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Pepillo

Max Brand: Pepillo - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Brand
titlePepillo
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid1562d31b
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Es ist klar, das war nicht bloß so dahergeredet, was ich sagte. Ich geh ans Fenster und brüll:

»Shorty!« brüll ich. »He! Rusty! He! Leute!«

Ich habe eine gesunde Stimme. Ich konnt mich drauf verlassen, es dauert keine Sekunde, da kommt die ganze Bande aus dem Schlafhaus herangeflitzt. Aber es gab auch noch andere Leute, die mich hörten. Krach – krach – krach – gehn drei Flinten los, und ein Hagel von Blei schlägt das Fenster ein, daß auch nicht eine Scherbe im Rahmen bleibt, und wie die Splitter auf den Boden klirren, hör ich gleichzeitig die Kugeln in die Wand einschlagen.

Ich geh schleunigst vom Fenster weg, und was soll ich Ihnen sagen? Mein Blauhäher, der hängt an mir und ist einfach hin vor Furcht. Es war ein seltsames Ding. Kein Mensch hatte gedacht, daß der Jung sich so feige zeigen würde. Es war mir direkt widerlich, wie ich ihn winseln hörte.

»Es hat keinen Sinn«, heult er, »Ihr könnt sie nicht abhalten!«

Sage ich: »Verdammter kleiner Holzkopf«, sage ich zu ihm, »die Tür ist zugeschlossen, es hat keinen Sinn, daß du dir Sorgen machst. Das ist eine Tür, da kannst du schon eine gute Weile dagegenrammen, eh die nachgibt, und eh's soweit ist, sind längst die Cowboys hier. Da! Hörst du sie nicht?«

Mein Brüllen und die drei Schüsse hätten genügt, um Tote zu erwecken, und weiß Gott, das war nicht nötig. Meine Jungs, die hatten einen leichten Schlaf. Ich höre sie Antwort brüllen, und die Tür vom Schlafhaus fliegt auf. Jetzt waren sie schon auf dem Weg zum Haus! Egal, wer sich da in der Nacht herumdrückte, den Betreffenden konnte ich garantieren – wie viele es auch sein mochten –, daß sie in der nächsten Sekunde alle Hände voll zu tun haben würden.

Es gab bloß eine Gefahr im Augenblick, dachte ich: die Kerle, die da herumgeschossen hatten, konnten versuchen, außen am Haus heraufzuklettern und durchs Fenster einzudringen. Ein schlechter Schütze war ich ja, aber soviel konnte ich mir doch zutraun, daß ich ihnen dann die Hölle genügend heiß machen würde. Also reiße ich den Revolver heraus und steh bereit, das Gesicht nach dem Fenster. Was nun folgte – jedesmal, wenn ich daran denke, muß ich sagen, ich hätte sicher ein gut Teil besser abgeschnitten, wenn ich allein gewesen wäre! Pepillo, müssen Sie wissen, der hat mich in dieser Nacht richtig gelähmt. Der sah viel früher als ich, was vorging. Aber anstatt mich zu warnen wie ein vernünftiger Mensch, tat er einen so irrsinnigen Schrei, daß mir im Augenblick das Blut in den Adern gerann und ich dastand wie ein Stock.

Ich drehe mich auf dem Absatz rum, vom Fenster weg, und was soll ich sagen, die Tür, die ich selbst zugeschlossen hatte, springt auf, und auf der Schwelle steht ein Kerl. Gerade soviel konnt ich noch sehn, daß er eine von den kurzen engen mexikanischen Jacken anhatte, und eine schwarze Maske vor dem Gesicht. Ich versuchte meinen Revolver anzulegen, um zu feuern, aber soviel Zeit hatt' ich gar nicht. Der Kerl, der nimmt sich gar nicht erst die Mühe, den Revolver hochzuheben, der läßt den Schuß von der Hüfte aus fliegen (das ist so ein Trick, wenn einer besonders schnell sein will – bloß im gewöhnlichen Leben, wenn sich einer damit wichtig macht, zerknallt er die Fensterscheiben oder macht ein Loch in die Decke). Diesmal kam das Ding aber anders. Die Kugel pfiff mir haargenau am Schädel vorbei, als sollte ich geschoren werden. Mann, das war ein Gefühl, als zöge mir einer ein glühendes Messer über den Skalp, und gleichzeitig war's, als hätte ich einen Schmiedehammer auf den Kopf bekommen. Ich fiel gleich in die schwarze Unendlichkeit hinunter und merkte schon gar nicht mehr, wie ich auf den Boden hinknallte. Ich war schachmatt, vollkommen.

Aber ich war immerhin nicht länger als eine Sekunde schachmatt. Ich schaffe mich auf die Knie, Mund und Nase noch voll Pulverdampf, und höre ein Getümmel, daß die Wände wackeln. Ich laufe in den Flur hinaus und seh oben vom Treppengeländer aus, wie der Kerl, der in mein Zimmer gedrungen war, Pepillo eben zur Haustür hinausschleppt. Mit drei Sprüngen bin ich die Treppe hinunter, und der Kerl mit der Mexikanerjacke dreht sich herum und schickt mir einen neuen Gruß.

Aber die Finsternis war ihm nicht günstig, seine Kugel schwirrte haarscharf an meiner Wange vorbei. Es war ein verdammt dichter Schuß, aber immerhin ging er daneben.

Denke, sein nächster Schuß hätte im Schwarzen gesessen. Bloß hatte er nicht mehr die Zeit, abzudrücken. Wie er sich herumdreht, um mir eins auf den Pelz zu brennen, kommen zwei Schatten durch die Tür hereingerast, der eine so groß wie ich selbst, der andre kurz und untersetzt. Ich wußte gleich, wer es war: Shorty und Rusty McArdle. Mann, in meinem Leben habe ich keinen Augenblick erlebt, der meinen Augen mehr wohlgetan hätte.

Sie erwischen den fremden Kerl – es war ein wunderbares Schauspiel –, es war, wie wenn eine mächtige Brandungswelle eine leere Kiste erwischt und vor sich her trägt. Bis ich da war, war die Sache schon geschafft. Pepillo war in einer Ecke zusammengekrochen, die Hand über den Augen, als wollte er etwas nicht sehen, was ihm unerträglich war. Und vor mir steht der fremde Kerl, und hinter ihm Rusty in seiner ganzen Größe und hält ihn wie ein Schraubstock.

Sagt der fremde Kerl – und ein ausgezeichnetes Englisch sprach er:

»Ihr Mann zerbricht mir die Handgelenke, Señor, wollen Sie ihn auffordern, das zu unterlassen.«

Es war nicht nötig, brutal zu sein, Shorty hatte dem Kerl schon die Taschen ausgeleert und sich seines Messers und seiner Schießeisen bemächtigt. Vier Stück Revolver hatte der mit sich rumgeschleppt. So sage ich Rusty, er soll seinen eigenen Colt herausziehn und immer hübsch dem Fremden im Rücken bleiben, und jetzt strömen die anderen Cowboys und unsere Nigger – die ganze Gesellschaft strömt zur Tür herein – und wer erscheint von oben? Der alte und der junge Randal, immer vier Stufen auf einmal die Treppen hinunter.

