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Pepillo

Max Brand: Pepillo - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Brand
titlePepillo
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid1562d31b
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Well, Mann, wie ich dasaß und zog das Kaninchen ab und richtete es zu, da hatt' ich so 'ne Sehnsucht, daß meine Boys dabei gewesen wären und den Schuß miterlebt hätten – es tat mir ordentlich in allen Gliedern weh. Da war natürlich wieder kein Mensch in der Nähe als bloß der verdammte, verwitterte alte Geißbock, der keinem Menschen ein gutes Wort gönnte, und der sich lieber seinen dürren faltigen Hals abgeschnitten hätte, als jemandem ein Kompliment zu machen. Der setzt sich jetzt hin und sieht mir zu, wie ich das Kaninchen röste.

Sagt er: »Ihr solltet das Feuer erst zu Kohlen brennen lassen und das Fleisch an kleinen hölzernen Spießen über der Glut rösten«, sagte der alte Geißbock. »Mein Lebtag hab ich's noch nicht gesehn, daß ein Mann, der behauptet, mit der Wildnis vertraut zu sein, Fleisch auf die Art zubereitet.«

Und auf die Art machte er egal weiter – verrückt konnte man drüber werden. Ich mußte mich abscheulich zusammennehmen und bloß immer mit aller Kraft dran denken, daß ich nun mal drauf aus war, die Ranch zu bekommen, und daß das Ding, was ich jetzt auf dem Halse hatte, bloß eine von den vielen Widerwärtigkeiten war, die ich hinter mich bringen mußte, um ans Ziel zu kommen. Es war eben mal eine Zubuße zum Kaufpreis. Und nicht die geringste war's, Mann, das kann ich Ihnen sagen.

Ich hatte das Fleisch in kleine Stückchen geschnitten und auf hölzerne Spieße gesteckt, und wie ich dem alten Randal so einen Spieß mit den appetitlich gerösteten Fleischstücken hinüberreich, da nimmt er einen Bissen, und dann sagt doch der verdammte alte Kerl – weiß Gott:

»Du lieber Himmel! Dieser verdammte alte Bock von einem Kaninchen, der muß schon gute fünfzig Jahre hier herum seine Männchen gemacht haben. Geradesogut könnt ich versuchen, meine Schuhsohlen zu fressen. Gebt mir was von dem Speck.«

Und so setzt er sich hin und ißt mit großem Gusto den ganzen Speck. Das Kaninchen ließ er mir. Und es war das fetteste und zarteste Stück Kaninchenfleisch, das mir je auf der Zunge zergangen ist.

Wie das vorbei war, nehmen wir unsern Inspektionsritt wieder auf, und ich kann Ihnen sagen, der Alte hatte Augen wie ein Luchs, dem entging nichts. Weder der Zustand, in dem die Zäune sich befanden, noch wieviel laufende Meter Zaun neuerdings dazugekommen waren, noch wieviel Vieh zu sehen war und in welchem Futterzustand es sich befand. Dem entging nicht eine Stecknadel. Auch die Stellen beim Bach, wo vor ein paar Tagen ein paar Kühe in den Sumpf geraten waren, so daß sie von den Boys hatten herausgezogen werden müssen, – auch die sah er sofort, und es schien, als brauche er bloß hinzusehn, um genau zu wissen, was vorgegangen war.

Mann, Sie haben ja keine Ahnung, wie froh ich war, daß ich meine Leute die letzte Zeit so stramm bei der Arbeit gehalten hatte. Die waren fleißig gewesen wie die Biber, und in der kurzen Zeit hatten sie soviel geleistet wie sonst in einem halben Jahr. Es sah alles soweit ganz anständig aus.

Gegen Abend, wie wir auf dem Heimweg sind, fährt der Alte mich plötzlich an.

»Junger Mann«, sagt er, »seit wann seid Ihr eigentlich bei Harry auf der Ranch?«

Ich gebe ihm Bescheid, und er tut einen Pfiff durch die Zähne.

Sagt er: »Ihr seid ziemlich fleißig gewesen? Stimmt's?«

Sage ich: »Fleißig?« sage ich, »ach nein, es ging an. Wissen Sie, in so einem Betrieb wie der hier, wo die Leute sich glücklich und zufrieden fühlen und alles wie geschmiert geht, da ist alles immer so gut im Stand, daß es im großen und ganzen nicht besonders viel zu tun gibt.«

Er grinst mich an, und die Fältchen um seine Augen ziehen sich zusammen. Sagt er: »Sonny«, sagt er, »ich war schon auf der Pferdekoppel und hab mir angesehn, wie die Biester aussehn.«

Na ja, das stimmte. Die Gäule waren ein bißchen dürr in den Flanken und rauh im Fell. Wir hatten soviel Arbeit auf dem Hals gehabt, wir hatten sie furchtbar herannehmen müssen. An das Ding hatte ich nicht gedacht, aber, Mann, da konnte man beruhigt sein, der Alte vergaß keinen Winkel, wo er seine Nase hineinstecken könnte.

Was konnt ich tun? Sage ich: »Die Burschen auf der Ranch«, sage ich, »die schonen die Pferde zu wenig. Die reiten so drauflos, daß sie sich ordentlich die Sporen abnutzen. Die nehmen so wenig Rücksicht auf sich und ihre Gäule – du lieber Himmel –, wenn die Tagesarbeit vorbei ist, und man sollte meinen, sie werden sich und den armen Biestern ein bißchen Erholung gönnen, – was meinen Sie, was die Kerle dann tun? Sie veranstalten Rennen untereinander. Dann ist es natürlich kein Wunder, wenn die Pferde so mächtig verbraucht werden. Ich muß schon sagen, sie sollten die Tiere ein bißchen mehr schonen. Aber, müssen Sie wissen, es hält die Jungs bei guter Stimmung, und so misch ich mich nicht ein. Ihr wißt ja, wie's ist.«

Der Alte grinste bloß. Der hütete sich wohl, irgend etwas zuzugeben.

