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Pepillo

Max Brand: Pepillo - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titlePepillo
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid1562d31b
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Mann, da hätten Sie dabei sein sollen! Harry Randal, wie der die Geschichte hört, da war er auf einmal zehn Jahre jünger! Der lacht wie ein Kind und segelt gleich los mit seinem Gaul. Er mußte sich die Herde mal anschaun.

Sagt er: »Wir wolln nicht viel Fragen stellen«, sagt er, »aber wenn ich Vormann auf dieser Ranch hier wäre, dann würde ich dafür sorgen, daß meine Leute ihr Schießeisen instand setzen. Da kann man seinen Kopf zum Pfand wetten, daß die Leute, denen die Kühe und Kälber hier verlorengegangen sind, nachschaun kommen, was daraus geworden ist. Und ich denke, wenn sie kommen, dann kommen sie mit dem Revolver in der Hand.«

Da brauchte keiner auf der Universität studiert zu haben, um das zu verstehen. Ich sage den Boys, was not tut, und sie waren Feuer und Flamme. Sich herumhaun, das war für die wie Kuchen und Schlagsahne.

In der Zwischenzeit ging das Zusammentreiben wie geschmiert. Wir brachten mit Leichtigkeit das Vieh aus dem oberen Teil des Tales zusammen und hatten gar nicht viel Arbeit damit, denn aus irgendeinem Grunde hatten sich die Kühe von selbst langsam gegen die Ranch hinuntergezogen. Ich brauchte nicht viel mehr zu tun, als über Nacht ein paar Posten auszustellen, damit das Vieh in der Zwischenzeit nicht wieder das Tal hinaufwanderte, und alles war getan. Wir anderen alle machten, daß wir nach Hause kamen und gingen zu Bett, todmüde, aber kreuzvergnügt.

Sogar Pepillo, der sich sonst nicht viel um den Betrieb auf der Ranch kümmerte, war ungewöhnlich vergnügt. Den ganzen Heimweg lang schaukelte er sich im Sattel hin und her und sang. Mann, in der ganzen Welt bin ich keinem begegnet, der so singen konnte wie das Küken. Das Stimmchen stieg und fiel so mühelos und lieblich, wie wenn ein Vogel singt, und wer zuhören durfte, der war direkt selig. Es war, wie wenn man an einem Regentag die Augen schließt und spürt plötzlich den Sonnenschein auf seinem Gesicht.

Wie wir beim Essen saßen, merkte natürlich der Alte, daß irgend etwas in der Luft lag. Das ging nicht anders. Es war doch auffällig, daß Harry plötzlich so ungewöhnlich vergnügt war. Das war nun komisch mit anzusehn. Der Alte hätte ums Leben gern gewußt, was da für ein Geheimnis im Spiel war, aber natürlich hätte er sich lieber die Zunge abgebissen, als den Mund aufzutun und zu fragen.

Ziemlich bald nach dem Abendessen legte ich mich aufs Ohr. Wie mir zumute war, hab ich ja schon gesagt. Ich war todmüde, aber kreuzvergnügt. Und in dem Gedanken, daß die Sache so gut wie getan war und die Ranch beinah schon mir gehörte, schlief ich ein, als ich kaum den Kopf aufs Kissen gelegt hatte, und ich träumte, ich hätte wirklich die Million, über die ich mich mit Pepillo gestritten hatte.

Auf einmal wach ich auf. Es strich mir ein feiner kalter Zug just übers Gesicht, der hatte mich wohl geweckt. Wie ich die Augen aufschlage, seh ich einen schwachen Lichtschein. Ich setze mich im Bett auf und im Türrahmen da sehe ich eine Erscheinung – ich denke, ich träume immer noch – und doch hatte ich die Augen weit offen.

Jawohl, Mann, just das und nichts anderes will ich sagen: ich sehe was, das konnte keine Wirklichkeit sein – und ich wußte, es konnte keine Wirklichkeit sein – und bei alledem sah ich's leibhaftig vor mir: ein junges Mädchen, etwa achtzehn oder neunzehn Jahre alt – ein dunkeläugiges, schwarzhaariges Mädchen und schöner, als ich's je gesehn hatte – wachend oder im Traum – sie trug ein altmodisches gelbes Kleid mit Spitzen, das die ganzen Schultern und die Arme nackt ließ. Und bis zu meinem letzten Tag werde ich's nicht vergessen, wie sie dastand und die Flamme ihrer Kerze mit der Hand schützte und wie der Lichtschein auf ihren Armen tanzte und glänzte und sich in ihren schwarzen Augen spiegelte.

Mann, war das ein Anblick! Der hob mich aus dem Bett, als hätte mich eine unsichere Hand am Kragen gepackt und auf die Beine gestellt. Die Erscheinung, die sieht immer im Zimmer herum, als suchte sie was und könnte es nicht finden. Und wie ihr Blick auf mich fällt, da geht er durch mich durch, als wäre ich Luft. Und dann dreht sie sich herum und geht über den Vorplatz nach der Treppe zu.

Mit einem Schritt bin ich an der Tür, und da kommt mir ein schwacher, verwehter Wohlgeruch in die Nase, den ich kannte. Es war noch nicht lange her, da hatte ich ihn gerochen. Es war Jasmin! Und da wußte ich auch, was geschehen war. Das war ein Geist! Das war Stephen Randals tote Frau, die spukte jetzt im Haus herum!

