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Gutenberg > Max Brand >

Pepillo

Max Brand: Pepillo - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Brand
titlePepillo
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid1562d31b
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Es gab mir richtig einen Stoß. Sie würden's nicht glauben, was für einen grausam gewaltigen Stoß mir das Ding gab. Ich bin dabei gewesen, wie man Männern, richtigen, ausgewachsenen Männern so übel mitgespielt hat, daß sie laut herausplärrten, und Schlimmeres können Sie kaum erleben als das. Aber ich weiß nicht, wie ich dazu kam, ich hatte schon angefangen zu glauben, daß das Küken mehr Bravour in sich hatte als jeder Mann. Der hatte so 'ne Kaltschnäuzigkeit, so 'ne gerissene Niedertracht, so ein Tempo an sich – nicht im Traum hätt' ich mir einfallen lassen, daß der plötzlich schlapp macht, und wenn 'ne Batterie vor ihm aufgefahren wäre und hätte ihm vor der Nase die Hölle losgelassen – dacht ich –, da guckt der in die Mündungen hinein und macht nicht schlapp.

Und jetzt? O je! Da sitzt er jetzt, mit dem Kopf auf dem Tisch, und schluchzt, daß sein kleines, dürres Gestell nur so fliegt. Ich war wie aus den Wolken gefallen. Ich ruf durchs Fenster rein:

»Hallo, Küken, mach voran, es ist hohe Zeit zum Verduften.«

Er springt vom Tisch auf, wie von einer Kugel getroffen. Aber es war Freude. Die Augen hat er noch voll Tränen, aber mit einem Schlag ist er vergnügt und lacht mich an. Ritsch, ratsch, fährt er sich mit der Hand über die Augen, da war keine Spur mehr von der salzigen Bitternis, höchstens daß hie und da noch etwas in seinen langen schwarzen Wimpern blitzte.

»Ich dachte, Ihr wäret auf und davon«, stößt er raus, »ich dachte, Ihr hättet Euch heimlich aus dem Haus gedrückt – Ihr hättet's mit der Angst bekommen und wärt mir davongelaufen.«

Sage ich: »Ich habe mich aus dem Haus gedrückt und ich habe alles gesehen und, Junge, das sag ich dir, und ob ich Angst gehabt habe! Und ich hab stark vor, dich hier als zukünftigen Leichnam zurückzulassen, wenn du dich nicht verdammt beeilst und jetzt mitkommst.«

Drunten heulte und brüllte die ganze Meute. Aber mein Küken, der legt die Hände auf den Tischrand und lächelt mich an und sagt: »Ach, ich hatte solche Angst, Ihr hättet mich im Stich gelassen, ich hatte solche Angst, Ihr wärt ausgerissen und hättet nur an Euch gedacht. Oh, Señor!«

Den Jungen hätte man sehn sollen! Der wird ein bißchen rot und grinst mich so recht dumm und selig an. Mann, man hätte glauben können, ich bin ein Weihnachtsmann mit einem Sack voll Pfeffernüsse, oder ich bin sein Schatz, und es ist unser erstes Wiedersehn nach langer Trennung.

Sage ich: »Verdammter, kleiner Rappelkopf, hörst du nicht, wie die da unten johlen? Noch eine Minute, und sie sind hier. Gewiß, ich hab gesehn und gehört, was du getrieben hast, und von allen faulen Kisten, die ich in meinem Leben erlebt habe, hast du dir die dümmste und die schlimmste geleistet. Da ist nicht dran zu tippen. Hier, wo wir stehn, hast du das Grab für uns gegraben. Jetzt aber Dampf dahinter, oder ich mach mich ohne dich auf den Weg!«

Straf mich Gott, der rührt keinen Finger, nein Verehrter, der steht bloß da und lacht mich seelenvergnügt und zufrieden an.

»Mach fix! Ich muß jetzt weg, Pepillo«, sage ich.

Ah, der, der schüttelt bloß den Kopf. Sagt er:

»Señor! Nein, Señor, Ihr werdet mich nicht im Stich lassen.«

Ich konnt mir keine Vorstellung machen, was in seinem Hirnkasten vorging. So ein Narr! Ich rutsch zum Abzugsrohr hinunter und ruf bloß noch:

»Na schön, du siehst, ich mach Ernst.«

Ich denke: gleich werd ich hören, wie er ans Fenster stürzt. Aber da war keine Rede davon. Was bleibt mir übrig? Ich schaff mich wieder rauf ans Fenster und schau hinein. Da steht er immer noch am Tisch, genau wie vorher, und lacht zu mir herüber.

Was denken Sie, was er sagt?

»Nun also«, sagt er, »Ihr seht, ich fall nicht drauf rein. Ich verstehe«, sagt er.

»Was? Was verstehst du denn, du Dickschädel?« sage ich. »Nichts verstehst du! Guter Gott, wenn sie dich zwischen die Finger bekommen, sie reißen dich in Stücke. Hast du's begriffen?«

Sagt er so ganz kühl: »Sie werden mich nicht in die Finger bekommen.«

»Ich will verdammt sein«, brüll ich ihn an, »bei dir ist eine Schraube losgegangen. Das ist klar wie dicke Tinte. Willst du mir vielleicht sagen, was die Kerle hindern soll, Hand an dich zu legen?«

»Was sie hindern soll?« sagt er. »Ihr, Señor!« sagt er so süß.

Ich war ganz hilflos, ich denke, ich werde auf der Stelle verrückt. Ich denke, ich werd ersticken. Mir flimmert's vor den Augen.

Sage ich: »Am liebsten möchte ich dir selbst den Hals umdrehn, du Idiot!« sage ich. Und, weiß Gott, das war nicht bloß so gesagt. »Pepillo!«

Nichts zu machen, er schüttelt bloß den Kopf und lächelt weiter. Jetzt war ich ganz sicher: übergeschnappt war er.

Verleg ich mich also aufs Bitten. »Um Gottes willen, Pepillo«, sag ich, »komm rasch mit. Es ist der sichere Tod für uns beide, wenn wir noch einen Augenblick bleiben.«

Er legt den Kopf auf die Seite, wie ein Vogel auf seinem Ast, wenn die Sommersonne auf ihn scheint.

»Señor«, sagt er, »Señor, ich kann nicht weg, ich hör es zu gern, wie die Meute da unten johlt und blafft.«

Sage ich: »Bei Gott«, sag ich, »es hilft dir nichts, daß du 'nen Sparren hast. Deshalb verschonen sie dich doch nicht! Wenn du nicht freiwillig gehst, dann wend ich Gewalt an.«

Hiß ich mich richtig über die Fensterbrüstung hinein und stürz auf ihn los. Erschlagen können Sie mich. – Wissen Sie, was passierte, Mann? Beinah hätt' ich ein Messer quer durch die ganze Hand gekriegt.

