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Pepillo

Max Brand: Pepillo - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Brand
titlePepillo
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid1562d31b
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Was Randal ist, der meint, ich kann mir gar nichts Besseres vornehmen als das. Er sagt, er hätt' das selbst ganz gern getan: so 'ne Art Imitation von Onkel Stephen aufzuziehn. Aber da gab's ein oder zwei Dinge, die waren ihm immer im Weg. Denn erstens war Stephen Randal ein langer, großmächtiger Mensch, beinah so wie ich, und zweitens hatte der Sergeant nicht die richtige Hand für Pferde. Und das war dumm – damit war er geliefert, ehe er anfing. Denn was Stephen Randal war, der saß in seinem Sattel wie angeleimt. Der war reineweg versessen auf bockende Pferde und konnte kein Pferd nur riechen auf seiner Ranch, das unter seinem Reiter ging, wie ein dezentes Pferd gehen soll.

Was meine Wenigkeit ist, ich konnte mit Pferden umgehn, und groß und stark war ich auch. Freilich mit dem Revolver war bei mir nicht viel los. Aber ich mußte halt so rechnen, daß es eben nie erst zum Schießen kommen durfte. Das ist auch alles Unfug. Wenn ein Kerl Courage hat und die richtige Ruhe – Mann, ich sage Ihnen, es ist einfach ausgeschlossen, daß es dann zum Schießen kommt. Wenn einer schlapp ist und gleich meint, der Boden wankt ihm unter den Füßen, natürlich, der legt gleich mit dem Schießeisen los.

Wie wir am Haus vorfahren, kommt ein Nigger heraus und übernimmt die Pferde. Ein anderer nimmt derweil das Gepäck vom Wagen.

Ich trau meinen Ohren nicht! In dem Haus drin war ein Juchhe im Gang, so was hab ich mein Lebtag nicht gehört. Irgend jemand hämmerte auf einem Klavier herum, und mindestens ein halbes Dutzend tanzte Jig. Nach allem, was ich hörte, hatten sie dazu Flößerstiefel angezogen. Die übrigen brüllten wie die nackigen Wilden, um Betrieb in die Bude zu bringen.

Sagt Randal und tut einen Seufzer: »Schmuggelwhisky! Schon wieder.«

Sage ich: »Randal, Mann, was geht hier bei dir vor? Ich will dich nicht belästigen, aber – sag mal, es ist wohl einer gestorben heute abend, und die Klageweiber heulen?«

Fängt er an und erklärt mir, das war so ziemlich immer so. Was sein Onkel Stephen war, der hatte den Leuten gestattet, vom Schlafhaus herüberzukommen, und wenn sie Lust hatten, dann konnten sie sich im hinteren Wohnzimmer breitmachen und in der Bibliothek. Natürlich nicht, wenn er Gäste hatte! Das versteht sich!

Aber dann kam mein Randal auf die Ranch, und da breiteten sie sich aus. Das erste, was sie sich angewöhnten: sie kamen in aller Ruhe durch die Vordertür ins Haus. Und dann fingen sie allmählich an und hängten ihre Hüte in die Halle, als ob sie dahin gehörten, und schließlich hatten sie den ganzen unteren Stock für sich. Aber da hört es noch nicht auf. Jetzt fingen sie an und brachten geschmuggelten Whisky mit und amüsierten sich nach ihrem Geschmack.

Sage ich: »Der Donner, Randal, das hättest du mir längst erzählen sollen.«

»Das sollte ich«, gab er zu. »Aber, alter Junge, ich hab mich schwer gehütet. Ich dachte, wenn ich dir das erzähle, dann gibst du schleunigst Gegendampf. Du hast hier ein Nüßchen zu knacken, das dich die Zähne kosten kann. Das weiß ich wohl. Die Schwefelbande wird trotziger mit jedem Tag, der ins Land geht, und ich habe längst alle Gewalt über sie verloren. Ich kann sie nicht rausschmeißen. Setz ich sie vor die Tür, da habe ich morgen ebensoviel Viehdiebe mehr auf dem Hals. Mann, ich sage dir, wie sie mich schon ganz klein gekriegt hatten, da verlangen sie von mir, ich soll einen Cowboy einstellen, der ihnen was auf meinem Klavier vorspielen kann. Ich konnt gar keinen auftreiben. Da sind sie selber hingegangen und haben sich einen gesucht! Und was für einen! Das ist der hartgesottenste von allen. Rusty McArdle heißt er. McArdle mit dem roten Schopf. Dem war's nicht an der Wiege gesungen, was er einmal werden würde. Der hat einen Start im Leben gehabt, wie selten einer. Aber genützt hat's ihm nichts. Seine Leute daheim haben ihm eine Erziehung gekauft, und so kann er auch Klavier spielen, sogar gut, das hörst du ja. Schau dir den Mann an, wenn du ihn siehst, Kitchin. Das Schicksal hat ihm ein Paar Schultern gegeben, die sind genau so gut wie deine, aber es hat auch gewollt, daß die ganze teure Erziehung in die Brüche gegangen ist. Da mußte er sehen, ob ihm seine Schultern im Leben was helfen. Als Preisboxer hat er angefangen, und ich denke, er war nicht mehr weit vom Meistertitel, das ging eine Weile, da wurde ihm der Boden zu heiß in der Stadt. Da ist er unter die Cowboys gegangen, und jetzt ist er glücklich bei mir gelandet. Ich kann dir sagen, Mann, McArdle ist unser schlimmstes Problem.«

Ich steh da und höre, wie das Haus auf dem Kopf steht und denke nach. Feine Sachen waren das, mit denen mein Randal da herausrückte! Je mehr ich nachdenke, desto näher bin ich dran, ihn da stehn zu lassen und mich auf den Rückweg nach der Stadt zu machen. Und doch ging's wieder nicht. Denke ich: wirst doch wenigstens probieren, was du ausrichten kannst.

