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Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeSechstes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid0dea50ec
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Clem. Der Jahre Schleier weg! was ist dahinter?
Ein menschlich Herz! O Riesenstadt, bewohnt,
Von jeder Herrlichkeit und jeder Schande!
Faul, aber schweigend, durch der Leidenschaften
Gebraus, strömt hin der Fluß der Lieblingssünde;
Ein Leben und ein Gift trägt seine Welle.
          *           *           *             *
          *           *           *             *
Clem. Dein Weib?
Vict. Fort fort! ich hab' dieß Wort vertauscht mit Spott!
Clem. Dein Kind?
Vict. Das traf mein Herz! mein Kind! mein Kind!

Liebe und Haß von – –

In einer abgelegenen Stadt in – –shire schlug ein junges Paar seinen Wohnsitz auf, dessen Erscheinung und Lebensweise die Aufmerksamkeit der Klatschmäuler in der Nachbarschaft in mehr als gewöhnlichem Grad auf sich zog. Sie nannten sich Welford. Der Mann griff zu dem Gewerbe eines Sachwalters. Er war ohne Empfehlungen und Protektion, seine Lebensweise verrieth Armuth; sein Benehmen war zurückhaltend und sogar herb und trotz der scharfen und neugierigen Aufmerksamkeit womit er betrachtet wurde, gewann er keine Clienten und bekam keine Prozesse. Der Mangel aller jener anständigen Charlatanerieen, welche die Leute jedes Berufs beinah nothgedrungen anwenden müssen, und die plötzliche unvorbereitete Art seines Auftretens waren vielleicht die Hauptursachen dieses schlechten Glücks. »Sein Haus,« sagten die Leute, »sey zu klein um Achtung und Vertrauen einzuflößen!« Und wenig Gutes ließ sich auch von einem Sachwalter erwarten, bei welchem sogar das Gitter um die Hausthüre so kläglich nach einem frischen Anstrich schmachtete. Zudem erwarb sich auch Mrs. Welford eine ungeheure Menge Feindinnen. Sie war über alle Beschreibung schön, und in ihrem Benehmen lag eine Art Coquetterie, welche zu zeigen schien, daß sie sich ihrer Reize bewußt war.

Alle Damen in – – haßten sie. Wenige Leute besuchten das junge Paar. Welford empfing sie kalt; ihre Einladungen wurden nicht angenommen und was noch schlimmer war, nie erwiedert. Der Teufel selbst hätte es mit einem Anwalt unter solchen Umständen nicht ausgehalten, Verschlossen, armselig, dürftig, grob, unempfohlen, ein schlechtes Haus, ein unangestrichenes Gitter und ein schönes Weib! Demungeachtet, obwohl Welford nicht zu Rathe gezogen wurde, ward er doch, wie wir schon gesagt, beobachtet. Anfangs nach ihrer Ankunft, im Sommer, sah man oft das junge Paar in den Feldern und Hainen, welche in der Nähe ihres Hauses waren, lustwandeln. Bisweilen gingen sie zärtlich mit einander und man beobachtete, mit welcher Sorgfalt Welford seiner Gattin den Mantel oder Schawl um den schlanken Leib hing, wenn die Abendkühle hereinbrach. Aber oft zog er den Arm weg, blieb hinter ihr zurück und sie setzten ihren Gang schweigend und jedes für sich fort, oder kehrten nach Haus. Allmälig ging ein Geflüster in der ganzen Stadt um, das neuvermählte Paar lebe durchaus nicht glücklich. Die Männer schoben die Schuld auf den griesgrämigen Gemahl, die Weiber auf die wilde Hummel von Frau. Die einzige Dienerin jedoch, die sie hielten, erklärte, obgleich Herr Welford bisweilen grolle und Mrs. Welford zu Zeiten weine, seyen sie doch äußerst zärtlich gegen einander und zanken sich blos aus Liebe. Das Mädchen hatte selbst schon vier Liebhaber gehabt und mochte in solchen Dingen gut bewandert seyn. Sie erhielten keine Besuche aus der Nähe oder Ferne und der Briefträger erklärte, es sey ihm nie ein Brief an eines von beiden unter die Augen gekommen. Ein so geheimnißvoller Schleier hüllte dieses Paar ein und machte, daß sie noch mehr angegafft, und was viel sagen will, noch mehr gemieden wurden, als ohne dieß der Fall gewesen wäre. So arm Welford war, verriethen doch seine Haltung und sein Gang in hohem Grad das, was gemeine Leute Vornehmheit nennen. Und hierin that er es bei weitem seiner schönen Frau zuvor, welche, obwohl durchaus nichts Ungebildetes und Gemeines in ihrer Erscheinung war, doch ganz der ausgesuchten Feinheit in Betragen, Geberden und Ausdruck ermangelte, welche Herrn Welford auszeichnte. Ungefähr zwei Jahre lebten sie in dieser Weise, und so sparsam und ruhig, daß, obgleich Welford, so viel man wußte, keine Mittel zum Lebensunterhalt hatte, sich Niemand wundern konnte, wie sie doch so auskamen. Nach Verfluß dieser Zeit steckte Welford auf Einmal eine kleine Summe in eine die Grafschaft angehende Spekulation. Im Verlauf dieser Unternehmung bewies er zum Staunen seiner Nachbarn einen außerordentlichen Sinn für Berechnung und sein Benehmen verrieth ganz den Mann von Gewandheit und Geschäftskenntniß.

Dieses so angelegte Kapital trug der Familie Welford hinreichende Zinsen, um, wenn sie dazu geneigt gewesen wäre, eine etwas bessere Lebensweise anzunehmen als bisher. Sie blieben aber in ihrer Weise unverändert, und die einzige Aenderung, welche durch dieß Ereigniß herbeigeführt wurde, bestand darin, daß sich Herr Welford von seinem angenommenen Berufe zurückzog. Er blieb nicht länger Anwalt! Man muß gestehen, daß er bei seiner Zurückziehung keine großen Einkünfte aufopferte. Um diese Zeit wurden einige Offiziere in – – einquartirt und einer von diesen, ein hübscher Lieutenant, war von den Reizen der Mrs. Welford, die er in der Kirche sah, so hingerissen, daß er keine Gelegenheit versäumte, seine Bewunderung an den Tag zu legen. Man machte die boshafte, obwohl nicht unbegründete Bemerkung, daß die Frau Welford, obgleich man in ihrem Benehmen keine förmliche Unschicklichkeit aufweisen konnte, doch weit entfernt war, die augenfälligen Huldigungen des jungen Lieutenants mit Mißfallen zu betrachten. Röthe übergoß ihre Wange wenn sie ihn erblickte und der galante Stutzer versicherte, dieß Erröthen sey nicht immer ohne ein Lächeln. Kühn gemacht durch die Auslegungen seiner Eitelkeit, und wie Jedermann, den Contrast bedenkend, welchen sein lebhaftes Gesicht und seine schimmernde Kleidung mit dem strengen und düstern Ausdruck, dem ungekünstelten Anzug und dem trotzigen Gang machte, was alles bei Welford den Eindruck einer wahrhaft schönen Person störte, kam unser Lieutenant auf den Gedanken, seine Leidenschaft in einem Briefe zu offenbaren, welchen er in den Kirchstuhl der Mrs. Welford legte. Diese kam aber an diesem Tag nicht in die Kirche; der Brief wurde von einem guthherzigen Nachbar gefunden, und in einem Ueberschlag ohne Namen dem Gemahl zugeschickt.