Sagt er: »Ich will Euch was sagen, Smith – oder heißt Ihr Jones?«

Du lieber Himmel, Mann, den ganzen Tag über hatte er dauernd von einem Namen zum andern gewechselt. Eben hat er mich Jones genannt und sich furchtbar entschuldigt, daß er mich nicht Smith genannt hat, und im nächsten Moment nennt er mich Smith und entschuldigt sich, daß er mich nicht Jones genannt hat. Schließlich wußt ich selber nicht mehr, wie ich dran bin. Mir ging im Kopf alles durcheinander, und wenn ich hätte sterben sollen, ich hätte nicht sagen können, ob Harry Randal mich Smith oder Jones getauft hatte.

Sage ich: »Gewiß«, sage ich, »mein Name ist Jones.«

Sagt er: »Wissen Sie«, sagt er, »ich hab selbst da drüben eine große Ranch, und ich habe meine Vormänner gewechselt wie die Hemden. Nun hörn Sie mal zu, Verehrter. Bei mir drüben, das ist ein Posten für einen Kerl, der was leistet. Immerhin gibt's bei mir ein paar Sachen nicht, an denen man sich hier die Zähne ausbeißen muß. Zum Beispiel keine solchen Berge und solche verdammten Cañons in den Bergen, versteht Ihr, Mann?«

Ich sehe ihn von der Seite an und nicke bloß mit dem Kopf.

Aber er war noch nicht fertig.

»Nun«, sagt er, »ich bin gern bereit, jemand ein anständiges Gehalt zu bezahlen, von dem ich weiß, daß er tüchtig und hinter den Dingen her ist. Ich will Euch was sagen – Smith – entschuldigt! ich meine Jones – bei einem Mann wie Ihr werd ich erst gar keine niedrigen Ziffern nennen. Ich biete Euch ohne weiteres hundert für den Monat, und alles übrige frei. Alles übrige mit Einschluß eines sauberen kleinen Hauses für Euch allein oder, falls Ihr zu den Leuten gehört, die heiraten, – für Euch und Eure Frau.«

Das hörte sich alles sehr gut und ordentlich an. Nicht wahr? Und doch lacht ich ihn im geheimen aus. Du lieber Himmel! Ich war darauf aus, einmal die ganze Ranch in den Sack zu stecken – und da sollte ich es für eine besonders glückliche Aussicht halten, mein ganzes Leben lang in abhängiger Stellung zu sein?

»Ist's nicht genug? Was?« sagt der Alte. »Na, schön, Verehrter, ich weiß ganz genau, Ihr habt hier den Betrieb fest in die Hand genommen und verhindert, daß mein Enkel ihn zugrunde gerichtet hat ...«

Ich laß ihn nicht ausreden. Ich sag: »Ihr wißt gar nichts von der Art.«

Der antwortet mir gar nicht, der hält bloß die Hand in die Höhe. Sagt er: »Nun«, sagt er, »ich bin bereit, mein Angebot zu erhöhen. Ich rücke gleich mit der höchsten Ziffer heraus, die ich anzulegen willens bin. Ich biete Euch viertausend pro Jahr, und alle Lebenshaltungskosten zu meinen Lasten. Pferde, Haus und Bedienung frei. Habt Ihr mich verstanden, junger Mann?«

Mann, wenn Sie nur eine blasse Ahnung haben über die Lebensbedingungen im Viehdistrikt, dann werden Sie selbst wissen, daß so ein Angebot schon beinah zu günstig war, um wahr zu sein. Viertausend Dollar im Jahr und alles frei! Ich dachte, ich träume! Und ich kann Ihnen sagen, ich habe mir das Ding sehr ernstlich überlegt. Natürlich aus der Ranch konnte ich einen Haufen Geld herausholen, aber es konnte auch sein, – es konnte nur allzu gut möglich sein, daß ich gar nichts aus der Ranch herausholen konnte, weil mir die Viehräuber einfach über den Hals wuchsen. An dem, was ich bisher verdient hatte, gemessen, waren dagegen viertausend im Jahr für mich so gut wie eine Million. Freilich, es gab zwei Einwände. Einmal wollt ich nicht mein Leben lang mich mit dem alten Schinder zusammenschmieden – und zum andernmal wollt ich auf das Hasardieren nicht verzichten – denn meine Abmachung mit Randal, das war so eine Art Hasard, und was war das Leben schon für einen jungen Mann wie mich ohne Hasard?

Von alldem abgesehn aber, hatte ich eine wilde Wut auf den Kerl, denn ich hatte ihn durchschaut. Der dachte im Leben nicht dran, daß ich für ihn viertausend Dollar im Jahr wert bin. Der wollte nur auf irgendeine Art mich von seinem Enkel loseisen.

Ich dreh mich zu ihm rum und sage: »Hört mal«, sage ich, »ich hab jetzt lang genug den Mund gehalten, und ich hab's über. Ich hab's den ganzen Tag geduldig hingenommen, wie Ihr mich angekläfft und angeknurrt habt und mir an die Hacken fahren wolltet. Und jetzt auf einmal kommt Ihr und wollt mich von Harry wegholen, daß ich bei Euch arbeiten soll. Nun hört mal zu, Mann, ich will Euch was sagen: Ihr könnt mir ruhig nicht bloß viertausend, Ihr könnt mir vierzigtausend Dollar pro Jahr anbieten, und ich werd Euch noch immer sagen, Ihr könnt verdammt sein, und Ihr könnt meinetwegen zum Teufel gehen, Mister Randal. Der längelang oder kopfüber oder wie es Euch sonst beliebt!«

Sagt er: »Gut!« sagt er. »Natürlich hab ich mir gedacht, daß Randal Euch einen hohen Preis zahlt, aber ich hab mir nicht im Traum einfallen lassen, daß der Preis so hoch ist.«

Sage ich: »Ah!« sag ich – da ging mir plötzlich ein mächtiges Licht auf: »Ihr meint, ich bin ein bezahlter Revolverheld und sonst nichts? Was?«