Der Alte geht schnurstracks auf den Fremden los – Shorty hatte ihm die Maske abgenommen – und wie er nur hinsieht:

»Pablo Almadares!« sagt er. »Bei meiner ewigen Seligkeit«, sagt er; »das ist Pablo Almadares!«

Und in dem Augenblick wußt ich auch, daß es stimmte. Der Kerl war so verdammt hübsch und so geschmeidig und zäh, wie aus elastischem Stahl gemacht, der war für den Kampf geboren. Er trug den Kopf hoch, und wie er uns mit seinen großmächtigen schwarzen Augen ansieht, zuckt er nicht mit der Wimper.

Bloß wie sein Blick auf mich fällt, da blitzt was drin auf wie Feuer, das sich in einer Fensterscheibe spiegelt, und sein Mund preßt sich ein bißchen fester zusammen. Ich machte ordentlich einen Schritt zurück, wie ein Hund, dem der Wolf die Zähne zeigt. Dann schaffe ich mir erst mal die andern Boys vom Hals. Ich sage ihnen, es müßten immer noch ein paar von Almadares Freunden sich ums Haus herumtreiben, denen sollten sie mal einen kleinen Stoß in die Rippen versetzen. Da sie wußten, daß wir Pablo erwischt hatten, waren sie mächtig drauf aus, auch die übrige Bande dingfest zu machen, und sie waren im Handumdrehn draußen. Dann hatte ich mir noch die Nigger vom Hals zu schaffen, so daß schließlich niemand mehr da war als Harry und Henry Randal, Shorty, Rusty, Pepillo und ich. Außer dem Almadares natürlich.

Und was Shorty ist, der setzt sich gemütlich auf einen Stuhl, mit einem langen bösartigen Schießeisen in jeder Faust, und studiert den Banditen, als wollte er ihn auswendig lernen. Seine Augen, die gaben ordentlich einen Schein von sich. Der wandte von dem Kerl nicht eine Sekunde lang die Augen weg und hielt die Revolver immer steif auf ihn gerichtet. Bloß wenn der Kerl, der Almadares, sich mal ein bißchen nach vorwärts beugte, da ging Shortys Revolver so pünktlich mit wie ein Uhrzeiger, und wenn Pablo sich auf seinem Stuhl wieder aufrichtete, kam der Pistolenlauf prompt auch wieder hoch.

Sie hatten im Lauf der Zeit soviel Prämien auf den Kopf von Almadares gesetzt – für einen Cowboy war's so gut wie ein Vermögen, selbst wenn man in Betracht zog, daß Rusty und Shorty miteinander teilen mußten. Shorty, der saß da und genoß die Vorfreude von dem vielen Geld. Aber Sie müssen nicht meinen, daß er sich deshalb erlaubt hätte zu träumen. Shorty, der hatte alles in der Welt um sich vergessen, bloß das eine nicht, daß Pablo Almadares einen Haufen Geld wert war, gleichgültig, ob lebend oder tot, und – o weh, o weh, Sie können sich keine Vorstellung machen, wie mächtig sich Shorty nach irgendeinem Vorwand sehnte, um Almadares recht brav und zahm und handlich zu haben – nämlich, was ein Leichnam ist, der kann nicht ausrücken.

Nun waren da noch die Randals. Harry Randal, der saß da so strahlend, als wärmte er sich an einem guten Feuer. Er lümmelte sich in seinen Stuhl mit einer Zigarette im Mund und blies den Rauch so recht großspurig und faul seinem Großpapa ins Gesicht.

»Hat beinah den Anschein, Großvater«, sagt er, »daß ich dran und drauf bin, unsern Kontrakt zu gewinnen. Es hat beinah den Anschein, Großvater, als hätten wir hier endlich das Loch verstopft, durch das unsre Viehherden zum Teufel gingen. Jetzt haben wir den Anführer der ganzen Bande, und ich denke, wenn dieser Kerl, der Almadares, endlich aus dem Weg geräumt ist, werden sich die Viehdiebe schwer hüten, je noch einen Fuß in unser Tal zu setzen. Die werden sich so schwer hüten, als ob überall Rattengift ausgelegt wär. Hab ich recht, Pablo?«

Almadares lächelte.

»Señor«, sagt er, »Sie schmeicheln mir wirklich kolossal. Oh – wirklich ganz unglaublich schmeicheln Sie mir, mein Freund«, sagt dieser gelassene Schuft.

Der alte Henry, der fängt an und steigt in seinem Pyjama und in seinen Pantoffeln, wie er aus dem Bett gesprungen ist, im Zimmer hin und her und stopft sich seine kleine Tonpfeife und steckt sie an. Und wie er so auf und ab geht, zieht er eine lange Tabakswolke hinter sich her. Das Zeug war so stark – selbst Shorty blinzelte, wenn so eine Wolke auf ihn zugetrieben wurde.

Sagt der alte Henry: »Nun«, sagt er, »eins zum andern genommen, muß ich schon gestehn, die Sache nimmt nicht den Verlauf, wie sie sollte. Nummer eins ist da die mysteriöse Tatsache, daß die Kühe über Nacht mehr werden ...«

»Oh, Großvater«, sagt Harry ganz süß und unschuldig, »du hast bloß beim Herumreiten eine Herde nicht gesehn, die sich in die Bergschluchten verzogen hatte.«

Der alte Knabe dreht sich auf dem Absatz rum und wirft ihm bloß einen Blick zu. Sagt er:

»Junger Mann«, sagt er, »merke dir gefälligst, daß ich alles sehe, was ich sehen will, wenn ich darauf aus bin, mir die Dinge genau anzusehn. Aber abgesehen von den Kühen, wir wollen mal eine andere Frage betrachten. Was für ein Teufel reitet diesen Almadares, daß er sich in den Kopf setzt, einen so nichtsnutzigen kleinen Höllenbraten wie diesen Pepillo zu entführen, von dem kein Mensch etwas weiß? Willst du mir das vielleicht mal sagen? Almadares, wollt Ihr mir vielleicht sagen, was in der Kröte für ein besonderer Wert steckt?«

Almadares, der legt den Kopf in den Nacken und grinst so recht niederträchtig zu mir herüber. Sagt er:

»Vielleicht kann Señor Kitchin uns erzählen, was für ein verborgener Wert darin steckt?«

»Kitchin? Kitchin?« bellt der alte Randal – dem gerissenen, alten Kerl entging doch nichts. »Ist das Euer richtiger Name, Smith-Jones?«

Ich zuckte bloß die Achseln.

»Ihr wißt's nicht?« sagt Almadares und zieht in so einer recht boshaften Art die Brauen hoch. Der Kerl hatte das richtige, gemeine, mexikanische Lächeln. Alle seine Zähne sah man.

»Kitchin?« sagt Henry Randal. »Kommt mir so vor, als hätte ich von einem Goldsucher namens Kitchin gehört, der einen großen Fund gemacht hat. Almadares, wo war der Kitchin zuständig?«

»Fulsom-Staatsgefängnis! – Die letzten zwei Jahre wenigstens, bis vor kurzem«, sagt Almadares.

»Fulsom-Gefängnis?« sagt Henry Randal.

»Fulsom?!« Das waren Shorty und Rusty gleichzeitig. Die waren atemlos vor Verblüffung.