Ich schleich mich sachte oben ans Treppengeländer, und wie sie die Treppe hinunter ist, dreht sie sich um und lächelt zu mir herauf. Es kam mir vor, als ob sie im Dunkeln und auf die Entfernung mich für jemand anders hielte, als für einen ruppigen Cowboy. Es war, als hielte sie mich für jemand, den sie geliebt hatte; das sah man an ihrem Gesicht, an ihren halb geöffneten Lippen, hinter denen die Zähne im Kerzenlicht schimmerten, und an ihren flammenden Augen.

Und sie hob die Hand und winkte mir.

Ich stand oben und sah zu ihr hinunter, und es war mir zumute, als wollte mein Herz zerbrechen vor Schreck und Wehmut, und doch war mir in meinem ganzen Leben nicht so glückselig zumut.

Ich sause die Treppe hinunter, und sie wendet sich weg, ohne alle Eile und geht zur Haustür hinaus.

Mit einem Sprung bin ich unten an der Haustür, aber die Kerze war fort, bloß kam mir's vor, als spürte ich noch den Jasmingeruch um mich. Ich lief hinaus und im Garten hin und her, und immer noch war's mir, als spürte ich das Parfüm.

Ich weiß nicht, wie lange ich's so getrieben hab – sehr lang kann's nicht gewesen sein – auf einmal seh ich nach dem Himmel hinauf, da steht der alte kalte Mond und glotzt mich an. Das brachte mich wieder irgendwie zur Besinnung. Ich drehe mich auf dem Absatz rum und gehe auf meine Stube hinauf. Ich steckte auch meine Lampe an. Aber das viele Licht war mir zuwider. Es war, als wär das Licht der Tod von all der Glückseligkeit und all dem Schmerz in mir, und die wollte ich doch behalten, solang es ging – beides: das Glück und den Schmerz.

Mann, ich dachte, es zersprengt mich noch. Ich mußte jemand haben, mit dem ich darüber reden kann, da war keine Hilfe. Und so geh ich hin und wecke Pepillo. Der setzt sich auf und verdammt mich in Grund und Boden. Sage ich:

»Pepillo!« sage ich, »um aller Heiligen willen, sprich sachte oder du verjagst mir die Erinnerung an sie.«

Sagt Pepillo: »Die Erinnerung an wen?« und gähnt mich an.

Sage ich: »Die Erinnerung an einen Geist, Pepillo«, sage ich. »Hier an der Schwelle hat sie gestanden. Mit meinen eigenen Augen hab ich's gesehen. Es war Stephen Randals tote Frau, Küken! Und das sag ich dir, mach du jetzt keine frechen Redensarten. Untersteh du dich nicht, zu kichern oder zu lachen, ich erwürge dich sonst auf der Stelle, das schwör ich dir! Setz dich hier hin«, sag ich zu dem Küken, »und laß dich bei der Hand halten«, sage ich.

Er flucht ganz leise vor sich hin, so daß ich nichts verstehe, aber er setzt sich ganz brav neben mich. Ich erzähl ihm alles genau und umständlich, und dann fang ich an und erzähl's ihm noch einmal.

Sagt er: »Das Gefühl, das ist Euch doch nichts Neues?« sagt Pepillo. »Und es hat Euch keine Mühe gekostet, es wieder loszuwerden. Ihr habt Euch in Mädels verliebt und habt's Euch wieder abgewöhnt«, sagt er, »und zu beiden nicht viel Zeit gebraucht. Ihr werdet auch von der Liebe zu Eurem blöden Geist bald geheilt sein.«

Ich, ich schüttle bloß den Kopf. Sage ich: »Sonny«, sage ich, »derlei Reden, die sind hierbei alle nichts wert. Ich will dir was sagen«, sage ich, »diesmal ist es ganz anders. Damals – die anderen – die haben mich eigentlich gelangweilt. Wegen denen hab ich keine schlaflose Nacht verbracht. Aber das sag ich dir, bloß um die Erinnerung von dem Geist da vor Augen zu haben, da würde ich am liebsten wach liegen bis zu meinem letzten Tag. Und ich will dir was sagen, Pepillo, solang ich lebe, Küken, werd ich keine andere Frau auch nur anschaun.«

Sie wissen ja, dem Küken, dem war im großen und ganzen alles gleichgültig. Der war so hart wie Stahl. Der hätte noch über einen Leichenzug gelacht. Aber ich kann Ihnen sagen, selbst das Küken schien betroffen über das, was ich ihm gesagt hatte. Er schnappte ordentlich nach Luft. Sagt er:

»So, Señor«, sagt er, »Señor! Wenn ich herangewachsen bin, dann werde ich auf die Suche gehn nach einer Frau, und diese Frau, die werde ich so lieben, wie Ihr diesen Geist liebt. Ah, Señor, Ihr stöhnt, seid Ihr krank?«

Krank? So konnte man's wohl nennen. Leben oder sterben galt mir gleich.

Sage ich: »Blauhäher«, sage ich, »wie ist es denkbar, daß Gott ein Wesen so schön und so vollkommen geschaffen hat und kann zulassen, daß es stirbt. Küken«, sage ich, »er hat es selbst nicht übers Herz gebracht, und deshalb hat sie Erlaubnis, hie und da auf die Erde zurückzukehren, Pepillo«, sage ich, »wenn ich glauben könnte, daß Beten dazu hilft, daß sie zurückkommt, bloß für eine Sekunde – Pepillo, ich kann dir sagen, ich würde mich hinknien und beten.«

»Pah!« sagt Pepillo. »Jetzt sprecht Ihr wie ein Mondsüchtiger. Außerdem habt Ihr in Eurem ganzen Leben nicht ein einziges Gebet gekonnt. Das gebt Ihr doch zu?«

Sage ich: »Ich geb's zu«, sage ich. »Sitz doch still, ich muß dir noch was von ihr erzählen.«

Er drückt mir die Hand mit seinen kleinen, kalten Fingern, und ich sage:

»Ich wache auf«, sage ich, »weil mir ein Luftzug übers Gesicht streicht, und ich spüre einen leisen Duft von Jasmin, Pepillo –«

Und weiß der Himmel, wie lange ich da saß und redete. Auf einmal denke ich, ich seh nicht recht. Es blendet mich etwas, und wie ich richtig hinschaue, ist die Sonne schon über dem Horizont und spiegelt sich in meinem Fenster. Ich schaue mich um, ganz benommen, und da saß Pepillo noch immer neben mir, seine Hand in meiner Hand und lächelt mir zu, ganz lieb und freundlich.

