Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeSiebentes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid3f71a5b9
Schließen

Navigation:

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Wie kommt es doch, daß uns zu Zeiten, überwältigend aber unbeschreiblich, eine Angst, eine Bangigkeit beschleicht? Wie kommt es, daß wir schaudern ohne eine Ursache, und das warme Lebensblut in seinem Lauf stocken fühlen? Sind uns die Todten nahe?

Falkland.

Was sagst Du? Gräßlicher Gedank'! ich fühl' ihn
Mein eisig Herz umwinden, wie die Schlange
Sich tödtlich, sicher um die Beute ringelt!
          *           *           *             *
Was! in der todesstillen Einsamkeit
Floh diese fürchterliche Seele?

Liebe und Haß.

Den Abend, der dem Morgen voranging, wo obiges Gespräch vorfiel, brachte Brandon allein in seinem Quartier in – – zu. Er hatte sich zu unwohl gefühlt, um dem gewöhnlichen Gelage anzuwohnen, und saß in trägem Brüten da in der Einsamkeit des altmodischen Zimmers, das ihm angewiesen worden war. Zwei Wachskerzen auf dem platten, hübschen Tisch, kämpften mit mattem Lichte gegen die Düsterheit des schwerfälligen Getäfers, das in sparsamen Zwischenräumen durch Porträte in eichenen Rahmen gehoben wurde, schmutzig, plump und wichtig aussehend durch die Pracht verbrämter Röcke und niederhängender Perücken. Die Vorliebe der Wirthin für den neuern Geschmack hatte jedoch zu beiden Seiten des ungeheuern Camins neuere Meisterstücke der schönen Künste aufgehängt. In sinnbildlicher Herrlichkeit hingen da die Bilder der vier Jahrszeiten, lauter üppige Weibergestalten, den Winter ausgenommen, der gar häßlich im Bilde eines alten Kerls verkörpert war. Dazwischen hing ein Kupferstich von Lord Mauleverer, dem Statthalter der benachbarten Grafschaft, der in seiner Peerstracht äußerst majestätisch aussah, und drei Abbildungen von Glaube, Liebe, Hoffnung – weibliche Wesen, von denen bezweifelt werden mochte, ob der muntere Graf je zuvor eine so enge Bekanntschaft mit ihnen gepflogen hatte. Vorhänge von dem altmodischen Zitz, wo Büschel von Streifen mit Reihen Blumen abwechseln, füllten die Zwischenräume von drei Fenstern; ein schwerer Wandtisch nahm den größern Theil einer Wandung ein; und ihm gegenüber, im Rücken Brandons, war eine mächtige spanische Wand ausgespannt und erhöhte die einsame und gleichsam öde Behaglichkeit des Zimmers.

Das Licht fiel blaß und schwach auf Brandons Gesicht, als er in seinem großen Stuhl dasaß, die Wange auf eine Hand gestützt und mit dem unbewußten Ernst der Zerstreuung in das helle Feuer starrte. In diesem Augenblick stürmte eine ganze Legion von düstern Gedanken in schneller Aufeinanderfolge durch seine Seele. Sein früher Ehrgeiz, seine unglückselige Heirath, die Ursachen seines spätern Steigens in der unrichtig urtheilenden Welt, das erste Aufdämmern seines Rufs, seine reißenden und schmeichelhaften Fortschritte, seine jetzige Erhebung, seine sehnsüchtige Hoffnung auf noch viel höhere Stellen, nach aristokratischen Ehren – alle diese Bilder schwebten ihm in einer Mischung von Licht und Schatten vor: aber immer gesellte sich zu ihnen Eine beunruhigende dunkle Erinnerung – der Verlust seines einzigen Sohnes.

Weil mit seinem Ehrgeiz sich der Wunsch verflocht, den Stolz seines anererbten Namens wieder zu beleben, machte ihn jeder Zuwachs an Vermögen oder Ruhm nur noch begieriger, den Einzigen aufzufinden, der diese hohlen Auszeichnungen bei seinem Geschlecht auf die Dauer erhalten konnte.

»Ich werde ihn doch noch entdecken!« brach er plötzlich laut aus. Bei diesen Worten durchschauerte ein rascher – heftiger – krampfhafter Schmerz seinen ganzen Körper, und fixirte sich dann einen Augenblick auf seinem Herzen, wie wenn sich ein Raubvogel daran ankrallte; er ging vorüber und darauf folgte eine tödtliche Erschöpfung. Brandon stand auf, füllte sich ein großes Glas mit Wasser und trank es hastig. Die Erschöpfung ging vorüber wie zuvor der Schmerz; Brandon hatte in neuester Zeit dieß Gefühl oft gehabt und nicht beachtet, denn nicht leicht war Jemand weniger als er mit der Selbstquälerei der Hypochondrie behaftet; aber jetzt, in dieser Nacht, sey es, daß der Anfall heftiger war als sonst, oder daß seine Gedanken die Saite berührt hatten, welche natürlicherweise die ängstlichsten Empfindungen im Menschen aufregt, – wir wissen es nicht zu sagen, aber als er sich wieder setzte, schoß der Gedanke an seine herannahende Auflösung wie ein eisiger Pfeil durch sein Herz.

So ganz war dieser Entwürfe brütende Mann auf das bewegte Leben der Welt gerichtet, und so wenig waren seine Gedanken gewohnt, sich dem letzten Ziel aller Dinge zuzukehren, daß dieser sich ihm plötzlich aufdrängende Gedanke ihn wie ein Gespenst bangen machte. Er fühlte die Röthe von seinen Wangen fliehen, und ein zuckender, unwillkürlicher Schmerz durchbebte die Kanäle seines Bluts von den Haarwurzeln bis zu den Fußsohlen. Aber die trotzige Seele Brandons war nicht von der Art, daß ein Schatten sie lange beängstigen konnte. Er ermannte und zwang sich, dem düstern Gedanken, der sich so vor sein inneres Auge drängte, die Stirne zu bieten und er betrachtete ihn mit festem und unerschrocknem Blicke.