Da steht er in der Zimmerecke, der Pepillo, mit seinem niederträchtigen, giftigen, mexikanischen Grinsen auf dem Gesicht und fletscht die Zähne, und eines von seinen langen dünnen Messern hat er in der Hand.

Sagt er: »Señor«, sagt er; »wenn Ihr mich anrührt, seid Ihr des Todes. Ich hab es Euch schon einmal in Aussicht gestellt! Und ich schwör es bei meiner Ehre und bei dem Kreuz, das ich am Halse trag!«

»Du hinterhältiges Scheusal!« sag ich.

Vollständig hilflos war ich. Reineweg geliefert. Wo sollt ich hin? Was sollt ich anfangen? Ich hatte keine Ahnung. In meinem ganzen Leben habe ich nichts mitgemacht, was mehr wie heller Wahnsinn aussah. Und dabei war mein Blauhäher keiner von denen, denen man's zutraut, daß sie toll werden. Der am allerwenigsten! Der war eher dazu da, die anderen zum Wahnsinn zu treiben.

Da steht er, und von der bösartigen Fratze ist nicht mehr die Spur zu sehn. Jetzt lacht er wirklich.

»Señor«, sagt er, »das ist direkt spannend. Hören Sie doch, jetzt haben sie gleich die Tür demoliert unten. Das ganze Haus zittert ja. Keine Sekunde, dann haben wir sie hier.«

Ja, weiß Gott. Sie hatten unten die Tür aus den Angeln gewirtschaftet, und sie knallt auf den Boden hin, daß das ganze Haus dröhnt. Im Zimmer neben mir kreischt einer auf. Die Stimme kannt ich. Das war Randal. Was soll ich Ihnen sagen? Richtig froh wurde ich, wie ich denke, daß er jetzt auch etwas abkriegen wird, und daß es ihm genau so hundsmiserabel gehen wird wie mir.

Aber was half das? Deshalb geht doch Pepillo keinen Schritt weiter ans Fenster. Grad noch ein Zehntel von 'ner Sekunde hatt' ich Zeit, ihn auf den Trab zu bringen. Ich höre, wie sie draußen die Treppe heraufdonnern. Das nächste ist, ich reiß den Tischkasten auf und will den Revolver herauslangen. Großer Gott, der Tischkasten war leer! Wie ich aufsehe – mir war ganz scheußlich zumut –, hält mir dieses Ungeziefer von einem Jung meinen Colt unter die Nase.

»Versucht's ja nicht mit dem Revolver!« sagt er. »Sonst schlachten sie Euch ohne Erbarmen, Señor. Der Revolver bleibt bei mir. Es ist sonst eine zu große Versuchung. Ihr müßt die Fäuste gegen sie gebrauchen, Señor.«

Jawohl, Mann, der Junge hat das Herz, sich hinzustellen und mir das zu sagen, da schwör ich Ihnen tausend Eide drauf, und kalt war er wie eine Hundeschnauze, ein ganzes Ende ruhiger, als ich jetzt noch bin, wo ich doch nur das Ganze schwarz auf weiß hierher setze. Richtig wild wurde ich. Weiß Gott, den Kerl hatte sein Herrgott eigens geschaffen, um zu probieren, was ein Mensch aushalten kann. Sage ich:

»Pepillo«, sage ich, »ich denke, du hast jetzt schon mein Leben auf dem Gewissen, aber ich hab mir's mal in den Kopf gesetzt, dich vor diesen Teufeln zu retten. Willst du jetzt kommen?«

Sagt er: »So wahr ich hier stehe«, sagt er, »Señor, Ihr seid gewarnt! Ich habe Euch gesagt, ich werde nicht mitkommen. Ich nicht! Nicht einen Fuß setze ich aus diesem Zimmer.«

Ich kann schon bald nicht reden, ich keuch ihn an:

»So wahr ein Gott im Himmel lebt, willst du mir wenigstens nicht sagen, warum in drei Teufels Namen du hier vor Anker gegangen bist?«

»Ah, Señor«, sagt er, »Ihr werdet's doch nicht verstehn.«

»Jung«, sag ich, »tu den Mund auf!«

»Señor«, sagt er, »wenn Ihr hier weglauft, ist Eure Ehre zum Teufel. Aber solang ich hierbleibe, werdet Ihr nicht weglaufen.«

Da hatt' ich's nun, die Katze war endlich aus dem Sack! Weiß Gott, toll war er nicht, mein Blauhäher, der war was viel Schlimmeres, der war, wie der Pfarrer im Gefängnis immer sagte, »romantisch«. Nämlich der Pfarrer – Sie wissen ja, wir sind dicke Freunde geworden allmählich –, wenn dem was gegen den Strich ging, dann nannte er's romantisch. Das ist ein ganz treffendes Wort soweit. Nämlich das soll heißen, das Ding, wo romantisch ist, das ist wie aus so einem blöden Schmöker.

Ehre!

Pepillo, der wollte nicht, daß ich da weglaufe, damit meine Ehre nicht zum Teufel geht!

Scheint mir, ich war ein Baron oder ein Ritter oder was in dem Stil?

Vielleicht hatte der König mich mit seinem Vertrauen beehrt?

Ehre!

Und dabei kam ich frisch aus dem Gefängnis!

Ehre!

Schrei ich: »Du Holzkopf!« schrei ich ihn an. »Du kleines Großmaul! Ehre? Ich will dir was sagen, ich komme geradeswegs aus dem Kittchen. Willst du mir jetzt immer noch von meiner Ehre erzählen?«

Sagt er: »Señor«, sagt er, »ich traue Euch vollständig und bis zum Äußersten. Um Eurer erhabenen Seele willen, Señor, müßt Ihr hierbleiben.«

Sag ich: »Mein erhabener Quatsch!« sag ich und schieß auf ihn los.

Well, Mann, er stellt sich bolzengerade hin und hebt das Messer hoch, Mann, das Gesicht! Die weiße Wut saß drin. Da waren alle tausend Teufel losgelassen, und ein Stahlglanz kam ihm in die Augen – das Ding war nicht zu machen. Mir geht der Mut aus. Ich trau mich einfach nicht. Da steh ich und schnauf und verfluche ihn in Grund und Boden. Ich war beinah am Ende. Das war nun so ein Küken, so ein Häufchen Mensch, aber einen Willen hatte der, da konnt ich nicht gegen an. Die eine Minute hatte mich schlimmer hin gemacht, als wenn ich eine Meile Galopp gelaufen wäre. Und dann sagt mein Blauhäher:

»Sie sind da und verlangen nach Euch, mein Herr und Meister!«

Rrrrums! Krrrach! Sie waren vor meiner Tür angelangt.

