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Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeFünftes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid8d0bca42
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Bei ihm war Falschheit nicht die hohle Frucht
Der Ruhmsucht, die ein eitles Herz versucht;
Es war berechnet, listig schlaue Kunst.

Crabbe.

Fahrt zu! nach Canterbury! ins Posthorn stoßt!
Frisch über Stock und Stein, durch dick und dünn!
Hurrah! wie schnell und lustig fährt die Post!
            *             *             *            
            *             *             *            
Hier herrschen die Gesetze; keine Falle
Droht hier dem Reisenden; die Straßen alle Sind rein! –
Hier faß der Dolch ihm an der Kehle:
»Gott straf' Euch! Laßt Eu'r Geld, wo nicht – die Seele!

Don Juan.

Unglücksfälle gleichen den Schöpfungen des Cadmus – sie vernichten einer den andern. Durch die plötzliche Krankheit des Squire aus der schlaffen Betäubung des Gemüths aufgeschreckt, worein sie durch den Verlust des Geliebten versunken war, hatte Lucie jetzt keinen Gedanken mehr an sich, an irgend etwas Anderes als an ihren Vater, noch lange nachdem sich das Grab über seiner irdischen Hülle geschlossen hatte. Aber gerade die Lebhaftigkeit dieses neuen Schmerzens war minder gefährlich als die Dumpfheit des frühern; und als der erste Sturm des Jammers vorüber war und ihr Gemüth allmälig und unwillkührlich wieder zu der Erinnerung an Clifford zurückkehrte: so geschah dieß jetzt mit weniger Heftigkeit und weniger Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Glück als zuvor. Sie hielt es für unnatürlich und strafbar, sich irgend einem andern Kummer hinzugeben, da sie einen so heiligen Schmerz wie den über ihren Verlust zu hegen hatte; und ihr Geist, einmal zum Widerstand gegen die Leidenschaft sich ermannend, entwickelte eine natürliche Stärke, die man von ihrem Charakter, wie er sich sonst zeigte, kaum erwartet hätte. Sir William Brandon kehrte nach der Beerdigung seines Bruders ohne Zeitverlust in die Stadt zurück. Er bestand darauf, seine Nichte mit sich zu nehmen; und sie gab, obwohl mit innerem Widerstreben, seinen Wünschen nach und begleitete ihn. Nach dem Willen des Squire war auch wirklich Sir William zum Vormund für Lucie bestellt, und es fehlte ihr noch mehr als ein Jahr zur Volljährigkeit.

Brandon war für Alles besorgt, wovon er glauben konnte, es könne ihr irgend Freude machen, mit einer zarten Aufmerksamkeit, die er sonst gegen das, ihm verhaßte, weibliche Geschlecht nicht zeigte. Er ordnete seinen Haushalt förmlich so, daß sie als die Gebieterin galt. Eine Reihe von Zimmern zu ihrem ausschließlichen Gebrauch wurde eingerichtet und möblirt, so wie es nach ihrem Geschmack seyn würde; ein besonderer Wagen sammt Dienerschaft standen ihr zu Gebote, und durch fortwährende Geschenke von Büchern, Blumen, Musikalien suchte er ihre Gedanken zu beschäftigen und sie für die Einsamkeit zu entschädigen, welcher er sie zu überlassen durch die Pflichten seines Amts genöthigt war. Diese Aufmerksamkeiten, welche den sonderbaren Mann in einem neuen Lichte zeigten, schienen manche verborgene, gute Seiten zum Vorschein zu bringen, welche sonst unter den Härten seiner kieselharten Natur verhüllt blieben; und trotz ihrem wohlbegründeten Schmerz und der tiefen Schwermuth, welche sie verzehrte, fühlte doch Lucie eine dankbare Rührung über eine Güte, welche doppelt zu schätzen war an einem Manne, der, obwohl feingebildet und artig, keineswegs ein Freund der kleinen, den Frauen so schmeichelhaften Aufmerksamkeiten war, die, so erwünscht sie ihnen sind, doch oft dem, der sie erweist, ihre Mißachtung zuziehen. Brandon, hatte Vieles an sich, das unvermerkt für ihn einnahm. Bei einer erfahrenern Person als Lucie wäre dieses unwillkührliche Sich angezogen fühlen wohl leicht mit einigem Verdacht vereinbar und wohl schwerlich von Hochachtung gegen ihn begleitet gewesen; und doch war für Alle, die ihn kannten, selbst für den scharfsichtigen und selbstsüchtigen Mauleverer, diese Anziehung vorhanden; ohne Grundsätze, verschmitzt, heuchlerisch, sogar niederträchtig, wenn sein Zweck es erheischte – mit geheimem Hohne die Thoren verlachend, mit denen er sein Spiel trieb; kein Gesetz anerkennend als das des Eigennutzes und Ehrgeitzes – so war dieser Mann, der die Menschen nur wie Maschinen, und Meinungen nur als Leitern, um in die Höhe zu steigen, ansah; und doch ward manchmal ein Ton mächtiger Empfindung einem Herzen entlockt, das im selben Augenblick vielleicht ein ganzes Volk dem erbärmlichsten persönlichen Vortheil opferte; und bei Lucien gieng oft die Redseligkeit oder die Ironie seiner Unterhaltung in eine tiefe Melancholie ober eine halberstickte edle Fühlbarkeit über, welche mit ihrem Gemütszustand übereinstimmten und ihre Zärtlichkeit für ihn mächtig erhob. Diese Eigenthümlichkeiten in seiner Unterhaltung machten, daß Lucie ihm gerne zuhörte und allmählig sich gewöhnte, mit einer trüben Freude der Stunde entgegenzusehen, wo er nach den Geschäften des Tags sich bei ihr zu erholen pflegte.

»Sie sehen diesen Abend unwohl aus, Oheim!« sagte sie, als er einmal beim Eintreten in das Zimmer erschöpfter als gewöhnlich aussah; sie stand auf, beugte sich zärtlich über ihn und küßte ihm die Stirne.

