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Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeFünftes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid8d0bca42
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Viola. Und liebst du mich?

Lysander.                       Dich lieben Viola?
Flieh' ich dich nicht, wenn Licht aus deinem Auge
Mein Wesen trinkt? dieß Fliehn antworte dir!

Die Braut.

Die Gardinen-Gedanken des Squire waren nicht ohne ein Resultat geblieben. So wie sein warmes Herz auf einmal wieder sich seinem frühern Wohlgefallen an Clifford geöffnet hatte, verlangte er nach einer Gelegenheit, seine vorhergegangne Unhöflichkeit wieder gut zu machen und seine jetzige Dankbarkeit an den Tag zu legen. Zudem empfand er einigermaßen Unwillen und Schaam über sein Benehmen in der letzten Zeit, daß er nemlich dem allgemeinen, und wie er jetzt fest überzeugt war, grundlosen Vorurtheil gegen seinen jungen Freund mitgehuldigt hatte, und vor einem näher liegenden und stärkern Gefühl trat seine gewöhnliche Nachgiebigkeit gegen seines Bruders Rathschläge in den Hintergrund. Mit diesen günstigen Gesinnungen gegen Clifford verband sich sein scharfsinniger Verdacht oder vielleicht seine Ueberzeugung von Luciens Neigung für ihren schönen Retter, und er hatte wenigstens so viel Ahnungsvermögen um zu errathen, daß sie ihn nach dem Abentheuer dieser Nacht nicht weniger lieben werde. Zu diesem kam noch die weichmüthige Erinnerung an die Abschieds-Worte seiner Gattin; und die Thränen und die verrätherische Bewegung Luciens in dem Wagen waren seinem einfachen Gemüth, das nickt wußte, wie leicht die Thränen eines Mädchens fließen und trocknen, genug, um die Weissagung der theuren Todten zu bestätigen. Auch waren die großmüthigeren und gütigeren Empfindungen des Squire nicht ohne alle Beimischung von selbstsüchtigen Betrachtungen. Stolz, ohne im mindesten ehrsüchtig zu seyn, war er immer geneigter eine Ehre zu erweisen als zu empfangen, und im Herzen war er heimlich froh bei dem Gedanken, statt des feingebildeten und immer fremd bleibenden Mauleverer, den angenehmen und geselligen Clifford zum Schwiegersohn einzutauschen. In solcher, fast göttlicher Verwirrung, waren die Gedanken, die in dem kreisenden Gehirn Josef Brandons durcheinander wogten, und eh er sich auf die linke Seite gekehrt, was er immer that, bevor er sich dem Schlafe übergab, war der Squire schon vollständig zu einem Entschluß gekommen, der den Entwürfen des Advokaten und den Hoffnungen des Grafen höchst Unheil-drohend war.

Am folgenden Morgen, als Lucie beschäftigt war, die üppige Fülle der ambratriefenden Haare zu flechten, gegenüber dem kleinen Spiegel ihres Zimmers, der trotz seinem trüben und verfinsterten Glase noch ein Angesicht zurückwarf, welches die griechische Dichtergestalt der Aurora beschämt haben würde, verkündigte ihr ein leises Pochen an der Thüre ihren Vater. In seinem gerötheten und freundlichen Gesicht herrschte der Ausdruck, welcher immer einen Mann zu bezeichnen pflegt, der mit sich selbst zufrieden, die Zuversicht hegt, Andern eine Freude machen zu können.

»Mein liebes Kind!« sagte der Squire, zärtlich das reiche Haar Luciens streichelnd und ihre rosige Wange küssend, »ich bin gekommen, um mit dir eine kurze Unterredung zu halten, setze dich und – ich für meine Person gehe gern nach Gemächlichkeit umher und beiläufig (schließe das Fenster, meine Liebe, es geht ein Ostwind) ich wünsche, daß wir eine klare und ausgemachte Sache bekommen. Hem! – gieb mir deine Hand, mein Kind – ich meine, über solche Sachen kann man nicht zu genau und zweckdienlich sprechen, obgleich ich wohl weiß, (denn, für meine Person, ich befleiße mich immer Jedermann, besonders dir mein liebes Kind, mit der größten Aufmerksamkeit zu begegnen,) daß wir mit ebenso viel behutsamem Zartgefühl als Genauigkeit zu Werke gehen müssen. Du kennst diesen Capitän Clifford – es ist ein braver Junge, nicht wahr? nun – nein, du mußt nicht so sehr erröthen, es ist nichts vorhanden, (denn in diesen Dingen kann man nicht alle seine Wünsche erfüllt haben, kann man nicht Alles haben –) dessen man sich zu schämen hätte! Sage mir jetzt, meine Tochter, meinst du er liebe dich?«

