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Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeDrittes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechszehntes Kapitel.

Whackum. »Meine lieben Schelme, liebe Jungen, Bluster und Dingboy! Ihr seid die bravsten Bursche die je in der Welt herumfegten.«

Shadwell's Herumfeger.

Cato der Thessalier pflegte zu sagen: Manches könne so gethan werden, daß es für unrecht, und Vieles so, daß es für recht gelte.

Lord Bacon (als Rechtfertigung für jede Schurkerei.)

Obgleich unsre drei Helden eine glänzende Wohnung in Milsom-Street gemietet hatten, und zwar, Ned zu Gefallen, über einem Haarkräuslers-Laden, kehrten sie doch nicht dahin zurük oder begaben sie sich in solche Gasthöfe, wie sie für ihre Tracht und modischen Aufzug schiklich scheinen mochten, sondern sie verschwanden auf Einmal aus den belebten Stadttheilen und rasteten nicht, bis sie ein gemeinaussehendes Bierhaus in einer gelegenen Vorstadt erreicht hatten. Die Thüre ward ihnen von einer ältlichen Frau geöffnet und Clifford, seinen Gefährten in ein Gemach im Hintertheile des Hauses voranschreitend, erkundigte sich, ob die andern Herrn schon gekommen seien.

»Nein!« antwortete das Weib. »Der alte Herr Sack kam vor etwa zehn Minuten; aber auf die Nachricht, daß es noch etwas zu thun gebe, ging er wieder aus.«

»Bring' den Trunk und die Pfeifen, alte Hexe!« rief Ned sich auf die Bank werfend, »wir sind nie wegen Gesellschaft in Verlegenheit.«

»In der That, das könnt Ihr nie sein, da ihr mit dem Gegenstand Eurer Bewunderung immer unzertrennlich verbunden seid,« sagte Tomlinson troken und nahm eine alte Zeitung auf. Ned, der obschon reizbar doch ein tüchtiger Kerl war und einen Scherz auf seine Kosten ertragen konnte, lächelte, zog eine kleine Scheere heraus und fing an sich die Nägel zu beschneiden.

»Straf mich Gott!« sagte er nach einem kurzen Schweigen, »wenn dieß nicht ein Millionenmal beßrer Zeitvertreib ist, als den feinen Gentleman in dem großen Saal spielen mit einer Rose im Knopfloch. Was sagt Ihr Meister Lovett?«

Clifford, (so wollen wir von nun an unsern Helden, troz seinen manchen andern Namen, benennen,) der sich der Länge nach auf eine Bank am entgegengesezten Ende des Zimmers gestrekt hatte, und in trübe Träumerei versunken schien, sah jetzt einen Augenblik auf, drehte sich herum, wandte Ned die Rückseite seines Körpers zu und murmelte: »Bscht.«

»Hört, Meister Lovett!« sagte der lange Ned die Farbe wechselnd, »ich weiß nicht, was Euch neuerlich angekommen ist; aber ich wollte Ihr hättet gelernt, daß Gentlemen auf Höflichkeit und feines Betragen Anspruch haben; und so seht Ihr, wenn Ihr gegen mich auf den höchsten Gaul sizt, so muß ich Genugthuung haben, oder ich will mich massakriren lassen.«

»Bsch, Mann, seid ruhig,« sagte Tomlinson und filosofischem Gleichmuth die Kerzen puzend,

»Wenns unter Freunden Händel sezt,
Ist gänzlich die Moral verlezt.«

»Seht Ihr nicht, daß der Capitän in Träumereien begriffen ist? welcher ehrliche Mann läßt sich je gern in seinen Gedanken unterbrechen? selbst Alfred der Große konnte das nicht ertragen. Vielleicht sinnt der Hauptmann mit der treuen Vorsorge eines würdigen Chefs in diesem Augenblik Etwas zu unserm Besten aus!«

»Hauptmann, freilich,« murmelte der lange Ned und schoß einen wüthenden Blik auf Clifford, welcher Herrn Peppers Drohung keine Aufmerksamkeit zu schenken würdigte, »ich meines Theils kann nicht begreifen, was damals an uns war, als wir diesen grünen Sezling von Galgenbaum zum Hauptmann bei Distrikts wählten. Zwar Anfangs that er gute Dienste und die Plünderung des alten Lords war nicht übel angelegt, aber in neuerer Zeit –«

»Ja, ja,« sagte Augustus den riesigen Griesgram unterbrechend, »die menschliche Natur ist zum Mißvergnügen geneigt. Gesteht, daß unser dermaliger Anschlag, den muntern Lothario aufzupflanzen und unser Heil in Bath mit einer Erbin zu versuchen, Lovetts Gewandtheit eben so viel als unserer Erfindung verdankt.«

»Und was wird dabei Gutes herauskommen?« versezte Ned, indem er die Pfeife anzündete, »antwortet mir darauf! War ich nicht so stattlich gepuzt wie ein Lord und marschirte ich nicht dreimal den großen Saal auf und ab, ohne daß es mir Nagelsgroß genüzt hätte?«

»Ha – Ihr wißt aber nicht, wie manche geheime Eroberung Ihr gemacht habt; Ihr könnt eine Beute dadurch noch nicht gewinnen, daß Ihr sie nur anseht?«

»Hm –« brummte Ned, mißvergnügt mit seiner Pfeife sich beschäftigend, die nicht brennen wollte.