»Ja« sagte Brandon, durch die Liebkosung nicht erheitert, ja sie nicht einmal beachtend, »unsre Lebensbahn geht bald ins dürre gelbe Laub hinein, und wenn Macbeth beklagte, daß er nicht schauen sollte, was der Schmuck des hohen Alters sey, so war er aberwitzig geworden und beklagte etwas ganz Wertloses.«

»Aber Oheim, ›Ehre, Treue, Gehorsam, Schaaren von Freunden‹ das verlohnte sich doch darum zu seufzen.«

»Pah! nicht Einen Seufzer werth! die thörichten Wünsche, womit wir uns in der Jugend tragen, haben etwas Edles und gewissermaßen Wesenhaftes an sich; aber die des Alters sind bloße Schatten und dazu noch Schatten von Pygmeen. Was ist denn überhaupt Ehre? Was ist ein guter Name unter den Menschen? nur eine Art von heidnischem Götzen, aufgestellt, um von der einen Schaar Narren angebetet und von der andern verachtet zu werden. Bemerkst du nicht, Lucie, daß die Männer, die du von der Parthey am meisten rühmen hörst, mit der du heute zusammenkommst, am meisten von der verunglimpft werden, die du morgen sprichst? Oeffentliche Charaktere werden nur von ihrer Parthey gerühmt, und ihre Parthey, meine liebe Lucie, sind so niederträchtige Schoßhunde, daß es Einem die Galle erregt so bald man nur daran denkt, wie man sich erniedrigt, wenn man ihnen dient. So ein guter Name ist nur das Lob einer Sekte und die Mitglieder dieser Sekte sind nichts als wunderbar brauchbare Schelme.

»Aber die Nachwelt läßt denjenigen, welche wirklich Ruhm verdienen, Gerechtigkeit widerfahren.«

»Nachwelt! Meinst du, daß ein Mann, der weiß was das Leben ist, um die Pfennig-Pfeifchen großer Kinder nach seinem Tod sich kümmert? Nachwelt, Lucie – nein! Die Nachwelt ist nur die beständige Wiederholung von Schurken und Narren; und wäre es auch wünschenswerth von ihr die Gerechtigkeit gehandhabt zu sehen: sie könnte sie nicht ausüben. Ist die Welt darüber einig, ob Karl Stuart ein Lügner oder ein Märtyrer war? Wie viele Jahrhunderte lang hat man den Nero für ein Ungeheuer gehalten! Jetzt fragt ein Schriftsteller mit einer Zuversicht, als löste er ein Problem auf, welcher ächte Geschichtschreiber denn daran zweifeln könne, daß Nero ein Ideal gewesen! die Patriarchen der Schrift sind von neuen Filosofen für eine Reihe astronomischer Hieroglyfen erklärt worden, und mit größerem Schein der Wahrheit hat man behauptet, der Patriote Tell habe gar nicht gelebt. Nachwelt! Das Wort hat schon Menschen genug getäuscht; so daß ich die Zahl nicht zu vergrößern brauche. Ich, der ich die Lebenden verachte, kann schwerlich den Ungebornen huldigen. Lucie, glaube mir, Niemand kann im politischen Leben viel mit den Leuten verkehren, ohne nachgerade Alles zu verachten, was er früher angebetet. Das Alter läßt uns nur Ein Gefühl übrig – Geringschätzung!

»Hat man Sie denn verläumdet,« sagte Lucie, auf eine Zeitung, das Organ der Brandon entgegenstehenden Parthey hindeutend, »hat man Sie denn verläumdet, wenn man Sie hier ehrgeitzig nennt? Wenn man Sie selbstsüchtig und habsüchtig nennt, so thut man Ihnen, das weiß ich, Unrecht; aber ich gestehe Ihnen, daß ich selbst Sie für ehrgeitzig hielt; aber kann denn derjenige, der die Menschen verachtet, ihre gute Meinung sich wünschen?«

»Ihre gute Meinung!« wiederholte Brandon spottend. »Verlangen wir das Lob der Esel die wir reiten? – Nein!« fuhr er nach einer Pause fort, »die Macht, nicht die Ehre – die Hoffnung sich sowohl bei der äußern Welt als bei sich selbst im Innern der Seele in Achtung zu setzen: diese Hoffnung treibt mich zu arbeiten, da ich ruhen könnte und wird mich treiben bis an mein Grab. – Lucie!« fuhr Brandon die Augen auf seine Nichte heftend fort, »hast du keinen Ehrgeitz? Haben Gewalt, Prunk und Ehrenstellen für dein Gemüth keinen Reitz?«

»Gar keinen!« sagte Lucie ruhig und einfach.

»In der That! – Es gab Zeiten, wo ich mein Blut in deinen Adern zu erkennen glaubte, du stammst aus einem ehemals edeln, aber verfallenen Geschlecht. Hast du einige Empfänglichkeit für die Schwachheit des Ahnenstolzes?«

»Sie sagen« antwortete Lucie, »wir sollen uns nicht um die kümmern, welche nach uns leben, viel weniger, dünkt mich, sollen wir uns um die kümmern, welche Jahrhunderte vor uns gelebt haben.«

»Gut geantwortet!« sagte Brandon lächelnd. »Ich will dir irgend einmal erzählen, welche Gewalt diese von dir verachtete Schwäche über mich ausübte, als ich schon weit älter war als du. Du bist frühe weise – in manchen Punkten; benütze meine Erfahrung und werde es in allen

»Das heißt, ich soll alle Menschen und alle Dinge verachten?« sagte Lucie ebenfalls lächelnd.