Wenn Lucie nicht geradezu mit Worten antwortete, so bewegten sich doch ihre anmuthigen Lippen so, als ob sie leicht antworten könnten; und zuletzt umzog sie ein so süßes und zuversichtliches Lächeln, daß der Squire, so sehr er auf bestimmte Ausdrücke drang, keine befriedigendere Beantwortung seiner Frage verlangte.

»Ja, ja, Mädchen« sagte er und blickte sie mit aller Zärtlichkeit eines Vaters an, »ich sehe wie es steht. Und kann jetzt – warum wendest du dich weg? was meinst du, wenn sich, wie ich glaube, obgleich es neidische Leute in der Welt giebt, wie es immer gab, wenn Einer ein schöner, oder gescheuter, oder tapfrer Mann ist, während, beiläufig bemerkt, sehr sonderbarer Weise, wie mich dünkt, man Einen nicht, wenigstens nicht so gehässig darum beneidet, wenn er ein Lord, oder reich ist; vielmehr ganz im Gegentheil, Rang und Geld scheinen den Leuten die Meinung einzuflößen, es habe Einer alle Cardinaltugenden – Hm, hm! – wenn, sag' ich, sich zeigen sollte, daß dieser Herr Clifford ein Gentleman von gutem Herkommen ist, – denn dieß ist, wie du weißt, wesentlich, da, wie dir meine Mutter wahrscheinlich erzählt hat, die Brandons vor vielen Jahrhunderten ein großes Geschlecht waren; meinst du, mein Kind, du könntest dann – (die Katze ist jetzt aus dem Sack!) den alten Lord aufgeben und den einfachen Gentleman heirathen!«

Die Hand, welche der Squire gefaßt hatte, ward jetzt mit schlauer Zärtlichkeit ihm auf den Mund gedrückt und als er sie wieder ergriff, verbarg Lucie ihr glühendes Angesicht an seiner Brust; und nur ein Flüstern, als ob die Luft selbst verrätherisch ausplaudern könnte, versicherte ihn (denn jetzt bestand er auf einer ausgesprochenen Antwort,) von ihrem freudigen Ja. Wir befürchten keinen Tadel von Seiten des Lesers, wenn wir die übrige Unterredung zwischen Vater und Tochter mit Stillschweigen übergehen; sie dauerte nicht mehr über eine Stunde; denn der Squire erklärte: er für seine Person sey ein Feind von überflüssigen Worten. Herr Brandon gieng zuerst zum Frühstück hinunter und murmelte, indem er die Treppen hinabstieg: »Nun gut, ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht froh bin die Sache – (denn ich liebe es nicht viel über so einfältige Angelegenheiten nachzudenken,) vom Herzen zu haben. Und was meinen Bruder betrifft – dem sag' ich gar nichts, bis Alles vorbei und ins Reine gebracht ist. Und wenn er darüber zornig wird, so kann er und der alte Lord – obgleich ich es nicht unbrüderlich meine, beide miteinander zum Teufel gehen.«

Als die drey am Frückstück-Tisch versammelt waren, da ließ sich vielleicht kein auffallenderer Contrast denken, als der des strahlenden Angesichts Luciens gegen den zerrissenen und kläglichen Ausdruck, der die schönen Züge ihres Geliebten entstellte. So merklich war die Veränderung, welche Eine Nacht bei Clifford hervorgebracht zu haben schien, daß selbst der Squire darüber betroffen und beunruhigt war. Aber Lucie, deren unschuldvolle Eitelkeit für diesen Wechsel einen schmeichelhaften Grund aufzufinden wußte, tröstete sich mit der Hoffnung, bald einen ganz andern Ausdruck auf dem Antliz ihres Geliebten zu sehen; und obgleich sie sich schweigend verhielt und ihr Glück tief und ruhig in ihr lag, war doch etwas in ihrem Auge und ihrem Munde, was Clifford wie ein Hohn auf sein Elend vorkam und ihm das Herz verwundete. Er nahm sich jedoch so weit zusammen, um ein Gespräch mit dem Squire zu führen und, so gut er konnte, das Sichtbarwerden des noch in ihm tobenden Kampfes zu verbergen.

