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Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeSechstes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid0dea50ec
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Vierunddreißigstes Kapitel.

O Fortuna, viris invida fortibus
Quam non aequa bonis praemia dividis.

Seneca.

Und wie ein Hase, gehetzt von Hunden und Halloh,
Zu keuchet dem Orte, von wo er Anfangs floh.
          *           *           *             *
Dem heimathlosen Kind des Darbens
    Steht offen noch mein Thor.

Goldsmith.

Langsam verstrichen für Lucie die Wochen des Winters, der ihr der peinlichste Zeitabschnitt wurde, den sie je verlebt hatte. Es kam die Zeit, wo der Richter eine der periodischen Visitationsreisen machen mußte, die so viel Furcht und Kummer über die unglücklichen Insaßen der dunkeln Orte bringen, womit sie durch die verworrenen Gesetze dieses Landes so reichlich versehen werden; diese Zeiten großer Heiterkeit und fröhlicher Mahle für die Gesetzesleute:

Die vom Verbrechen sich, vom Elend mästen.
Und die ein Delinquent erregt zu Festen.

O herrliche Ordnung der Welt, welche zu stören, so frevelhaft ist! Wie wunderschön muß das System seyn, das aus den brennenden Thränen der Schuld Wein macht, und aus der erstickenden Bangigkeit, der herzzerreißenden Furcht, dem erzwungenen, sich selbst täuschenden Trotz dem gräßlichen Urtheilspruch, der verzweifelnden Todesangst des Einen Menschen, für den Andern die lächelnde Erwartung von Nebeneinkünften, die heitere Gesellschaft und den kostenfreien Festtag abzuleiten weiß! »Vom Gesetz kann man nichts Geringeres sagen, als daß sein Ursprung in der Brust Gottes ist!«Hooker's Kirchenpolizei. Sicherlich nicht, Richard Hooker, du hast vollkommen recht! Die Göttlichkeit von Gerichtssitzungen und die Eingebung von Old Bailey sind unbestreitbar!

Sir William Brandons Sorgfalt hatte wirklich die Kunde der schmachvollen Lage ihres Geliebten von Luciens Ohr ferne gehalten. Freilich begriff bei ihrem zarten Gesundheitszustand sogar das harte Auge Brandons und der gedankenlose Blick Mauleverers die Gefahr einer solchen Entdeckung. Der Graf, der jetzt sich zum Hauptsturm auf Lucie anschickte, sobald der Vorhang für immer über Clifford gefallen seyn würde, verfuhr in seiner Bewerbung um die gewünschte Braut mit großer Vorsicht und Zartheit. Er wartete mit um so mehr Geduld zu, als er bei seinem Freund Sir William auf das Vermögen der Erbin hin schon einige Anleihen gemacht hatte; und er gab gerne zu, daß er in der Zwischenzeit keinen bessern Sachwalter haben könne, als er in Brandon gefunden. Wirklich war die Beredsamkeit dieses gewandten Sophisten so schlagend und so fein, daß oft bei seinen kunstreichen Unterredungen mit seiner Nichte sogar in dem unverdorbenen und kräftigen, aber unbefangenen Gemüth Luciens ein unbehaglicher und unruhiger Eindruck zurückblieb, welchen die Zeit zu einem Wohlgefallen an den weltlichen Vortheilen der ihr angetragnen Heirath hätte reifen können. Brandon war kein, die Sache verpfuschender Mittelsmann oder ein gewaltsamer Dränger. Er schien sich bei ihrer Verschmähung Mauleverers zu beruhigen. Er kam auf die Sache kaum mehr zu sprechen. Selten sogar rühmte er den Grafen, außer wegen der unbestreitbaren Eigenschaften der Lebhaftigkeit und Gutmüthigkeit. Aber er redete mit all der Farbenglut, welche er nach Gutdünken seinen Worten verleihen konnte, von den Freuden und Pflichten des hohen Rangs und des Reichthums. Wohl verstand er es, hiebei allen Vorurtheilen und Blößen des menschlichen Herzens zu schmeicheln, und die Tugend durch ihre eignen Schwächen zu beherrschen. Lucie war, wie die Töchter der meisten Landedelleute, von alter Familie, in unschuldigem, unbefangenem Bewußtseyn ihrer höhern Geburt erzogen worden; und sie war durchaus nicht unempfindlich gegen die Lebhaftigkeit und sogar Wärme, (denn hier war es Brandon Ernst,) womit ihr Oheim von der Pflicht sprach, einen edeln in Mißachtung gefallenen Namen wieder zu erheben und die eignen Neigungen zum Opfer zu bringen, um den verblichenen Glanz derer, die in frühern Zeiten lebten, wieder aufzufrischen. Wenn die Begriffsverwirrung, welche durch unbestimmte prächtigklingende Floskeln erzeugt wird, und die frühe Einprägung eines Gefühls, das fälschlicherweise für eine Tugend gehalten wird, so oft im Punkt der Ahnenschaft aus verständigen Leuten Thoren macht, wenn sogar Brandons sarkastischer und lebhafter Geist von diesem Irrthum umwölkt war: so können wir den Einfluß desselben auf ein Mädchen verzeihen, das in der Kunst des Räsonnements so wenig bewandert war, wie die arme Lucie, welche, wir dürfen es wohl sagen, nicht eher denken gelernt hatte, als bis sie liebte. Der Eindruck jedoch, den Brandon in den erfolgreichsten Augenblicken seiner Überredungskunst machte, blieb immer nur vorübergehend; er verschwand vor dem ersten Gedanken an Clifford und erzeugte in ihr nie die leisesten Zweifel hinsichtlich der fortgesetzten Bewerbung Mauleverers.