»Nun, du brauchst nicht meinen Glauben anzunehmen; du kannst nach deinem eigenen weise seyn; aber liebste Lucie, glaube Einem, der dich rein und uneigennützig liebt, und der auf der Goldwage alle Vortheile abgewogen, die noch auf einer Erde aufzulesen sind, wo, wie ich in der That überzeugt bin, der Herbstertrag schon eingesammelt ward, ehe wir sie betraten: glaube mir, Lucie! – und halte nie die Liebe, diesen Mädchentraum, für so werthvoll als Stand und Macht; bedenke dich wohl, eh' du jener dich hingiebst; nach diesen greife im Augenblick, wo sie sich dir darbieten. Liebe legt dich zu den Füßen eines Andern und dieser Andere ist ein Tyrann; aber hoher Stand legt Andere dir zu Füßen, und all' diese dir Huldigenden sind deine Sklaven!«

Lucie rückte mit ihrem Stuhl, so daß ihre jetzige Stellung ihr Angesicht nicht sehen ließ und antwortete nicht. Brandon fuhr in verändertem Tone fort:

»Solltest du es glauben, Lucie, daß ich einmal Thor genug war, mir einzubilden, die Liebe sey ein Himmelsgut und des lebhaftesten Strebens werth? Ich gab meine Hoffnungen, meine Aussichten auf Reichthum und Ehre, auf Alles was seit meinen Knabenjahren mein Herz entzündet hatte, auf. Ich erkor mir Armuth, Namenlosigkeit, Niedrigkeit; aber darneben erkor ich mir die Liebe. Was war mein Lohn? Lucie Brandon! ich ward betrogen – betrogen!« Brandon schwieg und Lucie ergriff zärtlich seine Hand, aber brach ihr Schweigen nicht; Brandon fuhr fort:

»Ja, ich ward betrogen! aber ich meinerseits hatte auch eine Genugthuung und eine angemessene Genugthuung – denn es war nicht die Rache des Hasses, sondern (hier lachte der Redende sardonisch) die der Verachtung. Genug davon, Lucie! Was ich dir zu sagen wünschte ist dieß – ältere Männer und Frauen wissen mehr, was eigentlich an den Dingen ist, als jüngere Leute sich einbilden. Liebe ist nur ein Spielzeug und kein Mensch tauschte sie je ohne Reue gegen einen wirklichen Vortheil ein. Glaube dieß, und wenn je hoher Stand unter diesen hübschen Fuß sich schmiegt, so schleudre doch ja diesen Schemel nicht weg!«

Nach diesen Worten zündete Brandon mit einem feinen Lachen seine Nachtkerze an und verließ für heute das Zimmer.

Sobald der Rechtsgelehrte sein Zimmer erreicht hatte, schrieb er folgenden Brief an Lord Mauleverer nieder:

»Warum, lieber Mauleverer, kommen Sie nicht in die Stadt? Ich bedarf Ihrer. Ihre Partey bedarf Ihrer, vielleicht der König bedarf Ihrer; und fürwahr, wenn es Ihnen mit meiner Nichte ein Ernst ist, sollte Sie die Sorge um Ihre eigne Liebesbewerbung treiben hieher zu kommen. Ich habe für Sie den Weg gebahnt, und ich denke bei einiger Gewandtheit dürfen Sie auf einen raschen Erfolg rechnen; aber Lucie ist ein sonderbares Mädchen – und überhaupt thäten Sie vielleicht am besten, obgleich Sie an Ort und Stelle seyn sollten, die Sache so viel als möglich mir zu überlassen. Ich kenne die menschliche Natur, Mauleverer, und diese Kenntniß ist der Hebel, durch den ich meinen Triumf bewirken will. Den jungen Liebhaber betreffend, so weiß ich nicht recht gewiß, ob es nicht zu unserem Vortheil ausschlagen wird, daß Lucie in diesem Punkt den Schmerz einer getäuschten Hoffnung erfahren hatte; denn wenn ein Weib einmal geliebt hat und ihre Liebe ganz hoffnungslos ist, so schlägt sie sich alle überschwänglichen Ideen von andern Liebhabern ganz aus dem Sinn, dann begnügt sie sich mit einem Gatten, den sie achtet! Die herrliche Frase! Aber Sie, Mauleverer, verlangen: Lucie soll sie lieben! Und das wird sie auch – wenn Sie sie nur erst geheirathet haben. Lucie wird Sie lieben, theils wegen der Vortheile, die sie Ihnen verdankt, theils in Folge des vertraulichen Zusammenlebens. Ich meines Theils schlage den Einfluß der Häuslichkeit so hoch an, daß ich glaube: ein Weib ist immer zur Zärtlichkeit gegen einen Mann geneigt, den sie einmal in der Nachtmütze gesehen hat. Indeß Sie sollten in die Stadt kommen; die frische Trauer um den Tod meines armen Bruders gestattet uns Niemand zu sehen – das Feld ist rein von Nebenbuhlern; der Schmerz hat meiner Nichte Herz gesänftigt – mit Einem Wort, Sie könnten Sich keine bessere Gelegenheit wünschen. Kommen Sie!