»Nun,« dachte er, »kommt meine Stunde heran, oder habe ich noch die gewöhnliche Frist der menschlichen Natur für mich zu hoffen? Wahr ist es, es haben sich in neuerer Zeit diese sonderbaren Erschütterungen des Körpers mit etwas beunruhigender Schnelligkeit wiederholt; vielleicht hat diese Arznei, welche die Qual Einer Krankheit heilte, eine andre, schneller tödtende erzeugt. Aber warum soll ich dieß glauben? Mein Schlaf ist gesund und ruhig, meine Lebensweise gemäßigt, mein Geist thätig und hell wie in seinen besten Tagen. In meiner Jugend spielte ich nie den Verräther an meiner Gesundheit; warum sollte sie mich an der Schwelle des Alters im Stich lassen? Ja, ja, das sind nur vorübergehende Neckereien, Erkältungen des Bluts, das anfängt dünn zu werden. Soll ich mich gewöhnen in meiner Diät weniger streng zu werden? Vielleicht belohnt der Wein meine Enthaltsamkeit, vermöge der ich seinen Genuß zum bloßen Vergnügen mir versagte, und wird mir eine Herzstärkung im Nothfalle. Ja, ich will die Aerzte fragen, ich will fragen; ich darf noch nicht sterben. Ich habe – laß sehen – drei, vier Stufen noch zu erreichen, ehe die Leiter ganz erstiegen ist. Und vor Allem muß ich mein Kind wieder bekommen. Lucie mit Mauleverer verheirathet, ich selbst Peer, mein Sohn vermählt mit – Wem? Ich wünsche zu Gott, daß er noch nicht verheirathet seyn möge! meine Neffen und meine Kinder Edelleute! das Haus Brandon wieder hergestellt, meine Macht von den Menschen angestaunt, mein Ruf auf einen dauerhafteren Grund als die Gewandtheit in den Spitzfindigkeiten des Gesetzes gegründet – das muß noch kommen, und eh ich dieß gekostet, will ich nicht sterben! Die Menschen sterben nicht eher, als bis sie ihre Bestimmung erfüllt haben. Der Geist, der in mir braust und schwillt, sagt mir, daß die Bestimmung William Brandons erst zur Hälfte vollendet ist.«

Mit diesen Schlußgedanken suchte Brandon sein Lager. Was waren die Empfindungen des Gefangenen, über welchen er zu Gericht sitzen sollte? Brauchen wir zu fragen? Wir dürfen uns nur selbst vorstellen seine erschütterte Gesundheit, seine kranke Erschöpfung, wodurch der Trübsinn, das Erzeugniß der Kerkerluft schon, noch gesteigert ward – die Gewißheit des Urtheils, das über ihn ausgesprochen werden sollte, den ihm bekannten Umstand, daß der Oheim von Lucie Brandon sein Richter, Mauleverer sein Ankläger seyn werde; den Gedanken, daß aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach das einzige weibliche Wesen, das er je geliebt, früher oder später die Schuld seines Lebens und die Schmach seines Todes erfahren werde: blicken wir nur flüchtig auf die schwarze Trostlosigkeit seiner Lage, so scheint mir wenig Zweifel seyn zu können über die Beschaffenheit seines Gemüthszustandes.

Zwar vielleicht strahlte ihm auch in dieser schrecklichen und bangen Stunde ein holdes Antlitz und blitzte alles Dunkel hinweg. Vielleicht füllte was immer die Stacheln seines Gewissens seyn mochten, Ein Gedanke, das Bewußtseyn: Eine Versuchung überwunden, Ein Herz geschont zu haben, sein Auge mit Thränen, süß und wohlthuend in ihrer Quelle. Aber das Herz eines Mannes in Cliffords schauerlicher Lage ist dunkel und unerforschlich, und oft, wenn uns von Außen die trübsten und schrecklichsten Umstände bedrängen, schlummert der Wiederschein derselben, wie ein Schatten, ruhig und sanft auf der Seele.

Am nächsten Morgen bot die ganze Stadt ... (eine Stadt, in der uns, wie wir mit Bedauern berichten, einmal ein Zufall drei verwünschte Tage hinhielt, und von der wir, aus gründlichster Erfahrung sprechend, versichern können, daß sie in gewöhnlichen Zeiten die schwermüthigste und menschenleerste Häusermasse ist, die sich eine nüchterne Einbildungskraft nur denken kann) ein Schauspiel von solchem Gelärme, so viel Belebtheit und scherzhafter Ängstlichkeit dar, als allein das über ein Mitgeschöpf verhängte Gericht auf Leben und Tod in den flegmatischen Herzen der Engländer erregen kann. Rings um den Gerichtshof wurde das Gewühl mit jedem Augenblick dichter, bis der ganze Marktplatz, wo das Rathhaus lag, Eine lebendige Masse wurde. Die Fenster der Häuser waren mit Frauen besetzt, von welchen manche die Gelegenheit ergriffen hatten, ein Frühstück zu geben, und kleine runde Tischchen mit Thee und Butterschnitten zeigten sich den Augen des grinsenden Pöbels, wenn sie ungeduldig emporstierten.

»Ben,« sagte ein stämmiger Yeoman, ein Halbpfennigstück in die Höhe werfend, das er dann mit der rechten Hand auffaßte und diese sogleich mit der linken zudeckte, »Ben? Kopf oder Rückseite, ob Lovett gehängt wird; Kopf gehängt, Rückseite nicht – um eine Krone!«

»Unterröcke, Unterröcke gewiß!« antwortete Ben, indem er einen Apfel verzehrte, und es war Kopf!

»Straf mich Gott, Ihr habt verloren!« rief der Yeoman, freudig sich die rauhen Hände reibend. So viel von den guten Herzen unserer niedern Volksklassen. Schande über die Niederträchtigkeit unserer Pseudoliberalen, welche von den Tugenden der Armen so viel Lärm machen. Wenn sie tugendhaft sind, warum wollt Ihr sie bessern? eben weil sie nicht tugendhaft sind, solltet Ihr die Gesetze ins Auge fassen, welche sie unterdrücken, und die Unwissenheit, welche sie preisgiebt!

Es wäre ein entzückender Anblick für einen Asmodeus gewesen, hätte er sich auf den Giebel eines Hauses auf dem Marktplatze von – – sehen und die tosende und wogende See von Menschheit unten überschauen können. Oh, der Anblick des Gedränges um einen Gerichtshof oder einen Galgen sollte den Teufel selbst vor Lachen bersten machen!

