Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeFünftes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid8d0bca42
Schließen

Navigation:

Dreißigstes Kapitel

Eh er kam, liebte mich Alles, und ich hatte mehr Dinge zu lieben, als ich an den Haaren meines Hauptes herzählen konnte. Jetzt, fühle ich, kann ich nur Einen lieben und dieser Eine hat mich verlassen.

Nun, sey es so – mag sie untergehen, mag Alles aus ihr werden, wenn sie nicht die Meine wird.

Melmoth.

Am folgenden Morgen, früh, eh' er aus dem Hause zu seinen Amtspflichten sich begab, schloß sich Brandon längere Zeit mit seiner Nichte ein. Aengstlich und beunruhigt über das Gelingen eines Lieblingsentwurfes seines Ehrgeizes, sparte er in seiner Unterredung mit Lucie kein Mittel, das ihm seine große Redner-Gewandtheit und seine bewundernswerthe Kenntniß der menschlichen Natur an die Hand gab, um wenigstens eine Grundlage zur Aufführung seines Anschlags zu gewinnen. Unter andern Ueberredungsgründen, die er aus seiner Weltklugheit schöpfte, deutete er auch auf Luciens Liebe zu Clifford hin; und der gewissenlose, arglistige Mann nahm sogar keinen Anstand, freilich auf versteckte und seine Weise, wie es die Herzensreinheit des Wesens erheischte, mit welchem er zu thun hatte, auf die Möglichkeit hinzuweisen, dieser Liebe nachzuhängen – nach der Heirath! obgleich er das Verbrechen, sie vor der Heirath zu ermuthigen, als den gröbsten Verstoß gegen Sitte und Anstand bezeichnete. Dieser Wink jedoch ging unbeachtet an Luciens schuldlosem Ohr vorüber. Sie begriff den Sinn davon nicht von Weitem; bitter empfand sie nur, mit glühender Wange und zuckender Lippe, die Anspielung auf eine Liebe, welche irgend zu beargwöhnen, sie für eine empörende Unart hielt.

Brandons Stirne war, als er das Zimmer verließ, umwölkt, sein Auge zerstreut und gedankenvoll; offenbar hatte ihm die Besprechung mit seiner Nichte wenig Freude oder Zufriedenheit gewährt. Miß Brandon selbst war in großer Bewegung; denn im Wesen ihres Oheims lag jene geheime, gewaltige, den Willen Andrer bestimmende oder beherrschende Macht, die beinahe unabänderlich und doch in größter Ruhe jeden eigenen Wunsch durchsetzt; und Lucie, welche ihn aufrichtig liebte und bewunderte, wozu noch eine vielleicht kleine Beimischung von Furcht kam, betrübte sich sehr als sie bemerkte, wie tief in ihm der Wunsch dieser Heirath gewurzelt war, die sie als eine moralische Unmöglichkeit deutlich erkannte. Aber wenn Brandon das Geheimniß der überwältigenden Macht besaß, so war Lucie in vielleicht nicht minder ausgezeichnetem Grade mit dem Geheimniß des Widerstandes ausgerüstet.

Man wird sich erinnern, daß wir bei der Schilderung ihres Charakters sagten: ihre Gemüthsart sey, bei oberflächlicher Betrachtung, zu nachgiebig und zu sanft erschienen. Aber die Lebensverhältnisse straften jenen Anschein Lügen, und bewiesen, daß sie in hohem Grade eine ruhige Festigkeit und geheime Entschlossenheit besaß, welche ihrem Gemüth einen Adel und eine Vertrauen einflößende Stärke verliehen, welche man niemals in ihr vermuthet hätte, wenn man ihr nur in den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens begegnete.