Am Tage der Abreise in seinen Bezirk, berief Sir William Brandon seinen Barlow und schärfte diesem seinen und klugen Diener die gemessensten Vorsichtsmaßregeln in Betreff Luciens ein. Er trug ihm auf, sie vor allen Personen von jedem Stand und Rang zu verläugnen, sorgfältig alle Zeitungen durchzusehen, die man ihr bringen würde und alle Briefe, außer die von der Handschrift des Richters selbst, zurückzuhalten. Luciens Dienstmädchen hatte Brandon bereits zum Schweigen verpflichtet, und der Oheim erfreute sich jetzt an dem Gedanken, jeder Möglichkeit einer Entdeckung sicher vorgebaut zu haben. Die Identität Lovetts mit Clifford war noch nicht ruchbar geworden und Mauleverer hatte Clifford richtig beurtheilt, wenn er vermuthete, der Gefangene werde selbst allem aufbieten, die Entdeckung dieses Umstands zu verhüten. Clifford antwortete auf des Grafen Zuschrift und Versprechen in einem Brief, welcher in so ergreifendem und doch männlichem Ton der Dankbarkeit abgefaßt war, daß sogar Brandon, als er ihn las, gerührt wurde. Und seit seiner Haft und theilweisen Wiederherstellung hatte sich Clifford ganz abgeschlossen gehalten und alle Besuche abgelehnt. Ermuthigt durch den Gedanken an dieß und den Glauben an die Zuverläßigkeit seiner Vorsichtsmaßregeln, nahm Brandon von Lucie Abschied. »Lebe wohl,« sagte er, indem er sie zärtlich umarmte. »Schreibe mir ja gewiß, und verzeihe mir, wenn ich dir nicht pünktlich antworte. Nimm deine Gesundheit in Acht, meine holde Nichte und laß mich bei meiner Rückkehr eine frischere Farbe auf diesen sanften Wangen sehen!«

»Nehmen Sie vielmehr Ihre Gesundheit in Acht, mein lieber, lieber Oheim,« sagte Lucie sich an ihn schmiegend und weinend, wie ihr bei der geringsten Bewegung in neuerer Zeit in Folge ihrer geschwächten Nerven geschah. »Warum darf ich Sie nicht begleiten? Sie schienen wir in den letzten drei, vier Tagen blässer als sonst, und beklagten sich gestern. Lassen Sie mich mit ihnen gehen; ich will keine Beschwerde machen, durchaus keine; aber ich bin überzeugt, Sie brauchen eine Wärterin.«

»Du willst mir Angst machen, meine liebliche Lucie,« sagte Brandon und schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich befinde mich wohl, sehr wohl; zwar gestern hatte ich einen heftigen Blutandrang gegen den Kopf, aber heute fühle ich mich leichter und kräftiger als seit Jahren. Noch einmal, Gott segne dich, mein Kind!«

Und Brandon riß sich los und trat seine Reise an.

Der unstete, dramatische Verlauf unsrer Geschichte führt uns jetzt in eine abgelegne Gasse der Hauptstadt, auf die Themse gehend, und macht uns zu Zeugen eines rührenden Abschieds zwischen zwei Personen, welche die Ungerechtigkeit des Schicksals und die Verfolgungen der Menschen vielleicht für immer zu trennen im Begriff standen.

»Adieu, mein Freund!« sagte Augustus Tomlinson, und sah dabei Edward Pepper voll in den Abschnitt seines Gesichts, welcher nicht durch einen ungeheuren Hut und ein rothes vorgehaltnes Taschentuch bedeckt war. Tomlinson selbst war ganz in die Tracht eines würdigen Geistlichen gekleidet. »Adieu, mein Freund, weil Ihr in England bleiben wollt – adieu! ich bin, mit Stolz sage ich es, ein nicht minder aufrichtiger Patriot als ihr! Der Himmel sey mein Zeuge, wie lang ich mit Widerstreben des armen Lovetts Vorschlag betrachtete, mein geliebtes Vaterland zu verlassen. Aber alle Hoffnung aufs Leben hier ist dahin; und wahrlich, während der letzten zehn Tage bin ich so von Winkel zu Winkel gehetzt worden, so belästigt mit höflichen Einladungen, gleich denen einer Bauersfrau an ihre Hühner: »Gluck, Gluck, Gluck! kommt und laßt Euch abthun!« daß meine Vaterlandsliebe wunderbar abgekühlt ist, und ich mich nicht mehr gegen den Gedanken an freiwillige Verbannung sträube. »Die Erde,« mein lieber Ned, so hat ein griechischer Weiser sehr wahr bemerkt, »die Erde ist überall dieselbe,« und wenn man mich nach meiner Heimath fragt, kann ich, wie Anaxagoras an den Himmel deuten.«

»Meiner Seel' Ihr rührt mich!« sagte Ned mit dumpfer Stimme sprechend, entweder aus Schmerz oder wegen des Drucks von dem vorgehaltnen Taschentuch, »es ist ganz schön, Euch so reden zu hören.«

»Ermannt Euch, mein theurer Freund,« fuhr Tomlinson fort, »ermannt Euch gegen Eure jetzigen Trübsale. Was sind für einen Mann, der sich durch Vernunft und den Gedanken an die Kürze des Lebens ermuthigt, die kleinen Widerwärtigkeiten des Körpers! Was ist Gefangenschaft, oder Verfolgung, oder Kälte, oder Hunger? Beiläufig, Ihr vergaßt doch nicht die Sandwichs in meine Rocktasche zu stecken?«

»Bscht!« flüsterte Ned und eilte unwillkührlich weiter, »ich sehe einen Mann am andern Ende der Straße.«

»Laßt uns unsern Schritt beschleunigen,« sagte Tomlinson; und die Beiden eilten dem Fluß zu.

»Und jetzt,« fing Ned an, der dachte, er dürfe wohl auch etwas von sich sprechen, denn bisher hatte Augustus, in der Hitze seiner Freundschaft, nur seine Pläne erörtert, »und jetzt, das heißt wenn ich Euch verlasse, will ich mich eiligst unter einem Obdach unterducken, bis der Sturm vorbeigebraust ist. Ich bin kein großer Freund davon in einem Keller zu leben und einen Filzkittel zu tragen – aber diese Verstecke haben doch bei alle dem etwas Interessantes an sich; der sicherste, heimlichste Platz von dem ich weiß, ist das Niederland bei Thames Court; so gedenke ich ein Zimmer unter der Erde dort zu miethen und die Kost aus dem alten Quartier des armen Lovett, dem Krug zu beziehen – die Polizei wird nicht davon träumen, in diesen gemeinen Löchern einen Mann von meinem Ton zu suchen.« »Ihr könnt Euch also nicht von England losreißen?« sagte Tomlinson. »Nein, zum Henker! die Bursche jenseits des Wassers sind so verdammt unmannhaft. Ich hasse ihren Wein und ihr Parläwuh. Auch gibt es keine Kurzweil dort!«

Tomlinson, in seinen eignen Gedanken vertieft, machte keine Anmerkungen zu den trefflichen Gründen seines Freundes gegen die Reise und das Paar näherte sich jetzt dem Ufer des Flusses. Ein Boot erwartete den glorreichen Emigranten um ihn an Bord des Schiffes zu bringen, worin er einen Platz bis Calais gemiethet hatte. Aber als Tomlinsons Auge plötzlich auf den derben Matrosen und das kleine Boot fiel, das ihn aus seinem Heimathland wegführen sollte, als er über das blaue Wasser hinsah, das ein heftiger Wind wild aufregte und bedachte, wie viel ungestümer es auf der See seyn werde, wo seine Seele ohne Wechsel auf den schwanken Wellen schmachten sollte, da drang auf ihn eine ganze Fluth tiefer und kummervoller Gefühle ein.