»Immer raus da!« brüllen sie. Wo ist der Siebentöter? Wo ist der neue Boß? Möchten ihn mal sprechen, möchten uns mal anschaun, wie er von innen aussieht! Kommt Ihr raus, Boß?«

Ein ganzer Chor war das, aber den Shorty hörte man vor allen anderen raus, so ein Stierbrüllen hatte der Kerl am Leibe. Wie ich sie hör, dreh ich mich rum und schau Pepillo an. Elend war mir zumut.

Sagt das Küken: »Señor, wartet nicht, bis sie hereinkommen, sonst seid Ihr verloren.«

»Du lieber Himmel«, sag ich, »du Narr, du! Du unsagbarer Narr! Da vor der Tür steht einer, der ist allein mehr, als ich bewältigen kann. Da draußen steht der Rotkopf, der hat alles aufzuweisen, was ich aufweisen kann, und noch ein grausames Ende mehr.«

»Lauter Lug und Trug«, sagt Pepillo, »der ist nicht halb so zäh wie Ihr. Der ist wie ein Tiger, eine Minute lang ist er furchtbar, und dann ist er schwach wie Wachs. Ihr werdet sehen.«

»Und die ganze übrige Bande?«

»Die sind Null!« sagt das Küken. »Wenn ich bloß halb so stark wäre wie Ihr, wollt ich hinausgehn und sie alle über den Haufen schmeißen!«

Er wär's fähig gewesen, weiß Gott! Aus dem Stoff sind die Kerle gemacht, die zwanzig kräftige Männer unter der Fuchtel halten. Aber, Mann, ich kann Ihnen sagen, bei mir war nicht die Rede davon. Just da hatt' ich von dem Stoff nichts aufzuweisen. Immerhin sag ich mir, alles andere ist besser, als sich ganz einfach abschlachten zu lassen. Also gondle ich auf die Tür los und dreh mich um und guck das Küken an.

»Pepillo«, sag ich, »du bist ein Narr, du ahnst nicht, was für eine grausame Sorte Narr du bist, das sag ich dir. Aber ein Staatskerl bist du doch! Gott segne dich! Sieht nicht aus, als ob ich dich je wiedersehen sollte, also Servus!«

Wie ich das sage, winkt er mir mit der Hand und lächelt dazu. Ich denk, ich seh nicht recht. Er war auf einmal so bleich, weiß wie ein Leintuch war er, und die Augen sprangen ihm bald aus dem Kopf. Sah aus, als ging's ihm doch auch auf die Nerven, und er möchte, ich soll's nicht sehn. Aber die Zeit hatt' ich nicht, mit meinem schwerfälligen Hirnkasten daran noch lang zu kau'n.

Ich reiß die Tür auf. Die ganze Bande steht draußen, und ich fahr mitten hinein.

*

Ich seh die Fratzen um mich wie im dicken Nebel und mach einen Sprung mitten in die Bande hinein. Das Boxen im Gefängnis, das kam mir jetzt zustatten. Meine Fäuste, die wußten beinah allein, was sie zu tun hatten. Die ersten Schläge, die hatten's in sich, ich spür, wie meine Knöchel durch das Fleisch fahren, als wär's Watte, und auf dem Knochen landen. Gleich im ersten Augenblick fallen Stücker zwei oder drei über den Haufen und wälzen sich und brüllen und geraten den andern zwischen die Beine. Sie liegen wie Kraut und Rüben, es gab ein ordentliches Loch in dem Haufen. Ich wate durch den ganzen Salat. Wer steht vor mir und fletscht die Zähne? Shorty. Der holt aus mit der Faust, wie mit 'nem Vorschlaghammer. Mann, der Hieb, wenn der saß, der hätte einem Ochsen glatt ein Loch in die Rippen gemacht. Aber er war just 'ne Spur von 'ner Idee zu langsam. Ich duck mich, und der Schlag geht über mich weg.

Ich pack ihn am Hals, eh' er sich's versieht. Er taumelt rückwärts und fällt glatt die ganze Treppe hinunter. Ich oben drauf. Mann, das war 'ne richtige Zirkusnummer, einen regulären Salto mortale haben wir geschlagen, und dann segeln wir noch durch die Tür und landen unten im Wohnzimmer. Ich lese meine Knochen zusammen, aber Shorty, der rührt sich nicht. Der hatte sich den Kopf derart auf die Stufen geknallt, er war weg, komplett hin. Ich braucht aber keine Angst zu haben, wegen Mangel an Beschäftigung. Die ganze Blase oben kam in einem Haufen brüllend die Treppe herunter gerast, mir nach; und – das können Sie sich denken – der fixeste von der Bande war auch diesmal am raschesten unten. Das Schicksal wollte, daß er nicht bloß der fixeste war, es war auch der großmächtigste Kerl von allen.

Ich meine Rusty McArdle, falls Sie's noch nicht kapiert haben sollten. Wie er über die Schwelle kommt und sieht, meine Hände sind leer, schmeißt er seinen Revolver weg, der segelt quer durch den Raum, und wie er auffällt, knallt doch richtig ein Schuß. Die Kugel geht mir dicht am Kopf vorbei, und der Kalk fällt von der Wand. Mann, es war, als wäre das gemeine Schießeisen darauf versessen, für seinen Herrn zu fechten.

Ich seh mir den Riesenkerl an, wie er auf mich losdampft, und ich versetz ihm eins aus gutem und vollem Herzen. Mann, das hätten Sie sehen sollen, wie der sich duckt wie der Blitz und dem Hieb ausweicht. Wenn Sie's vom Sperrsitz aus gesehen hätten, so ein bißchen aus der Distanz, Mann, Sie hätten gedacht, Ihr ganzes Leben haben Sie so etwas Tadelloses noch nicht gesehn. Der war von Natur aus behend auf den Füßen, und das sag ich Ihnen, eine gute, ordentliche Boxererziehung hatte der hinter sich. Wie ich schon sagte, er taucht unter meinem Hieb weg und landet mir einen ordentlichen von unten. Der traf ins Schwarze!