Ich kam mir wie ein großmächtiger Narr vor, aber das Küken zog mich nicht auf. Boshaft war er wie ein Blauhäher, ein eingefleischter kleiner Teufel, aber das großartige an ihm war, wenn sich's um was drehte, was wirklich wichtig war, dann verstand er einen wie keiner.

Das erste, was ich tue: ich schleich mich in die alte Kammer, wo die tote Frau von dem toten Stephen Randal einst gelebt hatte, und wie ich drin bin, werf ich einen Blick nach ihrem Bild herauf. Aber, Mann, rasch wie der Blitz dreh ich mich wieder um und mache krampfhaft die Augen zu. Was war das für ein erbärmliches Bild! Der kleine Finger von dem Gespenst, der hatte mehr leibhaftige Schönheit an sich, als das ganze Bild dort oben an der Wand.

Ich mache die Tür zur Kammer auf und gleich fliegt mir wie eine Welle der Jasminduft entgegen. Das war was anderes! Das war so viel wahrer! Und so wehmütig war's! Und wie ich dastand, mit zugemachten Augen, da sah ich sie wieder vor mir, wie sie unten an der Treppe gestanden und mir zugelächelt hatte. Und ihre Lippen teilten sich und ihre Zähne blitzten, und sie hob die Hand.

Verdammt soll ich sein, es machte mich weich wie Wachs! Ich will Ihnen was sagen, Mann, am liebsten hätt' ich mich da hingehockt und hätte losgeheult.

*

Hatte ich je was von Liebe gewußt? Eingebildet hatt' ich mir's! Und jetzt merkte ich: In meinem ganzen Leben hatt' ich bloß an die Tür gepocht und hatte gedacht, das ist schon das ganze. Und jetzt auf einmal, Mann, da war ich über die Schwelle getreten! Ich kann Ihnen sagen, Mann, es war, als hätte die ganze Welt ein anderes Gesicht.

Wie ich die Treppe runter komme, bleibe ich am Fenster stehen, wie hypnotisiert, und höre so einer verdammten Wiesenlerche zu, die sang gerade vor dem Haus. Ich hatte schon mal Wiesenlerchen singen hören, ich kann nicht sagen, wie oft. Aber diese Lerche hier, die war sozusagen extra speziell für mich dahin gesetzt. Sage ich zu Pepillo:

»Küken«, sage ich, »hast du je eine Lerche gehört, die so mächtig gut zu singen verstand?«

Mein Blauhäher, der lacht. Der war ja mal so, der konnte nie eine Gelegenheit verpassen, wo er lachen konnte. Sagt er:

»Ihr seht krank aus, Señor«, sagt er. »Ist das wirklich so schlimm mit dem Ding?«

Wir gehn vors Haus hinaus, und da steh ich und seh mir den blauen Morgenhimmel an und die paar Wolken, die darauf schwammen. Es war mir, ich weiß nicht wie, als müßten sie sich sehr einsam fühlen da oben in dem kalten Wind, die Wolken. So wie ich mich einsam fühlte unten auf der Erde. Wie war das bloß möglich, daß ein richtiggehender, erwachsener Mann solche Einfälle hat? Es war halt Liebe, die tat mir innen drin so schrecklich weh. Sage ich:

»Blauhäher«, sage ich, »vergangene Nacht hast du mir einen Haufen Gutes getan, aber ich brauche auch heut' noch ein bißchen Hilfe. Bleib du mal immer dicht um mich herum.«

Und was mehr ist, er tat's auch und benahm sich, wie ich's bei ihm noch nie erlebt hatte, mächtig liebenswürdig und verständnisvoll.

Sag ich zu ihm: »Blauhäher«, sage ich, »genau wie du's vorausgesehen hast. Jetzt habe ich die richtige Frau gefunden! Keine von den anderen hat je mitgezählt. Das ist die erste richtige. Das verstehst du doch?«

Sagt Pepillo: »Well«, sagt er, »wenn ich groß bin, möge Gott mir helfen, eine Frau zu finden, die ich so lieben kann, wie Ihr diese eine Frau liebt.«

Sage ich: »Vielleicht verliert sich das Gefühl mit der Zeit«, sage ich.

Sagt Pepillo: »Nein«, sagt er, »ich glaube nicht; das Gefühl wird niemals in Euch sterben.«

Und so ernst und nachdrücklich brachte er das vor, ich konnt nicht anders, ich mußte ihm glauben.

Ich war direkt froh, daß wir an dem Tag mit dem Zusammentreiben von dem Vieh so viel zu tun hatten, damit ich wenigstens nicht immer an all das denken mußte. Wir trieben den Rest von dem Vieh zusammen und machten alles fertig für das Zählen. Well, Mann, der alte Henry Randal, der war natürlich mit draußen, und er zählte sich fast blind, um weniger Vieh herauszuzählen, als da war, aber es ging nicht, und er konnt auch nicht herausbringen, wieso es plötzlich nicht so war, wie er sich's überschlagen hatte. Denn wir hatten die neu dazugekommenen Kühe und Kälber sorgfältig unter die übrige Herde verteilt. Die einzige Differenz war, daß er am Tag vorher sechzig Kühe weniger gezählt hatte, als da sein mußten, und daß er jetzt auf einmal zugeben mußte, daß vierzig Stück mehr da waren, als irgend jemand erwarten durfte.

