der Glücklichste sein könnte, ist nun gewiß der Elendeste unter der Sonne. O großer Asklepios, o hohe, gütige Hygiêa, lindert seine Schmerzen, die alles Maß überschreiten. Es soll auch an einem Opfer nicht fehlen! Einen Hahn will ich spenden und, wie der den neuen Lebenstag ankündet, so laßt ihr vielleicht für den Caracalla den Anbruch eines Daseins in neuem, besserem Wohlsein beginnen.

»Aber du schaust so ernst drein, gnädiger Gott, als ob dir mein Opfer zu klein sei. Ach! Ich spendete ja gern eine Ziege; aber ich weiß nicht, ob mein Geld dazu ausreicht; denn es ist eben nur mein Erspartes. Später, wenn der Jüngling, den ich liebe, erst mein Gemahl ist, will ich euch zeigen, wie dankbar ich bin; denn er ist so reich wie schön und gut, und er versagt mir gewiß keine Bitte. Doch auch du, hohe Göttin, siehst mich nicht mehr so freundlich an wie vorhin, ja, man könnte meinen, daß du mir zürntest. Ihr denkt doch nicht etwa, daß ich für den Caracalla bete und opfere« – und hier lachte sie leise auf – »weil ich ihm gut sei oder ihn gar liebe? . . . Aber nein, nein, nein! Mein Herz gehört ganz und gar dem Diodor, und auch nicht das kleinste Stück davon einem andern. Nur das Unglück des Cäsar führt mich hieher. Lieber wollte ich die Schlange dort küssen oder einen stacheligen Igel als ihn, den Brudermörder im Purpur. Glaubt mir, so ist es, wie wunderlich es auch klingt!

»Zuerst und zuletzt bete und opfere ich freilich für den Diodor und seine Genesung. Auch meinen Bruder Alexander, der in Gefahr schwebt, möchte ich eurer Güte empfehlen; doch er ist wohl auf, und gegen die Gefahr, die ihm droht, sind eure Mittel nicht wirksam.« Hier schwieg sie und schaute den Bildsäulen fragend ins Antlitz, doch sie wollten nicht wieder so freundlich dreinschauen wie vorhin. Es mochte doch wohl das spärliche Opfer sein, das sie verstimmte.

Mit einiger Besorgnis zog sie darum das Geldtäschchen hervor und zählte seinen Inhalt. Nachdem sie dann den alten Priester geweckt und von ihm erfahren hatte, was er für das Opfer einer Ziege verlange, erhellte sich das Antlitz ihr wieder; denn ihr Erspartes reichte für die Darbringung einer solchen und dazu noch für einen jungen Hahn.

Was sie besaß bis auf den letzten Sesterz blieb in der Hand des Alten, – doch sie konnte nur dem Opfer des Hahnes beiwohnen; denn es zog sie nun unwiderstehlich nach Hause.

Sobald das Blut des Vogels den Altar bespritzt und sie den Göttern mitgeteilt hatte, auch die Ziege sei ihnen zugedacht, schienen sie wieder freundlicher auf sie hinzuschauen, und so froh und leicht, als habe sie eine schwere Aufgabe glücklich vollendet, schritt sie schon auf die Thür zu, als die Vorhänge, welche den Archivraum von der Cella trennten, sich aufthaten und ein Mann aus jenem hervortrat und sie anrief.

Da wandte sie sich rasch nach ihm um; doch als sie in ihm einen Römer erkannte, der – die weiße Toga verriet es – zu den Vornehmen gehörte, erschrak sie. Hastig rief sie ihm zu, sie habe Eile, und floh die Stufen hinunter in den Garten und auf die Straße.

Dort warf sie sich vor, aus thörichter Schüchternheit einem Fremden, der kaum jünger gewesen war als ihr Vater, erwünschte Auskunft verweigert zu haben; doch schon nach wenigen Schritten vergaß sie dieser Begegnung und ordnete im Geiste das viele, was sie daheim zu erzählen hatte.

Bald schauten ihr die Wipfel der Palmen und die breitästige Krone der großen Sykomore in ihrem Gärtchen entgegen, ihr alter, treuer Hund Melas bellte ihr fröhlich entgegen, und das Wohlgefühl, das der Fremde nur auf kurze Zeit unterbrochen, ward wieder warm und ungetrübt in ihr lebendig.