Beiläufig! Sie sagen, einer der Gründe, warum Sie von Kapitän Clifford so schlimm dachten, sey der Eindruck, den Ihnen die Gestalt Eines seiner Kameraden machte, in der sie eine Aehnlichkeit mit Einem der Kerls zu erkennen glaubten, von welchen Sie vor einigen Monaten ausgeplündert wurden. Ich höre, daß eben jetzt die Polizei in lebhafter Verfolgung von drei sehr berüchtigten Räubern begriffen ist; es würde mich durchaus nicht Wunder nehmen, wenn man in diesem Clifford das Haupt der Bande, d. h. den bekannten Lovett, entdeckte. Ich höre, besagter Anführer sey ein gescheuter und hübscher Bursche, von vornehm-anständigem Wesen, und seine gewöhnlichen Gefährten sind zwei Männer gerade von solchem Gelichter wie die zwei Ehrenmänner, welche Sie mir so ergötzlich beschrieben. Dieß erfuhr ich gestern von Nabbem, dem Polizeibeamten, um dessen Bekanntschaft ich mich einmal bei einem Verhör bewarb; und in meinem Groll gegen Ihren Nebenbuhler ließ ich etwas von meinem Verdacht fallen, es sey nicht unmöglich, daß er, der Kapitän Clifford, sich als dieser Rinaldo Rinaldini der Landstraße ausweise. Nabbem faßte sogleich meinen Fingerzeig; und so darf ich, falls die Vermuthung sich bestätigt, meinem Gewissen sowohl als meiner Freundschaft mit dem Gedanken schmeicheln, das meinige dazu beigetragen zu haben, um den Adonis meiner Nichte an den Galgen zu bringen. Mag sich nun meine Vermuthung bestätigen oder nicht: Nabbem sagt, er sey dieses Lovett's gewiß; denn Einer von der Bande hat versprochen ihn zu verrathen. Zum Henker mit diesen hochfahrenden Hunden! Ich meinte der Verrath beschränke sich nur auf die Politik; und dieser Gedanke bringt mich auf Staatsangelegenheiten zu sprechen – wo alle Leute mit der erbaulichsten Schnelligkeit die Rollen wechseln.« Sir William Brandon's Brief traf Mauleverer in einer für Lucie und London sehr günstigen Stimmung. Unser würdiger Peer war durch Luciens plötzliche Abreise von Bath in sehr verdrießliche Laune versetzt worden; und während er noch im Zweifel war, ob er ihr folgen sollte oder nicht, brachten ihm die Zeitungen die Nachricht von des Squiren Tode. Mauleverer, dem jetzt die Unmöglichkeit einleuchtete, seine Bewerbung sofort zu beschleunigen, suchte als ächter Filosof mit der Hinausschiebung seiner Hoffnung sich auszusöhnen. Nicht leicht war Jemand für den Trost empfänglicher als Lord Mauleverer. Er fand eine angenehme Dame, deren Gesicht weniger von der Zeit gelitten hatte als ihr Ruf, welcher er die Sorge anvertraute, seine müßigen Augenblicke vor Langerweile zu bewahren; und diese entsprach dem in sie gesetzten Vertrauen zur großen Zufriedenheit des Lords Mauleverer etwa vierzehn Tage lang, so daß er natürlicherweise seine Liebe gegen Lucie, wegen der Trennung und neuer Bande, allmälig schwinden fühlte; aber gerade als der Triumf der Zeit über die Leidenschaft entscheidend werden wollte, verließ die Dame Bath in Gesellschaft eines schlanken Geleitsmannes und erhielt Mauleverer Brandon's Brief. Diese beiden Umstände erweckten in unsrem trefflichen Liebhaber wieder das Bewußtseyn von seiner Treuepflicht; und jetzt Bath keinen besondern Reiz mehr hatte, um der Glut seiner Zärtlichkeit die Wage zu halten, so ließ Mauleverer seinen Wagen anspannen, und reiste, nur von seinem Kammerdiener begleitet, nach London ab.

Nichts vielleicht konnte ein treffenderes Bild eines Aristokraten liefern, als der Anblick des schmalen, vornehm verdrießlichen Angesichts Lord Mauleverers hinter dem verschloßnen Fenster seines üppigen Reisewagens hervorlugend! Der übrige Mann war sorgfältig in Pelze gewickelt, ein halb Dutzend Novellen waren auf dem Sitz ausgebreitet und ein magrer französischer Hund, der ausnehmend seinem Herrn glich, schnüffelte umsonst nach der frischen Luft, die nach Mauleverers Vorstellung mit allen Arten von Asthma und Catarrh bevölkert war. Ein treffendes Bild eines Aristokraten war es – aus folgenden Gründen, weil es den Eindruck der Faulheit, der Unbehaglichkeit, der Ueppigkeit, des Stolzes und des Lächerlichen machte. Mauleverer stieg in Salisbury aus, um seine Glieder zu dehnen und sich mit einem Kalbsrippchen zu letzen. Unser Edelmann war auf den Landstraßen wohlbekannt und da Niemand leutseliger seyn konnte als er, so war er auch sehr beliebt. Der dienstwillige Wirth stolperte ins Zimmer, um selbst seiner Lordschaft aufzuwarten und alle Neuigkeiten des Orts ihm zu erzählen.

»Nun, Herr Cheerly!« sagte Mauleverer, einen durchdringenden Blick auf sein Rippchen heftend, »die schlechten Zeiten haben, wie ich sehe, Euren Koch noch nicht zu Grund gerichtet.«

»In der That, mein Lord, Euer Lordschaft ist sehr gütig und die Zeiten, in der That, sind sehr schlecht – sehr schlecht in der That. Ist auch genug frischer blutiger Saft daran? Vielleicht will Euer Lordschaft die eingemachten Zwiebeln versuchen?«

»Die – was? Zwiebeln? – ah – nichts kann besser seyn; aber ich rühre nie solche an. Ey, sind die Straßen gut?«

»Euer Lordschaft hat sie hoffentlich bis Salisbury gut gefunden?«

»Ha, ich glaube so. O, gewiß, vortrefflich bis Salisbury. Aber wie sind sie nach London? Wir haben nasses Wetter gehabt in neuester Zeit, mein' ich!«

»Nein, mein Lord! Hier war das Wetter so trocken wie ein Bein.«

»Oder eine Cotelette!« murmelte Mauleverer; und der Wirth fuhr fort:

»Die Straßen an und für sich selbst, mein Lord, was die Straßen selbst betrifft, die sind prächtig gut, mein Lord! aber ich könnte nicht sagen, daß eben gar nichts daran zu bessern wäre!«

»Gar nicht unwahrscheinlich! Ihr meint die Herbergen und die Chausseegelder?« versetzte Mauleverer.

