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Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeFünftes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid8d0bca42
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

»Kurz, Isabella, ich trage mich Euch an!«
»Himmel!« rief Isabella, »was hör' ich! Ihr mein Lord?«

Schloß von Otranto.

Eine Novelle ist wie ein Wetterglas, wo bald der Mann, bald die Frau hervortritt. Wechselnd wie die Atmosfäre führt der Verlauf unserer Geschichte jetzt wieder Lucie dem Leser vor's Auge.

Dieses liebenswürdige Wesen, wie man bemerken wolle, mit Ausnahme ihres Vaters, der einzige unentstellte und unbefleckte Charakter in den Blättern einer Geschichte, deren Endzweck zum Theil es ist, in der Entartung von Charakteren die Entartung des gesellschaftlichen Zustands zu zeigen, worin die Charaktere sich bilden, saß, in dem Zeitpunkt, wo wir zu ihr zurückkehren, allein in ihrem Gemach. Nachdem die Zeit und die innerliche, unbewußte Heilkraft, welche die Natur in die Brust der Jugend gelegt hat, damit die Vollziehung ihres großen Gesetzes: das Vergehen der Alten, keine zu schwere und heftige Wunde zurücklasse, ihren ersten Kummer über den Tod ihres Vaters besänftigt, gewann das Andenken an Clifford wieder sein altes Recht in ihrem Herzen.

Die Einsamkeit ihres Lebens, der Mangel an Ergötzlichkeiten, selbst die Weichheit und Mattigkeit, welche auf den Schmerz folgten, alles wirkte zusammen, das Bild ihres Geliebten in zärtlicher und einschmeichelnder Gestalt ihr nahe zu bringen. Sie rief sich seine Worte, seine Handlungen, seine Briefe ins Gedächtniß zurück und brachte ganze Stunden, ganze Tage und Nächte über der Bemühung zu, das Geheimniß zu entziffern. Wer, der schon geliebt worden ist, sollte nicht die sonderbare mächtige Gewalt begreifen, welche ein selbst unschuldiges Mädchen zu dem Glauben an die Unschuld ihres Geliebten hindrängt? In jungen, mit der Welt unbekannten Herzen ist ein so reiner Glaube an lautere Güte, ein so entschiednes Sträuben gegen den Gedanken: es könnte da, wo wir lieben, etwas seyn, das unsre Achtung nicht verdiente, oder wo wir bewundern, etwas Verwerfliches, daß man darin beinahe einen Beweis zu Gunsten unserer natürlichen Fähigkeit erblicken möchte, eine höhere Stufe sittlicher Vollkommenheit zu gewinnen, als die Gewohnheiten und der Gang der Welt uns wirklich zu erreichen gestatten. Vielleicht ist es keine allzukühne Behauptung, wenn man sagt: wir würden schwerlich an Vollkommenheit bei Andern glauben können, wäre nicht der Keim und die Möglichkeit der Vollkommenheit in unserer eigenen Seele angelegt. Wenn ein Mann einige Jahre mitten unter den Parteikämpfen gelebt hat, ohne Vorurtheile zugleich mit der Erfahrung in sich aufzunehmen, wie verwundert belächelt er seine Verehrung für die Ideale seiner früheren Jahre! welch eine verschiedene Farbe trägt für ihn die Geschichte! wie vorsichtig wird er im Leben? wie langsam im Bewundern! wie geneigt zum Tadel! Die menschliche Natur ist zu etwas Künstlichem geworden, und er schätzt sie nicht mehr nach dem, was sie sein kann, sondern was sie in der Verdorbenheit der Halbcivilisation ist. Aber ebenso wie der strebende Jüngling den Glauben umfaßt, der Weise oder der Sänger der seine Vernunft aufgeklärt, oder seine Einbildungskraft entflammt hat, sey nach Gemüth und Geist erhaben über den gemeinen Troß, frei von den Leidenschaften, den Nichtswürdigkeiten, den kleinen Niederträchtigkeiten und den schwärzenden Lastern, welche das gewöhnliche Erbtheil des Fleisches sind: so innig hängt ein Weib, das zum erstenmal liebt, an der eingebildeten Vortrefflichkeit ihres Geliebten. Wenn Evelina so heftig erschrickt bei dem Gedanken eines gelegentlichen Dampfes oder Rausches bei ihrem edlen, unvergleichlichen Geliebten, wer erkennt nicht an, wie natürlich hier ihre Empfindung ist? Wäre Evelina sechs Jahre verheirathet und derselbe Geliebte des Verbrechens, wegen dessen sie ihn im Verdacht hatte, wirklich, aber als ihr Ehemann, schuldig gewesen: wer fühlt nicht, daß es dann im höchsten Grade unnatürlich wäre, sie mindestens über den Vorfall verdutzt seyn zu lassen? Sie würde ihn nicht weniger geliebt, nicht weniger bewundert haben; er wäre auch nicht minder der Edle, Unvergleichliche geblieben – er hätte ein Glas zu viel getrunken, hätte am nächsten Morgen über den Vorfall gescherzt und die zärtliche Evelina hatte ihm eine Tasse Kaffee gemacht; aber das, was an dem Ehemann ein Gegenstand des Spaßes gewesen wäre, das wäre am Geliebten ein Grund zur Verdammung gewesen. Aber wir kehren zu Lucie zurück!

