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Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeZweites Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectidcd005ecd
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Siebentes Kapitel.

Von seiner Sklaven Schaar umstellt.
Im Schmucke, wie es liebt der Held
Im Divan Giaffer sitzt der Alte!
Mir ahnt, es schaff' in spätrer Zeit
Der Bube mir noch Herzeleib.

Braut von Abydos.

Der gelehrte und scharfsinnige Johann Schweighäuser (ein Name, leicht zu buchstabiren für einen englischen Mund und honigmild zum aussprechen), erfreut sich in seinem Appendix continens particulam doctrinae de mente humana, welcher den Band seiner Opuscula Academica schließt, an der Beobachtung, daß – wir führen seine Worte nur aus dem Gedächtniß an – daß unter der unendlichen Mannigfaltigkeit von Dingen, die auf dem Schauplatz der Welt dem Blicke der Menschen begegnen, oder in irgend einer Weise auf seinen Körper oder seinen Geist einwirken, bei weitem der größere Theil so beschaffen ist, daß sie ihm eher ein Gefühl der Lust denn des Schmerzens und Unbehagens geben. Wir nehmen an, daß dieß im Allgemeinen richtig ist, bei gesunden, tüchtigen Naturen, und zeichnen als auffallendes Beispiel den Fall des eingekerkerten Paul aus; denn obwohl dieser Jüngling dermalen in keiner angenehmen Lage war – und obwohl keine ermuthigenden Gestalten ihm von den Zinnen der Zukunft zulächelten: trotz dem fand er, sobald er nur wieder das Bewußtseyn erlangt und sich mit einem Ruck aufgerafft hatte, eine unmittelbare Quelle des Vergnügens in der Entdeckung, erstlich, daß einige Herren und Frauenzimmer ihm in seiner Gefangenschaft Gesellschaft leisteten, und zweitens darüber, daß er einen mächtigen Wasserkrug in seinem Bereiche wahrnahm, den er, da seine erste Empfindung beim Erwachen ein brennender Durst war, auf Einen Zug leerte. Dann dehnte er sich, sah sich mit nachdenklichem Ernste um, und entdeckte einen ihm zugekehrten Rücken auf dem Boden liegend, welcher schon auf den ersten Blick ihm bekannt schien. »Fürwahr« dachte er, »ich kenne diesen rauhhaarigen Rock und die eigenthümliche Krümmung dieser schmalen Schultern.« Unter diesem Selbstgespräch erhob er sich, streckte den Fuß aus und versetzte der ausgestreckten Gestalt einen leichten Stoß.

Schwere Flüche murmelnd wandte sich die Gestalt um, und indem sie sich auf den ungastfreundlichen Theil des Körpers zurecht setzte, dessen Berührung durch fremde Füße nichts weniger denn als eine Ehre aufgenommen wird, heftete er seine stumpfen, blauen Augen auf das Angesicht des Ruhestörers, öffnete sie allmälig mehr und mehr, bis sie sich in dem Verhältniß erweitert hatten, als erforderlich war, um die wichtige sich ihnen aufdrängende Wahrheit einzuschlingen, und dann kamen aus dem Munde dieses Wesens folgende Worte hervor:

»Ich will keine Linser im Kopf haben, wenn das nicht der kleine Paul ischt.«

»Ja, Dummie, da bin ich! Hat nicht lang gedauert, bis man mich in den Stock gelegt hat, wie Ihr seht! das Leben ist kurz; wir müssen die Zeit aufs Beste benützen!«

Auf dieß raffte sich Herr Dummater, (denn keine andere als diese achtbare Person war es) vom Boden auf, setzte sich auf die Bank neben Paul und sagte in kläglichem Tone:

»Ha, die Pescht über mich, wenn Ihr nicht über den Kopf gehauen worden seyd; Eure Perrücke ist so blutig, wie der Kopf eines Grunzers, wenn man ihm den Hals abgeschnitten.«

»Das ist nur das Kriegsglück, Dummie, und eine bloße Kleinigkeit: die Köpfe, die in Thames-Court gefertigt werden, lassen sich nicht leicht aus dem Gleise bringen. Aber sagt mir, wie kamt Ihr hieher?«

