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Pepillo

Max Brand: Pepillo - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Brand
titlePepillo
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid1562d31b
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Die nächsten drei Tage, Mann, da hätten Sie mich sehen sollen! Jeden geschlagenen Tag hab ich so rund zwanzig Stunden im Sattel gesessen. Aber ich war nicht ein bißchen ermüdet. Wenn's nach mir gegangen wäre, ich hätte überhaupt nicht aufgehört.

Stellen Sie sich vor, es führt Sie einer in ein Zimmer, das bis oben hin voll Gold ist, und erzählt Ihnen, es könnte sein, daß eines Tages das Gold Ihnen gehört; da werden Sie auch nicht müde werden, bis Sie das Gold gezählt haben. Mann, so ging mir das, wie ich da über die Ranch ritt. Da können Sie mein Ehrenwort drauf haben, die Ranch, das war ein Ding, in der ganzen Welt gab's nichts, was Randals Ranch hätte schlagen können. Die Ranch hatte genügend Bäume, sie hatte gute Zäune und nicht zu wenig Wasser, zum Tränken war ein ganzes Meer voll da und an den richtigen Stellen. Die Ranch selbst, die hatte ein gutes Schlafhaus für die Leute und natürlich ein tadelloses Haupthaus, und dann gab's da noch was, was für das Geschäft bei weitem wichtiger war, nämlich einen ganzen Haufen geräumige, solid gebaute Schuppen; wenn mal ein besonders schlimmer Winter kam – Mann, so was hatten Sie noch nicht gesehn –, da konnte man selbst das letzte Stück Vieh warm und gemütlich auf dem Hof unterbringen.

Der Viehbestand war prima Rasse. Die Ranch die hatte einen feinen Bestand an Kühen; es stand ein guter Nachwuchs an Kälbern zu erwarten, die Jährlinge waren recht anständig, und die Zweijährigen, die schlugen alles. Bei alledem gab's noch ein paar Bullen, die hätte man getrost auf jede Ausstellung schicken können.

Es war aber noch mehr. Je mehr ich rum komm, desto mehr seh ich, was die Kerle wert sind, die den Betrieb in Gang halten sollten. Mann, Sie haben sie bis jetzt nur von der Seite gesehn, wo's ein bißchen faul mit ihnen stand, aber draußen auf den Weidegründen, wo einer reiten muß, als säße ihm der Teufel im Nacken, da war's eine verdammt andere Geschichte, ganz verdammt anders, kann ich Ihnen sagen. Da draußen war ihre Niederträchtigkeit Mut, ihre verdammte Fuchsschlauheit, die sah ganz anders aus, wenn's drum ging, zu verhindern, daß das Vieh ausbricht oder sich verläuft – und daß es alle so großmächtige Burschen waren, das bewirkte, daß sie alle miteinander so lange und so willig im Sattel saßen, als hätten sie selbst Hoffnung drauf, mal als Herr auf der Ranch zu sitzen.

Die Kerls, die gediehen ordentlich bei der vielen Schufterei. Das war auch so ein Fehler von Randal gewesen; der Kerl, der hatte solche Angst vor ihnen, deshalb hatte er ihnen immer nur leichte Arbeit zugemutet, damit er sich gut mit ihnen steht. Natürlich war das genau der richtige Weg, um das Gegenteil zu erreichen. Sie hatten zuviel freie Zeit und zuviel Energie übrig und konnten nach Gefallen alles mögliche aushecken, mit dem sie sich selbst und anderen lästig fielen. Bei mir war das anders. Wenn sie einen Tag lang auf dem Gaul gesessen hatten, dann hatten sie grade noch Kraft genug, ihrem Pferd den Sattel abzunehmen und beim Essen sich auf ihrem Stuhl aufrechtzuerhalten. Und, Mann, wenn wir abends daheim waren, dann hütete ich mich wohl, ihnen über'n Weg zu laufen. Die Kerls waren dann in einer niederträchtigen Stimmung. Die hätten jedem den Hals umgedreht und ganz besonders mir. Da war kein Abend, wo's nicht hieß, ich wär der gemeinste und niederträchtigste Sklavenhalter, der je auf einer Ranch die Leute in Atem gehalten hätte. Aber am anderen Morgen, da hatten sie ihren Verdruß ausgeschlafen, als wär er nie gewesen. Sie waren schlau genug, zu merken, daß die Arbeit auf der Ranch mit Siebenmeilenstiefeln vorwärtsging, und sie waren direkt versessen drauf, sich wieder in den Sattel zu schwingen. Mann, was soll ich Ihnen sagen, die Kerls fingen an und renommierten damit, wer am raschesten seinen Sattelgurt zuschanden ritt. Sogar Rusty – und bei dem hätte man doch gedacht, der wär sich zu gut für solche Kindereien –, sogar Rusty fing an, sich zu rühmen, wieviel Pferde er schon verbraucht habe.

Randal, der hatte alles gehen lassen, wie es ging, aber in den drei Tagen brachten wir beinah die Hälfte von allem wieder in Schick, was er hatte verlottern lassen. Aber ich mußte auch den Pferden eine Extraration Hafer bewilligen lassen. Und was Randal war, der machte ein großes Geschrei darüber.

Wie die Woche vorbei war, hatte ich alle soweit gebracht, wie's sein mußte. Also nahm ich die Burschen mit auf so einen ersten Ausflug nach den Cañons, die von unserem Tal in die Berge im Süden hineinführten. Und an dem Tag bekamen wir auch heraus, warum wir die ganze Zeit vor den Rustlern Ruhe gehabt hatten und uns kein Hauptvieh abhanden gekommen war. Eine quere Geschichte ist es, und die Art, wie wir dazu kamen, war ebenso quer. Ich werd's erzählen.