Verdammt, das war ein Gefühl! Ich denke, mir hat einer mit dem Schmiedehammer aufs Hirn gehaun und in meinem Kopf ist eine Bombe gesprungen. Meine Beine, die sind wie aus Watte, und um ein Haar hätt' ich auf dem Boden gelegen. Ich war schon unterwegs, aber der McArdle, der wollte grad dicht an mich heran, und ich fall buchstäblich in ihn hinein. Da hatte ich einen Einfall, ich häng mich an ihn, ich laß nicht los, was er auch anstellt, und wie ich so da häng und er trommelt mir auf den Rücken, hat mein Kopf Zeit, wieder ein bißchen klarzuwerden. Wie ich grad soweit bin, reißt er sich von mir los und zielt nach meinem Kopf. Das war ein Hieb, wenn der gesessen hätte, der Kopf wär mir von den Schultern geflogen. Aber er hatt' es ein bißchen zu eilig, mir gleich jetzt und auf der Stelle den Garaus zu machen. Grad 'ne Spur von 'ner Idee zu eilig war er. Grad kann ich noch nach rückwärts ausweichen, und wie er ins Leere fährt, zieht seine Faust den ganzen übrigen Kerl förmlich nach. Er versucht sich zu decken, aber er versucht es zu spät, ich erwisch ihn, Mann, ich sage Ihnen, das war ein süßes Gefühl, ich treff ihn schräg von unten an das Kinn, daß ihm der Kopf wie von 'ner Feder geschnellt nach hinten knallt. Er platscht auf den Fußboden, und da liegt er, flach wie ein Eierkuchen.

Ich hatt' 'ne mächtige Sehnsucht, mich auf ihn zu schmeißen und ihm an die Kehle zu gehen und die Sache regulär zu Ende zu bringen, aber, du lieber Himmel, Mann, ich hatte nichts als Dreck im Kopf. In meinem Schädel war nichts als Spinneweben und Staub und Gespenster, ich war so benommen, ich konnt rein den Platz nicht finden, wo er sich auf den Boden hin gruppiert hatte, und dann hör ich, wie einer von den Cowboys mit so einem richtigen Respekt in der Stimme zu seinem Nachbar sagt:

»Schau dir das mal an, Mann! Das ist ein regulärer, anständiger Kampf! Und der Gent hat Rusty zum erstenmal in seinem Leben auf den Rücken gelegt.«

Du lieber Himmel, die waren akkurat so benommen durch das, was sie sahen, wie ich durch den Bums, den ich auf den Schädel gekriegt hatte. Aber schließlich verzieht sich doch der Dunst in meinem Kopf, und ich seh gerade, wie sich Rusty vom Boden aufsammelt. Der sah bösartig aus. Ich sehe, ich hatte ihm gründlich mitgespielt, und das wollte ihm ersichtlich noch immer nicht in den Kopf, daß es eine Faust gab auf der Welt, die ihn schlafen legen konnte.

Er kommt auf mich los, wie aus der Kanone geschossen. Ich rapple mich zusammen, und wie er auslangt, lass' ich fliegen. Er kriegt's rechts und links, du lieber Himmel, es bremst ihn ein bißchen, aber es stoppt ihn nicht ab. Ein richtiger Tiger war der Kerl, da war nichts zu sagen, da hatte Pepillo das richtige Wort für ihn gefunden. Er rückt mir dicht auf den Leib und fängt an, auf mich loszuhämmern, Gott straf mich, der Kerl hatte nicht bloß zwei Fäuste, der hatte einen richtigen Schwarm. In meinem Leben hatt' ich das noch nicht erlebt, ein richtiger Hornissenschwarm von Fäusten, sag ich Ihnen.

Ich denke, verdrückst dich ein bißchen, aber da war kein Ausweichen. Die Boys, die waren rein außer sich vor Begeisterung. Die grölten wie ein Haufen nackiger Wilder, und das Geheul, das wirkte auf Rusty wie eine großmächtige Welle, die ihn trug und auf den Rücken nahm und mir nachschmiß. Ich wollt 'ne Finte machen, aber es war 'ne recht plumpe, schwerfällige Sache im Vergleich zu seiner tadellosen Fußarbeit. Grad wie ich nach der Seite will, erwisch ich einen richtigen Schmiedehammerschlag, der Donner, der Fußboden unter mir, der war plötzlich Luft, ich fall gute tausend Meter hinunter und knalle unten auf soliden Fels.

Ich fühl noch, wie McArdle sich auf mich schmeißt, und es hätt' nicht viel gefehlt, dann wär's jetzt und hier aus gewesen mit Gelbschädel Kitchin. Der Kerl hatte meinen Kehlkopf in den Daumen wie in einem Schraubstock, Mann. Ich hatte ihn zum erstenmal in seinem Leben auf den Boden gelegt, und das machte ihn rein wild. Der sah jetzt rot vor den Augen. Aber das war hier keine Spelunke hinten in Chicago, wir waren auf der Ranch draußen, und die Kerle, die zusahen, waren Leute von der Ranch. Auf einmal hängen sie alle an ihm wie 'ne Traube. Mir war schwarz vor den Augen, ich seh sie herumwirtschaften wie Gespenster, sie packten McArdle und rissen ihn von mir weg. Shorty war der erste. »Das laß bleiben, Rusty!« brüllen sie ihn an. »Wie er dich hingelegt hat, hat er dir auch 'ne Chance gelassen, dich wieder aufzurappeln.«

Höre ich, wie Rusty sagt:

»Es tut mir aufrichtig leid, ich hab den Kopf verloren, ihr habt recht, er ist ein properer Kerl.«

Sagt einer:

»Der kommt nicht wieder auf die Beine, der hat den Buckel voll.«

Und ich kann Ihnen sagen, ich war ganz ihrer Meinung. Ich hatte den Buckel voll, ich war erledigt. Du lieber Himmel, ich hatte keinen Kopf mehr, ich hatte eine Glocke auf den Schultern und ein Dutzend Leute mit Hämmern machten Konzert darauf. Da hör ich 'ne Stimme, die geht mir wie eine Nadel durchs Hirn, das Hämmern und der Klingklang, das ist mit einemmal vorbei:

»Señor«, hör ich, »Señor, bei allen Heiligen!«

Pepillo – er konnte mich nicht in Ruh lassen. Die Stimme, die brauchte ich. Das war, als hätte einer einen Eimer eiskalten Wassers über mich geleert. Eine richtige Erfrischung war's, und ich wirtschafte mich wieder auf die Knie, weiter ging's nicht. Ich halt mich mit den Händen im Gleichgewicht, und für eine Minute oder so wird mein Kopf klar und durchsichtig wie Kristall. Ich seh mich um, vor mir steht McArdle. Nickt er und sagt, so durch die Zähne:

»Na«, sagt er, »Fremder, schaff dich hoch, ich habe direkt ein Bedürfnis, dir noch eine zu versetzen. Du bist der erste, der zweimal bedient werden muß.«

Na, ich schaff mich hoch und gehe es an und halt mich gut gebückt. Und wie ich's zustande brachte, weiß ich heut noch nicht: wie er meint, er gibt mir wieder eins auf den Kopf, tauch ich ihm weg und lande ihm einen in die Rippen. Wie ich sehe, der Stoß wird sitzen, leg ich mein ganzes Gewicht dahinter und komme dem Schlag nach. Du lieber Himmel, es war ein Gefühl, als sauste meine Faust bis an den Knöchel hinein, und ich höre, wie er stöhnt und ihm die Luft ausgeht.