»Nun, ich hatte tief in das Schnapsglas hineingeguckt – –«

»Bis es Euch hell im Kopfe wurde, he? und Ihr in die Gosse fielet?«

»Nun ja!«

»Meine Angelegenheit ist schlimmer als diese, fürchte ich,« und hiemit erzählte Paul mit leiser Stimme dem getreuen Dummie die Reihe von Ereignissen, die ihn in sein dermaliges Asyl gebracht hatten. Dummie's Angesicht verlängerte sich bei diesem Berichte; jedoch als die Erzählung zu Ende war, bemühte er sich, mit allen ihm einfallenden Trostgründen Paul zuzusprechen. Er stellte ihm fürs erste die Möglichkeit vor: der Gentleman nehme sich vielleicht nicht die Mühe, zu erscheinen; zweitens die Gewißheit, daß bei Paul keine Uhr gefunden worden; und drittens, den Umstand, daß nach der eigenen Angabe des Gentleman Paul nicht der wirkliche Thäter gewesen; viertens, wenn Alles schief gehen sollte, was denn die Gefangenschaft von ein paar Wochen oder Monaten sey?«

»Schlag mich dieser und jener!« sagte Dummie, »wenn der Aufenthalt dort nicht so kurzweilig ischt, als ein Bursche, der Freund von kommlicher Ruhe ischt, sich nur wünschen kann!«

Diese Bemerkung war nicht sehr tröstlich für Paul, der mit all der mädchenhaften Sprödigkeit eines Menschen, dem solche Verbindungen etwas Fremdes sind, vor einem Ehebunde mit der kommlichen Ruhe des Zuchthauses zurückbebte. Mehr vertraute er auf eine andere Trostquelle; mit Einem Worte, er hegte die schmeichelnde Hoffnung, der lange Ned werde, wenn er inne werde, daß Paul statt seiner gefangen gesetzt worden, den Edelmuth haben, sich zu stellen und ihn von der Anklage frei zu machen. Als er gegen Dummie etwas von diesem Gedanken fallen ließ, konnte dieser vollendete Mann der Stadt eine Zeitlang gar nicht glauben, daß irgend ein Einfaltspinsel so ganz und gar mit der Welt unbekannt seyn sollte, um im Ernste eine so lächerliche Vorstellung zu hegen, und wirklich ist es einigermaßen auffallend, daß eine solche Hoffnung je mit ihren schmeichelnden Mährchen das Ohr eines Menschen sollte bezaubert haben, der im Hause der Mrs. Margretha Lodkins aufgezogen worden war. Aber Paul hatte, wie wir gesehen, viele seiner Begriffe aus Büchern genommen, und er hatte dieselben schönen Theorien von moralischen Schelmen, wovon die Gemüther junger Patrioten eingenommen sind, wenn sie aus dem Collegium austretend und zuerst ins Unterhaus kommend, Unbescholtenheit für etwas Kostbareres halten als Aemter.

Herr Dummaker drang ernstlich in Paul, eine so unzuverläßige und kindische Einbildung aus seinem Herzen zu verbannen, und lieber darüber nachzudenken, auf welche Art er seine Verteidigung am besten würde führen können. Als endlich dieser Gegenstand erschöpft war, kam Paul auf Ms, Lobkins zu sprechen und erkundigte sich, ob Dummie diese Dame in neuster Zeit mit einem Besuch beehrt habe.