Sagt er: »Ihr?« sagt er und blinzelt mich immer noch mit seinen hellen Raubvogelaugen an. Mann, der schien's nicht ein bißchen übelzunehmen, daß ich ihm so gründlich die Wahrheit gesagt hatte. – »Oh«, sagt er, »gewiß nicht, Ihr seid kein Revolverheld! Meint Ihr, ich werde so einen netten, höflichen Mann wie Ihr seid, mit so üblen Namen belegen? Du lieber Himmel, Sonny, nichts liegt mir ferner. Ihr seid kein Revolverheld. Ein kleines Lämmchen weiß wie Schnee seid Ihr. Nein, Mister Smith – Smithjones – oder Jonessmith – oder wie Ihr nun heißen mögt –, ich brauche mit Euch keine Worte mehr zu verlieren, ich seh schon, Harry hat Euch gekauft und einen verdammt hohen Preis muß er angelegt haben. Bloß eins möcht ich Euch noch sagen, junger Mann. Wenn Ihr sicher sein wollt, das Geld auch richtig einzustreichen, dann werdet Ihr gut tun, Euren Lohn zu verlangen, solange Eurem Boß das Bargeld noch nicht ausgegangen ist.«

Und damit fängt er an und kichert in sich hinein und nickt so vor sich hin.

Wie wir nach Hause kommen, stoßen wir auf Harry Randal. Den brauchte man nur anzusehn und wußte, der hatte die ganze Zeit wie auf glühenden Kohlen gesessen. Er wirft mir einen verzweifelten Blick zu. Ich zucke die Schultern. Für eine ganze Masse Sachen konnt ich einstehn, aber nicht dafür, ob der Alte es fertiggebracht hatte, einen Überschlag über den Viehbestand zu machen.

Wie wir im Haus sind, dauert's nicht eine Sekunde, da ist der Alte wieder in vollem Betrieb. Der war nicht gesonnen, seinem Enkel auch nur eine ruhige Minute zu lassen, wenn sich's irgendwie verhindern ließ.

Sagt er: »Harry«, sagt er, »soviel ich sehen kann, müssen dir mindestens fünfzig Stück Vieh fehlen. Ich kann's noch nicht genau sagen, bevor ich mir die Herde nicht näher angesehn habe. Also sorge dafür, daß morgen früh, mit Tagesanbruch, ein guter, schneller Gaul für mich bereitsteht. Wie willst du bis morgen die fünfzig beischaffen? Darauf bin ich doch gespannt. Wie willst du sie beischaffen?« Und damit fängt er an und reibt sich die Hände und lacht. Er war so großartig mit sich zufrieden.

Harry, der war weiß wie ein Leintuch. Der war hin vor lauter Angst. Ich kümmer mich um nichts weiter und geh auf mein Zimmer hinauf. Für heute hatte ich die Familienszenen reichlich satt. Wie ich in mein Zimmer komme, sitzt da Pepillo und ist dabei, einen Zügel aus Pferdehaar zusammenzuflechten. Seine Finger flogen wie der Blitz. Ihn zu sehen, war direkt ein Trost für mich.

Ich gehe ans Fenster und leg mich hinaus. Ich wollte noch ein bißchen Luft schnappen und mich abkühlen. Der Alte verstand's zu gut, einem heißzumachen. Da hör ich die Stimme des alten Randal; er mußte grade unter mir am Wohnzimmerfenster stehn. Ich denke, es ist ihm nie in den Kopf gekommen, daß mein Zimmer gerade über ihm war. Sagt er zu seinem Enkel:

»Hör mal«, sagt er, »du weißt doch über diesen Smith genau Bescheid? Nicht wahr?«

»Ich weiß genug über ihn«, sagt mein Harry. Er schien mächtig gedrückt zu sein.

»Und du bist froh, daß du ihn hier hast?«

»Warum nicht?« sagt der arme Harry.

»Well, mein Sohn«, sagt der Alte. »Ich will dir was sagen: ich versteh mich ein bißchen besser auf Leute aus den Viehdistrikten als du. Das ist dir versagt geblieben. Ich kann dir nur sagen, das ist ein ganz übler Bursche. Junge, Junge! Eine schwere Nummer. Du hast's dich ein schweres Stück Geld kosten lassen, ihn hier zu haben, aber ich sage dir bloß das eine: wenn er mit dir fertig ist, dann wird er noch ein gut Teil mehr Geld einstreichen, als du dir leisten kannst, ihm zu bezahlen.«

»Was hat er denn gesagt?« fragt Harry.

»Ach, er hat bloß einem davonsausenden Kaninchen was ins Ohr geflüstert. Mann, ich sage dir, das Kaninchen war schon gute hundert Meter weg, – mit einem ganz gewöhnlichen Revolver, Sonny, und obwohl sein Schießeisen nur ein einziges Wörtchen gesagt hat, brauchte das Kaninchen nicht eine Silbe mehr zu hören, verstehst du mich?«

»Er hat ein Kaninchen im Laufen auf hundert Meter mit dem Revolver getroffen?« fragte Harry. Man hörte, er rang förmlich nach Luft.

»Jawohl!« sagt der Alte. Und wie eindrucksvoll und feierlich brachte er's heraus! »Nun, Harry«, sagt er. »Ich weiß sehr gut, daß du zu zwei Dritteln ein richtiger Schuft bist, aber das läßt mich vollkommen kalt. Wenn du genügend Grips hast, um hier die Ranch in Betrieb zu halten, dann ist es mir ganz gleich, von wem du dir helfen läßt. Bloß das möcht ich dir sagen: Ein Kerl, der schießen kann wie dieser Bursche da, der ist nicht sauber! Der hat zuviel von seinem Leben drauf verwandt, sich im Revolverschießen zu üben – viel zuviel! So ein Kerl ist gefährlich wie Gift, mein Junge, – und paß du gefälligst auf, daß du's nicht am eigenen Leibe spürst.«

*

Wie ich aufschaue, steht Pepillo neben mir und grinst, fragt er:

»War's denn wirklich so, Señor?«

»Das mit dem Kaninchen?« sage ich, »das stimmt. Einmal unter Zehntausenden hat's das Schicksal just so gefügt, daß dieser Schuß sein Ziel erreicht hat. Und da hast du die ganze Wahrheit. Übrigens, Pepillo, unter uns gesagt, mit unserem glücklichen Familienheim hier hat's nun ein Ende. Es wird Zeit, daß wir ans Reisen denken.«

»Warum?« fragt Pepillo.