Der Morgen war feucht und trüb; es war jener feine, nebelnde Regen, der auf das Wachsthum des aschgrauen Humors so äußerst fruchtbar wirkt und der muntere Squire ermangelte nicht, seinen jungen Freund wegen seiner weibischen Empfänglichkeit für die Einflüsse der Witterung zu necken. Clifford antwortete scherzhaft und der Scherz, wenn auch schlecht, war doch gut genug, den Neckenden zufrieden zu stellen. Auf solche witzige Art vertrieben sie sich die Zeit, bis Lucie auf ihres Vaters Aufforderung das Zimmer verließ, um die Vorbereitungen zur Heimreise zu treffen.

Dann rückte der Squire mit seinem Stuhle Clifford näher und eröffnete mit wirklichem, eifrigem Ernst seine Operationen – den Plan dazu hatte er schon vorher gemacht – in folgender Ordnung: sie giengen erstens dahin, nach Cliffords Stand, Familie und Aussichten sich zu erkundigen und zu forschen; zweitens, wenn er sich über die Eigenschaften des äußern Menschen Gewißheit verschafft, wollte er den Zustand des innern Menschen prüfen; und drittens, wenn der gewandte Untersucher seine Vermuthung von Cliffords Neigung für Lucie bestätigt fände, wollte er die bescheidne Furcht vor einer abschläglichen Antwort, die der Squire als natürlich genug voraussetzte, verbannen, und ihn mit dem Glück bekannt machen, das in Folge von Luciens Einwilligung, für ihn bereitet sey. Während der Squire mit gewohnter Schlauheit seine wohlwollenden Absichten verfolgte, blieb Lucie auf ihrem Zimmer, in solchen Betrachtungen und Träumen, wie sie bei einem so sanguinischen und schwärmerischen Herzen natürlich waren.

Länger als eine halbe Stunde war sie allein gewesen, als die Kammermagd der Herberge anpochte und eine Botschaft von dem Squire überbrachte, der sie bitten ließ, zu ihm in das Sprechzimmer hinunter zu kommen. Mit einem Herzen, das so heftig schlug, daß es beinahe sein Leben zu verzehren schien, gieng Lucie langsam und mit bebendem Schritte hinunter. Als sie die Thüre öffnete, sah sie Clifford in der Fenstervertiefung stehen, sein Angesicht war zum Theil von ihr abgekehrt und sein Auge auf den Boden geheftet. Der gute alte Squire saß in einem Lehnstuhl und eine Art verlegener und halbstolzer Zufriedenheit sprach sich in seinen Zügen aus.

»Komm her, Kind!« sagte er und räusperte sich, »Kapitän Clifford – a – hm! erweist dir die Ehre, dir – und ich darf wohl voraussehen, daß es dich sehr überraschen wird, – nicht daß ich, meines Orts, mich so sehr darüber wunderte – aber das kann meine eigne Ansicht seyn, (und es ist gewiß bei mir sehr natürlich) dir eine Liebeserklärung zu machen. Er erklärt ferner, daß er der Elendeste der Menschen sey und eher sterben wollte, als sich die Kühnheit erlauben: zu hoffen. Deßhalb, meine Liebe, habe ich dich holen lassen, um ihm Erlaubniß zu ertheilen, sich umzubringen, auf welche Weise ihm beliebt; und ich überlasse es ihm, den Grund anzugeben, warum (es ist ein Geschick, das früher oder später alle seine Mitmenschen trifft) das Todesurtheil nicht gegen ihn ausgesprochen werden soll.« Nachdem er sich dieser Rede in angemessenern Ausdrücken entledigt hatte, als ihm sonst gelang, stand der Squire rasch auf und schwankte aus dem Zimmer.