Herr Dummaker erwiderte, er habe, obwohl mit großer Schwierigkeit, ihren Zorn gegen ihn wegen seiner vermeintlichen Aufhetzung zu Pauls Ausschweifungen, begütigt, und sie habe in neurer Zeit verschiedene Besprechungen mit Dummie über unsern Helden gehabt. Bei weiterem Ausfragen Dummie's erfuhr Paul die Gründe, warum die gute Matrone nicht den besorgten Eifer für seine Rückkehr an den Tag gelegt habe, wie unser Held mit Recht es erwartet hatte. Die Sache war die, daß ihr, weil sie in seine Hülfsquellen, unabhängig von ihr, nicht das mindeste Vertrauen setzte, gar nicht um eine Gelegenheit bange war, den Stolz, der sie so empört hatte, wirklich und nachdrücklich, wie sie hoffte, zu demüthigen; und sie vergnügte ihre Eitelkeit schon im Voraus mit dem Gedanken, wie einmal Paul, durch Darben zur Unterwürfigkeit gebracht, reuig und freudig wieder das Obdach ihres Hauses aufsuchen, und durch seine Erfahrungen zahm gemacht, nie wieder gegen das Joch sich sträuben würde, das ihre mütterliche Klugheit ihm aufzulegen für gut befände.

Sie begnügte sich also damit, von Dummie den Aufschluß zu erhalten, daß unser Held unter Mac Grawlers Dach sey und also vor dem Schlimmsten gesichert; und da sie die scharfsinnigen Geistesanstrengungen nicht voraussehen konnte, wodurch Paul sich zum »Nobilitas« des Astnäum emporschwang und sich dadurch den ärgsten Mangel vom Leibe hielt: so war sie, nach ihrer Charakterkenntniß, völlig überzeugt, der erleuchtete Mac Grawler werde nicht in die Länge ihrem widerspenstigen Pflegesohn den Schutz verwilligen, der, nach ihrer Meinung, allein ihn davor bewahrte, Taschen fegen oder Hungers sterben zu müssen.

Sie kannte Pauls gründlichen und nüchternen Widerwillen gegen eine solche artige Wahl, und war also wegen seiner Sittlichkeit und seines Lebens wenig angefochten, wenn sie ihn auch eine Welle dem Spiel des Geschicks überließ. Jede Aengstlichkeit, welche sonst noch wohl ihr Gemüth hätte quälen mögen, wurde durch die gewöhnliche Trunkenheit erstickt, welche bei der guten Frau mit dem Alter überhand nahm, und welche, wiewohl sie zu Zeiten zu all ihrer eigenthümlichen Heftigkeit sich aufraffen konnte, doch meist ihre Besinnung in einer letheischen Starrsucht, oder um höflicher zu reden, in einer poetischen Entfremdung von den Dingen der äußern Welt befangen hielt.

»Aber,« sagte Dummie, wie er so allmälig die Auflösung von dem Benehmen der Dame dem horchenden Ohr seines Gesellschafters mittheilte; »aber ich hoffe, wenn Ihr jetzt aus dieser Klemme daraus seyd, kleiner Paul, laßt Ihr's Euch zur Warnung dienen und gebt Herrn Pepper den Laufbaß – muß ohnehin sagen, 's war mir nie wohl ums Herz, wenn ich ihn Euch anführen sah, – und geht heim in den Krug und bietet der alten Strunzel die Hand, denn sie sieht sich selber gar nicht mehr gleich, seit Ihr fort seyd. Sie hat ein vordreffliches Herz, die Pigyy Lob!«

Eine so geeignete Lobrede auf Mrs. Margaretha Lobkins würde wohl zu einer andern Zeit Pauls Lachmuskeln nicht in Ruhe gelassen haben; aber in diesem Augenblick fühlte er wirklich Beklemmungen wegen der unmanierlichen Art, wie er sie verlassen hatte, und die Weichheit reuevoller Zärtlichkeit verklärte sogar das Bild der Piggy Lob mit ihren verschönernden Farben.

Unter Gesprächen so geistreichen und häuslichen Inhalts verfloß die Nacht und der folgende Morgen, bis Paul sich in der unheimlichen Nähe des Richters Burnflat fand. Einige Fälle wurden vor dem seinigen erledigt, und unter andern erhielt Herr Dummie Dummaker seinen Abschied, doch nicht ohne eine strenge Rüge wegen der sich zu Schuld gebrachten Sünde eines Rausches welche ohne Zweifel einen tiefen Eindruck auf das offenherzige Gemüth dieser nobeln Person machte. Endlich kam die Reihe an Paul. Er hörte, als er seinen Plaz einnahm, ein allgemeines Geflüster. Anfänglich bildete er sich ein, es gelte seiner eignen, Theilnahme erregenden Erscheinung, aber als er die Angen erhob, merkte er, daß es dem Eintritte des Gentleman galt, der als sein Ankläger auftrat.