Wenn es so hart, so empörend ist, einen Geliebten auch nur in einem kleinen Fehler schuldig zu glauben, so kann man sich leicht vorstellen, daß Lucie nie auch nur einen Augenblick dem Verdacht Raum gab: Clifford könnte wirklich eines groben Vergehens, eines wirklichen Verbrechens sich schuldig gemacht haben. Zwar waren manche Ausdrücke in seinem Briefe mehr als verdächtig; aber die Aufrichtigkeit der Selbtsverdammung hat immer etwas Herzgewinnendes. Wie es schwer ist, an die Trefflichkeit derer zu glauben, die sich selbst loben, so ist es schwer, den für einen Verbrecher zu halten, der sich selbst verurtheilt. Und dann – wie schließt und folgert ein Weib? Ach, sie ist in ihrer Fysiognomik gar zu leichtgläubig! Eine Bewegung des Halses ist bei ihr ein untrügliches Zeichen von Adel des Gemüths; und Niemand kann einer Sünde schuldig sehn, dem der Himmel eine schöne Stirne schenkte. Wie innig, wie schwärmerisch liebte Lucie! Sie hatte sich einen kostbaren geheimen Schah gesammelt – einen Handschuh – eine Feder – ein Buch – ein welkes Rosenblatt – Kleinodien, die unschätzbar waren, weil Er sie berührt hatte; aber, was mehr ist als das Alles: sie besaß die Folge seiner Briefe, vom ersten förmlichen Billet an, das an ihren Vater geschrieben war, und ihr galt, worin er auf eine Einladung antwortete und Miß Brandon die Musikalien entgegen zu nehmen bat, welche sie sich gewünscht hatte, bis zu dem stürmischen, ihr unerklärlichen Schreiben, worin er ihr auf immer entsagte. An diesen Reliquien weidete sich ihr Auge stundenlang, und wenn sie so darüber und über Gedanken, zu tief nicht allein für Thränen, sondern auch für jede Aeußerung oder Kundthuung brütete: da konnte man beinahe im buchstäblichen Verstande beobachten, wie ihre reiche Wange bleicher wurde, wie ihre volle und elastische Gestalt dahinschwand.

Eben war sie in einer solchen Stimmung versunken, als ihr Oheim an ihrer Thüre pochte; sie warf ihre Schätze beiseite und eilte ihn einzulassen und zu grüßen. »Ich komme,« sagte er lächelnd, »mir das Vergnügen deiner Gesellschaft für einen alten Freund zu erbitten, der heute bei uns speist. Aber halt, Lucie, deine Haare sind noch nicht recht in Ordnung. Ich möchte dich nicht in einem so wichtigen Geschäft, als die Toilette ist, stören; kleide dich an, meine Liebe und komm dann zu uns.«

Lucie wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer zum Spiegel. Der Oheim verweilte noch einige Augenblicke, sie mit einem Gemisch von Stolz und Zweifel betrachtend; dann verließ er langsam das Zimmer.

Bald danach begab sich Lucie in das Empfangzimmer und erblickte mit einiger Ueberraschung, (denn sie war nicht neugierig genug gewesen, um nach dem Namen des Gastes sich zu erkundigen,) die schlanke Gestalt und das freundliche Gesicht des Lord Mauleverer. Der Graf näherte sich ihr mit der Anmuth, die ihn in seinen jüngern Jahren beinahe unwiderstehlich gemacht hatte, die aber jetzt, wegen des Kontrasts der Jahre mit dem Benehmen einen leichten Anflug von Komischem hatte. Er brachte ihr seine Komplimente dar und erklärte dabei, er müsse es seinem Freunde Sir William überlassen, ihr alle die Gefahren aufzuzählen, die er bestanden, um sich die angenehme Gewißheit zu verschaffen, daß Lucie Branden nicht weniger liebenswürdig sey, als damals, wo er sie zum letztenmal gesehen.