Und dann stellt sich Henry Randal hin und lacht. Sagt er:

»Ah, well«, sagt er, »die Hälfte von der Geschichte hatte ich schon vermutet, eh' sie ans Tageslicht befördert wurde. Mach kein so niedergeschlagenes Gesicht, Harry! Die Hauptsache ist, daß du jemanden hast, der deine Ranch in Betrieb hält und der sein Geschäft gut versteht. Und solang er das besorgt, wie sich's gehört, kann dir's ziemlich gleichgültig sein, was in seinem amtlichen Leumundszeugnis steht.«

Sage ich: »Vielen Dank, Pablo«, sage ich. »Ich werde dir das nicht vergessen!«

Sagt er: »Señor!« sagt er, und mächtig bewegt schien er mir zu sein. »Das ist nur eine Kleinigkeit, im Vergleich zu dem, was ich mit Vergnügen für Sie tun würde.«

Sagt Henry Randal: »Allright!« sagt er. »Aber trotzdem möcht ich gern wissen, was an diesem Pepillo da Besonderes ist, was Euch veranlassen konnte, Almadares, Euer Leben in so unsinniger Art aufs Spiel zu setzen.«

»Ich will Euch die Wahrheit sagen«, sagt Almadares, »ich dachte, Señor Kitchin würde sich zum Kampf stellen, wie ein ehrlicher, anständiger – Mörder. Nicht im Traum hab ich mir einfallen lassen, daß er nach Hilfe rufen und mir seine Leute auf den Hals ...«

»Well«, sagt Henry Randal zu ihm, »das ist so ein kleiner Irrtum, mein lieber, junger Freund, für den Ihr gehenkt werden dürftet.«

Almadares, der zuckte mit keiner Wimper. Nicht den Bruchteil von einer Sekunde lang verließ ihn sein Lächeln.

»Gehenkt?« gurgelt Pepillo. »Henken?« und springt auf die Füße.

Almadares, der stand auch von seinem Stuhl auf, legte die Hand aufs Herz und machte mir einen tiefen Bückling.

»Gewiß, ich werde baumeln«, sagt er, »und für all das«, sagt er, »dank ich Euch, mein werter Freund, von ganzem Herzen.«

Sagt Shorty hinter ihm, mit seinen Revolvern in der Faust:

»Pablo«, sagt er, »eben hättest du dir um ein Haar das Henken erspart! Und wenn du dir noch mal einfallen läßt, derart in die Höhe zu schnellen, kann dir's, weiß Gott, passieren, daß du in deinen Stiefeln stirbst. Nämlich, Sonny, merk dir das, wenn du noch einmal bloß einen Zollhoch von deinem Stuhl aufstehst, bist du bereits ein toter Mann.«

»Paß doch auf! Das Küken!« sagt Rusty. »Es wird ohnmächtig.«

*

Ich dachte, Pepillo würde glatt auf den Boden hinschlagen, aber wie ich an ihn herankomme, dreht er sich um und wirft mir einen Blick zu, so voll Haß und Verachtung und Abscheu, daß ich wie angenagelt stehenbleib. Und dann macht er kehrt und geht geradeswegs zur Tür hinaus. Ich schaue von ihm zu Almadares, und was soll ich Ihnen sagen, Mann, ich seh auf einmal die Augen, die der Bandit hatte. Die waren gar nicht schwarz, sie waren tief dunkelbraun, sie waren genau wie die Augen von Pepillo. Wie ich das sehe, da wird mir's auf einmal licht. Jetzt konnte ich mir alles erklären. Es war eine so unumstößliche Wahrheit, daß ich dastand und mich an den Kopf griff vor Verwunderung.

Sage ich – ein bißchen heiser kam's heraus: »Shorty, ich denke, du solltest diesen Almadares hier in denselben Raum im Keller sperren, wo wir neulich den Dance hingesteckt haben. Schließ ihn da ein, du und Rusty könnt abwechselnd Wache halten. Ich denke, ihr könnt euch an der Einmündung des Gangs einrichten, denn es ist ja nur noch die Tür unten, die in den Keller neben den Gang führt, und die Tür ist so eingerostet, daß sie selbst der Teufel nicht aufschließen könnte. Im übrigen hab ich den Schlüssel bei mir. Aber haltet eure Augen offen, versteht ihr mich?«

Die Mahnung war nicht nötig gewesen. Ich wußte, sie würden die Augen offen halten. Wie ich zur Tür hinausgehe, ruft mir der alte Randal nach.

Ich dreh mich um.

Sagt er: »Kitchin«, sagt er, »ich möchte nicht, daß Ihr denkt, wegen der Sache, die da herausgekommen ist, hätte ich keine Achtung mehr vor Euch. Ich habe mehr Respekt für einen Kerl, der seine Strafe auf sich genommen hat, als vor einem, der sich daran vorbeizudrücken verstanden hat.«

Ich antwortete nichts. Es war mir verdammt wenig an seiner Meinung gelegen. Ich gehe zur Tür hinaus und steig die Treppe hinauf – verflucht langsam –, und bei jedem Schritt war mir's, als wollte mein ganzes Blut zu meiner Kopfwunde heraus. Und doch war's, als ob der Schmerz mir hilft, klar und scharf zu denken.

Ich komm in mein Zimmer, und da sitzt Pepillo am Tisch, das Gesicht in den Händen vergraben und so gut wie am Ende seiner Kraft. Er blickt auch nicht auf, als die Tür ins Schloß fällt.

Ich lege eine Hand auf seine Schulter, aber er gibt einen Laut des Abscheus von sich und rutscht zur Seite.

»Küken«, sage ich, »ich bin doch kein Vieh! Und ich hab's nicht verdient, daß du so mit mir umspringst. Nicht im geringsten. Und du solltest es wissen. Aber ich verstehe jetzt, Pepillo, armes Küken. Endlich ist mir alles klar geworden!«

Ich nick ihm zu und sage, um's ihm zu erklären:

»Weißt du«, sage ich, »ich habe gemerkt: er hat dieselben Augen wie du. Das hat mich zuerst auf die Spur gebracht! Und er hat genau so eine geschmeidige Art an sich wie du, und so leicht und schlank er aussieht, ist er mächtig stark – genau so, wie du mal sein wirst, wenn du erwachsen bist – siehst du, Jung, auf die Art hab ich gemerkt, wie's mit euch beiden steht.«

»Sagt's deutlich und rasch«, sagt Pepillo, und, Mann, er war weiß wie die Wand, und seine Augen waren halb verschlossen. »Bei allem, was Euch heilig ist, sagt's so einfach und so rasch als möglich. Ich bin jetzt nicht fähig, Rätsel zu lösen!«

Sage ich: »Da sind nicht viel zu lösen«, sage ich, »da sind, weiß Gott, nicht viel zu lösen, armes Küken! Ich will dir bloß sagen, Küken, daß ich jetzt über alles Bescheid weiß. Almadares war's, der in der Nacht das fehlende Vieh ins Tal hinuntergeschickt hat. Hab ich nicht recht?«

Er antwortete keine Silbe, aber er fährt zusammen. So weiß ich, daß ich recht hatte.