Während der Pöbel sich drängte und stieß, fluchte, höhnte, wettete, Taschen fegte, sich auf die Füße trat, an den Röcken zerrte und näher und näher den Thüren und Fenstern des Gerichtshofs sich herandrückte, endigte Brandon gemächlich seine mäßige Mahlzeit vor Erfüllung seiner richterlichen Pflichten. Sein Bedienter brachte einen Brief. Sir William warf einen raschen Blick auf das Siegel (eines der ungeheuern Wachsopfer, wie sie damals üblich waren), worauf ein ungeheurer Wappenrock prangte, darüber eine Grafenkrone und geschmückt zu beiden Seiten mit jenen, dem Geschmack des Heraldikers so werthen Schildhaltern. Dann riß er den Brief auf und las wie folgt:

»Mein theurer Sir!

Sie erinnern sich, daß ich in der letzten Unterredung, welche ich mit Ihnen zu haben die Ehre hatte, wiewohl nur von weitem, der Achtung erwähnte, welche seine Majestät Höchstselbst vor Ihren Grundsätzen und Talenten aussprachen, so wie Höchstihres Wunsches, dieselbe baldmöglichst an den Tag zu legen. Sehr glücklich macht es mich, daß es mir vergönnt ist, Ihnen auf Befehl Sr. Majestät eine solche Stellung im Kabinet anzubieten, wie sie Ihres Namens und Geistes würdig ist. Herr – – hat so eben seine Verzichtleistung auf das Amt des Kanzlers der Schatzkammer eingereicht, und ich versäume keinen Augenblick, Sie zu ersuchen, in die so erledigte Stelle einzutreten. Sie werden sich erinnern, mein lieber Sir William, daß diese Stelle früher sehr erfolgreich, obwohl zu kurz, von einer Zierde des Standes, dem auch Sie angehören, bekleidet ward; Ihre Grundsätze Ihre Loyalität und Ihre Talente – das sind Sr. Majestät eigne Worte, machen Sie zu einem würdigen Nachfolger des großen Lord Mansfield. Wie Sie ohne Zweifel wissen, wird unverzüglich eine Ernennung von vier Peers stattfinden. Ihr Name steht als der zweite auf der Liste. Die Wahl des Titels überläßt Sr. Majestät huldvoll Ihnen selbst; aber er hat errathen lassen, daß wegen des ehrwürdigen Alters Ihrer Familie es ihm sehr wohl gefiele, wenn Sie den Namen Ihres Familiensitzes, Warlock, wenn ich nicht irre, annähmen. Sie werden mich, wenn Ihre Zeit es gestattet, in Kenntniß setzen über die Art und Weise, wie das Patent ausgefertigt werden soll, in Betreff der Nachfolge u. s. w. Vielleicht (Sie entschuldigen die Kühnheit eines alten Freundes) dürfte dieß Ereigniß Sie vermögen, Ihrem langgehegten Cölibat zu entsagen.

Mit größter Hochachtung,

Mein lieber Sir,

aufrichtigst der Ihrige,            
– – –

(Vertraul. Privatschr.)«

Brandons dunkles Auge blitzte lebhaft auf von der Unterschrift des Premierministers unter dieser Mitteilung und suchte den Spiegel vor ihm. Er schritt darauf zu und beobachtete sein Gesicht mit langen, gedankenvollen Blicken. Nie schaute, glauben wir, ein jugendlicher Stutzer, im Begriff auf jenen Kampfplatz sich zu begeben, wo vortheilhaftes Aussehen als höchstes irdisches Glück gilt, ängstlicher in das unpartheiische Glas, als jetzt der ascetische, menschenverachtende Richter; und nie, glauben wir, kehrte das Auge des besagten Stutzers mit einem so zufriedenen und triumphirenden Ausdruck zurück. »Ja, ja!« murmelte der Richter, »kein Zeichen von Schwäche ist noch hier angeschrieben; das Blut fließt noch hell und warm genug, auch die Wange sieht fest aus und kann für voll gelten bei Einem, der immer zu den Mageren gehörte. Ah! dieser Brief ist eine Herzstärkung, ein Lebenselixier. Mir ist, als wäre dem sich sträubenden Miethsmann eine neue Frist bewilligt. Lord Warlock – der erste Baron von Warlock – Kanzler der Schatzkammer. Warum nicht auch der Wollsack?«

Während er so sprach, schritt er unwillkürlich weiter; er legte die Arme über einander mit jener vergnügten und zufriedenen Gebehrde, welche den Mann verräth, der in schweigendem Entzücken vertieft ist. Und gewiß, hätte der geschickteste Arzt das glühende und verklärte Angesicht, den festen Gang, den elastischen, muskelkräftigen Körper, die stattliche Haltung Brandons gesehen, wie er innerlich sein Selbstgespräch fortsetzte – er hätte ihm die Aussicht auf ein so langes Leben eröffnet, als die Wechselfälle bei Sterblichen es nur immer gestatten. Er wurde durch den eintretenden Diener unterbrochen.

»Es ist fünf und zwanzig Minuten auf zehn Uhr, Sir!« sagte er ehrerbietig.

»Sir, – Sir!« wiederholte Brandon. »Ah, gut! so spät!«

»Ja, Sir, und der Wagen des Sheriffs ist beinah vor der Thüre!«

»Hm – Minister – Peer – Warlock – Erbfolge. – Mein Sohn, mein Sohn! wollte Gott, ich könnte dich finden!«