Nämlich, an dem Abend ritten wir bis wo die Weidegründe zu Ende sind, und wir machten für die Nacht ein Lager an der Quelle vom Sauerbach. Am nächsten Morgen setzen wir uns auf unsere besten Gäule und gondeln los. Shorty und ein anderer Cowboy mit Namen Hawkes ritten ein bißchen voraus. Wir ritten grade durch eine Schlucht, und sie waren schon vor uns um eine Ecke gebogen. Mit einemmal hör ich sie rufen, und gleich drauf bellt ein Revolver. Mann, bei uns traten die Sporen und die Reitpeitschen in Aktion, und wie wir alle zusammen auf einem Klumpen um die Ecke sausen, sehn wir gleich vor uns drei Gents, die nach dem Wald hinüber verduften. Sie waren grade dabei, um die nächste Ecke zu verschwinden. Shorty versucht einen Schuß auf gut Glück, und das Pferd von einem der drei Kerle, das bäumt sich, und der Kerl, der im Sattel sitzt, fliegt herunter und knallt auf die Felsen.

Das Pferd, das hatte anscheinend nicht viel abgekriegt, denn es verschwand wie der Blitz im Wald. Aber der Reiter, der bleibt liegen und muckst sich nicht. Bis wir hinkommen, wo er lag, sind die drei Pferde und die zwei übrigen Reiter ganz außer Sicht. Dafür pfiffen ein paar Kugeln von den oberen Felsen herunter. Da wußten wir, wo sie in Deckung gegangen waren.

Mann, da sah man, wie tadellos in Form die Boys waren. Die wollten die Felsen da oben im Sturm nehmen. Aber ich ließ es nicht zu.

»Leute«, sage ich, »bis wir da hinaufgeklettert sind, können uns die Banditen, wenn sie Lust haben, gemütlich der Reihe nach abschießen, und dann können sie, wenn sie Lust haben, spurlos verschwinden! Denn hinter den Felsen da sind genug Gänge und Schluchten, um in aller Ruhe ins Gebirge zu verduften.«

Aber jetzt hatten wir ja einen Artikel, nach dem schon lange Nachfrage geherrscht hatte – eine Nachfrage, Mann, die nicht befriedigt werden konnte – einen richtiggehenden Rustler –, und zwar hatten wir ihn unter den Fingern und nicht bloß einen flüchtigen Blick auf ihn, wie er grade hinter einer Herde her verduftet, die er und seine Mitbrüder aufgejagt hatten. Nämlich sonst bekam man die Brüder höchstens auf die Art zu Gesicht – daß ein richtiger, lebendiger Rustler gefangen worden wäre, Mann, das Ding war auf der Ranch nicht erlebt worden, seit Noah seine Windeln naßgemacht hatte.

Wir kehren um und sammeln den Kerl zusammen, grade wie er sich aufrichtet und anfängt, sich den Kopf zu halten, und er flucht, daß es nur so kracht. Auf dem Hinterkopf da hatt' er eine Beule, die war ziemlich so groß wie ein Ei – es war die Stelle, wo er auf dem Felsen gelandet war, und er fängt an und befühlt sie mit den Fingern, und mächtig zart ging er dabei zu Werke, und dazu verabreicht er uns eine hübsche bunte Auswahl von den besten spanischen Flüchen, die er auf Lager hat. Er fängt damit an und erzählt Randal, für das Ding würde er noch zu zahlen haben. Und Randal, der macht ein Gesicht, als wär er ganz darauf gefaßt. Was tu ich? Ich pack den Greaser am Kragen und stell ihn mit einem Ruck auf die Füße.

»Nun, Bubi«, sag ich, »jetzt mach mal Schluß mit dem Spanisch! Es ist hohe Zeit, daß du mal ein bißchen Englisch aufbringst!«

Fängt er an: »Yo no sabe –«

Sage ich: »Du lügst wie gedruckt! Ich versteh Spanisch, aber, Mann, ich brauch mir blos anzusehn, was für eine Färbung das Weiße in deinen Augen hat, dann weiß ich, daß du ein Yankee bist, Bubi, und wir werden's noch schaffen, daß du die Sprache wieder verstehst.«

Was tut der? Er spuckt aus und zuckt mit den Achseln, als wollt er sagen, es könnt mich der Teufel holen, aber er wird den Mund nicht auftun.

Also sag ich: »Jungens, wir wollen dem Knaben eine Chance lassen, wenn er flink auf den Beinen ist. Leer ihn mal aus, Rusty!«

Rusty, der macht sich an die Arbeit. Es lohnte sich. Der Kerl hatte nicht nur zwei Colts bei sich, sondern noch ein drittes Schießeisen, einen kleinen, gemeinen zweiläufigen Derringer, den trug er an einer Roßhaarschnur um den Hals. Außerdem hatte er noch ein großes Messer in einer Lederscheide. Mann, der Kerl war ein reguläres Arsenal.

Sag ich zu Rusty: »Nun leg du auch ab, was du an Waffen bei dir hast.«

Er tut's und pellt beinah ebensoviel heraus wie der Bandit.

Sag ich zu dem Halunken: »Nun kannst du probieren, ob du die Felsen erreichst. Wir geben dir zehn Meter vor. Kommst du bis zu den Felsen, so bist du frei, aber wenn der Bursche hier dich einholt und bringt dich zurück, dann wirst du so gut sein und wirst uns brav alles erzählen, was du auf dem Herzen hast. Ist das ein Wort?«

Der Halunke sieht sich Rusty von Kopf bis zu Füßen an. Es war kein Kunststück, zu wissen, was er dachte. Der bildete sich ein, ein so großmächtiger Kerl wie Rusty, der kann nicht so fix auf den Beinen sein. Außerdem hatte der Rusty so eine Art an sich; wenn's nichts Besonderes gab, was ihn aufregte, dann sah er gewöhnlich mächtig schlaff und träge aus, als fände er großen Gefallen am Nichtstun. Also sagt der fremde Kerl: »Ich bin's zufrieden.«

Wir ließen ihm zehn Meter Vorsprung, und er segelte los. Rusty ihm nach. Well, es war ein großartiges Schauspiel, wie der fremde Kerl davonflog, aber es war noch ein feinerer Anblick, wie Rusty hinter ihm her kam, im besten Läuferstil, wie auf dem Sportplatz. Der lief so gleichmäßig wie ein Gaul im Trabrennen, und richtig, erwischt er seinen Mann, eh sie erst fünfundsiebzig Meter weg waren. Der Halsabschneider, der ergab sich nicht ohne weiteres in sein Schicksal. Der setzte sich zur Wehr und versuchte Rusty ein Bein zu stellen, aber das gab nur einen Jux mehr für uns. Rusty, der biegt ihn zu einer Acht zusammen und schleift ihn zurück, schlapp wie ein nasses Handtuch.

