Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeDrittes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectidd20e0e3d
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

Erhebt Euch, 's gilt der Beute
Ihr lustigen, munteren Leute.

Johanna Baillie.

Als der Mond in dieser Nacht aufging, da war, ungefähr zehn Meilen von Warlok eine Stelle, auf die er blasser herunter schien, eine Stelle welche der gewarnte Reisende wol nicht gern hätte passiren mögen, aber die kein unwürdiges Studium für Künstler gewesen wäre, welche von dem kühnen Maler der Apenninnen die Liebe für das Wilde und Abenteuerliche gelernt haben. Dunkle Bäume, weit und breit über einen durchbrochenen aber grünen Nasen zerstreut, bildeten den Hintergrund; der Mond schimmerte durch die Zweige, als er langsam aus seinem Wolkenschloß hervortrat und ergoß einen breiteren Stral auf zwei Gestalten, die eben hinter den Bäumen hervorkamen. Ein Reiter, durch den Mond in ein helleres Licht gesezt als sein Begleiter, in einen kurzen Mantel gehüllt, der kaum das Kreuz des Pferdes bedekte, betrachtete die Pfanne einer grosen Pistole, welche er so eben aus der Halfter gezogen hatte. Ein tief eingedrükter Hut und eine Maske von schwarzem Krepp verstärkten noch den Verdacht gegen die Absichten des Reiters, welchen jene Bewegung natürlich erregte. Sein Pferd, ein schöner Schwarzschimmel, stand ganz regungslos mit gebogenem Halse, seine kurze Ohren rasch hin und her bewegend, ein Zeichen von der scharfen, ahnenden Aufmerksamkeit, welches dieses edelste aller zahmen Thiere auszeichnet; man hätte die Ungeduld des Rosses aus nichts errathen können, als aus dem weißen Schaum, der um das Gebiß sich ansezte und dem gelegentlichen nicht häufigen Schütteln des Kopfes. Hinter diesem Reiter und zum Theil in dem dunkeln Schatten der Bäume war ein zweiter, ähnlich gekleideter Mann beschäftigt, den Gurt eines sehr kräftigen und gewaltigen Pferdes anzuziehen. Unter dieses hinein sumte er mit nicht unmusikalischem Gemurmel die Weise eines beliebten Trinklieds.

»Zum Henker, Ned,« sagte sein Kamerade, der einige Zeit in schweigende Träumerei versunken war, »zum Henker, was könnt ihr denn Eure Liebe zu den schönen Künsten nicht einmal in einem Augenblik wie dieser unterdrüken? Dein Gesumse da wird mit jedem Augenblik lauter; ich erwarte noch daß es am Ende in ein volles Gewieher ausbricht; bedenke doch, wir sind jezt nicht beim Gentleman George!«

»Um so mehr ist es Schade, Augustus!« antwortete Ned, »Heda, kleiner John! Holla Bursch! eine hübsche lange Nacht wie diese ist ganz fürs Trinken gemacht. – Wollt Ihr, Sir? Haltet still denn!

»Der Mensch ist nie glüklich, sondern immer im Begriff es zu werden,« sagte der moralisirende Tomlinson, »so, seht Ihr, sehnt Ihr euch jezt nach einem andern Ort, da wir doch eine so schöne Nacht und die Aussicht auf eine Bescherung vor uns haben.«

»Ja die Nacht ist schön genug,« sagte Ned, der ein unzufriedner Krittler war, als er nach Vollendung seiner Reitknechtsgeschäfte sich aufs Pferd geschwungen. »Verflucht, Oliver macht ein so breites Maul, als ob er schwätzen wollte. Ich meines Theils lobe mir eine dunkle Nacht, mit einem Stern hier und dort, der uns zublinzelt, als wollte er uns sagen: »ich seh Euch Kinderchen, aber ich möchte kein Wort davon sagen, und einen kleinen, rieselnden, stäubenden, geschwäzigen Regen, der verhindert, daß man die Hufe von Klein-John nicht hört und Einem gleichsam den Rükzug dekt. Zudem, wenn man ein wenig durchnezt wird, ist es immer nöthig mehr zu trinken um sich die Kälte vom Magen abzuhalten, wenn man heim kommt.«