Aber schnell wie der Blitz ist er mir davon. Sein Gesicht, das ist ganz verzerrt, ich seh, ich habe ins Schwarze getroffen. Man sah's auch an den Gesichtern der Burschen, die um uns rum standen. Aber schachmatt hatt' ich ihn doch nicht gesetzt. Das war McArdle; er kommt auf mich los, ein Tiger war er, ein Tiger wollte er sein, und wie ein Tiger blieb er bis zuletzt. Er jagte mich richtig vor sich her, mein Kopf hing nur noch an einem Faden und rollte von einer Schulter auf die andere. Aber er war viel zu giftig und wild hinter mir her. Er übersah einfach die Gelegenheit, mir's endgültig zu besorgen.

So segeln wir quer durch den Raum, und wie ich mit den Schultern die Wand berühre, fall ich nach vorne über und pack ihn, und er mich.

Mir war sterbensübel, da war kein Wort zuviel. Um mich rum war ein dicker Nebel, und bloß einen Moment lang seh ich Pepillo, klar und deutlich. Er liegt auf den Knien, als wollte er beten, und ich höre die Angst in seiner Stimme, wie er schreit:

»Señor! Señor! Er wird schwach, der Sieg ist Euer!«

Mann, der Kobold, der wußte, wie er einen elektrisierte. Da konnt es einem auch zumute sein, wie es wollte. Benommen und matt, wie ich war, plötzlich hatte ich neue Kraft in mir. Ich faß härter zu, und ich spür, der Rusty zuckt und rollt sich zusammen. Nun wußte ich, der war dabei, abzuschrammen. Sage ich:

»Rusty«, sage ich, »Tiger hin, Tiger her, du bist fertig! Gibst du auf?«

»Verdammt will ich sein«, keucht er mir ins Ohr, »nimm deine Krallen von mir und stell dich hin und kämpfe wie ein Mann, wenn du dich traust!«

Ich lache bloß. Mit all dem, daß eine Wolke mir auf den Augen lag, lach ich bloß. Ich stoß ihn weg, und er taumelt rückwärts. Die Knie brachen unter ihm zusammen. Jetzt merkte man, was Training war. Stark war der Kerl und schnell wie eine Serie Blitze, aber, Mann, der war nicht zwei Jahre durchgegerbt wie ich. Die zwei Jahre harte Arbeit, die kämpften jetzt für mich. Die zwei Jahre und die Stimme von dem verdammten kleinen Kobold, dem Pepillo.

Bei all dem, McArdle war ein Prachtkerl, zäh wie Stahl. Er versucht, sich's nicht anmerken zu lassen, wie schwach er ist, und deshalb geht er zum Angriff über. Aber er hatte sein Letztes ausgegeben, wie er mich an die Wand trieb. Wie er auf mich losgeht, stopp ich ihn mit einem halben Linken ab, und dann geb ich ihm einen Rechten, der schickt ihn auf die Reise wie einen Drehkreisel.

Seine Knie waren zu weich. Er konnt sich nicht halten. Er dreht sich und taumelt, und sein Kopf rollt von rechts nach links.

Shorty, der keucht:

»Kopf hoch, Rusty, um aller Heiligen willen, laß dich nicht hinfallen! Großer Gott, es ist nicht möglich, es ist reinweg nicht möglich!«

Aber es war möglich, bei alledem. Er war hilflos, und ich brauchte nichts weiter zu tun, als ihm nachzukommen und ihm noch eine zu versetzen. Aber, Mann, ich war so ausgepumpt, der eine Schlag, den ich noch führen mußte, der hätte mich selbst aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich hatte aber keine Lust, den Kerls zu zeigen, wie nah ich selber am Ende war.

Sage ich: »Rusty«, sage ich, »du bist fertig. Du brauchst Zeit, um dich wieder aufzurappeln. Ich geh hinaus, bis du wieder klar im Kopf bist. Diesmal hat's was mit den Fäusten gesetzt, das nächstemal geht's mit Schießeisen los. Da mach dich drauf gefaßt, Mensch, oder, will ich dir sagen, mach dich drauf gefaßt, zuzugeben, daß ich hier der Boß bin.«

Und ich mach mich auf die Reise nach der Tür und paß bei jedem Schritt genau auf, wo ich den Fuß hinsetze, damit ich nicht anfange zu wackeln.

*

Ich drück mich zur Tür hinaus und steh endlich allein draußen im Dunkeln. Es geht ein Wind, der mir das Gesicht kühlt, und die Sterne scheinen über mir.

Sag ich zu mir selbst:

»Mit mir ist alles in Ordnung, alles, was ich brauch, ist Stücker zwei oder drei ordentliche Atemzüge, dann wird mein Kopf schon wieder klar und ich kann ausspintisieren, was ich tun soll, wenn dieser lange Lümmel von Rusty nicht klein beigeben will. Gott sei Dank, einen Augenblick wenigstens kann ich ausspannen.«

Well, und das tat ich. Ich geb die Kinnbackenmuskeln frei, ich entspann mich, ich laß mich einfach plumpsen, und ich kann Ihnen sagen, Mann, ich dachte nicht, daß ich von so hoch herunterfallen würde. Von unten rauf kommt mir die kohlpechrabenschwarze Finsternis entgegengesaust, und die Sterne fangen an und rasen wie besessen um mich her und werden immer röter und größer, riesige glühende Kugeln, die platzten wie Granaten, und jede schickte ein förmliches Bündel von Raketen quer durch die Nacht.

Ich seh mich nicht um, wo ich hinfalle, ich streck mich just ein bißchen, wie ich im trockenen Gras liege, und wünsche, es wäre einer da, der mir helfen könnte.

Der eine Schlag von Rusty, der warf mich noch nachträglich hin. Bei Licht betrachtet und von Rechts wegen war ich die ganze Zeit über schon ohnmächtig gewesen, und bloß die Stimme von dem Küken hatte mich aufrecht gehalten. Die hatte mir ins Hirn gepiekt und mich in Betrieb gehalten, mir selbst zum Trotz, und jetzt, wo ich Zeit hatte aufzuatmen, da war's mit mir fertig und vorbei.