Sage ich: »Und er hat das Vieh geschickt, weil du ihn darum hast ersuchen lassen. Hab ich recht? Und das war der Grund, warum du Sammy Dance aus dem Keller gelassen hast?«

Pepillo fährt zurück und starrt mich an.

»Wie seid Ihr dazu gekommen, solche Dinge zu vermuten, Señor?« sagt er.

»Das war kein Kunststück«, sage ich, »wenn ich mal das Geheimnis heraus hatte, was die Wurzel von allem ist«, sage ich, »du bist – der Bruder von Pablo Almadares.«

Pepillo, der gibt sich einen Ruck und taumelt von der Wand weg. Er schlägt die Hände vors Gesicht, es erstickte ihn etwas, ich sehe gleich, er kann nicht sprechen.

Sage ich: »Setz dich hin, Küken«, sage ich »und ich will dir sagen, was ich getan habe. Weißt du, was ich getan hab? Ich habe Shorty gesagt, er soll Almadares in denselben Keller einschließen, wo wir Sammy Dance hingesteckt hatten, und ich habe ihm gesagt, sie sollen an der Ecke vom Kellergang Wache halten. Aber es gibt einen anderen Weg nach dem kleinen Keller in der Ecke, wo Almadares steckt, und dieser zweite Gang endet mit einer Tür, die nie benutzt wird. Das ganze Schloß ist voll Rost. Aber, Pepillo, hier ist der Schlüssel zu der Tür, und mit ein bißchen Öl wird man auch über den Rost Herr. Wenn du eine ordentliche Dosis Öl ins Schlüsselloch spritzst, dann brauchst du nur noch zehn Minuten zu warten, dann kannst du den Schlüssel herumdrehn, ohne daß es einen Ton gibt. – Also – geh hinunter und laß deinen Bruder heraus.«

Pepillo, der setzt an und will reden. Aber sein Herz war so voll, er konnte keine Worte finden. Er macht bloß so eine Bewegung mit seinen beiden Händen, und ich sage:

»Warte erst noch ein bißchen. Eine halbe Stunde oder so wird genügen, dann kannst du anfangen. Ich mach inzwischen einen kleinen Spaziergang.«

Und damit verlaß ich das Zimmer und schlendere in die Nacht hinaus.

Ich dachte, jetzt hab ich das Richtige gefunden. Almadares, der machte mir den Eindruck, als wäre er ein halbwegs anständiger Kerl. Natürlich hatte der Mann einen Haß auf mich, weil er sich eingebildet hatte, ich hätte seinen Bruder von ihm gewaltsam ferngehalten, aber ich dachte mir, da ich es bin, der ihm die Freiheit schenkt, so wird er das auch überwinden. Ich dachte mir, Pepillo wird ihm alles erzählen, was ich getan habe, und wenn er lebendig in seinen Bergen oben sitzt und ist unser Freund, dann ist es für die Ranch und für mich weit besser, als wenn er bei uns hier unten als Leiche liegt.

Freilich, der Mann hatte mir einen bösartigen Blick zugeworfen, wie wir ihn gefangen hatten. Aber ich dachte, es ist ja jetzt alles zufriedenstellend aufgeklärt. Ich lief schon eine ganze Weile und war so in Gedanken, ich merkte nicht, wie die Zeit herumging, während ich vor dem Haus unter den Bäumen auf und ab pilgerte.

Schließlich denke ich, gehst mal ums Haus herum und wirfst einen Blick nach dem Schlafhaus hinüber. Die Boys waren noch alle auf, und es ging mächtig hoch her. Die Fenster waren alle hell erleuchtet. Außerdem stand jetzt der Mond am Himmel. Es war hell genug. Man konnte bequem sehen, daß mindestens ein halbes Dutzend Pferde gesattelt und gezäumt vor dem Schlafhaus angebunden waren. Die Boys waren anscheinend nicht gesonnen, anzunehmen, daß jetzt alles erledigt sei. Sie hatten alle Vorbereitungen getroffen, um gerüstet zu sein, wenn's diese Nacht noch einmal Radau gab.

Es kann sein, ich bin noch eine gute Stunde da herumgelaufen. Jedenfalls gingen nach und nach die Lichter im Schlafhaus aus, und die Wunde an meinem Kopf begann in der kalten Nachtluft heftiger zu schmerzen. Auf einmal knattert ein Revolver vom Wohnhaus her, und ich höre zwei Stimmen Zeter und Mordio schreien. Es war unverkennbar, das waren Shorty und McArdle.

Und ich hörte nicht bloß, ich sah auch! Ganz dicht beim Schlafhaus sah ich zwei Gestalten rennen, zweifellos Pepillo und sein Bruder, Pablo Almadares. Eh' einer die Hand umdrehn konnte, hatten sie schon zwei von den gesattelten Pferden losgehakt und saßen im Sattel. Und gleich darauf kommen Rusty und Shorty in großen Sprüngen angesetzt.

Das war ein bißchen anders, als ich mir's vorgestellt hatte! Ich hatt' mir eingebildet, wenn Pepillo Lust hatte, mit seinem Bruder zusammen wegzugehn, dann würde er wenigstens ein Wort davon sagen, ehe er aufbrach. An Gelegenheit dazu hatte es ihm nicht gefehlt! Bei alledem wollte ich nicht, daß sie verfolgt würden. Also laufe ich rasch hin, um, wenn es irgend ging, Rusty und Shorty zurückzuhalten.

Bis ich sie erreicht hatte, saß McArdle bereits im Sattel, und Shorty zerrte an dem Knoten, mit dem einer der andern Gäule angehalftert war. Wie er mich sieht, brüllt er:

»Sie sind weg!« brüllt er. »Beide miteinander! Pablo und das Mädel!«

Mann, ich denke, ich hab eine Kugel abgekriegt. Ich packe den Kerl, den Shorty, und puff ihn mit dem Rücken gegen die Mauer vom Schlafhaus, während die Tür auffliegt und die ganze Bande herausgegondelt kommt.

»Mädel?!« schrei ich Shorty an. »Hast du gesagt, Mädel?«

Wo er stand, fiel ihm der Mondschein gerade ins Gesicht, und ich konnte sehen, er war so erstaunt, daß er seine ganze Aufregung über Pablos Flucht darüber vergaß. Sagt er:

»Großer Gott im Himmel!« sagt er. »Wollt Ihr sagen, daß Ihr die ganze Zeit über – und Ihr habt wirklich nicht gewußt? Ihr habt's nicht gewußt?«

Na, da wußt ich Bescheid! Der Donner! Jetzt lag's endlich sonnenklar zutage, was für ein verdammter Idiot und Dummkopf ich gewesen war! Schien mir auf einmal, ich hätte es am allerersten Tag wissen müssen, wie ich das Küken vor Gregorios Laden traf, und seine zarten, schmalen Füße sah. Und es schien mir auch, ich hätte es längst an seiner Stimme merken können, die war ja viel zarter und süßer, als sie bei einem Buben jemals hätte sein dürfen. Ich hätte es an tausend anderen Zeichen merken müssen, und vor allem – oh, was für ein Narr, was für ein Narr war ich gewesen – hätte ich's an dem Gesicht von dem »Geist« merken sollen, der mitten in der Nacht gekommen war.