»Der alte Randal«, sage ich, »der hat Augen wie ein Falke, dem entgeht nichts. Der hat schon heute genug gesehn, um zu wissen, wieviel Vieh hier im Tal herum sein sollte. Wir mögen viel können, Küken, aber eins werden wir nicht können – das Vieh wieder beischaffen, das fehlt. Und weißt du, was das heißt? Daß meine und Harrys Pläne in Rauch aufgehn, und daß es mit uns hier Schluß ist! Was denkst du, wohin wir steuern sollen?« »Nanu, Gelbschädel?« sagt Pepillo. »Das heißt, daß Ihr die Hoffnung auf die Ranch endgültig in den Wind schlagt?«

Ich nick bloß mit dem Kopf.

Sagt Pepillo: »Und das wird Euch das Herz brechen?« sagt er, »oder etwa nicht?«

Sage ich: »Der Stoff, aus dem mein Herz gemacht ist, der bricht nicht so fix. Darauf herumgehämmert und herumgepufft und daran gezerrt wurde oft genug, aber bis jetzt ist es noch nie gebrochen, und ich denke, es wird auch nie brechen, verstehst du, Pepillo?«

Er nickt. »Aber«, sagt er, »Ihr wißt doch noch gar nicht, ob Euch nicht im Lauf der Nacht irgend etwas einfällt – es muß doch einen Weg geben, um den alten Randal an der Nase herumzuführen und doch noch einen Trumpf auszuspielen. Warum wollt Ihr so rasch alle Hoffnung aufgeben?«

Der Donner, Mann, es war nicht viel Grund vorhanden, sich noch viel Hoffnungen zu machen, aber es war kein Kunststück, auf alle Fälle das Ding sich ein bißchen durch den Kopf gehen zu lassen. Ich setze mich also an den Tisch mitten im Zimmer und pflanze die Absätze recht bequem auf die Tischkante und starre den Rauchwolken aus meiner Pfeife nach.

Sagt Pepillo: »Das ist heute ein wunderschöner Sonnenuntergang, Señor.«

Sage ich: »Den Sonnenuntergang kann meinetwegen der Teufel holen!«

Sagt Pepillo: »Allright«, sagt er. »Wenn Ihr nun alles haben könntet, was Ihr Euch wünschtet, was geschieht dann?«

»Das weißt du ganz genau, Pepillo. Ich würde diese Ranch hier pflegen wie einen Garten, und ich würde hier die besten Kühe haben, die je auf einer Weide gegangen sind.«

»Das ist immerhin etwas«, sagt Pepillo, »aber schließlich und endlich reichen Kühe nicht aus, um eines Mannes Inneres ganz auszufüllen.«

Sage ich: »Oh, ich würde ein Stück von den Wiesen unten am Fluß einzäunen. Da ist ein Boden wie im Paradies. Da würde ich Obstbäume pflanzen. Ich würde drei- bis vierhundert Acker Land unter künstliche Bewässerung nehmen, Küken, hast du eine Ahnung, was das heißt?«

»Es sieht nicht nach viel aus«, sagt Pepillo.

Sage ich: »Nicht viel?« sage ich. »Well, Küken, wieviel tausend Dollar meinst du, daß dabei herausschauen?«

»Wie sollt ich das sagen?« sagt Pepillo. »Wie sollt ich über solches Zeug Bescheid wissen – und warum sollte ich nur einen Pfifferling dafür geben?«

Und schneidet mir eine Fratze. Das Kissen vom Bett lag grade in meiner Reichweite, und ich warf es ihm an den Kopf, aber natürlich ging der Wurf vorbei. Wenn man den Jungen erwischen wollte, dann braucht es schon eine Kugel, so schnell war er auf den Beinen.

Sage ich: »Rund zwanzigtausend Dollar würde bloß das Gartenland einbringen.«

Sagt er: »Und wenn Ihr all das Geld hättet, das Geld vom Vieh und das Geld von dem Gartenland und all das übrige, was würdet Ihr damit tun?«

»Na, Sonny«, sage ich, »eins ist mal vorderhand gewiß: ich würde noch ein gutes Stück Land mehr kaufen, ich würde rings um mich noch eine Masse Boden dazu kaufen, und ich würde den Leuten mal zeigen, was die Art ist, in der man mit so einer großmächtigen Ranch umzuspringen hat.«

Sagt Pepillo: »Alles ganz gut«, sagt er, »aber nehmen wir an, Ihr hättet eine Million Acres und eine Million Dollar pro Jahr, was würdet Ihr dann tun mit dem vielen Geld?«

Nun, Mann, Sie können sich denken, so weit hatt' ich noch nie gedacht. Ich kratz mir den Kopf und überleg mir das Ding eine gute Weile lang.

Sag ich: »Nun siehst du, Pepillo«, sage ich, »ich würde mir so ein paar richtige Staatsanzüge machen lassen, das kann ich dir sagen.«

»Anzüge?« sagt Pepillo, richtig verächtlich sagt er das, »dafür könnt Ihr nicht viel Geld ausgeben.«

»Nun, dann würd ich hergehn und ein paar feine Rennpferde züchten und sie auch auf der Rennbahn laufen lassen.«

Sagt er: »Vergeßt nicht, Señor, Ihr habt eine Million pro Jahr!« sagt er. »Mit alldem würdet Ihr nur einen kleinen Bruchteil von Eurem Reichtum ausgeben.«

Well, das Küken hatte recht. Wie ich erst so recht dazu komme, daran zu denken, da seh ich auch: es mußte ein ziemliches Kunststück sein, so gräßlich viel Geld auszugeben. Ich hatte mir's niemals einfallen lassen – in meinen kühnsten Träumen nicht –, so weit zu gehen. Sag ich also:

»Ein großes, schönes Haus würd ich mir anschaffen.«

Sagt Pepillo: »Ist dieses Haus nicht groß genug?«

»Aber ich würde eins ganz aus Stein bauen lassen«, sage ich.