Lucie sank in den Sessel, den ihr Vater verlassen, und Clifford sagte, sich ihr nähernd, mit heiserer, leiser Stimme:

»Ihr Vater, Miß Brandon, hat ganz recht gesagt, ich wolle lieber sterben, als mein Auge hoffend zu Ihnen erheben. Ich dachte gestern, Sie zum letztenmal gesehen zu haben; – der Zufall, nicht meine eigene Thorheit oder Anmaßung, hat mich wieder in Ihre Nähe geführt und eben die wenigen Stunden, die ich mit Ihnen unter Einem Dache zubrachte, ließen mich fühlen, wie meine Liebe, mein Wahnsinn erst jetzt die höchste Höhe erreicht hat. O Lucie!« fuhr Clifford in einem leidenschaftlicheren Ton fort und warf sich wie von einer plötzlichen, unwiderstehlichen Macht getrieben, ihr zu Füßen, »wenn ich hoffen könnte, Sie zu verdienen – hoffen könnte, mich vom Staub zu erheben – könnte ich dieß! aber nein! nein! Ich bin von aller Hoffnung und für immer abgeschnitten.«

Es lag eine so tiefe, bittere, herzinnige, kummervolle Selbstanklage in dem Ton, womit die letzten Worte gesprochen wurden, daß Lucie, jede Vorsicht wegwerfend, und alles Andere in der Bestürzung des Mitgefühls und der Theilnahme vergessend, ihm, die Hand gegen ihn ausstreckend, welche er noch knieend faßte und mit feurigen Küssen bedeckte, antwortete: »Reden Sie nicht so, Herr Clifford! sprechen Sie nicht gegen Sich selbst Anklagen aus, die Sie, dessen bin ich gewiß, nicht verdienen. Vielleicht sind, verzeihen Sie mir, Ihre Geburt, Ihr Vermögen unter Ihren Verdiensten, und Sie haben meines Vaters Schwäche hinsichtlich des ersten Punkts errathen; oder vielleicht haben Sie nicht alle Verirrungen vermieden, in welche die Menschen sich stürzen; vielleicht sind Sie unklug oder gedankenlos gewesen; vielleicht haben Sie (die Mode ist ansteckend), über Ihre Mittel gespielt oder Sich in Schulden gestürzt; das sind Fehler, es ist wahr, und zu bereuen; aber nicht so, daß sie nicht wieder gut gemacht werden könnten.«

Es kann auffallend erscheinen, daß alle Entschlossenheit und Selbstverläugnung in diesem Augenblick Clifford verließ – er erhob das Auge, strahlend vor Freude und Dankbarkeit zu dem Antlitz, das sich in freundlicher Unschuld über ihn beugte und rief aus: »Nein, Miß Brandon! nein Lucie! theurer Engel, Lucie! meine Fehler sind minder verzeihlich als diese, aber vielleicht sind sie nicht minder die Folge von Umständen und von Ansteckung; vielleicht ist es nicht zu spät, sie wieder gut zu machen. Wollten Sie – Sie wirklich sich entschließen, mein Schutzengel zu werden, so verzweifle ich noch nicht gerettet zu werden.«

»Wenn« sagte Lucie tief erröthend und zur Erde blickend, während sie rasch und lebhaft sprach, gleichsam um ihn nicht durch ihren Vorschlag zu demüthigen, »wenn, Herr Clifford, etwa der Mangel an Vermögen Ihnen eine Unbequemlichkeit oder – oder eine Verirrung verursacht hat, so glauben Sie doch, daß Ich – das heißt Wir, in so weit Ihre Freunde sind, daß Sie keinen Anstand nehmen werden, um einen kleinen Theil unserer Schuld gegen Sie von der lezten Nacht her uns zu erleichtern.«

»Theures, edles Mädchen!« sagte Clifford, während über seinen Lippen wieder jenes Lächeln des fürchterlichsten Sarkasmus hinzuckte, das bisweilen seine Züge verzerrte, und Lucie schaudernd wie eine Ähnlichkeit mit einem Manne gemahnte, der nach Ruf und Charakter sehr von ihrem Geliebten verschieden war, »leiten Sie mein Unglück aus keiner so geringfügigen Quelle ab; nicht Geld ist es, das mir fehlen wird, so lange ich lebe, obwohl ich bis zu meinem lezten Athemzug an dieses Ihr Zartgefühl denken und es mit gewissen unwürdigen Erinnerungen in meiner Seele vergleichen werde. Ja! alle Gedanken und Erinnerungen der Vergangenheit werden später bewirken, daß ich Sie noch mehr als jetzt verehre, – während sie Ihrem Herzen – wenn mir nicht der Himmel Ein Gebet erhört – Verachtung und Abscheu gegen mich einflößen werden!«

»Um der himmlischen Barmherzigkeit willen, reden Sie nicht so!« sagte Lucie, in verwirrter Bestürzung die finstern arbeitenden Züge ihres Geliebten anstarrend, »Verachtung, Abscheu gegen Sie! unmöglich! wie könnte dieß seyn bei der Erinnerung an die letzte Nacht!«