Dieß waren Brandons letzte Gedanken, als er das Zimmer verließ. Mit großer Schwierigkeit, so dicht war das Gedränge, erreichte der Wagen des Richters den Gerichtshof. Als er langsam hinfuhr, drängten sich die Zuschauer an die Wagenfenster und stellten sich auf die Zehen, um nur den Anblick des berühmten Rechtsgelehrten zu erhaschen. Brandons Angesicht, das nie längere Zeit seine Empfindungen verrieth, hatte jetzt wieder seinen gewöhnlichen Ernst angenommen, und die stolze Strenge seiner Miene flößte Schauer ein, während sie die Neugier der Menge befriedigte. Man hatte befohlen, Niemand sollte eingelassen werden, bis der Richter seinen Sitz auf der Bank eingenommen; und diese Verfügung verursachte wegen des anwachsenden Gedrängs der ungeheuren bunten Menge so große Verzögerung, daß mehr als eine halbe Stunde vergieng, ehe das Gericht die der Feierlichkeit des Falles angemessene geziemende Ordnung herzustellen vermochte. Fünf Minuten vor zehn Uhr verkündigte eine allgemeine, unbeschreibliche Bewegung, daß der Gefangene vor die Schranke gebracht wurde. In einer Zeitung aus jenen Tagen lesen wir: »der Gefangene habe, als er vor die Schranke gebracht war, mit einem langen, ängstlichen Blick sich umgesehn, der zuletzt auf dem Richter verweilte, und dann habe man in der Miene des Gefangenen, als er das Auge niederschlug, eine leichte Veränderung wahrgenommen. Lovett war schwarz und einfach gekleidet; er schien ungefähr sechs Fuß groß; und obgleich hager und eingefallen, wahrscheinlich in Folge seiner Verwundung und der Haft, ist er auffallend wohlgebaut und sein Aeußeres verräth die große körperliche Stärke, die er besitzen soll, und die nicht selten kühnen Verbrechern eigenthümlich ist. Sein Gesicht ist schön und einnehmend, Auge und Haare schwarz, seine Gesichtsfarbe blaß, vielleicht in Folge seiner Einsperrung; in seiner Miene war während des größten Theils der Gerichtsverhandlung ein gewisser Trotz. Er betrug sich auffallend gesammelt und gefaßt. Mit der größten Aufmerksamkeit hörte der Gefangene die Anklage an, welche der Leser an einem andern Orte unserer Zeitung findet, und welche ihn der Ausplünderung des Lord Mauleverer auf der Landstraße, in der Nacht vom – beschuldigte. Er beugte sich bisweilen vorwärts und neigte sein Ohr dem Gericht zu, und als die Geschwornen den Eid ablegten, bemerkte man, wie er Jedem fest ins Gesicht sah. Er athmete schwer und tief, als die verschiedenen Namen, die er angenommen, Howard, Cavendish, Jackson u. s. w. gelesen wurden; er lächelte, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck, als die Liste geschlossen war, als freuete er sich über den Reichthum seiner Schlauheit. Fünfundzwanzig Minuten auf eilf Uhr trug Herr Dyebright, der Anwalt der Krone, den Fall den Geschwornen vor. Herr Dyebright war ein Rechtsgelehrter von großen Vorzügen; er war sein ganzes Leben über ein Whig gewesen, aber in neueren Zeiten war seine Unaufrichtigkeit und seine Willfährigkeit gegen die Wünsche der höhern Gewalt aufgefallen. Seine Talente waren eigenthümlich und wirksam. Wenn er wenig Beredsamkeit hatte, so besaß er viele Kraft, und seine Gesetzeskenntniß war gründlich und umfassend. Manche seiner Amtsgenossen übertrafen ihn in der Erörterung, aber keiner verstand, wie Er, die Kunst, mit den Geschwornen umzugehen. Voll gewinnender Vertraulichkeit und scheinbarer Aufrichtigkeit, die so weit gieng, daß er beinah seiner Sache etwas vergab, als wäre er in tödtlicher Angst, daß er ja keinen überrede, um ein Haar breit mehr sich zu seiner Ansicht von der Sache herüberzuneigen, als die Gerechtigkeit gestattete; dem Anschein nach ganz erfüllt von edeln, freundlichen, tugendhaften Gefühlen; von rücksichtsloser Achtung für die Wahrheit; beseelt von derber und doch bedachtsamer Rechtlichkeit, gewürzt mit einigen liebenswürdigen Küchenvorurtheilen, welche ihres Eindrucks auf die Herzen von Familienvätern und eingefleischten Britten nie verfehlen; wohlbewandert in allen Feinheiten der Sprache und der Zauberkunst der Benennungen, so daß, wenn er das Verbrechen vertheidigte, er es sorgfältig Mißgeschick, und wenn er das Unglück anklagte, er es nie anders als Verbrechen nannte: war Herr Dyebright wie dazu geboren, die Gerechtigkeit zu verdrehen, die Geschwornen zu kitzeln, die Wahrheit mit einem freundlichen Lächeln zu umgehen und einen ungeheuern Namen als trefflicher Advokat sich zu erwerben. Er begann mit einer langen Einleitungs-Tirade über die Wichtigkeit des Falles. Er sagte, er wolle mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit Alles vermeiden, was ein unnöthiges Vorurtheil gegen den Gefangenen erwecken könnte. Er wolle nicht von seiner unglücklichen Berühmtheit, von seinen Verbindungen mit dem gemeinsten Gesindel sprechen. – (Hier fuhr der Anwalt des Gefangenen auf, und Herr Dyebright wurde zur Ordnung gerufen.) »Gott weiß,« fuhr der gelehrte Herr fort, und schaute bedenklich die Geschwornen an, »mein gelehrter Freund hätte sich diese Zurechtweisung ersparen können. Gott weiß, ich wollte lieber, daß fünfzig von den elenden Bewohnern des Kerkers dieser Grafschaft unbeschädigt entkämen, als daß dem Gefangenen, den Sie hier vor der Schranke sehen, widerrechtlich ein Haar gekrümmt würde. Das Leben eines Menschen steht auf dem Spiel; wir würden uns selbst eines Verbrechens schuldig machen, dessen Erinnerung uns noch auf dem Sterbebette zittern machen müßte, ließen wir uns durch irgend eine Rücksicht des Eigennutzes oder des Vorurtheils oder unstatthafter Furcht für unsre Habe und unser Leben, nur so viel als ein Strohhalm wiegt, gegen den unglücklichen Gefangenen einnehmen. Gentlemen, wenn Sie finden, daß ich nur einen Zoll breit von meinem Fall abweiche, wenn Sie finden, daß ich ein einziges Wort sage, das darauf berechnet ist, dem Gefangenen in Ihren Augen zu schaden, und das nicht durch die aufgerufenen Zeugen bestätigt würde, dann bitt ich Sie aufs dringendste, nicht erst den Scharfsinn meines gelehrten Freundes abzuwarten, sondern diese meine Irrthümer in Ihrem Gedächtniß zu bewahren, und sie als eben so viele Beweise zu Gunsten des Gefangenen anzusehen. Gentlemen, könnte ich mir aus irgend möglich denken, daß Ihr Spruch zu Gunsten des Gefangenen ausfallen werde: so erkläre ich Ihnen aufrichtig und von Grund meines Herzens, daß es mich erfreuen würde, ein Rechtshandel gienge verloren, aber ein Mitmensch würde gerettet. Für wie hartherzig auch wir Rechtsmänner gelten, wir haben Gefühle, wie Ihr! und ich frage Einen von Ihnen Gentlemen Geschwornen, Einen der je die Lust des geselligen Verkehrs, die Wonne der Menschenliebe, den Lohn des Herzens für erwiesenes Wohlwollen empfunden hat, ich frage Jeden unter Ihnen, ob, wenn er in meiner schwierigen Lage sich befände, alle Einflüsterungen der Eitelkeit nicht auf einmal aus seinem Geiste verschwinden würden, und ob ihm seine Niederlage als Advokat nicht durch die allgemeinen menschlichen Mitgefühle würde vergütet werden? Aber, Gentlemen, – (Herrn Dyebrights Stimme wurde auf einmal dumpf und zitternd) – wir haben hier eine Pflicht, eine schmerzliche Pflicht gegen unser Vaterland zu erfüllen; und nie im langen Verlaufe meiner Amtserfahrung erinnere ich mich eines Falls, wo sie mehr als jetzt in Anspruch genommen worden wäre, Barmherzigkeit, Gentlemen, ist uns allen theuer, sehr theuer, – aber sie ist das tödtlichste Unrecht, das wir der Menschheit zufügen, wenn sie auf Kosten der Gerechtigkeit erkauft wird.«