Was auf dieß Ereigniß hin in dem verborgenen Heiligthum der Häuslichkeit erfolgte, blieb natürlich ein Geheimniß; aber am nächsten Sonntag bemerkte ein scharfsichtiger Nachbar, wahrscheinlich der anonyme Freund, das Antlitz des Herrn Welford, der zuvor nie in der Kirche erschienen war. – nicht in demselben Stuhle mit seiner Frau, sondern in einem fernen Winkel des heiligen Hauses. Und Einmal, als der Lieutenant darauf lauerte, eine Antwort auf seine Epistel im Angesicht der Mrs. Welford zu lesen, behauptete derselbe gefällige Oberaufseher, es habe Welfords Gesicht ein satanisches, hinsterbendes, höhnisches Lächeln angenommen, das ihm das Blut gerinnen gemacht. Wie dem seyn mochte, der Lieutenant schied aus seinem Quartier, und der Ruf der Mrs. Welford blieb, zum Mißvergnügen der Leute, ungetrübt. Bald nach diesem mißglückte die Spekulation und es war eine ausgemachte Sache, daß die Welfords sich anschickten die Stadt zu verlassen; wohin, wußte Niemand; einige meinten ins Gefängniß; aber unglücklicherweise fand sich kein Gläubiger. Ihre Rechnungen hatten beinahe Nichts betragen, oder hatten sie sie regelmäßig bezahlt. Bevor jedoch die besprochne Auswanderung statt hatte, ereignete sich etwas, worüber die guten Leute in – – sich nicht wenig verwunderten. An einem hellen Frühlingsmorgen kam eine Lustpartie von einem großen Hause in der Nachbarschaft durch die Stadt. Am meisten fiel unter den Reisenden ein junger, reich gekleideter Reiter von sehr glänzendem und einnehmendem Aeußern auf. Nicht unempfindlich gegen das Aufsehen das er machte, ritt dieser Cavalier langsam hinter dem Zuge drein, um mit mehr Muße einige Damen zu betrachten, welche an einem Fenster standen und sehr bereitwillig waren, seine Blicke mit Lebhaftigkeit zu erwiedern. In diesem Augenblick scheute das Pferd, welches ungeduldig in den Zügel knirschte, der es von seinen Begleitern zurückhielt, an einem Scherenschleifer, prallte heftig auf eine Seite hinüber und der anmuthsvolle Reiter, der nicht an die Stellung gedacht hatte, welche ihn am besten im Gleichgewicht halten, sondern welche ihn im vortheilhaftesten Licht zeigen könnte, wurde mit ziemlicher Heftigkeit auf einen Haufen Schutt und Backsteine geschleudert, der schon lang zum Aergerniß der Nachbarschaft, vor dem unangestrichnen Gitter von Herrn Welfords Haus lag. Welford ging eben aus und fühlte sich genöthigt, (denn er war sonst kein Mann, dessen theilnehmende Gefühle so leicht anzuregen waren,) einen Blick auf den Zustand eines Menschen zu werfen, der ohne Bewegung vor seinem eignen Hause lag. Der Reiter kam bald wieder zur Besinnung, fühlte sich aber außer Stande aufzustehen; ein Bein war gebrochen. In den Armen seines Reitknechts sich aufrichtend, schaute er sich um und sein Auge begegnete Welford. Eine augenblickliche Wiedererkennung belebte das Angesicht des Fremden und verbreitete eine dunkle Röthe über die finstern Züge des Andern. »Himmel!« sagte der Cavalier, »ist das – –«

»Still, mein Lord!« rief Welford ihn rasch unterbrechend und sah sich rings um. »Aber Sie sind beschädigt – wollen Sie in mein Haus kommen?«

Der Reiter gab seine Einwilligung zu erkennen und wurde auf den Armen des Reitknechts und Welfords in die armselige Thüre des Exanwalts getragen. Dann wurde der Reitknecht mit einer Entschuldigung an die Gesellschaft abgefertigt, von welcher bereits viele dem Hause zueilten; obgleich ein Paar den Zugang über die ungastliche Schwelle erzwangen, gaben sie sich doch, sobald sie einige Noth- und Flickworte ausgestoßen und das Sinken ihres Sterns unter der finstern und kalten Herbigkeit des Wirths bemerkt hatten, damit zufrieden, daß es zwar ein verdammt widerwärtiger Streich für ihren Freund sey, daß sie aber vor der Hand ihm doch nichts helfen könnten; und mit dem Versprechen sich am nächsten Tage nach ihm erkundigen zu lassen, saßen sie wieder auf und ritten heim, größere Aufmerksamkeit als gewöhnlich den Bewegungen ihrer Pferde widmend. Sie schieden jedoch nicht eher, als bis der Wundarzt der Stadt erschienen war und erklärt hatte, der Verwundete dürfe durchaus nicht von hier weggebracht werden. Ein Lordsbein war ein Glücksfall, der dem Wundarzt von – – nicht jeden Tag begegnete. Wir können uns den Zustand der begierigen Erwartung denken, welche während dieser ganzen Zeit in der Stadt herrschte, die tödtliche Pein dieser ländlichen Nerven, wie sie sich bei so kleinen Bevölkerungen erzeugen und eine so tiefgreifende Sympathie mit den Angelegenheiten andrer Leute haben. Ein Tag, zwei Tage, drei Tage, eine Woche, vierzehn Tage, ein Monat verging und der Lord war noch immer ein Gast in Welfords Hause. Indem wir die Basen und Gevatern an ihrer Neugier zehren lassen – »Cannibalen an ihrem eignen Herzen!« – müßen wir den Leser einen Blick in das Innere der ungastfreundlichen Behausung des Exanwalts werfen lassen.