»Euer Lordschaft belieben zu scherzen; – nein, ich meinte etwas schlimmeres als dieß.«

»Was? die Köche?«

»Nein, mein Lord, die Landstraßen-Ritter!«

»Die Landstraßen-Ritter! in der That!« sagte Mauleverer besorgt, denn er hatte ein Kästchen mit Diamanten bei sich, die in damaliger Zeit bei großen Gelegenheiten oft in Gestalt von Knöpfen, Schnallen u.s.w., die Kleidung vornehmer Herrn schmückten; auch hatte er eine ziemlich beträchtliche Summe baares Geld bei sich, ein Fall der seit neuerer Zeit selten bei ihm eintrat. – »Beiläufig gesagt, die Schufte plünderten mich schon einmal auf eben dieser Straße. Meine Pistolen sollen dießmal geladen seyn. Herr Cheerly, es ist wohl das Beste, Ihr bestellt die Pferde und ich suche noch dem Einbruch der Nacht vorzukommen!«

»Ganz gewiß, mein Lord, ganz gewiß. Jakob, sogleich die Pferde. Euer Lordschaft befehlen zunoch, eine Cotelette?«

»Keinen Bissen mehr!«

»Ein Törtchen?«

»Einen Teuf – um Alles in der Welt nicht!«

»Bring den Käse, John!«

»Sehr verbunden, Herr Cheerly, aber ich habe gespeist; und wenn ich Eurem guten Essen keine Gerechtigkeit widerfahren ließ, so dankt es Euch selbst und den Landstraßen-Rittern. Wo packen diese Ritter Einen an?«

»Je nun, mein Lord, die Nachbarschaft von Reading ist, glaub' ich, die schlimmste Partie; aber sie beunruhigen den ganzen Weg bis Salthill gar sehr.«

»Verdammt! gerade die Stelle, wo die Schurken mich schon einmal plünderten! Ihr habt Recht sie beunruhigend zu nennen! Was Henkers säubert denn die Polizei das Land nicht von einer so beweglichen Art von Ruhestörern?«

»Wahrhaftig, mein Lord, ich weiß nicht; aber sie sagen, der Hauptmann Lovett, der berüchtigte Räuber, sey einer von der Rotte, und den kann Niemand fangen, fürcht' ich!«

»Wahrscheinlich weil der Hund gescheut genug ist, eben so gut zu bestechen als zu rumoren. Wie stark sind gewöhnlich diese Schurken?«

»Nun, mein Lord, manchmal Einer, manchmal zwei, aber selten mehr als drei.«

Mauleverer richtete sich auf. »Meine kostbaren Diamanten und meine hübsche runde Börse!« dachte er, »daß ich Euch doch noch rette!« »Seyd Ihr schon lange mit den Kerlen geplagt?« fragte er nach einer Pause als er seine Rechnung bezahlte.

»Nun, mein Lord, ich kann ja und nein sagen; ich bilde mir ein, sie haben eine Art von Niederlage in der Nähe von Reading; denn manchmal sind sie ganz in der Nähe ganz unerträglich und manchmal verhalten sie sich Monate lang ganz ruhig. Zum Beispiel, mein Lord, einige Zeit her wähnten wir sie ganz verschwunden, aber in neuester Zeit haben sie regelmäßig Jeden angehalten, obgleich sie, wie ich höre, bis jetzt keine große Beute gewonnen haben.«

Hier meldete der Aufwärter, daß die Pferde bereit seyen und Mauleverer stieg langsam ein, unter den Bücklingen und dem Lächeln der von ihm bezauberten Geister des Wirthshauses.

So lange es noch Tag war, dachte Mauleverer, ein von Natur fröhlicher und furchtloser Mann, nicht mehr an die Landstraßen-Ritter, denn diese Art von Gefahr war damals so alltäglich, daß man es beinahe als schimpflich ansah, durch die Furcht davor sich unterwegs aufhalten zu lassen. Die Reisenden entschlossen sich selten dazu, Zeit zu verlieren, um ihr Geld zu retten; und lieber führten sie ein kühnes Herz und ein Paar Pistolen mit sich, als daß sie jedesmal die Nacht unterwegs im Gasthof geschlafen hätten. Mauleverer, ein ziemlicher preux Chevalier, gehörte gerade zu dieser Art von Reisenden, und eine Nacht in einer Herberge, wenn dieß immer zu vermeiden stand, war ihm wie den meisten reichen Engländern eine verhaßte Qual, welcher er auf alle Weise zu entgehen suchte. Es kam daher unserm trefflichen Edelmann, trotz seiner gemachten Erfahrung, nicht von weitem in den Sinn, daß er seine Diamanten und seine Börse vor jeder Gefahr sichern könne, wenn er sich entschließe, dieselben sammt seiner eigenen werthen Person an einem kommlichen, gastlichen Orte unter Dach zu bringen, und in der That erst als er bei der nächsten Station bei Reading angekommen war, und die Dämmerung recht einbrach, beunruhigte ihn die Sache ernstlich. Aber während die Pferde eingespannt wurden, forderte er die Postknechte vor sich und nachdem er ihre Mienen mit dem Auge eines Mannes betrachtet, der gewohnt ist in den Gesichtern zu lesen, hielt er folgenden beredten Vortrag an sie:

»Gute Freunde! man hat mir gesagt, daß man zwischen dieser Stadt und Salthill Gefahr läuft, ausgeplündert zu werden. Nun will ich Euch zu erkennen geben, wie ich es beinahe für eine Unmöglichkeit halte, daß vier wohlgelenkte Pferde von weniger als vier Mann angehalten werden sollten. Einer solchen Anzahl werde ich wahrscheinlich weichen; sind es aber weniger, so bekommen sie zuverläßig nichts als Kugeln von mir. Ihr versteht mich?«

Die Postknechte grinsten, langten an ihre Hüte und Mauleverer fuhr langem fort:

