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Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeSiebentes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid3f71a5b9
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Sechsunddreißigstes und letztes Kapitel.

      Schlauer, sich'rer Mammon, Dol
Heißer Ananias, Dapper, Drugger, Alle,
Mit welchen ich verkehrte.

Der Alchimist.

Wie wenn ein, das Land liebender Bürger, an einem flüchtigen Feiertag fern von den Sorgen der Welt »streptituque Romae« in die angenehmen Schatten von Pentonville oder die entfernteren Wiesengründe von Clapham sich zurückzieht, und da einen entzückten Besuch durch die verworrenen Pfade des dädalischen Meisterstücks führt, das er sein Labyrinth oder seinen Irrgarten zu nennen liebt; jetzt verstohlen lächelt über seines Gasts Verwirrung, jetzt mit ruhigem Gefühl der Ueberlegenheit seinen nichtigen und falschen Vermuthungen zuhört, jetzt ihn boshaft durch einen verlockenden Pfad begleitet, in welchem der betrogne Abenteurer plötzlich durch den weißen Anblick eines den Durchgang verwehrenden Zauns sich aufgehalten sieht, jetzt zittert, wenn er sieht, wie der Gast blindlings auf den rechten Trappen kommt, und jetzt wieder sich freut, wenn sich jener nach einer überlegenden Pause wieder dem falschen Wege zuschlägt: so, o freundlicher Leser, führt dich der kluge Romanschreiber durch das Labyrinth seiner Erzählung, ergötzt sich an deinen Fehlschlüssen und spinnt in behaglichem Vergnügen das ruhige Netz seiner Unterhaltung weiter, um die Verwicklungen, welche den Wechsel deiner kecken Vermuthungen und deiner Verwirrung verursachen, herbeizuführen. Aber wenn einmal, Dank der Gutmüthigkeit oder der Ermüdung des Wirths! das Geheimnis aufgedeckt, und dem Gast gestattet ist, bis an das verhehlte Ende des belaubten Irrgartens vorzudringen, wie dann der ehrliche Bürger, zufrieden mit den anmuthigen Beschwerden, die er nun seinem Gaste bereitet, ihm nicht mehr die Mühe zumuthet, sich durch die Gänge, wo er so in der Irre sich umtrieb, zurückzuwinden, sondern ihn mit drei Schritten auf einem einfachern Weg auf Einmal an den Eingang des Labyrinths zurückführt, und ihm überläßt, sich, wo er will, seine Unterhaltung zu suchen: so will auch der kluge Erzähler, nachdem die Verschlingungen seines Knotens gelöst sind, seinen ermüdeten Leser nicht durch schaale und nutzlose Verzögerungen Hinhalten, sondern führt ihn mit eben so viel Schnelligkeit als Bequemlichkeit ans Ziel, mit Umgehung des Labyrinths, welches durch den Reiz des Geheimnisses zu locken aufgehört hat.

Wir werden also, das kluge Verfahren des Bürgers nachahmend, so rasch als möglich den noch übrigen Theil unsrer Erzählung vortragen. Bei Brandon fand man das Papier, das eine so unselige Nachricht, seinen Sohn betreffend, enthielt, und als man es dem Lord Mauleverer brachte, fielen diesem, welcher wußte, daß Brandon Forschungen nach seinem verlornen Sohn angestellt hatte, von dem er jedoch, wie schon erwähnt, bisher angenommen hatte, er sey nicht rechtmäßig, (wiewohl wahrscheinlich bei seinem natürlichen Scharfsinn ihm manche Zweifel mochten gekommen seyn, ob er nicht getäuscht worden,) die Worte so auf, daß er es für der Mühe werth hielt, den Schreiber aufsuchen zu lassen. Dummie ward leicht aufgefunden, denn er hatte der Stadt noch nicht den Rücken gewendet, als die Neuigkeit von dem plötzlichen Tod des Richters zurückkam; und diesen Umstand benutzend, blieb der zuthuliche Dummaker ganz in der Stadt, (obgleich sein langer Gefährte sie so eilig wie möglich verließ,) und benutzte seine Zeit dazu, sich in das Gefängniß zu begeben, wo er einige vergebliche Versuche machte, sich den Zugang zu Clifford zu verschaffen; durch seine Namen, den er dem Gefängniß-Aufseher angegeben, kam man leicht auf seine Spur und führte ihn am folgenden Tag vor Lord Mauleverer. Seine Erzählung, so verworren sie war, und so verdächtig die Quelle, aus der sie kam, erschütterte die Verdauungsorgane, welche bei Mauleverer die Stelle des Herzens vertraten, mit Empfindungen, die dem Grausen und Entsetzen so verwandt waren, als sie nur immer bei dem guten Peer seyn konnten. Schon durch Brandons Tod aus seiner weltlichen Filosofie der Sorglosigkeit aufgeschreckt, war er in diesem Augenblick für heilsame Eindrücke des Gewissens empfänglicher, als er vielleicht je gewesen war; und er konnte nicht ohne einige Gewissens-Beklemmungen an das Verderben denken, worein er die Mutter des Menschen gestürzt, welchen er so eben auf den Tod angeklagt hatte. Er entließ Dummie und nach einer kurzen Ueberlegung verlangte er seinen Wagen, überließ die Beerdigung seines Freundes der Sorge seines Haushofmeisters, und fuhr nach London und dort vor das Haus des Staatssekretärs des Departement des Innern. Wir möchten dem edlen Bereuenden nicht gern Unrecht thun; aber wir wagen den Verdacht auszusprechen, er würde wohl kaum eine mündliche Verwendung um Gnade für den Gefangenen einer schriftlichen vorgezogen haben, hätte er nicht gewisse Anwandlungen von Unbehagen in seinem Landhaus verspürt, das von den unheimlichen Feierlichkeiten eines Leichenbegängnisses überschattet war. Brandons Brief und Mauleverers Verwendung wirkten für Clifford eine Milderung des Urtheils aus. Er wurde zu lebenslänglicher Deportation begnadigt. Ein Schiff war bereit unter Segel zu gehen und Mauleverer, zufrieden, ihm das Leben gesichert zu haben, hegte durchaus kein Verlangen, daß seine Abreise von England durch irgend eine überflüssige Verzögerung sollte gehemmt werden.