Sie war müde, und wo ruhte sich's besser als daheim? Mancherlei Gefahren hatte sie glücklich bestanden, und wo ließ es sich sicherer weilen als unter dem Schutze des väterlichen Daches?

Wie sehr sie sich auch auf das neue prächtige Heim jenseits des Sees und alles freute, was ihr die Liebe des Diodor zu gewähren verhieß, an dem hübschen, sauberen Künstlerhaus, dessen flaches Dach ihr jetzt entgegenschimmerte, hing ihr Herz doch mit den festesten Banden!

In dem Gärtchen, auf dessen mit Muscheln bestreuten Wegen sie nun dahinschritt, hatte sie als Kind so fröhlich gespielt, das Fenster, das sich nun zeigte, gehörte zu dem Zimmer, worin die Mutter gestorben. Das Heimkehren war doch etwas Schönes, zumal wenn es den Lieben so viel Erfreuliches mitzuteilen gab!

Der Hund Melas sprang längst mit stürmischer Zärtlichkeit neben ihr hin und an ihr in die Höhe, und jetzt hörte sie auch den Star erst »Olympias« rufen und dann »Meine Kraft«.

Ein glückliches Lächeln umspielte ihr den frischen Mund, wie sie nach der Werkstätte hinsah; aber plötzlich verschwanden die beiden schneeweißen Zähne wieder, die immer aus ihren roten Lippen hervorlugten, wenn sie froh bewegt war; denn der Vater schien ausgegangen zu sein. Arbeiten konnte er gewiß nicht; denn das breite Fenster der Werkstatt wurde jetzt, dicht vor Mittag, nicht von dem Vorhange beschattet. Doch er war ja sonst zu dieser Zeit immer zu Hause, und es hätte ihr die Freude halb verdorben, ihn nicht zu finden.

Aber das?

Was konnte das nur bedeuten?

Der Hund hatte ihr Kommen gemeldet, und der graue Lockenkopf der alten Dido schaute ihr aus der Hausthür entgegen, um ebenso schnell zu verschwinden. Wie blaß und sonderbar sie aussah, ganz wie an dem Morgen, da der Arzt der treuen Dienerin zuerst vertraut hatte, daß dieser Tag der letzte der Herrin sein werde.

Da war es um die Heiterkeit Melissas geschehen, und bevor sie noch die Schwelle übertrat, von der aus ihr der frohe Griechengruß »Freue Dich« hell aus der braunen Mosaik entgegenleuchtete, rief sie den Namen der Sklavin.

Keine Antwort.

Sie mußte in die Küche treten, bis sie die Alte antraf; denn beherrscht von der tief eingewurzelten Gewohnheit, das Schwere hinauszuschieben, so lang es nur angeht, war die Sklavin an den Herd geflohen. Dort stand sie vor dem erloschenen Feuer und weinte laut und bedeckte dabei, als fürchte sie sich vor dem Anblick derjenigen, die sie bald so tief betrüben mußte, das faltige Antlitz mit den Händen.

Ein Blick auf die Sklavin und die Thränen, die ihr zwischen den Fingern hindurch auf den hageren Arm troffen, lehrte Melissa, daß sie bald etwas Furchtbares vernehmen werde. Bleich, und mit der Hand auf dem hochwogenden Busen, verlangte sie alles zu wissen, doch es dauerte geraume Zeit, bis Dido dahin kam, in verständlichen Worten Bericht zu erstatten.

Bevor sie sich endlich dazu entschloß, schaute sie noch einmal nach ihrem Mitsklaven Argutis aus, den sie für den klügsten der Menschen hielt, und von dem sie wußte, daß er das Schreckliche, das es hier zu berichten galt, weit besser und schonender vorbringen werde als sie.

Doch der Gallier blieb aus, und so begann Dido denn selbst, oft von lautem Schluchzen unterbrochen, den traurigen Bericht.

Zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang war der Vater heimgekehrt und hatte sich zur Ruhe begeben. Als er früh am Morgen noch die Vögel fütterte, hatte das Haupt der Sicherheitswächter, der Aegypter Zminis, mit einigen Häschern das Haus betreten und den Herrn im Namen des Kaisers verhaften wollen. Da hatte Heron getobt wie ein Stier und sich auf seine makedonische Herkunft, auf sein römisches Bürgerrecht und vieles andere berufen und auch zu wissen verlangt, wessen man ihn beschuldige.

Nun war ihm mitgeteilt worden, daß er auf besonderen Befehl des Nachtstrategen in Haft gehalten werden solle, bis sein Sohn Alexander, gegen den die Anklage des Hochverrats schwebe, sich den Gerichten stelle. Doch der Herr, schluchzte Dido, habe den Büttel, der ihn greifen sollte, mit einem gewaltigen Faustschlag niedergeschlagen. Endlich war es zu einem furchtbaren Durcheinanderschreien, ja sogar zu einer blutigen Schlägerei gekommen. Dazu hatte der Star immerfort gerufen »Meine Kraft« und die ganze Vogelschar mit so wildem Geflatter gelärmt und geflötet, daß es gewesen war wie in der Unterwelt am Sitz der Verdammten. Auch fremde Leute hatten das Haus umdrängt, und erst als der Nachbar Skopas zum Guten geredet, war Heron den Häschern gefolgt.

»Auf der Schwelle noch,« schloß die Sklavin, »rief er mir zu, Du, Melissa, mögest bei dem Polybius bleiben, bis er die Freiheit zurückerlangt habe; der Philipp aber solle den Beistand des Präfekten Titianus anrufen und ihm dabei die Gemmen – Du wüßtest schon – überreichen. Zuletzt,« und hier brach die Alte in neue Thränen aus, »legte er mir das Grab der Frau ans Herz und die Vögel. Für den Starmatz seien auch neue Mehlwürmer nötig.«

Tief atmend lauschte Melissa diesem Bericht. Das Blut war ihr dabei aus den Wangen gewichen, und wie die Alte schloß, fragte sie dumpf: »Und Philipp und Alexander?«

»Ist schon für alles gesorgt,« versetzte die Alte. »Sobald wir allein waren, hielten wir nämlich Rat, der Argutis und ich. Er lief zu unserem Alexander, und ich zu dem Philipp. Ich traf ihn auch auf seiner Kammer. Er sei spät heimgekehrt, sagte mir der Aufwärter, und ich fand ihn noch im Bett und hatte Mühe genug, ihn zu wecken. Dann erzählt' ich ihm alles, und nun führte er wieder so ruchlose Reden – ein Wunder ist's nicht, wenn die Götter ihn strafen. Mit wirrem Haar, wie er ging und stand, wollte er hin zum Präfekten. Ich mußte ihn erst zur Besinnung bringen, und während ich ihm die Locken salbte und ihm dann in die neuen Festkleider half, mag er nachgedacht haben; denn nun erklärte er, mit nach Hause zu wollen, um Dich und den Argutis zu sprechen. Der war wieder zurück, doch den Alexander hatte er nicht gefunden; denn der unglückselige Junge muß sich ja auch wie ein Mörder verstecken.«

Hier schluchzte die Alte wieder auf, und erst nachdem Melissa sie mit guten Worten beruhigt, gelang es ihr, weiter zu reden.

Philipp hatte schon gestern erfahren, wo Alexander sich verberge, und nahm es darum auf sich, über den See zu fahren und ihn von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Doch der treue und kluge Argutis hielt den Philosophen zurück, stellte ihm vor, daß der leicht erregbare Alexander, sobald er erfahre, daß man den Vater um seinetwillen der Freiheit beraube, sich unverweilt den Verfolgern stellen und damit auch sich selbst ins Verderben stürzen werde. Solange der Kaiser in Alexandria weile, müsse Alexander verborgen bleiben. Er wolle an Stelle des Philipp, der nachher bei dem Präfekten anklopfen möge, sogleich über den See, um der Melissa zu verbieten, jetzt heimzukehren, und dem Alexander das Nötige zu sagen. Vielleicht würden die Häscher ihm, dem Argutis, folgen; er kenne aber die Gassen und Gäßchen und werde sie irre zu führen wissen.