»Was des Capitäns Tänzerin betrifft,« hob Tomlinson wieder an, der eine boshafte Freude empfand, die Eifersucht des stattlichen Steuereintreibers zu erregen (denn diesen Namen fand Augustus geeignet, sich und seinen Genossen beizulegen,) so will ich ein Tory werden, wenn sie nicht schon halb in ihn verliebt ist; und hörtet Ihr den alten Gentleman, der bei unserm Robber die Karten zog, sagen, welch treffliches Glük er habe? Wahrlich, Ned, es ist ein Glük für uns beide, daß wir verabredeten, bei unsern Heiraths-Spekulationen uns in den Gewinn zu theilen; ich bilde mir ein, der ehrenwerthe Hauptmann denkt, er habe da einen schlechten Handel geschlossen.«

»Dessen bin ich nicht so gewiß, Herr Tomlinson,« sagte der lange Ned, seinen Cameraden sauer ansehend. »Manche Weiber lassen sich wohl durch eine feine Haut und zierliches Benehmen bestechen; aber wahrhaft männliche Schönheit – Augen, Farbe und Haar, Herr Tomlinson, müssen doch am Ende das Feld behaupten – gebt mir nur jezt den Branntwein und haltet Euer Maul.«

»Gut, gut,« sagte Tomlinson, »Ich will Euch einen Trinkspruch geben: das hübscheste Mädchen in England – und das ist Miß Brandon!«

»Ihr sollt keinen solchen Trinkspruch geben, Sir!« sagte Clifford, von seiner Bank auffahrend – »Was zum Teufel geht Euch Miß Brandon an? Und nun, Ned,« er sah wie der lange Held ihn mit unfreundlichen Bliken maß, »hier ist meine Hand, verzeiht mir, wenn ich unhöflich war, Tomlinson wird Euch in einem Grundsaz beweisen, daß die Menschen veränderlich sind. Trinkt auf Eure Gesundheit und es soll nicht mein Fehler sein, wenn wir keinen lustigen Abend bekommen.«

Diese Rede, so kurz sie war, erhielt den vollen Beifall der zwei Freunde, und Clifford das Präsidium führend, nahm einen mächtigen Stuhl oben am Tisch ein. Kaum hatte er diesen Ehrenplaz inne, als die Thüre sich aufthat und ein halb Duzend der Verbündeten etwas lärmend ins Zimmer stampfte.

»Gemach, gemach, meine Herrn,« sagte der Präsident, der wieder ganz seine natürliche Lustigkeit gefunden hatte, sie jedoch mit einem leichten Herrscherton verband, »Achtung für den Präsidentenstuhl, wenn es Ihnen gefällig ist! das ist der Brauch so bei allen Versammlungen, wo die Gelder des Gemeinenwesens der Gegenstand des innigsten Interesse's sind.«

»Hört ihn!« rief Tomlinson.

»Nun, mein alter Freund Sack!« redete diesen der Vorsizende an, »Ihr kommt gewiß nicht mit leerer Hand, darauf schwör' ich; Euer redliches Angesicht ist wie ein Aushängeschild mit Angabe der Schäze in Euren Taschen!«

»Ha! Capitän Clifford!« sagte der Veteran, seufzend und sein ehrwürdiges Haupt schüttelnd: »Ich habe den Tag gesehen, da kein Junge in England so lange und so umfassende Finger hatte, als ich. Aber wie König Lear in Common Garden sagt: »Bin halt jezt alt!«

»Aber Euer Eifer ist so jugendlich wie immer, mein trefflicher Gesell!« sagte der Capitän tröstend, »und wenn Ihr das Publikum nicht mehr so säuberlich und gründlich auszieht wie ehmals, so liegt der Fehler nicht an Eurem guten Willen.«

»Nein, wahrlich nicht!« riefen die Steuereintreiber einmüthig.

»Und wenn irgend eine Tasche hübsch ruhig und nachdrüklich gefegt werden soll,« sezte der höfliche Clifford hinzu, »so kenne ich bis auf den heutigen Tag in allen drei Königreichen keine hübschere, ruhigere und tüchtigere Finger als die des alten Sacks?«

Der Veteran verbeugte sich ablehnend und nahm unter den herzlichen Glükwünschen der Gesellschaft seinen Siz ein.

»Und nun, Ihr Herrn,« sagte Clifford, sobald die schwärmenden Gäste sich mit ihren gewöhnlichen Luxusartikeln zum Trinken und Rauchen versorgt hatten, »wollen wir unsre Abenteuer preis geben und unsere Augen an ihrem Ertrage weiden. Der galante Attie soll den Anfang machen – aber vorher einen Trinkspruch: Mögen diejenigen, welche über die Heken sprengen, nie von einem Baume springen!«

Als dieser Toast mit begeistertem Beifall getrunken war, begann Haudegen Attie die Erzählung seiner Geschichte.

»Ihr wißt schon, Cap'tän,« sagte er, eine martialische Stellung annehmend und sah Clifford voll ins Gesicht, »daß ich kein Freund von vielem Geschwäz bin. Wenig Geschrei und viel Wolle, das ist mein Motto. Um zehn Uhr Vormittags wurde ich des Feinds ansichtig – in Gestalt eines geistlichen Doktor's. »Schlag mich dieser und jener,« sagt' ich zum alten Sack, »ich will mich an seine Ehrwürden machen!« »Schlag mich dieser und jener,« sagte der alte Sack, »Ihr dürft nicht, Ihr liefert uns Alle an den Galgen, wenn Ihr die Kirche anrührt.« »Geist meiner Großmutter!« sagt' ich. Der Sack erzählts den andern Gesellen, Alle schlagen einen Lärm darüber auf – was kümmerts mich? Ich lege eine hübsche Kleidung an und gehe zu dem Doktor als ein heruntergekommener Soldat, der die Läden mit Drechslerarbeit versehe. Seine Ehrwürden, ein so lustiger, fetter Hund als man nur einen sehen kann, saß zu Tisch an einem hübschen, gebratnen Ferkel. Ich sag' ihm, ich habe zu Haus Waaren für ihn zum Kauf. Hol mich der Henker, wenn der Doktor nicht meinte er habe eine gute Beute gemacht! er fuhr in seine Stiefel und ging mit mir nach Haus. Aber als ich ihn in einem Seitengäßchen hatte, zog ich meine Zusprecher heraus. »Gib heraus, Doktor,« sagte ich, »Andre Leute müssen jezt auch am Kirchengut Theil haben.« Ihr habt keinen Begriff davon was er für einen Spektakel machte; aber ich that es einmal und damit war's aus.«

»Bravo Attie!« rief Clifford und das Wort hallte von allen Seiten des Tisches wieder. Attie legte einen Beutel auf den Tisch und der folgende Gentleman ward zur Beichte aufgerufen.