»Bscht!« sagte Jemand in seiner Nähe, »es ist der Advokat Brandon. Ha! das ist ein schlauer Gesell! Es wird dem von ihm Angeklagten hart gehen!«

Unser Held besaß einen trefflichen Schatz geistiger Spannkraft, und obgleich ihm das Glück nicht ein unheilbar krankes Herz bescheert hatte, ein Umstand, der nach den Dichtern und Filosofen der jetzigen Zeit dem Menschen einen wunderbaren Muth einflößen, und ihn gegen alles Mißgeschick unempfindlich machen soll: so hielt er sich doch unter seiner gegenwärtigen, peinlichen Lage mit wunderbarem Muth aufrecht, und wurde durch die so eben gehörte Bemerkung, obwohl sie ihn ein wenig beengte, doch keineswegs niedergedrückt.

Herr Brandon war wirklich ein Rechtsgelehrter von ansehnlichem Ruf und Stand, in hoher Achtung bei der Welt, nicht allein wegen seiner Talente, sondern auch wegen großer Sittenstrenge, die, obgleich ein wenig mit herber Rauhheit gegen die Fehler Andrer vermischt, doch deßhalb nur um so preiswürdiger erschien, da es, wie Leute von Erfahrung ohne Zweifel wohl wissen, in der ersten Classe der Sittlichkeit zwei Abtheilungen gibt: erstens, ein großer Ingrimm gegen die Laster des Nebenmenschen, und zweitens, der Besitz eigener Tugenden.

Herr Brandon wurde von dem Richter Burnflat mit großer Höflichkeit empfangen, und da er mit einer (entlehnten) Uhr in der Hand kam, und sagte: seine Zeit gelte jeder Augenblick 5 Guineen, so schritt der Richter unverzüglich zur Sache.

Nichts konnte klarer, kürzer und befriedigender seyn, als die Aussage von Herrn Brandon. Das bestätigende Zeugniß des Wächters schloß sich daran an, und dann wurde Paul zur Vertheidigung aufgerufen. Sie war eben so kurz wie die Anklage, aber ach! sie war nicht eben so befriedigend. Sie bestand in einer festen Erklärung seiner Unschuld. Sein Kamerade, gestand er, möge die Uhr gestohlen haben, aber er erinnerte bescheiden daran, daß dieß eben der Grund sey, warum Er sie nicht könne gestohlen haben.

»Wie lang, Bursche,« fragte der Richter Burnflat, »kennt Ihr schon euern Begleiter?«

»Ungefähr ein halbes Jahr!«

»Und was ist sein Name und Gewerbe?«

Paul stockte und weigerte sich zu antworten.

»Ein böses Stück Arbeit!« sagte der Richter in trübseligem Tone und mit bedeutungsvollem Kopfschütteln.

Der Sachwalter war mit jenem Ausruf ganz zufrieden, aber mit erhabener Großmuth bemerkte er, wie er nicht wünsche mit Härte gegen den jungen Mann zu verfahren. Seine Jugend spreche zu seinen Gunsten und seine That sey wahrscheinlich die Folge schlimmer Gesellschaft. Er schlug daher vor: da Paul von dem Aufenthaltsorte seines Freundes gewiß unterrichtet seyn müsse, so solle er vollständige Verzeihung erhalten, wenn er unverzüglich dem Beamten diese Mittheilung machen wolle. Zum Schluß fügte er mit ausgezeichneter Menschenfreundlichkeit hinzu: nicht die Bestrafung des Jünglings, sondern die Wiederauffindung seiner Uhr sey es was er wünsche.

Der Richter Burnflat wiederholte jetzt, nachdem er die uneigennützige und christliche Barmherzigkeit des Klägers und die gewichtige Verbindlichkeit, welche ihm Paul dafür schuldig sey, unserm Helden gebührend an's Herz gelegt, mit verdoppelter Feierlichkeit die Fragen nach Wohnung und Namen des langen Ned, auf welche unser Held zuvor die Antwort verweigert hatte.