»Oder mit andern Worten,« sagte Augustus, der eine Maxime über Alles liebte, »eine leichte Nezung verlangt eine gründliche Nezung.«

»Gut!« sagt« Ned gähnend, »zum Henker damit! ich wollte der Hauptmann käme. Wißt Ihr, welche Stunde es ist? Nicht sehr weit von elf, denk' ich?«

»Ungefähr so, bscht! ist das ein Fuhrwerk? nein, es ist nur eine plözliche Regung im Wind.«

»Sehr eigenmächtig vom Herrn Wind, daß er wagt, ohne unsre Hilfe sich zu regen!« sagte Ned; »beiläufig, wir gehen natürlich in die rothe Höhle zurük?«

»Ja, so sagt der Hauptmann Lovett – sagt wir, Ned, was haltet Ihr von dem neuen Gesellen, den Lovett in die Höhle gebracht hat?«

»O, da hab' ich sonderbare Bedenklichkeiten,« antwortete Ned, sein prachtvoll behaartes Haupt schüttelnd, »ich habe nur halbe Freude daran; bedenkt, die Höhle ist unser fester Haltpunkt und sollte nur bekannt werden – – –«

»Männern von erprobter Tugend,« unterbrach ihn Tomlinson. »Ich stimme Euch ganz bei. Ich muß Lovett dahin zu bringen suchen, daß er diesen sonderbaren Protégé, wie der Franzose sagt, verabschiedet.«

»Bei Gott, Augustus, wie kamt Ihr zu so viel Gelehrsamkeit? Ihr könnt alle Dichter auswendig, um nichts vom Latein und Französischen zu sagen.«

»O zum Kukuk, ich ward wie der Hauptmann, zu einem gelehrten Beruf erzogen.«

»Das macht, daß Ihr so fett mit ihm seid, denk' ich. Er dichtet (und singt auch) ein erträgliches Lied und ist gewiß ein verhenkert gescheuter Kerl. Wie ist er in der Welt gestiegen! denkt Euch noch, was für ein armer Teufel er war, als er bei Gentleman George eingeführt wurde, und jezt ist der Hauptmann bei der Bande.«

»Der Bande! Kompagnie, wollt Ihr sagen. Bande, fürwahr! Man sollte meinen, Ihr sprecht von einer Rotte Taschendieben. Ja, Lovett ist ein gescheuter Kerl, und dank mir, ein sehr anständiger Filosof!« (Wir können unmöglich unsrem Leser die ernste, wichtige Miene beschreiben, womit Tomlinson sich selbst dieses Lob zum Schluß ertheilte.) »Ja,« sagte er nach einer Pause, »er hat eine keke, gerade Weise, die Sachen anzusehen, und wie Voltaire wird er ein Filosof, weil er ein Mann von Sinn und Verstand ist. Bscht! sieh die Ohren meines Pferdes! Jemand kommt, obgleich ich noch nichts höre; paß auf!«

Die Räuber verhielten sich still, der Schall fernen Hufschlags ließ sich undeutlich vernehmen, und als er näher kam, hörte man ein Geraschel von Strauchwerk, als ob eine Heke durchritten würde, und im Augenblik beleuchtete der Mond malerisch die Gestalt eines Reiters, der durch das Buschholz im Rüken der Räuber sich näherte. Jezt war er in den Krümmungen des Waldweges halb sichtbar, jezt bot sich seine volle Gestalt dem Auge dar, jezt war er ganz verborgen – dann wieherte sein Pferd ungeduldig; jezt wurde er wieder sichtbar und in einem Augenblik darauf erreichte er das Paar. Der Ankömmling war von grossem, nervigem Wuchse und in der ersten Blüte des Mannesalters. Ein schwarzgrüner Rok, mit schmalen Silberborten verbrämt und vom Hals bis in die Mitte zugeknöpft, stand ganz gut zu einer stolzen Miene, breiter Brust und einem schlanken aber gerundeten Leib, welcher der Zusammenpressung durch den Schneider nicht bedurfte. Ein kurzer Reitmantel, mit einer silbernen Hafte am Hals befestigt, hieng malerisch über die eine Schulter. Seine Beine waren mit militärischen Stiefeln bekleidet, die, obwohl sie über das Knie heraufreichten, doch den kräftigen Schenkeln des Reiters offenbar weder lästig noch beschwerend waren. Der Zeug des Pferdes, Gebiß, Zügel, Sattel, Halftern, war nach der neusten besten Mode gearbeitet, und das Pferd selbst war im besten Stand und von ausgezeichneter Schönheit. Die Haltung des Reiters war aufrecht und trozig; ein kleiner aber kohlschwarzer Schnurrbart erhöhte den entschlossenen Ausdruk seiner kurzen, gekrümmten Lippe, und unter dem breiten Hut, der über seine Stirne hereinragte, wallten seine Haare hervor und wehten schwarz durch die frische Nachtluft. Reiter und Roß zusammen hatten ein stattliches, und sogar rittermäßiges Aussehen, welches die Zeit und der Ort zu einer dramatischen und romantischen Wirkung verstärkte.