Dann gieng der gelehrte Herr nach einigen weitern einleitenden Bemerkungen zur Darstellung der Thatsache über, wie in der Nacht vom –ten letzten Monats, Lord Mauleverer von drei verlarvten Männern angefallen und ihm eine Summe im Betrag von ungefähr 350 Pfund, eine mit Diamanten besetzte Dose, Ringe, Uhr und ein Kästchen mit sehr werthvollen Edelsteinen geraubt worden sey, – wie Lord Mauleverer, beim Versuche sich zu vertheidigen, einem von den Räubern eine Kugel durch die Kleider gejagt habe, – wie die Kleider des Gefangenen, was man erweisen werde, welche man in einer Höhle im Oxford'schen gefunden und die von einem aufzuführenden Zeugen eidlich anerkannt werden sollten, ein Loch zeigen, das einem durch eine Kugel verursachten ähnlich sehe, – wie ferner durch denselben Zeugen beschworen werden könne, daß der gefangene Lovett mit zwei Mitschuldigen, welche seit ihrer Befreiung durch jenen noch nicht wieder zur Haft gebracht worden, in die Höhle gekommen und sich der so eben begangenen Räuberei gerühmt habe; daß man in den Kleidern und in dem Schlafgemach der Räuber die dem Lord Mauleverer gestohlenen Gegenstände gefunden habe, und daß die Börse mit den Banknoten auf 350 Pfund, das einzige, was mit sich zu nehmen der Gefangene werde Zeit gehabt haben an jenem Morgen, wo die Polizei in die Höhle einbrach, an dem Tage, wo er die Befreiung seiner Kameraden versucht hatte und bei diesem Versuch ergriffen worden war, sich bei ihm vorgefunden habe. Er that ferner dar, daß die in der Höhle gefundene Kleidung, welche von einem aufzuführenden Zeugen eidlich als dem Gefangenen angehörig sollte anerkannt werden, genau der Beschreibung des Anzugs, den der Anführer der Räuber getragen, und worauf Mauleverer, sein Diener und die Postknechte geschworen, entspreche. Gleicherweise stimmte die Farbe Eines der in der Höhle gefundenen Pferde mit der Farbe des von dem Räuber gerittenen zusammen. Auf diese thatsächlichen Beweise, unterstützt von der einfachen Aussage des Königszeugen (des Zeugen, den er noch vorführen wollte), gründete er die Behauptung einer Schuld, über welche, wie er versicherte, in den Gemüthern unpartheiischer Geschwornen kein Zweifel mehr übrig seyn könne. Dieß also, kurz und einfach aufgezählt, war der Inhalt der Einzelnheiten, in welche der gelehrte Anwalt eingieng, welcher sodann seine Zeugen einführte. Die Aussage des Lord Mauleverer (der sich in Mauleverer-Park, wenige Meilen von – – entfernt, aufhielt) war kurz und klar (als einen besondern Umstand bemerkte man, daß beim Schluß der Aussage der Gefangene sich ehrerbietig gegen seine Lordschaft verbeugte). Das Zeugniß der Postknechte und des Dieners war nicht weniger bündig, und mit allem Scharfsinn vermochte Cliffords Anwalt in seinem Gegenverhör nichts in ihrer Aussage wankend zu machen. Jetzt wurde der Hauptzeuge des Kronanwalts vorgefordert, und das feierliche Antlitz Peter Mac Grawlers erhob sich vor den Augen der Richter. Ein Blick kalter und vernichtender Verachtung traf ihn vom Auge des Gefangenen, der dann während des übrigen Verhörs ihn nicht mehr anzusehen würdigte. Mac Grawlers Zeugniß wurde mit einer Feierlichkeit abgelegt, würdig des Ex-Herausgebers des Asinäums. Demungeachtet kam durch die Geschicklichkeit des Herrn Dyebright eine hinlänglich einleuchtende Erzählung heraus, die einen für die Hoffnungen des Gefangenen tödtlichen Eindruck in den Geschwornen zurückließ. Der Anwalt auf der andern Seite bemerkte gleich, welchen Vortheil die gegentheilige Parthei gewonnen; er räusperte sich also und stand mit höhnischer Miene auf, um das Gegenverhör zu beginnen.

»So, so,« begann Herr Botheram, indem er eine auffallend große Brille aufsetzte, womit er den Zeugen fürchterlich anstarrte. »So, so, Herr Mac Grawler, ist das Euer Name? He? Ha! ist er's? ist er's? ein sehr respectabler Name, das gesteh' ich. Nun, Sir, seht mich an. Nun, bei Eurem Eid, besinnt Euch, waret Ihr je der Herausgeber eines gewissen Machwerks, das jeden Mittwoch erschien, und Attenäum oder Asinäum oder so ungefähr hieß?