Er wandte sich um; der Platz worauf er stand war ein Grundstück, das, wie ein Anschlagebrett verkündigte, zum Bauen vermiethet werden sollte; darunter waren die Stufen, welche ihn zu dem Boot führten; ringsum gewährte der öde, häuserlose Platz in weiter und ferner Ausdehnung den Anblick der Kirchthürme, Giebel und Kamine der großen Stadt, deren Einwohner er nicht mehr ausplündern sollte. Als er so lange hinsah, da traten ihm die Thränen ins Auge und in einer schwärmerischen Aufwallung, welche schlecht zu seinem gemäßigten und filosofischen Wesen stimmte, zog er die rechte Hand aus der Tasche seiner schwarzen Hosen und brach in folgendes Lebewohl an die Hauptstadt seiner Heimathfluren aus:

»Lebe wohl, mein geliebtes London, lebe wohl! Wo soll ich wieder eine Stadt finden wie du? Nie bis jetzt fühlte ich, wie unaussprechlich theuer du mir bist. Du bist mir Vater, Mutter, Bruder, Geliebte, Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, Koch und Mundschenk gewesen. Du und ich wir haben uns nie mißverstanden. Ich grollte nicht, wenn ich sah, welche schöne Häuser und gute Geldkisten du andern Leuten gabst. Nein! ich freute mich ihres Glücks. Es entzückte mich, einen reichen Mann zu sehen; mein einziger Verdruß war, über einen armen zu stolpern. Meinen Nachbarn gabst du Reichthümer, aber, o großmüthiges London, diese Nachbarn gabst du mir! Prächtige Straßen, alle christlichen Tugenden thronen in Euch. Menschenliebe ist so gemein wie Rauch. Wo, in welchem Theile der bewohnbaren Welt werde ich Wesen finden mit so vielem Ueberfluß begabt? wo werde ich so leicht ihrer gutmüthigen Leichtgläubigkeit diesen Ueberfluß abschmeicheln? Nur Gott weiß, mein theures, theures geliebtes London, was ich an dir verliere! O öffentliche Wohlthätigkeitsanstalten! o öffentliche Einrichtungen! O Banken, welche Axiome der Mathematik zu Schanden und Lotterien aus Nichts machen! O Schausäle, wo man erwartet, daß Franzosen Berlinerblausäure wie Wasser trinken werden! O mitleidige Zuschauer, welche besagte Franzosen bis in die Kohlenkammern verfolgen, wenn sie sich weigern sich zu vergiften! O alte Verfassung, die immer bestritten werden muß! O neue Verbesserungen, welche nie dem Zweck entsprechen! O Spekulationen! O Kompanieen ! O Wuchergesetze, welche gegen Wucherer dadurch schützen, daß sie deren so viele als möglich machen! O Kirchen, in welchen Niemand etwas profitirt, als der Pfarrer und die alten Weiber, welche die Kirchstühle für einen Abend vermiethen! O superbe Theater, zu klein zu einem Park, zu ökonomisch für Häuser, welche Komödie und Belustigung ausschließen und ein Monopol darauf haben, riesenmäßigen Unsinn darzustellen! O Häuser von Gyps, an einem Tag erbaut! O Paläste, vier Fuß hoch, mit einer Kuppel in der Mitte, die unsichtbar seyn soll!Wir dürfen diese Apostrofe für keinen Anachronismus halten. Tomlinson meint natürlich einen Palast aus seiner Zeit. Einen der Läden, welche dem König von dem ökonomischen Volk der Ladenkrämer als Christgeschenk gegeben wurden. Wir vermuthen, er ist längst entweder niedergerissen oder umgeweht, ohne Zweifel ist er jetziger Zeit vergessen, ausgenommen bei dem Antiquitätenliebhaber. Nichts ist so efemer als große Häuser vom Volke gebaut. – Die Könige spielen den Henker mit ihren Spielsachen! O Krämerläden, Tausende werth, und Krämer nicht einen Schilling werth! O Kreditsystem, bei dem Bettler Fürsten, und Fürsten Bettler werden! O Haft wegen Schulden, welche den Gaul stehlen läßt und dann den Zaum einschließt! O Gauner und Gimpel, Senatoren, Schöngeister, Kneipen, Bordelle, Klubs, öffentliche und Privathäuser: O LONDON Mit Einem Worte! empfange mein letztes Lebewohl! Lang mögest du blühen in Frieden und Fülle! mögen deine Schelme schlau und deine Narren reich seyn! Mögest du nur zwei Dinge abstellen: die verdammten Kunststücke des Hängens und Deportirens! Das sind deine einzigen Fehler; wären diese nicht, ich würde dich nie verlassen. – Lebe wohl!«

Hiemit kehrte Tomlinson das Angesicht weg, schüttelte mit einem zitternden und warmen Druck dem langen Ned hastig die Hand, eilte die Stufen hinunter und bestieg das Boot. Ned blieb einige Augenblicke bewegungslos stehen und folgte ihm mit den Augen als er sich an das eine Ende des Boots setzte und ein weißes Taschentuch wehen ließ. Endlich entzog ihn eine Reihe von Barken dem Anblick des Nachsehenden und Ned wandte sich langsam weg und murmelte: »Ja ich habe immer gehört, daß Dame Lobkins die sicherste Freistätte für Unglückliche meiner Art war. Ich will mir eine Wohnung ausfindig machen, und morgen will ich mein Frühstück in dem Krug einnehmen.«

Sey es dir denn gefällig, lieber Leser, mit uns dem guten Räuber zuvorzukommen und zur Stunde des Sonnenaufgangs am Tage nach Tomlinsons Abreise auf den Schauplatz zurückzukehren, von wo unsre Erzählung ausging. Wir sind jetzt wieder im Hause der Frau Margrete Lobkins.