»Ha, Lovett!«

»Was macht Ihr, meine lustigen Leute?« so lautete die wechselseitige Begrüßung.

»Was Neues?« fragte Ned.

»Wakre Neuigkeiten! paßt auf! der Lord und sein Wagen kommen in höchstens 10 Minuten.«

»Habt Ihr aus dem Pfaffen, den ich so superb in Angst jagte, noch etwas Weiteres herausgebracht?« fragte Augustus.

»Nein! davon nachher mehr. Jezt an unsre neue Beute!«

»Seid Ihr gewiß, daß unser edler Freund so bald erscheinen wird?« sagte Tomlinson, sein Pferd tätschelnd, das jezt in aufgeregter Munterkeit scharrte.

»Gewiß! Ich sah ihn die Pferde wechseln; ich war gerade im Hof beim Stall; er stieg für eine halbe Stunde aus, um zu essen, denke ich; glaubt mir, ich habe ihm in der Zwischenzeit einen Streich gespielt!«

»Wie stark?« fragte Ned.

»Er und sein Bedienter.«

»Die Postknechte?«

»Ja, die vergaß ich. Das macht nichts; Ihr müßt sie in Schreken jagen.«

»Vorwärts!« rief Ned, und sein Pferd bäumte sich unter seiner bewaffneten Ferse. »Einen Augenblik,« sagte Lovett, »ich muß meine Maske anlegen – ruhig, Robin, ruhig! Jezt darauf! Vorwärts!«

Rasch verschwanden die Bäume hinter den Reitern und sie gewannen in raschem Galopp eine große Streke wüstes Land, da und dort von Gräben und geflochtenen Zäunen durchschnitten, worüber ihre Pferde mit der Leichtigkeit daran ganz gewohnter Thiere sezten.

Gewiß in einem solchen Augenblik, vergegenwärtigt man sich die frische Luft, das abwechselnde Mondlicht, das bald mächtig hervorbricht, bald in einer vorüberziehenden Wolke sich verliert, die ermuthigende Bewegung, und die rasche, lebendige Wallung des Bluts, welche jede That, sei sie ihrem Wesen nach bös oder edel, in unsren Adern erregt, bedenkt man dies Alles, so kann man nicht umhin diesem gesezlosen Leben einen ganz neuen Zauber zuzugestehen: einen Zauber der so weit geht, daß einer der bekanntesten Herren Hochstraßen-Ritter jener Zeit, der noch dazu eine treffliche Erziehung genossen und sich nie mit gemeiner Gesellschaft abgegeben hatte, als er schon den Strik um den Hals hatte und der gute Geistliche ihn zur Reue über sein übelangewendetes Leben ermahnte, gesagt haben soll. – »Uebel angewendet! ihr Hund! Gott, (und dabei schmazte er mit dem Mund) es war ganz köstlich!« »Pfui, pfui, Herr – –, erhebt Eure Gedanken zum Himmel!«

»Aber ein kurzer Galopp über einen Gemeindeanger, oh!« murmelte der Verbrecher, und seine Seele galoppirte in die Ewigkeit hinüber.

So gewaltig schlug dem Führer unter den Dreien das Herz, daß, als sie der Hauptstraße ansichtig wurden, und das ferne Rollen eines Wagens ihnen ins Ohr rasselte, er die rechte Hand mit einer freudigen Geberde erhob und in einen knabenhaften Ausruf der Lustigkeit und Wonne ausbrach.