»Ja, an letzte Nacht,« sagte Clifford, ganz durch die Zähne sprechend,« diese Erinnerung hat viel, was lang in uns beiden fortleben wird; aber Sie, Sie, holder Engel!« (und alle Härte und Ironie verschwand auf Einmal aus Ton und Miene und wich einer zärtlichen, tiefen Traurigkeit, vermischt mit einer an Verehrung gränzenden Hochachtung), »Sie konnten nie von mehr als von Mitleid gegen einen Menschen wie ich, träumen – Sie hätten nie von Ihrer erhabenen und glänzenden Reinheit herabsteigen sollen, um gegen mich eine solche Empfindung zu hegen, wie diejenige, welche in meinem Herzen für sie lodert – Sie, ja, ziehen Sie Ihre Hand weg, ich bin nicht werth sie zu berühren!« Er drückte seine Hände vor's Gesicht und verstummte plötzlich; aber seine innere Bewegung war übelverhehlt und Lucie sah die kräftige Gestalt vor ihr von Leidenschaften ergriffen und geschüttelt, die nur um so gewaltiger und herzzerreißender waren, weil sie nur wenige Augenblicke die Selbstbeherrschung des Mannes überwältigten und sich kämpfend Luft machten.

Wenn nachher, lange nachher Lucie, seine räthselhaften Worte sich wieder vergegenwärtigend, sich selbst gestand, daß sie ein schuldbeflecktes Gewissen verriethen: so war sie doch jetzt zu ergriffen, um an etwas Anderes als seine Liebe und seine Bewegung denken zu können. Sie beugte sich hinab und mit mädchenhafter, zärtlicher Selbstvergessenheit, der Niemand widerstanden hätte, legte sie ihre beiden Hände in die seinigen; Clifford fuhr auf, starrte sie an und im nächsten Augenblick hatte er sie an sein Herz gedrückt; und während die einzigen Thränen, die er seit seiner verbrecherischen Laufbahn vergossen, häufig und heiß auf ihr Antlitz fielen, küßte er mit leidenschaftlichem, wildem Entzücken ihre Stirne, Wangen und Lippen. Die Stimme erstarb in ihm; er getraute sich nicht mehr zu sprechen; nur Ein Gedanke durchbebte und durchhallte selbst bei dieser anscheinenden Vergessenheit seiner und ihrer Lage seine Brust: der Gedanke der Flucht. Je inniger er seiner Liebe sich bewußt ward, je zärtlicher und vertrauensvoller der Gegenstand seiner Liebe wurde, desto dringender zeigte sich ihm die Nothwendigkeit sie zu verlassen. Alle andern Pflichten hatte er versäumt, aber er liebte mit ächter Liebe und die Liebe, die ihn Eine Pflicht lehrte, führte ihn triumfirend durch ihre bitterste Probe. »Sie werden heute Nacht von mir hören,« flüsterte er; »glauben Sie, daß ich ein Wahnsinniger, ein Verfluchter, ein Verbrecher bin, aber kein ausgemachtes Ungeheuer! Ich verlange kein gnädigeres Urtheil über mich!« Hiemit entzog er sich seiner gefährlichen Lage und schied rasch von ihr.