Schließlich ritt er zu Harry Randal hinüber, und seine Augen strahlten ordentlich. Sagt er:

»Harry«, sagt er, »ich denke, ich bin geschlagen. Und ich danke Gott dafür. Und es kann sein, du hast recht, wenn du einen solchen Vormann behältst, denn wenn er sich auf solche Tricks versteht, so kalkuliere ich, ist er von dem richtigen bissigen Stoff, wie wir ihn hier brauchen.«

Was Harry Randal war, der war so glückselig, am liebsten hätte er sich um und um gestülpt. Aber bei alledem mußte er doch die erste Gelegenheit ergreifen, wo wir beide zusammentrafen, um mich anzuknurren.

Sagt er: »Der alte Herr«, sagt er, »der schreibt natürlich alles deiner Tüchtigkeit zu, aber du weißt ganz genau und ich weiß ganz genau, daß es nichts weiter war, als der verdammteste Glücksfall, der je einem Menschen beschieden war. Und, Mann, wenn mir das Glück die richtigen Trümpfe in die Hand spielt, dann werd ich sie ausspielen, daß du dich wundern wirst!«

Jawohl, Harry Randal, das war ein gerissener Junge. Sag ich zu ihm:

»Harry«, sag ich zu ihm, »was mich angeht, so scheint deine Meinung über mich so ziemlich dieselbe zu sein, wie die von deinem Großvater. Ich will dir was sagen. Keinen verdammten roten Heller gebe ich dafür, was du über mich denkst. Ich bin hier, um auszuführen, was ich übernommen habe, und das werde ich auch tun, aber bis es soweit ist, Randal, werd ich mir trotzdem von dir nichts gefallen lassen.«

Mann, der Kerl warf mir einen finsteren Blick zu, der hätte mich am liebsten in kleine Stücke gehackt, wenn er's gekonnt hätte. Ich kümmerte mich nicht viel darum, ich hatte den Kopf voll von anderen Sachen. Die Kühe hatten wir. Es war bloß die Frage, wie lang wir sie behalten würden.

Ich nahm mir vier junge Burschen aus Sauerstadt in den Dienst – es waren gerade Ferien, ich brauchte ihnen so gut wie nichts zu zahlen – und ich setzte ihnen genau auseinander, wozu ich sie brauche. Man konnte sich darauf verlassen, daß die die Augen weiter aufmachen als ein gewöhnlicher Cowboy. Sie waren so stolz darauf, daß ich sie damit beauftragte, gegen die Viehdiebe Wache zu stehn. Sie platzten beinah vor Stolz.

Ich hatte sie an vier verschiedenen Stellen oben im Tal auf die Berge verteilt, so daß sie von einem Posten zum anderen und nach der Ranch hinunter freien Ausblick hatten, vor allem aber auch in den Cañon, der ins Gebirge hineinführte. Jeder von den Jungens hatte neben sich zwei Stapel Reisig. Der eine war aus lauter dürrem und abgestorbenem Unterholz aufgehäuft und mit einer wasserdichten Decke zugedeckt, und ich sorgte dafür, daß eine kleine Kanne Petroleum handgerecht dabei stand. Es war verabredet, wenn einer von den Burschen in der Nacht irgend was Verdächtiges sieht oder hört, dann soll er das Öl über den Haufen trockenes Buschholz gießen und das Ganze anzünden, so schnell er kann. Wenn das dürre Zeug aufbrannte, dann konnte das Signal sofort vom Ranchhaus aus gesehen werden. Bei uns unten hatte ich nämlich einen Ausguck aufgestellt, den ich alle vier Stunden ablösen ließ, damit ich auch die Gewißheit hatte, daß der Mann auf seinem Posten nicht einschlief. Wenn aber bei Tageslicht irgend etwas vorkam, dann war verabredet, sie sollen oben auf dem Berg erst das dürre Holz anzünden und dann den zweiten Stapel oben drauf legen. Der zweite Stapel, der war aus lauter grünem und saftigem Holz, und die Rauchsäule, die das machte, die hätte man fünfzig Meilen weit sehen können.

Well, Mann, das war noch nicht alles. Ich hatte jedem von den vieren ein doppelläufiges Gewehr mitgegeben. Es konnte ja sein, daß er überrascht wurde und keine Zeit hatte, das Signal anzuzünden, dann konnte er immer noch das Gewehr abdrücken, und einer von den drei anderen war dann imstande, seinen Reisighaufen anzuzünden und uns unten auf der Ranch das Signal zu geben.

Und es hatt' auch den Anschein, als ob der Plan Erfolg hätte. Es waren fünf Tage vergangen, seit wir die Posten ausgestellt hatten, und man sah und hörte nicht das geringste weit und breit, daß ein Viehdieb in Sicht gekommen wäre. Auch nicht das kleinste Zeichen! Was Harry Randal ist, der fing an aufzuatmen. Er konnte auch nicht behaupten, daß die vier Küken, die ich eingestellt hatte, zuviel Lohn bekämen. Es blieb ihm nichts anders übrig, er mußte den ganzen Plan bewundern und anerkennen. Die fünf Tage hatte ich eigentlich nichts, was mir Sorgen machen konnte. Das einzige war, daß Shorty sich in einer gewissen niederträchtigen Manier mir gegenüber benahm – aber, Mann, ich kann Ihnen sagen, es war mir beinah lieb, ihn mit so einem verbissenen Gesicht um mich herumschleichen zu sehn. Mir war alles recht, was mich ein bißchen auf andere Gedanken brachte, damit ich nicht allzuviel an den Geist von Stephen Randals Weib zu denken hatte.