Es war gegen Abend, der Kranke hatte sich auf einem Sopha aufgerichtet und die schöne Mrs. Welford, welche ihn als Wärterin gepflegt hatte, legte das Kissen unter dem verletzten Glied zurecht. Er selbst versuchte ihre Hand zu ergreifen, welche sie spröd wegzog, und lispelte dazu Worte, süßer und artiger als sie je gehört hatte. In diesem Augenblick trat Welford leise ein, von beiden unbemerkt; er stand an der Thüre und betrachtete sie mit einem Lächeln kalten, sich selbst beglückwünschenden Hohns. Das Gesicht des Mephistopheles wie er Faust und Gretchen beobachtet, könnte einen Begriff von dem Bilde geben, das wir zu zeichnen beabsichtigen; aber Welfords Miene war erhabner (und auch schöner) seinem Charakter nach, obwohl nicht weniger boshaft im Ausdruck, als das, welches der unvergleichliche Retsch seinem Erzfeind der Menschen gegeben hat. So ausgesprochen, so triumphirend, so stolz war die Verachtung auf Welfords finstern und starken Zügen, daß, obgleich er in einer Lage war, wo das Lächerliche meist auf den Gemahl fällt, es doch der Liebhaber und die Frau waren, welche dem Zuschauer als die Erniedrigten und beneidenswerthen erschienen seyn würden.

Nach einer augenblicklichen Pause trat Welford mit schweren Schritten näher – die Frau fuhr erschrocken auf; – aber mit einem freundlichen, schmeichelnden Ausdruck, der seit seinem Aufenthalt in der Stadt – – selten auf seinem Angesicht zu sehen gewesen war, redete der Wirth die beiden an, lächelte gegen die Wärterin und beglückwünschte den Patienten wegen seiner Fortschritte in der Genesung. Der Edelmann, wohlbewandert in den Sitten der Welt, antwortete leicht und munter, und das Gespräch ging lustig genug fort, bis die Frau, welche in sich gekehrt und allein da saß, dann und wann verstohlene, scheue Blicke auf ihren Gemahl und andere, sanftere auf den Patienten werfend, sich aus dem Zimmer zurückzog. Dann gab Welford der Unterhaltung eine neue Wendung; er erinnerte den Edelmann an die vergnügten Tage, welche sie in Italien verlebt, an die Abenteuer die sie getheilt und die Intriguen woran sie sich ergötzt hatten; als das Gespräch wärmer wurde, nahm er einen freiern und leichtfertigeren Ton an; und nicht wenig, glauben wir, hätten die guten Leute in – – gestaunt, wenn sie die muntern Spässe und die freigeisterischen Grundsätze hätten anhören können, welche den schmalen Lippen des kalten und strengen Welford entfloßen, dessen Angesicht ein geschworner Feind der Fröhlichkeit schien. Von Weibern sprachen sie im Allgemeinen mit der lebhaften Verachtung, wie es der gewöhnliche Ton bei Weltmännern ist, – nur nahm sie bei Welford einen bitterern, gründlicheren und filosofischeren Anstrich an, als bei seinem lebhaftern aber weniger kräftigen Gaste.

Der Edelmann schien an seinem Freund das größte Behagen zu finden, die Unterhaltung war eben recht nach seinem Geschmack, und als Welford ihm ins Bett geholfen hatte, schüttelte er diesem mit Wärme die Hand und drückte seine Hoffnung aus, ihn bald in ganz andern Umständen zu sehen. Als sich die Thüre des Peers hinter Welford geschlossen hatte, stand er einige Augenblicke regungslos da; dann stieg er mit leisen Schritten in sein Schlafgemach hinauf. Seine Frau schlief fest, neben dem Bette stand die Wiege seines Kindes. Als sein Auge auf diese fiel ließ die starre Ironie, welche jetzt seinen Zügen beständig anhaftete, nach und er beugte sich lange, in tiefem Schweigen über die Wiege. Das Antlitz der Mutter, gemischt mit den väterlichen Zügen, war auf die Miene des schlafenden Engels vor ihm geprägt; und als er es endlich, aus seiner Träumerei sich erhebend, sanft küßte, murmelte er: »Wenn ich dich ansehe, so möchte ich glauben, daß sie mich einst liebte – Pah!« fuhr er dann plötzlich fort und stand auf, »diese Vaterzärtlichkeit für einen *** Balg steht mir trefflich an!« Mit diesen Worten verließ er, ohne seine Frau anzusehen, welche aufgeschreckt durch sein lautes Reden, heftig auffuhr, das Zimmer und ging in dasjenige hinunter, wo er sich mit seinem Gast unterhalten hatte. Er schloß vorsichtig die Thüre, ging rasch in dem niedrigen Gemach auf und ab und ließ seinen Gedanken die Zügel schießen, in der abgebrochnen Weise etwa, wie sie hier dem Auge des Lesers dargeboten werden.