Das erste Gerücht indessen hinsichtlich Brandons, welches London erreicht hatte, war: er sey in einer Ohnmacht aufgefunden worden und liege gefährlich krank bei Mauleverer; und noch ehe die zweite, gewisse und traurigere Nachricht anlangte, hatte Lucie aus der sichtbaren Unruhe Barlow's, den sie ängstlich herüber und hinüber befragte, und der, seinem Herrn wirklich zugethan, sich leicht zur Mittheilung bewegen ließ, die erste, noch Hoffnung gebende Kunde sich verschafft. Zu Barlow's geheimer Freude entschloß sie sich augenblicklich, zu dem krank Geglaubten zu reisen; und von Barlow und ihrer Dienstfrau begleitet eilte das zärtliche Mädchen an dem Abend des Tages, wo der Graf abreiste, nach Mauleverers Haus. Obgleich sich die Wagen nicht begegneten, vielleicht weil die Pferde in verschiedenen Gasthäusern gewechselt wurden, war doch Lucie noch nicht weit gekommen, als Barlow durch das Geschwätz auf der Straße den wahren Stand der Sache erfuhr. Schon auf der ersten Station näherte er sich mit trauervoller Miene dem Wagenschlag, kündigte Lucien an, daß es nutzlos sey, weiter zu fahren und bat sie umzukehren. Sobald Miß Brandon die erste Bestürzung überwunden hatte, welche diese Botschaft ihr verursachte, sagte sie mit Ruhe: »Nun, Barlow, wenn es sich so verhält, so haben wir doch noch eine Pflicht zu erfüllen. Befehlt den Postknechten, zuzufahren.«

»Wahrlich, mein Fräulein, ich kann nicht absehen, was es nützen soll, wenn Sie sich bei Ihrer angegriffenen Gesundheit so schauerlich beunruhigen. Wenn Sie mich hinschicken wollen, so will ich dafür sorgen, daß den Resten meines armen Herrn jede Ehre widerfahre.«

»Als mein Vater todt dalag,« sagte Lucie, mit ernster und trauriger Festigkeit in ihrem Wesen, »da sandte Er, der jetzt nicht mehr ist, keinen Stellvertreter, um einem Bruder die letzten Pflichten zu erweisen, und auch ich will keinen senden, um die einer Nichte zu erfüllen und will zeigen, daß ich die Dankbarkeit der Tochter nicht vergessen habe. Fahrt zu!«

Wir haben schon gesagt, es habe Zeiten gegeben, wo Lucie sich von einem ihr sonst nicht gewöhnlichen Geiste beseelt zeigte, und jetzt thronte das gebieterische Wesen ihres Oheims auf ihrer Stirne. Die Pferde flogen fort und Lucie blieb einige Minuten stumm. Ihre Frau wagte nicht zu sprechen. Endlich wandte sich Miß Brandon um, bedeckte ihr Angesicht mit den Händen, und brach in so heftige Thränen aus, daß sie dadurch ihre Begleiterin mehr noch als durch ihr vorheriges Schweigen beunruhigte. »Mein armer, armer Oheim!« schluchzte sie, und das war alles, was sie sagte.

Wir müssen Luciens Ankunft in Mauleverers Haus übergehen, – übergehen die trübseligen Tage, welche verflossen, bis der fühllose Leichnam dem Staube zugesellt ward, mit dem er, wenn er noch einen Funken seines stolzen Geistes in sich gehabt hätte, seine Atome zu vermischen verschmäht haben würde. Sie hatte den Verstorbenen unendlich über sein Verdienst geliebt und aller Gegenvorstellungen ungeachtet war sie selbst Zeugin der traurigen Feierlichkeit, welche die irdischen Reste William Brandons der Ruhe und den Würmern überlieferte. Am nemlichen Tag empfieng Clifford die Milderung seines Urtheils und am nemlichen Tage erwartete Lucien noch eine andre Prüfung. Wir glauben, um den Leser kürzlich darauf vorzubereiten, welcher Auftritt dieß war, nur erwähnen zu müssen, daß Dummie Dummaker, von seiner großen Zärtlichkeit für den kleinen Paul festgehalten, den er, wie er voll Freude versicherte, »nicht im mindesten aufgeblasen durch seinen großen Namen und seine Vornehmheit« fand, noch immer in der Stadt verweilte, und nicht nur um die Verwandtschaft der Geschwisterkinder wußte, sondern auch vom langen Ned auf der Reise nach – –, die Neigung Cliffords für Lucie ergattert hatte. Wir haben nicht nöthig der Art zu erwähnen, wie diese Nachricht Lucien erreichte: es genüge zu berichten, daß sie an dem Tag, wo sie die letzte Pflicht gegen ihren Oheim erfüllt hatte, zuerst die Lage ihres Geliebten erfuhr.

An diesem Abende noch kamen, in der Zelle des Verurtheilten, die Geschwisterkinder zusammen. Ihre Unterredung war leise, denn der Aufseher stand ganz in der Nähe, und sie wurde durch Luciens krampfhaftes Schluchzen unterbrochen. Aber die Stimme desjenigen, dessen eiserne Nerven dem Abkömmling William Brandons keine Unehre machten, war, wenn gleich zu einem Flüstern, das kaum seine Lippen bewegte, gedämpft, ihrem Ohre deutlich und vernehmlich. Es schien, als ob Lucie, tief ins Herz erschüttert, durch den Edelmuth, womit ihr Geliebter sich damals von ihr losgerissen hatte, wo ihr Vermögen ihn hätte in einem andern Lande über alle Gefahren und Verbrechen seiner Laufbahn in England erheben können – jetzt erst und ihrem ganzen Gewicht nach die Gründe seines räthselhaften Benehmens begreifend, durch das Verwandtschaftsverhältniß erweicht, und sich selbst gänzlich vergessend über die trostlose, finstere Lage eines Mannes, der, was auch seine Verbrechen seyn mochten, gegen sie sich nicht als Verbrecher benommen hatte; es schien, als ob hingerissen von all diesen Empfindungen, sie sich ganz der Zärtlichkeit und Hingebung, die in ihrem Wesen lag, überlassen, daß sie den Wunsch gehabt hätte, Heimath, Freunde und Glück zu verlassen und mit ihm seine Strafe und Schande zu theilen.