Also ich räuspere mich und sage: »Randal, wie hat sich denn dein Onkel Stephen zu den Leuten gestellt?«

Sagt Randal: »Mächtig aufgeknöpft ist er immer gewesen, das kann man sagen. Der kam ins Zimmer marschiert und grinste sie an und ging rum und schüttelte jedem die Hand ...«

Der Donner, das war keine leichte Sache für mich. Ich bin keiner, dem's Grinsen von selbst kommt. Wenn mich was hart ankommt, dann ist's das, so 'ne vergnügte Visage herauszuhängen. Aber ich sagte mir, es müßte sein. Also beschließe ich, ich werde sie angrinsen – diese Bande von Halsabschneidern, die sich für Cowboys ausgaben.

Ich reiß mich ordentlich zusammen, und wie wir an der Tür stehn und Randal die Hand auf der Klinke hat, sagt er:

»Bist du fertig?« als sollt ich auf der Bühne auftreten.

Sag ich (mächtig mulmig war mir's zumute): »Fertig bin ich. Schieß los!«

Just da zupft mich einer am Arm. Es war Pepillo.

Sagt er: »Señor, hört auf mich, geht schnurstracks in Euer Zimmer. Laßt sie in Ruh, redet kein Wort mit ihnen.«

Ich seh nach ihm hin, aber sein Gesicht war im Schatten. Ich sah nicht, was los war. Ich denke, er hat unser Gespräch gehört, und ich denke, er hat 'ne Idee von 'ner Ahnung gekriegt, und das fuhrwerkte nun in ihm herum. Was soll ich Ihnen sagen, just da geht die Tür auf. Was soll ich Ihnen sagen, so lang hatten wir im Dunkeln gestanden, das Licht fuhr einem grell in die Augen. Und da tut Randal einen Schritt und ist im Haus, und ich tu einen Schritt und bin im Haus und kann nicht die Hand vor Augen sehn, so voll war alles von Zigarettenrauch. Da steh ich nun im Zimmer und schau mich um. Da lümmelt ein gutes Dutzend von den schlimmsten Banditen herum, die mir je unter die Augen gekommen sind. Das waren ausgesuchte Exemplare, kann ich Ihnen sagen. Es war noch nicht lange her, da hatte ich in Fulsom gesessen, und in Fulsom kann man ein ganz nettes Sortiment von Halsabschneidern und Rückfälligen beieinander sehen. Du lieber Himmel! Gegen das hier war Fulsom die reine Schönheitsgalerie. Mann, ich sage Ihnen, da langen keine Worte. Die trugen ihre Revolver im Haus mit sich herum.

Nicht alles hab ich auf den ersten Blick gesehn. Es war erst mal so 'ne Art allgemeiner Eindruck, und die Gesichter waren undeutlich und verwischt, einmal von dem vielen Rauch und das andere Mal, weil man gar nicht die Zeit hatte, viel hinzusehn. Denn da war ein Mann – mochte man wollen oder nicht, der nahm einen in Anspruch ganz und gar. Und der war McArdle, Rotkopf McArdle. Der war aufgestanden vom Klavier, und nun kam er mitten in den Raum. Er war mindestens so groß wie ich, aber ein gutes Ende besser gebaut. Was soll man da viel reden. Meine Hände und Füße waren ein paar Nummern größer, aber einen Brustkasten hatte der Mann, da könnt ich nicht mit. Und dabei war er schlank in den Hüften, mit einem Wust roter Haare auf dem Schädel – von denen hatte er den Beinamen – und ein Paar Augen, blau waren sie, und wenn Sie hineingesehen hätten, hätten Sie gewußt, wo der Blitz zu Hause ist. Mann, ich sage Ihnen, mein ganzes Leben hab ich keinen Kerl gesehen, der so von Energie gestrotzt hat. Hätten Sie ihn auf 'ner Bühne gesehen, Sie hätten ihm zugelächelt, ob Sie gewollt hätten oder nicht. Er hätte gar nichts zu tun brauchen. Er hätte bloß aus der Kulisse kommen brauchen und vor die Rampe treten und wieder gehn. Die Leute hätten sich die Hände blutig geklatscht und da capo gerufen. So 'n Stück Mannsbild war das.

Stellt sich mein Randal hin und sagt: »Well, Boys, hier hab ich den neuen Mann mitgebracht, der die Bude hier im Gang halten soll, und ich kann euch sagen, der ist prima. Ich hoffe, ihr kommt miteinander aus.«

Well, das steht nun so einfach da, aber hören hätten Sie's müssen, Mann, mit anhören! Randal fing ganz brav und zuversichtlich an, aber wie er in der Mitte ist, fängt ihm die Stimme an zu flackern, und am letzten Wort war er beinah erstickt, eh' er's herauswürgte. Es war eine schauderhafte Situation.

Die Kerls saßen wie die Ölgötzen, da zuckte keiner mit der Wimper. Bloß McArdle, der grinste mir ohne alle Umstände ins Gesicht. Das Grinsen mußte man sehn, das sagte mehr als Worte!

Just da sagte ich mir: Mann, sage ich mir, das hat keinen Sinn, wenn du nur noch eine Sekunde hier in dem Zimmer bleibst. Da war keine Rede davon, herumzugehen und ihnen die Hand zu schütteln, wie der Selige zu tun pflegte. Das Wurm, der Pepillo, hatte recht gehabt. Ich wäre besser gleich auf mein Zimmer gegangen.

Sage ich zu Randal: »Ich geh nach oben, mich ein bißchen waschen.«

Der Blick, den er mir zuwarf, als wär er am Abkratzen. Und dann sagte der Blick noch was, er sagte: das ist ein fauler Anfang, guter Freund. Und dann dreht er sich auf dem Absatz rum und geht voran, und wie ich das Wohnzimmer im Rücken hab und steh im Dunkeln in der Halle – ordentlich wohl tat mir die Dunkelheit, das kann ich Ihnen sagen.