Es war uns ordentlich warm ums Herz. Ich setz den Kerl auf einen Felsen und sag ihm, er soll jetzt endlich den Mund auftun.

Sagt er: »Warum in Dreiteufelsnamen soll ich den Mund auftun? Wenn ihr mich mitschleift, laß ich euch wegen tätlichen Überfalls in mörderischer Absicht belangen. Ihr habt nichts gegen mich vorzuweisen. Also nehmt euch in acht. Das einzige, was dabei für euch herauskommen wird, ist, daß ihr ein paar Jahre zu brummen haben werdet.«

»Bubi«, sage ich, »das ist eine ganz hübsche Geschichte, die du uns da erzählst. Aber wenn wir dich einmal sicher im Gefängnis verspundet haben, dann werden sie dort mal im Verbrecheralbum nachschlagen, und ich will meinen Hut fressen, wenn sie den Platz nicht finden, wo du hingehörst.«

Der Kerl, der zuckt ein bißchen zusammen und versetzt mir so einen richtigen niederträchtigen schiefen Blick von der Sorte, die man noch lang im Gedächtnis behält – es kann einem passieren, Mann, daß man mitten in der Nacht aufwacht, weil einem so ein Blick wieder ins Gedächtnis gekommen ist –, und dann sagt er, sagt der Kerl:

»Allright, schafft mich nur nach der Stadt. Ich tu doch das Maul nicht auf.«

Sag ich zu Shorty: »Shorty, weißt du vielleicht einen Vorschlag?«

Shorty, der grinst. Es war nicht gut Kirschen essen mit Shorty.

Sag ich: »Allright. Aber verzieh dich ein bißchen außer Sichtweite mit dem Kerl. Ich möchte nicht, daß Pepillo irgend was Scheußliches zu sehn kriegt.«

Hab ich vielleicht vergessen zu erzählen, daß Pepillo bei uns war? Nämlich, müssen Sie wissen, Pepillo, der war immer bei mir! Nicht zehn Sekunden konnt' er sich von mir trennen, der hatte immer mächtige Angst, wenn er hinter einer Ecke zurückbleibt, gerät er Shorty in die Hände.

Also Pepillo war mit dabei, und er saß auf einem Felsen neben mir und rauchte eine Zigarette. Ein bißchen dünner war er geworden und ein bißchen brauner von dem vielen Reiten. Aber davon abgesehen, war er so frisch und gesund und so frech wie immer. Bei dem Leben, das wir geführt hatten die Woche über, war's eigentlich ein Wunder. Aber Pepillo, der hatte eine großartige Art, mit Gäulen umzugehen. Der ließ seinem Pferd ziemlich die Zügel locker, wie sonst Frauen reiten, und da er seinem Gaul nie was zuleide tat, tat ihm der Gaul auch nichts zuleide.

Sagt Pepillo: »Señor, Ihr braucht auf mich keine Rücksicht zu nehmen. Nur das wollt ich sagen: der Mann ist kein Mexikaner. Er hat sein Wort gebrochen. Kein Mexikaner bricht sein Wort.«

Die Boys, die lachen ihn aus, aber Pepillo zuckte nur die Achseln. Auf einmal ist sein Lächeln weg, wie weggewischt, und er wird aschgrau im Gesicht. Da hinten von der Stelle, wo Shorty seinen Kunden hingeschafft hatte, da kam ein Schrei, was sag ich, ein Schrei – ein Geheul. Hals über Kopf mach ich mich auf den Weg, aber bevor ich hinkomme, erscheint Shorty und führt den Kerl zu uns zurück.

Was Shorty mit ihm angestellt hatte, weiß ich nicht, aber das verdammt niederträchtige Grinsen, das war noch auf seinem Gesicht, und was der Halunke war, der war schlapp wie ein nasser Lappen. Nicht eine Spur von Trotz war mehr in dem Kerl, nicht für fünf Cent.

Er setzt sich ganz artig auf den Platz, wo ich ihn vorher hingesetzt hatte und erzählt seinen Spruch recht brav und folgsam, wie ein kleiner Junge, der seine Lektion aufsagt. Wenn er bloß einen Augenblick steckenblieb, dann brauchte ich nur mit dem Daumen nach Shorty zu zeigen, dann brachte der Kerl sein Mundwerk wieder in Bewegung.

Was er erzählte, war nicht schlecht, Mann, das war ein Paradestück. Almadares, sagt er, was Almadares ist, der hatte, wie ich schon erzählte, seinerzeit auf der Ranch mit dem Rindvieh gewaltig aufgeräumt. Wie das Ding fertig war, geht er hin und verlangt von Valentin Mauricio die Hand seiner Nichte. Denn so war das ja ausgemacht. Und Mauricio, der empfängt ihn höchst liebenswürdig und ist ganz einverstanden, bloß wie die beiden hingehn und wollen der Leonor sagen, welches Glück ihr bevorsteht, da ist das Mädel auf und davon.

Mauricio, der stellt sich hin und schwört bei allem, was ihm heilig ist, er weiß nicht, wo das Mädel hingekommen ist. Almadares, der stellt sich hin und schwört, Mauricio lüge in seinen Hals hinein, und er habe seine Nichte absichtlich weggeschickt, um seinen Partner zu betrügen. Es war ein großartiger Salat.