Da hatte der Philosoph Vernunft angenommen. Der Sklave war gegangen, und seine Heimkehr bald zu erwarten.

Wie so ganz anders hatte Melissa sich die Heimkehr gedacht! Welche neuen, beängstigenden Sorgen!

Aber wenn sie auch der Gedanke quälte, wie der ungestüme Vater die Gefangenschaft ertragen werde, vergoß sie doch keine Thräne, sondern sagte sich, daß das Geschehene sich nur durch besonnenes Eintreten für die Bedrohten, nicht durch Klagen besser machen lasse.

Sie mußte allein sein, Kräfte sammeln und überlegen.

So befahl sie denn der erstaunten Dido, einen Imbiß zu bereiten und einen Becher Wein für sie zu mischen.

Dann ließ sie sich auf dem Stuhle vor der zusammengefalteten Stickerei nieder, warf ihr einen bedauerlichen Blick zu, stützte den Ellenbogen auf das Tischchen an ihrer Seite und die Stirn mit der Hand und erwog, wen sie für den Vater um Hilfe anrufen könne.

Zuerst kam ihr der Kaiser selbst in den Sinn, dessen Blick dem ihren begegnet war, für den sie gebetet und ein Opfer dargebracht hatte.

Doch das Blut schoß ihr bei diesem Gedanken in die Wangen, und sie wies ihn weit von sich. Ihr Geist konnte sich indes nicht sogleich vom Serapeum trennen, wo auch der Geliebte mit fieberndem Haupte ruhte. Sie wußte, daß dort das große Quartier des Oberpriesters Theophilus mit seinen Prunkgemächern und Festsälen für den Kaiser hergerichtet worden sei, und dabei erinnerte sie sich der Erzählungen des Bruders von diesem vornehmen Manne, der neben dem römischen Alexanderpriester den heidnischen Götterdiensten der Stadt vorstand. Theophilus sollte selbst ein Philosoph sein, und Philipp war oft von ihm ausgezeichnet und in sein Haus geladen worden.

An ihn mußte der Bruder sich wenden. Ihm – jetzt gleichsam der Wirt Caracallas – konnte es gelingen, von dem kaiserlichen Gaste die Befreiung des Vaters zu erwirken.

Ihre ernsten Züge hellten sich auf bei diesem Gedanken, und während sie den Imbiß und Wein genoß, kam ihr noch etwas anderes in den Sinn.

Auch Alexander konnte dem Oberpriester nicht ganz fremd sein; denn dieser war der Bruder des reichen Seleukus, dessen verstorbene Tochter der Künstler gemalt, und Timotheus hatte das Bild gesehen und es aufs wärmste gelobt.

So war es denn wahrscheinlich, daß der großmütige Mann, wenn Philipp ihn darum ersuchte, für den Maler Alexander eintreten werde. Vielleicht konnte alles doch noch besser werden, als sie anfänglich gefürchtet!

Fest überzeugt, daß es an ihr sei, die Ihren zu retten, rief sie sich nochmals jeden Bekannten, den sie alle besaßen und von dem sich Beistand erwarten ließ, ins Gedächtnis zurück; doch während dieser Thätigkeit verlangte der schwer ermüdete Körper sein Recht, und als Dido kam, um die Speisereste und den leeren Becher fortzunehmen, fand sie Melissa in tiefem Schlummer wieder.

Kopfschüttelnd und mit dem stillen Gedanken, das habe der Herr nun von seinem unwirschen Toben gegen das gehorsame Kind, für den Alexander aber hätte die Schläferin doch wach bleiben sollen, schob die Alte ihr ein Kissen unter den Kopf, zog den Vorhang tiefer herab und wehrte den Fliegen, die dem Liebling das leicht gerötete Antlitz umsummten, bis der Hund anschlug und der Klopfer die Hausthür gewaltig erschütterte. Da fuhr Melissa erschreckt aus dem Schlaf, und die Alte warf den Wedel zur Seite und rief, während sie sich anschickte, dem ungestümen Gaste zu öffnen: »Ruhig, Herz, ruhig! Es ist gar nichts. Verlaß Dich darauf. Ich kenne sein Klopfen; es ist nur der Philipp.«

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