Bei alldem wär ich beinah mit Shorty zusammengeraten, gleich am Tag, nachdem wir das Vieh zusammengetrieben hatten. Das Ding kam so: Shorty und ich hatten einen Stier aufgefunden, der im Sumpf steckengeblieben war, und wir beide hatten zu arbeiten wie die Wilden, bis wir ihn wieder auf festem Boden hatten. Was soll ich Ihnen sagen? Kaum hat das Vieh wieder anständigen Boden unter den Füßen, da senkt der Idiot die Hörner und fängt an, auf uns Jagd zu machen, als ob wir seine tödlichsten Feinde wären. Wir entwischten ihm aber, und während er unten herumgaloppierte, als hätte er die Welt erobert, hielten wir oben auf einem Hügel und sahen ihm zu. Wir lachten beide, weil der Kerl sich so idiotisch benahm.

Well, Mann, mit einemmal ist das Lachen von Shortys Gesicht wie weggewischt. Es war ihm just eingefallen, daß er mit mir allein draußen war! Er wirft mir einen niederträchtigen Blick zu, gibt seinem Pferd die Sporen und reitet weg.

»He, Shorty!« rufe ich. »Was ist los? Komm zurück!«

Er dreht sich im Sattel um und glotzt mich wütend an.

Sagt er: »Ich kann von hier aus ganz gut hören«, sagt er. »Was ist los?«

Sage ich: »Mann«, sage ich, »jetzt rück mal mit der Sprache heraus, was habe ich dem Pepillo getan, was dich mir so verdammt aufsässig gemacht hat?«

Ich dachte, er zerplatzt auf der Stelle. Die wilde Wut packt ihn, daß er abwechselnd rot und weiß wird. Sagt er:

»Gelbschädel«, sagt er, »habt Ihr denn gar keine Scham im Leib? Daß Ihr keinen Anstand habt, und kein Gefühl für moralische Sauberkeit, das ist mir lange klar, aber ich habe gedacht, ein baumlanger Kerl wie Ihr wird wenigstens für fünf Cent Scham im Leibe haben. Daß Ihr's nur wißt.

Das hätte bei weitem genügt, daß es zwischen uns einen Tanz hätte setzen müssen, aber mir war im Augenblick nicht besonders am Kämpfen gelegen.

Sage ich: »Shorty«, sage ich, »was du dir da erlaubt hast, das würde ich mir von keinem so leicht gefallen lassen, aber ich kann dir nur sagen, Mann, es gefällt mir mächtig, daß du so für Pepillo eintrittst, aber es wundert mich auch mächtig, Mann. Verdammt noch mal, wieso hast du so plötzlich das Kriegsbeil begraben? Du hast ihm doch dauernd ans Leder gewollt?« Shorty, der sagt zwischen den Zähnen heraus: »Ihr, just Ihr tut so, als ob Ihr nichts wüßtet! Alle, tausend Teufel! Haltet Ihr mich für einen Idioten, Mann, daß Ihr immer noch glaubt, mir etwas vormachen zu können?«

»Was denn vormachen?« sage ich.

»Was denn vormachen?« kreischt er und fängt an und ringt die Hände, und es dauert eine Weile, bis er seinen Zorn soweit heruntergewürgt hat, daß er wieder den Mund auftun kann. Sagt er:

»Gelbschädel«, sagt er, »das schreibt Euch mal hinter die Ohren: Es gibt bloß einen Grund dafür, daß ich Euch nicht schon längst eine blaue Bohne durch die Anatomie geschickt habe – wie es von Rechts wegen sich gehörte. Wißt Ihr, was der einzige Grund ist? Das Küken hat es mir nicht erlaubt! Auf den Knien habe ich ihn angebettelt, aber er will's nicht zugeben. Aber ich denke, er wird sich's doch noch überlegen, und das erste wird sein, daß ich dann hergehe und Euch auf eine kleine Unterredung mit dem Schießeisen hinausbitte.«

Sage ich: »Shorty, bei dir ist eine Schraube los!«

»Was?« sagt er, »Mann, weil Ihr Euch für so eine Art Kunstschützen haltet?« sagt er. »Ich kenn den ganzen Rummel mit dem Kaninchen, das Ihr auf hundert Meter erlegt habt. Aber das ist mir verdammt gleichgültig. Ich kann kein Kaninchen auf hundert Schritt schießen, aber das sag ich Euch, ich habe noch immer auf zwanzig Schritt meinen Mann getroffen, und wenn's soweit ist, werd ich probieren, ob ich's nicht wieder kann.«

Nun hätte ich mit dem Mann ein vernünftiges Wort reden sollen, aber Verehrter, das Ding war einfach unmöglich. Mir stieg selber das Blut in den Kopf. Also sag ich bloß:

»Tu, was du Lust hast!«

Shorty, der schmeißt seinen Gaul herum. Sagt er:

»Es ist noch was, was heraus muß, Mann«, sagt er. »Ich habe in meinem Leben schon mit manchem niedrigen Stinktier zu schaffen gehabt, aber das ist alles nichts gegen Euch! Ihr seid so niedrig! So hundsgemein niedrig, Mann! Ihr könnt noch bequem unter einer Schlange durchmarschieren, ohne mit dem Hut anzustoßen!«

Da haben Sie nun alles beisammen, was der Kerl mir an dem Tag versetzt hat. Wie er nun weggeritten ist und ich mach mich auf den Heimweg – war mir's zumut, als hätte mir einer was mit 'ner Keule über den Kopf gegeben. Was war nun eigentlich das Küken? Was steckte hinter dem Lausejung, daß ausgerechnet der Shorty wegen dem Küken derart in Harnisch geriet? War's vielleicht per Zufall ein jüngerer Bruder von ihm? Nein! War's so ein pikfeiner englischer Aristokrat? Das schien mir auch nicht zu stimmen. Der Teufel wußte, was eigentlich dahinter steckte.