Als Clifford seine Wohnung erreichte, traf er seine würdigen Gesellen, die, Unruhe und Schrecken im Angesicht, ihn erwarteten. Eine ältere Heldenthat, bei der sie sich hervorgethan, hatte längst die ernste Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen und gewisse Beamte hatten sich jetzt in Bath sehen lassen, und gewisse Nachforschungen waren eingeleitet worden, die für die Sicherheit des scharfsinnigen Tomlinson und des handfesten Pepper nichts Gutes ahnen ließen. Sie kamen, demüthig und reuig sich Verzeihung wegen ihres unabsichtlichen Angriffs auf den Wagen des Squire zu erbitten und sich bei ihrem Hauptmann schleunig Raths zu erholen. Wenn Clifford zuvor in seinem uneigennützigen Entschluß geschwankt hatte; wenn die Bilder Luciens, die Bilder von Glück und Besserung wahrend seines einsamen Rittes ihm nur allzuhäufig und glänzend vor der Seele standen: so reichte jetzt der Anblick dieser Menschen, ihr Gespräch, ihre Gefahr, vollkommen hin, ihn ganz in seinem Entschlusse zu bestärken. »Barmherziger Gott!« dachte er, »dem Genossen solcher vogelfreier Schurken, einem Manne, der, wie sie, stündlich dem schmachvollsten Tode ausgesetzt ist, konnte ich auch nur eine Sekunde lang das unschuldige und edelmüthige Mädchen überantworten wollen, deren Treue oder Liebe das einzige Verbrechen ist, das sie des glänzendsten Looses berauben konnte!« Cliffords Befehle an seine Untergebenen waren ganz kurz, und, so sehr gewöhnen wir uns, Vieles mechanisch zu thun, mit der gewohnten Umsicht und Genauigkeit ertheilt: »Ihr verlaßt die Stadt augenblicklich; bei Eurem Leben geht Ihr nicht nach London oder zu irgend Einem Eurer Kameraden. Reitet nach der rothen Höhle; dort sind Vorräthe aufgehäuft, und seit unserer letzten Aenderung im Innern wird sie Raum genug haben, Eure Pferde zu verstecken. In der Nacht des zweiten Tags von heute an will ich zu Euch stoßen. Aber daß Ihr ja nicht anders als bei Nacht in die Höhle geht und sie unter keiner Bedingung verlaßt, bis ich komme!«

»Ja!« sagte er, als er allein war, »ich will wieder zu Euch stoßen, aber nur um Euch zu verlassen. Noch Eine Verletzung des Gesetzes, oder wenigstens noch der Raub Einer Summe aus den schwellenden Händen des Reichen, groß genug, um mich für ein ausländisches Heer auszurüsten: dann verlasse ich das Land meiner Geburt und meiner Verbrechen. Kann ich Lucie Brandon nicht verdienen, so will ich mindestens ihrer weniger unwürdig werden. Vielleicht – warum nicht? Ich bin jung, meine Nerven sind nicht schwach, mein Hirn nicht stumpf, vielleicht kann ich mir auf dem Feld ehrenvoller Abentheuer einen Namen erwerben, den ich vor meinem Sterbebette ihr zu bekennen nicht erröthen dürfte!«

Während dieser Vorsatz Cliffords Brust schwellte, setzte Lucie mit dem Squire in trübem Schweigen ihre Reise nach Bath fort. Letzterer erkundigte sich sehr angelegentlich, warum Clifford weggegangen sey und was er ihr eröffnet habe, und Lucie, unfähig zu antworten, verwies ihn mit Allem auf den für den Abend versprochenen Brief.

»Ich bin froh,« murmelte der Squire gegen sie, »daß er schreiben will; denn ich weiß nicht wie es ging, obgleich ich ihn sehr genau befragte, entschlüpfte er doch meinen Kreuz- und Querfragen, brach auf einmal mit seiner Liebe gegen dich hervor, und ließ mich über seine eigene Person so klug wie vorher; ohne Zweifel wird sein Brief (ich für meinen Theil sehe nicht ein, warum er nicht ein bedeutender Mann seyn sollte, der ein Incognito beobachtet) Alles aufklären.«

Spät in der Nacht kam der Brief; Lucie war, zum Glück für sie allein, auf ihrem Zimmer; sie öffnete ihn und las wie folgt.

Cliffords Brief.