Es flekt und frommt nicht, freundlicher Leser, alle die einzelnen Erzählungen die jezt auf einander folgten, zu berichten. Der alte Sack besonders behauptete seinen wohlerworbnen Ruf, indem er sechs Taschen ausgeleert hatte, die mit allen möglichen Sorten und Arten von Kostbarkeiten angefüllt gewesen. Bauern und Fürsten schienen durch einander ihm zu Händen gekommen zu seyn; und vielleicht hatte der gute alte Mann in Einer Stadt für die Herstellung der Vermögensgleichheit unter den verschiedenen Ständen mehr gewirkt als alle Reformer von Cromwell bis Carlisle. Aber so heftig war seine Begierde nach diesem Zeitvertreib, daß der alte Eigenthumsjäger in helle Thränen ausbrach, daß er nicht mehr erfingert hatte.

»Ich liebe einen so warmen Enthusiasmus,« rief Clifford, die beweglichen Güter einstreichend, und sah mit einem zärtlichen Blik den alten Beutelschneider an. »Mögen uns nie neue Fälle des alten Sacks vergessen machen!« Sobald dieser gefühlvolle Trinkspruch gebührend getrunken war und Herr Bagshot seine Thränen getroknet und sich seinem Lieblingsgetränke – blauer Tod, beiläufig gesagt, zugewandt hatte, schritt man zum Werke der Theilung. Die Bescheidenheit und Unparteilichkeit des Hauptmanns bei diesem schwierigen Zweige seines Amtes erwarb ihm allgemeine Bewunderung, und nachdem jeder der Herren seinen Antheil sorgfältig eingepakt, räusperte sich der jugendliche Präsident dreimal und die Gesellschaft bekam folgende Rede anzuhören.

»Gentlemen!« begann Clifford und sein Hauptbeistand, der weise Augustus ließ ein Hört! erschallen, »Gentlemen, Ihr Alle wißt, daß als Ihr beliebtet, vor einigen Monaten theils auf Anrathen von Gentleman George, Gott segne ihn! – theils in Folge einer allzugünstigen Meinung von mir, welche meine Freunde aussprachen, mich zu der hohen Ehre des Befehlshabers in diesem Distrikt zu berufen: ich selbst keineswegs einen Ehrgeiz hatte, diese Würde, welche weit über mein Verdienst, wie ich wohl weiß, hinaus ist, und eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, die wie ich eben so gut weiß meine Kräfte weit übersteigt. Eure Stimmen jedoch trugen den Sieg über die meine davon und wie Herr Muddlepud, der große Metafysiker, in der trefflichen Zeitschrift, Assnäum genannt, zu bemerken pflegte, die angebornen, unberechenbaren und ewigen Bildungskeime der Eitelkeit in meiner Brust, waren unendlich mächtiger als die schnöden Einflüsterungen der Vernunft, dieses lächerlichen Dings, das alle weisen Männer und einsichtsvolle Asinäumsfreunde eifrig zu erstiken bemüht sind.«

»Die Pest über den Mann, von was schwazt er denn!« sagte der lange Ned, dessen heftige Gemüthsart wir schon kennen gelernt haben, flüsternd zu dem alten Sack. Dieser schüttelte den Kopf.

»Mit Einem Wort, Gentlemen,« fuhr Clifford weiter fort: »Eure Güte überwältigte mich, und troz dem daß die kältere Ueberlegung abrieth, nahm ich Euern schmeichelhaften Antrag an. Seither habe ich, so viel in meinen Kräften stand, gestrebt, Euer Interesse zu befördern; ich habe ein wachsames Auge auf alle meine Nachbarn gehabt; ich habe von Grafschaft zu Grafschaft Verbindungen mit zahlreichen Correspondenten angeknüpft, und unsre Unternehmungen wurden mit einer Gewandheit ausgeführt, welche einen glüklichen Erfolg sicherte.

»Gentlemen, ich möchte mich nicht gern brüsten, aber in diesen Nächten der regelmäßigen Zusammenkünfte, wenn jedes Vierteljahr uns zusammenbringt um den Bund zu erneuern, wenn wir Privatzusammenkünfte halten um die öffentlichen Angelegenheiten zu erörtern, unsern Gewinn gleichsam in geheimer Berathung aufweisen, und ihn freundschaftlich gleichsam im Cabinet theilen (Tomlinson: Hört, hört!) ist es Sitte daß der jeweilige Hauptmann Euch an seine Amtsführung erinnert, wegen seiner Fehler eure Verzeihung erbittet so wie eure guten Wünsche für seine künftigen Unternehmungen. Gentlemen! konnte man je Paul Lovett nachsagen, daß er von einer Beute gehört, und vergessen habe, Euch die Kunde mitzutheilen? (Nein, nein! lauter Beifall.) Ließ er sich je nachsagen, er habe Andre geschikt, um den Raub zu holen und er sei zu Hause geblieben um nachzudenken, wie man ihn verwenden solle? (Nein, nein! wiederholter Beifall.) Ließ er sich je nachsagen, er habe an Eurer Gefahr weniger und an Euern Guineen mehr Antheil genommen als ihm zustand? (Verneinendes Rufen, verbunden mit heftigem Beifall.) Gentlemen, ich danke Euch für diese schmeichelnden, lauten Beweise Eurer Zufriedenheit mit mir; aber die von mir berührten Punkte, so nothwendig sie für meine Ehre sein mögen, beweisen für meine Verdienste wenig; es mögen an einem Cameraden achtungswerthe Eigenschaften sein; von Eurem Anführer verlangt Ihr gewichtigere Dienstleistungen. Gentlemen! hat sich je Paul Lovett nachsagen lassen, er habe wakre Männer auf verlorene Posten gesandt? Er habe Eure Köpfe auf's Spiel gesezt, bei vorschnellen Versuchen Bildnisse von König George zu erwerben? kurz, daß sein Eifer größer gewesen, als seine Vorsicht? oder daß seine Liebe zu einem Quid ihn je gleichgültig gegen euren gerechten Abscheu vor einem Qued machte? (Einstimmiger Beifall.)