Randal sprach kein Wort, bis wir oben in meinem Zimmer standen. Das war ein schöner großer Raum mit einem breiten Bett. Ich staunte nur. Da waren Vorhänge an dem Fenster und ein Teppich auf dem Fußboden. Mein Randal schiebt die Hände in die Taschen und fängt an und geht vor mir auf und ab.

»Mann!« sagt er, »du lieber Himmel, du hast ja keinen Mucks getan! Man muß das Eisen schmieden, solang es heiß ist, und was hast du gemacht? Hinausgeschlichen hast du dich wie ein geprügelter Hund. Großer Gott! Du hast alles verdorben, bevor du überhaupt angefangen hast. Es wär genau so gut, wenn du jetzt aufpackst und machst, daß du in die Stadt zurückkommst. Weißt du, was ich jetzt tun würde, wenn ich an deiner Stelle wäre? Ich würde lieber aus dem Fenster klettern. An deiner Stelle würde ich mich schwer hüten, noch einmal durch das Zimmer drunten zu gehn und die Tür zu erreichen suchen.«

Das waren nun Redereien, die hätte mir sonst keiner bieten dürfen, und wenn er mir noch so viel Geld in Aussicht gestellt hätte. Aber das war nun so ein Augenblick, da war ich innerlich so 'n bißchen auf dem Hund.

»Hör mal!« sagt er plötzlich. »Das geht auf dich!«

Unten grölten sie vor Lachen, daß das Haus zitterte. Da wußt ich gleich, Randal hatte recht. Das war für den neuen Wirtschafter.

So stehn wir da und horchen. Da seh ich so mit 'nem halben Auge Pepillo, wie er hinter Randal steht, und mit dem Daumen deutet er auf die Tür und mit dem Kinn immer auf Randal hin. Das war nun so ein Wink, der leuchtet mir ein. Sage ich:

»Randal, ich will dir was sagen. Laß mich mal ein bißchen allein. Ich muß über die Geschichte nachdenken. Du nützt mir hier gar nichts. Die Sache steht so schlecht wie möglich, und du, du nützt mir gar nichts.«

Was Randal ist, der hatte noch 'ne Masse zu sagen. Dem brauchte man nur in die Augen zu sehen, da wußte man, der hatte mächtig Dampf auf. Aber es schien, es bestand noch 'ne Andeutung von einer Möglichkeit, ich könnte was austüfteln, was uns beiden aus der Klemme hilft. Also verschluckt er seinen Speech und hält den Mund und segelt aus dem Zimmer und knallt die Tür hinter sich ins Schloß.

Das Echo schallte durch das ganze Haus, und ich saß da und horchte, und es war mir grauenvoller zumut als je zuvor. Mein Mut war auf dem Nullpunkt angelangt. Selber einer von den Radaubrüdern unten zu sein, das hätte ich noch zusammengebracht. Aber umspringen mit denen, wie mit ihnen umgesprungen werden mußte, du lieber Himmel, da war kein Gedanke dran. Und ebensowenig daran, diesen McArdle kleinzukriegen, der sie in der Hand hatte und ihnen sagte, was sie zu tun und zu lassen hätten. Pepillo, der läßt seinen Hut durchs Zimmer fliegen und schneidet der Tür Grimassen. Da wach ich ein bißchen auf.

Sagt er: »Das ist ein Schwein! Was?«

Elend war mir zumut, aber grinsen mußt ich doch. Sag ich: »Nein, ein Schwein ist er nicht, da tust du den Schweinen etwas zuleid. Der Kerl ist ein Stinktier, jetzt weißt du, was er ist. Na und was hast du jetzt in deinem kleinen Hirnschädel da ausgebrütet?«

Setzt er sich an den Tisch und zieht die Beine unter sich, richtig zusammenfalten tut er sie. Und da sitzt er nun mit dem Kopf zwischen seinen kleinen Fäusten und grinst mich an.

*

Man brauchte ihn nur anzusehn, da war's einem ein gut Teil besser zumut. Das verstehen Sie nicht? Haben Sie nie einen Blauhäher gesehn, wie er durch die Zweige turnt und flattert? Ja? – und – da haben Sie gut sagen – da fliegt der Mörder, der Dieb, der Angeber herum und sucht, wo er Schaden stiften kann, und schwätzt und krakeelt, selbst da, wo nichts zu schwätzen ist – er sieht so hübsch aus, wenn ein Sonnenstrahl auf ihn blitzt und seine Federn funkeln –, und ist so frech, und so vergnügt und glücklich, da kann man gar nicht anders, da steht man und lacht.

Und so war's mit Pepillo! Der steckte auch voll Untaten, da war kein Zweifel dran. Aber anstellen konnte er, was er wollte, man mußte ihm zulächeln, wenn man ihn sah. Just eben war nun wieder so ein Augenblick, da wußte man nicht recht, lacht er mit mir oder lacht er über mich. Aber das war schon so, wenn er nur lachte, da war einem das übrige egal.

Ich hätte euch erzählen sollen, wie das Küken sich ausstaffiert hatte. Da gab's ein Paar Maroquinstiefel bei Gregorio, die hatt' er ihm abgeluchst, die Dinger sah man eine Meile weit, so funkelten sie: es war, als wäre er durch einen Sumpf von Blut gewatet. Und dann hatte er einen braunen Leinenanzug mit 'ner Art Unterjacke, die war grünlichblau, von einer Farbe, die man beinah ebenso weit sah wie die Stiefel. Das Hemd war gelb, und zu dem allem hat er einen schwarzen Filzhut auf, mit einer roten Feder dran. Der sah nicht aus wie einer auf der Ranch! Der sah aus wie einer aus dem Märchenbuch, das kann ich Ihnen sagen! Wie ich ihn das erstemal sah, als er so ausstaffiert daherkommt, verschlug mir's den Atem. Aber so wie ihr denkt, war's denn doch nicht. Der Jung hatt' 'ne Art an sich, dem standen seine Kleider wie wenn's nichts andres für ihn gab. Das war ein Küken! Stolz wie ein Pfau, boshaft wie ein Blauhäher, kühn wie ein Falke und graziös wie eine Schwalbe! Da sitzt er nun – und es war ein richtiges Fest für meine Augen – und grinst mich an, und seine Augen, die sind nicht 'ne Sekunde lang sich gleich, und es kommen Lichter drin und gehn, bald boshaft, bald lieb. Es war just so, als brennte ein Feuer da drin in seinem verteufelten kleinen Schädel, und bald flammte es auf, bald glimmte es bloß. Da hätt' ich mich auf den Kopf stellen können, ich hätt's nicht rausgebracht, macht er sich über mich lustig oder hat er Mitleid mit mir oder weiß er mir einen Rat.