»Brrrrr«, sagt Pepillo. Sagt er: »Das wäre schauderhaft kalt.«

»Ich würde halt für ein paar Öfen sorgen.«

»Steinhäuser, die sind genau wie Gefängnisse! Aber wenn das Haus so groß wäre, was würdet Ihr hineintun?«

»Ach, ich würde dafür sorgen, daß ein paar schöne, erstklassige Öldrucke an den Wänden hängen und, Küken, Teppiche müßten mir her, wo man bis auf die Fußknöchel drin versinkt.«

»Damit ja aller Staub in der Welt drin sich ansammelt. Und wen hättet Ihr dann zur Gesellschaft, außer Euren Cowboys, um sich an dem Haus zu erfreuen?«

»Ich würde mir eine Frau nehmen«, sage ich.

»Pah!« sagt Pepillo, »das würdet Ihr nie fertigbringen.«

»Paß mal auf«, sage ich, »du kleine giftige Ratte«, sage ich, »willst du vielleicht sagen, daß kein einziges Mädchen was von mir wissen will?«

»Keine, die auf Ölgemälde an den Wänden Wert legt. Es sei denn, Ihr zieht in die Ferne und kauft Euch mit Eurem Geld eine Frau mit einer guten Erziehung. Würdet Ihr Euch dazu verstehn?«

»Warum nicht?« sage ich.

»Pfui«, sagt Pepillo. »Ihr könntet es ertragen, eine gekaufte Frau um Euch zu wissen?«

»Warum nicht?« sage ich. »Ich habe doch die Nase ein bißchen in die Welt hinausgesteckt, und ich habe gesehn, daß solche Heiraten, die mit lauter Liebe anfangen, manchmal ein ganz anderes Ende nehmen – und genau so ist es manchmal mit den Heiraten, die als eine einfache geschäftliche Transaktion getätigt werden. Meistens kommt es ganz anders, wie einer denkt.«

Sagt Pepillo: »Das ist eine große Lüge«, sagt er, »und der Vater und der Großvater aller großen Lügen.«

Das war nun so seine spanische Art.

»Glaubst du, Küken?« sage ich. »Nun schreib dir das mal hinter die Ohren: Wenn ein junger Kerl und ein Mädchen einander heiraten, weil sie verliebt sind, dann heißt das, daß sie so gut wie blind sind, und sobald sie anfangen und erkennen die wahren Tatsachen – der eine beim andern –, dann können sie sich nicht mehr ausstehn, da drauf kannst du deinen Kopf verwetten. Und dann wird angefangen, mit dem Geschirr zu schmeißen und nachts nicht mehr nach Hause zu kommen. Nein, Kind, wenn ich Lust hätte nach einem tipptoppen Mädel, das mir hier das Haus unter dem Daumen hält, da würde ich ohne weiteres losziehn, dahin, wo sie die richtige Sorte Weibsbilder auf Lager haben.«

»Pah!« schnaubt Pepillo, »Ihr redet, als handelte es sich um Vieh.«

Sage ich: »Kann gut sein, ich habe mächtigen Respekt vor einer guten Kuh. Also wie gesagt, ich würde losziehn und würde mich an ein paar tipptoppe Familien ranmachen. Ich würde den Leuten sagen: hier bin ich, ich hab eine Million im Jahr zu verzehren, ich bin gesund und kräftig und ein leidlich gutmütiger Kerl, aber ich will, daß alles nach meinem Kopf geht. Ich brauche eine Frau, eine, die weiß, wie man ein Haus macht, wie man sich in Gala schmeißt und was für Schmuck ein feiner Mensch haben muß, – eine, die am Teetisch einen großen Schmus über italienische Musik machen kann, und die einem sonnenklar nachweisen kann, warum eine kolorierte Photographie ein Dreck ist im Vergleich zu einem reellen, in echtem Öl gemachten Gemälde. Sage ich zu den Leuten: Haben Sie vielleicht was da, was man sich ansehn könnte? Mein Bankier ist Blank & Blank. Küken, ich kann dir sagen, wenn ich ihnen das mal alles hergeorgelt habe, dann denkt die Gesellschaft just nur an eins – daß ich jährlich eine Million Dollar habe. Die würden hinrennen und ihre besten Mädels herbeischaffen und ihnen ins Ohr sagen – eine Million Dollar – und das Mädel, wenn die mich anschaut, ich sage dir, Junge, da könnt ich ruhig krumme Beine haben und Glotzaugen, die würde nichts sehen. Die würde bloß lauter Blumen und eine Million Dollar im Jahr vor sich sehen. Ich hätte Mädels einfach zum Aussuchen, ich hätte nichts zu tun, als mir das Angebot anzusehn.«

Pepillo, der kneift die Augen zusammen und schaut mich an. Sagt er: »Es ist schauderhaft! Aber was für eine Sorte Frau würdet Ihr Euch aussuchen? Was?«

»Ach«, sage ich, »ein bißchen hübsch muß sie natürlich sein. Aber ich will nichts wissen von so einer verteufelten Schönheit, die allen Kerlen auf der Ranch, die sich was einbilden, den Kopf verdreht und solcher Kram. Nichts da! Ich will ein braves, gesundes, frisches Mädel, nicht zu verträumt, kinderlieb, gesunde Hände und Füße, gute Zähne. Jemand, der nachts gut schläft, der nicht stöhnt, wenn man früh am Morgen heraus muß, und der, wenn man abends heimkommt, einem mit einem Lächeln entgegenkommt und nicht ein mächtiges Getue macht, als wäre alles schief gegangen, bloß weil man nicht zu Hause war.«

Ich hielt inne, weil ich so großmächtig gähnen mußte.