»Warum,« stammelte sie, »warum, warum nicht? wir sind allein uns einander in der Welt übrig geblieben. Dein Vater und der meinige waren Brüder, laß mich die Schwester seyn. Was ist hier für mich noch übrig? Niemand, den ich liebe, oder der sich um mich bekümmert – Niemand!«

Jetzt bot Clifford in seiner Antwort all seinen Muth auf; vielleicht jetzt, da er fühlte (obgleich seine Kunde von dieser Sache noch sehr verworren und unvollkommen war,) sein Herkommen sey dem ihrigen nicht ungleich, da er in ihrer blassen Wange und ihrer eingefallenen Gestalt las, oder zu lesen glaubte, daß: sie verlassen – sie tödten heiße, und daß Edelmuth und Selbstaufopferung jetzt zu spät kommen würden, – diese Gedanken, vielleicht verbunden mit einer Liebe, die über alle Beschreibung hinaus ihn beseelte, und einer Liebe von ihrer Seite, der zu widerstehen über Menschenkräfte hinausgieng, überwältigten und besiegten ihn völlig. Doch, wie schon gesagt, tönte seine Stimme mit leisem, ruhigem Ton ihr ins Ohr, und nur sein Auge, das von fester verschloßner Hoffnung leuchtete, verrieth seine Seele. »Lebe denn!« sagte er, als er schloß. »Meine Schwester, meine Geliebte, meine Braut, lebe! in einem Jahr von heute an... ich wiederhole... ich verspreche es dir!«

Die Unterredung war vorüber und Lucie kehrte mit festem Schritt nach Hause zurück. Sie war zu Fuß; der Regen fiel in Strömen, aber trotz ihrer schwachen Gesundheit schadete es ihr nichts; und als sie binnen einer Woche von diesem Tag an las: Clifford sey nach dem Ort seiner Strafe abgereist, las sie die Nachricht mit festem Auge und einem Mund, der, wenn er auch blasser wurde, doch nicht zitterte.

Kurz nach dieser Zeit reiste Miß Brandon in eine unansehnliche Stadt an der Küste ab, lehnte hier alle Gesellschaft ab und blieb daselbst wohnen. Da Cliffords Herkunft nur Wenigen bekannt war, und die Rechtmäßigkeit derselben von Niemand, vielleicht Mauleverer allein ausgenommen, geahnt wurde, erbte Lucie das große Vermögen ihres Oheims, und dieser Umstand machte sie mehr als je zu einem Gegenstand sehnsüchtiger Wünsche in den Augen ihres vornehmen Anbeters. Da er sich die Möglichkeit abgeschnitten sah, sie zu sprechen, schrieb er ihr mehr als Einen beweglichen Brief; aber als Lucie unbeugsam blieb, verdroß ihn endlich ihr Mangel an Geschmack; er stellte seine Bewerbung ein und ergab sich in die Fortsetzung des unerquicklichen, ehelosen Lebens. Im Verlauf der Monate schien Miß Brandon ihrer Zurückgezogenheit überdrüssig zu werden, und sobald sie ihre Volljährigkeit erreichte, was ungefähr acht Monate nach Brandons Tod eintrat, verlegte sie den größten Theil ihres Vermögens nach Frankreich, wo sie, wie man allgemein annahm, (denn es war unmöglich, daß das Gerücht von einer Erbin und einer Schönheit zum Schweigen kommen sollte,) in Zukunft ihren Wohnsitz aufzuschlagen beabsichtigte. Sogar Warlock, (diesen Zauber für das stolze Herz ihres Oheims) gab sie auf. Es wurde dem nächsten Verwandten der Familie zu einem Preise angeboten, auf den er abzuschließen sich nicht bedachte. Und durch eines jener häufigen Spiele des Schicksals ist die Besitzung der alten Brandons, wie wir aus einem Wochen-Journal ersehen, eben jetzt in die Hände eines reichen Aldermans übergegangen.

Beinah ein Jahr nach Brandons Tod kam Lucien ein Brief mit ausländischem Postzeichen zu. Von dieser Zeit an erhoben sich ihre Lebensgeister, die zuvor, obgleich oft in tiefes Sinnen versenkt, doch nicht eigentlich trüb, sondern nur still und gedämpft gewesen waren, zu all der Freudigkeit und Lebhaftigkeit ihrer frühesten Jugend; sie beschäftigte sich sehr thätig mit den Vorbereitungen zur Abreise aus diesem Lande, und endlich ward der Tag festgesetzt und das Schiff gemiethet. Jeden Tag bis dahin gieng Lucie an der Küste spazieren, erstieg die höchsten Felsen und brachte, bis der Abend hereinbrach, Stunden in, wie es schien, müßiger Betrachtung der Schiffe, hin, welche das Meer bedeckten; mit jedem Tage schien sich ihre Gesundheit zu kräftigen und die ehemalige sanfte und glänzende Farbe wieder auf ihrer Wange aufzublühen.

Vor ihrer Abreise entließ Miß Brandon ihre Dienerschaft und behielt zu ihrer Begleitung nur Eine Frau, eine Ausländerin; ein gewisser Ton ruhiger Herrschaft, den man zuvor nicht an ihr kannte, bezeichnete diese Maßregeln, die eine für ihr Alter und Geschlecht so kühne Unabhängigkeit verriethen. Der Tag erschien – es war der Jahrestag ihres letzten Gesprächs mit Clifford. Beim Betreten des Schiffs sah man sie heftig zittern und ihr Angesicht war leichenblaß. Ein Fremder, der in seinen Mantel gehüllt von ferne gestanden war, sprang vor, ihr beizustehen – das war das Letzte, was ihre verabschiedete, weinende Dienerschaft vom Hafendamm aus, wo sie ihr nachblickten, von ihr sahen.

Nichts hörte man mehr in diesem Lande vom Schicksale der Lucie Brandon, außer daß an den entfernten Verwandten, welcher Warlock gekauft hatte, eine Anweisung auf die dafür zu bezahlende Summe, von ihr geschickt und unterschrieben, ankam. Keine weitern Nachrichten durch Briefe oder Gerüchte verlauteten; und da der Kreis ihrer Bekanntschaft klein war und Niemand lebhafte Theilnahme an ihrem Schicksal hatte, außer die Herzen einiger in der Niedrigkeit Lebenden, so wurden die Muthmaßungen nie sehr heftig aufgeregt und kühlten sich bald zur Vergessenheit ab. Nach Verlauf von Jahren wurde Ein Gedanke vorzugsweise vor andern beifällig aufgenommen, der nämlich: sie sey unter den Opfern der französischen Revolution umgekommen.