»Gentlemen, seit ich die Ehre habe, über Eurer Wohlfahrt zu wachen, ist das Schiksal, das dem Kühnen hold ist, gegen Euch nicht ungültig gewesen. Aber drei unsrer Gefährten vermissen wir bei unsern friedlichen Festen. Einen, Gentlemen, stieß ich selbst aus unsrem Corps, wegen ungentlemanmäßiger Kunstgriffe; er stahl Taschentücher aus den Taschen – es war ein gemeines Treiben. Manche von Euch, Gentlemen, haben dasselbe zum Spaß gethan; Jack Littlefork machte ein Gewerbe daraus. Ich verwies es ihm öffentlich und privatim; Herr Pepper gab den Umgang mit ihm auf, Herr Tomlinson las ihm eine Abhandlung über wahre Seelengröße vor; Alles umsonst. Er wurde vom Pöbel wegen des Diebstahls eines Taschentuchs mit Schlüsselblumen beschimpft; mit dem Fehler hätte ich Nachsicht gehabt, die Entdekung war unverzeihlich – ich stieß ihn aus. Wer ist hier so niederträchtig daß er ein Taschentücherjäger sein möchte? Ist Einer hier, der rede, denn ihn habe ich beleidigt! Wer ist hier so gemein, daß er nicht ein Gentleman sein wollte? Ist Einer da – Er rede, denn ihn habe ich beleidigt! Ich schweige – ich erwarte eine Antwort! Wie, keine? Nun dann hab' ich Niemand beleidigt! (Lauter Beifall!) Gentlemen, ich darf kühnlich hinzusezen: ich habe Jack Littlefork nicht mehr gethan, als Ihr Paul Lovett dürftet. Die nächste Lüke in unsern Reihen wurde durch den Verlust von Patrick Blunderbull veranlaßt. Ihr kennt, Gentlemen, die kräftigen Bemühungen, die ich zur Rettung dieses irrgeleiteten Geschöpfs machte, dessen Belehrung ich mir nicht minder ernstlich angelegen sein ließ. Aber er ließ sich beigehen, unter dem Namen des ehrenwerthen Capitän Smico Geschäfte zu treiben; die Peerschaft strafte ihn auf Einmal Lügen, sein Vergehen war von erschwerenden Umständen begleitet und er war so auffallend häßlich, daß er keine Theilnahme einflößte. Er verließ uns und wanderte in ferne Verbannung, und wenn ich ihn als Mensch beklage, so gestehe ich Euch, Gentlemen, daß ich als Steuereintreiber, Euch sehr leicht zu trösten weiß.

»Unser dritter Verlust muß Euch in frischem Andenken sein. Peter Popwell, ein so keker Bursch, als je geathmet hat, ist nicht mehr. (Bewegung in der Versammlung.) – Friede sei mit ihm! Er starb auf dem Schlachtfeld, todt geschossen von einem schottischen Oberst, den der arme Popwell mit einer ungeladnen Pistole ausplündern wollte, der aber nichts hatte. Sein Andenken, Gentlemen, – in schweigender Feier! »Dieß ist die Uebersicht unsers Verlustes,« begann der jugendliche Präsident wieder, sobald Peter Popwells Andenken mit dem rothen Pokal gekrönt war, »ich bin stolz, troz meiner Betrübniß, bei dem Gedanken, daß der Vorwurf dieser Verluste nicht auf mir lastet. Und nun, Freunde und Genossen, Gentlemen von der Landstraße, der Gasse, dem Theater und der Hütte! Ihr Helden, Ritter und Knappen vom Kreuz – gemäß den Gesezen unsers Ordens lege ich in Eure Hände die Gewalt nieder, die ihr mir für zwei Vierteljahre anvertraut, bereit in Eure Reihen als Camerade zurükzutreten und nicht abgeneigt auf die mühevolle Ehre zu verzichten, die ich getragen, – getragen zwar mit vieler Schwachheit, aber wenigstens mit dem aufrichtigen Wunsch der Sache zu dienen, mit der mich Euer Vertrauen beauftragt hat.«

Mit diesen Worten verließ der Präsident den Lehnstuhl unter dem lärmendsten Beifall, und sobald der erste Ausbruch sich theilweise gelegt hatte, stand Augustus Tomlinson, die eine Hand in der Hosentasche und die andre ausgestrekt haltend auf und sprach:

»Gentlemen, ich trage darauf an, daß Paul Lovett für die nächsten drei Monate wieder zu unserm Hauptmann gewählt werde.« (Betäubender Beifall.) »Viel könnte ich sagen von seinen außerordentlichen Verdiensten, aber warum bei dem verweilen, was offenkundig zu Tage liegt? das Leben ist kurz, warum sollten die Reden lang sein? Unser Leben ist vielleicht kürzer, als das Leben andrer Menschen; warum sollten wir nicht in unsern Vorträgen einer angemeßnen Gedrängtheit uns befleißigen? Gentlemen, ich will nur Ein Wort zu Gunsten meines trefflichen Freundes sagen – meines Freundes, sage ich? ja des meinigen wie des Eurigen. Er ist der Freund von uns Allen. Ein erster Minister ist seinen Anhängern nicht nüzlicher, und dem Publikum nicht beschwerlicher und aufsässiger als, ich sage es mit Stolz, Paul Lovett. (Laute Zustimmung.) Was ich zu seinen Gunsten geltend machen will, ist einfach dieß. Der Mann, in dessen Lob die entgegengesezten Parteien sich vereinigen, muß wahrlich hervorragende Verdienste besizen. Von allen unsern Genossen, Gentlemen, ist Paul Lovett der einzige, der auf dieses Verdienst Anspruch zu machen hat. (Beistimmung.) Ihr wißt Alle, Gentlemen, daß unsre Verbrüderung lange Zeit in zwei Parteien getrennt war, jede auf die andre eifersüchtig, jede begierig, sich emporzuschwingen und jede wetteifernd, welche am meisten Finger in den Beutel des Publikums hineinzubringen wisse. In der Sprache des gemeinen Volks würde die eine Partei Gauner, die andre Landstraßenritter geheißen haben. Ich, Gentlemen, ein Freund der Auffindung von neuen Namen für die Gegenstände und Personen und ein Stük von einem Politiker, ich nenne die Einen Whigs und die Andern Tory's. (Geschrei und Beifall.) Ich gelte für ein einflußreiches Mitglied der erstern Classe! Herr Sack wird mit Recht als die glänzendste Zierde der zweiten Fraktion betrachtet. Herr Attie und Herr Eduard Pepper können kaum ganz zu Einer von beiden gerechnet werden; sie vereinigen in sich die guten Eigenschaften beider: brittische Mischlinge werden sie von Einigen genannt; ich nenne sie liberale Aristokraten! (Beifall.) Und nun ruf' ich Jeden auf, er sei Whig oder Gauner, Tory oder Landstraßenritter, brittischer Mischling oder liberaler Aristokrate: ich fordre Jeden auf, mir Einen Mann zu nennen, in dessen Wahl Alle zusammenstimmen?«