»Ich habe versprochen Ihnen zu schreiben und setze mich nieder, um dieß Versprechen zu erfüllen. In diesem Augenblick ist das Andenken an Ihre Güte, Ihre großmüthige Nachsicht, lebendig in meiner Seele; und während ich ruhige und gewöhnliche Worte wählen muß, um das auszudrücken, was ich zu sagen habe, ist mein Herz abwechselnd bald hingeschmolzen bald zerrissen von Empfindungen, die – o wie so ganz andre Worte erfordern würden! Ihr Vater hat mich oft über meine Geburt und Verwandtschaft befragt – ich bin bisher seinen Nachforschungen ausgewichen. Erfahren Sie jetzt, wer ich bin. In einem elenden Hause, in der Umgebung der Armuth und der Sünde haften meine frühsten Erinnerungen. Mein Vater ist mir, wie Jedermann, unbekannt – meine Mutter! vor Ihnen darf ich nicht erwähnen, Wer oder Was sie war! – sie starb in meiner Kindheit. Ohne einen Namen, doch nicht ohne ein Erbtheil – (mein Erbtheil war groß; es hieß: Schande!) ward ich in die Welt gestoßen; durch Zufall hatte ich einige Erziehung genossen und manche, meinen Umständen nicht entsprechende Ideen eingesogen; seither habe ich im Leben mancherlei Rollen gespielt; Bücher und Menschen hab' ich nicht so vernachläßigt, daß ich mir nicht von Zeit zu Zeit einige Kenntnisse von beiden erworben hätte. Daraus können Sie sich erklären, woher es kam, wenn ich Ihnen besser erschien, als ich bin; die Umstände machten mich bald zu meinem eignen Herrn; sie machten mich auch zu einem Solchen, den ehrliche Leute nicht gern ansehen mögen; meine Handlungen standen, mein Charakter steht auf gleicher Linie mit meiner Geburt und mit meinem Vermögen. Ich kam in diese Stadt, mit der edeln Hoffnung, mich wieder zu heben und frei zu kaufen, indem ich mein Schicksal durch eine reiche Heirath vergoldete; Ich sah Sie, die ich früher einmal gesprochen hatte. Ich hörte, Sie seyen reich. Hassen Sie mich, Miß Brandon, hassen Sie mich! – Ich beschloß, Ihr Verderben zum Fundament meiner Rettung zu machen. Zum Glück für Sie, lernte ich Sie kaum kennen, als ich Sie auch liebte! diese Liebe drang tief ein – sie leitete Etwas von Ihrer Reinheit und Erhabenheit auf mich herüber. Mein Entschluß versagte mir; ich konnte mich sogar jetzt auf die Kniee werfen und Gott danken, daß Sie, Sie, theuerstes und edelstes Wesen, nicht mein Weib geworden sind. Ist Ihnen jetzt mein Benehmen klar? wo nicht, so denken Sie sich, daß Alles an mir nichtswürdig ist, Einen Punkt ausgenommen: so weit ich mit Ihnen in einem Verhältnis stehe – und dann wird kein Schatten von Geheimniß übrig bleiben. Ihr gütiger Vater, den elenden Dienst, den ich Ihnen erwies, überschätzend, wäre geneigt gewesen, mein Schicksal Ihrer Entscheidung zu unterwerfen. Ich erröthe voll Unwillen für ihn, für Sie, daß ein Lebendiger an eine solche Entweihung der Miß Brandon auch nur im Traum denken konnte. Und doch ließ ich selbst mich durch eine so plötzliche und einschmeichelnde Hoffnung hinreißen und berauschen – ja ich wagte es, mein Auge zu Ihnen zu erheben, Sie an mein schuldbelastetes Herz zu drücken, mein Selbst zu vergessen und zu träumen, Sie könnten die Meinige werden! Können Sie mir diesen Wahnsinn verzeihen? Und später einst, im erhabenen, glänzenden Kreise eines ehlichen Glückes – können Sie beim Gedanken an meine Kühnheit Ihrem Hasse wehren? Vielleicht denken Sie, durch ein so spätes Bekenntnis habe ich Sie bereits betrogen. Ach, Sie wissen nicht, was mich noch jetzt dieses Bekenntnis kostet! Ich hatte nur Eine Hoffnung im Leben, die: Sie würden, wenn Sie mich längst aus dem Gesicht verloren, mich nicht unter den Haufen von Menschen setzen, mit denen Sie leben. Diesen schmeichelnden, brennenden, aber selbstsüchtigen Wahn reiße ich aus meinem Herzen und gehe jetzt hin, wo keine Hoffnung mir folgt. Keine Hoffnung für mich selbst, außer Eine, die kaum den Namen verdient; denn es ist eher ein unbestimmter, träumerischer Wunsch, als eine Aussicht; die nemlich: Sie möchten später einmal unter einem andern Namen und andern Umständen von mir hören; und wenn ich Sie benachrichtige, daß Sie unter diesem Namen an einen Mann zu denken haben, der Sie mehr liebt, als alle erschaffnen Wesen: so können Sie dann wenigstens keine Ursache finden, sich dieses Liebhabers zu schämen. Was werden Sie dann seyn? Eine glückliche Gattin – Mutter – der Mittelpunkt von tausend Freuden; geliebt, bewundert, gesegnet, wo ein Auge Sie sieht, und ein Ohr Sie hört. Und dieß ist es, was ich hoffen muß; dieß ist der Trost, mit dem ich mich zu beruhigen suche und vielleicht in kurzer Zeit zu beruhigen vermag. Nicht daß ich Sie weniger lieben werde, sondern nur weniger leidenschaftlich und somit weniger selbstsüchtig. Jetzt habe ich Ihnen Alles geschrieben, was Ihnen von mir zu erfahren geziemt. Mein Pferd wartet unten, um mich aus dieser Stadt und für immer aus Ihrer Nähe zu tragen. Für immer! Ja Sie sind das einzige Gut, das mir für immer versagt bleibt. Reichthum kann ich gewinnen – einen guten Namen, sogar nach Ruhm darf ich vielleicht streben! selbst zum Himmel kann ich einen Pfad finden – aber Sie zu erlangen – diese Hoffnung muß selbst aus meinen Träumen bis auf den leisesten Schatten verschwinden. Ich sage nicht, daß Sie, wenn Sie meine Seele durchschauen könnten, während ich schreibe, mich bemitleiden würden. Es mag Ihnen sonderbar vorkommen, aber ich möchte um die Welt nicht Ihr Mitleid; ich meine, leichter wollte ich selbst Ihren Haß ertragen; Mitleid gleicht so gar der Verachtung. Aber wenn Sie wüßten, welche Anstrengung mich in den Stand gesetzt hat, meine Sprache zu zügeln, meine Gedanken zu fesseln, mir zu untersagen, dem Worte zu leihen, was mein Gehirn durchtobt und mir das Gefühl giebt, als ob lebendiges Feuer meine Hand verzehrte: wenn Sie wüßten, was mich in Stand setzte, über den Wahnsinn meines Herzens zu siegen und Ihnen das zu ersparen, was, geschrieben oder ausgesprochen, den Ausbrüchen der Fieberglut gleichen würde: Sie würden, Sie könnten mich nicht verachten, möchten Sie mich auch verabscheuen. Und nun der Himmel schütze und segne Sie! Nichts auf Erden kann Ihnen ein Leid zufügen. Und selbst der Elende, der Sie ansah, lerne beten. Ich habe für Sie gebetet!«