Jetzt, wie ich im Sattel saß und wie ein Wilder hinter Rusty und Shorty hergaloppierte, da sah ich dies nächtliche Gesicht mit neuen Augen an, das ich damals für das Antlitz von Stephen Randals totem Weib gehalten hatte. Da wußt ich auf einmal, warum dieses Gesicht mir so bekannt vorgekommen war. Es war so sonnenklar: es war das Gesicht Pepillos gewesen.

Und abgesehen davon! Kein Mensch hätte gewagt, was Pablo Almadares gewagt hatte, bloß um seines Bruders willen!

Es war so klar, so sonnenklar, Pepillo war Leonor Mauricio, die ihrem Onkel durchgegangen war, weil er sie Pablo Almadares in die Ehe versprochen hatte. Aber Almadares hatte schließlich doch die Partie gewonnen! Um meinetwillen hatte er sich selbst zum zweiten Male ihm verkauft; um dafür zu sorgen, daß die fehlende Herde ins Tal zurückkam, und nun – weiß Gott – hielt sie ihr Versprechen und ritt mit ihm davon ...

Rusty, der weit an der Spitze lag, war in den oberen Fahrweg eingebogen, der am Bach entlang führt. Das war der Weg, auf dem die beiden geflohen waren, jawohl, und ich bildete mir ein, ich könnte sie noch weit vorn im Mondschein galoppieren sehen.

Ich war der letzte von uns dreien, denn ich hatte ein Pferd erwischt, das ein bißchen langsamer war als die beiden andern, aber dafür war es kräftig und zäh wie der Teufel selbst, und trotz seiner geringeren Geschwindigkeit war ich noch den übrigen Leuten von der Ranch voraus, die weit, weit hinten in einem großen Klumpen uns nachjagten.

Sie waren viel zu weit hinten geblieben, wie sich zeigen sollte. Wir drei, Shorty, McArdle und ich, wir hatten die Sache allein auszumachen, und eine Art von prophetischer Stimme in mir flüsterte mir zu: Ich und Almadares, wir würden noch aneinandergeraten, eh die Nacht zu Ende war, und einer von uns müßte sterben, und der andere dürfe weiterleben – für Leonor – für Pepillo – für meinen Blauhäher!

Ach ja, Blauhäher, das war der Name, der am besten paßte. Aber niemals hatte mein Blauhäher solches Unheil angerichtet wie das, was uns noch diese Nacht bevorstand.

*

Schließlich geht die Jagd einen Hang hinunter, und da bring ich's zuwege, meinen Gaul mit Shorty auf eine Linie zu bringen. Rusty McArdle, der fliegt immer noch vor uns her, und ich brüll ihm zu: »Welche Gäule haben die sich genommen, Rusty?« schrei ich ihm nach.

Rusty, der nimmt sich nicht die Zeit, das Tempo zu mäßigen, er dreht sich nur einen Augenblick im Sattel rum und brüllt zurück:

»Dan Murphys Grauen und die kahlköpfige Stute.«

Wie ich die zwei Namen hörte, waren gut neun Zehntel meiner Hoffnungen zum Teufel. Just diese zwei Gäule waren die schnellsten auf unserer ganzen Ranch! Wir drei aber hatten das erste beste Pferd genommen, das uns zur Hand war. Und dabei waren wir alle miteinander Schwergewicht schlimmster Art! Die beiden dagegen, die vor uns galoppierten, Pepillo – ich weiß nicht warum – ich konnt an das Mädel unter keinem andern Namen denken – und der junge Almadares, die waren beide für einen Gaul leicht wie eine Flaumfeder – Pepillo natürlich ganz besonders.

Nein, weiß Gott, es sah nicht aus, als ob unsre Jagd große Aussichten hätte. Aber es war sonderbar – wenn ich mir auch einbildete, sie müßten schneller sein –, die Tatsache bleibt bestehen, daß der Abstand zwischen uns und ihnen nicht größer wurde.

»Ein Pferd ist lahm!« brüllt mir Shorty ins Ohr. »Weiß Gott, einer von ihren Gäulen ist lahm geworden!«

Klar, anders konnte es nicht sein. Jawohl! Und im nächsten Augenblick sehe ich einen Funken Mondlicht auf einem Hufeisen blitzen, und wie wir vorbeidonnern, liegt da die kahlköpfige Stute. Sie können sich denken, Mann, daß wir da die Sporen eingesetzt haben, Rusty und Shorty kamen mir ein ganzes Stück voraus. Die heulten wie die Indianer, die auf dem Blutpfad sind, und ich denke, sie hatten auch ehrlich und redlich die Absicht, einen Blutpfad aus der Spur zu machen, der wir folgten.

Weit vorne sehen wir was schimmern, und richtig, es war Dan Murphys Grauer, der jetzt unter der Last von zwei Reitern sich vorwärts kämpfte. Das Tier lief noch immer stetig und schnell, aber längst nicht mehr schnell genug. Der Mond schien so hell, wir konnten sie jetzt wunderbar klar und deutlich sehen. Aber dieser Dämon, der Almadares, sah uns natürlich auch. Ich sehe, wie sein Büchsenlauf aufblitzt, es fällt ein Schuß, und Shorty knickt in seinem Sattel zusammen.

Ich zieh die Zügel an und sage:

»Shorty«, sage ich, »hast du was abgekriegt?«

»Verdammter Narr!« sagt Shorty, »reite lieber wie zehntausend Teufel und erwisch den Kerl. Vertrödle nicht deine Zeit bei mir!«

Ich ließ mir's nicht zweimal sagen. Man läßt seinen Gefährten nicht im Stich, wenn er verwundet ist – das ist ja klar –, es sei denn, er schickt einen selbst weiter. – Aber, Mann, Sie können sich keine Vorstellung machen, wie ich Shorty segnete, daß er mich nicht zwang, die Fährte zu verlassen. Denn ich sagte ja schon, ich wußte, eh alles vorbei war, mußte ich die Sache mit Almadares ausgetragen haben.

Jetzt ging's einen langen Berghang hinauf, und bis wir oben waren, war Rusty ein mächtiges Stück voran. Es war direkt wunderbar, wie nahe er diesem Almadares auf das Fell gerückt war. Ich brüllte Rusty zu, er soll ein bißchen bremsen und warten, bis ich komme. Aber Rusty, der dachte, er wolle den ganzen Ruhm für sich allein haben. Er gab seinem Gaul die Sporen und zog ihm die Reitpeitsche über und jagte weiter, den Revolver schußbereit in der Faust.

Das hatte nun wieder gar keinen Sinn. Er konnte doch nicht schießen, solange der Almadares das Mädel in den Armen hatte. Das sehen Sie doch ohne weiteres ein? Mit dem Revolver herumzufuchteln, war nichts weiter als ein Bluff, und Almadares war weiß Gott nicht der Mann, der auf einen Bluff hereinfiel.

Seine verdammte lange Büchse fuhr herum, und Rusty McArdle tauchte kopfüber aus dem Sattel. Es war ein abscheulicher Anblick, wie der große, stattliche Mensch plötzlich wie ein lebloses Bündel auf dem Rasen lag. Erst wie er den Boden berührte, erreichte auch der Knall des Schusses meine Ohren. Es war, als träfe ein Hammer mein Trommelfell.