Wir wollen nun auch einen Blick auf das Schicksal unserer untergeordneteren Bekannten werfen.

Augustus Tomlinson hatte, nachdem er sich vom langen Reb getrennt, glücklich Calais erreicht, und nach einer schnellen Reise durch das Festland begab er sich zuletzt in eine literarisch-berühmte Stadt in Deutschland, wo er durch seinen metafisischen Scharfsinn sich auszeichnete und eine Schule der Moral nach griechischem Muster in französischer Sprache eröffnete. Er erwarb sich durch Gönnerschaft und durch die Schüler, die er unterrichtete, ein sehr anständiges Einkommen, und als er eine Schrift in Folio gegen Locke schrieb, worin er bewies, daß der Mensch angeborne Ideen habe, und behauptete: man müsse Alles nicht nach der Vernunft, sondern nach den Gefühlen und Empfindungen der Seele bemessen und beurtheilen, da gewann er wegen seiner außerordentlichen Jugend einen großen Ruf. Einige kleine Entdeckungen wurden nach seinem Tode gemacht, welche vielleicht den allgemeinen Geruch seiner Heiligkeit einigermaßen vermindert haben würden, hätten nicht die Bewunderer seiner Schule die Sache sorgfältig vertuscht, wahrscheinlich aus Achtung für die »Gefühle seiner Seele!«

Pepper, auf dessen Verderben die Polizei nicht so gar erpicht war, wie auf das seiner zwei Gefährten, hätte sich vielleicht noch manches liebe Jahr auf allgemeine Unkosten mästen können, wenn nicht ein etwas unvorsichtig geschriebener Brief in falsche Hände gerathen wäre. Dieß, obgleich es dem Anschein nach vergessen zu werden schien, nachdem es einige Bewegung verursacht hatte, lebte doch im Gedächtniß der Polizei fort, und trug zuletzt mit einigen andern kleinen Sünden dazu bei, seinen Fall herbeizuführen. Er wurde ergriffen, vor Gericht gestellt und zu siebenjähriger Deportation verurtheilt. In Botany-Bay benutzte er seine Zeit so vortheilhaft und richtete sich seine Lage so behaglich ein, daß er nach Ablauf seiner Strafzeit die Rückkehr verschmähte. Er machte eine vortreffliche Heirath, kaufte ein vortreffliches Haus und blieb in dem gesegneten Lande bis zum Schluß seiner Tage, noch bis ans Ende durch den Reichthum seines Haares und eine gewisse freche Stutzerei im Aufzuge ausgezeichnet.

Was den Haudegen Attie, den Pöbel Franz, Scharlach Jem und den alten Sack betrifft, so bekennen wir unsere Ratlosigkeit, über ihr Ende gewisse Nachritten beizuschaffen. Wir können nur hinzusetzen rücksichtlich Haudegen Attie's, was wir in Beziehung auf die Andern unterlassen wollen: »Wo er geht, begleit' ihn ein guter Stern!« Wenn er stirbt, wird die Straße einen großen Mann verloren haben, dessen Fuß selten aus dem Steigbügel kam, und dessen heller Kopf eine kühne Hand regierte. Er trieb den gesunden Menschenverstand zur höchsten Vollkommenheit und machte den geraden Weg zum erhabensten. Seine Worte waren wenige, seine Thaten viele. Er war der Spartaner der Toby-Männer, und Lakonismus war die einfache Seele der von ihm in seinem Beruf aufgestellten und befolgten Gesetze. Von welcher Seite mag ihn auch betrachten mag, man sieht an ihm Geisteseigenschaften, welche das Schicksal beherrschen; wenige Gedanken, die einander nicht verwirren – einfache Elemente und kräftig zugleich. Sein Charakter beim Handeln kann mit den zwei Ausdrücken erschöpft werden: Eine That angegriffen und einen Streich ausgeführt! Wäre seine Verstandeskraft wuchernder gewesen, so wäre wohl seine Entschlossenheit weniger kühn gewesen; und seine Kühnheit machte ihn groß. Er gehörte zu den Menschen, die nur in der That glänzen – Kamine (um Sir Thomas Moore's Gleichniß anzuwenden,) die unnütz scheinen, bis man Feuer anzündet. So träumte man in dem Augenblick der Ruhe nicht von seiner Brauchbarkeit, und nur auf der Straße wurde man durch die Ausbrüche seines Geistes niedergeschmettert. In welche Lage er auch berufen ward, man fand in ihm, was man bei Andern vergebens suchte, denn sein derber Menschenverstand gab dem Attie, was lange Erfahrung geben sollte, aber oft doch nicht giebt; seine Thatkraft triumfirte über die Bedenklichkeit unerwarteter Umstände, und er durchbrach in einem Augenblick die Spinnengewebe, welche schwächere Naturen jahrelang eingeschnürt hätten. Sein Auge sah auf das Endresultat und achtete nicht, auf Einzelnheiten. Er plünderte seinen Mann aus, ohne viele Chikanen, und nahm seinen Geldbeutel, indem er gerade darnach griff, ohne viele vorhergehende Anschläge. Wenn seine Feinde sein Verdienst, ein großes, glänzendes und wohlbegründetes Verdienst schmälern wollen, so können sie vielleicht nur das sagen: daß sein Geist ihn mehr befähigte Unternehmungen fortzusetzen, als sie zu ersinnen, und daß er so neben dem Ruf, auf den er gerechte Ansprüche hatte, oft auch den Ruhm ganz an sich riß, den er mit Andern hätte theilen sollen; er nahm die Ausführung da auf, wo das Geschäft und die Mühe begann, und führte sie bis dahin, wo sie vom Ruhme belohnt wurde. Auch dieser Vorwurf beweist nur das weitere Verdienst der Geschicklichkeit und vermindert nicht das weniger verwickelte Verdienst, das wir ihm oben zugestanden. Der Ruf, den er erworben, kann unsere Nacheiferung erwecken; der Neid, den er nicht zu dämpfen vermochte, uns über die Dunkelheit unsers Namens trösten.