Sagt er: »Dies Schwein«, sagt er, »der Randal«, sagt er, »der zählt doch nicht mit, no–o?«

Das war nun so 'ne Art von ihm mit seinem »No–o«, da läßt er sein Stimmchen gehn die ganze Tonleiter hinauf, und das Fragezeichen hintendran, das sah man förmlich.

Sage ich: »Ne«, sag ich, »der zählt, weiß Gott, nicht mit. Aber da sind ein paar andere, die tun's dreifach und doppelt.«

Er schüttelt bloß den Kopf, nichts als das, und plötzlich ist er vom Stuhl runter und liest seinen Hut vom Boden wieder auf und streicht die Feder glatt und haut ihn auf den Kopf, und dann rückt er ihn so recht verwegen aufs Ohr.

Ich schau ihn an, aber er sagt noch immer nichts. Eine Zigarette dreht er sich. Das mußte man gesehen haben, das war richtig ein Genuß. Die kleinen Finger, die wirtschafteten so fix, das Auge kam nicht mit, und dabei schaut er einen an und redet von ganz was anderem. Das war so sein Kunststück, und er war grausam stolz darauf. Wie er fertig ist, zündet er den Glimmstengel an und pafft 'ne lange Wolke an die Decke.

Sagt Pepillo: »Das ist nur einer!«

»Nur einer? Wieso?« sag ich.

»Ha, Señor«, sagt er, »wenn ich mir für Euch den Kopf zerbreche, so wär's ganz schön, Ihr paßtet wenigstens ein bißchen besser auf!«

»Du verdammter kleiner Blauhäher«, sag ich, »wie kann ich aufpassen auf das, was du sagst, wenn ich bloß immer zuschauen muß, was du treibst?«

»Ist das so?« sagt Pepillo und macht ein oder zwei Schritte, daß er sich im Spiegel sehn kann. Denn ein Spiegel war da auch. Da steht er nun und wirft den Kopf ein bißchen auf die eine Seite und dann auf die andere und dann – daß dich der Donner! – macht er 'ne Verbeugung und lächelt sich im Spiegel zu.

Sagt das Küken: »Wahr ist's schon, es ist der Mühe wert, mich anzuschaun. Was? Wenn ich groß werde, dann hab ich mächtigen Erfolg?«

Das war nicht schwer, zu wissen, was er meinte. Und ob der Jung Glück bei den Frauen haben mußte! Mit dem Silberstimmchen und mit den Augen und mit dem Gesicht! Du lieber Himmel, wenn der mal groß wurde, die Frauen liefen ihm nach. Sag ich zu Pepillo:

»Ich seh's schon, wenn du überhaupt noch so lang lebst, dann läßt du mich im Stich nach ein, zwei Jahren, damit du irgendein Mädchen heiraten kannst.«

»Habt keine Angst, Señor«, sagt Pepillo, »denn wenn ich die schöne Millionärstochter heimführe, nehme ich Euch mit.«

Sage ich: »So? Und was soll ich dabei tun?«

»Ah, Señor, ich nehme Euch als Kammerdiener.«

Ich hatte nichts bei der Hand als meine Reitgerte, und natürlich treffe ich ins Leere. Der kleine Teufel, der wäre noch selbst einer Kugel rechtzeitig aus dem Weg gegangen, so flink war der auf den Füßen.

Sag ich: »Das ist ja alles ganz schön, aber den Tag, den wirst du ja doch nicht erleben. Denn weißt du, Bürschchen, eines schönen Morgens da treibst du mich noch so weit, da lang ich mit der Hand aus ...«

»... und greifst in die Nesseln«, sagt mein Blauhäher.

Der war nicht unterzukriegen, der schwamm oben wie ein Kork.

»Aber«, fängt mein Pepillo wieder an, »Randal ist Null, Randal hilft uns nichts und schadet uns auch nichts. Die andern, von denen wäre jeder einzelne gefährlich, wenn bloß das Ding nicht so wär, daß einer von ihnen soviel gefährlicher ist, als alle anderen zusammen.«

»Den McArdle meinst du? Den Rotkopf?« sage ich. »Da kannst du recht haben, und, weißt du, für meine bescheidenen Ansprüche ist er ein ganzes Teil zu gefährlich.«

»Bah«, bellt Pepillo und stampft mit seinen roten Stiefeln auf den Boden. »Schämt Ihr Euch nicht, das einzugestehen?«

Sag ich: »Küken«, sag ich, »du bist mein Gewissen, du bist mein schlechtes Gewissen, ich mach mir nichts draus, wenn du meinen Charakter von der Kehrseite siehst. Daß du's nur weißt, ich hab Angst vor dem McArdle.«

»So?« sagt das Küken, und er lächelt mich an.

Der Donner, da war kein Witz in dem Lächeln, das war so ein Lächeln, wo einer alle Zähne zeigt, wie so ein Panthertier, das die Ohren zurücklegt. Das haben die Mexikaner so an sich, wenn ihnen die Wut kommt. Rund heraus, gemein sieht das aus.