Mit Leidwesen gestehen wir, daß Paul, undankbar und völlig unempfindlich gegen die schöne Großmuth des Sachwalters Brandon, auf seiner festen Weigerung, seinen Kameraden anzugeben, verharrte und mit gleicher Hartnäckigkeit fortfuhr, seine Unschuld und die mackellose Unbescholtenheit seines Charakters zu betheuern.

»Euer Name, junger Mann?« sagte der Richter. »Euer Name ist Paul, sagt Ihr – Paul wie weiter? Ihr habt gewiß manche sonstige Namen, darauf will ich schwören!«

Hier stockte der junge Mann wieder; endlich antwortete er:

»Paul Lobkins. Euer Gestrengen!«

»Lobkins, wiederholte der Richter, »Lobkins! kommt her Saunders! haben wir den Namen nicht in unsern schwarzen Büchern?«

»Euer Gestrengen zu dienen,« sagte ein kleiner, stämmiger, dem Festus der Polizei in vielen Beziehungen sehr nützlicher Mann, »es gibt eine Peggy Lobkins, die ein Wirthhaus besitzt, eine Art von Gaunerherberge, genannt der Krug, in Thames Court, gehört nicht eben ganz in unsern Bereich, Ihr Gestrengen.«

»Hoho,« sagte der Richter Burnflat, und winkte Herrn Brandon, »wir müssen dieß ein wenig sondiren. Seyd so gut, Herr Paul Lobkins, in welchem Verwandtschaftsverhältniß steht die gute Wirthin vom Krug, in Thamts-Court, zu Euch?«

»In gar keinem, Sir!« sagte Paul rasch, »Sie ist nur eine Freundin.«

Auf dieß erhob sich ein Gelächter in der Gerichtsstube.

»Stille!« gebot der Richter, »und ich darf annehmen, Herr Paul Lobkins, daß diese Eure Freundin für die Unbescholtenheit Eures Charakters, auf welche Ihr Euch zu berufen beliebt, bürgen werde?«

»Ich zweifle nicht daran, Sir!« antwortete Paul; und hier entstand wieder ein Gelächter.

»Und habt Ihr noch einen ebenso vollwichtigen und preiswürdigen Freund, der Euch denselben Gefallen thun würde?«

Paul stockte; aber in diesem Augenblick drängten sich zum Erstaunen des Gerichts, aber vor Allem zum höchsten, überraschendsten Erstaunen Pauls selbst, zwei Gentlemen, nach der höchsten Mode gekleidet, vor, und indem sie sich gegen den Richter verbeugten, erklärten sie sich bereit für die gänzliche Unbescholtenheit und den mackellosen Charakter des Herrn Paul Lobkins zu bürgen, den sie, wie sie sagten, schon viele Jahre kannten und vor dem sie die größte Achtung hegten. Während Paul das Aeußere dieser gefälligen Freunde musterte, die er im ganzen Verlaufe seines Lebens nicht sich erinnerte gesehen zu haben, flüsterte der Sachwalter, ein ganz schlauer Kopf, dem Beamten etwas ins Ohr; diese würdige Person nickte beistimmend, faßte die Ankömmlinge ins Auge und erkundigte sich nach den Namen von den Zeugen des Herrn Lobkins.

»Herr Eustace Fizherbert und Herr William Howard Russel,« lautete die Antwort.

So aristokratisch klingende Namen erregten allgemeines Aufsehen. Aber der unempfindliche Richter rief den nämlichen Herrn Saunders, an den er sich zuvor gewendet hatte, und forderte ihn auf die Gesichter der Freunde des Herrn Lobkins genau zu prüfen.