Ich hör einen Schritt und ich denke, jetzt kommt einer und sieht, was für ein Bluff mein ganzer Sieg war, aber ich war schon so hin, es war mir ganz egal. Und dann hör ich Pepillo. Es war wie ein Regen in der Wüste. Er setzt sich hin und nimmt meinen Kopf auf den Schoß und massiert mir den Kopf und die Augen, und ich kann Ihnen einen Eid drauf leisten, Mann, jedesmal, wenn er mit dem Finger darüberfuhr, wischte er eine Million explodierender Raketen vom Himmel.

Sagt Pepillo, sanft wie ein Lämmchen:

»Leidet Ihr große Schmerzen, Señor?«

Irgendwie bring ich's fertig und keuche und ächze heraus:

»Reib weiter! Und sprich zu mir!«

Mann, quer genug mag's Ihnen vorkommen, aber wahr ist's trotzdem. Das Küken, das hatte so eine sanfte, so eine klare Stimme. Es war wie ein Stab, auf den man sich stützt. Bloß die Stimme hören, das war für mich der Faden, an dem tappte ich mich wieder heraus aus dem Höllendunkel, in das ich gefallen war.

Jetzt war er nicht so frech, ein gut Teil ruhiger schien er geworden. Mann, wenn man ihn jetzt hörte, er schien ordentlich Respekt vor mir zu haben.

Sagt Pepillo und wischt mir weiter die Raketen vom Himmel weg, sagt er:

»Ich dachte, Ihr wäret verloren, aber es kam genau so, wie ich's gehofft hatte. Wie er Euch niederschlug, standet Ihr stärker auf als je zuvor. Ah, Señor, wie ich gelitten habe, als er Euch durchs Zimmer trieb! Es war, als fiele jeder Schlag auf mich selbst. Por Dios, mir ist's, als spürte ich's jetzt noch. Er trieb Euch an die Wand, aber der Gedanke an die Niederlage machte einen Löwen aus Euch, Señor.«

»Red weiter«, sag ich. »Aber red keinen solchen Blödsinn. Er hat mich regelrecht in die Pfanne gehaun, Küken. Wie du mich gerufen hast, Küken, da wurd' es erst wieder ein bißchen Licht um mich, grad so viel, daß ich noch einmal zuschlagen konnte. Red weiter. Hat Rusty Lust auf einen zweiten Gang?«

»Ich glaube nicht«, sagt das Küken. »Sicher nicht, wenn Ihr bald wieder hineingeht. Rusty McArdle ist schlimmer dran als Ihr, und so bald wird er nicht wieder in der richtigen Verfassung sein. Ah, Señor, er weiß, daß er zum erstenmal geschlagen worden ist, das lastet auf ihm. Und wie das auf ihm lastet! Und es gibt was, das lastet noch viel schwerer: er weiß, daß Ihr ihn hättet niederschlagen können und daß Ihr es ihm erspart habt. Und das Bewußtsein, das lastet genau so auf den anderen. Señor, glaubt mir: Eurer Kraft die Stirn zu bieten, das bringen sie noch fertig. Aber daß Ihr sie geschont habt, das macht sie hilflos. Ah, Señor, wenn ich Euch hätte raten können, was Ihr tun sollt, ich hätte Euch auch nichts Besseres raten können.«

Du lieber Himmel, mir war noch der Kopf viel zu wüst, um lange Erklärungen zu geben. Grad so viel bracht ich mühsam heraus, daß ich ihm klarmache, ich hätte dem Rusty nicht den Rest gegeben, weil ich viel zu schwach war, um den Versuch zu riskieren.

»Ah, Señor«, sagt er, »wie seltsam ist es doch mit dem wahren Genius, Señor. Er versteht sich selbst nicht, er wandelt viel zu sehr mit dem Haupt in den Wolken.«

Sage ich: »Pepillo, verschon mich mit dem Quatsch, das ist verlorene Liebesmüh«, sag ich, »aber hilf mir ein bißchen, ich möchte mich aufsetzen, ich fühl mich jetzt etwas besser.«

Er hilft mir, daß ich mich aufrichte, und stemmt sich gegen meinen Rücken, daß ich sitzen kann. Eine Weile sitze ich und halte mir den Kopf mit den Händen fest, und schließlich bin ich so weit, daß ich versuchen kann, mich auf die Füße zu stellen. Freilich, an seiner Schulter mußt ich mich halten, und ich war noch so schwindlig, daß ich eine ganze Weile herumstolperte, während er sich mühte, mir mit der Hand den Staub und die Grashalme abzubürsten. Aber es dauert gar nicht lange, da bin ich einigermaßen wieder beieinander.

Ich probier, ob ich schon wieder einen graden Schritt tun kann, und irgendwie bring ich's auch zuwege. Ich pump mir die Lungen ordentlich voll reiner Nachtluft, und dann war ich so weit; nun konnt es meinetwegen wieder losgehn. Pepillo schiebt mir was in die Finger, es war der Kolben von meinem Revolver; sagt er:

»Nehmen Sie das mit hinein, Señor«, sagt er. »Das sind Leute, die erwarten das jetzt von Euch. Die müssen jetzt einen Revolver zu Gesicht bekommen.«

Natürlich, das Küken, das hatte wieder einmal recht. Aber doch, wie ich so den abgewetzten Kolben in der Hand spür, es war ein niederträchtiges Gefühl. Was konnt ich aber machen? Mit Bluff hatt' ich angefangen, nun mußte es mit Bluff weitergehn. Ich geh also an die Haustür und stoße sie mit dem Fuß auf. Da stand ich nun auf der Schwelle und machte das finsterste Gesicht, das ich aufzubringen fähig war.

Sie standen alle um Rusty herum. Solange ich weg war, hatten sie wie die Wilden gearbeitet, um ihn wieder zu sich zu bringen. Sie hatten ihn mit kaltem Wasser begossen, und Stücker zwei oder drei hatten sich die Röcke ausgezogen und fächelten ihm Luft zu.

Aber was Rusty ist, der war noch weit weg. Man brauchte nur einen Blick auf sein Gesicht zu werfen, da sah man schon, der hatte noch einen verdammt weiten Rückweg. Seine Kinnbacken waren verkrampft; ganz weiß war sein Gesicht und von zähem, klebrigem Schweiß bedeckt. Denn sehen Sie, der Mann, der quälte sich richtig, um sich wieder zusammenzureißen. Die Sache funktionierte aber nicht. Seine Augen waren noch ganz wirr und starrten ins Leere, und er konnte den Kopf nicht grad halten. Ich seh ihn mir an und kalkuliere, die Trümpfe wären nun so ziemlich in meiner Hand.

Ich geh zu ihnen hin und steh über ihnen. Mann, ein Gesicht machte ich, finster wie die Nacht.