»Also Angst habt Ihr? Ins Bockshorn gejagt seid Ihr? Und warum?«

»Warum?« sag ich, »hast du dir den Kerl mal angesehn?«

»Ja!« sagt er.

»Und was hast du gesehn?« sage ich.

Sagt er: »Einen großen Lümmel.«

»Einen verdammt großen Lümmel!«

Sagt mein Pepillo: »Aber er arbeitet nichts. Dann kann er nicht so kräftig sein, wie er aussieht.«

Sage ich: »Pepillo«, sage ich, »das ist so und so. Es gibt Leute, die müssen mächtig hart arbeiten, daß sie in Form bleiben, aber es gibt auch welche, die kommen auf die Welt wie Athleten und bleiben auch so und brauchen keinen Finger drum zu rühren. Und das will ich dir sagen, McArdle, der ist von der Sorte. Der braucht nicht erst zu arbeiten.«

Sagt Pepillo: »Ihr gebt Euch geschlagen, eh' noch ein Streich gefallen ist.«

Sage ich: »Wer redet da von Streichen?« sage ich. »Was der McArdle ist, der schleift Tag und Nacht 'nen Revolver mit sich herum und schießt wie der Teufel. Darüber kannst du ruhig sein ...«

»Und Ihr, Señor? Ihr auch! Ich war in Gregorios Laden. Ich sah den Revolver, den Ihr aussuchtet, die Sorte Revolver, die nicht lang den Mund hält!«

»Junge«, sage ich, »Pepillo, das Ding mit dem Revolver ist bloß Bluff. Ich denke mir, wenn ich auf die Ranch komme und zieh das Ding heraus – ich meine, nur, um's zu putzen –, und die Jungs sehn die sieben Kerben, dann wissen sie, was 'ne Donnerbüchse ist, die richtig niederträchtig aussieht. Aber es ist Bluff, mein Junge, alles Bluff. Ich richte nichts aus mit dem Schießeisen. Das sind Trauben, die mir zu hoch hängen.«

»Por Dios!« sagt er zwischen den Zähnen, »Angst hat er, und ein Bluffer ist er obendrein. Señor!« sagt er, »was für 'ne Sorte Mann seid Ihr eigentlich?«

»Manns genug, um dich auf den Kopf zu stellen und dir das Geld aus den Taschen zu schütteln.«

Ich denk, wenn ich ihm das unter die Nase reibe, gibt er glatt klein bei. Aber weit gefehlt, der denkt nicht dran, bloß mit dem Kopf nickt er. Sagt er:

»Das ist wahr. Unter Hunderten wart Ihr der einzige, der mich durchschaut hat. Das bedeutet viel. Man durchschaut mich nicht so leicht. Mich nicht.«

War dem Küken der Kamm geschwollen? Der Ausdruck ist schwach. Du lieber Himmel, solang ich lebte, hatt' ich noch keinen gesehen, dem er so geschwollen war. Aber ich konnt's nicht übelnehmen. Warum, weiß ich nicht.

Sage ich, um der Sache ein Ende zu machen: »Und vergiß das nicht, Junge, wenn man mit dem Rotkopf aneinandergerät, dann heißt's Revolver heraus.«

»Falsch!« sagt Pepillo. »Wenn der Rotkopf sich schlägt, ist's ihm gleich, auf welche Art. Ihr könnt's haben, wie Ihr wollt, Señor. Der Mann ist noch nie geschlagen worden, und deshalb kämpft er ebenso gern mit der Faust wie mit der Waffe. Und Euren Fäusten habt Ihr nichts vorzuwerfen, Señor.«

»Er noch weniger«, sage ich. »Seine Faust ist kleiner, das mag sein, aber sie taugt ein gut Teil mehr. Laß gut sein, Küken, du findest doch nichts heraus.«

Schmeißt er seine Zigarette auf den Boden. Da bleibt sie liegen; er kümmert sich den Teufel drum, daß sie ein Loch in den Teppich brennt, der kleine Bandit. Dann zieht er seine Reithandschuhe heraus, zwei niedliche gelblederne Reithandschuhe und sagt:

»Ich weiß nicht«, sagt er. »Wenn ich nur Zeit hatte, mich hat keiner schlagen können.«

Sage ich: »Aber wir haben keine Zeit! Jetzt muß was geschehn! Heute nacht noch!«

»Zeit«, sagt das Küken, »o je, fünf Minuten ist die halbe Ewigkeit! Nur Geduld. Wir werden sehn. Aber Ruhe muß ich haben, wenn ich nachdenken soll.«

Und da sitzt er und starrt den Boden an und zieht sein Stirnchen kraus. Von unten hört man Gebrüll und Lachen. Die Kerle hatten sich wieder an den Whisky gemacht, das war klar. Die gossen Öl auf die Lampe, um sich Mut zu machen für irgendeine ausgesuchte Teufelei. Das Ding machte mir richtig eine Gänsehaut. – Da war kein langes Nachdenken nötig, das hörte man raus, was die ausheckten, das war dem neuen Wirtschafter zugedacht.

Derweil springt Pepillo auf und geht im Zimmer hin und her, und wie er da so auf und ab steigt, gerät er wieder an den Spiegel. Was soll ich Ihnen sagen? Da bleibt er stehn und staunt sich an, so ganz großartig – 'ne richtige Pose stellt er, wie ein Ballettänzer, und zieht die Handschuh durch die Hand, wie so ein General, der Audienz erteilt.

Sagt das kleine Aas: »Well, es bleibt nichts andres übrig. Da Sie nicht wollen, werde ich wohl selbst hinunter müssen und mit den Leuten ein Wörtchen reden.«

Sag ich: »Holla, Küken, denk dran, was du tust! Wenn du runterkommst, die Kerle nehmen dich auseinander, bloß um zu sehen, was in deinem kleinen Brustkasten ticktack macht. Du kennst die Viecher nicht.«

Sagt mein Blauhäher: »So–o?« sagt er so ganz kaltschnäuzig, »ich will Euch etwas sagen, Señor: großmächtige Burschen mögen das sein da unten, aber wo ich her bin – großmächtig wie sie sind –, wären sie dort zu schlapp selbst als Pferdeburschen. Selbst als Pferdeburschen!«

Und er hat's noch nicht raus, da knallt er schon die Tür hinter sich zu und ist draußen.