»Ja, ja, sie ist mein Verderben gewesen! und wenn ich einer von den schwachen Thoren wäre, welche aus den einfältigsten und abgeschmacktesten Narrheiten dieser verdammten gesellschaftlichen Einrichtungen ein Evangelium machen, so wäre sie jetzt auch meine Schande; aber statt der Schande will ich aus ihr meinen Schemel zu Ehre und Reichthum machen. Und dann – zum Teufel mit dem Schemel! Ja, zwei Jahre habe ich durchgemacht, was all mein Blut hätte in Galle verwandeln sollen: Unthätigkeit, Hoffnungslosigkeit, im Innern ein verödetes Herz und Leben, Schmach von der Welt, Kälte, Unlust, Undankbarkeit von der Einen für welche – O, Esel der ich war! – der ich das Theuerste meines Wesens, ja mein Wesen selbst aufgab! Zwei Jahre habe ich dieß ertragen, und jetzt will ich meinen Ersatz haben, ich will sie verkaufen – sie verkaufen – Gott! Ich will sie verkaufen wie das gemeinste Thier auf dem Markte. Und dieß lumpige Stück falsches Geld soll mir erkaufen – meine Welt! Andrer Leute Rachsucht entspringt aus Haß; – eine niedrige, plumpe, unfilosofische Empfindung; die meinige entspringt aus Verachtung, der einzigen der Vernunft auf die Dauer angemeßnen Stimmung. Andrer Leute Rache verderbt sie selbst, die meinige soll mich retten! Herr des Himmels! wie lächerlich ist mir im Innersten zu Muthe, wenn ich dieß jämmerliche Pärchen betrachte, die jetzt meinen ich sehe sie nicht, und weiß, daß jede ihrer Bewegungen nur eine Masche an meinem Gewebe ist! Aber,« und Welford hielt nachdenklich inne, »aber ich kann nicht umhin, über mich selbst zu spotten, wenn ich bedenke, welchen Erzgimpel diese Knabenthorheit, die Liebe, – Liebe wahrhaftig! – schon das Wort macht mich krank vor Ekel – aus mir gemacht hat. Hätte dieß Weib, einfältig, schwach, willen- und leblos wie sie ist, mich wahrhaft geliebt, – hätte sie Sinn gehabt für das unaussprechliche Opfer das ich ihr brachte – (das des Antonius war Nichts dagegen – er verlor nur eine wirkliche Welt, und ich eine Welt der Phantasie und Hoffnung!) hätte sie sich nur herabgegeben, mein Wesen kennen zu lernen, den Weibesteufel in ihrem eignen zu überwältigen: ich hätte in dieser abgeschmackten Einsiedlerei immer so fort leben können, hätte mich für glücklich und zufrieden gehalten und wäre ein ganz anderes Geschöpf geworden. Ich glaube gar, ich hätte werden können, was unsre Moralisten (die Quacksalber!) einen guten Menschen nennen. Aber diese flatterhafte Leichtfertigkeit des Herzens, dieses Wohlgefallen am Lobe der Thoren, dieses mürrische Wesen, diese Verdrießlichkeit, womit sie den Trübsinn erwiederte, den sie an mir weder verstand noch vergab; das gemeine, tägliche, stündliche Gejammer um die armseligen Bedrängnisse der Armuth, dieß häusliche Gewinsel, die Gardinenklagen, wenn ich – ich keinen Sinn hatte für solche erbärmliche Prüfungen der Zärtlichkeit; und bei alle dem kein Gedanke an meine Qualen, meine begrabnen Hoffnungen, meinen zur Niedrigkeit verdammten Geist und verlorenen Namen; die Größe meiner Verzichtleistung ihr zu lieb nicht einmal begriffen; ja ihre Unbequemlichkeiten – ein dunkler Herd, glaub' ich, oder ein nicht leckrer Tisch, verglichen, ja ganz gleichgestellt mit Allem, was ich um ihretwillen verlassen hatte! Als ob es nicht genug gewesen wäre – wär' ich ein Narr, ein ehrgeizloser, seelenloser Narr gewesen – an dem bloßen Gedanken schon, daß ich meinen Namen mit dem eines Krämers – o nicht doch! eines gewesenen Krämers verband! – als ob das Bewußtseyn dieses Umstands, den vor den meinigen zu verbergen, ich mich entschließen könnte mein ganzes Geschlecht, Alle die mir je begegnet sind und mich gesehen haben, zu erwürgen, nicht genug wäre, wenn sie von Vergleichen spricht, um mich das Fleisch von meinen Knochen nagen zu machen! Nein, nein, nein! Nie hat mein Schicksal eine so glänzende Wendung genommen als jetzt, da dieser betitelte Stutzer mit seiner einschmeichelnden Stimme und seinen schimmernden Flittern hieher kam. Ich will sie zum Werkzeug machen um mich aus dieser Höhle, worein sie mich versenkt hat, herauszugraben. Ich will meines Lords Leidenschaft hegen, bis mein Lord seine Leidenschaft (die Leidenschaft eines Sommervogels) eines Preises werth achtet. Dann will ich selbst meine Bedingungen machen, meinen Lord zur Verschwiegenheit verpflichten und mein Weib, meine Schande und die Anwaltschaft des Herrn Welford für immer abschütteln. Glänzende, glänzende Aussichten! laßt mich das Auge schließen um in Euch zu schwelgen! Aber sachte! mein edler Freund nennt sich einen Weltmann, einen Kenner der menschlichen Natur und einen Verächter ihrer Vorurtheile, zwar in seiner beschränkten Weise – nicht in Folge großartiger Ansichten, sondern lasterhafter Erfahrungen – so ist er! das Buch der Welt ist ein ungeheures Gemisch; er ist vollkommen vertraut, ohne Zweifel, mit den Blättern, welche von dem guten Tone handeln; ist gründlich bewandert, dafür steh' ich, in dem hinten angehefteten Magasin des Modes. Aber werde ich, mit aller Ueberlegenheit, welche mein Geist über den seinigen behaupten muß, werde ich im Stande seyn, mich in der Seele dieses welterfahrnen Peers von einem erniedrigenden Andenken rein zu erhalten? Hahnrei, Hahnrei! ist ein häßliches Wort; ein gutwilliger, die Hand bietender Hahnrei! hm – dieser Ausdruck hat nichts Großartiges, seinen philosophischen Firniß. Laß sehen! Ja! Ich weiß ein Mittel gegen das Alles. Ich heirathete mich im Stillen – gut! unter angenommenem Namen – gut! es war eine heimliche Heirath, fern von ihrer Vaterstadt – gut! die Zeugen ihr unbekannt – gut! die Beweise leicht in meine Hände gebracht – herrlich! der Narr soll glauben es sey eine falsche Heirath gewesen, ein listiger, galanter Streich von mir; ich will den Flecken Hahnrei mit dem Wasser eines andern Worts auswaschen, ich will eine Maitresse, nicht eine Gattin verkaufen. Ich will ihn warnen, ihr dieß Geheimniß nicht mitzutheilen; ich muß überlegen mit welchem Vorwande! oh – die Rechtmäßigkeit meines Sohns könnte mir später erwünscht seyn. Er wird diesen Grund begreifen und ich werde sein Ehrenwort darauf haben; und beiläufig, es liegt mir an dieser Rechtmäßigkeit und ich will die Beweise aufbewahren; ich liebe mein Kind; ehrsüchtige Männer lieben ihre Kinder; ich kann selbst ein Lord werden und mir einen Sohn wünschen, der an meine Stelle tritt; und dieser Sohn ist mein, Dank dem Himmel! über diesen Punkt bin ich sicher – und dieß soll auch das einzige Kind bleiben, das mir heranwächst. Nie, das schwör' ich, will ich mich wieder meiner Selbstständigkeit begeben! Meiner ganzen Natur, außer Einer Leidenschaft, hab' ich bisher Gewalt angethan; diese Leidenschaft soll hinfort meine Sklavin seyn, mein einziger Gedanke der Ehrgeiz, mein einziges Verlangen die Welt!«

Dieß war das Selbstgespräch eines Mannes, den die gesellschaftlichen Einrichtungen der Welt gleichsam systematisch zum vollendeten, niederträchtigen Bösewicht zu machen, verschworen schienen, und nachdem er damit zu Ende war, stieg Welford langsam die Treppen hinan, und ging wieder in sein Schlafzimmer, wo seine Gattin noch schlief; ihre Schönheit war von jener holdseligen, mädchenhaften und harmonischen Art, welche von Liebhabern und Dichtern mit dem Ausdruck engelgleich bezeichnet wird; und als Welford ihr vom Schlaf geröthetes und beinah verklärtes Angesicht betrachtete, hätte man vielleicht eine gewisse Weichheit und Unentschlossenheit in den scharfen Linien seiner stolzen Züge wahrnehmen können. In diesem Augenblick bewegten sich, gleichsam um beiden für immer den Rückweg zur Hoffnung und zur Tugend abzuschneiden, ihre Lippen und sprachen Ein Wort aus – es war der Name von Welfords vornehmem Gaste.