Das Zimmer, das zu so vielen Zwecken diente, war noch dasselbe wie damals, als Paul es zum Tummelplatz seiner muthwilligen Streiche machte. Der Küchentisch mit seinen Gefäßen, halb Steingut, halb Zinn, behauptete noch seinen alten, ehrfurchtgebietenden Stand. Nur das kann angemerkt werden, daß das Zinn viel trüber war als früher, und daß verschiedentliche Risse ihre unregelmäßigen Wanderungen über die gelbe Oberfläche des Steinguts gemacht hatten. Das Auge der Gebieterin hatte von seiner frühern Lebhaftigkeit verloren, und der Eifer der an die Hand gehenden Magd hatte natürlich nachgelassen. Die große Uhr summte noch ihr eintöniges Geprickel; die spanische Wand von Bettdecken, vielleicht von keiner Seifenberührung entweiht, seit wir sie zuletzt beschrieben, mit den vielen Geschichten und Balladen, breitete noch immer ihre weiten Flügel aus, reich an Spuren der zerstörenden Zeit. Der Spieß und die Muskete hingen noch in freundlicher Nachbarschaft an der Wand. Die lange, glatte Bank »mit manchem drauf geprägten heil'gen Text,« gab noch dem müden Wanderer Rast und einen Gegenstand für das stiere Auge der Dame Margrete Lobkins, wenn sie gegenüber davon in ihrem Stuhl nickte und die Welt vergaß. Aber die arme Piggy Lob! mit der war eine Veränderung vorgegangen! die Seele des Weibes war dahin! der Geist war aus dieser menschlichen Flasche verdampft. Sie saß mit offnem Mund und gläsernem Auge in ihrem Stuhl, schwankte herüber und hinüber, mit den leisen mürrischen Tönen des ärgerlichen Alters und körperlicher Beschwerden, und bisweilen verstärkte sich dieß klagende Gewinsel zu einem gellenden aber sinnlosen Gekeife. »Ihr da, Galgenvogel, habt vom Dünnbier genommen und nicht angekreidet; ihr wollt eine arme Widdfrau bedrühgen; aber ich seh's wohl, ja wohl! du Schlumbe du, du gifdige Strunsel, bring den Schnabbs her, siehscht nicht, wie ich leiden muß? Hascht keine Kuddeln im Leid, daß du eine arme krischdliche Krewadur aus Mangel an Hülfe umkommen läscht? das ischt der Brauch bei ihnen, ja das ischt der Brauch! Niemand bekümmert sich mehr um Unsereins – Niemand hat mehr Achdung vor den grauen Haaren des Alders!« Und dann sank die Stimme zu ihrem gewöhnlichen winselnden Gesumme herab. Martha, ein Dragoner von Weibsbild mit rothen Haaren, welche über ihre Schneehügel hinunterwallten, war indeß nicht unachtsam gegen die Bedürfnisse ihrer Gebieterin. »Wer weiß,« sagte sie zu einem Mann, der am Herde saß, Thee aus einer blauen Kanne trank, und sich zu seines Leibes Nahrung und Nothdurft mit großer Sorgfalt zwei oder drei ungeheure runde Brodstücke röstete, »wer weiß, was aus uns selbst werden kann?« und mit diesen Worten setzte sie einen glühenden Becher neben den Ellenbogen ihrer Gebieterin. Aber in dem Verfall ihrer Verstandeskräfte war das alte Weib sogar für diesen Trost unempfänglich, zwar schlürfte und trank sie; aber als ob der Strom die erstarrten Gegenden, durch welche er kam, nicht mehr erwärmte, fuhr sie fort in ihrer kreischenden und jammernden Art zu brummen: »Ischt das eure Dankbarkeid, ihr Schlaugenbruhd! was bringd Ihr nicht den Schnabbs, wie ich's sage? Bin ich in dem Alder Wasser zu drinken wie ein Gaul, du garstiges Mensch! O wenn ich mir das je gedachd hädde, daß ich so werde im Stich gelassen werden!«

Ohne auf dieses Schelten zu achten, das sie als ungegründet erkannte, verließ die rumorende Martha jetzt das Zimmer, um ihren Beschäftigungen in der obern Haushaltung nachzugehen. Der Mann am Herd blieb jetzt der einzige Gesellschafter der Wittwe. Mit rohem Mitleid im Auge sah er sie, als sie weinend da saß, einen Augenblick an, kaute gemächlich an seiner Schnitte, die er jetzt mit Butter geröstet, und auf ein Teller von Steingut auf der Kaminecke gelegt hatte und begann folgenden tröstlichen Zuspruch:

»Ah, Frau Lobkins, wär' nur der kleine Paul noch bei Euch! wär' doch eine Art Galgentroscht für Euch beim herannahenden End'.«

Der Name Paul machte, daß die gute Frau den Kopf gegen den Sprechenden wendete; ein Strahl der Erinnerung zuckte durch ihr verdumpftes Hirn.

»Der kleine Paul! He, ihr Herr da? Wo ischt der Paul? Paul, sag' ich mein Bürschchen! Ach und weh! Er ischt fort, läßd seine arme alde Pflegmudder wie eine Katz' im Keller verderben. Oh Dummie! wünschd Euch doch nicht ald zu werden, Mann! Sie lassen uns im Alder eben sitzen und nehmen allen Schnabbs mit fort. Ich hab' keinen Drobfen Droscht mehr in der weiden Weld!«

Dummie, der im gegenwärtigen Augenblick seine eigene Gründe hatte, der Frau zu schmeicheln und eifrig strebte eine Unterredung ohne Zeugen, wie die dermalige, auf's beste für seine Zwecke zu benützen, antwortete theilnehmend; und mit einer Schlauheit, welche ihn gar leicht zum Ziele führen konnte, schalt er Paul bitter, daß er die Alte nie von seinem Aufenthaltsort und seinem Schicksal in Kenntniß gesetzt, »aber kommt, Alte,« so schloß er, »ich weiß, daß er über das Alles hinaus ischt, und daß Ihr Euer aldes Hirn nicht anzugreifen braucht, um herauszubringen, wo er liegt oder was er dreibt. Schlag mich dieser und der, Mudder Lob – ich bitt' um Exkuhse, Mrs. Margrete wolld' ich sagen – wenn ich nicht gern fünf goldne Füxe, ja und noch fünf oben drein gäbe, wenn ich wüßde, wo herum der arme Kerl jetzt ischt; ich hab' eine greuliche Affekzion für den lieben Jungen!« »Oh, Oh,« stöhnte das alte Weib, an deren zerrüttetem Sinn die listigen Nachforschungen Dummie's ganz kraftlos scheiterten: »mein armes sündhaftes Geripp! was ischht das für ein Wesen darin!«