Alle: »Lovett für immer.«

»Gentlemen,« fuhr der listige Augustus fort: »dieser Ausbruch ist hinreichend; ohne ein weiteres Wort: ich schlage als Euern Capitän Herrn Paul Lovett vor.«

»Und ich unterstüze den Vorschlag!« sagte der alte Herr Sack.

Unser Held, auf diese Weise wieder durch die einmüthige Zustimmung seiner Verbündeten auf den Amtstuhl erhoben, stattete in einer wohlgesezten Rede seinen Dank ab, und Scharlach Jem erklärte mit großer Feierlichkeit, sie mache seinem Kopf und Herz gleich viel Ehre. Nachdem die Donner der Beredsamkeit verhallt waren, kreisten lustig die flammenden Leuchtkugeln, oder, wie der gemeine Mann sich ausdrükt, die Gläser mit Genever; der gute alte Herr Sack aber blieb bei seinem blauen Tod, und Attie bei der Schnapsflasche; einige, worunter Clifford und der weise Augustus, verlangten Wein, und Clifford, der sich die äußerste Mühe gab, in seiner Stellung aufs pflichtschuldigste die Fröhlichkeit zu befördern, war dafür besorgt, daß der Gesang dem Vergnügen der Becher Abwechslung gebe. Von den vorgetragnen Liedern sind wir nur zwei mitzutheilen im Stand. Das erste ist von dem langen Ned, und obgleich wir bekennen, Wenig daran zu finden, machte es doch (vielleicht wegen einer besondern Anspielung, die uns natürlich unbekannt ist,) einen wunderbaren Eindruk. Es lautete also:

Das Schelmenrecept.

Willst Du den größten Schelmen ziehn
Aus einem ehrlichen Thoren:
Stell' zwischen zwei tüchtige Schelmen ihn hinein, –
er ist verloren!

Die Tugend einem Haushahn gleicht.
Der unter Kampfhähnen sich schämet;
Der wildste Elephant wird leicht
Von zweien zahmen gezähmt.

Die zweite Poesie, womit wir unsern Lesern aufzuwarten das Vergnügen haben, ist ein sehr belustigendes Duett, das von Haudegen Attie und einem großen dürren Räuber aufgeführt wurde, der ein gefährlicher Bursche unter einem Pöbelhaufen war, und deßwegen Pöbel Francis genannt war, der Leztere begann:

Pöbelfrancis.

Der trefflichste aller b'rittenen Herrn
Ist Haudegen Attie, der Landstraße Stern;
O Arthur, mein Held, Du entlehnt'st, wie ich sah
Einen strozenden Beutel heut Morgen;
Und weil meine Quell' dem Versiegen ist nah,
Möcht' ich gern einen Goldsvogel borgen.
O Arthur, Du rüst'ger. Du Keker, Du List'ger
    Wir Alle rufen es aus:
Die Meister und Jünger im Handwerker der Finger
    Sticht bei weitem der Kriegsmann doch aus!

Haudegen Attie.

Halt deinen Stand
Du list'ger Preller!
Ich leihe ohne Pfand
Einen Fuchs? Keinen Heller!

Pöbelfrancis.

O welch ein Scheusal die neidische Kaze,
Die für sich selbst nur krazt und scharrt!
Möcht' alter Sünder! dir bläuen die Fraze,
Weil Du mir gönnst am Gold keinen Part.
Hast kein Herz für den allgemeinen Jammer.
Dich kümmert der Sturz nicht unsrer Partei,
Und führte nicht Scharlach Jem Hammer und Klammer
So war es bald mit uns Allen vorbei.
O! Scharlach Jem, das ist ein Kerl zum Entzüken!
Den sticht sein Gewissen wie den Schädel Perüken!
Doch ich Muß verachten die Bursche die trachten
Nur immer sich selber zu füllen den Ranzen,
Den Soldaten, der ohne Rüksicht für die Krone
Und sich selbst sticht, soll man als Verräther kuranzen.

Diese derbe Antwort des Pöbelfrancis störte nicht im Mindesten die ursprüngliche Ruhe und Kälte Haudegen Attie's; aber der umsichtige Clifford sah, daß Francis seine gute Laune verloren hatte, und aufmerksam auf das kleinste Zeichen von Störung in der Gesellschaft, verlangte er sogleich ein neues Lied und Pöbelfrancis rief brummend den alten Sack auf.

Die Nacht war schon weit vorgeschritten und so auch der Wiz der ehrlichen Steuereintreiber, als der Präsident Stille gebot und die Zecher in Kenntniß sezte, daß ihr Chef ihnen für das nächste Ziel Verhaftungsbefehle ertheilen wolle. Nichts konnte besser am Platz sein, als solche Anweisungen, während die Lustigkeit noch herrschte und ehe die Vergeßlichkeit sich der Köpfe bemeisterte.