Sage ich: »McArdle«, sage ich, »mit den Fäusten hätten wir's ausgetragen, jetzt kommen die Schießeisen dran! Steh auf!«

»Hol Euch der Teufel«, sagt Rusty, »ich bin dabei.«

Er versucht, ob er aufstehn kann, aber sie packten ihn und zogen ihn wieder runter. Was Shorty ist, der springt vor und stellt sich vor mich hin, ganz entsetzt sah er aus, und dabei waren sein Gesicht und seine Hände voller Beulen und Flecke. Es hatte ihm nicht gut getan, mit meinen zweihundert Pfund auf dem Buckel die Treppe herunterzukollern. Da sah ich etwas, Mann, das tat mir gut. Der Kerl hielt beide Hände in die Höhe. Es sollte ein Zeichen sein, daß er mich nicht angreifen wollte, sondern Frieden stiften.

Sagt Shorty – wissen Sie, was er sagte?

»Chef«, sagt er zu mir, »Rusty kann nicht mehr. Seid nicht zu hart mit ihm, nicht wahr? Er sagt, er will kämpfen, aber er kann nicht mehr. Was jetzt kommt, wäre Mord, und, Chef, wer Eure Fassade ansieht, der weiß, Ihr seid kein Mörder.«

Mann, Mann, der Kerl hatte da ein Wort gebraucht, zweimal hat er's in den Mund genommen, das machte mir ordentlich warm vor Vergnügen, wie ich das hörte. Chef hatt' er mich genannt, just das, und das war so gut, als hätt' er's zu den Akten gegeben, daß sie sich alle miteinander in Zukunft schwer davor hüten würden, mir ins Gesicht zu lachen. Die waren sich darüber klargeworden, daß sie doch besser taten, mich ernst zu nehmen. Der Donner, Mann, es war gar nicht lange her, da hätte ich mich nicht getraut, daran auch nur nachts im Schlaf zu denken.

Sage ich: »Wenn Rusty nicht mehr weiter kann, dann kümmert ihr euch um ihn, bis er wieder kann. Ich will euch was sagen: ihr könnt ja euch einen auswählen, der Lust dazu hat. Der kann's hier, gleich auf der Stelle, mit Pulver und Blei mit mir ausfechten. Er braucht nur den Mund aufzutun. Gerad im Augenblick habe ich für Stücker zwei bis drei Minuten sonst nichts Besseres vor. Immer nur heran, wer Lust hat!«

Ich nehm die Uhr heraus und fang an, auf und ab zu gehen. Da war viel Raum zum Aufundabgehen, so ein großmächtiges Zimmer war das. Ich tat so, als kümmer' ich mich gar nicht um sie und seh nur immer auf mein Zifferblatt hinunter. Wie drei Minuten um sind, hau ich die Uhr in die Tasche und fahr auf dem Absatz herum. Die Kerle machten richtig einen Luftsprung und starrten mich an, als hätten sie's mit einem Gespenst zu tun.

Sage ich: »Schert euch raus!« und deute nach der Tür. »Schafft mir euern McArdle aus dem Zimmer und aus dem Haus hier. Und ein bißchen schnell, verstanden?! Es summt schon bei mir, und ich kann euch sagen, gleich kocht's über.«

Ich wußt ganz genau, da war keiner von ihnen, der sich's gefallen lassen hätte, so angefahren zu werden, wenn er mit mir allein gewesen wäre. Aber jetzt war's anders, jetzt fangen sie an und glotzen sich gegenseitig an – Mann, so einen recht stupiden, hilflosen Blick. Die ganze Bande zusammen hatte nicht ein Zehntel soviel Mut just in dem Augenblick, wie sonst jeder einzelne an jedem Tag. Es war ihnen so, als sollte einer wieder mit mir anbinden, aber sie kamen zu keinem richtigen Entschluß darüber, wer's nun sein sollte. Jeder wartete, daß der andere sein Fell riskiert, und dann fängt's an, und die ganze Bande verzieht sich langsam wie 'ne Schafherde nach der Hintertür.

Solang ich lebe, habe ich kein lieblicheres Bild gesehen. Wie sie sich so einer nach dem andern durch die Hintertür verduften, polter ich heraus:

»Shorty!«

Was Shorty war, der hatte von der ganzen Bande am meisten Muck in den Knochen, und so war er auch auf dem Rückzug der langsamste. Wie ich ihn anbrüll, fährt er zusammen, als hätte er eine Kugel in den Rücken gekriegt, dann fährt er herum und starrt mir ins Gesicht. Bleich war's, aber entschlossen.

Sage ich: »Komm zurück!« sage ich. »Hierher!« Und deut vor mich hin auf den Fußboden.

Sein großes Maul, das zieht sich zusammen, als hätt' er Essig getrunken, und um seine Lippen da zuckt's, als lägen ihm eine ganze Masse Niederträchtigkeiten auf der Zunge, und er weiß nicht, soll er sie rauslassen oder soll er sie runterschlucken. Aber ich denke mir, das Zimmer, das muß ihm jetzt unheimlich groß und verlassen vorgekommen sein, und jeder von seinen Spießgesellen, der sich durch die Hintertür in die Nacht hinausdrückte, nahm auch ein Stück von Shortys Courage mit fort. Was soll ich Ihnen sagen? Richtig kommt er zurück und stellt sich auf den Platz, wo ich hingezeigt hab. Der Donner, wie ein Lamm sah der Kerl nicht aus! Wie so ein verflixter Wolf stand er da. Mit gefletschten Zähnen sozusagen, aber den Mund hielt er.

Jawohl, Verehrter, Shorty, der war bei alledem ein Mordskerl, und irgendwo hinten im Kopf plante er, nach seinem Revolver zu gehn und wiederzukommen. Das wußt ich, wie ich weiß, daß ich geboren bin. Ich wußt's ganz genau, ich stehe genau drei Fuß und eine halbe Sekunde weit vom Grab, wenn's drauf ankam. Ich brauchte bloß einen falschen Zug zu tun oder das richtige Wort nicht zu finden, dann war's geschehen. Sie können mir's glauben, ich hatte gar keine Lust, es drauf ankommen zu lassen, aber bei alldem mußt ich's mit Shorty so weit treiben, wie's irgend ging.