»Ist das alles, was Ihr verlangt?« sagt Pepillo. »Es wird nicht sechs Monate dauern, da wird sie Euch mit einem anderen durchbrennen.«

Sage ich: »Du bist verrückt! Wenn die erst mal sechs Monate mit mir exerziert hat, dann ist es nicht bloß so, als ob wir uns liebten, da liebt sie mich wirklich. Wenn du hergehst, Junge, und nimmst dir ein Mädel und fängst mit einem großen Zauber von Liebestraum an, dann endet's gewöhnlich damit, daß sie plötzlich hellwach ist. Aber wenn du hergehst und fängst damit an, daß du dem Mädel klipp und klar erzählst, was sie zu erwarten hat, und sie beginnt ihr Leben hellwach und mit offenen Augen, dann ist es noch ganz gut möglich, daß es mit einem Traum endet. Zumindest sind die Chancen leidlich gut. Und ich kann dir sagen, wenn ich das Geld hätte, ich würde das Ding riskieren! Das scheint nicht deinen Beifall zu haben?«

Sagt Pepillo: »Das«, sagt er langsam, »das ist – so redet ein Schwein und kein Mann!«

Sage ich: »Allright, Sonny«, sage ich. »Wenn du ein kleines Ende älter wirst, dann wirst du schon selber herausfinden, daß Männer ein ganzes Ende näher bei den Schweinen sind, als bei den Engeln. Das kannst du mir aufs Wort glauben! Engel – das ist so eine Sache, die ich nie so ganz habe verstehen können –, aber Schweine, das ist etwas, da konnt ich immer mit sympathisieren.«

»Ich seh schon«, sagt Pepillo und nickt sich sozusagen selbst zu, »die Sache ist die, daß Ihr niemals eine wirkliche Frau auch nur mit einem Auge erblickt habt.«

»Ich? Dutzende! Küken! und im Arm hab ich sie gehalten und habe ihnen ins Ohr geflüstert, ich könnt ohne sie nicht leben, und ganze Nächte hab ich wachgelegen vor lauter Sehnsucht. Ich habe ihnen zu verstehen gegeben, ich müßte sterben, wenn ich sie nicht mindestens einmal in vierundzwanzig Stunden sehn kann. Aber, Küken, ich bin niemals gestorben. Ich habe weiter gelebt und bin fett geworden. Der ganze Quatsch mit der Liebe, das ist lauter Bockmist.«

»Pah!« sagt Pepillo. »Ich habe andere Narren schon ebenso reden hören. Aber wenn Ihr nur einmal eine richtige Frau zu Gesicht bekämt – eine, wie ich sie meine –, dann würdet Ihr, denke ich, ganz anders darüber urteilen. Was?«

*

Weil gerade von Frauen die Rede ist – es war just komisch, wie wir gerade in dem Gespräch unterbrochen wurden. Nämlich, auf einmal da gibt's unten im Hause eine Art von Explosion, und wie ich hinuntergeh, krieg ich Harry Randal zu Gesicht, der sich furchtbar Mühe gibt, seinen Großvater zu beruhigen. Aber der alte Mann war fuchsteufelswild.

»Bei Gott!« schreit er. »Es ist eine Sünde und Schande, und du hast dir's eigens ausgedacht, um mir den Aufenthalt hier zu verekeln! Bloß dazu hast du mich ausgerechnet in dem Zimmer untergebracht – damit du mich rascher wieder loswirst! Himmel Sakrament, so einen gemeinen Trick hat mir noch keiner gespielt. Seht doch bloß mal her, wo ich untergebracht worden bin.«

Und immer noch schnatternd vor Wut saust er wieder in sein Zimmer zurück, und ich und Harry, wir gehn ihm nach.

»In dem Zimmer hier hat Stephens Frau gewohnt«, brüllt der alte Randal, »und ich habe sie nie ausstehn können, und das hast du ganz genau gewußt. Und sie hat mich nie ausstehn können. Da! Da hängt ja auch noch ihr Bild an der Wand! Das hatte ich noch gar nicht gesehn. Ich will verdammt sein, wenn ich überhaupt geahnt hätte, wo ich bin, ehe ich aus purem Zufall die Tür von der Kammer hier aufgemacht habe.«

Ich seh mir das Bild an der Wand an. Es war ein mächtig hübsches Mädel, sehr schlank, mit dunkler Haut, und in jeder Beziehung tadellos – und lustig und freundlich sah sie aus ihrem Rahmen heraus – verstehen Sie? Das Bild war ziemlich abgeblaßt, und die Frau darauf, die hatte so ganz altmodische Kleider an, aber bei alle dem gibt mir's einen Stoß, wie ich's anschaue. Ich seh mir's genau an und dann dreh ich mich rum und seh in die Kammer hinein, die der alte Randal aufgerissen hatte. Da wurde einem ganz bunt vor den Augen. Scharlach, Gelb, Lavendel, Blau, Purpur, Weiß, Braun, Gold und ein Dutzend andere Farben – die Kammer war gestopft voll von lauter pikfeinen Frauenkleidern, und der alte Randal steht dabei und brüllt: »Da! Da ist der ganze Kram! Verdammt will ich sein, so wenig ich davon versteh, selbst ich erkenne sie wieder! Da! diesen verdammten gelben Spitzenfetzen, den hatte sie damals an, wie ich ihr sagte, wo der Platz sei, der einer Frau zukommt, und wie sie mir geantwortet hat, dies Haus hier wäre nicht mein Haus. Jawohl, Herr! Und das höllische weiße Ding da, das ist das Kleid, das sie bei der Hochzeit trug – Mann, ich wünschte, ich hätte den Tag nie erlebt! Es war mir direkt wie eine Vorahnung. An dem Tag sagt ich zu Stephen: Stephen, sage ich, ich wünsch dir gewiß nichts Böses auf den Hals, aber ist sie nicht eine Idee zu hübsch, um anständig zu sein? Jawohl, das habe ich gesagt, und Stephen, der wollte mir das nie vergessen, daß ich sowas gesagt habe. Selbst auf dem Totenbette nicht! Und jetzt gehst du her, Henry, und sperrst mich ausgerechnet in dieses Zimmer – absichtlich –, damit du mich loswirst. Aber ich laß mich nicht hinausekeln! Jetzt bleib ich erst recht einen Monat lang hier, jawohl, – und da ist auch noch das verdammte Parfüm, mit dem sie immer die ganzen Zimmer ausstänkerte, daß man rein erstickt ist.«

Es war Jasmin. Ein zarter, verwehender Duft. Mann, man mußte zweimal nachdenken, eh man heraus hatte, weshalb plötzlich die Luft, die einen umgab, so lieblich und süß war.