Wie der Alguazil die Züge des denkwürdigen Don Rafael und des berühmten Manuel Morales ins Auge faßte, als der erster dieser trefflichen Männer es angemessen fand, die Würde eines italienischen Prinzen auf Reisen, eines Sohnes des Fürsten der Thäler zwischen der Schweiz, Mailand und Savoyen, anzunehmen, indeß der letztere sich damit begnügt« für den Diener von Monseigneur le prince zu gelten: ebenso, mit weit mehr Ernst als Ehrfurcht beaugenscheinigte Herr Saunders die Gesichtszüge dieser hochgeborenen Gentlemen, der Herren Eustace Fitzherbert und William Howard Russel; aber nach einer langen Prüfung wandte er die Augen ab, machte gegen den Beamten eine verneinende, seine Unzufriedenheit ausdrückende Geberde und sagte: »Mit Genehmhaltung Eurer Gestrengen, sie gehören nicht zu meinem Strich; aber Bill Troutling kennt diese Art von feinen Kameraden besser.«

»Laßt Bill Troutling erscheinen?« war der lakonische Bescheid.

Bei Nennung dieses Namens wurde man wohl eine gewisse bescheidne Verwirrung in den Gesichtern der Herren Eustace Fizherbert und William Howard Russel gelesen haben, wäre nicht die Aufmerksamkeit des Gerichtshofs in diesem Augenblik auf einen andern Fall gelenkt worden. Eine arme Frau war auf 7 Tage ins Strafhaus gesprochen worden auf die Beschuldigung unordentlichen Wandels. Ihr Mann, die bei der Sache am meisten betheiligte Person, erschien nun um die Anklage zu entkräften; und mit Hülfe seiner Nachbarn gelang es ihm wirklich.

»Das ist Alles sehr wahr,« sagte der Richter Burnflat, »aber da Eure Frau, mein guter Freund, in 5 Tagen wieder los kommt, so ist es kaum der Mühe werth, sie jetzt freizulassen.«Eine Thatsache, die sich im Jahr 1830 wirklich begeben hat. Man sehe den Morning Herald

Eine so einsichtsvolle Entscheidung mußte nothwendig den Ehmann zufrieden stellen und die Zuhörenden wurden von diesem Augenblick an über eine so merkwürdige Wahrheit aufgeklärt: daß nämlich 5 Tage von 7 ein ganz ausnehmend kleiner Theil sind im Verhältniß zu den übrigen zwei; und daß die Leute in England eine so unbegreifliche Liebe zum Strafen haben, daß, während man es nicht der Mühe werth findet, ein unschuldiges Weib fünf Tage früher aus dem Gefängniß zu entlassen, als im andern Fall geschehen wäre, man es für gar sehr der Mühe werth hält, sie auf sieben Tage einzusperren.

Als der Ehmann, die rauhe Hand vor die Augen haltend, und eine oder die andre gemeine Grobheit murmelnd, weggegangen war, sagte Herr Saunders:

»Hier ist Bill Troutling, Ihr Gestrengen!«

»Ah, gut!« sagte der Richter, »und nun, Herr Eustace Fitz – holla, wo ist er? Wer sah zuletzt Herrn William Howard Russel und seinen Freund Herr Eustace Fitzherbert?«

Und spottend sprach das Echo: Wer?

Diese vornehmen Herren, denen es natürlich mißfiel, mit einer so niedrigen Person wie Herr Bill Troutling confrontirt zu werden, hatten in dem Augenblick, wo die allgemeine Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt war, sich in der Stille von einem Schauplatz fortgemacht, wo ihr hoher Rang so wenig berücksichtigt zu werden schien.