Mit dieser hinterlistigen und schmachvollen Frage begann der gelehrte Anwalt, und gieng dann, so künstlich als er im Stande war, zu einer Reihe von Erkundigungen über, welche darauf berechnet waren, den Charakter, den achtungswerthen Charakter Mac Grawlers zu beschimpfen und sein Zeugniß in den Augen der Geschwornen zu entkräften. Es gelang ihm, bei den Zuhörern die gefühlvolle Lustigkeit zu erregen, womit der gemeine Mann immer so gerne die langweilige Ernsthaftigkeit beim Hängen eines Menschen zu unterbrechen pflegt. Aber obgleich die Geschwornen selbst grinsten, wurden sie doch nicht überzeugt; der Schotte verließ die Zeugenloge vielleicht mit übel zugerichtetem Ruf, aber doch nicht vernichtet als Zeuge. Gerade ehe dieser Zeuge fertig wurde, wußte Lord Mauleverer dem Richter ein kleines Stückchen Papier einhändigen zu lassen, worauf nur diese Worte mit Bleistift geschrieben waren:

»Lieber Brandon, ein Diner erwartet Sie in Mauleverer-Park, nur drei Meilen von hier. Sie treffen dort den Lord – – und den Bischof von – –, Neuigkeiten in Menge von London und einen Sie angehenden Brief, den ich Niemand zeigen will, bis wir beisammen sind. Machen Sie schnell und hängen Sie den armen Kerl, damit ich Sie um so eher sehe; und es taugt uns Beiden nicht, lange auf eine regelmäßige Mahlzeit, wie das Diner, warten zu müssen. Ich kann nicht länger bleiben, es ist so heiß und meine Nerven waren immer reizbar.

Der Ihrige Mauleverer.

»Wenn Sie kommen wollen, so geben Sie mir einen Wink. Sie kennen meine Stunde; es ist immer die gleiche.«

Der Richter warf einen Blick auf das Zettelchen und neigte ernsthaft den Kopf gegen den Grafen, der sich entfernte; und wenige Minuten nachher bemächtigte sich ein tiefes, athemloses Schweigen des ganzen Gerichtshofs. Der Gefangene wurde zur Verteidigung aufgefordert; es war merkwürdig, welch eine ganz andere Empfindung, als die, welche ein paar Augenblicke zuvor in ihnen geherrscht hatte, jetzt die Versammlung durchschauernd beschlich. Gedämpft war alles Geflüster, verschwunden jedes Lächeln, welches durch das vorhergehende Gegenverhör veranlaßt worden war; ein plötzliches schauriges Gefühl der tödtlichen Wichtigkeit des Tribunals bemächtigte sich mit Einemmale der Seelen aller Anwesenden.

Vielleicht machte, wie in der düstern Satyre Hogarths (des sittlichen Mefistofeles unter den Malern), die gedrängte Nachbarschaft des Schmerzes mit der Freude, daß jener um so eindringlicher das Herz ergriff; dem sey wie ihm wolle, eine erkältende Angst, die den Puls erstarren machte und das Haar zu Berge trieb, ließ jede Seele in dieser bunten Versammlung ein schauerliches Mitleiden gegen ein Mitgeschöpf empfinden, ausgenommen nur den hartherzigen Richter, die abgestumpften Advokaten und einen Zuschauer, einen Dummkopf, der sich bei dem allgemeinen Gedränge mit hereingedrückt hatte und einige Schritte von dem Gefangenen entfernt stand, unwillkürlich grinsend und hin und wieder mit gläsernem Auge einem entfernter Stehenden zuwinkend, dessen Aufmerksamkeit er vielleicht getäuscht hatte.

Angesicht und Aeußeres, selbst die Stellung des Gefangenen waren ganz geeignet, den Eindruck zu verstärken, welchen nothwendig ein jeder Mensch, der demselben furchtbaren Spruch entgegen sah, hätte machen müssen. Er stand gerade vor der Schranke und seine große und edle Gestalt hatte sich in ihrer vollen Höhe erhoben; eine Glut der innern Bewegung verbreitete sich allmälich über Züge, die immer einnehmend waren, und erhöhte den Glanz eines von Natur beredten Auges, welchem damals mannigfache Empfindungen einen ungewöhnlich tiefen und ergreifenden Ausdruck gaben. Er begann folgendermaßen:

»Mein Lord, ich habe Wenig zu sagen und kann auf Einmal die Besorgniß meines Anwalts heben, der mich jetzt bedenklich ansieht, und setze hinzu, daß dieß Wenige den Zweck meiner Vertheidigung kaum berührt. Warum sollte ich mich vertheidigen? Warum sollte ich mir Mühe geben, ein Leben noch zu fristen, das in ein paar Tagen früher oder später doch, nach der gewöhnlichen Berechnung der Wahrscheinlichkeit, sein Ende erreicht. So wie es ist und war, ist mein Leben dem Gesetze verfallen und das Gesetz soll sein Opfer haben. Könnte ich dieser Anklage entgehen, so weiß ich, daß sieben andere meiner warten, und daß durch die eine oder die andere von diesen meine Ueberweisung und Verurtheilung herbeigeführt werden muß. Wohl mag das Leben uns Allen süß seyn, mein Lord; und möglich, daß wenn das meinige noch eine Weile gefristet würde, daß dann dieß gefristete Leben eine bessere Sühne für frühere Handlungen wäre, als ein Tod, der plötzlich und allzufrüh mich treffend, Reue heischt, während er Besserung unmöglich macht.

»Aber wenn nur die dunkle Seite der Dinge für unsere Wahl übrig gelassen ist, dann ist es umsonst, die hellere zu betrachten; es ist fruchtlos, das Auge aufs Leben zu heften, wenn der Tod in der Nähe ist; vergeblich, von Zerknirschung zu reden, wenn man uns verweigert, sie zu bewähren. Es ist die gewöhnliche List von Gefangenen in meiner Lage, sich an das Gefühl zu wenden und den Vorurtheilen der Geschwornen zu schmeicheln; die Trefflichkeit unserer Gesetze zu lobpreisen, während sie sie zu entwaffnen suchen, die Gerechtigkeit zu rühmen und um Barmherzigkeit zu bitten, von gehoffter Freisprechung zu reden, aber mit einer nicht murrenden Unterwerfung unter den Verdammungsspruch zu prahlen. Mir, dem alle irdischen Wünsche todt sind, ist diese List eitel und überflüssig. Ich bedenke mich nicht, Ihnen zu erklären, mein Lord Richter, Ihnen zuzurufen, Gentlemen Geschwornen, daß ich die Gesetze, welche ich mein Leben hindurch gebrochen habe, im Tode verachte. Die Gesetze zerfallen nur in zwei Arten; die eine macht Verbrecher, die andere bestraft sie. Ich habe gelitten durch jene, und durch diese soll ich umkommen.