»Bscht, Hauptmann!« sagte Ned, mit angenommenem Ernst seine eigne Freude dämpfend, »wir müssen uns wie Gentlemen betragen, nur für gemeine Bursche ziemt sich in die Freude so verwünschte Ausgelassenheit; Männer von Welt wie wir, müssen Alles wie mit gebrochnem Herzen verrichten.«

»Melancholie ist immer im Bunde mit der Erhabenheit, und der Muth ist etwas Erhabenes,« sagte Augustus mit der Feierlichkeit eines Sentenzenschmieds.Ein Grundsaz, an welchem Frau von Stäel, welche die Filosofie in edle Gefühle sezte, ihre Freude gehabt hätte. Im Leben des Lord Byron, das so eben von Herrn Moore herausgegeben worden, stellt der ausgezeichnete Biograf eine ähnliche Behauptung auf, wie die des weisen Augustus: »Wann entsprang je ein erhabener Gedanke in der Seele, ohne daß nicht die Schwermuth, wenn gleich verborgen, in seiner Nachbarschaft sich befunden hätte?« Nun wahrlich, mit aller schuldigen Ehrerbietung gegen Herrn Moore, das ist eine sehr kränkelnde Ausgeburt des Unsinns, ohne ein Atom von Wahrheit das ihm zur Unterlage dienen könnte. »Gott sprach: es werde Licht! und es ward Licht!« wir wären begierig zu erfahren, wo das Melancholische an diesem erhabenen Spruch zu finden sein soll? »Die Wahrheit,« sagt Plato, »ist der Leib Gottes und das Licht ist sein Schatten.« Im Namen des gesunden Menschenverstandes fragen wir: in welchem Winkel, in welcher Falte lauert, neben diesem erhabenen Bilde, das gelbsüchtige Antliz der ewigen bête noire des Herrn Moore? Ferner, in jener erhabensten Stelle des Erhabensten der lateinischen Dichter des Lucretius, wo er in ehrendes Lob des Epikur ausbricht – ist da etwas, das nach Schwermuth aussieht? Im Gegentheil! in den drei Stellen, auf die wir uns beziehen, besonders in den zwei zuerst angeführten, ist etwas glänzend Strahlendes und Wonnevolles. Die Freude ist oft eine reiche Quelle des Erhabenen; das Ueberraschende ihrer Ausbrüche schon würde sie dazu machen. Was kann erhabener seyn, als die triumfirenden Psalmen Davids, trunken von einer beinah verzükten Begeisterung? Selbst in den düstersten Stellen der Dichter, (Primus Grajus homo mortales tollere contra etc. Zu diesen Beispielen möchten wir besonders noch die Gesänge von Pindar, Horaz und Campbell hinzufügen.) wo wir die Erhabenheit anerkennen, finden wir nicht oft die Melancholie. Wir werden vom Schreken erschüttert, vom Entsezen gebleicht, aber selten schmelzen wir in sanfter Wehmuth hin. Gewiß, die Melancholie gehört eher einer andern Art von Empfindungen an, als denjenigen, welche durch eine erhabne Stelle gewekt werden oder welche eine solche eingeben. Einerseits wollen wir einen Critiker herausfordern, in den erhabensten Geistesflügen Homers, Miltons und Shakspeare's jene gallichte Kränklichkeit aufzufinden, welche Herr Moore zur Verherrlichung jenes Siechthums anwenden könnte. Anderseits: wo ist der Beweis, daß die Melancholie die Seelenstimmung dieser göttlichen Männer gewesen? Von Homer wissen wir nichts; von Shakspeare und Milton haben wir Ursache zu glauben, ihr Gemüth habe in der Regel einer freudigen Gesundheit genossen. Der leztere rühmte sich dessen. Tausend Fälle, alle einer Behauptung widersprechend, gegen welche zu streiten es sich nicht der Mühe lohnte, wäre sie nicht so allgemein verbreitet, durch so hohe Gewährsmänner vertheidigt und von so unabsehlichem Nachtheil für alles Mannhafte und Edle in der Literatur, drängen sich unserm Gedächtniß auf. Aber wir glauben schon genug citirt zu haben, um den Saz zu entkräften, den der berühmte Biograf selbst in mehr als zwanzig Stellen entkräftet hat, die, wenn er selbst sie zu vergessen beliebte, die Nachwelt, dem Himmel sei Dank, nicht vergessen wird. Da wir einmal bei dieser Lebensbeschreibung sind, die in manchen Beziehungen so trefflich ist, so können wir die Bemerkung nicht unterdrüken, daß wir die ganze Richtung der Filosofie darin, für gänzlich eines so hochgebildeten Geistes, wie der Verfasser ist, unwürdig halten; diese Filosofie besteht in einer unverzeihlichen Verzerrung allgemeiner Wahrheiten, den Eigenthümlichkeiten eines Individuums zulieb, eines fürwahr edlen, aber durch sein krankhaftes und excentrisches Wesen zum Sprüchwort gewordnen Mannes. Ein schlagender Beweis hievon begegnet uns in der geschraubten Behauptung: daß Dichter im Familienleben unglükliche Charaktere seien. Wie! weil man Lord Byron nachgesagt, er sei ein schlimmer Gatte gewesen – war (um nicht weit nach Beispielen zu gehen,) war Walter Scott ein schlimmer Gatte? oder Campbell? oder Herr Moore selbst? Wie im Namen der Gerechtigkeit, wollte man geltend machen, Milton sei ein schlimmer Gatte gewesen, wenn, so weit man über die Sache urtheilen kann, Mrs. Milton ein böses Weib war? Und wie, ha! wie kommt Herr Moore, ein Mann dem es, nach Capitän Rock und dem Epikuräer zu urtheilen, weder an Gelehrsamkeit noch an Fleiß fehlt, wie kommt er dazu uns mit besondrer Emfase zu sagen: Lord Bakon habe nie geheirathet, da Lord Bakon nicht nur verheirathet war, sondern da seine Ehe sogar so glüklich war, daß sie einen Wendepunkt in seiner Lebensbahn bildete? Wahrlich, wahrlich man fängt an zu glauben, es gebe in der Welt gar nichts dergleichen wie eine geschehene Thatsache!