Mit vieler List erneuerte Dummie Dumwater, noch nicht muthlos, seinen Angriff; aber das Glück begünstigt nicht immer den Klugen und es entstand jetzt dem Dummie aus zwei Gründen; erstens, weil es der Frau unmöglich war, ihn zu verstehen, zweitens, weil, wenn dieß auch der Fall gewesen wäre, sie nichts zu entdecken hatte. Einige von Cliffords Geldgeschenken waren ohne Namensunterschrift, alle ohne Bezeichnung des Aufenthalts und Datum gekommen; und zum größten Theil hatte die kluge Martha, in deren Hand sie zuerst fielen, zu ihren Privatzwecken sie sich zugeeignet. Auch bedurfte die Alte Cliffords Erkenntlichkeit nicht, denn sie war eine Frau, welche in dieser Welt ihr erträgliches Auskommen hatte, in Betracht wie schnell sie schon einer andern zureiste. Länger hätte aber wahrscheinlich Dummie seine unersprießlichen Nachforschungen fortgesetzt, hätte nicht die Thüre der Kneipe in ihren Angeln geknarrt und die trotzige Gestalt eines großen Mannes in einem Filzkittel, aber mit einem auffallend schönen Haarwuchs, die Schwelle verdunkelt. Er beehrte die Dame, welche auf ihn einen Blick ihres glanzlosen Auges fallen ließ, mit einem verdrießlichen, aber höflichen Bückling, holte Flasche geistiges Getränk und einen Becher, zündete ein Licht an, zog eine kleine kölnische Pfeife und eine Tabacksbüchse aus der Tasche, legte diese Kostbarkeiten auf einen kleinen Tisch, schob diesen in eine entlegene Ecke des Zimmers, warf sich in einen Stuhl und seine Beine auf einen andern, und erfreute sich so des Endes seiner Strapazen in einem trüben aber stolzen Stillschweigen. Lang und ernstlich betrachtete der demüthige Dummie das Angesicht des Herrn, der vor ihm saß. Seit einigen Jahren hatte er es nicht mehr gesehen; aber es war Eines, das sich nicht leicht im Gedächtniß verwischte; und obgleich der Inhaber desselben ein Mann war, der sich in der Welt emporgemacht und die Höhe seines Berufs erreicht hatte, (ein Rang, der weit erhaben war über die tägliche Geschäfts-Sfäre Dummie Dummakers) und der anspruchslose Dieb deßwegen sehr stutzte, ihn in diesen niedrigen Regionen zu erblicken, so führte doch Dummie's Erinnerung ihn in Zeiten zurück, wo sie ohne Unterschied der Personen gemeinschaftliche Geschäfte gemacht hatten, und recht artige Gesellen in der Ausübung des edlen Spiels: Lump mein Nachbar! gewesen waren. Während jedoch Dummie Dummaker, von Natur ein wenig scheu und schüchtern, bei sich überlegte, ob es sich schicke, die Ansprüche auf alte Bekanntschaft geltend zu machen, trat ein schmutziger Bube mit einem Gesicht, das Frost verrieth, wie, nach Dummie's eigenem Ausdruck: eine Pflaume, die am Scharlachfieber stirbt, ins Zimmer, mit einer Zeitung in der rechten Pfote. »Große Neuigkeiten, große Neuigkeiten!« schrie der kleine Zottelbär, die kreischenden Originale auf der Straße nachahmend, »Alle von dem berühmten Hauptmann Lovett, so lang wie das Leben!«

»Halt's Maul mit deinem Geplärre, du Schreihals! « sagte Dummie verweisend und griff nach der Zeitung.

»Mein Herr sagt, er müsse sie wieder haben, um sie nach Clapham zu schicken, und könne sie nicht länger als eine Stunde entbehren!« sagte der Knabe beim Weggehen.

»Ich erinnere mich noch des Tags,« sagte Dummie, mit dem Eifer eines Stammgast, »wo der Krug eine Zeidung ganz für sich allein hielt, stadd sie zu endlehnen bei dem Mäkler!«

Hier öffnete er mit einem Schneller das Blatt und gab sich der Lektüre hin; aber der große Fremde, mit einem Ruck sich aufrichtend, rief aus: »Habt Ihr nicht so viel Lebensart, einem Andern auch etwas mitzutheilen? Meint Ihr, Niemand bekümmre sich um Hauptmann Lovett, als Ihr?«

Auf dieß wandte sich Dummie auf seinem Stuhl um, und mit einem: »Schlag mich dieser und jener, Ihr seyd willkommen, ganz gewiß!« begann er wie folgt: (wir geben den Inhalt nach dem Druck und nicht nach der Vorlesung.) »Das Gericht über den berüchtigten Lovett fängt heute an. Große Anstrengungen sind von Leuten aller Klassen gemacht worden, um sich Sitze im Stadtsaal zu verschaffen, der in einem Grade wird angefüllt werden, wie es in dieser friedlichen Provinz noch nie erlebt ward. Man sagt, nicht weniger als sieben Anklagen erwarten den Gefangnen; man hat festgesetzt, daß der an Lord Mauleverer verübte Raub zuerst vorkommen soll. Der Hauptzeuge für diesen Fall gegen den Gefangenen ist dem Vernehmen nach der Zeuge des Königs, Mac Grawler. Ueber die der Theilnahme an dem Verbrechen Verdächtigen, Augustus Tomlinson und Edward Pepper, hat man nichts Neues in Erfahrung gebracht. Man glaubt, jener habe das Land verlassen, und der letztere verkrieche sich in den dunkeln Zufluchtsstätten des Verbrechens, woran die Hauptstadt so reich ist. Die Berichte reden sehr günstig von der Person und dem Benehmen Lovetts. Er gilt auch für einen Mann von einigem Talent und war früher Mitarbeiter an einer obskuren Zeitschrift, von Mac Grawler herausgegeben, und Altenäum oder Asinäum genannt. Demungeachtet vermuthen wir, daß seine Herkunft ganz niedrig ist und der Art seines Treibens entspricht. Der Gefangene wird hinsichtlich des Richters sehr glücklich seyn. Nie erntete ein Mann in dem hohen Amt wie Sir William Brandon, in so kurzer Zeit so hohes Lob und solchen Ruf. Die Whigs pflegen uns zu verhöhnen, wenn wir auf die Privattugenden unserer Minister ein Gewicht legen. Sie mögen Sir William Brandon ansehen und gestehen, daß die strengste Sittlichkeit mit der gründlichsten Einsicht und dem glänzendsten Geiste gepaart seyn kann. Die Eröffnungsanrede des gelehrten Richters an die Geschwornen zu – –, ist vielleicht das gewaltigste und feierlichste Meisterstück von Beredtsamkeit in der englischen Sprache!« Die Ursache dieser Lobsprüche könnte man vielleicht in einem andern Abschnitt der Zeitung finden, wo es hieß: »In den höhern Cirkeln hat sich, wie wir hören, das Gerücht verbreitet, daß Sir William Brandon zur parlamentarischen Thätigkeit in einer höhern Weise zurückkehren soll. So hoch werden die Talente dieses Mannes von seiner Majestät und den Ministern geachtet, daß diese, wie man erzählt, das Verlangen hegen, sich seinen Beistand im Cabinet zu gewinnen, und natürlich, da sein Stand ihn von den Gemeinen abschließt, im Hause der Lords!«