Wenn Du, mein Leser, begierig seyn solltest, zu erfahren, von welchem Theile der Welt her diese vorübergehenden Gestalten aufgestiegen waren, so wisse, es waren Geister von dem unnachahmlichen Zauberer, dem langen Ned, abgesandt, theils um Bericht zu erstatten wie die Sachen im Gerichtshof abliefen; denn Herr Pepper war in Gemäßheit der alten Politik, welche lehrt, daß je näher der Fuchs den Jägern ist, desto mehr Wahrscheinlichkeit für ihn da ist, übersehen zu werden, unmittelbar nach seiner plötzlichen Trennung von Paul, in ein Haus in derselben Straße geschlüpft, in der er seine Schlauheit entfaltet hatte, worin Austern und Ale jede Nacht eine Gesellschaft anlockten und vergnügten, welche, um unpartheiisch zu reden, mehr zahlreich als auserlesen war; hier hatte er erfahren, wie ein Beutelschneider wegen ungesetzlicher Neigung zur Uhr eines andern Mannes festgenommen worden sey, und hier hatte er, während er geruhig seine Austern würzte, mit seinem eigenthümlichen Scharfsinn die feste Ueberzeugung gewonnen: daß der verhaftete Unglückliche kein Andrer als Paul seyn konnte. Theils also aus Vorsicht für seine eigne Sicherheit, um bald Nachricht zu erhalten, wenn Pauls Vertheidigung eine Veränderung des Wohnsitzes rathsam machen sollte, und theils aus kameradschaftlicher Freundschaft, um seinen Genossen mit so vieler Hülfe zu unterstützen und das günstige Zeugniß von zwei wohlgekleideten, in der Stadt wenig gekannten Personen verleihen konnte, hatte er diese himmlischen Wesen abgeordnet, welche unter den sterblichen Namen Eustace Fitzherbert und William Howard Russel vor dem Reichstage des Richters Burnflat erschienen waren. Da wir so das Erscheinen, (denn das Verschwinden bedarf keiner Erklärung) von Pauls Freunden erläutert, kehren wir zu Paul selbst zurück.

Trotz den Gefahren, wovon er umringt war, kämpfte sich unser junger Held aufs Aeußerste durch; aber der Richter war durchaus nicht gemeint, Herrn Brandon sich mißfällig zu erzeigen; und da er bemerkte, wie während Pauls Vertheidigung ein ungläubiges und beissendes Hohnlächeln nicht von des Gentleman Lippe wich, konnte er nicht umhin seine Entscheidung gemäß der wohlbekannten Schärfe des berühmten Anwalts zu fällen. Paul wurde demnach verurtheilt, sich auf 3 Monate in das zu Bridewell gelegene Landhaus zurückzuziehen, in welches die undankbaren Diener der Gerechtigkeit oft ihre thätigsten Bürger verbannen.

Sobald der Spruch gefällt war, erklärte Brandon, dessen lebhaftes Auge keine Hoffnung sah, den verlorenen Schatz wieder zu entdecken: der Bösewicht habe ganz den Old-Bailey's-Schnitt im Gesicht, und er zweifle nicht, wenn er je es erleben sollte, Richter zu werden, daß er auch noch ein ganz anderes Urtheil über den Thäter zu fällen bekommen werde.

Nach diesen Worten entschloß er sich, keine Zeit mehr zu verlieren und verließ sehr eilfertig das Amthaus, ohne einen andern Trost als den Gedanken mitzunehmen, daß er doch in jedem Fall einen Knaben an einen Ort geschickt hatte, von wo, er mochte jetzt auch noch so unschuldig seyn, er gewiß mit einer solchen Neigung zum Verbrechen herauskommen mußte, wie seine Freunde nur wünschen mochten, wozu noch solche moralische Betrachtungen kamen, wie die Tragödie von Bombaster Furioso ihm darbieten mochte in folgendem gedankenreichen und gediegenen Verse:

»Weg ging die Uhr – Nun, Uhren sollen gehen.«

Mittlerweile wurde Paul mit Gepränge nach seinem Aufenthaltsort abgeführt, in Gesellschaft von zwei andern Missethätern, der eine ein Mann von mittleren Jahren, obgleich eine sehr alte Feile, der verurtheilt worden, weil er Geld unter falschem Vorgeben eingenommen, und der Andere ein kleiner Junge, der des Verbrechens schuldig befunden worden, unter einer Säulenhalle geschlafen zu haben; denn es ist die Hauptschönheit der englischen Gesetze, daß sie zwischen Laster und Unglück nicht die abgeschmackten, feinen Schattirungen und Unterschiede gelten lassen, und ihr Hauptmittel, die ehrlichen Leute zu schützen, besteht darin, möglichst viele Schurken in möglichst kurzer Zeit zu ziehen.

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