Brandon war noch nicht lange weg, als Luciens Mädchen mit der Nachricht kam, ein Herr, der den angelegentlichen Wunsch ausspreche, sie zu sehen, warte unten. Das Blut floh bei dieser Ankündigung, so einfach sie lautete, aus Luciens Wangen. »Welcher Herr konnte angelegentlich verlangen sie zu sehen? War es – war es Clifford?« Sie war einige Augenblicke regungslos und im buchstäblichen Sinne außer Stand sich zu rühren, endlich faßte sie Muth, belächelte, sich selbst verspottend, einen Gedanken, der ihr nach einigem Besinnen als ganz thöricht erschien und begab sich in das Empfang-Zimmer hinab. Ihr erster Blick auf den Fremden, der mit übereinander geschlagenen Armen am Kamin stand, war hinreichend – sie konnte, obgleich das Angesicht abgekehrt war, unmöglich die unvergleichliche Gestalt ihres Geliebten verkennen. Sie schritt mit einem leisen Schrei lebhaft vor, hielt dann inne und sank auf das Sofa.

Clifford wandte sich gegen sie und heftete Blicke voll Innigkeit und Schwermuth auf ihr Antlitz, aber sprach keine Sylbe; Lucie schwieg eine Weile, seine Anrede erwartend; dann sah sie auf und erblickte bestürzt den sonderbaren, eigenthümlichen Ausdruck seiner Züge. Er näherte sich ihr langsam und noch schweigend; aber sein Blick schien, wie er auf sie zutrat, noch ernster und düstrer zu werden.

»Ja« sagte er endlich, mit gebrochner und verwirrter Stimme, »ich sehe Sie noch einmal, nach allen meinen Versprechen, Sie für immer zu verlassen; nach meinem feierlichen Abschied! nach Allem was ich Ihnen gekostet habe; denn, Lucie, Sie lieben mich? Sie lieben mich, und ich schaudere, während ich dieß fühle; nach Allem, was ich selbst geduldet und gekämpft habe, komme ich noch einmal vorsätzlich Ihnen unter die Augen! Wie hab' ich nach diesem Augenblick gebrannt und geschmachtet! Wie hab' ich bei mir selbst gesagt: »Nur noch Einmal möcht' ich sie sehen, nur noch Einmal, und dann möge das Schicksal das Schlimmste über mich verhängen! Lucie, theure, theure Lucie, vergeben Sie mir diese Schwäche! Es ist jetzt in bittrer, fürchterlicher Wirklichkeit das Letzte, was ich verschulden kann!« Als er dieß gesagt, sank Clifford neben ihr nieder. Er nahm ihre beiden Hände in die seinigen und hielt sie, doch ohne sie zu drücken; dann sah er ihr wieder leidenschaftlich in ihr schuldloses aber beredtes Angesicht. Er schien von etwas ganz Anderem als den gewöhnlichen Empfindungen des Wiedersehens und der Liebe ergriffen. Er versuchte nicht die Hände die er hielt, zu küssen; und obgleich diese Berührung ihm durch alle Nerven und Adern seines Körpers zuckte, war doch sein Umfassen dieser Hand so leicht, wie das, worin die erste Schüchternheit einer Knabenliebe sich auszudrücken wagt.

»Sie sind blaß, Lucie,« sagte er traurig, »und Ihre Wange ist weit minder voll, als da ich Sie zum erstenmale sah. Ach, um Ihretwillen wünschte ich, es wäre nie geschehen! Damals war Ihr Sinn so leicht, Lucie! Ihr Lachen kam vom Herzen – Ihr Fuß trat keck und sicher auf. Heiterkeit leuchtete aus Ihren Augen; Alles was in Ihrer Nähe athmete, schien voll Glück und Freude; und nun – sehen Sie mich an, Lucie! erheben Sie diese sanften Angen und lehren Sie sie, Zorn und Verachtung auf mich zu blicken! O, nicht so, nicht so! Ich könnte von Ihnen scheiden als ein Glücklicher, ja als ein Seeliger, wenn ich Sie mir weniger verzeihend, weniger mild, weniger himmlisch deuten könnte!«

»Was habe ich zu verzeihen?« sagte Lucie zärtlich.