Als Dummie sich auf mühseliger Wanderung durch die erste der obigen Stellen durchbuchstabirt hatte, wandte er sich zu dem großen Fremden, sah ihn mit einer Art von zuwinkender Bedeutsamkeit an und sagte: »So, Mac Grawler petzt, wirft die Harpune nach seinen Gesellen! eh! Nun guhd, ich hab immer diesen Sohn einer Kanone im Verdachd gehabd, er kam manchen lieben Dag in den Krug, unsern kleinen Paul zu unterrichden, und sagd' ich zu Piggy Lob', sagd' ich, schlag mich dieser und jener, wenn das nicht ein Blaustrumpf ischt! und wenn er nicht noch gehenkt wird, sagd' ich, so ischt es nur darum, weil er rostig werden wird, und Einen seiner Spießgesellen an den Galgen liefern! So seht Ihr jetzt, – (hier sah sich Dummie rings um und seine Stimme wurde zu einem leisen Flüstern;) – »so seht Ihr, mein Herr Pepper, ich war da kein Narr!«

Der lange Ned ließ die Pfeife sinken und sagte herb und mit argwöhnischem Stirnrunzeln: »Wie! Ihr kennt mich?«

»Gewiß und wahrhafdig das duh' ich,« antwortete der kleine Dummie und ging an den Tisch, wo der Räuber saß. »Kennt Ihr mich denn nicht?«

Ned betrachtete den Frager mit einem mürrischen Blick, der sich allmälig zur Wiedererkennung aufklärte. »Ah,« sagte er mit dem Anstand eines Brummel, »Herr Bummie, oder Dummie, glaub' ich, he? Hand her! – freut mich, Euch zu sehen – Besinne mich, als ich Euch das letztemal sah, habt Ihr mich eigentlich beleidigt. Denkt nicht mehr daran. Ich glaube gern, es war nicht Eure Absicht.«

Ermuthigt durch diesen leutseligen Empfang des Highwayman, aber doch ein wenig in Verlegenheit gesetzt durch Neds Anspielung auf sein früheres Benehmen, welche er gegründet fand, grinste Dummie, rückte einen Stuhl neben Ned, setzte sich und sorgfältig einer unmittelbaren Antwort auf Neds Vorwurf ausweichend, erwiederte er:

»Wißd Ihr, Herr Pepper, Ihr habt mich vor Staunen ganz konfus gemacht. Ich konnde mir nicht im Draum einfallen lassen, Ihr würdet Euch heud zu Dag noch herundergeben, in den Krug zu kommen, wo ich Euch nie als früher Einmal gesehen hab. Der Herr schütz' Euch! es heißt, Ihr gehet an alle vornehmen Oerter hin mit Manschedden und ein Baar silbernen Buffern in den Westendaschen! Wenn die Jungen hierherum sagen, Ihr und Herr Tomlinson und der arme Deufel in der Brison seyen die fornehmsten Gennelmen in der Stadt; und o Herr im Himmel! wenn ich Eure Höflichkeit bedenke gegen einem armseligen Lumpenhändler, wie Unsereins!«

»Ach,« sagte Ned ernst, »es sind jetzt arge Grundsätze im Schwang. Man will jetzt alle Standesauszeichnungen wegschaffen, einen Herzog für nichts Besseres gelten lassen als seinen Kammerdiener, und einen Gentleman von der Landstraße mit einem Taschenfeger zusammenlociren. Aber Gott straf mich, wenn ich nicht denke, das Unglück macht uns alle ganz gleich; und das Unglück bringt mich hirher, kleiner Dummie.«

»Aha, Ihr wollt Euch den Fleischmännern aus dem Wege machen?«

»Recht! Seit sie den armen Lovett in den Stock gelegt haben, woran nichts Schuld war, das muß ich sagen, als sein verdammt gentlemanmäßiges Benehmen gegen mich und Augustus, (Ihr habt es von Guz gehört, sagtet Ihr,) scheint unser Bund ganz zersplittert. Die eignen Freunde scheinen aufgelegt, ein falsches Spiel mit Einem zu treiben, und in der That die Polizeispürhunde sind uns so scharf auf den Hacken, daß ich es für das sicherste hielt, für einige Zeit unterzukriechen. So hab' ich denn eine Wohnung in einem Keller gemiethet, und habe im Sinne das nächste Vierteljahr mich von dem Kruge speisen zu lassen. Ich habe gehört, ich könne hier ganz sicher im Versteck liegen. Dummie, Eure Gesundheit! Gebt mir die Kanne!«

»Ich sage, Herr Pepper,« versetzte Dummie sich räuspernd, nachdem er der Anforderung entsprochen, »könnt Ihr mir wohl Auskunft geben, ob Ihr auf Euern Wanderungen nicht unserm kleinen Paul begegnet seyd? der arme Junge! Ihr wißt, wie und warum er vom Richter Burnflat in Brison geschickt wurde. Nu, als er herauskam ging er zum Deufel, oder edwas dergleichen, und seither haben wir keine Sylbe von ihm gehört. Ihr erinnert Euch des Burschen – ein ausbändig feiner Gesell, schlank und gerad wie ein Bfeil!«

»Nun, Ihr Narr!« sagte Ned, »wißt Ihr nicht,« dann hielt er plötzlich inne, »ach, da fällt mir's ein, der verwetterte Eid! Ich sollt' es nicht sagen; aber jetzt ist's zu spät, ihn noch zu halten fürcht' ich! Es ist nicht der Brauch nach dem Siegel zu sehen, wenn der Brief verbrannt ist.«

»Schlag mich!« rief Dummaker mit unverstellter Heftigkeit, »ich seh' Ihr wißt, was aus ihm geworden ischt! Manchen guhden Dienscht will ich Euch wieder duhn, wenn Ihr mir es sagt!«

»Warum? Ist Er Euch ein Dutzend Füchse schuldig, oder was sonst Dummie?« sagte Ned.

»Er nicht – Er nicht!« rief Dummie.