»Wenn also – merkt auf! – einer, zwei oder drei Männer Eure Pferde anhalten, und ich sehe, daß die Anwendung Eurer Peitschen und Sporen nicht hinreicht, die Thiere von den sie festhaltenden Räubern loszumachen, so hab' ich im Sinne mit diesen Pistolen – Ihr seht sie – auf die Herren zu schießen, welche Euch in den Weg treten; aber da, obwohl ich sonst ein sicherer Schütze bin, mein Auge im Dunkel ein wenig schwimmt, so halte ich es für wohl möglich, gute Freunde, Euch statt der Räuber zu erschießen, denn seht, die Spitzbuben werden sich so nah an Euch machen, daß Ihr in größter Erwartung schwebt, wenn Ihr sie nicht etwa mit dem dicken Ende Eurer Peitschen niederstreckt. Ich erwähne dieß nur, damit Ihr gefaßt seyd. Sollte ein solches Versehen statt finden, so dürft Ihr Euch vor der Hand kein graues Haar wachsen lassen – denn ich werde für Eure Wittwen jede mögliche Sorge tragen; wo nicht, und erreichen wir glücklich Salthill, so bin ich entschlossen, meine Anerkennung Eures trefflichen Fahrens durch ein Geschenk von zehn Guineen an jeden an den Tag zu legen. Freunde, ich bin fertig mit Euch. Ich gebe Euch, als brittischer Edelmann mein Wort, daß es mir mit allem Gesagten völliger Ernst ist. Thut mir den Gefallen und sitzt auf!«

Dann rief Mauleverer seinen Leibdiener, der vorne auf dem Kutschbock saß, (die hinten angebrachten Sitze waren damals noch nicht im Gebrauch), »Smoothson« sagte er, »das letztemal als wir auf eben dieser Straße angegriffen wurden, benahmst du dich heillos. Sieh zu, daß du dich dießmal besser hältst oder es geht schlimm für dich. Du hast dießmal Pistolen bei dir, he? Wohl, das ist recht! Und du weißt gewiß, daß sie geladen sind? Sehr wohl! Nun also wenn wir angehalten werden, so verliere keinen Augenblick Zeit. Spring' herab und feure eine Pistole auf den ersten Räuber ab, die andere spare für ein sicheres Ziel. Der erste Schuß ist um einzuschüchtern, der zweite, zu tödten. Du verstehst mich! Meine Pistolen sind in vollkommnem Stand, hoff' ich! Gieb mir den Ladstock. So, so! Keine Streiche dießmal!«

»Sie würden eine Fliege tödten, mein Lord, vorausgesetzt Euer Lordschaft feuerten ganz genau.«

»Ich zweifle nicht daran,« sagte Mauleverer, »zünde die Laterne an und heiße die Postknechte zufahren.«

Es war eine kalte und ziemlich helle Nacht. Die Dämmerung des Zwielichts schmolz unter den Strahlen des Mondes hin, der eben aufgegangen war, und der weißliche Reif schimmerte, in tausend Diamanten gebrochen, beim Licht der Sterne von Gebüsch und Rasen. Die Pferde flogen stürmisch dahin, der frischen Luft entgegenschnaubend und ihre Hufen hallten lustig auf dem harten Grund. Die rasche Bewegung des Wagens, die schneidende Kälte der Nacht, und die durch Besorgniß und Ahnung der Gefahr verursachte Aufregung – Alles vereinigte sich, das träge Blut Lord Mauleverers in lebhafte und muntere Wallung zu versetzen, wie sie in der Jugend seinem Charakter nicht fremd, aber ganz und gar dem Wesen entgegengesetzt war, das er durch seine Lebensweise in den reiferen Jahren angezogen hatte.

Er fühlte an seine Pistolen und seine Hand zitterte ein wenig als er dieß that: im mindesten nicht vor Furcht, sondern vor Unruhe und lebhafter Aufregung, wie sie bei Personen von angegriffnen Nerven in einer überraschend neuen Lage gewöhnlich ist.

»In diesem Lande« sagte er zu sich selbst, »bin ich in meinem ganzen Leben nur Einmal ausgeplündert worden. Damals war es zum Theil meine eigne Schuld, denn eh' ich nach meinen Pistolen griff, hätte ich auch gewiß seyn sollen, daß sie geladen seyen. Heute Nacht soll mir sicher kein ähnlicher Unschick zustoßen, und meine Pistolen haben in ihren Läufen eine äußerst ergreifende Beredsamkeit. Hm, wieder ein Meilenstein. Diese Bursche fahren gut; aber wir kommen nun an eine Stelle, welche für die Herren Jünger Rodin Hoods gar einladend ist.«

Es war in der That eine malerische Stelle, über welche der Wagen jetzt in reissender Eile hinflog. Wenige Meilen von Maidenhead, auf der Straße von Henley, erinnern sich ohne Zweifel unsre Leser eines kleinen Strichs Waldgelände zu beiden Seiten des Wegs. Zur Linken verliert sich der grüne Anger unter Bäumen und Buschwerk; und Einer der in der Gegend wohl bewandert ist, kann von dieser Stelle aus durch eine Landschaft, die so wenig angebaut ist als das grüne Sherwood es in frühern Zeiten war, in die Gebirgszüge von wüsten Haiden und tiefen Buchenwaldungen gelangen, die einen Theil von Oxfordshire begränzen, und so anmuthig gegen die übrige Fysiognomie dieser Grafschaft abstechen.

Zu der Zeit, wovon wir sprechen, war die Gegend noch viel wilder als jetzt und gerade da, wo die Straßen von Henley und Reading zusammenlaufen, war ein Platz (damals mit dem beschriebenen wüsten Anger in Verbindung stehend), wie es vielleicht nur wenige von gleicher Tauglichkeit für die Zwecke solcher treuen Männer giebt, welche sich den Gesetzen des ursprünglichen Naturstandes wieder nähern. Gewiß ist, daß an dieser Stelle des Wegs Mauleverer sorglicher als bisher zu seinem Fenster heraus sah, und es schien seine zunehmende Vor- und Umsicht sollte nicht unbelohnt bleiben.

Ungefähr in der Entfernung von hundert Schritten, links, waren drei schwarze Gestalten in dem Schatten eben nur sichtbar; noch ein Augenblick und die mehr hervortretenden Gestalten wurden zu drei wohlberittenen Männern, die in scharfem Trott heranritten.