Ich besann mich nicht lange, ich dachte, Rusty ist entweder schon tot oder im Sterben. Ich sprang vom Pferd und kniete neben ihm nieder.

»Gelbschädel!« stöhnt er.

»Ja«, sage ich, »ich bin's, Rusty«, sage ich, »was kann ich für dich tun? Wo bist du getroffen?«

»Es hat mich nicht getroffen – ich will sagen, ich bin bloß ein bißchen angekratzt«, sagt Rusty. »Gelbschädel«, sagt er, »nehmt meinen Gaul, er ist um vieles besser und reitet, Mann! Um Gottes willen reitet! Sie ist zu gut für einen Mexikaner!«

Just das, Wort für Wort, sagt er, wie er daliegt, und das Blut schießt nur so heraus. Ich horche in die Nacht hinaus, und es kommt mir so vor, als hörte ich weit, weit hinten die Hufe von den Gäulen der andern, und ich denke mir, es kann nicht lang dauern, dann werden sie hier sein. Aber just wie ich mir das mit aller Gewalt einreden will, fasse ich Rusty an die Brust, und meine Hand wird sofort über und über voll Blut. Da gab's keinen Zweifel mehr, da wußte ich, wo ich nach Pflicht und Gewissen hingehörte.

Aber Rusty, der sagt:

»Worauf wartest du eigentlich noch, verdammter Dickschädel?! Du bist doch immer halb blöd! Wenn ich dir doch sage, ich bin bloß angekratzt, ich hab ein Loch in die Haut bekommen, das ist alles. Reite, Mann! Reite! Von hinten wirst du nie an ihn herankommen. Sieh, daß du ihm über die Berge den Weg abschneidest, du mußt ihm am alten Bergrutsch über den Hals kommen, das ist die einzige Art, wie du ihn noch erwischst. Mach, daß du wegkommst, Gelbschädel! Alles Gute, wenn du gehst, und der Donner in dein feiges Gestell, wenn du dich länger hier herumdrückst. Hast du Angst vor seinem Schießprügel?«

Er rang nach Atem und brachte kaum die Worte heraus, aber er zwang sich dazu. Das einzige, woran ihm jetzt noch lag, das war, daß er mich wieder in den Sattel brachte, und wenn er mich mit Hohn und Verachtung vorwärtstreiben mußte.

Ich seh mich um. Wenn's je einen Mann gegeben hat, der zu Gott flehte, ihm zu sagen, was er tun oder was er lassen sollte, dann war ich jetzt der Mann, wie ich da neben Rusty kniete. Da oben im Tal galoppierte Almadares mit Pepillo, mit meinem Pepillo zum Teufel, und hier vor mir lag Rusty, dem sichern Tod geweiht, wenn kein Kamerad da war, der ihm half.

Es half mir nichts, daß ich mich umsah, Hilfe war nirgends zu erspähen, nichts sah man, als den silbernen Reflex des Mondes auf dem Bach im Tal und die Weiden, die ihre schwarzen Zweige darüber hängten. Eine Eule strich mit gespenstischem Ruf über unsere Köpfe hin.

Sagt Rusty: »Gelbschädel«, sagt er, »jetzt mach und nimm mein Pferd. Tu mir die Liebe. Weiß Gott, ich hab mich als einen recht armseligen Kerl erwiesen.«

Well, Mann, es mag Ihnen komisch vorkommen, daß ausgerechnet Rusty das sagte. Aber ich denke, wie er dalag und spürte, wie das Leben von ihm rann, da sah er blitzgleich vor sich, was er in der Vergangenheit gewesen war. Das wissen Sie doch auch, daß jeder von uns das Gefühl hat, daß er irgend jemandem, von dem er nicht weiß, wer es ist, irgendwie, irgend etwas schuldig geblieben ist. Rusty, der hatte in seinem Leben noch für nichts den wahren Preis gezahlt, und ich denke, er hoffte jetzt, die Rechnung mit seinem Leben glattzumachen.

Ich packte ihn bei der Hand und schüttelte sie – ich wußte nicht, was ich sagen sollte –, und dann sprang ich in den Sattel von Rustys Gaul und ritt schnurstracks in die Berge hinein. Weiß Gott, das war ein besseres Tier als das, auf dem ich vorher gesessen hatte! Ich spürte sozusagen durch den Sattel, was für eine Kraft in dem Vieh steckte, und wir waren im Handumdrehn den ersten steilen Hang hinauf. Bei alldem schonte ich noch mein Pferd ein bißchen. Es hatte keinen Sinn, es zuschanden zu reiten, und das schlimmste Stück des Weges kam noch, wenn wir erst oben in den Bergen waren.

Sie müssen wissen, Mann, wenn man von der Ranch aus durch die Berge wollte, dann war's am bequemsten, das Sauerbachtal hinaufzureiten, weil's nicht so steil bergauf ging und man so auf die rascheste Art vorankam. Aber gerad da, wo wir waren, machte der Sauerbach einen mächtigen Bogen um die ersten steilen Vorberge herum. Deshalb hatte Rusty gemeint, ich soll, statt den Umweg im Tal zu machen, gradaus durch die Berge vorstoßen und am andern Ende am Sauerbach wieder herauskommen. Da war eine Stelle, da war ein ganzes Stück vom Berg als Kies und Geröll ins Tal niedergegangen. Es war richtig wie eine steile Rampe, die geradeswegs von der Höhe auf den Pfad am Bach hinunterging. Oben ist so eine Art Hochebene, wie ich die erst einmal erreicht hatte, gab ich dem Gaul die Sporen zu kosten. Ich mache mich im Sattel leicht und treibe das Pferd, als hätte ich ein Rennen zu gewinnen. Und hatt' ich's nicht? Wie ich oben über den Bergrutsch hinauskomme, seh ich die beiden unten reiten, zwei dunkle Schatten, die sich scharf von dem silbernen Spiegel des Sauerbachs abzeichneten.

Mein Gaul bockte, wie er den steilen Absturz vor sich sah, aber ich ließ ihm keine Zeit, sich die Sache zu überlegen. Mann, es war, als nähme ich das Biest zwischen die Knie und schöbe es selbst über den Rand. Das Gefälle tat das übrige. Der Gaul legte die Ohren zurück und setzte sich auf die Hinterfüße, und hinunter rasselten wir. Ein Schauer von Felsbrocken und Kieseln löste sich unter den Hufen und knatterte in einer Lawine mit uns hinunter. Almadares hätte seine Raubvogelaugen nicht nötig gehabt, um zu wissen, daß Gefahr im Verzuge war. Und der Nachtwind trägt mir einen verzweifelten, schrillen Schrei zu:

»Zurück, Señor! Zurück!«

Das war Pepillo, der mich vor dem sichern Tode warnen wollte, dem ich entgegensauste – und es war der Tod – ich fühlte es selbst, fühlte es bis ins Mark – aber, Mann, es war keine Zeit mehr zum Besinnen und Umkehren. Die Gewalt des Sturzes trieb mich hinunter wie auf Flügeln, da gab's kein Halten, und eine Art trunkener Besessenheit erfüllte mich wie ein Rausch.

Ich sehe, wie Almadares das Pferd anhält, wie seine Büchse an die Schulter fliegt, und ich denke: Jetzt ist alles aus und vorbei! Aber es kam nicht so! Pepillo war's, der im letzten Augenblick den Flintenlauf in die Höhe schlug!