Und ich hatte keine Ahnung, wie nahe ich daran war, daß ich für alles die richtige Erklärung bekam – eine Erklärung, daß sich auch der Dümmste von Anfang bis zu Ende ausgekannt hätte. Ein Wort hätte genügt. Aber, Mann, das war's ja eben, just in diesem Augenblick war ich tausend Meilen davon entfernt, auch nur zu ahnen, was das für ein Wort sein könnte, genau wie Sie jetzt noch tausend Meilen davon entfernt sind, es zu ahnen.

*

Wie ich schon sagte, fünf Tage schien alles ganz glatt zu gehen, und ich hatte die fixe Überzeugung, daß die Welt mich anlacht und daß ich die Welt anlachen kann. Bloß die Sache mit Shorty störte mich noch. Aber es war mir nicht bange. Ich dachte, früher oder später muß sich das Ding doch einrenken lassen. Weiß Gott, ich fing an mir einzubilden, die Partie wäre gewonnen – Gott möge mir verzeihen –, denn das war just der Augenblick, wo der Schlag fiel.

Aber ich kann nichts überstürzen, ich muß alles hübsch der Reihe nach erzählen – damit man sich auskennt –, und da muß ich mit der Nacht anfangen, wo ich plötzlich wach wurde und gerade sehe, wie Pepillo sich sachte aus der Tür drücken will.

Pepillo, der schlief immer noch auf seinem Ziegenfell in einer Zimmerecke; bloß hatte er sich neuerdings doch eine Matratze unter das Fell geschoben, so daß er eine leidlich anständige Lagerstatt für sich hatte.

Nie in meinem Leben hätte ich was davon gemerkt, daß er in der Nacht auf den Beinen war. Wenn der sich in den Kopf gesetzt hatte, recht geräuschlos zu sein, dann bewegte er sich leiser wie 'ne Eule, die durch die Nachtluft segelt! Aber seit der Nacht, wo ich den Geist gesehen hatte, fand ich meinen gesunden Schlaf nicht so recht wieder. Denn ich bildete mir immer noch ein, die Frau wird eines Tages mir noch einmal erscheinen. Wenn ich dann geschlafen hätte wie ein Stück Holz, dann hätte ich sie versäumt.

Auf alle Fälle also öffneten sich meine Augen wie von selbst, eh ich überhaupt irgend was gehört hatte, und ich sehe undeutlich und schattenhaft, wie Pepillo aufsteht. Er kommt an mein Bett herüber und beugt sich einen Augenblick über mich, und dann schiebt er einen Fetzen Papier unter mein Kissen. Wie das geschehen ist, geht er nach der Tür, ganz leise, auf den Zehenspitzen. Der hatte keine Ahnung, daß ich wach bin, und dachte nicht, daß ihm jemand nachkommt. Wie ich von meinem Bett hochsause und mit einem Sprung an ihn heran bin, erschreckt er sich mächtig und taumelt beinah gegen die Wand.

Ich sage gar nichts. Ich werfe die Tür zu, dreh den Schlüssel herum und steck ihn in die Tasche.

»Allright, Küken«, sage ich dann. »Wo bist du denn hingesteuert?«

Sagt er, wie so ein dummer kleiner Schulbub: »Ich?« sagt er, »nirgendshin.«

Ich stecke die Lampe an, und wie er denkt, ich passe nicht auf ihn auf, huscht er ans Bett und fährt mit der Hand unter das Kissen, aber den Zettel erwischte er nicht. Ich geh hin und nehm das Kissen weg und nehme mir den Zettel. Schien, als ob Pepillo mächtig sich darüber aufregte, daß ich den Zettel erwischt hatte.

»Es ist bloß ein Jux, Señor!« sagt er. »Es bedeutet bloß – es bedeutet gar nichts.«

»Ah«, sage ich. »Ah – und deshalb, weil es gar nichts bedeutet, zitterst du, daß du nur so fliegst.« Und mit dem schau ich mir ihn gründlich an. Der Junge war weiß wie ein Leintuch und konnte nicht eine Sekunde auf derselben Stelle stehenbleiben. Er war für eine Reise angezogen, das sah man auf den ersten Blick. Ich falte den Zettel auseinander. Was steht da?

»Gelbschädel! Es tut mir leid, daß ich mich in der Nacht davonschleichen muß, aber es erspart uns eine Masse unnützer Erklärungen und Auseinandersetzungen. Wir beide haben uns mächtig gut miteinander vertragen. Es tut mir leid, daß ich Euch nicht alles sagen kann, was Ihr wissen möchtet, und jetzt weiß ich, daß ich nie Gelegenheit haben werde, Euch das Ganze zu erklären. Well! Alles Gute für Euch, alter Knabe. Ihr werdet die Partie hier gewinnen und werdet ein reicher Mann werden, dann könnt Ihr also Euer Haus bauen und Eure Öldrucke kaufen und Eure Pferde und Eure Frau.