»Gentlemen,« sagte der Hauptmann, »ich will jezt mit Einer Genehmigung Euch allen die Plane mittheilen, die ich für Jeden entworfen habe. Ihr Attie, sollt nach London gehen; laßt die Windsorstraße und die Umgegenden von Pimlico Eurer besondern Sorge empfohlen sein. Seht diese Briefe an, mein Held! sie werden Euch viel Arbeit anweisen, ans Schweigen brauche ich Euch nicht erst zu erinnern. Wie die Auster thut Ihr den Mund nie auf, als zu einem gewissen Behufe. Ehrlicher alter Sack, ein reicher Viehmäster wird am Donnerstag in Smiethfield sein; sein Name ist Hodges, und er wird etwa 1000 Pfund in seiner Tasche haben. Er ist grün, frisch und habgierig; erbietet Euch, ihm seine Nachbarn in einem Handel betrügen zu helfen, und ruhet nicht, bis Ihr ihm das angethan habt, was er Andern anthun wollte. Seid, trefflicher alter Mann, wie der Froschfisch, der mit zwei Hörnern, die wie Köder aussehen, nach andern Fischen angelt; die Beute fährt auf die Hörner los und im nächsten Augenblik ist sie in seinem Rachen! Für Dich, theuerster Jem, enthalten diese Briefe die Ankündigung einer Beute; fett ist der Pfaffe Pliant, voll seine Börse und er reist am Freitag von Henley nach Oxford; ich brauche nicht mehr zu sagen. Was Euch andern Herrn betrifft, auf diesem Papier seht Ihr Eure Bestimmung verzeichnet. Ich verbürge mich dafür, Ihr findet zu thun genug bis wir uns von heute über drei Monate wieder treffen. Ich, Augustus Tomlinson und Ned Pepper, wir bleiben in Bath; wir haben ein Geschäft eingefädelt, ihr Herrn, von ausnehmender Wichtigkeit; solltet Ihr uns zufällig begegnen, so begrüßt uns nicht als Bekannte; wir sind hier Incognito; wir sind auf einer hohen Jagd begriffen und steken Falkenfedern auf um der Rolle treu zu bleiben – Ihr versteht mich; aber der Fall kann schwerlich eintreten, denn keiner von Euch bleibt in Bath; bis morgen Nacht wird Euch schon die Landstraße aufnehmen. Und nun Gentlemen! rasch die Gläser gefüllt und ich will Euch einen Denkspruch geben um Euren Eifer anzuspornen:

»Gelber Honig ist süß und hold.
Aber süßer ist gelbes Gold!«

Der Spruch unsres Helden wurde mit all dem Enthusiasmus aufgenommen, welche angenehme Wahrheiten gewöhnlich erzeugen. Der alte Herr Sack stand auf, um eine Rede gegen den Präsidentenstuhl zu halten; zum Unglük für die Erbauung der Zuhörer glitt der Fuß des Veteranen eh er über die Worte: Herr Präsident, hinausgekommen war; er stürzte gewissermaßen taumelnd zu Boden –

Gleich einem schießenden Stern um nimmer aufzusteh'n! Sein Körper gab einen trefflichen Schemel für den bequemen Pepper ab. Jezt gaben sich Augustus Tomlinson und Clifford, nachdem sie einige Blike gewechselt, alle ersinnliche Mühe, die Fröhlichkeit des Abends zu steigern und ehe die dritte Stunde des Morgens geschlagen hatte, ward ihnen schon die Genugthuung von der Wirkung ihrer wohlwollenden Bemühungen an den ausgestrekten Gestalten ihrer Zechbrüder sich zu überzeugen. Der lange Ned, der natürlich mehr vertragen und fassen konnte als die Uebrigen, unterlag zulezt.

»Des Baumes Blätter«

begann der Vorsizende, die Hand schüttelnd.

»Des Baumes Blätter sind ein Bild vom Menschenkind
Jezt frisch beschaut, jezt welk, ein Spiel dem Wind.«

»Gut gesagt, mein Hektor der Landstraßen!« rief Tomlinson, langte nach dem Wein, indeß seine Beine beschäftigt waren, die ausgestrekten Scheinleichname von Scharlach Jem, und lang Neb zu entfernen, und sezte das homerische Citat mit bombastischem und selbstgefälligem Ton fort:

»So blühen diese noch,
wenn jene schon verdorrt!«

»Wir haben uns unsrer Freunde zu entledigen gewußt,« begann Clifford.

»Wie Whigs die in Aemter kommen,« unterbrach ihn der Politiker.

»Recht, Tomlinson, vermöge der gelindern Eigenschaften unsers Getränks und vielleicht auch der kräftigeren Beschaffenheit unsrer Köpfe. Und nun sagt mir, mein Freund, was denkt Ihr von der Wahrscheinlichkeit des Gelingens? Werden wir eine Erbin haschen oder nicht?«

»Je nun, freilich,« sagte Tomlinson, »die Weiber sind wie die Berechnungen in der Arithmetik, wo man nie auf ein ganz reines Resultat ohne Rest kommt. Ich für meinen Theil will meine Waden polstern und mich nach einer Wittwe umsehen. Ihr, mein guter Geselle, scheint ganz gut zu stehen mit Miß – –«

»O, nennt den Namen nicht!« rief Clifford, erröthend, daß man es selbst durch die Glut, welche der Wein über sein Angesicht verbreitet, hindurch bemerkte. »Wie es sich immer verhalte, von unsrem Munde soll ihr Name nicht gehaucht werden; und wahrhaftig, wenn ich an sie denke, so thu' ich es ohne einen Namen.«

»Wie, habt Ihr auch schon vor diesem Abend an sie gedacht?«

»Ja, seit Monaten,« antwortete Clifford, »Ihr erinnert Euch, wie Ihr vor einiger Zeit, als wir den Plan zur Plünderung Mauleverers entwarfen, mehr zum Spaß als um des Gewinns willen den Doktor Slopperton von Warlock ausplündertet, worauf ich mitleidig den alten Herrn nach Hause begleitete. Nun, im Hause des Geistlichen traf ich Miß Brandon; bemerkt, wenn ich sie beim Namen nenne, müßt Ihr es doch nicht thun – und beim Himmel, doch ich will nicht schwören – und begleitete sie nach Haus. Ihr wißt die Plünderung Mauleverers machte Lärm eh noch der Tag anbrach und ich fürchtete Euch Alle in Gefahr zu bringen, wenn ich in der Nähe des Orts wo die That geschehen war, mich bliken ließe. Seither zerstreuten Geschäfte meine Gedanken; wir entwarfen den Plan, eine Heirathsspekulation in Bath zu versuchen. Ich kam hieher; denkt Euch meine Ueberraschung als ich sie sah! –«