»Was! Alles was ein Mensch dem Andern kann zu verzeihen haben. Waren nicht Trug und Unrecht meine Verbrechen gegen Sie? Ihr Seelenfriede, die Heiterkeit Ihres Herzens, der Frohsinn Ihres Gemüths – habe ich dieß Alles zerstört oder nicht?«

»O Clifford,« sagte Lucie über sich selbst und über alle selbstsüchtigen Gedanken sich erhebend, »warum, warum wollen Sie mir nicht vertrauen? Sie kennen mich nicht; Sie sind unbekannt mit der wahren Natur des Weibes, wenn Sie mich Ihres Vertrauens unwerth halten. Glauben Sie, ich könnte es verrathen? oder meinen Sie, wenn Sie etwas gethan hätten, um dessen willen alle Welt Sie verließe, ich würde Sie verlassen?«

Luciens Stimme zitterte bei diesen letzten Worten; aber sie senkte sich, wie ein Stein in tiefen Gewässern versinkt, bis ins Innerste von Cliffords Herz. Im Entzücken aller seiner Entschlüsse und seiner Mäßigung vergessend, schlang er in einer langen, leidenschaftlichen Liebkosung seine Arme um sie; und Lucie, als ihr Athem sich mit dem seinen vermischte und ihre Wange an seinem Busen ruhte, war zu Muthe als ob die Vergangenheit kein Geheimniß hegen könnte, mächtig genug, die Zärtlichkeit zu entkräften, womit ihr Herz an dem seinigen hieng. Sie machte sich zuerst aus der Umarmung los. Sie zog ihr Antlitz von dem seinigen weg und durch ihre Thränen hindurch ihn anlächelnd mit einem leuchtenden Glanz, der hinter dem Lächeln ihrer frühsten Jugend nicht zurückstand, sagte sie: »Hören Sie mich an. Erzählen Sie mir Ihre Geschichte, oder nicht, wie Sie wollen. Aber glauben Sie mir, der Verstand eines Weibes ist oft kein zu verachtender Rathgeber. Diejenigen, welche sich selbst so bitter anklagen, sind selten diejenigen, welchen man so schwer verzeiht; und Sie müssen es mir nicht übel nehmen, wenn ich die Größe der Schuld bezweifle, welche Sie sich selbst so verschwenderisch aufbürden. Ich bin in der Welt allein – (hier starb das Lächeln auf Luciens Lippen,) mein guter Vater ist todt. Ich kann durch meine Handlungsweise Niemand verletzen; es lebt Niemand auf Erden, an den ich durch eine Pflicht gekettet wäre. Ich bin unabhängig, ich bin reich. Sie gestehen, daß Sie mich lieben. Ich bin thöricht und eitel und glaube Ihnen. Vielleicht hege ich auch die schmeichelhafte Hoffnung, die so oft die Weiberherzen betrügt, – die Hoffnung: wenn Sie gefehlt haben, so könne ich Sie auf Ihre Bahn zurückrufen, wenn Sie unglücklich gewesen, könne ich Sie trösten. Ich weiß, Herr Clifford, daß ich etwas sage, wofür Viele mich verachten würden und wofür ich mich vielleicht selbst verachten sollte: aber es gibt Zeiten, wo wir sprechen, als ob eine Gewalt in unsrem Herzen uns zwänge, gegen unsern Willen – und so habe ich jetzt zu Ihnen gesprochen.«

Mit einem ihr selbst an sich ganz ungewohnten Tone hatte Lucie den Schluß ihrer Rede gesprochen, denn ihr gewöhnliches Benehmen war mehr sanft als würdevoll; aber jetzt lag, gleichkam als ein Gegengewicht gegen den Sinn ihrer Worte, welche sonst als unweiblich erscheinen konnten, ein keusches, stolzes aber deßhalb nicht weniger zartes und holdes Selbstgefühl und eine würdevolle Unbefangenheit in ihrem Betragen; so daß es für Einen, der sie angehört hätte, unmöglich gewesen wäre, dem Edelmuth ihrer Beweggründe keine Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, oder ungerührt zu bleiben und Achtung oder auch wärmere und innigere Gefühle ihr zu versagen.

Clifford, der, während sie sprach, aufgestanden war, hörte ihr mit einer Miene zu, die bei jedem ihrer Worte wechselte – jetzt ganz Hoffnung, jetzt ganz Verzweiflung. Als sie schwieg, verharrten seine Züge im Ausdruck erzwungner Entschlossenheit.