So, abgebrochen und ohne Unterschrift, schloß der erwartete Brief. Lucie kam am nächsten Morgen zu ihrer gewohnten Stunde herab, und außer dem, daß sie sehr blaß war, schien nichts in ihrem Wesen vorangegangenen Schmerz oder Bewegung anzukündigen. Der Squire fragte sie, ob sie den versprochnen Brief bekommen? sie antwortete, mit heller obwohl leiser Stimme, ja; – Herr Clifford haben erklärt, er sey von zu niedriger Herkunft, um an eine Heirath in Herrn Brandons Familie denken zu können; sie hoffe, der Squire werde sein Geheimniß bewahren, und der Gegenstand werde von Keinem von ihnen mehr erwähnt werden. Wenn in dieser Rede etwas ihrem offenherzigen Charakter Fremdes und ihrem Gemüthe selbst Peinliches lag: so hatte sie gleichsam die Pflicht gegen ihren vorherigen Geliebten empfunden, nicht sein ganzes, mit so bitterem Schmerz abgelegtes Bekenntniß zu verrathen. Vielleicht auch hatte dieser Brief einen geheimen Reitz, der ihr zu heilig schien, um irgend Jemand ihn zu offenbaren. Und Geheimnisse waren auch von einer so unpassenden und dem Anschein nach vorübergehenden Liebe, wie die ihrige, nicht ausgeschlossen. Luciens Antwort traf den Squire bei seiner schwachen Seite. »Von einem Manne von entschieden niedriger Herkunft,« erklärte er, »könne natürlich gar nicht die Rede seyn; dennoch zeige der junge Mann viel Aufrichtigkeit in seiner Eröffnung.« Gern gab er das Versprechen, einen so mißliebigen Gegenstand nie wieder aufzuwecken; und obgleich er beim Schluß seiner Rede seufzte, gab ihm doch die ausnehmende Ruhe in Luciens Wesen wieder einigen Muth, und als er bemerkte, wie sie, obwohl ohne lebendige Theilnahme, ihre gewohnten Beschäftigungen wieder vornahm, zweifelte er kaum mehr daran, daß sie bald die Erinnerung an eine, wie er hoffte, halbkindische und flüchtige Neigung überwinden werde. Mit Begierde ergriff er ihren Vorschlag, nach Warlock zurückzukehren, und noch in derselben Woche, wo Lucie den geheimnißvollen Brief ihres Geliebten erhalten, traten Vater und Tochter die Heimreise an.

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