Wie der fremde Halunke sein Garn soweit hatte, platz ich ihm dazwischen und sag:

»Paß mal auf, Mann, dieser Knabe da, der Almadares, der ist doch ein richtiges Musterexemplar oder etwa nicht? Hübsch und jung und so weiter.«

Sagt dieser Galgenvogel so richtig feierlich: »Es gibt bloß einen Almadares«, und wackelt mit dem Kopf, »es gibt bloß einen!«

Sag ich: »Well, wenn das so ist, dann muß es doch so sein, daß Almadares recht hat und Mauricio hat gelogen. Es kann doch kein Mädel geben, das Almadares den Laufpaß geben wird.«

Sagt der Halunke: »Nicht, wenn sie bei Verstand ist. Aber die Leute erzählen sich, bei dem Mädel ist es manchmal nicht ganz richtig im Kopf. Die hat so eine überspannte Art an sich, man weiß nie, was für einen Einfall der in der nächsten Sekunde durch den Kopf schießt.«

Sage ich: »Schon gut, erzähl uns das andere.«

Na gut, er erzählt uns das andere, nämlich, es gab einen fürchterlichen Krach zwischen den zwei Viehdieben. Mauricio sammelte seine Leute, und da er schon wußte, es wird zum Kampf kommen, dacht er, es ist auf alle Fälle besser, wenn er Almadares zuvorkommt. Also versucht er, ihn mitten in der Nacht zu überfallen. Das gelang auch so halb und halb, aber wenn auch ein paar von Almadares' Leuten dran glauben mußten, Almadares selbst schlüpfte ihm durch die Finger und brachte den Rest seiner Bande zusammen. Das war schlimm für Mauricio. Wie der Almadares mit seinen Kerls über ihn und seine Bande herfiel, das wirkte, wie wenn man mit einem heißen Messer in die Butter fährt. Die ganze Mauriciogesellschaft, die wußte sich keinen Rat, als sich auf die Socken zu machen und in den Wald zu flüchten. Da saßen sie nun und hatten sich den Rücken gut gedeckt, aber Almadares, der stellt seine Leute ringsherum und fängt an und macht sich an eine regelrechte Belagerung.

Das Ding war aber so. Der ganze Kram, der war jetzt schon eine ganz stattliche Reihe von Tagen her, und in der Zwischenzeit waren Almadares und seinen Leuten die Vorräte ausgegangen, trotzdem sie ab und zu ganz anständiges Jagdglück hatten. Und deshalb war der Bandit, mit dem wir's jetzt zu tun hatten, mit zwei Kollegen nach der Ranch hinuntergeritten, um ein paar von Randals Kühen zu besorgen, mit denen sie das Loch in ihren Magen stopfen konnten.

Sage ich zu dem Kerl: »Nun, Mann, wenn Almadares und seine Mannschaft hungrig sind, dann, scheint mir, werden Mauricio und seine Bande schon halb verhungert sein.«

Sagt der Kerl: »Und ob! Die kochen ihr Lederzeug und kauen es!« Mann, das mußte eine scheußliche Art von Hunger sein – bloß wenn ich daran dachte, knüllte sich mir der Magen zusammen.

*

Wie ich mir das Ding anhöre, da fährt mir so eine Idee durch den Schädel. Sie werden gleich sehen. Sag ich zu dem Kerl:

»Wieviel Leute hat Mauricio bei sich?«

Sagt er: »Ungefähr zweiundzwanzig.«

»Und wieviel Almadares?«

»Siebzehn, ohne mich.«

»Hallo, Mann, überleg, was du sagst. Siebzehn Mann sollen genügen, um dreiundzwanzig am Ausbrechen zu verhindern?«

»Ihr vergeßt, Señor, einer von diesen siebzehn ist Pablo Almadares, der gilt für zehn.«

Und nun sehn Sie, Mann, diesmal war's kein Mexikaner, der über Almadares in Verzückung geriet. Es war ein Yankee wie Sie und ich. Da war kein Zweifel, der Kerl meinte, was er sagte. Der rollte nur so mit den Augen vor Begeisterung, wenn er von seinem Boß sprach.

Well, Mauricios Bande und Almadares Bande zusammengerechnet, steckten nicht mehr als vierzig Mann oben in den Bergen. Mich und Randal eingerechnet, waren wir elf Mann, und das ist ein bißchen wenig gegenüber vierzig. Wenn ich indessen zur Ranch zurückritt und alles zusammentrommelte, was ein Schießgewehr tragen konnte, dann konnt ich immerhin sechzehn Mann zusammenbringen, und wenn man mich und Randal dazurechnete, achtzehn.

Well, mit achtzehn Mann, die gut bewaffnet sind und gut trainiert und die darauf gefaßt sind, Hiebe auszuteilen, mußte doch was auszurichten sein. Sag ich zu dem Fremden:

»Bubi«, sag ich, »wie heißt du?«

Sagt er: »Chisholm.«

»Du lügst«, sage ich. »Also – heraus mit der Sprache!«

Sagt der Kerl: »So wahr mir Gott helfe!«

»Der«, sage ich, »der wird dir nichts helfen, hier ist's zu weit von der Stadt. Komm du mal schleunigst mit dem richtigen Tatbestand ans Tageslicht und, Mann, bilde dir nicht ein, daß du mich anlügen kannst, ich kenn dich bereits viel zu gut.«

Sagt er:

»Allright«, sagt er, das quetscht er so durch die Zähne, »Ihr seid mir über. Ich will alles sagen. Mein Name ist Chet Roscoe.«

Er sagt das so daher, man hätte meinen können, es wär wahr. Er knirschte mit den Zähnen, und seine Augen glühten, als erwartete er, all der Verbrechen angeklagt zu werden, die er unter diesem Namen begangen hatte. Richtig herausfordernd war's. War aber alles Schwindel. Ich nicke mit dem Kopf, als glaubte ich's, und wie ich ihn heimlich beobachtete, da sah er plötzlich richtig erleichtert aus.

Ich nicht faul, reiß den Revolver heraus und setz das Schießeisen dem Kerl auf die Lippen.