»Was denn, wollt Ihr ihm irgend einen Streich spielen?«

»Dem kleinen Paul einen Streich spielen!« schrie Dummie laut auf, »was, ich habe ja den Schelmen gekannt seit er so hoch war! Nein, aber ich möchde ihm gern einen großen Dienscht erweisen, Herr Pepper, und mir selbscht auch mit – und Euch obendrein, Herr Pepper, nach Allem was ich weiß.«

»Hm!« sagte Ned, »hm, was wollt Ihr damit sagen? Ich weiß allerdings wo der kleine Paul ist, aber Ihr müßt mir zuerst sagen, warum Ihr es zu erfahren wünscht, sonst mögt Ihr Euren Großvater fragen und nicht mich!«

Einen langen, scharfen, bedenklichen Blick warf Dummie Dummaker rings umher, eh er antwortete. Alles schien sicher und geeignet zu vertraulichen Mittheilungen. Die erstorbnen Züge der Frau Lobkins waren in schläfrige Starrheit versunken; sogar die graue Katze im Flur lag in Morfeus Umarmung.

Demungeachtet sprach Dummie nur in leise flüsterndem Tone.

»Ich darf wohl versichert seyn, Herr Pepper, daß Ihr Euch noch erinnert, wie Harry Cook, der große Highwayman – der arme Kerl! er ischt hingegangen, wohin wir Alle müssen! – Euch, damals einen bloßen Laffen zum erschdenmal in das kleine hindere Unterhaldungszimmer im Hahn und Henne in Devereux-Court brachte?«

Ned nickte zustimmend.

»Und erinnert Euch auch, wie ich Euch und Harry dort draf und wegen Euch ganz in Sorgen war – Ursach warum? Ich hatt' Euch zuvor nie gesehen und wir wollden eben einem Herrn einen Besuch durch eine neue Dühre machen. Und Harry sprach guhd für Euch und sagde, daß Ihr, obgleich erscht in die Stadt gekommen, doch schon ein durchdriebener Vogel wäret – Ihr erinnert Euch noch? he?«

»Ja, ich erinnere mich an Alles,« sagte Ned, »es war das erste und einzige Haus, wo ich beim Einbrechen Hand anlegte. Harry war ein Bursche von gemeiner Lebensweise, so gab ich seine Bekanntschaft auf und hielt mich allein an die Landstraße, oder machte dann und wann einen Geniestreich. Ich habe keinen Begriff von einem Gentleman der ein Nachtdieb wird.«

»Nun, Ihr gienget mit uns und wir schoben Euch durch ein Loch im Küchenfenster. Ihr waret der schmalste von uns, so dick Ihr jetzt seyd, und Ihr drücktet Euch durch und öffnetet uns die Dühre und als Ihr die Dühre aufgemacht haddet, da habt Ihr gesehen, daß ein Weib zu uns gestoßen war; und da kam Euch die Schwerenoth an und Ihr bliebt draussen vor dem Haus, und hieltet Wache mittlerweile wir hineingingen.«

»Gut, gut!« rief Ned, »was Teufels hat all dieß heillose Gewäsche mit Paul zu schaffen?«

»Werdet nicht falsch, sondern laßt mich nach meinem Geschmack die Sache vordragen. Wie wir hinausgekommen sind, merkdet Ihr, daß das Weib ein Bündel in den Armen drug und ihr habt sie deswegen angeredet, aber sie hat Euch barsch geandwordet und uns verlassen und ist geradenwegs nach Haus gegangen; wir aber gingen her, vermauschelden noch in der Nacht den Plunder, und deilden dann die Pflichtdeihle aus. Und Ihr habt uns dazumalen auch herzlich lachen machen, Herr Pepper, wie Ihr gesagt habt: »das Weib da,« habt Ihr gesagt, »ist ein verweddert hübscher Besen!« das war sie auch, Herr Pepper!«

»Oh, verschont mich,« sagte Ned dringend, »und macht schnell; Ihr laßt mich so lang ganz im Dunkeln. Beiläufig ich erinnere mich, daß Ihr mich wegen des Bündels aufzogt; und als ich fragte was das Weib darin eingewickelt gehabt habe, schworet ihr: ein Kind. Wahrscheinlicher wahrhaftig, daß die Jungfer, oder was sie war, ein Kind zurückgelassen als eins mitfortgenommen hätte.«

Dummie's Angesicht erweiterte sich in sich fühlender Wichtigthuerei.

»Nun guhd, Ihr habt uns dazumalen nicht glauben wollen; aber es ischt ganz wahr gewesen, in dem Bündel war des Weibs Kind, ich bilde mir ein, ein unehliches von dem Herrn; sie hat uns in das Haus geführt under der Bedingung, ihr zum Raub des Kinds behülflich zu seyn. Und schlag mich dieser und jener, wir haben uns für unsre Mühe recht ordentlich bezahlt gemacht. Das Weib war ein curioses Geschöpf; es hieß sie sey eines Lords seine Mädreß gewesen; aber wie das seyn mag, sie war ein so heißgrädiges und seldsames Ding als wäre sie's wirklich gewesen. Es ischt aber eine Teufelshatz über der Sache losgegangen, und der Preis der auf unsre Entdeckung gesetzt wurde, ischt so groß gewesen, daß Harry, weil Ihr noch nicht so recht erbrobt waret, es für das Beschde hielt, Euch mit auf's Land zu nehmen und zu sagen: es sey mit dem Kind in dem Bündel lauter Jux gewesen.«

»Wahrhaftig,« sagte Ned, »ich glaubte ihm recht gerne; und der arme Harry ward bald nachher herumgezwirbelt, und ich ging der Sicherheit wegen nach Irland, wo ich zwei Jahre blieb und verteufelt guten Claret bekam.«

»So, während Ihr dort gewesen seyd,« fuhr Dummie fort, »ischt die arme Judy, das Weib, geschdorben – sie ischt in diesem Haus geschdorben und ließ ihr Waisel der Zärdlichkeit der Piggy Lob, die wahrhaftig ganz närrisch verliebt darein gewesen ischt. Oh! ich erinnre mich's noch wohl, was das für eine Nacht gewesen ischt, wo die arme Judy geschdorben ischt; der Wind blies wie besessen, und der Regen strollte herum, wie wenn er einen Feierdag gehabt hädde; und da ischt die arme Krewadur im Rasen da gelegen, grad über unserm Kopf, wo wir jetzt sitzen. Behüt mich der Herr! was ischt das für ein Anblick gewesen!«

Hier hielt Dummie inne und schien sich die Scene, wovon er Augenzeuge gewesen, wieder in's Gedächtniß zu rufen; aber in der Seele des langen Ned ging allmählig ein Licht auf.