Ungefähr drei Wochen nach diesem Abend entlief Mrs. Welford mit dem jungen Edelmann, und am nächsten Morgen nach diesem Vorfall verschwand der verwirrte Ehmann mit seinem Kinde für immer aus der Stadt – –. Von diesem Tag an gelangten durchaus keine Nachrichten über sein Schicksal mehr zu den gespitzten Ohren seiner um ihn sehr besorgten Nachbarn; und Zweifel, Neugier, Vermuthungen beruhigten sich endlich bei der Annahme, daß die Verzweiflung ihn zum Selbstmord getrieben.

Obgleich die unglückliche Mrs. Welford in der That von flüchtiger und leichtfertiger Sinnesart war, und besonders mit persönlicher Eitelkeit sehr begabt, war sie doch nicht ohne heiße Neigungen und heftige Empfindungen. Ihre Heirath war eine Sache der Liebe gewesen, das heißt von ihrer Seite: einer Liebe wie sie gewöhnlich bei Mädchen ist, welche nicht sowohl mit wirklicher, natürlicher Empfindung lieben, als überrascht von einem schnellen Eindruck. Ihre Wahl war auf einen Mann gefallen, der seiner Geburt nach über ihr stand, und in Person und Benehmen sich vor Allen auszeichnete, mit welchen sie gewöhnlich umging. So hatte ihre Eitelkeit ihre Neigung verstärkt und etwas Sonderbares und Excentrisches in der Gemüthsart und im Geist Welfords hatte, wenn gleich es zu Zeiten ihre Furcht erregte, viel beigetragen, ihre Einbildungskraft zu entflammen. Und dann war er auch, obwohl kein schmeichlerisch-tändelnder, so doch leidenschaftlicher und schwärmerischer Liebhaber. Sie empfand es, daß er ihr zu lieb Vieles aufgab, was er zuvor als durchaus nothwendig zu seinem Daseyn angesehen hatte; und sie hielt sich nicht dabei auf zu untersuchen, wie fern es wahrscheinlich sey, daß diese Hingebung daure, oder welches Betragen von ihrer Seite am ehesten die Gefühle nähren und unterhalten würde, aus welchen jene entsprang. Sie war mit ihm geflohen. Sie hatte in eine heimliche Ehe gewilligt. Sie hatte einen glücklichen Monat mit ihm verlebt und dann verschwand die Täuschung. Mrs. Welford war nicht die Frau, welche einen der Täuschung gleichen Reiz und Zauber der Wirklichkeit zu geben, oder in ihr zu finden vermochte. Sie war gänzlich unfähig den tiefverschlungenen und gefährlichen Charakter ihres Gemahls zu begreifen. Sie besaß weder den Schlüssel zu seinen Tugenden, noch den Zauberspruch gegen seine Fehler. Auch war der Zustand, zu welchem ihre Armuth sie nöthigte, nicht eben ein günstiger für jene zarte Grübelei, die, durch Zerstreutheit gesteigert und in behaglichem Müssiggang gehegt, so oft dem Liebenden das Geheimniß des wahren Wesens der Geliebten entdeckt. Obwohl ihrem Gemahl an Stand und Ansprüchen nicht gleich, hatte sich Mrs. Welford doch an gewisse Bequemlichkeiten des Lebens gewöhnt, welche oft von Personen der geringeren Stände mehr empfunden werden, als von Angehörigen der höhern Klassen, die, wenn sie einmal eine Art des Luxus aufgeben, oft gern auf alle verzichten. Eine vornehme Dame kann sich mehr Beschwerden aussetzen als ihre Kammerfrau, und jeder Gentleman auf Reisen lächelt bei den Entbehrungen, über welche sein Kammerdiener sich entsetzt. Armuth und ihr grausames Gefolge erzeugten eine ganze Schaar von kleinlichen Zänkereien und verdrießlicher Klagen; und da kein Gast oder Besuch das häusliche Mißvergnügen hob, oder häusliche Gezänke unterbrach, so endigten sie gewöhnlich mit der mürrischen Verstimmung, welche so oft der Liebe das Grab der Reue gräbt. Nichts macht die Menschen einander widerwärtiger als eine Vertraulichkeit, welche Rücksichtslosigkeit beim Streit und Derbheit beim Klagen gestattet. Der beißende Hohn Welfords gab dem Murren seiner Frau mehr Schärfe; und wenn einmal Jedes von beiden das Unrecht auf der andern und die Kränkung auf seiner Seite sah, konnte man nicht mehr hoffen, das Eine werde vorsichtiger, oder das Andre nachgiebiger werden. Beide spannten ihre Forderungen zu hoch und die Frau besonders gab zu wenig nach. Mrs. Welford war ganz und im vollsten Sinne das, was ein Wüstling ein Weib nennt, das was eine leichtfertige Erziehung aus einem Weibe, macht – großmüthig im Großen, kleinlich im Kleinen, eitel, reizbar, voll von ihrer eignen Unbedeutenheit und ihren armseligen Klagen; bereit mit ihrem Geliebten sich in einen Abgrund zu stürzen, aber eben so geneigt alle Liebe durch Vorwürfe zu verscheuchen, wenn der Sprung gemacht war. Von allen Männern war Welford der letzte der dieß ertragen konnte. Eine Frau von größerem Herzen, von gereifterer Erfahrung und einem Verstande, fähig seinen Charakter zu würdigen und alle seine Eigenschaften zu erforschen, hätte ihn vielleicht zum brauchbaren und angesehnen Mann gemacht, wenigstens sich seine Liebe lebenslang erhalten. Trotz einer Saat von unglücklichen Gemüthseigenschaften machte ihn doch schon seine kräftige Natur tiefer Empfindungen und edler Aufwallungen fähig. Wer sich auf ihn verließ, war sicher – wer sich gegen ihn aufließ, konnte nur auf die Laune seiner Menschenverachtung rechnen. Während der zwei Jahre jedoch kämpfte die Liebe, obwohl mit jeder Stunde mehr ermattend, noch immer in der Brust beider fort, und man konnte kaum behaupten, daß sie bei dem Weibe ganz überwältigt gewesen sey, sogar als sie mit ihrem schönen Verführer entlief. Ein französischer Schriftsteller hat bündig genug gesagt: »Man vergleiche einen Augenblick die Fühllosigkeit eines Ehmanns mit der Aufmerksamkeit, der Artigkeit, der Huldigung eines Liebhabers: kann man über das Resultat im Zweifel seyn?« Dieß sagt ein französischer Schriftsteller; aber Mrs. Welford hatte in ihrer Gemüthsart viel von einer Französin. Ein leidender Patient, jung, schön, wohl bewandert in den Künsten der Intrigue, contrastirte freilich mit einem grämlichen Ehmann, den sie nie verstanden, lange gefürchtet, und in der letzten Zeit, sie wußte selbst nicht, ob nicht gar mit Widerwillen angesehen hatte; – ach! ein weit schwächerer Contrast hat manches weit bessere Weib zur Beute der Advokaten gemacht! Mrs. Welford entlief; aber sie empfand eine wiederauflebende Zärtlichkeit gegen ihren Gemahl noch an dem Morgen wo sie dieß that. Sie nahm seine Liebesbriefe wie die ihrigen mit sich fort, welche sie im Anfang ihrer Ehe in einer zärtlichen Stunde zusammengesammelt hatte – damals ein unschätzbares Kleinod! und nie erhielt ihr neuer Geliebter von ihren schönen Lippen einen nur halb so leidenschaftlichen Kuß, als sie beim Scheiden auf die Wange ihres Kindes drückte. Einige Monate genoß sie mit ihrem Buhlen Alles, wornach sie in ihrem Hause geseufzt hatte. Derjenige, welchem zu lieb sie ihre gesetzlichen Bande zerrissen hatte, war ein so durchaus leutseliger, artiger und was man gewöhnlich so nennt, gutmüthiger Mann (obgleich er so viel Selbstsucht in sich hatte, als ein Edelmann mit Anstand haben kann), daß er galant gegen sie blieb, ohne Mühe und Anstrengung, lange noch nachdem er schon sich die Möglichkeit gedacht hatte, selbst eines so lieblichen Angesichts überdrüssig zu werden. Doch gab es auch Augenblicke, wo das leichtsinnige Weib mit Reue an ihren Gatten zurückdachte, und eine Vergleichung mit ihrem Verführer nicht durchaus schmeichelhaft für den letztern ausfiel. Ein mächtiger, stark ausgeprägter Charakter hat etwas an sich, das Weiber und alle schwachen Naturen zu achten sich gedrungen fühlen; und Welfords Charakter hob sich scharf und deßwegen vortheilhaft, wenn gleich finster, hervor, zusammengehalten mit dem Leichtsinn und der Schwäche des dermaligen Anbeters seiner schuldbelasteten Gattin. Wie dem seyn mochte, der Würfel war geworfen, und die Klugheit gebot der Dame, das Spiel wie es jetzt war, aufs Beste zu nützen. Aber sie, die als Gattin gemurrt hatte, war als Geliebte nicht gefällig. Vorwürfe bildeten ein Zwischenspiel unter die Liebkosungen hinein, das den edlen Liebhaber ganz und gar nicht erbaute. Er war nicht der Mann gleiches mit gleichem zu vergelten; dazu war er zu indolent, aber auch nicht derjenige, der viel Geduld hatte.