»Ja wahrlich!« sagte Brandon mit einem kaum wahrnehmbaren höhnischen Lächeln, »Lord Mauleverer hat im buchstäblichen Sinne die gefährlichen Unfälle der See und des Schlachtfeldes durchgemacht; denn er wurde beinahe von einem Straßenräuber aus der Welt geschickt, und wäre um ein Haar im Graben ertrunken!«

»Ich bin meinem Freunde sehr dafür verbunden, daß er mich im günstigsten Lichte zeigen will«, sagte Mauleverer heiter; »statt Ihr Mitgefühl für mich zu erwecken, sehen Sie, wollte mich Brandon Ihrem Gespötte preis geben. Urtheilen Sie selbst, ob ich das verdiene;« und hiemit begann Mauleverer ihr mit all der seinem Charakter eignen Lebhaftigkeit die einzelnen Umstände des Abenteuers zu erzählen, womit der Leser zur Genüge bekannt ist. Er bedachte sich, wie wir versichern können, nicht im Geringsten, sich und seinen Heldenmuth mit den glänzendsten Farben darzustellen.

Die Geschichte war kaum zu Ende, als das Essen angesagt wurde. Während der Mahlzeit bestrebte sich Mauleverer mit unendlicher Feinheit des Benehmens anziehend zu seyn. Er richtete sein Gespräch mehr, als er bisher zu thun bemüht gewesen war, Luciens Stimmung gemäß ein, strebte mehr sich sanft und mild zu zeigen, als zu blenden, und war Lucien noch nie so anziehend erschienen. Wir fühlen uns verpflichtet, beizufügen, daß dieses Anziehendfinden sich nicht weiter erstreckte, als daß sie gestand: Er sey ein sehr angenehmer, alter Mann. Vielleicht, wenn nicht eine halb melancholische Ader in seiner Unterhaltung gewesen wäre, ein Ton dessen Annahme dem Lord durch die Erinnerung an seine verlornen Diamanten und die Wahrnehmung, daß Brandons Koch beträchtlich geringer sey als der seinige, wohl sehr erleichtert wurde, wäre es ihm nicht gelungen, Lucien zu gefallen. Was ihn selbst betrifft, so kehrte jetzt jeder frühere Eindruck, den sie auf ihn gemacht, mit noch lebhafteren Farben zurück; selbst der zarte und kränkliche Ton ihrer Schönheit, der an die Stelle des früheren Glanzes getreten war, bezauberte seinen edeln und verwöhnten Hofgeschmack weit mehr, als früher die Fülle von Laune und Gesundheit. Er fühlte sich während der Mahlzeit sehr verliebt, und nachdem sie vorüber war und Lucie sich entfernt hatte, erklärte er Brandon mit leidenschaftlichem Wesen: »er bete seine Nichte bis zum Wahnsinn an!«

Der schlaue Richter gab sich die Miene, dieses Geständniß mit Gleichgültigkeit aufzunehmen; aber wohl wissend, daß eine zu lange Abwesenheit einer heftigen Leidenschaft gefährlich ist, ließ er Mauleverer nicht allzu lang beim Wein verweilen.

Der Graf kehrte in begeisterter Stimmung ins Gesellschaftszimmer zurück und bat Lucie mit einer Stimme, in welcher die Affektation im Entzücken zu verschwinden schien, ihn mit einem Lied zu beglücken. Mehr und mehr bezaubert von ihrer Einwilligung, rückte er den Musikstuhl zum Clavier, setzte sich einen Stuhl neben ihr und schien sofort ganz in Begeisterung verloren. Brandon indeß, mit dem Rücken gegen die Beiden gekehrt, bedeckte das Angesicht mit seinem Taschentuch und überließ sich, dem Anschein nach, dem Behagen eines Schläfchens nach Tisch.

Luciens aufgeschlagenes Musikbuch bot zufällig ein Lied dar, das Clifford ihr gerühmt hatte; und als sie sang, bekam ihre Stimme einen reicheren und zärtlicheren Ton, als sie je sonst in Mauleverers Gegenwart gehabt hatte.

Klagen der Veilchen,
welche im Mai ihren Geruch verlieren.