Almadares verzichtete jetzt auf jede überflüssige Höflichkeit. Er drehte sich rum und stieß sie aus dem Sattel. Da lag sie wie betäubt und hilflos auf dem Boden, und er fährt wieder mit der Flinte hoch.

Just in dem Augenblick war ich in einem Steinhagel unten auf dem Weg gelandet. Ich riß das taumelnde Pferd zusammen und raste gerade auf den Mexikaner los. Den Revolver hatte ich in der Faust und knallte blindlings, Schuß auf Schuß, so rasch, wie meine Finger den Abzug handhaben konnten.

Du lieber Himmel! Wer kann mit einem Revolver vom galoppierenden Pferd aus irgend etwas ausrichten? Almadares Büchse flog zum drittenmal in die Höhe, eine Flamme schoß aus der Mündung. Ich spüre einen heftigen Schlag auf der Brust, und etwas frißt sich durch meinen Körper wie brennendes Gift. Durch den Stoß flog ich im Sattel zur Seite. Mein Körper war wie gelähmt, aber mein Kopf war klar, und Arme und Hände gehorchten mir noch. Wie ich dicht an ihn heran bin, brüll ich auf wie ein Stier und schleudere ihm den nutzlosen Revolver ins Gesicht. Ich treffe nicht ihn, sondern den Gewehrlauf, und sein letzter Schuß geht fehl. In der nächsten Sekunde hatte ich ihn erwischt.

Ich nahm mir nicht die Zeit, meinem Gaul die Zügel anzuziehen. Ich hatte auch keine Hand mehr übrig. Ich packe ihn mit beiden Armen, als ich an ihm vorbeirase, und der Anprall wirft uns beide aus dem Sattel. Wir klatschen auf den Boden, ich liege zu unterst, und es ist mir zumut, als hätte ich keinen Mann, sondern einen wütenden Leoparden in den Händen. Er versuchte, sich gewaltsam aus meiner Umschlingung zu befreien, aber er erreichte nur, daß ich wieder auf die Füße kam. Dabei hielt ich ihn noch immer fest.

Du lieber Himmel! Auf den Füßen steh ich, aber ich spüre, wie meine letzte Kraft allmählich zum Teufel geht. Ich sehe klar, ich werde nicht mehr so lang bei Besinnung bleiben, um ihm an die Gurgel gehen zu können. Mein Körper zerschmolz vor elender Schwäche, und bei jedem Atemzug war mir's zumute, als stoße einer ein glühendes Schwert in meine Brust und ziehe es wieder heraus und stoße es wieder zurück, während ein heißer Blutstrom mir über Brust und Rücken rann. Aber immer noch konnte ich wenigstens mit den Armen und Händen was ausrichten.

»Almadares«, sage ich, »willst du dich auf Ehrenwort ergeben?«

»Gringohund!« preßt er durch die Zähne und sucht mit einer Hand nach seinem Messer.

Ich setze noch einmal an und stemme ihn über meinen Kopf in die Höhe. Ich schwankte wie ein Betrunkener, und doch bringe ich's fertig, ihn wegzuschleudern, daß er wie ein Stein auf den Boden schlägt. Noch im Fallen langt seine Hand vergeblich nach mir aus.

Er überschlug sich in der Luft, es gab einen abscheulichen dumpfen, knirschenden Laut, als er auf einen flachen Felsen aufprallte, der schon halb im Wasser lag, und dann glitt er in die Strömung und trieb den Bach hinunter. Das war das letzte, was ich sehen konnte, und dann breitete sich schwarze Nacht über meine Augen. Ich drehte mich um mich selbst, um mich weiterzutasten.

»Pepillo«, sage ich, – der Mond ist auf einmal hinter die Wolken gegangen – »wo bist du?«

Ich konnte nicht mehr verstehen, welche Antwort kam, aber ich schloß meine Arme und fand darin die süße Weichheit einer Frau. Was kümmerte mich jetzt, was danach noch kommen konnte!

*

Seid Ihr je so krank gewesen, Mann, daß Ihr Euch selbst belauert habt, wie das Fieber und die Schwäche in Euren Adern wie kochendes Wasser stieg und fiel? So ging's mir! Ah, ich weiß noch ganz genau, wie ich das erstemal für einen Augenblick aus dem Reich der Schatten zurückkam. Grelles Sonnenlicht blendete mir die Augen, und auf dem Bettrand saß ein Mädchen in einem blauen Kleid, mit schwarzem Haar und hellem olivenfarbenen Teint, und Augen, die brauner waren wie die Schatten in einem Eichenwald. Und schon begann die Finsternis erneut über mir zusammenzuschlagen. Ich strecke die Hand aus und fühle, wie sie von schlanken, kühlen Fingern festgehalten wird.

»Gelbschädel!«

»Pepillo!« sage ich, und wie ich wieder ins Nichts zurücksinke, spüre ich noch einen schwachen Duft – Jasmin.

Wie ich wieder auftauchte aus der Finsternis, fühlte ich mich kräftiger. Die Träume, in denen ich dahin getrieben war, waren heitere Träume geworden. Und jetzt konnte ich den Kopf drehen, und ich sehe, es ist Zwielicht und dicht neben meinem Bett sitzt mein Blauhäher in einem Lehnstuhl, den Kopf mir zugewandt und schläft – und sie lächelte im Schlaf, und so wunderbar und schön und glücklich und lieb sah sie aus, ich mußte schleunigst die Augen wieder schließen. Es war zu viel für mich.

Ich schlief die Nacht gesund und tief, und wie ich am Morgen aufwache, spüre ich, ich habe wieder etwas Kraft in den Knochen. Und ich sage zu Pepillo: »Blauhäher«, sage ich, »wie zum Teufel soll ich dich eigentlich jetzt nennen. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich geflucht habe!«

Sie saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Seitenlehne von dem Lehnstuhl. Wie sie's fertigbrachte, sich da im Gleichgewicht zu halten, war ein Rätsel. Und sie grinste mich an. Es war ein köstlicher Trost, daß Pepillo noch so grinsen konnte, trotzdem er hergegangen war und sich in eine Frau verwandelt hatte.

Sagt sie: »Ihr braucht mich nicht Leonor zu nennen«, sagt sie, »aber ich möchte doch ganz gern wissen, wie Ihr richtig heißt. Ich finde wirklich, es wäre an der Zeit, daß ich's erfahre. Meint Ihr nicht?«

Ich schloß die Augen.

»Ich hab Euch schon einmal den Namen gesagt«, antwortete ich, »er ist so blöd.«

»Nun, wiederholt es, ich hab's vergessen«, sagt Pepillo. »Heraus mit der Sprache!«

»Percival heiß ich«, sage ich und stöhne. »Percival Kitchin. Und das ist die reine Wahrheit, wenn Ihr's auch nicht glauben wollt, wie Ihr mich anschaut.«

Ah, Mann, es war eine großartige Sache zu hören, wie sie lachte, und zu sehen, wie sie sich schaukelte, wie ein Vogel auf seinem Zweig.