»Meine reizende Freundin,« sagte er eines Tags nach einem Auftritt, »du bist meiner müde – nichts natürlicher als das! Warum einander quälen? Du sagst, ich habe dich zu Grund gerichtet; meine holde Freundin, laß mich das Unglück vergüten – mache dich unabhängig; ich will dir ein Jahrgeld aussetzen; fliehe mich – suche sonst wo dein Glück und überlasse deinen unglücklichen, verzweifelten Anbeter seinem Schicksal!«

»Wollen Sie mich höhnen, mein Lord?« rief die erzürnte Schöne; »oder glauben Sie, daß Geld mir die Ansprüche und Rechte ersetzen kann, deren Sie mich beraubt haben? – können Sie mich wieder zur Gattin machen – zur glücklichen, geachteten Gattin? Thun Sie dieß mein Lord, so entschädigen Sie mich!«

Der Edelmann lächelte und zuckte die Achseln. Die Dame wiederholte mit noch größerem Zorn ihre Frage. Der Liebhaber antwortete unbestimmt und zweideutig, wodurch sie zugleich bestürzt und doppelt in Harnisch gejagt wurde. Sie verlangte heftig Auskunft, und seine Lordschaft, die weiter gegangen war, als sie beabsichtigt hatte, verließ das Zimmer. Aber seine Worte hatten sich tief in die Brust des unglücklichen Weibes gesenkt und sie beschloß fest, sich Aufklärung zu verschaffen. Gemäß jenem klugen Verfahren, wodurch der Reisende in der Fabel veranlaßt wurde den Mantel auszuziehen, ließ sie den Sturm beiseite und wählte den Sonnenschein; sie wartete einen Augenblick der Zärtlichkeit ab, benutzte den Vortheil der guten Stunde, und sezte sich allmählig in den Besitz eines Geheimnisses das sie mit Schaam, Widerwillen und Verdruß erfüllte. Verkauft, verhandelt! der Gegenstand eines für Käufer und Verkäufer schmachvollen Schachers; verkauft überdies mit einer Lüge, wodurch sie auf einmal zu einem Geschöpf erniedrigt wurde, das mit dem Mitleid auch schon Spott und Hohn erntete. Schon beraubt des Namens und der Ehre einer Frau, und als eine Metze aus den satten Armen eines Buhlen den launenhaften Liebkosungen eines Andern überliefert. Ein solches Bild erhob sich vor ihr, und während es im Einen Augenblick ihre heftigeren Leidenschaften zum Wahnsinn empörte, demüthigte es im folgenden ihre Eitelkeit bis in den Staub. Sie, welche die gewaltige Leidenschaft Welfords kannte, sah auf Einen Blick, welch verächtliches und hohnwürdiges Wesen sie für ihn geworden war. Während sie sich für die Verrätherin hielt, war sie verrathen worden; lebhaft sah sie vor sich (und schauderte bei dem Anblick!) ihres Gemahls eisiges Lächeln, sein Schlangenauge, seine in Sarkasmus getauchten Züge, und den ganzen Hohn seiner Seele auf dem Angesicht ausgeprägt, dessen leichtester Spott so gallenbitter war. Sie wandte sich ab von diesem Bilde, und sah das höfische Gesicht des Käufers – sein unterdrücktes Lächeln bei ihren Vorwürfen – seinen geheimen Hohn bei ihren Ansprüchen auf eine Stellung im Leben, welche sie, so mußte jener den Aufschlüssen des Erzbetrügers in dieser Sache zufolge glauben, nie eingenommen hatte. Sie sah, wie bald er ihrer Reize überdrüssig wurde, was er allerdings mit Schonung – einer kränkenden Schonung – zu verstehen gab, ohne jedoch die mindesten Gewissensscrupel dabei zu empfinden. Sie sah bei beiden, wie überall, nur gegenseitige Verachtung. Sie war in einem Gewebe tiefster Niederträchtigkeit. Selbst der stolze Schmerz des Gewissens bei einem Verbrechen gegen einen Andern, der, wenn er auch sticht, doch nicht erniedrigt, war verschlungen von einem weit herzzerreißenderen Gefühl für ein so eitles Wesen, wie die Ehebrecherin – das brennende Gefühl der Schaam, selbst, während sie sündigte, die Närrin und Betrogne gewesen zu seyn. Ihre ganze Seele erblaßte bei dieser Demüthigung. Der Fluch von Welfords Rache lastete jetzt auf ihr und ward bis aufs Aeußerste gesättigt. Was sie von zärtlichen Gefühlen gegen ihren Beschützer noch mochte empfunden haben, ward auf Einmal durch diese Entdeckung, weggewischt. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen dem Auge eines Mannes zu begegnen, der bei diesem schmachvollen Handel der gewinnende Theil war. Die Schwächen und Unvollkommenheiten des Liebhabers nahmen eine hassens- und verachtenswerthe Farbe an. Und in dem Maß als sie sich entwürdigt fühlte, empfand sie Abscheu gegen ihn. Den Tag, nachdem sie jene Entdeckung gemacht hatte, verschwand Mrs. Welford aus dem Hause ihres Beschützers – Niemand wußte wohin. Zwei Jahre lang nach dieser Zeit hatte man keine Spur von ihrem Schicksal. Was war aus Welford binnen dieser Frist geworden? ein Mann, der rasch in der Welt stieg, der sich an der Schranke auszeichnete, wo ihn sein erster Prozeß bekannt gemacht hatte, der eine