»Und Euer Entzüken,« sezte Tomlinson hinzu, »bei der Kunde, daß sie eben so reich als schön ist.«

»Nein!« antwortete Clifford rasch, »dieser Gedanke macht mir kein Vergnügen – Ihr stuzt. Ich will versuchen mich zu erklären. Ihr wißt, lieber Tomlinson, ich bin eben kein Empfindler, und doch bebt mir das Herz, wenn ich das unschuldige Gesicht ansehe, und die sanfte, angenehme Stimme höre und denke, daß meine Liebe zu ihr nur Verderben und Kummer über sie bringen kann; ja, daß meine Anrede schon eine Beflekung und mein Blik gegen sie eine Beleidigung ist.«

»Ei der Tausend!« sagte Tomlinson, »seid Ihr bei mir in die Schule gegangen und habt die wahre Geltung der Worte erlernt und könnt noch irgend Scrupel über einen so leichten Gewissensfall haben? Wahr ist's, Ihr könnt es Betrug nennen, wenn Ihr Euch ihr vorstellt als einen unabhängig lebenden Gentleman und so ihre Neigung gewinnt; aber warum dieß Betrug nennen, da Geist zur Intrigue ein weit passenderer Ausdruk ist; eben so, falls Ihr die junge Dame heirathet, wenn Ihr sagt, Ihr habet sie zu Grund gerichtet, so verdient Ihr mit Recht, vernichtet zu werden, aber warum nicht sagen: Ihr habet Euch gerettet; und dann, mein guter Freund, ist Eure That die allerrechtmäßigste von der Welt.«

»Bscht, Mensch!« sagte Clifford verdrießlich, »keine Sofismen und Spöttereien.«

»Bei der Seele Sir Eduard Coke's, es ist mein Ernst – aber seht Ihr, mein Freund, dieß ist keine Sache, wo es passend ist, ein allzuzartes und delikates Gewissen zu haben. Ihr seht die Bursche, die da auf dem Boden liegen! Alles kluge Gesellen und so fort, aber Ihr und Ich, wir sind von einer andern Art. Ich habe eine klassische Erziehung gehabt, die Welt gesehen und bin in anständige Gesellschaft gekommen; und Ihr wart nicht lang ein Mitglied unsers Clubs, so zeichnetet Ihr Euch vor Allen ans. Das Glük lächelte Eurer jugendlichen Kühnheit. Ihr schafftet Euch schöne Pferde und Kleider an, besuchtet öffentliche Gesellschaften, und da Ihr ein verdammt hübscher Bursche mit einem angebornen vornehmen Wesen und von einiger Bildung seid, wurdet Ihr so wohl aufgenommen, daß Ihr Euch in kurzer Zeit Betragen und Ton eines – was soll ich sagen – eines Gentleman und Geschmak an angemeßner Gesellschaft erwarbet. Das ist auch mein Fall. Troz unsern Bemühungen für das Gemeinwohl, merken die undankbaren Hunde, daß wir mehr sind, als sie; ein einziges neidisches Herz ist genug uns dem Henker zu überliefern; wir sind darüber einverstanden, daß wir in Gefahr sind, und eben so darin, daß wir einen ehrenvollen Rükzug bewerkstelligen müssen; das können wir nicht thun ohne Geld; Ihr kennt den unter Unsersgleichen bekannten Vers; Nichts kann wahrer sein:

Es ist am Galgen lungern
Noch besser als verhungern.

»Ihr wollt nichts von dem Gemeingut entwenden, obgleich ich denke, Ihr könntet es mit vollem Recht, in Betracht, daß Ihr so Viel eingebracht habt; was sollen wir nun anfangen? Arbeiten können wir nicht; betteln mögen wir nicht! und unter uns gesagt, wir führen ein sehr verschwenderisches Leben. Was bleibt uns übrig als eine Heirath?«

»Wahr ist's,« sagte Clifford mit einem halben Seufzer.

»Ihr dürft wohl seufzen, mein guter Gesell; die Ehe ist im besten Fall ein Jammerleben; aber hier ist kein andrer Ausweg, und nun da Ihr eine Neigung gefaßt habt zu einer jungen Dame, die so reich ist, wie ein weiblicher Crösus und eine so glänzend vergoldete Pille, wie die Kutsche des Lordmajors, was Teufels habt Ihr da noch mit Scrupeln zu schaffen?«

Clifford antwortete nicht und es entstand eine lange Pause, vielleicht hätte er sich nicht so freimüthig herausgelassen, als er that, wenn nicht der Wein ihm das Herz aufgeschlossen hätte.

»Wie stolz,« fing Tomlinson wieder an, »die gute alte Matrone in Thames Court sein wird, wenn Ihr ein Fräulein heirathet! Ihr habt sie in neuster Zeit nicht gesehen?«

»Seit Jahren nicht,« antwortete unser Held, »arme alte Seele! ich denke sie befindet sich wohl, und ich trage Sorge, daß sie nicht ohne Baarschaft ist.«

»Aber warum besucht Ihr sie nicht? Vielleicht schämt Ihr euch, wie alle große Männer, besonders von liberaler Geistesrichtung, der alten Freunde, he?«

»Mein guter Freund, sieht das mir gleich? Ihr wißt ja doch, wie die Stuzer unter unserm Orden mich scheel ansehen, weil ich auf meine Würde nicht genug halte, nicht immer in Gesellschaft von wohlgekleideten Gentlemen raube und unter dem Namen des Neffen eines Lords betrüge; nein, meine Gründe sind diese: fürs Erste müßt Ihr wissen, die alte Dame hatte sichs zur Herzensangelegenheit gemacht, daß ein ehrlicher Mann aus mir werden sollte.«