»Gelbschädel!« sagt sie. »Es ist ein großartiger Jux. Ist's nicht so? Aber ist's nicht verdammt, daß ich jetzt auf einmal in einem einzigen Tag erwachsen sein soll?«

»Blauhäher«, sag ich, »solang es irgendwo Unheil zu stiften gibt, wirst du's anstiften! Und was du da sagst, von dem in einem Tag erwachsen sein – du lieber Himmel –, du wirst es dein Lebtag nicht werden!«

»Well«, sagt mein Blauhäher, und kippt ihr Köpfchen so schräg auf die Seite, »ich denke, ich werde in Zukunft dir Eiei geben müssen, wie ein braves Weib, wenn du abends müde von der Arbeit nach Hause kommst.«

Sage ich: »Blauhäher«, sage ich, »wenn du je so was versuchen solltest, dann weiß ich ganz bestimmt, daß du dich heimlich über mich lustig machst, du boshafter Teufel!«

»Still!« sagt Pepillo. »Merkst du denn nicht, daß ich dich so närrisch liebe, daß ich bei dem bloßen Gedanken zittere, wenn ich bei dir bin?«

»Lachst du mich aus, Pepillo?« sage ich. »Nämlich, ich trau dir nicht, du spöttischer Teufel!«

»Ah, Liebes!« sagt sie, »aber ich habe keine Ahnung von Ölgemälden!«

Sage ich: »Die können mir gestohlen bleiben!« sage ich.

»Still!« sagt Pepillo. »Ich habe Angst, daß Shorty hört, wie du mich mit Flüchen traktierst.«

»Shorty!« sage ich und versuche, mich auf den Ellbogen hochzuschaffen, aber Pepillo nimmt mich bei den Schultern und drückt mich in die Kissen zurück, als wär's gar nichts. Und richtig ist da auch Shorty. Mächtig bleich sah er aus, aber mit einem geradezu überirdischen Grinsen auf dem Gesicht. Und so gottserbärmlich scheußlich sah er aus, wie er sein breites Maul verzog, man hätt' es nicht glauben mögen.

Sagt Shorty: »Gelbschädel«, sagt er, »scheint mir stark, als hätte sich zu guter Letzt doch jemand gefunden, der Euch über ist! Scheint mir stark, Ihr seid geschlagen, Gelbschädel! Pepillo, der hat Euch ein lebenslängliches Urteil aufgebrummt, scheint mir.«

Sage ich: »Pepillo!« sage ich, »verduft einmal, willst du?«

Sie ging auf den Balkon vor dem Zimmer hinaus und begann zu singen. Nicht so laut, daß es uns beim Sprechen störte, gerade so, daß die süße Stimme, die sie hatte, sich an unsere Worte hängte wie lauter Blumen.

»Nun«, sage ich, »Shorty«, sage ich, »möcht ich eins wissen.«

Shorty, der hebt die Hand und wird eine Schattierung blässer, als er schon war.

»Es hat alles nichts genützt, Gelbschädel«, sagt er, »wir haben getan, was wir konnten, aber es war just so, als ob er keine Lust hätte, sich gegen den Tod zur Wehr zu setzen. Grad solang nahm er sich zusammen, bis er hörte, daß Ihr den Almadares erledigt habt und daß Pepillo in Sicherheit ist, und daß Ihr mit dem Leben davonkommen werdet – und dann schloß er die Augen. So ist er gestorben! Es war just, als ob er sich freiwillig fallen ließe!«

Frag ich mich: Was wurde nun aus dem Kerl wie Rotkopf McArdle? Well, Mann, ich kann's nicht ausmachen. Ich hätte direkt Angst davor, den Pfarrer danach zu fragen – nicht wahr, das sehn Sie doch ein? – Aber ich denke, ich könnte getrost eine Wette riskieren, daß er drüben das Rennen macht. Es war ein ganzer Kerl – Rusty McArdle! Gott segne ihn!

*

Sagt Pepillo: »Hör einmal!« sagt sie, »was ist das für eine Narrenmanier, daß du mit deiner Geschichte Schluß machst und hast von den Sachen, die wirklich wichtig sind, noch gar nichts berichtet?«

»Zum Beispiel?« sage ich.

»Nun zum Beispiel über die Ranch? Willst du die Leute glauben machen, daß die Sauerbachranch dir gehört? – – –«

Nein! Natürlich gehört sie mir nicht! Was das Ding umschmiß, war, daß Harry Randal seiner Sache zu sicher geworden war. Der trug den Kopf hoch in den Wolken und dachte, es ist alles schon so gut wie erledigt, und ehe noch seine Probezeit um war, packt ihn der Spielteufel, und es kostete ihn so viel Tausender, daß die Ranch gewaltig auf den Hund kam. Da war's vorbei mit der Hoffnung auf die Millionen seines Großvaters.

Aber wieso sitzen wir dann immer noch auf der Sauerbach-Ranch? Ich will's Ihnen verraten. Ich müßte mich eigentlich bei Henry Randal entschuldigen über die Art, wie ich hier über ihn gesprochen habe, aber ich hab alles so hingeschrieben, wie mir's in den Kopf kam zu der Zeit, wo ich's erlebte. Jedenfalls war's Henry Randal, der die Ranch für einen Pappenstiel kaufte, als mein Harry bis über den Hals in Schulden steckte und sie verkaufen mußte. Und dann schickte der alte Henry nach mir und setzte mich hier als Boß hin – aber nicht gegen Gehalt, sondern gegen Anteil –, und ein verdammt fetter Anteil ist's – das kann ich Ihnen sagen. – Sagt der alte Henry zu mir: »Ich habe was übrig für die Art, wie Ihr Feuer macht. Ihr nehmt wenigstens anständige große Scheite.«

*

»Well«, sagt Pepillo, »ist das jetzt alles?«

»Nanu, Blauhäher«, sage ich und schau sie an und schüttle den Kopf. »Über was zum Kuckuck sollte ich denn noch schreiben?«

»Du närrischer Kerl!« sagt Pepillo. »Merkst du denn nicht, daß du das Allerwichtigste vergessen hast?«

»Was könnte das sein?« frage ich.

Sie lachte mich bloß aus. Sagt sie: »Hör doch mal«, sagt sie.

Ich horche. Und aus der Ferne hör ich den Spektakel, den meine beiden Küken draußen auf dem Rasen vollführen. Da rollen sie herum und werden von der Sonne braun gebrannt und werden voll Staub und welker Blätter und was sonst noch.

»Na!« sagt Pepillo. »Willst du das nicht in dein Buch schreiben?«

Aber wie kann ich das? Ich kann doch nur immer dasitzen und sie anschaun, wie glücklich und wie strahlend sie ist, und ein bißchen Wehmut ist auch dabei, wenn ich daran denke, wie sehr ich sie liebe und wie weit sie über mir steht. Aber all das kommt von den Göttern, und sie verteilen ihre Gaben nicht nach Verdienst, sondern nach Laune, – das ist ein altes Ding.

Der Wind treibt das Blöken der Rinder zu uns herauf, die unten im Tal weiden, und er spielt mit dem wilden Wein, der sich ums Fenster schlingt, aber ich spüre: das alles bedeutet für mich lange nicht so viel, wie der leise Hauch von dem Jasminbusch, den wir da unten im Garten gepflanzt haben.

*

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