»Mein Lord, es war das Fallen eines Strohhalms, was mich zu dem machte, der ich bin. Vor sieben Jahren wurde ich ins Zuchthaus geschickt, wegen eines Vergehens, dessen ich nicht schuldig war; ich kam dahin als ein Knabe, der nie auch nur Ein Gesetz gebrochen – ich verließ es nach wenigen Wochen als ein Mann, bereit, allen Gesetzen zu trotzen. Woher dieser Wechsel? war es meine Schuld oder derer, die mich verurtheilten? Ihr hattet mir zuerst Unrecht gethan durch eine Strafe, die ich nicht verdiente – Ihr verletztet mich noch tiefer, als Ihr mich (und wäre ich auch jenes ersten Vergehens schuldig gewesen!) verurtheiltet, mit verhärteten Missethätern zu hausen, mit Meistern im Laster und in der Durchführung derselben. Die Gesetze selbst veranlaßten mich die Gesetze zu brechen! zuerst weil sie mir das stachelnde Gefühl der Ungerechtigkeit einpflanzten, sodann weil sie mich der Verderbniß des bösen Beispiels preis gaben. So, ich wiederhole es, und ich hoffe meine Worte werden sich gewichtig in die Herzen aller Anwesenden senken – so hat mich Eure Gesetzgebung zu dem gemacht, der ich bin! und sie vernichtet mich jetzt, wie sie Tausende vernichtet hat, weil ich bin, wozu sie mich gemacht hat! Ohne diesen ersten feindseligen Schritt gegen mich, hätte ich werden können, was die Welt ehrlich nennt; ich hätte es zu einem hohen Alter und einem friedlichen Grab bringen können, mittelst der unschuldigen Betrügereien des Handels, oder der in Ehren gehaltenen Täuschungen in Ausübung eines Berufs. Ja ich hätte können die Gesetze aufrecht erhalten, welchen ich jetzt getrotzt habe; gleich dem Anwalt gegen mich hätte ich können stark und stattlich werden durch Andrer Sünden und mir Ehre gewinnen durch meinen Scharfsinn, wenn ich ihn benützt hätte, meine Mitmenschen hängen zu machen. Die Anklage hat in ihrem scheinheiligen, dem Vorurtheil huldigenden Abschnitte sich bemüht, Euch das Verdienst der ehrlichen Geschicklichkeit und des arbeitsamen Handels im Gegensatz zu meinen Unthaten zu schildern. Was sind, ich bitte Euch, die Stützen der ehrlichen Thätigkeit – der Gewinn des Handels? Sind da keine Bestechungen des Gesindes? Keine Verfälschung der Waaren? Werden die Reichen nie geprellt mit dem Preis, den sie zahlen – die Armen nie angeführt mit der Beschaffenheit des Erkauften? Ist Ehrlichkeit ein Brod, das Ihr esset, in einem einzigen Bedarfe zur Kleidung, Nahrung, Erwärmung? Mögen diejenigen, welche das Gesetz schützt, es als Schützer ansehen; wann hat es je mich beschützt? Wann beschützte es je den Armen? Die Staatsregierung, die gesetzlichen Einrichtungen rühmen sich, für Alle Sorge zu tragen, welche gehorchen. Hört einmal: ein Mensch hungert! sättigt Ihr ihn? Er ist nackt! Kleidet Ihr ihn? Wenn dieß nicht geschieht, so brecht Ihr den Vertrag, Ihr stoßt ihn zum ursprünglichen Naturgesetz zurück, Ihr hängt ihn, nicht weil er schuldig ist, sondern weil Ihr ihn nackt und darbend gelassen habt. (Ein Gemurmel unter der Menge, das mit vieler Mühe beschwichtigt wurde.) – Nur Eines will ich noch hinzusetzen, und auch das nicht, um Eure Barmherzigkeit rege zu machen. Nein, auch nicht um meinem Schicksal ein eitles und flüchtiges Interesse zu verleihen; sondern weil einige Menschen in der Welt sind, welche mich nicht als den Verbrecher haben kennen lernen, der vor Euch steht und welche die Zeitung meines Schicksals später erreichen kann; und ich möchte nicht, daß diese mich in schwärzeren Farben sehen, als ich verdiene. Ich berufe mich auf Sie, Gentlemen, ob Sie unter all den Gerüchten, welche Ihnen zu Ohren gekommen, unter all den Mährchen und Fabeln, die durch meine unglückliche Berühmtheit und meine bevorstehende Verurtheilung angefacht wurden, je gehört haben, daß ich eine blutige That begangen, oder einen Menschen zu Grunde richtenden, überlegten Betrug ausgeführt habe? Sie haben gehört, daß ich von Beraubung der Reichen lebte – ich läugne diese Anklage nicht. Von der Schindung der Armen, von gewerbsmäßigem Betrug, von systematischer Bestehlung meiner Nebenmenschen ist mein Gewissen so frei, als vom Vorwurfe der Grausamkeit und vergossenen Blutes. Diese Verirrungen überlasse ich der ehrbaren Mittelmäßigkeit oder dem tugendhaften Wandel! Vielleicht finden Sie auch, daß mein Leben auf der Laufbahn der Missethat nicht verflossen ist, ohne einige wenige Wohlthaten auf dem Weg auszustreuen. Indem Sie mich umbringen, werden Sie allerdings den Trost des Gedankens haben, daß unter den aus meiner Verdammung entspringenden Vortheilen auch die heilsame Aufmunterung ist, welche Sie andern Missethätern geben, das Verbrechen auf den höchsten Grad zu treiben und nichts, was es noch erschwert, zu unterlassen. Aber wenn Ihnen dieß keine sehr lockende Verführung ist, so mögen Sie sich besinnen, ehe Sie einem Menschen alle Möglichkeit der Besserung abschneiden, der weder ganz verstockt noch ganz unfähig ist, Begangenes wieder gut zu machen. Mein Lord! mein Anwalt hatte den Wunsch, Zeugen aufzurufen, einige, um durch ihr Zeugniß Seiten meines Charakters in besseres Licht zu setzen, andere um den Eid des Zeugen gegen mich zu entkräften; eines Mannes, den ich vom Untergang rettete, damit er mich verderben sollte. Keines von beiden halte ich für nöthig. Die öffentliche Presse hat schon von mir dasjenige Gute ausgesagt, was der Wahrheit nicht zuwider läuft; und hätte ich nicht Etwas von den in der Gesellschaft nicht mißachteten Eigenschaften besessen, so würden Sie mich jetzt nicht hier sehen! Hätte ich auch mich selbst, wie meine Begleiter gerettet, so hätte ich dieß Land, vielleicht für immer, verlassen und ein ganz anderes Leben im Ausland angefangen. Ich begieng Verbrechen, und entgieng Euch; ich that, was in meiner Lage von der Pflicht geboten war, und werde ergriffen, und muß sterben. Aber die Schwäche meines Körpers vernichtet mich, nicht die Kraft Eurer Bosheit. Hätte ich – (und wie der Gefangene so sprach, ließ eine stolze, heftige Bewegung welche die Gestalt heraushebt, durch die Leidenschaft des Augenblicks hervorgerufen, alle Anwesende von der außerordentlichen Kraft seines Körpers sich aufs lebhafteste überzeugen) – hätte ich nur meine sonstige Gesundheit, meine gewohnte Herrschaft über diese Glieder und diese Adern, ich hätte keines Freundes, keines Verbündeten bedurft, um mir die Flucht zu sichern. Ich sage Euch, Werkzeuge und Wächter des Gesetzes, ich hätte Eurer Ketten gespottet, und Eurer Mauern gelacht, wie Ihr wißt, daß ich sie früher verspottete und verlachte. Aber mein Blut schleicht jetzt nur tröpfelnd durch die Adern, und das Herz, das ich ehemals hatte, schlägt nur schwach und schwer in mir. (Der Gefangene hielt einen Augenblick inne und fuhr dann mit verändertem Ton fort.) Indem ich also die Entscheidung über meinen Charakter der öffentlichen Meinung anheimstelle, kann ich vielleicht nichts besseres thun, als den Zeugen gegen mich demselben Gericht überlassen. Ich will aufrichtig bekennen, daß ich unter andern Umständen vielleicht anders gehandelt hätte. Ich will offen gestehen, daß ich mich vielleicht der Mittel bedient hätte, welche das Gesetz mir zugesteht, um meine Freisprechung zu bewirken und mein Daseyn zu verlängern – obgleich auf einem veränderten Schauplatze; wie die Sache jetzt steht, was trägt es aus, wegen welcher Anklage ich verurtheilt werde? Ja, es ist sogar besser, gleich bei der ersten zu unterliegen, als bis zur letzten hinzuschmachten. Es ist mir einiger Trost, nicht wieder da stehen zu müssen, wo ich jetzt stehe, nicht wieder die erniedrigenden Feierlichkeiten durchmachen zu müssen, wie heute; das Lächeln der Einen ansehen, und das Stirnrunzeln der Andern erwiedern zu müssen; nicht wieder kämpfen zu dürfen mit der Bangigkeit des Herzens und abhängig zu seyn von der Laune der aufgeregten Nerven. Es ist schon etwas, zu denken, daß Ein Theil des schmachvollen Drama's vorüber ist, und daß ich ungestört in meiner Hütte es abwarten kann, bis ich wieder und zum letztenmale das Ziel der anstaunenden Blicke der Gedankenlosen und das Ungeheuer der tobenden Menge werde. Mein Lord, ich bin jetzt fertig! Ihnen, den das Gesetz zum Anwalt des Gefangenen ernennt, Ihnen, Gentlemen der Jury, welchen es sein Schicksal anheimgestellt hat, überlasse ich jetzt die Entscheidung über mein Leben!«