Wir schliefen im Schatten am Hügelsaum
In grüner Wiege versteckt;
Der krause April hat vom Wintertraum
Uns duftend erweckt.

Und wohnten wir gleich am niedrigen Ort,
So hatte doch Alles uns lieb!
Von der Tulpe Pracht flog die Biene fort,
Bei uns sie blieb.

Stolz nahte der warme Mai und warb
Um unsern köstlichen Hort;
Kaum fühlten wir seinen Hauch, so starb
Der Duft sofort.

Und der Sommer herrscht auf der ruhigen Flur;
Mit Strahlen und Wolken schwer
Bringt Balsamduft er den Schwestern, nur
Ach! uns nicht mehr.

Wir leben, wir blühn, – doch dahin ist das Glück,
Das Aether und Erde uns bot;
Gieb dem Leben, o Himmel, den Duft zurück!
Wo nicht – den Tod!

Als Lucie mit Augen von mannigfachen Erinnerungen befeuchtet und einer Stimme, die in unbeschreiblicher, ans Herz greifender Leidenschaft dahinschmolz, diesen Gesang beendigt hatte, ergriff Mauleverer, vor Entzücken ganz außer sich, leicht ihre Hand, hielt den zarten Schaft in seiner eigenen, vielleicht eben so zarten und flüsterte:

»Engel, singen Sie weiter! das Leben würde wie Ihre Musik werden, wenn ich es zu Ihren Füßen verhauchen dürfte.«

Es war eine Zeit gewesen, wo Lucie über eine solche Erklärung würde ungebührlich gelacht haben, und selbst jetzt spielte ein unterdrücktes und halb boshaftes Lächeln in den Winkeln ihres schönen Mundes und bildete einen bezaubernden Contrast zu der Sanftheit ihres feuchten Auges. Ihr Lächeln ganz falsch auslegend, fuhr Mauleverer stürmisch fort und hielt immer noch die Hand fest, welche Lucie loszumachen strebte.

»Ja, bezaubernde Miß Brandon, ich, der ich mich so viele Jahre meines unverwundbaren Herzens rühmte, bin endlich unterlegen. Ich habe lang, sehr lang gegen meine Neigung zu Ihnen gekämpft. Ach! es war umsonst, und Sie sehen mich jetzt ganz und gar auf Gnade und Ungnade zu Ihren Füßen. Machen Sie mich zum Elendesten der Menschen oder zum Beneidenswerthesten! Zauberin, reden Sie!«

»In der That, mein Lord,« sagte Lucie zögernd, »ich finde es schwer, an Ihren Ernst zu glauben ; und vielleicht ist dieß nur eine Galanterie gegen mich, deren Ausübung Sie bei Andern erlernten.

»Holde Lucie, wenn ich Sie so nennen darf,« antwortete Mauleverer mit glühenden Blicken; »geben Sie sich, ich flehe Sie an, auch nicht für einen Augenblick die Miene, als mißverständen Sie mich! scherzen Sie nicht einen Augenblick über das, was für mich der Fluch oder der Segen meines Lebens ist! Darf ich hoffen, daß meine Hand und mein Herz, welche ich Ihnen hiemit anbiete, nicht Ihren Spott verdienen?«

Lucie sah ihren Anbeter mit einem ernst fragenden Blick an. Brandon schien noch zu schlafen.

»Wenn Sie im Ernste reden, mein Lord,« sagte Lucie nach einer Pause, »so thut es mir wahrhaft und innig leid! für den Freund meines Oheims habe ich immer, wie natürlich, Achtung gehegt; glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigen, sehr wohl zu schätzen weiß, wenn ich Ihnen auch mein Bedauern ausspreche, daß ich kein anderes Gefühl als Achtung für Sie haben kann.«

Ein verwirrtes, verdutztes Erstaunen überwölkte für einen Augenblick Mauleverers ausdrucksvolle Züge – es ging rasch vorüber.