»Du Stinktier«, sage ich. Sage ich: »Jetzt sofort heraus mit dem richtigen Namen!«

Der Kerl, der war so wüst, der war drauf und dran, in den Revolverlauf zu beißen. Dann weicht er zurück und leckt sich das Blut von den Lippen. Der Donner, Mann, ich hatte ihm das Schießeisen nicht besonders zart appliziert! Mann, ich kann Ihnen sagen, der Kerl fängt eine Wirtschaft an, er kriecht beinah und krümmt sich, und wie er drauf und dran ist zu reden, wirft er einen Blick auf die andern und klappt den Mund wieder zu. Dann gibt er mir ein Zeichen. Was konnt ich tun? Ich beug mich zu ihm herunter, dicht an seinen Mund.

Sagt er: »Ich bin Sammy Dance«, sagt er. »Um Himmels willen, sagt's nur keinem der anderen!« sagt er.

Du lieber Himmel, Mann, ich hatte niemals etwas von Sammy Dance gehört, aber wie ich mir den Betrieb ansehe, den der Kerl macht, da weiß ich schon genug. Was der angestellt hatte, mußte schon eine recht üble Sache sein. Bei uns draußen braucht sich einer nicht gleich zu verstecken, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hat.

Sage ich: »Sammy«, sage ich, »willst du uns dahin führen, wo sich Mauricio und Almadares in den Haaren liegen?«

Man hätte meinen können, ich hätte ausgelangt, um ihn niederzuschlagen, so stellte er sich an.

»Um Himmels willen!« schreit er. »Habt Mitleid!« schreit er, und dabei fuchtelt er mit den Armen in der Luft herum. »Almadares würde kein Auge zutun, bis er mich erwischt hat.«

Sage ich: »Nur Ruhe, Mann«, sage ich. »Um Almadares brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Nämlich, was wir sind, wir werden die ganze Bande zusammen in den Sack stecken.«

Der Kerl, der fängt an und schüttelt den Kopf, als ob er's uns nicht zutraute, aber ich hatte nicht die Zeit, mich mit ihm in lange Redereien einzulassen.

Ich sag den Burschen, wir wollen nach Hause reiten, und auf dem Weg setzte ich ihnen haarklein auseinander, was ich von ihnen erwartete. Natürlich, es wär auch gegangen, wenn ich einfach mit ihnen in die Berge hinaufgeritten wäre und hätte ihnen dort gesagt, was sie zu tun hätten. Aber solche Kunststücke, die waren mit den Burschen nicht nötig. Es waren alles richtige reguläre Mannsbilder, und je mehr man sie als Männer behandelte, desto besser war's für den Effekt. Unterwegs setze ich ihnen also klipp und klar auseinander, was ich im Schilde führ. Mann, es war genau, als ob sie meine Leutnants wären, von denen jeder einen Haufen Leute zu kommandieren haben würde, obgleich sie doch in Wirklichkeit nur sich selbst zu kommandieren hatten. Nun will ich Ihnen sagen, was ich vorhatte. Auf der Ranch, da wollten wir uns mit allen Waffen bepacken, die wir finden könnten. Um drei Uhr früh sollte aufgebrochen werden. Die besseren Pferde, die nahmen wir zunächst als Handpferde mit. Wenn wir an die Berge kamen, dann sollten die Pferde gewechselt werden. Dann schlängelten wir uns unter Sammy Dances Führung in die Berge hinauf, überraschten Almadares und seine Bande und steckten sie in den Sack. Mauricio, der mußte natürlich denken, er habe Verstärkung bekommen. Der würde uns von der anderen Seite helfen, mit Almadares reinen Tisch zu machen. Wenn's dann soweit war, dann nahmen wir schließlich auch den guten Mauricio vor und machten aus ihm und seinen Leuten einen nassen Fleck in der Geographie.

Shorty, dem ging das Ding allerdings nicht ein. Wie ich's ihnen auseinandersetze, sagt er:

»Mann«, sagt er, »wenn die bloß einen Yankee am Horizont auftauchen sehn, dann ist alle Feindschaft vergessen, und sie machen gemeinsame Sache. Sie fechten wie die Teufel.«

Aber, davon abgesehen, war auch Shorty ganz dafür, die Sache wenigstens zu versuchen. Selbst wenn sie sich alle miteinander gegen uns zusammentun, meint er, haben wir noch eine ganz anständige Chance, sie zusammenzuhaun.

Der Donner. Alexander der Große und Napoleon haben sich nicht so stolz gefühlt, wie ich mit meiner kleinen Armee!

Wie wir nach Hause kommen, geh ich hin und frage Randal, ob er nicht einen Platz weiß auf der Ranch, wo man Sammy Dance hinter Schloß und Riegel setzen kann. Randal, der sagt, er hätte einen Keller, der wäre für so was ideal. Ich geh hinunter und seh mir das Ding an, es war just wie auf Bestellung gemacht. Der Raum, der war zum größten Teil in den lebendigen Fels gehaun und hatte eine Tür, die hätte man mit einem Sturmbock nicht einrennen können. Das Fenster maß noch keinen Fuß im Quadrat. Einfach ausgeschlossen, daß ein ausgewachsener Mann sich da durchquetschte. Also installieren wir Sammy Dance mit 'ner ordentlichen Ladung Futter im Keller, und der Kerl, der mußt es gewohnt sein, gelegentlich auf Nummer Sicher zu hausen. Er richtete sich gleich häuslich da unten ein und vertrieb sich die Zeit mit Zigarettenrauchen. Wie ich sehe, daß alles soweit in Ordnung ist, schließ ich von draußen zu, steck den Schlüssel ein und gehe mit Pepillo in mein Zimmer hinauf.