»Jezt aus dem Gehege vorgebrochen!« rief Lovett, auf das Gespräch seiner Kameraden nicht achtend, und sein Pferd sezte auf die Straße.

Die drei Männer hatten sich jezt ganz still und ohne Regung längs dem Gehege in Schlachtordnung gestellt. Die breite Straße lag vor ihnen, und bildete zu beiden Seiten eine Krümmung, wodurch sie sich dem Auge entzog; der Boden erstarrte unter einem frühen Anflug von Frost und der helle Ton sich nahender Hufschläge schallte den Räubern ins Ohr – eine Vorbedeutung vielleicht vom Klang eines Metalls mit stärkerer Anziehungskraft, das, wenn die Hoffnung sie nicht mit Mährchen täuschte, ihre Beute werden sollte.

Ebenjezt erschien das lang erwartete Fuhrwerk, um die Wendung der Straße herumbiegend, und rollte mit Eile dahin von vier flüchtigen Post-Pferden gezogen.

»Ihr, Ned, mit eurem mächtigen Roß haltet die Pferde an. Ihr, Augustus, sezt die Postknechte in Angst; mir überlaßt das Uebrige,« sagte der Hauptmann.

»Sehr wohl!« versezte Ned, lakonisch. »Jezt, seht einmal mich an!« und hiemit sprengte der eitle Hochstraßen-Ritter sein Pferd aus seinem Verstek. So blizähnlich waren die Operationen dieser erfahrenen Taktiker, daß Lovetts Befehle in beinah noch kürzerer Zeit vollzogen waren, als sie ihn zu geben gekostet hatten.

Der Wagen wurde angehalten und die Postknechte erbleichten und zitterten bei dem Anblik von zwei drohenden Pistolen, die ihnen Augustus und Pepper vorhielten; Lovett stieg ab, öffnete den Wagenschlag und redete den Insaßen in sehr höflichem Tone und in anmuthiger Weise also an:

»Beunruhigen Sie sich nicht, mein Lord! Sie sind vollkommen sicher; wir verlangen nichts als ihre Uhr und Börse.«