– – – Doch des Menschen Sinne umhüllt das Gewölbe
Das unzählbare des Irrthums.
Aber der Weiseste weiß nicht,
Was heute und was zuletzt
Wohl fromme dem Menschen zumeist.
          Pind. Olymp. Carm VII. 45-48.

Und dir, Gentleman George, welchen Abschiedsgruß rufen wir dir zum Schluß zu? Ach! seit wir die sonderbare, maskenhafte Scene schilderten, wo du zuerst auftratest, hat der grimmige Feind dreimal an dein Thor gepocht; und nun da wir dieß schreiben, bist du von hinnen geschieden, du bist nicht mehr! ein neuer Herr führt in deinem behaglichen Stuhl den Vorsitz, eine neue Stimme erschallt an deiner fröhlichen Tafel – du bist vergessen! du gleichst schon diesen Blättern, einer Erzählung, die man einem Gedächtniß vorsagt, das nichts behält. Wo sind jetzt deine Witze und Wortspiele? wo deine stattlichen Geckereien und deine königlichen Freuden? dein Haus, deine Pagode, dein gothischer Kamin und dein chinesisches Wirthshausschild? Diese verlangen jetzt die letzte Hand; deine Hand ist kalt; ihre Vollendung und der Genuß der Vollendung sind einem Andern vorbehalten. Du säetest, und dein Nachfolger sammelt; du bauetest, dein Nachfolger erhält; du pflanztest, und dein Erbe sitzt unter dem Schatten deiner Bäume:

– – Neque harum, quas colis, arborum
Te praeter invisas cupressos
Ulla brevem dominum sequetur!

In diesem Augenblick liegt dein Leben – denn du warst ein bedeutender Mann in deinem Stande, und man hat deine Biografie zu der von Abershaw und Shepherd gesellt, – liegt dein Leben vor uns. Welcher Stoff zu einer Predigt im Wechsel derselben! Fröhlich lachtest du in deiner Jugend, und fröhlich durchliefst du das Stadium deines Mannesalters. Der Witz saß mit dir zu Tische, und der Geist war dein Begleiter; die Schönheit war deine Dienerin, und die Leichtfertigkeit spielte um dich – gleich einem Harlekin, den man verspottet, und verspottend genießt. Wer von uns kann auf deine glänzende Zeit zurücksehen, ohne bei dem Gedanken zu seufzen, daß die wundervollen Männer, deren Mittelpunkt und Kern du warest, für uns nur Erscheinungen der Geschichte, Fantome einer wesenlosen Tradition sind? Diese glänzenden Soupers, funkelnd von Schönheit, deren Andenken einen Ort (den Bachelor Bill nun auch geerbt hat,) zu einem zauberhaften Feenreich macht; alle, die dieser Kreis der Armida in sich versammelt hatte, die Grammonts, die Beauvilliers, die Rochefoucaulds Englands und der Landstraße – wer fühlt nicht, daß das Glück, diese Männer gesehen zu haben, wäre es auch nur so, wie Gil Blas die Festlichkeiten seiner Schauspieler sah, – vom Seitentisch aus und hinter dem Stuhl, – ein Triumf gewesen wäre, um die irdischeren Empfindungen seines Alters wieder zu beleben! Und was muß es erst gewesen seyn, sie zu sehen wie du sie sahest! (du, der jetzt Geschiedene und Vergessene!) sie zu sehen von der Höhe deiner Jugend, deiner Macht, deines Standes (denn du warst früh schon Inhaber des öffentlichen Hauses,) der sorglosen Laune und der lustigen Empfänglichkeit für die Freude? Welche Lustbarkeiten, wo der Verstand seine unzählbaren, mannigfaltigen Schätze verschwendete! Welche Schwärmereien, wo der Wein das geringste Reizmittel war!

Inde alitur nudus plaeida sub matre Cupido,
Inde voluptas, inde alimenta Dei.Der Verf. ist ungewiß. Vergl. Epigrammata et Poëmata vetera apud Jacobum Chouet, p. 124.

Jetzt verändert sich die Scene! – Welcher rasche, ergreifende Wechsel! Triumpf und Glanz und Sieg! Denn dein öffentliches Haus hatte einen Namen! Dahin kamen die Krieger vom Ring, die Helden vom Kreuz – und du, ihr Schutzherr, wurdest durch ihren Ruf mit erhoben.

Principes pro victoria pugnant, comites pro principe.Tacit. Germ. Welche Gesichte umschweben uns! Von welchem Ruhm warst du Zeuge! An welchen Siegen führtest du den Vorsitz! Die gewaltigste Epoche – die wunderbarsten Ereignisse, welche die Welt, deine Welt, je sah – von All diesem – gehörte nicht dir, und in ausgezeichneter Weise:

»Ein Theil am Triumpf und ein Erbe vom Ruhm?«

Jetzt verändert die Scene! – Das Mannesalter nähert sich dem Greisenalter; aber die Lust ist verdrängt von der Ueppigkeit, und Prunk ist der Nachfolger des Vergnügens; Spielwerk und Flitterstaat anstatt des Ruhms, umgiebt, erfreut dich und schmeichelt dir am Ende. Da erheben sich deine Bauten – da liegen, verborgen, aber prachtvoll, die Gemächer deiner Behaglichkeit; und die Einkünfte deiner Freunde und die Reichthümer des Volks, das sie plündern, sind Wasser in deinen fürstlichen Strudel; du bist eingesponnen in Wohlbehagen wie ein Seidenwurm, und der Ueberfluß strömt aus deiner hohen und unsichtbaren Freistätte, wie der Regen aus der Wolke. Du thatest viel, um Kaminstücke zu verschönern, viel um die heimlichen Verstecke zu schmücken, wo du weiltest; das Stehlen nahm bei dir körperhafte Gestalt an, und die Plünderungen des Publikums giengen durch eine Metempsychose in Mauerkalk über und wurden – öffentliche Häuser. Und so und solchergestalt, bauend und Plane machend, spannest du deinen letzten Faden ab, bis der Tod über dich kam; und als wir uns umsahen, siehe, da war dein Bruder an deinem Herde. Und deine Schmarotzer und Cameraden und deine alten Gesellen und deine anständigen Frauenzimmer erhoben ein Gemurmel und packten ihr Hab' und Gut zusammen – aber sie wandten sich noch um, ehe sie abzogen und hätten gerne deinem Bruder ebenso gehuldigt, wie sie dir huldigten; aber Er wollte nicht! Und dein Schild ist jetzt weg und an die Stelle des fröhlichen Anglers ist der fröhliche Matrose getreten! Und dein Bild verschwindet schnell aus den Läden der Bilderhändler und dein Name aus dem Munde der Menschen. Und dein Bruder, den Niemand lobte, so lang du lebtest, thront auf einem Thurme von Ruhm und Preis, erbaut auf dem Kirchhof, der dein Grab enthält. O wechselnde, unbeständige Herzen der Menschen! Wer möchte der Inhaber eines öffentlichen Hauses seyn! Wer möchte den erfreuenden Wein und sonstiges Getränke austheilen, wenn in dem Augenblick, wo der Puls stockt, Wein und Getränke vergessen sind?