*

Da sitz ich und starr die Tür an, und auf einen Schlag bin ich rein krank vor Neugier. Und wenn's mich das Leben kosten sollt, ich muß wissen, was das Küken eigentlich im Schilde führt und ob er sich überhaupt traut und hineingeht, wo McArdle und seine Kumpane ihren verdammten Juchhe haben.

Was sollt ich da machen? Die Treppen runtergehn und die Nase durch den Türspalt stecken – du lieber Himmel – nein. Also tu ich, was der Randal mir geraten hat, ich steig durchs Fenster und klettere außen am Haus hinunter. Es war ja nur ein Stockwerk tief, und der Ablauf von der Regenrinne, der war grad neben meinem Fenster. Ich hab Hände wie ein Schraubstock, in der Beziehung fehlt es mir am wenigsten, und so land ich unten so leise, als wär gar nichts.

Da steh ich nun gerade vor dem Fenster vom hinteren Wohnzimmer. Ich brauche bloß die Nase an die Scheibe zu drücken, da seh ich die ganze Bescherung vor mir.

Der Rotkopf, der steht da mit dem Whiskyglas in der Hand, und mit der andern Hand fuhrwerkt er in der Luft herum. Was soll ich Ihnen sagen? Der Kerl hielt eine richtige Rede, und da braucht's nicht viel Grips, man wußte gleich, worum's ging. Alle Sekunden deutet er nach oben, und die Rasselbande, die krümmt sich nur so und lacht, daß die Scheiben zittern. Die hatten etwas extra Spezielles für mich in petto.

Denke ich: Willst mal hören, was er sagt. Aber bis ich mich ums Haus rumdrücke – richtig steht da ein Fenster offen, wo ich hätte genau so gut hören können wie sehen –, da ist der Rotkopf schon fertig mit reden. Dann geht drinnen die Tür auf. Sagt einer:

»Da kommt sein Mozo.«

Und gehenkt will ich sein, da kommt er hereinmarschiert, und wie! Mann, das hätten Sie sehen müssen! Als hätt' ihn der König von England geradeswegs vom Thron heruntergeschickt, um den Stallburschen zu sagen, sie sollen artig sein. Der bleibt nicht bei der Tür, der marschiert ins Zimmer mitten rein und stellt sich hin und blitzt sie mit seinen Augen an, der Reihe nach, keinen läßt er aus. Und, Mann, was soll ich Ihnen sagen? Die Kerle hielten, weiß Gott, das Maul. Denke, sie waren platt über die mächtige Courage, die der kleine Kerl im Leib hatt', – was weiß ich, vielleicht waren sie auch bloß neugierig, was er sagen wollte.

Stellt er sich hin und sagt: »Amigos«, sagt er, »dürfte euch nicht unbekannt sein, daß mein Herr jetzt auch euer Herr geworden ist.«

Das saß! Du lieber Himmel! Die rissen Maul und Nase auf, wie er ihnen das versetzt. Geht einer her und brüllt:

»Daß dich! Schockschwerenot! Die Sorte Leute wird heut nicht mehr gebacken, die mit uns Meister spielen darf, du Küken! Hast es begriffen?«

Sagt McArdle, den wo sie Rusty nennen, weil er so 'nen roten Schädel hat –, sagt er: »Shorty, Mann«, sagt er. »In dem ganzen Monat hast du so was Gescheites noch nicht herausgebracht.«

Mann, das war das seltsamste Menschengewächs, das je Sattelleder gedrückt hat, der Kerl da, der Shorty, der zuerst den Mund aufgetan hatte. Den hatten sie nicht umsonst Shorty getauft, er war auch ein richtiger Stumpen. Von Beinen war bei dem kaum die Rede, und was er davon hatte, das war hübsch krumm gebogen, daß es ums Pferd paßte. Fünf Fuß war der ganze Kerl hoch, und beinah so breit wie lang. Wenn der auf einem Stuhl saß, lagen die Fäuste beinah auf dem Boden. Wie ein Affe, hätte man sagen mögen. Du lieber Himmel, der sah viel zu niederträchtig aus, um einen Affen abzugeben. Was so ein affenmäßig blöder Kerl ist, der schaut nicht so schwefelmäßig giftig boshaft aus, wie der Mann aussah.

Pepillo, Mann, Pepillo, der hebt bloß die Hand hoch, sie sollen den Mund halten. Dabei knurrten sie um ihn herum, wie ein Käfig voll Tiger.

Sagt er, sagt das kleine Aas: »Gentlemen«, sagt er, »ich glaube, es ist richtiger, ich sage Ihnen, was für Mühe es gekostet hat, den Herrn zu bitten, daß er oben bleibt. Aber ich hab's zustand gebracht, und jetzt bin ich persönlich hier, um euch 'nen guten Rat zu geben: Es wäre euch mächtig gesünder, wenn ihr euch jetzt mucksmäuschenstill verhieltet.«

Das war nun so ein Ding das. Die wüsten Kerle, die heulten nur so – und mir, mir brach der kalte Schweiß aus. Das war nicht anders möglich: das Küken war besessen. Ein Jahr hätt' er drauf studieren können, er hätt' nix sagen können, das schlimmer war. Zwei von den Banditen, die sind gleich auf ihn losgestürzt, aber was Rusty McArdle ist, der macht so eine Handbewegung und schickt sie zurück.