Sag ich zu Pepillo: »Küken«, sag ich, »du hast dich ja heut den ganzen Tag zu nichts geäußert.«

Sagt Pepillo: »Wozu sollte ich Worte machen, Señor? Ihr seid ja doch nicht willens, Euch meinen Rat zu Herzen zu nehmen.«

Sage ich: »Heraus mit deinem Rat«, sage ich. »Dann wolln wir sehn, was ich damit anfangen kann.«

Sagt Pepillo: »Ach, es ist nur eine Kleinigkeit, Señor. Nämlich, Ihr kennt Almadares nicht.«

Sage ich: »Kennst du ihn denn?«

»Und ob!« sagt das Küken. »Ob ich ihn kenne? Jeder Mexikaner kennt ihn. Ich weiß über ihn Bescheid. Er ist wie Achilles. Es ist einfach ausgeschlossen, daß der in einem Kampfe unterliegt, das ist bei ihm immer so.«

»Wenn das bei ihm immer so ist, Küken«, sage ich, »dann wird er sich dazu verstehen müssen, seine Gewohnheiten jetzt ein bißchen zu ändern«, sage ich. »Meine Boys sind nicht zu Scherzen aufgelegt.«

Pepillo, der nickt.

»Eure Leute, Señor«, sagt er, »werden viele erschlagen. Aber was nützt das alles, wenn Almadares entkommt? Er wird mehr Leute auf die Beine bringen und zurückkommen, und dann wird er es sein, der überraschend über Euch herfällt.«

Und ich kann Ihnen sagen, da konnte ich reden wie ein Buch, bei der Ansicht beharrte er. Da war nichts zu machen, und ich gab's auf, mich mit ihm herumzustreiten.

Wir krochen so früh als möglich in die Klappe. Die Pferde waren bereit. Um zehn mach ich noch meine Runde, um zu sehn, daß alles vorbereitet ist, und dann geh ich zu Bett. Das letzte, was ich sehe, ist Pepillo, wie er mit gekreuzten Beinen auf dem Ziegenfell hockt, auf dem er zu schlafen pflegte, und die Lampe ausbläst. Wie's dunkel ist, bleibt er noch sitzen, und ich sehe, wie seine Zigarette gelegentlich aufglüht, bis ich schläfrig werde und einschlafe.

Plötzlich wach ich auf. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß einer sich über mein Bett beugt. Ich fasse rasch zu und krieg einen Arm zu fassen – behutsam war ich nicht grade, das können Sie mir glauben –, und der Arm ist so zart, ich greife gleich durch bis auf den Knochen. Und ich höre, wie Pepillo stöhnt, ächzt:

»Um Gottes willen, Señor, schont mich, Ihr zerbrecht mir ja den Arm.«

Und mit dem klirrt was auf den Boden, wie Metall. Ich heraus aus dem Bett – Pepillo schlepp ich mit –, und mit der freien Hand steck ich die Lampe an. Pepillo war zu Tode erschreckt, richtig weiß war er im Gesicht. Dem war der Schrecken so in die Glieder gefahren, daß er zum erstenmal in seinem Leben kein Sterbenswort auf Lager hatte.

Ich nehme die Lampe und such auf dem Boden, und da seh ich auch, was er hatte aus der Hand fallen lassen, als ich ihn packte. Da lag, in Lebensgröße, der Schlüssel von dem Raum im Keller, wo ich am Nachmittag Sammy Dance eingesperrt hatte.

*

Ich seh den Schlüssel an, ich seh das Küken an. Was für einen Streich hatte der verdammte kleine Blauhäher wieder ausgeheckt? Ich frage ihn, er antwortet nichts, bloß Gesichter zieht er.

»Küken«, sage ich, »Küken, wenn du mir den Teufel über den Hals gebracht hast«, sage ich, »wenn du mir meinen Plan versaut hast«, sage ich, »dann wirst du von mir eine solche Tracht Prügel beziehen, daß du sie dein ganzes Leben lang nicht vergißt; verstehst du?«

Meine Reitgerte lag auf dem Boden. Ich bück mich und nehme sie fest in die Hand. Er schluckt und druckst, aber er ist nicht zum Sprechen zu bewegen. Also pack ich ihn und schleif ihn mit hinunter in den Keller.

Ich schließe auf und sehe hinein. Von Sammy Dance keine Spur.

Wir hatten eine kleine Lampe unten brennen lassen. Ich leuchte in alle Ecken, der Kerl war weg. Ich werf die Tür zu und fall auf die leere Pritsche. Mann, mir war übel zumut. Die Beine trugen mich nicht mehr.

Sag ich zu Pepillo: »Pepillo«, sage ich, »willst du mir endlich sagen, warum du das getan hast?«

Der schüttelt bloß mit dem Kopf.

Sage ich: »Paß mal auf«, sage ich, »das war die größte Chance, die mir je im Leben beschieden war. Ich hätte diese Bande von Halsabschneidern auslöschen können, ich hätte hergehen können und hätte das Viehstehlen zum unbeliebtesten Sport in der Welt machen können, soweit das Sauerbachtal in Betracht kommt! Und jetzt gehst du her und verdirbst mir die Partie. Du hast diese faule Nummer hier herausgelassen. Da schlag doch gleich das Donnerwetter – willst du mir endlich sagen, warum du das getan hast?«

Endlich schießt ihm wieder ein bißchen Farbe ins Gesicht.

»Ich lass' mich nicht zwingen, etwas zu sagen«, sagt er.

Mann, ich sage Ihnen, wenn ich daran dachte, wie dieses Küken alles und jedes ruiniert hatte und wie jetzt Sammy Dance durch die Nacht sauste, um uns bei Almadares zuvorzukommen und ihm alles zu erzählen, was wir gegen ihn im Schilde führen – Mann, das war einfach unerträglich. Es war nicht zum Aushalten. Ich packe das Küken bei den Handgelenken – was für dünne Handgelenke das doch waren – und halte sie beide fest in der linken Hand.

Sag ich zu ihm: »Blauhäher«, sag ich zu ihm, »ich habe mir von dir einen verdammten Haufen gefallen lassen, und nicht bloß ich, andere auch. Du hast einen fixen Verstand und du hast Courage, und das mag ich an dir – aber, Kerl, eins tut dir bitter not: du brauchst einen Vater, der dir so lange das Fell gerbt, bis du zugestutzt bist, Menschenkind, ich habe eine Wut, ich könnte dich in Fetzen reißen.«

Er macht 'nen plötzlichen Satz nach hinten, aber das half nichts. In meiner linken Hand hatt' ich genug Kraft, um ihm die Knochen zu zerdrücken, wenn ich wollte.