Der Geschichte – denn dein Name wird aufbewahrt werden in jenem Urkundenbuche, das uns, sey es nun die Chronik von Newgate oder von Nationen, das uns immer gleicherweise berichtet, wie die Menschen leiden, sündigen und untergehen – der Geschichte überlassen wir es, deine Verdienste und deine Fehler alle aufzuzählen und gegen einander abzuwägen. Deine Sünden waren die eines Mannes, welchem das Vergnügen Alles in Allem ist; du warst von der Wurzel an, in Zweigen, Splint und Herz das, was die Moralisten einen Libertin nennen; daher deine Leichtfertigkeit im Wehethun, im Verlassen der Freunde, im Brechen des Worts, daher die organisirte Treulosigkeit, worein sich dein Wesen den bevorzugten Sterblichen offenbarte, welche dich Gentleman George nannten. Nie hast du dich gegen Ein Weib, bis zum letzten matten Ausglimmen deiner zärtlichen Liebesflammen, so benommen, daß du ihr keinen Grund zur Beschwerde gegeben, nicht ihre anklagende Stimme gegen dich herausgefordert hättest. Aber wie sollte man auch gegen die Eine redlich seyn, wenn man über Treulosigkeit gegen eine Andre lacht? Wer wird sich des Verraths an einem Geschlechte je ganz enthalten, wenn er den Verrath an demselben für kein Unrecht hält? Und so war dir, wie Allen deines Gleichen, eine Lockerheit der Grundsätze eigen, eine Unaufrichtigkeit in deinen Worten – selbst gegen Männer, daß du, wenn die Gelegenheit sich ergab, deine besten Freunde verläugnetest, und deine üppigen Genüsse dir theurer waren, als Gerechtigkeit gegen diejenigen, welche sie dir lieferten. Menschen, welche das Vergnügen lieben und darin leben wie du, sind meist gutmüthig; denn ihre Hingebung an den Genuß entspringt aus der Stärke ihrer Konstitution und diese bewahrt sie vor der Reitzbarkeit schwächerer Nerven; so warst auch du gutmüthig und oft großmüthig, und oft verbandest du mit deiner Großmuth eine Zartheit, welche eine eigenthümliche feine Achtung und Theilnahme an den Gefühlen Anderer verrieth. Aber wie die Freunde des Genusses auch weniger als irgend ein Mensch Störungen und Unterbrechungen dulden, so zeigtest du auch gegen diejenigen, welche deiner Hauptneigung in die Quere kamen, einen tiefen, bleibenden, rachsüchtigen Groll. Daher wußten deine galanten Nebenbuhler in deinen Liebeshändeln von frühern Zeiten, daß du bis zu deinem Todestag nicht verziehest; daher dein bittrer, unbeugsamer Haß gegen dein unglückliches, obwohl nicht vorwurffreies Weib – daher deine auflodernde, willkürliche Entrüstung, als die Menge für deine im Stich gelassene Hauswirthin Parthei nahm und dich insultirte! Daher die sechs ungerechten Bills, welche du ergehen zu lassen den Befehl gabest, als dein Steuer-Karren von einem Stein getroffen wurde! Aber beurtheilen wir diese Temperamentsfehler nicht zu streng! Du warst in diesen Beziehungen nicht schlimmer als die Mitglieder der, wenn wir so sagen dürfen: Räuber-Aristokratie. Deine Neigungen, Eigenschaften, Grundsätze, Irrthümer waren mehr die eines Mannes, der ein Wirthshaus besucht, als der es beherrscht. Du warst der – – der Bierhäuser! Deine Talente, wie sie einmal waren – und es waren die Talente eines Weltmannes – mißleiteten dich mehr, als daß sie dich führten, denn sie gaben deinem Geiste jene Halbfilosofie, jene Gleichgültigkeit gegen höhere Interessen, die man gewöhnlich bei gescheuten Wüstlingen findet, und die, wir sagen es mit Bedauern, die Whig-Bramarbasse dieser Periode auszeichnet. Deine Erziehung war heillos; du wußtest ein paar Brocken von Horaz, aber du konntest nicht englisch schreiben und deine Briefe verrathen, daß du ein schmählicher Ignorant in der Logik warst. Die Feinheit deines Geschmacks hat man übertrieben; die edle Einfachheit war dir völlig fremd; dein Entwurf eines Ganzen war grotesk und überladen, deine Fantasie im Einzelnen üppig und im Geschmack einer Buhldirne. Aber du hattest die Hand immer in der öffentlichen Kasse und hattest immerdar Plane und Ratgeber vor dir; mehr als Alle fandest du die Häuser in der Nähe der Orte, wo du bautest, so unerlaubt häßlich, daß du absichtlich nur wenig Kenntniß haben wolltest, um desto minder ängstlich in deinen Schöpfungen seyn zu müssen. Wenn du deinen Geburtsort und deine verschiedenen Häuser nicht mit solidem, erhabenem und edlem Geschmack verschönertest, so verschönertest du sie wenigstens auf ganz eigenthümliche Weise. Und die Nachwelt wird, während sie die Fehler deiner Baukunst vermeidet, für die Wirkungen deines Ehrgeizes dir dankbar seyn. Dieselbe Halb-Filosofie, welche ihren Einfluß auf dein Privatleben äußerte, übte eine viel wohltthätigere und heilsamere Macht über dein öffentliches Leben aus. Du liebtest keine nutzlosen Plackereien in deinem Kirchspiel, und in der Regel keine Tyranneien in deinem Sprengel; wenn du je willkürlich verfuhrest, so war es nur dann, wenn dein Vergnügen gestört oder deine Eitelkeit verwundet wurde. Zu andern Zeiten ließest du den Dingen ihren regelmäßigen Lauf, so daß du in deinen letzten Jahren eigentlich beliebt warest in deinem Sprengel; und im Grabe wird jetzt dein großes Glück deine wenigen übeln Eigenschaften überglänzen, und die Leute werden von dir mit nachsichtigem und nicht eben irrigem Urtheil sagen: »Im Privatleben war er nicht schlimmer als die Großsprecher, die in seine Schenkstube kamen; im öffentlichen war er besser als sie, welche vor ihm ein öffentliches Haus hielten.« – Horch! diese Huzza's! wie lautet der Schlußvers in diesem Chorus? O dankbare und nie der Zeit dienende Britten habt Ihr schon auf einen Andern das Lied umgeorgelt, das so ausschließlich zu Ehren Gentleman George's gefertigt wurde; und müssen wir, um nicht die Sitte des öffentlichen Hauses zu verletzen und die guten Sachen des Schenkzimmers einzubüßen, müssen wir mit Kehlen, die noch heiser sind von der Hitze, womit wir die alten Worte schrieen, unser Wohlgefallen an den neuen brüllend zu erkennen geben!