»Ha so!!« sagte er, den Zeigefinger erhebend, »ha so! ich rieche den Braten; dieß gestohlene Kind, also, war kein anderes als Paul, aber bitte, wem gehörte jenes Haus? dieß hat mir Harry nie mitgetheilt. Ich hörte nur der Eigenthümer sey ein Rechtsgelehrter oder Geistlicher, oder sonst so was!«

»Je nun, ich will es Euch erzählen, aber werdet nicht falsch. So, seht Ihr, wie die Judy geschdorben ischt und der Harry gehenkt worden, da bin ich das einzige lebendige Geschöpf gewesen das um das Geheimniß gewußt hat; und wie die Mudder Lobkins einen Tropfen Herzstärkung genommen hat, nach dem Abscheiden der Judy, da mach' ich eine große Kischde auf, wo die arme Judy ihren Geschmuck und Siebensachen gehabt hadde, und wahrhafdig da find' ich auf dem Boden der Kischde gar viele Briefschafden und derlei Zeug; denn ich wußde, daß sie da wären; ich raffe sie zusammen und nehme sie mit nach Haus, und bald darauf verkauft mir Mudder Lob die Kischde mit den Siebensachen um zwei Goldsvögel – Ursach warum? Ich war ein Lumpenhändler. So nun hab' ich bei mir beschlossen, weil das Geheimniß ganz nur bei mir stand, es so guhd zu verwahren wie den Hahnen am Weinfaß! erschdlich, seht Ihr, fürchdede ich mir, ich würde an den Galgen kommen, wenn ich es sagen würde – Ursach warum? Ich hab' eine Uhr und sonschdige Sachen geschdohlen ausser dem Wechselbalg, und zudem fürchdede ich mir auch, die Mudder möchde wieder kommen, und mich heimsuchen, wie Sall den Billy heimsuchde, denn es war eine grausenhafde Nacht, wo ihre Seele Flügel bekommen hat. Und über und zu dem Allem, Herr Pepper, dachd' ich, es könnde doch edwa einmal die Sache so wenden, daß es für mich am Beschden wäre, mein Geheimniß für mich zu behalden und die Belohnung wegzuschnabben, wenn ich einmal frei geschdehen durfte.«

Hier erzählte nun Dummie weiter, in welcher Besorgniß er gewesen, Ned möchte Alles entdecken, wenn er (man wird sich aus dem Anfang dieser Geschichte erinnern, wie Pepper den Paul in die Schule nahm,) im Hause der Frau Lobkins mit dem Ehrenmann zusammenträfe; wie diese Besorgniß ihn veranlaßt, gegen Pepper die Kälte und Grobheit anzunehmen, wodurch der stolze Highwayman so erbittert geworden war, und welchen Trost und welche Freude ihm die Entdeckung gemacht habe, daß Ned nicht mehr den Krug besuchte. Dann unterrichtete er weiter seinen neuen Vertrauten von seinem Zusammentreffen mit dem Vater, der scharfsinnige Leser weiß schon, wo und wann,) und was auf diesen Vorfall hin statt fand. Er erzählte, wie er bei seiner ersten Verhandlung mit dem Vater, weislich beschließend, die Aufschlüsse in deren Besitz er war, nur tropfenweise ihm mitzutheilen, ohne seinen Antheil an der Räuberei einzugestehen, nur erklärt habe: er glaube das Haus zu kennen, in welchem das Kind niedergelegt worden, und wenn es sich so verhalte, daß es auch noch lebe – aber darüber wolle er Nachforschungen anstellen. Dann berichtete er, wie der hoffnungsreiche Vater, welcher einsah, daß den Dummie wegen des Diebstahls an seinem Hause zu hängen, ein nicht halb so sichres Mittel seyn würde, seinen Sohn wieder zu bekommen, als Bestechung und Verzeihung, ihm nicht allein sein früheres Verbrechen vergeben, sondern auch seinen Eifer in der Nachforschung durch Belohnung seiner Eröffnungen geschärft habe. Dann setzte er weiter auseinander, wie er außer Stand, Paul oder eine Spur von ihm aufzufinden, den Vater von Zeit zu Zeit mit ersonnenen Entschuldigungen beruhigt; wie ihm Anfangs die erhaltenen Summen keine Lust gemacht, eine Entdeckung zu beschleunigen, welche so angenehme Zuflüsse würde abgeschnitten haben; wie zuletzt die Größe der versprochnen Belohnung, verbunden mit den Drohungen des Vaters ihm ein ernstliches Verlangen eingeflößt, das wirkliche Schicksal und den dermaligen Aufenthaltsort Pauls zu erfahren; wie er das letztemal als er den Vater gesprochen, ihm zur Begütigung und als erste Ausbeute seiner Forschungen, alle von der unglücklichen Mutter hinterlassenen Papiere, welche er aufbewahrt, eingehändigt habe, und wie er jetzt hocherfreut sey zu erfahren, daß Ned Pauls Aufenthaltsort kenne. Seit er verzweifelte, durch eigne Bemühungen allein Paul aufzufinden, hielt er sein Geheimniß weniger zäh fest, und bot jetzt Ned für Aufschlüsse über Paul ein Drittheil der Belohnung an, welche er bisher sich allein zuzueignen gehofft hatte.

Ned sperrte Mund und Augen bei diesem Vorschlag auf. »Aber den Namen – den Namen des Vaters – den habt Ihr mir ja noch nicht gesagt!« rief er ungeduldig.

»Nein, nein!« sagte Dummie schlau, »ich sag' Euch nicht Alles, eh' Ihr mir auch was gesagt habt. Wo ischt der kleine Paul, sag' ich; und wie kommen wir ihm bei?«

Ned seufzte tief auf.

»Was den Eid betrifft,« sagte er nachdenklich, »so wäre es eine Sünde ihn zu halten, da ihn zu brechen ihm keinen Schaden bringen, wohl aber nützlich werden kann! besonders da im Fall der Einsperrung oder des Todes der Eid als nicht mehr verbindend gilt; aber ich fürchte, für die Belohnung ist es zu spät. Der Vater wird euch kaum Dank wissen, wenn ihr ihm seinen Sohn auffindet! Wißt Dummie – Paul ist im – – Kerker! er ist Eine und dieselbe Person mit dem Hauptmann Lovett!«

Nie prägte sich das Erstaunen in leserlicheren Zügen aus, als es sich jetzt auf dem rohen Gesicht Dummie Dummaker's kund gab. So gewaltig aber sind die auf den Beruf sich beziehenden Empfindungen, verglichen mit allen andern, daß Dummie's erstes verworrenes Gefühl das des Stolzes war. »Der große Hauptmann Lovett!« stammelte er. »Der kleine Paul auf dem höchsten Gipfel des Handwerks! Herr! Herr im Himmel! Hab' ja immer gesagt, er hab' Ehr' im Leib, um hoch zu steigen!«

»Gut, gut, aber der Name des Vaters?«

Bei dieser Frage sank der Ausdruck in Dummie's Angesicht; ein plötzlicher Schauder umnebelte ihm die Augen –.

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