»Und das seid Ihr geworden!« unterbrach ihn Augustus. »Ehrlich gegen Eure Partei; was wollt Ihr mehr von irgend einem Gauner oder Politiker?«

»Ich glaube,« fuhr Clifford, die Unterbrechung nicht beachtend, fort, »meine arme Mutter verlangte vor ihrem Tod, ich möchte doch ehrlich auferzogen werden; und so seltsam es euch vorkommen mag, aber – Frau Lobkins ist eine gewissenhafte Frau auf ihre eigne Weise, – ihr Fehler ist es nicht, wie ich das geworden bin, was ich wurde. Nun weiß ich wohl, es würde sie schmerzlich betrüben, wenn sie mich in meiner jezigen Gestalt sähe. Fürs Zweite, mein Freund, könnt Ihr Euch wohl denken, daß bei meinen angenommenen Namen – Jackson und Howard, Russel und Pigwiggin, Villiers und Gotobed, Cavendish und Salomons, die guten Leute in der Nachbarschaft von Thames-Court nicht entfernt einen Verdacht hegen, der abenteuerliche und vollendete Schelm, dermalen Hauptmann dieses Bezirks mit dem neuen Namen Lovett, sei in der That kein Andrer als der unbekannte, namenlose Paul vom Krug. Nun hatten wir, Ihr und Ich, Augustus! in der menschlichen Natur, obwohl im schwarzen Buch, gelesen, und ich weiß wohl, daß, wollte ich in Thames-Court erscheinen, und würde die alte Dame das Geheimniß meiner Ankunft ausschwazen, (was sie gewiß thäte, nicht aus Unzärtlichkeit sondern aus Unmäßigkeit – nicht daß sie mich weniger, sondern weil sie den Magentrost mehr liebt.) –«

»Ihr könnt Euch leicht denken,« unterbrach ihn der lebhafte Tomlinson, »daß die Identität Eurer frühern Niedrigkeit mit Eurer jezigen Größe bald würde ausgespürt werden, Neid und Eifersucht Eurer frühern Freunde erwachen würden; ein Wink von Eurem Aufenthalt und Euern falschen Namen könnte, der Polizei gegeben, Ihr selbst beigesannt werden mit der naheliegenden Aussicht auf eine hänfene Beförderung.«

»Ihr errathet ganz meine Gesinnung!« antwortete Clifford. »Die Wahrheit ist, daß ich beobachtet habe, wie unter zehn Fällen immer neunmal unsre bravsten Gesellen durch die Verrätherei eines frühern Busenfreundes oder den Neid eines Kameraden von der Knabenzeit her aufgehoben wurden. Meine Bestimmung ist noch nicht entschieden; ich verdiene ein besseres Schiksal, als im Karren zu fahren mit einem Blumenstrauß in der Hand; und ob ich gleich nach dem Tod an und für sich nicht viel frage, bin ich doch entschlossen, wo möglich nicht als Landstraßenritter zu sterben; daher meine Vorsicht und die kluge Sorgfalt für Geheimhaltung und sichre Freistätten, worin Menschen, die nicht so weise sind wie Ihr, so oft einen unnatürlichen Widerspruch mit meiner Handlungsweise auf der Landstraße gefunden haben.«

»Narren!« sagte der filosofische Tomlinson. »Was hat die Tapferkeit eines Kriegers damit zu schaffen, daß er sein Haus vor Feuergefahr sicher stellt?«

»Indeß,« sagte Clifford, »schicke ich meiner guten Pflegemutter dann und wann ein hübsches Geschenk, um sie von meinem Wohlbefinden zu überzeugen, und erhalte mich obwohl abwesend doch ihrem Gedächtniß durch Präsente gegenwärtig – verzeiht das Wortspiel.«

»Und seid Ihr nie von Einem Eurer weiland Kameraden aufgefunden worden?«

»Nie! bedenkt, in welch höhere Sfäre des Lebens ich mich geworfen habe; und wer würde auch den Springinsfeld Paul mit der Barchentjake in Gentleman Paul mit verbrämter Weste erkennen? Zudem habe ich sorgfältig alle Orte vermieden, wo ich möglicherweise solchen begegnen konnte, die mich in meiner Kindheit sahen. Ihr wißt, wie wenig ich die Gaunerherbergen besuche, und wie bedenklich ich bei der Aufnahme neuer Verbündeter in unsre Gesellschaft bin; Ihr und Pepper seid die einzigen zwei von meinen Genossen (meinen Schüzling ausgenommen, wie Ihr ihn nennt, der die Höhle nie verläßt,) die um eine Identität mit dem verlornen Paul wissen; und da Ihr beide den furchtbaren Eid des Schweigens abgelegt habt, den zu brechen, eh' ich in Kerker oder am Galgen bin, beinah so viel ist, als sich dem sichern Tod aussezen, halte ich dafür, daß mein Geheimnis schwerlich, außer mit meiner eignen Zustimmung an den Tag kommen kann.« »Wahr!« sagte Augustus winkend, »noch ein Glas und dann zu Bett, Herr Präsident.«

»Ich thu' Euch Bescheid, mein Freund; unser leztes Glas soll in menschenfreundlichem Sinne geschlürft werden: Alle Narren, und möge Ihr Geld ihnen bald abgenommen werden!«

»Alle Narren!« rief Tomlinson und füllte einen Tummler, »aber ich fechte die Weisheit Eures Trinkspruchs an; mögen die Narren reich sein, so werden die Schelme nie arm sein. Ich wollte mir aus einem reichen Narren eine bessere Rente verschaffen als aus einem Landgut.«

Mit diesen Worten stürzte der beschauliche und immerscharfsinnige Tomlinson seinen Tummler hinab und beide stiegen, nachdem sie mittelst ihrer Füße, den Körper des langen Ned säuberlich in eine ruhige, sichre Eke des Zimmers befördert hatten, Arm in Arm die Treppe hinunter, um nach ihrer Bequemlichkeit die Ruhe zur Nacht zu genießen.

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