»Wie hold ist Ihre Abweisung!« sagte er. »Ja, ich verdiene noch kein anderes Gefühl als Achtung; Sie dürfen nicht überrascht und übereilt werden; eine lange Probezeit – eine lange Reihe von Aufmerksamkeiten – eine lange Kenntniß meiner treu-ergebenen und glühenden Liebe – nur dies kann noch zur Hoffnung auf ein wärmeres Gefühl in Ihrer Brust berechtigen. Bestimmen Sie denn selbst die Zeit der Werbung, himmlische Lucie! – eine Woche – nein! einen Monat? bis dahin will ich Sie nicht einmal drängen mir den Tag zu bezeichnen, der für mich der glänzendste meines Lebens seyn wird!«

»Mein Lord!« sagte Lucie nunmehr nicht nur halb boshaft lächelnd, »Sie müssen mir verzeihen, wenn ich Ihren Antrag für nichts weiter als einen Scherz halte; aber damit lassen Sie es, ich bitte Sie, für immer bewenden; erwähnen Sie dieser Sache nicht mehr gegen mich!«

»Beim Himmel!« rief Mauleverer, »das ist zu grausam! Brandon, verwenden Sie sich bei Ihrer Nichte für mich!«

Sir William fuhr, ziemlich natürlich das Erwachen nachahmend, aus seinem Schlummer auf und Mauleverer fuhr fort:

»Ja! verwenden Sie sich für mich! Sie, mein ältester Freund, seyen Sie mein größter Wohlthäter! Ich werbe um Ihre Nichte; sie stellt sich an, mir nicht zu glauben; wollen Sie sie von meiner Aufrichtigkeit, meiner Ergebenheit, meiner Verehrung überzeugen?«

»Ihnen nicht glauben?« sagte der gewandte Richter mit dem geheimen höhnischen Lächeln, das gewöhnlich in seinen Mundwinkeln lauerte; »ich wundere mich nicht darüber, daß sie ansteht, an die Ehre zu glauben, welche Sie ihr erweisen und wornach die edelsten Fräulein Englands vergeblich geseufzt haben. Lucie, willst du grausam seyn gegen Lord Mauleverer? Glaube mir, er hat mir oft seine Liebe zu dir anvertraut, und wenn die Erfahrung mancher Jahre etwas gilt, so kann in seine Ehrenhaftigkeit und Aufrichtigkeit kein Zweifel gesetzt werden; ich lege sein Schicksal in deine Hand!«

Brandon ging auf die Thüre zu.

»Bleiben Sie, theurer Sir,« sagte Lucie, »und statt sich des Lord Mauleverer anzunehmen, nehmen Sie sich meiner an.« Ihre Miene bekam jetzt den festen Ausdruck kalten und entschlossenen Ernstes. »Ich fühle mich hoch geschmeichelt durch seiner Lordschaft Antrag, den ich, wie Sie selbst sagen, leicht versucht seyn konnte, nicht ernstlich zu nehmen. Ich wünsche ihm alles Glück bei einer Dame von höhern Verdiensten; aber mein Entschluß ist unerschütterlich fest, wenn ich erkläre, daß ich niemals die Würde annehmen kann, welche er mir zugedacht hat.«

Mit diesen Worten ging Lucie rasch auf die Thüre zu und verschwand, und überließ es den beiden Freunden, ihre beliebigen Glossen über ihr Benehmen zu machen.

»Sie haben Alles mit Ihrer Uebereilung verdorben!« sagte der Oheim.

»Uebereilung! verflucht! was wollten Sie haben? Fünfzig Jahre bereite ich meine Seele zur Heirath vor; und jetzt, wo ich keinen Tag mehr zu verlieren habe, reden Sie von Uebereilung!« erwiederte ihm der Liebhaber und warf sich in einen Lehnstuhl.

»Aber Sie haben nicht fünfzig Jahre Ihre Seele vorbereitet zur Heirath mit meiner Nichte!« sagte Brandon trocken.

»Ausgeschlagen – förmlich ausgeschlagen zu werden, von einem Landmädchen!« fuhr Mauleverer fort in lautem Selbstgespräch; »und das dazu noch in meinem Alter und bei meiner Erfahrung! von einem Landmädchen ohne Rang, Ton, Bildung! – Bei Gott! mich ficht es nicht an, wenn alle Welt es erfährt, denn keine Seele in der Welt wird es glauben!«

Brandon saß sprachlos da, mit boshaftem Vergnügen den aufgebrachten, tiefgekränkten Höfling betrachtend, und es war eine Pause von einigen Minuten. Dann bemeisterte Sir William das sonderbare Gefühl der Freude, das ihn jedesmal beschlich; so oft seinem Freund etwas Lächerliches begegnete, näherte sich ihm, legte freundlich seine Hand auf Mauleverers Schulter und redete ihm von Trost und Ermuthigung. Der Leser wird gerne glauben, daß Mauleverer der Mann war, an welchem der Zuspruch nicht verloren ging.

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