vielversprechende Laufbahn im Parlament begann, gewinnreiche und ehrenvolle Aufträge erfüllte, wegen der strengen Rechtlichkeit seines moralischen Charakters geschätzt wurde, und wie er an öffentlicher Achtung immer mehr sich hob, die günstigste Meinung aller Leute für sich hatte. Er hatte wieder seinen Familiennamen angenommen; seine frühere Geschichte war unbekannt; und keine Seele in der abgelegenen, entfernten Stadt – – hätte je errathen, daß der geringgeschätzte Welford der William Brandon war, dessen Lob in so vielen Journalen wiederhallte, und dessen aufstrebender Genius von allen anerkannt wurde. Die Härte, Herbigkeit und Düsternheit, die ihn in ausgezeichnet hatten, und die er, als ihm natürlich, in einer seinen Talenten nicht entsprechenden und seine Hoffnungen beschämenden Stellung, sich nicht die Mühe gab zu verstellen, wurden jetzt glänzend überfirnißt mit einer Heuchelei, die ganz gemacht war seinen Ehrgeiz zu unterstützen. So kunstreich wußte dieser seltne Mann sich Andern zu fügen, daß Wenige unter den angesehensten Männern in seine Gesellschaft kamen, ohne sie von ihm mit dem Wunsche zu trennen, seine Freunde zu werden. Durch seinen edeln Nebenbuhler, durch den Lord Mauleverer (um die Gewißheit unsrer Leser noch zu verdoppeln,) hatte er seine erste gewinnreiche Stelle, eine Gönnerschaft bei der Regierung und einen Sitz im Parlament erhalten. Wenn er bei der Gerichtsschranke geblieben war, statt sich ganz den Staatsintriguen hinzugeben, so war es nur deßwegen, weil seine Talente ohne Vergleich mehr geeignet waren, ihn auf jenem als auf diesem Wege zu hohen Ehren zu dringen. So ganz hatte er sich dem öffentlichen Leben gewidmet, daß er sich nur Eine Freude im Privatleben gestattete – seinen Sohn. Da Niemand, auch sein Bruder nicht, von seiner Heirath wußte (während der zwei Jahre, wo er unter fremdem Namen lebte, hatte man ihn im Ausland geglaubt), so war das Daseyn dieses Sohnes das Einzige, was die Welt, in ihrer Freude am Skandal, gegen die strenge Sittlichkeit seines reinen Rufs anklagend flüsterte; aber er selbst, die gelegne Zeit zur Anerkennung eines rechtmäßigen Erben abwartend, gab vor es sey die Waise eines lieben Freundes, den er im Ausland kennen gelernt; und die puritanische Ehrbarkeit des Lebens und Betragens, die er annahm, verschaffte dieser Behauptung ziemlich vielen Glauben. Diesen Sohn vergötterte Brandon. Wie wir aus seinem eignen Munde gehört haben: Ehrgeizige Männer sind außerordentlich zärtlich gegen ihre Kinder, mehr sogar als andre Väter. Die beständige Rücksichtnahme des Ehrgeizigen auf die Nachwelt ist vielleicht der Hauptgrund. Aber Brandon war auch überhaupt ein Kinderfreund; Freude an Nachkommenschaft war ein hervorstechender Zug in seinem Charakter, und könnte im Widerspruch zu stehen scheinen mit dessen Härte und Berechnung, wenn man nicht auch sonst diese Liebe bei rauhen und berechnenden Naturen fände. Es ist wie wenn ein halbbewußtes, angenehmes Gefühl, daß auch sie einst weich und unschuldig waren, es ihnen zum Genuß machte, eine Sympathie mit ihrem frühern Seyn wieder zu beleben.

Oft pflegte Brandon nach dem geernteten Beifall und den Anstrengungen des Tags sich in das Schlafzimmer seines Sohns zu begeben und stundenlang seinem Schlummer zuzusehen; oft, ehe am Morgen sein Tagwerk begann, das Kind mit der natürlichen Zärtlichkeit und der überströmenden Freude eines Weibes in seinen Armen zu wiegen. Und oft, wenn eine ernstere, mehr seinem Charakter entsprechende Empfindung ihn beschlich, pflegte er bei sich zu sagen: »du sollst unsern zerfallnen Namen auf einem bessern Grund als dein Vater wieder aufrichten. Ich beginne das Leben zu spät und arbeite mich auf einem zu beschwerlichen und steinigten Wege ab; aber ich will den Pfad zum Ruhm für dich leicht und gangbar machen. Auch sollst du, während du nach der Ehre strebst, dein Herz nicht um seine Ruhe bringen. Für dich, mein Kind, sollen die Freuden der Häuslichkeit und der Liebe seyn, für die ich ein Herz, das sich nicht über der Vergangenheit grämt, und durch lauter Verdruß einer einsamen und dornenvollen Auszeichnung in der Zukunft entgegenstrebt. Nicht nur was dein Vater gewann, sollst du zu genießen haben, sondern auch das, was sein Fluch gewesen, zu vermeiden, soll seine Wachsamkeit dich anleiten.«

So wandten sich nicht allein seine milderen und sanften, sondern überhaupt alle besseren und edleren Gefühle, welche selbst in der härtesten und verruchtesten Brust noch Wurzel schlagen, seinem Kinde zu; und dieser falsche und lasterhafte Mann versprach ein zärtlicher und vielleicht weiser Vater zu werden.