»In der That,« antwortete eine noch sanftere Stimme als die des Räubers, während ein scharf gezeichnetes und etwas französisches Gesicht, mit einer Pelzmüze gekrönt, sich dem Angreifer offenbarte – »In der That, Sir, Ihre Forderung ist so bescheiden, daß es mehr als grausam wäre, sie Ihnen abzuschlagen. Meine Börse ist nicht sehr voll, und Sie mögen sie so gut hinnehmen als einer meiner schuftigen Gläubiger; aber meine Uhr – ich habe eine besondere Vorliebe – und –«

»Ich verstehe Sie, mein Lord,« unterbrach ihn der Hochstraßen-Ritter, »wie hoch schlagen Sie ihren Werth an?«

»Hm! für Sie mag sie etliche und zwanzig Guineen werth sein.«

»Wollen Sie mich sie sehen lassen?«

»Ihre Neugier ist mir ausserordentlich schmeichelhaft,« versezte der Edelmann, indem er mit großem Widerstreben eine goldne Repetiruhr, nach dem Geschmak der damaligen Zeit in kostbare Steine gefaßt, hervorzog. Der Highwayman warf einen leichten Blik auf das Kleinod. »Ihre Lordschaft,« sagte er mit großem Ernst, »war in der Schäzung zu bescheiden – Ihr Geschmak wirft ein glänzenderes Licht auf Sie; erlauben Sie mir zu versichern, daß Ihre Uhr fünfzig Guineen werth ist – wenigstens für uns; zum Beweis, daß dies meine aufrichtige Ansicht ist, will ich sie entweder behalten, und wir sprechen dann nicht weiter von der Sache; oder ich will sie Ihnen zurükgeben auf Ihr Ehrenwort, daß Sie mir einen Wechsel auf 50 Guineen ausstellen wollen zahlbar bei Ihren wirklichen Bankiers auf Sicht. Entscheiden Sie sich, mir gilt es ganz gleich.«

»Auf Ehre, Sir,« sagte der Reisende mit einiger Ueberraschung, die auch in seinen Zügen sich kund gab, »Ihre Kälte und Selbstbeherrschung sind ganz bewundernswerth. Ich sehe, Sie kennen die Welt.«

»Ihre Lordschaft schmeicheln mir!« erwiderte Lovett mit einer Verbeugung. »Was ist Ihr Entschluß?«

»Nun, ist es denn möglich, Wechsel zu schreiben, ohne Tinte, Feder und Papier?«

Lovett zog sich zurük und während er in seinen Taschen nach den Erfordernissen zum Schreiben suchte, die er immer bei sich führte, benuzte der Reisende die Gelegenheit, riß plözlich eine Pistole aus der Wagentasche und zielte mitten auf den Kopf des Räubers. Der Reisende war ein treflicher, geübter Schüze, er war beinah nur eine Armlänge von seinem Opfer entfernt, seine Pistolen waren von allen seinen irländischen Freunden beneidet. Er drükte los, das Pulver verloderte auf der Pfanne und der Highwayman, ohne auch nur die Miene zu verziehen, zog eine kleine Tintenflasche hervor, tauchte eine stählerne Feder hinein, händigte sie dem Edelmann ein und sagte mit unvergleichlicher Kaltblütigkeit, »belieben Sie, mein Lord, auch die andre Pistole zu versuchen? wenn dies ist, so ersuche ich Sie rasch zu zielen, da Sie die Nothwendigkeit sehen, die Sache ins Reine zu bringen. Wo nicht – hier ist die Rükseite eines Briefs, worauf Sie den Wechsel schreiben können.«

Der Reisende war nicht der Mann, der leicht über etwas in Verlegenheit kam, ausgenommen seine Geldverhältnisse; aber sicherlich fühlte er sich einigermaßen verwirrt und aus der Fassung gebracht, als er das Papier nahm und einige halbe Worte murmelnd, die Anweisung schrieb. Der Freiritter warf einen Blik darauf, sah ob sie in aller Form geschrieben war, gab dann mit einer kalten, achtungsvollen Verbeugung die Uhr zurük, und schloß die Wagenthüre.

Mittlerweile war der Bediente, vor Furcht zitternd, in der einsamen Vorderloge gesessen, die nicht eben sehr zierlich Bok genannt wird. Ihn redete jezt der Räuber kurz an: »Was habt Ihr bei Euch, das Eurem Herrn gehört?«

»Nichts als seine Pillen, Ihr Ehren, die ich vergaß in die –«

»Pillen! gebt sie mir herüber!« der Kammerdiener zog zitternd aus seiner Seitentasche eine kleine Büchse, die er herunterwarf und die Lovett mit der Hand auffing.