»Nur drei!« dachte Mauleverer, »das ist gut!« und mit einer Pistole in jeder Hand sich zu dem vorderen Fenster hinausbeugend schrie er den Postknechten mit entschloßnem Tone zu: »Fahrt zu und bedenkt was ich Euch gesagt habe. – Bedenke du es auch!« setzte er, zu seinem Diener sich wendend, hinzu. Die Postknechte sahen sich kaum um, aber ihre Sporen waren in den Weichen der Pferde begraben und die Thiere flogen dahin wie der Blitz.

Die drei Unbekannten machten Halt, als wollten sie sich besprechen, ihr Entschluß war bald gefaßt. Zwei schwenkten sich um ihren dritten Begleiter herum und langten in vollem Galopp bei dem Wagen an. Mauleverer hatte seine Pistole schon durch das Fenster vorne angelegt, als er zu seinem Erstaunen und seinen klugen Ermahnungen an seine Fuhrmänner ganz zum Trotz, die beiden Postknechte einen nach dem andern mit einer Schnelligkeit von ihren Pferden zu Boden geschlagen sah, daß ihm kaum die Zeit zu einem Ausruf blieb; und eh er wieder seiner Ueberraschung Meister geworden, hatten die scheugemachten Pferde (und dieß hatten die Landstraßen-Ritter klug zu benützen verstanden,) den Wagen ganz in ein Dickicht zur rechten Seite des Wegs hineingerissen und umgeworfen. Mittlerweile war Smoothson von seinem Vordersitz herabgesprungen, hatte auf den dritten Räuber, der sich ihm drohend näherte, seine Pistole, obwohl erfolglos abgefeuert, und Zeit gewonnen, die Wagenthüre zu öffnen und seinen Herrn zu befreien.

Sobald Mauleverer festen Grund und Boden unter den Füßen fühlte, entschloß er sich muthig zur Offensive überzugehen. Er und Smoothson stellten sich Mann an Mann vor dem verunglückten Fuhrwerk auf und boten dem Feind einen ziemlich imponirenden Anblick dar. Die zwei Räuber, welche so rasch mit den Postknechten fertig geworden waren, giengen mit nicht weniger Entschlossenheit bei den Pferden zu Werke. Einer von ihnen stieg ab, zerschnitt die Stränge, und ließ die stampfenden Thiere gehen, wohin sie mochten. Dieses Beginnen gieng ihm jedoch nicht ungestraft hin; eine Kugel von Mauleverers Pistole schlug dem Ritter von der Landstraße durch den Hut, und so wenig fehlte zum vollen Treffen, daß sie durch die Locken des bestürzten Helden mit einem Zischen fuhr, das sein Herz in Schrecken setzte, – ebenso sehr aus Sorge für seinen Kopf als aus Angst um sein Haar. Der Schreck machte ihn einen Augenblick taumeln und ein zweiter Schuß von Mauleverers Hand hätte wahrscheinlich seiner irdischen Laufbahn ihr Ende gesteckt, wäre nicht der dritte Räuber, der bisher beinah unthätig geblieben war, von seinem Pferd gesprungen, das auf Wort und Wink abgerichtet, ganz still stand; mit kühnem Schritt und aufgehobener Pistole gieng er auf Mauleverer und seinen Bedienten los und rief ihnen mit entschloßner Stimme zu: »Ihr Herrn, es ist umsonst zu kämpfen; wir sind gut bewaffnet und entschlossen unser Vorhaben auszuführen; Euer Leben soll ungefährdet seyn, wenn Ihr die Waffen niederlegt und auch derjenige Theil Eurer Habe, den zu behalten vorzugsweise Euer Wunsch ist. Aber wenn Ihr Widerstand leistet, kann ich Euch nicht für Euer Leben stehen!«

Mauleverer hatte diese Anrede geduldig angehört, um mehr Zeit zum Zielen zu gewinnen; seine Antwort war eine Kugel, welche den Redenden auf der Seite streifte und die Haut ritzte ohne ihn gefährlicher zu verwunden. Einen Fluch über seinen Fehlschuß murmelnd, und nun sein Blut einmal in Wallung war zum Aeußersten entschlossen, trat Mauleverer einen Schritt zurück, zog seinen Degen und setzte sich in die Stellung eines in der Handhabung dieser Waffe wohlgeübten Fechters.

Aber diese unvergleichliche Person war auf dem besten Wege sich zu überzeugen, welches Glück in dem künftigen Leben demjenigen aufbehalten ist, der keine Mühe gespart hat, es sich in diesem recht wohl seyn zu lassen. Denn als die zwei ersten und thätigsten Räuber mit den Pferden fertig geworden waren, näherten sie sich jetzt Mauleverer und der Größere von ihnen, noch erboßt über die Gefahr, die vor kurzem seinem Haar gedroht hatte, rief mit einer Stentor-Stimme:

»Bei Gott! Ihr alter Narr, wenn Ihr nicht Euern Brathspieß wegwerft, so seyd Ihr ein Kind des Todes!«

Der Redende begleitete seine Worte mit der That, indem er eine ungeheure Pistole anlegte; Mauleverer behauptete seinen Platz, aber Smoothson zog sich zurück und stürzte, gegen das Wagenrad stolpernd, rücklings zu Boden; im nächsten Augenblick hatte sich der zweite Highwayman der Pistolen des Kammerdieners bemächtigt und sich ruhig auf den Leib des Gefallenen setzend, belustigte er sich mit einer Besichtigung des Inhalts seiner Taschen. Mauleverer stand jetzt allein und seine Hartnäckigkeit brachte den großen Räuber zu solcher Wuth, daß er die Hand schon am Drücker hatte, als der dritte Räuber, den Mauleverers Kugel auf der Seite gestreift hatte, sich zwischen die Beiden warf. »Halt, Ned!« sagte er, seines Kameraden Pistole zurückstoßend. »Und Sie, mein Lord, dem solcher Trotz das Leben hätte kosten können, lernen Sie, daß es Leute giebt, die edelmüthig rauben!« So sprechend schleuderte der Räuber vermöge eines gewandten Streichs mit seiner Reitpeitsche Mauleverers Degen auf die Seite, der in einer Entfernung von zehn Schritten vor seinem Eigenthümer niederfiel.