Sagt mein Blauhäher: »Señor«, sagt er, »tut's nicht!«

»Pah«, sage ich, »willst du dich losbetteln?«

Den Augenblick bückt er sich und hackt mir die Zähne ins Handgelenk. Er biß so fest zu, und ich war so überrascht, daß ich ihn losließ. Er tut 'nen Sprung und ist schon halb zur Tür raus, da pack ich ihn im Genick und reiß ihn zurück, und nehme wieder seine Handgelenke kreuzweis in die Hand. So außer mir war ich, Mann, ich konnt nicht aus den Augen sehn.

Sag ich: »Pepillo«, sag ich, »ich schwör dir's, ich fleh zu Gott, daß er mich bewahrt, dir einen Schaden zu tun, aber das sag ich dir, du kriegst, was du verdient hast!« sage ich. Und mit dem zieh ich ihm die Reitgerte über die Schultern.

Er tut keinen Mucks, er zuckt nicht mal zusammen. Den Augenblick, wo er die Peitsche spürt, steht er bolzengerade und schaut mir ins Auge. Ich hatte gerade wieder ausgeholt und stutze just eine halbe Sekunde lang.

Sagt er: »Señor«, sagt er, »ich wollte nicht, daß Ihr blindlings mit dem Kopf in die Schlinge rennt, nur deshalb hab ich den Mann losgelassen. Der Tod war Euch sicher.«

»Der Tod war mir sicher?«

»Almadares«, sagt Pepillo, »Almadares ist der sichere Tod. Señor, ich sage Euch, Ihr seid in seinen Händen nicht mehr als ich in Euren, und hier bin ich – in Euren Händen!«

Er meinte es sicher ganz ehrlich, aber just in diesem Augenblick war bei mir nicht viel damit zu gewinnen, daß man mir erzählte, daß ich einem andern Manne hilflos ausgeliefert sei. So versetz ich ihm ein gutes halbes Dutzend pfeifende Hiebe, blindlings, ohne hinzusehn. Wissen Sie, Mann, was mich wieder zur Vernunft brachte? Der Junge stand so stockstill, er tat nicht einen Schrei, er versuchte nicht auszuweichen, er versuchte nicht, seine Hände frei zu bekommen. Mann, es gibt nichts, was schlimmer ins Fleisch frißt als so eine lederne Reitgerte. So ein Ding ist scharf wie ein Messer und schneidet auch wie ein Messer, bloß ein Schnitt mit 'nem Messer tut nicht so weh. Wenn's mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätt' der Junge schreien müssen, daß das Haus wackelt.

Und, wie gesagt, daß er nicht den Mund auftut, das bracht mich wieder zu mir. Es wird mir wieder hell vor den Augen, und ich seh Pepillo, wie er dasteht, den Kopf hoch und ein bißchen von mir weggedreht, als wollte er's vermeiden, mein Gesicht zu sehen – und in seinen Augen war so ein merkwürdiger Ausdruck – kein Schmerz – nur Scham, unausdenkbare Scham.

Mann, ich sage Ihnen, mir fiel die Reitgerte glatt aus der Hand. Ich ließ seine Handgelenke los. Ich hatte ihn so festgehalten, sie waren weiß wie Schnee, wo meine Hand sie gedrückt hatte.

Du lieber Himmel, ich wußte selbst nicht, warum mir so zumute war. Das Küken hatte sich unglaublich benommen, ganz niederträchtig hatte es sich gezeigt – sagen Sie selbst, verdiente er nicht eine Tracht Prügel – und eine gehörige Tracht Prügel?

Well, es ist freilich so, eine Reitgerte ist für die Pferde bestimmt, und Pepillo hatte eine mächtig dünne Haut, und außerdem, Mann, wie ich so in blinder Wut auf ihn losgedroschen hatte, war ihm das scharfe Ende der Peitsche quer übers Gesicht geflitzt und hatte eine weiße Spur hinterlassen. Das Ding lief jetzt rot an und fing an zu schwellen. Es war nicht übermäßig schlimm, müssen Sie wissen, aber dennoch, wie ich's plötzlich sehe, daß ich ihn ins Gesicht getroffen hatte – es war, als hätte mir einer ein Messer ins Herz gerammt.

Er fällt auf die Pritsche, wo jetzt Sammy Dance hätte liegen sollen, und bleibt da mit geschlossenen Augen sitzen. Sagt er:

»Dios! Dios! Dios!« sagt er und fährt sich mit der Hand nach der Kehle, als wär er am Ersticken.

Und, Mann, es war keine Schauspielerei. Wenn man ihn ansah, man hätte meinen können, ich hätte grade in dem Augenblick so ein Mittelding zwischen einem Herzog von York und einem Senator der Vereinigten Staaten mit der Reitpeitsche traktiert.

»Pepillo«, sage ich, ich weiß nicht wieso – mir ist unerträglich zumut. »Ich hab unrecht getan, ich hätte dich nicht mit der Reitpeitsche schlagen sollen. Ich hätte dich nicht ins Gesicht schlagen sollen; bloß, Küken, ich war so außer mir vor Wut! Du mußt mir glauben, wenn ich dir sage, daß ich nie daran gedacht habe, dich ins Gesicht zu schlagen, mit einer Peitsche nicht und mit sonst nichts. Glaubst du mir das, Sonny?«

Sagt er: »Sonny?« sagt er und lacht so ein bißchen, ein queres Lachen war's. Sagt er: »Ah, well, Señor«, sagt er, »wenn Ihr Euch mit der Peitsche genügend ausgetobt habt, verschont mich wenigstens mit Eurem plumpen Mundwerk, Señor. Kann ich gehn?«

Ich blieb noch einen Augenblick da vor der Tür stehn, Mann, ich hatt' so ein großmächtiges Bedürfnis, noch was zu sagen – es schien, als müßt ich noch was sagen –, aber ich konnt um keinen Preis der Welt herausbringen, was das sein sollte. Bloß das eine wußt ich, mir war sterbensübel zumut.