»Shorty«, sag ich, »eh ich hier herausgekommen bin, haben die Leute mir 'ne Masse vorerzählt, was für Gents hier beieinander hausen. Sie haben mir vorerzählt, ihr wär't hier von der richtigen Sorte, die verstocktesten, wildesten, hartgesottensten Galgenvögel, die je aus dem Gefängnis entlaufen sind und gemeinsame Sache gemacht haben. Ich hab gehört, auf den ganzen Ranchs hierherum gäbe es den Mann nicht, der sie meistern könnte.«

Auf die Art leg ich los, und ich seh schon, wie mein Shorty sein langes Kinn hochreckt. Der präparierte sich schon auf das, was noch kommen sollte – nämlich, was er meint, das jetzt kommen würde, daß ich ihm jetzt haarklein erzählen würde, wie ich hergekommen wäre und hätte richtig herausgefunden, wie die Bande, die in der ganzen Gegend so berühmt war, ein belämmertes, nichtsnutziges, schwächliches Häufchen Splittergreise gewesen sei.

Aber just da spielt ich eine Karte aus, die er ums Leben nicht erwartet hätte. Sage ich zu Shorty:

»Well, Shorty«, sage ich, »wie ich hier herauskomm, hab ich richtig gefunden, daß eure Reputation nicht gelogen hat. Das kann ich dir sagen, Mensch, ich hab in meinem ganzen Leben schon einen ganzen Haufen niederträchtige Kerle sich mit 'nem Revolver schleppen sehn, aber von all denen seid ihr Kerls hier die niederträchtigsten und die bei weitem gefährlichsten.«

Den Shorty hätten Sie mit einer Feder antippen können, er wär glatt auf den Boden hingeschlagen, so unerwartet kam ihm das. Nach seinem Geschmack hatte ich ihm das großartigste Kompliment gemacht, das man diesem Halsabschneidergesindel anhängen konnte. Und dann fängt er an und sucht in meinem Gesicht, was sich vielleicht hinter dem Kompliment verstecken könnte. Aber ich, ich grins ihn an und red weiter:

»Shorty«, sage ich, »wenn ich ein gewöhnlicher Cowboy wär, der sich um den Lohn schinden müßte, den ihr kriegt – kalkuliere, ich würde just dasselbe treiben, was ihr hier treibt. Aber ich bin es nicht! Ich werde ein verdammtes Ende besser bezahlt, und weißt du, wofür ich's kriege? Just dafür, daß ich die Ranch hier in Schwung bring, wie sich's gehört. Verstehst du das? Ihr hattet euch das hier ganz nett ausgedacht. Ich seh ohne Brille, wie ihr's euch zurechtgelegt hattet, und sozusagen habe ich eine Masse Verständnis dafür. Aber dazu bin ich nicht hier. Mensch, ich bin hier, um den Laden in Gang zu halten, und das wird auch geschehn, da könnt ihr Gift drauf nehmen. Braucht euch nicht einzubilden, daß, wenn einer von euch nicht mit mir auskommt, daß ich ihn dann ohne weiteres laufen lasse. Geradesogut könnt ich ihn gleich selber mit dem Wagen in die Berge schaffen lassen und die Viehräuber dahinten schriftlich bitten, das neue Mitglied doch ja in ihre werte Gesellschaft aufzunehmen. Nein, mein Junge! Wenn ich einen von euch vor die Tür setze, so heißt das, daß er Pulver zu riechen bekommt. Nichts Unrechtes! Einen ehrlichen, anständigen Kampf wird er haben! Mensch, ich verlange gar nichts von euch, als daß – wenn mir einer das Lebenslicht ausbläst – er mich zur Ruh legt, wo ich gefallen bin, und ein Brettchen in den Hügel steckt. Er kann draufschreiben, daß mein Gaul mich abgeworfen hat. Und wenn ich's zuwege bring, daß ich einen von euch auf den Boden lege, könnt ihr gewiß sein, ich mach es euch ebenso ehrlich und zuverlässig. Denn, Mensch, darauf kannst du dich verlassen, was ich verspreche, das halte ich!«

Shorty, der starrt mich an, als traut er seinen Augen nicht, und just da sah es aus, als wollte er anfangen und grinsen. Ich war noch nicht zu Ende, ich rede weiter. Sage ich:

»Mit einer Bande von Raufbolden wie ihr«, sage ich, »kann man eine Ranch wie die hier in Grund und Boden ruinieren, oder man kann ein Schmuckstück draus machen. Wenn ihr euch auf meine Seite stellt, dann kann ich euch versprechen, Mann, die Leute werden im ganzen Land von euch reden. Denn dann, Mensch, werden wir dahinten in den Bergen aufräumen. Wir werden durch das Gesindel durchfegen wie eine Flintenkugel durch einen Klumpen Butter, und wir werden den Viehdieben beibringen, daß sie von hier verduften, und zwar mit vierter Geschwindigkeit. Ihr habt euch einen Ruf gemacht, daß ihr ein niederträchtiges Pack seid, aber ich werd' euch einen Ruf machen, der wird 'ne Kleinigkeit besser begründet sein. Verstehst du, Shorty?«

Was der Shorty ist, der sieht mir ins Gesicht, ganz ordentlich und anständig, aber, du lieber Himmel, der Kerl hatte doch einen ganz niederträchtigen Blick an sich, das sah ich, er konnte mit sich selbst nicht darüber einig werden, ob es für ihn überhaupt noch was anderes gab, als mich aus Leibeskräften zu hassen. Und den Abend hat er's auch weiß Gott nicht fertiggebracht, sich darüber schlüssig zu werden. Sage ich:

»Jetzt troll dich«, sage ich. »Troll dich ins Schlafhaus rüber und erzähl den andern, was ich dir gesagt habe. Wenn sie mit mir mitmachen wollen, so soll mir's recht sein. Wenn sie meinen, sie können mir den Daumen aufdrücken, dann sollen sie sich keinen Zwang antun. Sie können sich ja einen wählen, der für sie antreten soll mit der Donnerbüchse in der Hand, und ihr könnt getrost sein, ich steh euch Tag und Nacht zur Verfügung. 'n Abend, Shorty.«

Er zieht ab, und wie er an der Tür ist, ruf ich ihn nochmal zurück.

Sag ich: »Da ist noch eine Sache, da haben wir noch ein Wort drüber zu reden«, sag ich. »Ihr habt euch so eine Art angewöhnt, euch hier im Haus breitzumachen!« sage ich. »Von heut ab ist Schluß damit! Die Nigger haben schon Befehl, euern Mist hier zusammenzuräumen und ins Schlafhaus hinüberzuschaffen, was euch gehört. Und das kann ich euch sagen: von heute ab habt ihr euch, wenn die Arbeit vorbei ist, im Schlafhaus aufzuhalten und nirgends sonst. Nämlich, Mensch, wenn ihr noch mal hier hereingeraten solltet, dann wird's hier so verdammt ungemütlich werden, daß der heutige Abend euch vorkommen wird wie ein Heilsarmeekränzchen.«

 

* * *

 

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