Hoch Mariner Bill! Gott schütz' ihn! Gott schütz' ihn! Gott schütz' ihn! Hoch Mariner Bill! Gott schütz' ihn!

Frau Lobkins gieng aus dieser Welt, wie ein Lamm, und Dummie Dummaker erhielt die Erlaubniß, ihr Geschäft in Thames Court fortzuführen. Er rühmte sich bis an sein Ende seiner Bekanntschaft mit dem großen Hauptmann Lovett, und der Leutseligkeit, womit diese ausgezeichnete Person ihn behandelt. Auch wußte er Geschichten von dem Richter Brandon zu erzählen, aber Niemand glaubte eine Sylbe davon; und Dummie, erboßt über den Unglauben, steigerte aus Aerger noch das Wunderbare seiner Erzählungen, so daß zuletzt die Zusätze das Ursprüngliche beinah verschlangen und Dummie selbst in Verlegenheit gewesen wäre, sich Rechenschaft zu geben, was falsch und was wahr sey?

Der gelehrte Peter Mac Grawler kehrte nach Schottland zurück und verlor sich unterwegs. Ein dem Weisen viel gleichsehender Mensch ward nachher in Carlisle gesehen, wo er das nützliche und preiswürdige Amt des Abdeckers versah. Aber ob dieser ehrenwerthe Beamte eine und dieselbe Person mit unserm Simon Pure, unser, Ex-Herausgeber des Asinäums war oder nicht, wagen wir nicht zu entscheiden. Wir selbst glaubten neuerlich seinen schönen römischen Styl, obgleich durchs Alter ein wenig zerrüttet, in einem trefflichen Artikel in Blackwoods Magazin zu erkennen, worin der bezaubernde, allgelesene Roman: die fünf Nächte von St. Alban, angepriesen werden sollte.

Lord Mauleverer, zuletzt zum ehelosen Leben sich entschließend, verbrachte den Rest seiner Tage in unthätiger Ruhe. Als er starb, versicherten die Zeitungen: Se. Majestät sey über den Verlust eines so alten und treuen Freundes tief betrübt. Seine Möbeln und seine Weine wurden außerordeutlich theuer verkauft, und ein bedeutender Mann, sein engster Vertrauter, der seine Bücher kaufte, erstaunte, als er aus Bleistift-Bemerkungen ersah, daß der edle Gestorbene manche davon gelesen hatte, und rief, nicht ganz ohne Wahrheit, aus: »Ach, Mauleverer hätte können ein verteufelt gescheuter Kerl seyn – wenn er es nur gewollt hätte!«

Der Graf pflegte als Merkwürdigkeit einen Ring von großem Werthe zu zeigen, den er auf sonderbare Weise bekommen hatte. Eines Morgens brachte man ihm ein Paket, in welchem er eine Summe Geld, den erwähnten Ring und einen Brief von dem berüchtigten Lovett fand, worin dieser Mann seine Lordschaft bat, das Geld wieder anzunehmen, dessen er ihn bei zweimaligen Angriffen beraubt, ihm mit achtungsvoller Wärme für die gegen Lovett gezeigte rücksichtsvolle Aufmerksamkeit dankte, daß er dessen Identität mit Kapitän Clifford nicht aufgedeckt, und als schwachen Beweis seiner Achtung den besagten Ring der übersandten Geldsumme beizulegen sich erlaubte.

Um dieselbe Zeit, wo Mauleverer diese sonderbare Zusendung erhielt, waren manche Anekdoten ähnlicher Art in den öffentlichen Journalen zu lesen, und es schien, Lovett habe durchaus den Grundsatz der Wiedererstattung sich zur Regel gemacht – was, man muß gestehen, nicht immer die Frucht der Reue eines Räubers ist. Während die müßigen Köpfe sich noch über diese Anekdoten verwunderten, kam die verspätete Nachricht, daß Lovett, nach nur einmonatlichem Aufenthalt an seinem Strafort, auf die verwegenste und seltsamste Weise seine Flucht ausgeführt habe. Ob er bei Wanderungen im Lande den Hungertod gestorben, oder von den Einwohnern erschlagen worden war, oder ob er, vom Glück begünstigt, zuletzt Mittel gefunden hatte, über's Meer zu entfliehen, war noch nicht bekannt. So endeten die Abenteuer des galanten Räubers, und durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstände verhüllte das gleiche Geheimniß, das den Schleier über Luciens Schicksal warf, auch das ihres Geliebten. Und hier, freundlicher Leser, könnten wir den Vorhang über die Schlußscene fallen lassen, dächten wir nicht, es könne dir Vergnügen machen, wenn wir ihn noch einen Augenblick aufgezogen halten, und dich noch einen Blick auf die Welt dahinter werfen lassen.