Eines Nachts kehrte Brandon vom Essen bei einem Minister nach Haus zurück. Die Nacht war kalt und hell, es war spät und sein Weg führte ihn durch die längste, besterleuchtete Straße der Hauptstadt. Er war wie gewöhnlich in Gedanken versunken, als er plötzlich durch eine leichte Berührung seines Arms aus seiner Träumerei geweckt wurde. Er wandte sich um und sah eines der unseligen Geschöpfe, welche um Mitternacht die Straßen durchschwärmen, ihm den Weg vertreten. Beide sahen einander recht ins Gesicht; und so begegnete, zum erstenmal wieder, seit sie ihr Haupt auf dasselbe Kissen niedergelegt hatten, der Gatte seiner Gattin wieder! Der Himmel war ganz klar und das Laternenlicht fiel voll und ruhig auf beider Antlitz. Beide konnten nicht im Zweifel bleiben. Plötzlich, verstört und mit tödtlicher Bestürzung erkannten sie sich. Das Weib schwankte und mußte sich an einem Pfosten halten; Brandons Aussehen blieb kalt und unbeweglich; die Stunde, nach der dieser bittere und rachsüchtige Geist gelechzt hatte, war gekommen: seine Nerven dehnten sich in wollustvoller Ruhe aus, gleichsam um ihm einen recht bedächtigen Genuß der Erfüllung seiner Hoffnung zu gewähren. Was immer die Worte seyn mochten, welche bei diesem von keinen Zeugen beobachteten, grausenhaften Zwiegespräch zwischen ihnen fielen: wir dürfen sicher glauben, daß Brandon, so viel in seiner Macht stand, der Unglücklichen keinen Tropfen Bitterkeit schenkte. Das verwahrloste, verworfene Weib kehrte nach Haus zurück und ihr ganzes Wesen, durch Verbrechen und gemeine Lebensweise herabgewürdigt, versteinerte sich zur Rachsucht, zu dem unnatürlichen Gefühl, das man die Hoffnung der Verzweiflung nennen kann.

In der dritten Nacht nach diesem Zusammentreffen wurde in Brandons Haus eingebrochen. Wie die Häuser vieler Rechtsgelehrten lag es in einer gefährlichen, schwachbevölkerten Vorstadt und war für Räuber leicht zugänglich. Er wurde durch einen Lärmen geweckt; er fuhr auf und fand sich unter den Fäusten zweier Männer. Am Fuße des Bettes stand ein Weib, ein Licht haltend; ihr Angesicht, abgezehrt von zerstörenden Leidenschaften und geisterhaft entstellt durch die aussätzige Blässe der Krankheit und des nahen Todes, stierte ihn graß an.

»Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte das Weib, mit einem höhnischen Grinsen um das sie selbst Brandon beneiden mochte, »du hast mich verflucht und ich gebe dir den Fluch heim! du hast mir gesagt, mein Kind solle mich nie anders als mit Erröthen nennen. Thor! ich triumphire über dich; dich soll er nie kennen bis zu seinem Todestag! du hast mir gesagt, meinem Kind und meines Kindes Kinde (eine lange Kette der Verwünschung!) solle mein Name, der Name des Weibes, das du niederträchtigerweise dem Verderben und der Hölle verkauft hast, als ein Vermächtniß des Abscheus und der Schande hinterbleiben! Mann! du sollst dieß Kind nichts mehr lehren! du sollst nicht erfahren, ob es lebt oder todt ist, oder Kinder hat dein gepriesenes Geschlecht fortzupflanzen; oder ob, wenn es Kinder hat, diese Kinder nicht der Auswurf der Erde, die vor Menschen und Gott Verfluchten, die würdigen Abkömmlinge des Wesens sind, zu dem du mich gemacht hast. Elender! ich schleudre auf dich den Namen zurück, womit du, als wir uns vor drei Nächten trafen, das Opfer deiner Treulosigkeit zermalmen wolltest. Du sollst den Weg deiner Ehrsucht kinderlos, zwecklos, hoffnungslos wandeln. Krankheit drücke deinem Leib ihren Stempel auf. Der Wurm nage an deinem Herzen. Du sollst Ehren gewinnen und sie nicht genießen, das Ziel deiner Ehrsucht erreichen und verzweifeln; sollst nach deinem Sohn schmachten und ihn nicht finden, oder wenn du ihn findest, die Stunde verfluchen, wo er geboren ward. Höre meine Worte, Mann! ich bin eine Sterbende, die spricht – ich weiß, daß ich eine Prophetin bin in meinem Fluche. Von dieser Stunde an bin ich gerächt und du bist Gegenstand meines Hohns!«

Wie die härtesten Naturen erschrocken zurückbeben vor dem gläsernen Auge des Rasenden, so erlag in den Schauern der Nacht, geknebelt von den Schurken, bei der wilden und feierlichen, durch Leidenschaft und theilweisen Wahnsinn noch geschärften Stimme der geisterhaften Gestalt, welche ihm durch alle Nerven gellte, selbst William Brandon's trotzige Seelenstärke. Er brachte nicht ein Wort hervor. Man fand ihn am nächsten Morgen mit starken Stricken an sein Bett gebunden. Er sprach nicht als er befreit war, sondern ging schweigend in das Schlafgemach seines Kindes; – das Kind war weg. Auch einige werthvolle Sachen waren gestohlen; die verzweifelten Werkzeuge, deren die Mutter sich bediente, hatten wohl nicht ohne Belohnung die That ausführen wollen.

Es bedarf kaum der Versicherung, daß Brandon zur Entdeckung seines Sohns alle Künste und Kanäle der Polizei und der Gerechtigkeit in Bewegung setzte. Alle List und Heftigkeit seines eignen Charakters, unterstützt durch die Erfahrungen seines Berufs, bot er Jahrelang für diesen Zweck auf. Alle Nachforschungen waren ganz vergeblich; nicht die geringste Spur, die zur Entdeckung führte, konnte aufgefunden werden, bis sich (wie wir seines Orts berichteten) einige der gestohlnen Sachen vorfanden. Das Schicksal trug in seinem dunkeln Schooß, den kein Sterblicher ergründet, Ort und Stunde verborgen, wo William Brandons heißester Wunsch erfüllt werden sollte!

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