Sagt er: »Nicht übel, dein Jux«, sagt er zu dem Küken. »Sag mal – dein Boß, das ist wohl ein Herzog in Zivil? Oder sonst was Feines.«

»Das«, sagt Pepillo, und nicht 'ne Sekunde überlegt er, »das ist eine Frage, die hätte Euch des Herrn Schießeisen gern beantwortet! Hättet bloß zu fragen brauchen.«

Sagt Rusty: »Oh«, sagt er, »es war mir doch gleich so, wie er so hier hereintrippelt heute abend und verduftet gleich wieder – schwante gleich, daß er sein Schießeisen muß vergessen haben.«

Die grölten nur so vor Lachen. Da sah man, das ging ihnen mächtig gut ein, wie er den Sprecher für alle macht und das Ding hinstellt, daß ich blamiert bin – und es war ja nicht übel. Das werden Sie zugeben, Mann.

Mein kleiner Blauhäher, den schmeißt's nicht aus dem Sattel, weit gefehlt! Der wirft das Köpfchen zurück und klappt sich mit den Handschuhen auf die Hand, frech wie Oskar.

Sagt das Gewürm: »Leute!« sagt er. »Ich sag euch was im Vertraun, das wird mächtig gut für euch sein, wenn ihr das hört. Der Señor hat ein jähzorniges Temperament, sogar ich hab manchmal Angst vor ihm ...«

Da hält er ein, als wär's ihm gar nicht unerwartet, daß sie lachen, und die Kerle, die platzen beinah.

»Laßt ihn doch, Boys«, sagt Rusty. »Das ist so kostbar, das muß man bis ans Ende genießen. Denke, der Kerl da oben, der so tun möchte, als hätte er alle Trümpfe im Sack, hat ihm das alles eingebläut, Wort für Wort. Pack nur alles aus, du Küken.«

Sagt mein Blauhäher zu ihm: »Lieber Freund«, sagt er, »ich bin dir zu wohlgesinnt, ich werde dem Herrn nicht alles erzählen, was du hier gesagt hast. Ich möcht nicht dabei sein, wie du kaltgemacht wirst.«

Du lieber Himmel, die konnten bald nicht mehr. Es war, wie wenn sie einer gekitzelt hätte. Man sah's, bei denen kam Rusty McArdle gleich hinter blauem Stahl. Die waren selber hart, aber das sah man, für die war Rusty das Härteste, was es in der Welt gab. Und, Mann, ich sage Ihnen, ich war derselben Ansicht. Nur einen Wunsch hatt' ich, dem Küken den Hals umzudrehn, und das nächste war, daß ich dachte, Mann, dachte ich, das beste, was du tun kannst, ist, du springst aufs nächste Pferd und machst dich auf den Weg nach der Stadt, so rasch vier gesunde Pferdebeine und ein Paar gute Sporen dich befördern können. Das war schon gut, aber das ging nicht. Ich schlotterte nur so, und trotzdem kam ich um vor Neugier. Ich mußte wissen, wie das weiter geht. Ich mußte wissen, was der dickköpfige, frechmäulige Kobold noch alles für diese Horde Tiger in petto hatte. Aber, Mann, was da kam, daran hätten Sie nicht im Traum gedacht.

Sagt Rusty zu ihm: »Verdammt nett von dir, Bubi, daß du so ein bißchen Mitleid mit mir hast. Hab gar keinen Ehrgeiz nicht, in der Blüte meiner Jahre ins Grab zu sinken. Habe mich, denke ich, schon so Stücker drei- oder viermal drum zu drücken gewußt, und denke nicht, daß an deinem Boß viel dran ist, was einem Sorgen machen könnte.«

Pepillo, der schaut ihn bloß an, der schaut ihn sich an, von oben bis unten, so lang und so beharrlich, du lieber Himmel, es wurde selbst Rusty zuviel. Dem vergeht das Grinsen, und er zieht die Stirne kraus. Sagt er:

»Was glotzt du so, du Lausejung?«

Sagt mein Blauhäher: »Ich frag mich bloß«, sagt er, »auf welche Art der Señor dir den Garaus machen wird.«

Das Ding war ein erhebliches bißchen unverschämt, aber Rusty, der blieb ihm nichts schuldig. »Bloß mit Hilfsstellung!« sagt er. »Allein wird er das Ding sein Leben lang nicht zuwege bringen.«

»No«, sagt das Küken und schüttelt nachdenklich den Kopf. »Glaube nicht, daß er's mit dem Revolver machen wird.«

»Da kannst du recht haben«, sagt Rusty, und die ganze Bande heulte nur so vor Vergnügen.

Sagt mein Blauhäher: »Wie ich ihn kenn', wird er die Fäuste nehmen. Ihr alle zusammen seid ja immerhin ein leidlicher Brocken, an dem er so einen kleinen Augenblick lang seinen Spaß haben wird. Aber trotzdem – wenn ihr noch halbwegs genügend bei Besinnung seid, um wieder zur Vernunft zu kommen – und wenn ihr zunächst«, sagt er, » mich um Entschuldigung bittet und mich dann höflichst ersucht, bei dem Señor ein Wort zu euern Gunsten einzulegen«, sagt er, »dann besteht immer noch ein Schimmer von 'ner Möglichkeit, daß ich euch das Schlimmste erspare.«

»Der Donner, Bubi«, sagt Rusty McArdle, »da soll mich doch der Schlag treffen, wenn du nicht anfängst, mir auf die Galle zu gehn. Nun setz dich mal schleunigst in Trab und meld deinem Boß, die Sorte Bluff, die er mit uns versucht hat, die wär ganz gut gewesen vor fünfzig Jahren, und sag deinem Boß«, sagt er, »die Welt wär ein mächtiges Stück erwachsener geworden seitdem, und der Teil von der Welt, der am erwachsensten wäre«, sagt er, »das wären just die Gents, die hier in diesen vier Wänden sind und deine dreckige Visage betrachten.«

Da waren sie nun alle mächtig zufrieden, da brummten sie alle vor Vergnügen. Es gibt doch just nichts in der ganzen Welt, was so einen Mann mehr am Zwerchfell kitzelt, als wenn er für so einen mächtig gefährlichen Kerl gehalten wird.