»Es ist gut« sagte er vor sich hin, »ich bin dessen würdig – sehr – sehr würdig! Großmüthiges, edles Mädchen! wär' ich ein Kaiser: ich hätte mich huldigend vor dir gebeugt – aber dich erniedrigen, herabwürdigen – nein! nein!«

»Ist Liebe Herabwürdigung?« flüsterte Lucie.

Clifford blickte sie an mit einer Art von begeistertem und triumfirendem Stolz; vielleicht fühlte er, daß so geliebt werden, und von einem solchen Wesen, Grund zum Stolz sey selbst in der schmählichsten Lage, in die er je gerathen könne. Er holte tief Athem, biß die Zähne übereinander und antwortete:

»Sie könnten also lieben einen Ausgestoßnen, ohne Geburt, Vermögen und Charakter? Nein! Sie glauben das jetzt, aber Sie könnten es nicht. Könnten Sie Ihr Vaterland, Ihre Freunde, Ihre Heimath – Alles verlassen, wofür Sie geboren und gebildet sind? Könnten Sie Einen, über dem das Schwert hängt, durch ein Leben begleiten, dem jede Stunde Entdeckung und Schande droht? Könnten Sie sich der Schmach einer bösen Erinnerung und dem düstern Schweigen der Reue preis geben? Könnten Sie das Opfer eines Mannes werden, der kein Verdienst hat als seine Liebe zu Ihnen und der, wenn diese Liebe Sie vernichtet, durch nichts mehr an die Welt gebunden ist? doch nein, Lucie, ich hatte Unrecht! Ich will gerecht gegen Sie seyn; Alles dieß, ja noch mehr könnten Sie ertragen, und Ihr edles Gemüth würde über dieß Opfer wegsehen. Aber soll ich ganz Selbstsucht und Sie ganz Hingebung seyn? Sollen Sie mir Alles darbringen, und ich Alles hinnehmen und Nichts dagegen bieten? Ach, ich habe nur ein Gut, Ein Himmelsgut hinzugeben und das sind Sie selbst. Lucie, ich verdiene Sie! ich übertreffe Sie an Großmuth; Alles was Sie für mich verlassen wollten, ist Nichts, o Gott! Nichts gegen das Opfer, das ich Ihnen bringe! Und nun Lucie – ich habe Sie gesehen und muß Ihnen noch Einmal Lebewohl sagen; ich stehe im Begriff dieses Land für immer zu verlassen. Ich will mich in fremde Dienste anwerben lassen; vielleicht – (und Cliffords schwarzes Auge blitzte feurig auf,) hören Sie noch von mir, und erröthen nicht, wenn Sie von mir hören. Aber, (und seine Stimme zitterte, denn Lucie, ihr Angesicht mit den Händen verhüllend, ließ ihren Thränen und ihrer Bewegung freien Lauf,) aber in Einer Hinsicht haben Sie gesiegt. Ich hatte geglaubt, Sie können nie die Meinige werden; mein früheres Leben beraube mich für immer dieser Hoffnung. Jetzt fange ich an, mit einem Hochgefühl das mich durch alle Schicksalsproben hindurch führen wird, einen kühnen Blick in die Zukunft zu werfen. Ein Flecken kann – ausgetilgt, ein schlimmer Name wieder gut gemacht werden. Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen und versiegelt und das womit ihr Blatt beschrieben ist, nicht unwiderruflich. Wenn ich das Recht erwerben kann, Ihre Gnade zu verdienen, so will ich mich ihr ohne Rückhalt in die Arme werfen; bis dahin oder bis zum Tod sehen Sie mich nicht mehr!«

Er sank auf die Kniee und drückte seine Küsse und Thränen auf Luciens kalte Hand; im nächsten Augenblick hörte sie seinen Schritt auf den Treppen – die Thüre schloß sich hinter ihm schwer und knarrend; – Lucie fühlte eine schmerzliche Beklemmung und dann fühlte sie, für einige Zeit wenigstens, nichts mehr.

 << Kapitel 7 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.