Pepillo.«

»Kurz und bündig!« sage ich zu dem Küken.

»Tut mir leid«, sagt mein Blauhäher.

»Well«, sage ich, »wo brennt's denn?«

Er zuckt die Achseln.

»Hab ich schon wieder was getan, womit ich dir auf die Hühneraugen getreten bin? Raus mit der Sprache! Ich bin bereit, um Entschuldigung zu bitten. Wo du in Betracht kommst, da hab ich keinen Stolz.« Was soll ich Ihnen sagen? Er lehnt sich gegen die Wand und deckt die Hand über die Augen.

Sage ich: »Hör mal!« sage ich. »Du hast Heimweh?! Stimmt's nicht? Du hast dir die Idee in den Kopf gesetzt, daß du mal unbedingt deine Alten wiedersehen mußt. Paß mal auf! Es würde mir direkt einen großmächtigen Spaß machen, wenn ich dir das Geld für die Reise hin und zurück schenken kann – wenn du überhaupt zurückkommen willst.«

»Ich brauch kein Geld«, sagt er. »Nur – wenn ich gehen könnte, wär ich froh.«

Sage ich: »Du willst also zurückkommen?«

»Natürlich! Ja!« sagt Pepillo.

»Sieh mir in die Augen«, sage ich, »und sag das Ding noch einmal. Langsam und deutlich.«

»Ich will – zurück–kommen«, sagt Pepillo.

Aber es gelang ihm nicht, mir was vorzumachen. Er blieb einfach stecken. Der kleine Kerl, der hatte sonst so eine mächtige Energie am Leibe, aber jetzt machte er einfach schlapp.

»Sieh mir in die Augen!«

Er kriegt es nicht fertig, um keinen Preis der Welt.

»Verdammter kleiner Lügner!« sage ich. »Du wolltest gar nicht zurückkommen.«

»Señor! Señor!« sagt mein Blauhäher, und dabei wurde er immer aufgeregter, obwohl er sich schreckliche Mühe gab, es nicht merken zu lassen, »Señor«, sagt er, »ich muß ganz einfach weg!«

»Du mußt nicht!« sage ich.

Ich denke, er wird gleich vor Angst und Schrecken auf den Boden hinschlagen.

»Du mußt nicht weg!« sage ich. »Du bildest dir bloß ein, du mußt, aber im innersten Herzen weißt du selbst ganz genau, daß du gar keine Lust hast, wegzugehen.«

Sagt er: »Ha!« sagt er, »und warum glaubt Ihr das?«

»Weil du dich hier so wohl gefühlt hast.«

»Und wieso – wenn Ihr so gut sein wollt, mir's zu sagen, Señor – meint Ihr, soll ich mich hier wohl gefühlt haben?«

»Weil du hier all deine Niederträchtigkeit so bequem austoben kannst.«

»Ich mich hier wohl fühlen? Ich mich hier wohl fühlen? Ich sage Euch, Señor, das Leben hier ist mir fad und zum Überdruß, und ich will weg!«

»Bin ich dir auch zum Überdruß, Blauhäher?«

»Warum sollte es nicht so sein? Jawohl! Ich bin Eurer überdrüssig. Wollt Ihr jetzt die Tür öffnen, Señor?«

Das brauch ich wohl nicht zu sagen, daß das mir einen bösen Stoß versetzt hat. Ich steh auf und schieb den Schlüssel ins Schloß, aber dann zieh ich ihn wieder heraus. Sage ich:

»Nein!«

Sagt Pepillo: »Pah! Was kann ich tun, um Euch den Beweis dafür zu liefern; daß ich keine Lust mehr habe, hierzubleiben?«

»Komm her!« sage ich.

Er kommt so recht großspurig auf mich zu und stellt sich vor mich hin, den Kopf im Nacken und die Beine gespreizt und einen verächtlichen Zug um den Mund. Mann, in der ganzen Welt gab's keine Menschenseele (das hab ich ja oft genug gesagt), die mehr wie so ein recht unverschämter, bösartiger Teufel aussehen konnte.

Sagt er: »Ich bin hier, Señor!«

»Na, hast du dich denn wenigstens früher hier wohl gefühlt?«

»Jawohl, eine Zeitlang.«

»Na, und was hat Schuld an der Veränderung?«

Er sieht mir gerade in die Augen.

»Meint Ihr, ich kann in alle Ewigkeit das Fluchen und das dumme Geschwätz Eurer Leute hier mit anhören? Ist das ein Leben? Nein! Sie sind schrecklich blöd und langweilig, Eure Burschen. Ich hab das Ganze jetzt satt.«

»Und mich auch, Pepillo?«

»Warum nicht?« sagt das Küken. »Ist soviel Unterschied zwischen Euch und den andern Burschen?«

»Blauhäher«, sage ich, »Blauhäher! Das Ding glaube ich dir nicht. Ich meine, du lügst mich an. Willst du wirklich sagen, daß du mich über hast?«

Er kriegt einen richtigen Wutanfall.

Sagt er: »Pah! Pah! Ich habe noch nie einen solchen Idioten gesehen. Und bildet Ihr Euch ein, ich hätte je vergessen, daß Ihr gewagt habt, mich zu schlagen – mich!?«

Und er schlägt mir mit den Fingern unter der Nase ein Schnippchen.