In einer gewissen Stadt des großen Landes, wo man die Schuhe nicht glänzend reibt, aber die Meinungen nicht verfolgt, da hauste, zwanzig Jahre nach der Abreise der Miß Lucie Brandon von England, ein Mann, der allgemeiner und hoher Achtung genoß, nicht allein wegen der Rechtschaffenheit seines Lebenswandels, sondern auch wegen der regen Thätigkeit seines Geistes und der Unternehmungen, worauf er jene richtete. Fragte man: wer hat diese wüste Gegend angebauet? so war die Antwort: »Clifford!« Wer hat die Anlegung dieses Hospitals besorgt? – »Clifford!« Wer hat die Abhilfe einer solchen öffentlichen Last bewirkt? »Clifford?« Wer kämpfte für und errang eine so wohlthätige Anordnung? »Clifford!« In seinen Entwürfen und Unternehmungen zarterer Art, in denjenigen besonders, welche Kranke und Notleidende betrafen, wurde dieser nützliche Bürger unterstützt, ja sogar übertroffen von einem Wesen, über dessen ausnehmende Liebenswürdigkeit die Zeit mit sanftem, unschädlichem Flügel hingegleitet zu seyn schien. Es war etwas Auffallendes und Rührendes in der Liebe, welche dieß Paar, (denn das genannte weibliche Wesen war Cliffords Gattin) zu einander hegte; gleich der Pflanze auf den Triften von Hebron, verlieh die Zeit, welche dieser Liebe immer mehr Stärke gewährte, ihr auch ein sanfteres und frischeres Grün. Obgleich ihre dermaligen Nachbarn mit den Ereignissen ihres frühern Lebens, ehe sie sich in – – niederließen, nicht bekannt waren, wußte man doch, daß sie reich gewesen waren, als sie zuerst hier ihren Wohnsitz aufschlugen, und daß sie durch eine Reihe von Unglücksfällen Alles verloren hatten; aber Clifford hatte mannhaft gegen das Schicksal angekämpft und in einem neuen Lande, wo Männer nicht leicht darben, welche die Arbeit der Abhängigkeit vorziehen, war er im Stande gewesen, durch die herben Stadien der Armuth und Mühseligkeit mit einer Redlichkeit und Charakterstärke sich hindurchzuschlagen, die ihm vielleicht eine innigere Achtung bei allen seinen fortgesetzten Bemühungen erwarb, als der Glanz seines verlornen Reichthums ihm hätte gewinnen können. Seine Arbeitsamkeit und Geschicklichkeit wurden durch allmälige, aber sichere Erfolge belohnt, und er erfreute sich jetzt des Genusses eines Vermögens, das er mit der gewissenhaftesten Redlichkeit erworben hatte, und mit der freundlichsten Wohlthätigkeit anwendete. Die Spur der durchgemachten Mühseligkeiten war bei beiden erkennbar; sie hatten die Rosen von den Wangen des Weibes geraubt und einige vorzeitige Furchen über Cliffords breite Stirn gezogen. Auch gab es Augenblicke, wiewohl nur selten, wo dieser aus seiner gewöhnlichen schnellkräftigen und gesunden Geistesheiterkeit in eine trübe und tiefsinnige Träumerei versank; aber diese Augenblicke beobachtete die Gattin mit zärtlicher, eifersüchtiger Besorgniß, und Ein Ton ihrer süßen Stimme vermochte den Zauber zu lösen; und wenn Clifford die Augen erhob, erst ihr zartes Lächeln und dann sein glückliches Haus und die heranwachsenden Kinder sah, oder durch die Fenster seines Zimmers die heilsamen öffentlichen Einrichtungen betrachtete, deren Schöpfer er war, so glühte etwas wie Stolz und Freude auf seinem Angesicht, und er sagte, obgleich mit feuchten Augen und gedämpfter Stimme, indem sein Blick wieder zur Gattin zurückkehrte: »Das verdanke ich dir

Ein Charakterzug war besonders auffallend bei Clifford – Nachsicht bei den Fehlern Anderer. »Die Umstände erzeugen die Schuld!« pflegte er zu sagen, »laßt uns versuchen, die Umstände zu ändern und zu bessern, ehe wir gegen die Schuld losziehen!« Seine Kinder versprachen denselben nützlichen und ehrenvollen Pfad zu betreten, auf dem er wandelte. Glücklich wurde die Familie geschätzt, welche die Hoffnung hatte, sich mit der seinigen zu verbinden.

Dieß war das spätere Schicksal Cliffords und Luciens. Wer wird uns verdammen, wenn wir die Moral dieses Schicksals der Moral vorziehen, welche vom Galgen und Schaffot gewonnen wird? – welche Vogelscheuchen macht, keine Wegweiser; die unsere Schwäche erschreckt, nicht unsere Vernunft warnt? Wer läugnet, daß es besser sey, wieder zu ersetzen, als umzukommen? und besser, als ein Bürger das begangene Unrecht wieder gut zu machen, denn als Einsiedler es zu bereuen? O John Wilkes, Alderman von London und Bannerträger der Freiheit, dein Leben war nicht um ein Jota zu tadellos, dein Patriotismus hätte können unendlich reiner seyn, deine Moral wäre unendlicher Verbesserungen fähig gewesen; du bist weder bei uns noch bei der übrigen Welt sonderlich beliebt; aber du hast ein treffliches Wort gesagt, um dessenwillen wir mit Wohlwollen, ja beinahe mit Ehrfurcht dich ansehen. Wir wissen kaum, sollen wir eher über den Witz darin lächeln, oder über die Weisheit seufzen. Merkt Euch diese Wahrheit, alle ihr Herren Englands, die Ihr Gesetze zu machen liebt, wie die Römer ihre Fasces machten – wie Bündel Ruthen und in der Mitte ein Beil; merkt sie euch und behaltet sie, und möge sie lange leben, von uns selbst mit Hoffnung, aber von unsern Kindern mit Dankbarkeit beherzigt; lange, nachdem das Buch, dessen Schmuck und Ziel sie ist, im Staub und Moder schlummert; lange noch, wenn die zitternde Hand, welche sie jetzt niederschreibt, sie nicht mehr verfechten oder bekräftigen kann, die Wahrheit: »Die allerschlimmste Weise einen Menschen zu verwenden, ist: ihn zu hängen!«

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