»Du wirst mir doch nicht davonlaufen, Pepillo?« sage ich.

Er geht an mir vorbei zur Tür hinaus, und wie ich das sage, dreht er sich rum und starrt mich an.

»Ist es irgendwie wahrscheinlich, daß ich noch dableiben würde?« sagt er.

»Es ist nicht wahrscheinlich, Sonny«, sag ich, »aber, Küken, wenn du's fertigbringen könntest und würdest mir nur eine Minute lang zuhören, dann könnt ich dir vielleicht auseinandersetzen, warum's bloß zu deinem eigenen Besten gewesen sein kann, daß du die Hiebe bekommen hast.«

Sein Gesicht zuckt, und eine Armee bösartiger Teufel starrt aus seinen Augen.

»Begreift Ihr nicht, daß ich Euch verabscheue? Mehr verabscheue – als Worte sagen können«, sagt er. »Ihr Hund von einem Gringo, Ihr Hund von einem Gringo!«

Und – soll ich verdammt sein! – bricht er plötzlich in Tränen aus. Jawohl, Verehrter. Ich hatte ihn geprügelt, und er hatte nicht eine einzige Träne vergossen, aber jetzt machte ihn die Wut und die Scham so wild, daß es aus ihm herausbrach.

Ich mache keinen Versuch, ihn zu trösten. Ich steh da und lass' den Kopf hängen wie ein Hund, der einen Fußtritt gekriegt hat, und mehr konnt ich nicht tun, um zu zeigen, wie mir zumute war.

Sage ich: »Blauhäher«, sage ich, »schimpf, soviel du Lust hast, ich nehme dir's nicht übel. Das einzige, was ich wünsche, wäre, daß es Worte gibt, mit denen du an mir Vergeltung üben kannst.«

Ah, Mann, da hatt' ich einen Einfall. Mir schießt eine Idee durch den Kopf. Es gab mir einen ordentlichen Schlag. Ich bück mich und heb die Peitsche auf.

»Ah«, sagt Pepillo, »geht's wieder los?«

Ich reiche ihm den Handgriff hin. Sage ich: »Küken«, sage ich, »da ist nicht dran zu rühren, ich hab mich wie ein schäbiger Hund zu dir benommen. Freilich, ich habe eine dickere Haut und eine härtere Hand als du, aber du hast volle Freiheit, mit der Peitsche auf mich loszudreschen, bis dir der Arm herunterfällt. Mach voran und hau los.«

»Ihr lügt!« sagt Pepillo. Er schüttelt seine Tränen ab. So wütend war er, richtig die Zähne fletscht er gegen mich. »Ihr lügt! Das ist gemeiner Bluff. Ihr wißt genau, daß ich mich nicht trauen darf.«

Ich zieh den Rock herunter.

»Nun«, sage ich, »leg los«, sage ich, »und verdammt will ich sein, wenn ich mich rühre.«

»Dann ...«, heult Pepillo, und er packt den Griff mit beiden Händen und schwingt die Peitsche über den Kopf. Sie sang in der Luft und traf mich quer über die Brust. Ich fluchte, es ging nicht anders, es tat so verdammt weh. Aber ich sah ihm stramm in die Augen und zuckte nicht.

Er holte wieder mit voller Wucht aus, aber wie er mich dastehen sieht und auf den Schlag warten, da ist plötzlich die Wildheit aus seinem Gesicht wie ausgelöscht. Er läßt die Peitsche fallen und schluchzt auf, und plötzlich dreht er sich um und rennt zur Tür hinaus und die Kellertreppe hinauf. Seine Füße flogen nur so.

»Pepillo!« ruf ich ihm nach.

Aber oben schlug die Tür zu, und das Echo war meine einzige Antwort. Pepillo war fort, und ich wußte, ich werde ihn nie wiedersehen. Mann, wie ich die Kellertreppe hinaufschlich, mir war zumute wie bei einem Begräbnis, nicht einen Deut anders.

Ich geh ins Schlafhaus hinüber und wecke Rusty McArdle und Shorty und nehme sie mit mir vors Haus hinaus. Es war so ein bißchen schwaches Mondlicht draußen. Und ich sage:

»Der Kerl«, sage ich, »der uns führen sollte, ist zum Teufel. Das Küken hat sich eingebildet, wir rennen in unseren sicheren Tod, wenn wir mit dem Almadares zusammengeraten. Deshalb hat es mir den Schlüssel gestohlen und hat den Burschen losgelassen.«

Rusty, der konnt nicht ein Wort herausbringen. Der hatte sich so auf den Kampf gespitzt, daß er dastand wie aufs Maul geschlagen. Aber Shorty, der war nicht still. Was er in den ersten zwei Minuten sagte, das übergehen wir hier, das läßt sich nicht niederschreiben. Dann sagt er:

»Ich habe doch gewußt«, sagt er, »daß die verdammte kleine Ratte uns was antun wird, eh' wir mit ihr zu Ende sind. Und wenn ich ihn jetzt zwischen die Finger bekomm, dann ... Daß dich! – ich will verdammt sein, wenn er nicht gerade eben da drüben versucht, sich wegzuschleichen.«

Und so war's. Zwischen dem Haus und dem Viehschuppen stand ein Stückchen Wald, und im Mondlicht sehen wir gerade noch, wie Pepillo zwischen den Stämmen verschwindet. Well, ich hatte solche Lust, ihm nachzulaufen und zu versuchen, ihn zurückzuhalten. Aber ich rührte mich nicht. Ich wußte, es war nutzlos. Aber wie Shorty das Küken zu Gesicht bekommt, da heult er auf, richtig wolfsmäßig heult er auf und flitzt ihm nach wie der Blitz.

 

* * *

 

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