»Jetzt nähert Euch,« sagte der Sieger zu seinen Kameraden »Plündert den Wagen und beeilt Euch nach Kräften!«

Der große Räuber säumte nicht den Befehl zu vollziehen und der kleinere, der die Durchsuchung von Smoothsons Taschen zu seiner Zufriedenheit beendigt hatte, zog jetzt aus seiner eignen einen ziemlich dicken Strick, damit band er dem niedergeworfenen Kammerdiener die Hände und moralisirte, während er mit dem Seil um und um die Handgelenke des Liegenden zusammenschnürte, in seiner erbaulichen Weise, wie folgt:

»Bleibt ruhig liegen, Sir, bleibt ruhig! ich bitt' Euch; alle weisen Männer sind Fatalisten und es giebt kein kräftigeres Sprüchwort als jenes: Was man nicht ändern kann, nehme geduldig an! Bleibt ruhig, sag ich Euch! Ihr denkt vielleicht nicht von ferne daran, daß Ihr eine der edelsten Pflichten der Menschlichkeit erfüllt; ja, Sir, Ihr füllt die Taschen des Hülflosen und durch meine jetzige Maßregeln sichre ich Euch gegen eine Schwachheit des Fleisches, die leicht einer so preiswürdigen Handlung sich entgegenstellen und so die Trefflichkeit Eurer That gefährden könnte. Nun, Sir, sind Eure Hände fest; bleibt ruhig liegen und denkt nach!«

Nach diesen Worten schob der Moralist mit drei sanften Nachhülfen seines Fußes den Herrn Smoothson in den Graben und beeilte sich seinem langen Kameraden in seinem angenehmen Geschäft Gesellschaft zu leisten.

Mittlerweile standen Mauleverer und der dritte Räuber, der, seiner Rolle als Anführer treu, in würdevoller Unthätigkeit blieb, während seine Untergebenen sich der Beute bemächtigten, welche Er wenigstens zu theilen, wo nicht allein an sich zu reissen beabsichtigte, einander auf wenige Schritte, Stirn gegen Stirn, gegenüber.

Mauleverer hatte sich jetzt überzeugt, daß alle Versuche seine Habe zu retten, vergeblich seyen und hatte auch den Trost sich sagen zu können: er habe sein Möglichstes gethan, sie zu vertheidigen; deßhalb wandten sich seine Gedanken allein auf die Sorge für seine Person. Er rückte sich seinen Pelzkragen um den Hals mit großer Kaltblütigkeit zurecht, zog seine Handschuhe an, tätschelte seinen erschrockenen Pudel, der schauernd auf den Hüften saß, eine Pfote hinausstreckte und heftig zitterte – und sagte:

»Sir, Sie scheinen ein Mann von Bildung zu seyn und es würde mir wahrlich äußerst leid thun, wenn ich so unglücklich gewesen wäre Sie zu verwunden. Sie sind nicht beschädigt, hoffe ich. Bitte, wenn ich diese Frage an Sie richten darf, wie soll ich nun weiter kommen? mein Wagen liegt im Graben, und meine Pferde sind wahrscheinlich jetzt schon am Ende der Welt.« »Was das betrifft,« sagte der Räuber, der sein Angesicht wie seine Kameraden nach dem gewöhnlichen Brauch der Landstraßen-Ritter jener Zeit mit einer dichten Maske bedeckt hatte, »ich glaube Sie müssen nach Maidenhead zu Fuß gehen – es ist nicht weit und die Nacht ist schön!«

»Eine sehr unbedeutende Beschwerde, in der That!« sagte Mauleverer ironisch; aber sein neuer Bekannter erwiederte darauf Nichts und schien überhaupt nicht verlangend sich mit Mauleverer weiter ins Gespräch einzulassen.

Der Graf beobachtete nun einige Augenblicke das Verfahren der beiden andern Räuber, drehte sich dann um und verharrte, eine Opern-Melodie summend, in würdevoller Gleichgültigkeit, bis die beiden mit der Plünderung des Wagens zu Ende waren, und dann ihr Geschäft an Mauleverer selbst fortsetzten.

Mit verzognem Mund und gerunzelter Stirne ließ diese erhabne Person sich nach dem Ausdruck des großen Räubers: sauber machen. Uhr, Ringe, Börse, Tabacksdose – Alles ging fort. Lange Zeit hatten die Spitzbuben keinen solchen Fang gemacht.

Sie waren kaum damit fertig, als die Postknechte, die jetzt anfiengen sich umzusehen, zugleich ein Geschrei erhoben und in einiger Entfernung ein schwerfällig sich fortbewegender Wagen sichtbar wurde. Mauleverer war es in der That um sein Geld sehr gefehlt, um nichts von den Diamanten zu sagen; und sobald er eine Hülfe in der Nähe sah, blitzte eine neue Hoffnung in ihm auf. Sein Degen lag auf dem Boden; er sprang darauf zu, ergriff ihn, stieß einen Hülferuf aus und stürzte sich kühn auf den Räuber der ihn entwaffnet hatte; aber dieser, die Klinge mit seiner Peitsche parirend, eilte in den Sattel und wußte sich, trotz Mauleverers Bestrebungen mit heiler Haut aufs Pferd zu schwingen.

Wir überlassen es unsrer Perle von einem Peer seinen Weg nach Maidenhead zu suchen, in der Gesellschaft (noch außer dem Pudel) von einem Wagenfuhrmann, zwei Postknechten und des losgebundnen Smoothson, welche alle vier mit ihren Beileidsbezeugungen sein Herz trösteten, und folgen am Faden unserer Geschichte den Spuren der drei Liebhaber vom fremdem Eigenthum.

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