Es machte mich wütend, ich war reineweg blind vor Wut. Ich spring auf und pack ihn am Handgelenk. Sage ich:

»Beinah hätt' ich Lust, dir wieder eins mit der Peitsche zu geben! Der Teufel soll dein lausiges Fell holen! Hier hast du den Schlüssel, mach die Tür auf und scher dich meinetwegen zum Teufel, und untersteh dich nicht, zurückzukommen!«

Sagt er: »Gut!«

Er packt den Schlüssel und will ihn mit einem Ruck ins Schloß stecken, aber er konnt' ganz einfach das Schlüsselloch nicht finden. Ich höre, wie der Schlüssel zwei- oder dreimal auf dem Beschlag herumklappert. Ich erwisch ihn bei den Schultern und wirble ihn herum. Jawohl, Verehrter, dicke Tränen hatte er in den Augen! So hau ich ihm auf die Finger, daß er den Schlüssel fallen läßt und stell den Fuß darauf.

Sage ich: »Pepillo«, sage ich, »du bist der allergewaltigste Lügner, den je Gottes Sonne beschienen hat!«

Mann, da könnte ich mir lange Mühe geben, ich werd's Ihnen nie schildern können, wie er mich anschaute. Es zuckt ihm um den Mund, und seine Augen werden sanft, so sanft, aber die Verzweiflung stand ihm sozusagen auf dem Gesicht geschrieben.

»Nein! Nein, Gelbschädel, ich will nicht weg, aber ich muß weg!«

»Du mußt gar nichts! Und ich kann dir bloß sagen, Pepillo, ich laß dich ganz einfach nicht gehn!«

Das schien ihm einen furchtbaren Schreck einzujagen.

»Gelbschädel«, stammelt er, »wollt Ihr mir denn nicht glauben? Glaubt mir doch, ich bitte Euch um aller Heiligen willen! Ich schwöre Euch, wenn ich nicht heute nacht noch gehe, seid Ihr morgen früh tot. Ich schwöre Euch tausend Eide, daß das die reine Wahrheit ist! So laßt mich doch endlich gehen, laßt mich gehen, sage ich.«

Mann, ich konnte einfach nicht anders. Ich mußte glauben, daß da irgend etwas Reelles dahintersteckte. Es mußte was daran sein. Der Junge war so in Geheimnis gehüllt, es war wirklich, als ob es einem kein Glück mehr bringen könnte, wenn er blieb. Und obendrein: seit der Nacht, wo die tote Frau ihren Jasminduft in meine Stube getragen hatte, hatte ich immer so ein seltsames, schauerliches Gefühl.

Sage ich: »Allright, Blauhäher«, sage ich, »dann will ich eben sterben, wenn ich's wieder mal riskieren muß.«

Er schüttelt den Kopf, es war so eine fressende Ungeduld in ihm, daß er richtig tanzte.

»Sie warten schon auf mich!« würgt er heraus. »Ich muß gehen! Ich komme schon zu spät. Viel zu spät! Viel zu spät! Ah, Señor, es war ein Narrenstreich, Euch etwas zu erzählen. Ich hätte wissen können, daß es mir nicht gelingen wird, Euch einen Schreck einzujagen. Bloß eins kann ich Euch nicht erzählen ... Habt Mitleid mit Euch selbst und mit mir – laßt mich gehen!«

»Willst du mir nicht endlich erklären«, sage ich, »wieso ich Mitleid mit dir haben soll und wieso ich dir eine Gnade tu, wenn ich dich gehen lasse? Ist dein Leben denn auch bedroht?«

»Ah!« sagt der Blauhäher, »jawohl, denn ich könnte dann mein Lebtag nicht mehr glücklich sein.«

Ich tu einen Schritt nach rückwärts und starre ihn an. Nein, da war kein Zweifel möglich. Er war jetzt ganz aufrichtig. Es stand ihm auf der Stirn geschrieben, daß er genau das sagte, was er wirklich dachte.

Ich versuche die Sache zu verstehn. Sage ich: »Blauhäher«, sage ich, »ich glaube, du meinst es ganz ernsthaft, aber ich kann mich nicht recht entschließen, es zu glauben. Ich schwöre bei Gott, dir gegenüber zu tun, was recht ist – aber du hast mich so oft angelogen.«

»Ich sage Euch die reine Wahrheit«, sagt er. »Ich bin bereit, Euch auf mein Kreuz zu schwören ...«

Wie er noch redet, kommt von draußen aus der Nacht ein scharfer Pfiff und schneidet ihm das Wort ab. Es war, als hätt' ihn einer mit einer Peitsche getroffen.

»Sie sind da!« sagt Pepillo. »Jetzt – jetzt – laßt mich fort!«

Er zitterte an allen Gliedern. Er verlangte, ich sollte ihn in die dunkle Nacht hinauslassen, und doch hatte er Angst davor, zu gehen.

»Jetzt sag mir bloß, wer das ist, ›sie‹, und vielleicht laß ich dich dann gehen.«

»Ich kann Euch nur eins sagen, Señor«, sagt er, »das sind Männer, die nicht mehr fünf Sekunden länger warten, und dann werden sie uns beide umbringen.«

Es war mir beinah so, als hätte er nicht unrecht. Und trotzdem hatte ich beinah Angst davor, ihn weggehen zu lassen. Ganz tief unten – sozusagen in den Stiefeln unten, Mann – hatt' ich ein bestimmtes Gefühl, als hätte der Jung irgendwie die Absicht, sich für mich zu opfern – damit mir nichts geschieht. Und das ist doch klar, den Gedanken konnt ich nicht ertragen! Ich stemme mich mit dem Rücken gegen die Tür und schüttle den Kopf.

»Die Tür ist zugeschlossen, Blauhäher«, sage ich. »Und wenn's zum Schlimmsten kommen sollte – hier bleiben wir jetzt! Wir wollen doch mal sehen, ob sie dich erwischen!«

 

* * *

 

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