Er öffnete die Büchse und zählte die Pillen. »Eine, zwei, vier, zwölf, aha!« Er öffnete wieder den Wagenschlag.

»Sind das Ihre Pillen, mein Lord?«

Der verduzte Peer, der schon wieder in der Eke seines Wagens sich einzurichten begonnen hatte, antwortete bejahend.

»Mein Lord, ich sehe, Sie haben starkes Fieber; Sie waren in einem kleinen Dilirium so eben, als Sie die Pistole auf Ihren Freund abdrükten. Erlauben Sie mir Ihnen ein Gegenmittel zu empfehlen; verschluken Sie alle diese Pillen!«

»Mein Gott!« rief der Reisende, der ernstlich erschrak; »was meinen Sie? zwölf solche Pillen würden einen Menschen umbringen.«

»Hört Ihr's?« sagte der Räuber, sich zu seinen Kameraden wendend, welche laut auflachten. »Was! mein Lord, Sie wollten sich gegen Ihren Arzt auflehnen? Pfui, pfui, lassen Sie sich bereden!«

Und mit einer zusprechenden Geberde stekte er das Pillenschächtelchen der sich sträubenden Nase des Reisenden hin. Aber dieser war, obgleich er so gut als Einer gute Miene zum bösen Spiel zu machen verstand, ganz besonders für seine Gesundheit besorgt, und wo diese verheiligt wurde, so hartnäkig, daß er sich lieber der sichern Wirkung einer blauen Bohne, als der möglichen Wirkung einer Extra-Pille ausgesezt hätte. Mit heftiger Entrüstung riß er deswegen die ihm noch vorgehaltene Büchse dem Räuber aus der Hand, schleuderte sie auf die Straße und sagte mit Würde:

»Thut das Aergste, Bösewichter! Aber wenn Ihr mich leben laßt, so sollt ihr die Beleidigung bereuen, die Ihr einem von seiner Majestät Haushalt angethan!« Dann, als ob er das Lächerliche fühlte, in seiner gegenwärtigen Lage sich ein solches Ansehen geben zu wollen, sezte er mit verändertem Tone hinzu: »und jezt um Gotteswillen, schliest die Thüre! und wenn Ihr Jemand tödten müßt – da sizt mein Bedienter auf dem Bok; er ist dafür bezahlt.«

Diese Worte brachten die Räuber zu einem unmäßigen Gelächter, und Lovett, der einen Wiz sogar einem Beutel vorzog, schloß unverzüglich die Wagenthüre und sagte:

»Adieu, mein Lord! lassen Sie mich Ihnen noch einen Rath geben: wenn Sie in einer Herberge auf dem Lande aussteigen und sich während des Pferdewechsels eine halbe Stunde verweilen, so nehmen Sie Ihre Pistolen mit heraus, oder Sie laufen Gefahr, daß die Ladung herausgezogen wird.«

Nach dieser Ermahnung entfernte sich der Räuber, und da er sah, wie der Kammerdiener ihm eine lange grüne Börse entgegenhielt, sagte er, vornehm den Kopf schüttelnd:

»Schelme sollen sich nicht unter einander berauben, mein guter Freund. Ihr plündert Euern Herrn – das thun wir auch – jeder behalte was er bekommen hat.«

Dann bestiegen der lange Ned und Tomlinson wieder ihre Pferde und der Wagen wurde freigelassen; die Postknechte fuhren mit einer Eile davon, die weniger Schonung für das Leben zu zeigen schien, als selbst die Räuber bewiesen hatten.

Indessen bestieg der Hauptmann sein Pferd wieder und die drei Verbündeten sprengten mit anmuthiger Gewandheit über das Gehege, durch welches sie zuvor die Straße gewonnen hatten, galoppirten in derselben Richtung, in der sie gekommen, davon; der Mond sezte hin und wieder ihre verschwindenden Gestalten in ein helles Licht, und der Ton manchen fröhlichen Ausbruchs von Lachen erschallte in der Ferne durch die kalte Luft.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.