Sagt mein Pepillo: »Ich seh schon«, sagt er. »Wird schon besser sein, es wird gleich Schluß gemacht. Ich geh und sag meinem Herrn, was ich hier gehört hab.«

Er dreht sich auf dem Absatz um, so kühl, sag ich Euch, so kühl. Aber was Shorty ist, der springt vom Stuhl auf und läuft ihm nach – brrr –, wie das aussah, wie der Kerl watschelte, so einen richtigen giftigen Krötengang hatte der. Sagt er:

»Wart mal noch 'nen Augenblick, Grashüpfer«, sagt er. »Richt du ihm mal aus, extra speziell von mir, er braucht sich nicht einzubilden, er kann hier mit Rusty McArdle anfangen. Rusty, das ist ein Mann in Lebensgröße, der ist nur für Erwachsene! Aber ich, ich bin das Küken hier auf der Ranch, und mit alledem, daß ich das Küken bin, werd' ich's ihm besorgen, daß er mir Wasser aus der hohlen Hand säuft und schwört, es ist Champagner. Renn du mal hin und sag ihm, er muß geruhen und muß mal erst mit mir antreten. Sonst, Junge, werden die Gents hier ihre Zeit mit ihm nicht verlieren. Will dir sagen, wozu sie grad noch Zeit haben; ihn in ein Restchen Teer tauchen, das gerade noch zur Hand ist, und ihn mit einem niedlichen Federkleid ausstaffieren. Nun renn und sag ihm das!«

»Soll ich ihm das ausrichten – von einem ... Kerl wie du?« sagt Pepillo.

Das war nun so 'n Wort, das kam dem Kerl so unerwartet, das fuhr ihm in die Glieder. Seine Dreschflegel von Armen, die hingen ihm herunter, was soll ich Ihnen sagen, wie gelähmt. Und mein Pepillo, Mann, der macht 'nen Schritt vor, so 'nen richtigen Walzerschritt, und, du lieber Himmel, ritsch, ratsch, zieht er dem Shorty die Handschuh durch die Fresse – das ging nur so. Ich denk, mich rührt der Schlag, wie ich das seh. Sie werden meinen, Handschuh sind weiches Leder. Der Donner – der Pepillo hatte mit dem Ende zugeschlagen, wo die Schnalle ist und der Dorn von der Schnalle, der reißt dem Shorty einen Striemen in die Lippe. Da kommt gleich das Blut in einem dünnen Strahl und tröpfelt egalweg auf den Boden.

Das alles konnt ich ganz bequem mit ansehn, denn Shorty, der war so hin vor Wut, vor Verblüffung, vor Scham, der stand da wie angeleimt. Und wie er so steht wie 'ne Salzsäule, dreht sich mein Pepillo um und geht hinaus, so ruhig und so gemütlich, als wär's gar nichts. Der kommt ganz bequem zur Tür, und Shorty steht wie so ein wildgewordener Stier, eh' er die Hörner senkt, und schäumt vor dem Maul.

Aber just da geht er auch los. Einen Brüller tut er, Mann! Über Flüche war der schon hinaus! Die Augen wurden ihm rot, und mit dem Unterkiefer wirtschaftete er, es grauste einem, wenn man's sah. Dann langt er aus mit seinen langen Dreschflegelarmen hinter dem Blauhäher her. Und Hände hingen an den Armen, Hände, wie raubgierige Spinnen, größer als meine.

Just da fliegt die Tür hinter Pepillo ins Schloß. Der hatte sich nicht einen Augenblick beeilt, aber den Schlüssel hatte er wohl rumgedreht, sobald er draußen stand. Denn Shorty, der landet an der Tür just 'ne zehntel Sekunde später und klatscht, bums, dagegen, daß das Haus dröhnt, und dann rollt er zurück, und die Tür bleibt zu.

»Das kleine Aas braucht 'ne Dosis mit der Reitpeitsche«, heult einer auf, »und den Boß können wir gleich mitnehmen, das geht in einem Aufwaschen. Los, Jungs!«

Mann, ich steh da und seh, wie sie gegen die Tür schmettern, die ganze Bande in einem Klump. Da war kein Spaß dabei, die türmten sich förmlich übereinander wie die Baumwollballen. Aber die Tür, die war solid, die gab nicht gleich nach, noch nicht. Ich steh da und tu noch einen Blick hin. Denen sabberte der Speichel aus den Mundwinkeln vor lauter Wut. Dann mach ich mich davon.

Bloß einen Wunsch hatte ich; hier raus, so schnell als möglich, und nach Sourcreek City auf die Socken gemacht! Solang ich lebe, war ich auf ein Ding nicht so versessen, wie jetzt auf das! Ich war nie ein Held, ich hab nie behauptet, daß ich ein Held bin. Eine solide Rauferei – klar, das ist bloß ein Jux, und ein feiner Jux! Aber die zwölf Kerls, die warn auf Mord aus!

Und just da fährt mir durch den Kopf: Und was wird mit dem Küken? Eine scheußliche Suppe hat er mir da eingebrockt, aber das war wurscht, er hatt' es gut gemeint, und wehe, wenn er diesen Erzhalunken in die Krallen geriet. Umbringen würden sie ihn – du lieber Himmel –, umbringen war kein Wort.

Ich sause an der Regenröhre hinauf. In meinem Leben bin ich nicht so fix gewesen; ich galoppierte mit den Händen, könnt ich sagen.

Wie ich oben am Fenster bin und schau hinein – da sitzt er richtig, der Pepillo –, da hängt er wie ein leerer Schlauch. Der ganze Most war ausgelaufen! Aus und erledigt. Da hockt er und steckt den Kopf in die Arme und heult – und heult – wie ein Säugling.

 

* * *

 

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