Der Krach wegen dem Zimmer, der wurde schließlich beigelegt. Der niederträchtige alte Teufel wurde anderswo untergebracht, und Harry schwitzte Blut, bis es endlich soweit war. Wie er fertig ist, kommt er in mein Zimmer hin und lehnt sich einen Augenblick an die Tür. Sagt er:

»Well, Gelbschädel«, sagt er, »beschäftigst du dich mit deinen Gedanken?«

Sage ich: »Jawohl«, sage ich, »das tue ich.«

Sagt er: »Um Gottes und aller Heiligen willen, tu lieber was anderes. Nämlich mit dem Denken, da wirst du jetzt hier nicht viel ausrichten! Der alte Teufel hat meinen Bankausweis erwischt.«

»Und morgen wird er die Kühe zählen, und dann wird er ganz genau wissen, was er zu tun hat. Dann wird er wissen, daß du hier versagt hast.«

»Ja, das wird er.«

Sage ich: »Harry«, sage ich, »es gibt ein Ding, das nennt man Bankguthaben.«

Sagt er: »Gewiß«, sagt er, »wenn man weiß, wie man den Scheck unterzeichnen muß, um was abzuheben.«

Sage ich: »Ja«, sage ich, »oder zumindest muß man wissen, wem man einen Revolver unter die Schnauze zu halten hat.«

»Halt den Mund – das Küken!« sagt er.

»Pepillo? Der wird so wenig ausplaudern, wie ich und du, der hat mir Treue geschworen, und ich traue ihm mehr, alter Junge, als mir selbst.«

Jawohl, Mann, das war auch so. Und just in dem Augenblick wurde mir richtig warm bei dem Gedanken, daß das Küken zu mir halten würde, wie ich zu ihm. Ich lange aus, um ihm auf die Schulter zu klopfen, aber er flitzt unter meiner Hand weg. Das war immer so seine Art. Man hätte geradesogut versuchen können, seinen eigenen Schatten zu fangen. Aber trotzdem drehte er sich zu mir um und lächelte mich an. Aber es ging was mit ihm vor. Seine Augen waren groß und seine Lippen zitterten vor Erregung.

»Du meinst?« sagt Harry.

»Was ich meine?« sage ich, »ich meine, daß ich genug Geld hier haben werde, um über die Differenz zwischen dem Viehbestand, wie er sein sollte, und dem Viehbestand, wie er ist, Rechenschaft abzulegen.« Sage ich: »und wenn's not tut, werde ich das Geld stehlen. Wir wollen ruhig erst abwarten, ob er überhaupt rausbringt, wieviel Vieh auf der Ranch ist. Wir wollen ruhig erst abwarten, wieviel Stück er glaubt, daß uns fehlen. Und wenn er dann loslegt, dann sagst du ihm ganz einfach, du hast soundso viel Stück verkauft, und am andern Tag zeigst du ihm den Betrag, verstehst du? In der Nacht werd ich das Geld schon irgendwie beischaffen.«

Harry, der kam auf mich zu und hält mir seine Hand hin, seine Stimme zitterte. Sagt er:

»Großer Gott, Gelbschädel«, sagt er, »was bist du doch für ein großartiger Kerl.«

Ich konnte ganz einfach nicht ihm die Hand schütteln. Der Kerl war mir so verächtlich und widerwärtig. Also tu ich, als hätte ich seine Hand nicht gesehn und roll mir eine Zigarette, bis er wieder draußen ist. Kaum hatte er die Tür hinter sich zu, da rannte Pepillo ihm bis zur Schwelle nach und streckte ihm die Zunge heraus und tanzte eine Art Kriegstanz, und tat so, als schnitte er Harry Randal die Kehle ab.

Wie er fertig ist, dreht er sich rum und sagt: »Ein Schweinkerl!« sagt er: »Ah! Was für ein Schweinkerl, Señor!«

Sage ich: »Ich weiß nicht«, sage ich. »Es ist noch nicht lange her, da hast du mir denselben Beinamen gegeben.«

»Nein!« sagt er, »Ihr seid nur – wie soll ich's bloß sagen –, es gibt bald kein Wort, das richtig paßt. Ihr seid bloß der verdammt größte Narr, der je in dieser Welt gelebt hat, weiter nichts.«

Eine nette Art zu reden war das von einem Küken wie Pepillo, gegenüber seinem Herrn und Freund. Aber ich kümmerte mich nicht viel darum.

Ich schlief recht gut die Nacht, und wie ich am Morgen herunterkomme, da sehn wir, daß der alte Mann schon auf und davon ist. Der war auf Inspektion geritten. Und ungefähr wie der halbe Nachmittag vorbei war, kommt er richtig zurück. Schon von weitem sah man, wie ihm die Niederträchtigkeit auf dem Gesicht geschrieben stand.

Sagt er: »Es scheint mir, Harry«, sagt er, »daß alles in allem genommen, du mindestens achtundfünfzig Stück Vieh mehr haben müßtest, als du zur Zeit hast: hättest du vielleicht jetzt Zeit, mir das Geheimnis aufzuklären?«

Das war so seine Art zu reden, ruhig und glatt und so, als legte er selbst keinen besonderen Wert auf das, was er sagt. Aber seine Stimme und seine Augen, die mußte man hören und sehen, da saßen zehntausend eiskalte Teufel drin, und es war, als wiederholte er Harry jede Sekunde: Du hast die Partie verloren, und du taugst keinen Pfifferling!

Harry, dem brach ordentlich der Schweiß aus. Sagt er:

»Großvater«, sagt er, »du kannst dich nicht auf das Ergebnis von so einer groben Schätzung verlassen. Großvater«, sagt er, »du mußt mir Gelegenheit geben, volle Rechnung abzulegen. Du mußt ganz einfach, Großvater!«

»Gewiß«, sagt der alte Teufel. »Ich geb dir soviel Gelegenheit, wie du nur wünschen kannst. Ihr könnt Euch noch heute nachmittag daran machen und das ganze Vieh hier nach der Ranch hin zusammentreiben. Bis morgen mittag Schlag zwölf können wir dann ganz genau Bescheid wissen.«

Und plötzlich geht er in seiner ganzen Länge auf Harry zu und legt ihm die Hand auf die Schulter. Sagt er: »Harry«, sagt er, »Harry!« und seine Stimme kam ganz von tief unten und zitterte ein bißchen. »Meinst du, ich wünschte, daß du unterliegst? Gewiß nicht, mein Jung, aber du mußt mir beweisen, daß du wirklich ein Kerl bist. Du mußt mir beweisen, daß ich nicht der letzte vom echten alten Schlag unserer Familie bin, der auf dieser unseligen Erde lebt.«

Ich könnt mich nicht entsinnen, daß irgend etwas so einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hat, wie die kleine Rede, die der alte Teufel da plötzlich von sich gab. Könnt mich auch nicht entsinnen, daß je mich etwas so unvermutet überrascht hat, außer dem einen Mal, wo ich bei einem Reiterfest drunten im Süden so einen kleinen viereckigen Holländer beiseiteschieben wollte und der Kerl sich umdrehte und langt mir eine unters Kinn, daß mir für eine Viertelstunde die ganze Innenbeleuchtung ausgeschaltet war, – aber ich muß sagen, im großen und ganzen war das, was ich jetzt eben erlebte, eine noch größere Überraschung. Allmählich hatte ich angefangen und hatte mir eingebildet, der alte Knabe hätt' auch nicht 'ne Spur von was Menschlichem mehr an sich.

Und nun muß ich erleben, wie er sich plötzlich ganz anders zeigt und mit was herausrückte, was so richtig aus dem tiefen Herzen kam – und verdammt anständig gedacht war's, das muß ich sagen.

Wie ich mich von der Überraschung ein bißchen erholt habe, da war schon die ganze Bande dabei, in die Sättel zu klettern. Das Eintreiben sollte beginnen. Und ich mach mich mit ihnen auf den Weg. Muß sagen, ich war mächtig nachdenklich geworden. Ich hatte mit Harry ausgemacht, seinen alten Großvater übers Ohr zu haun – schön –, aber es war eine ganz andere Sache, ob man so einem fischblütigen alten Teufel einen Streich spielte – wie ich gedacht hatte, daß der Alte wäre –, oder ob man sich was gegen einen alten Mann erlaubte, der ein anständiges, menschliches Gefühl für die Leute von seinem Stamm und seiner Art mit sich herumtrug. Jetzt plötzlich sah ich, der schlaue alte Dachs, der war gewiß in mancher Beziehung hart wie ein Feuerstein, aber tief versteckt, im innersten Herzen, da betete der selbst darum, daß es ihm vergönnt sei, in Harry Randal einen würdigen Erben zu finden. Mann, das war eine andere Sache! War ich nicht ein ganz gemeiner, schäbiger Hund, wenn ich mich dazu hergab, dem Mann einen so gemeinen Streich zu spielen?

Wie ich das alles bei mir so herumwälze, da seh ich, wie die Cowboys, die vorausreiten, in Erregung geraten. Da war ein gewisser Joe Maxwell, der hatte an dem Nachmittag die Grenzen abzureiten, und mit dem waren sie eben zusammengetroffen, und er erzählte ihnen etwas, was sie mächtig aufregte.

Auf einmal macht die ganze Gesellschaft kehrt und kommt zu mir zurückgerast, so rasch die Gäule laufen können. Der vorderste ist Shorty, und er brüllt mir schon von weitem zu:

»Heei! Gelbschädel! Was sagt Ihr? Da ist weiß Gott eine ganze Herde Kühe von dem Berg in dieses verdammte Tal heruntergeschneit ...«

Das war eine so unglaubliche Geschichte! Selbst Shorty vergaß darüber, daß noch vor kurzem zwischen uns Todfeindschaft geherrscht hatte. Und gleich darauf kam auch Joe Maxwell mit den übrigen heran, und er berichtete genau dasselbe Ding.

Was der Mann erzählte, das war so eine Art Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Im oberen Tal, sagt er, ist er plötzlich auf eine Herde von gut hundert Stück Kühen gestoßen, und alle hatten sie das Zeichen von unserer Ranch eingebrannt. Bloß war noch ein Haufen Kälber dabei, die noch gar nicht gezeichnet waren.

Sagt Maxwell: »Es gibt nur eine Möglichkeit«, sagt er, »Boß, wie das Ding zustande kommen konnte. Die Kühe und Kälber sind ein Teil von der Herde, die uns die Viehräuber weggetrieben haben, und irgendwie sind sie ausgebrochen und nach und nach wieder nach ihrem alten Weideplatz zurückgekehrt, und da sind sie nun.«

Ich konnt's nicht glauben. Ich konnt's nicht glauben, bis wir alle miteinander holterdipolter hingeritten waren und hatten die Herde zu Gesicht gekriegt.

Dann war kein Zweifel mehr möglich. Da waren so Stücker fünfzehn Kühe von unserer Ranch, alle säuberlich mit unserer Marke gezeichnet, und das übrige waren Kälber bis zu einem Jahr. Sie waren nicht besonders fett, und man sah auf den ersten Blick, wo die gewesen waren, da war nicht viel Futter zu finden. Die kamen daher, ohne einmal den Kopf zu heben und fraßen sich durch das gute fette Gras, wie lauter Mähmaschinen.

Ich sag den Burschen, sie sollen sich mit dem Zusammentreiben ein bißchen beeilen und mach mich auf den Weg, um Harry Randal zu finden und ihm die gute Nachricht zu überbringen.

 

* * *

 

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