Der Gefangene schwieg; aber dasselbe tiefe Schweigen, das, nur durch einzelnes Gemurmel unterbrochen, während seiner Rede in dem Saale geherrscht, dauerte noch mehrere Augenblicke, nachdem die tiefe und feste Stimme dem Ohre verstummt war. So ganz anders war die Vertheidigung des Gefangenen gewesen, als man erwartet hatte, so zuversichtlich glaubte der erfahrnere Theil der Zuhörerschaft, als er schon im Zuge war, er werde zuletzt in den gewöhnlichen Weg der Vertheidigung einlenken, daß, als seine unerschütterte und beinahe trotzige Stimme verstummte, die Leute gar nicht auf den Gedanken, seine Rede sey schon zu Ende, vorbereitet waren, und der Schluß, als unzeitig und plötzlich, sie unwillkürlich widerlich berührte. Endlich, als alle Zuhörer allmälig zu der Ueberzeugung gelangten, daß der Gefangene wirklich mit seiner Rede ganz fertig sey, erhob sich eine beredte Bewegung von Empfindungen im ganzen Gerichtssaale, nach der vorherigen Spannung, die vielleicht nur um so ernster und peinlicher gewesen, je kühner und überraschender die Worte waren, auf welche sie sich richtete. Die Geschwornen sahen einander verwirrt an, aber keiner von ihnen flüsterte auch nur ein Wort; ihre Gefühle, welche durch die Rede des Gefangenen aufgeregt worden, waren wegen der Kürze, der Eigenthümlichkeit derselben und der stolzen Unvorsichtigkeit des Tons darin, nicht so weit und sicher bestimmt worden, daß eine ihm entschieden günstige oder ungünstige Stimmung sich gebildet hätte, so daß Jeder wartete, bis der Andere reden würde, um gleichsam in einem Andern eine Art von Schlüssel für die verworrenen und aufgeregten Empfindungen zu finden, welche sich nicht von selbst auszusprechen vermochten.

Der Richter, der gleich Anfangs durch die Haltung und das Aeußere des Gefangenen eingenommen wurde, hatte, trotz seiner Hartherzigkeit, vielleicht mit größerem Beifall als irgend Einer der Anwesenden, der Vertheidigung zugehört; denn in der Verachtung der hohlen Einrichtungen und der falschen Ehrlichkeit des gesellschaftlichen Lebens, welche der Gefangene mit so viel Hohn an den Tag legte, erkannte Brandon die Grundzüge eines ihm auffallend verwandten Geistes, und diese Theilnahme wurde noch erhöht durch die körperliche Nervenkraft und die moralische Unerschrockenheit, welche der Gefangene entwickelte, Eigenschaften, die bei Männern von ähnlicher Art oft der stärkste Beweggrund der Achtung und bisweilen (wie wir von dem kaiserlichen Korsikaner und seinen Generalen lesen) der einzige Anziehungspunkt ist! Bald jedoch wurde Brandon wieder seinem kalten Wesen zurückgegeben durch ein Gemurmel unbestimmten Beifalls, welches den gemeinen Haufen durchlief, bei welchem der allgemeine Eindruck sich immer zuerst offenbart und welchen die Ansichten des Gefangenen, obwol nur unvollkommen verstanden, unmittelbarer ansprachen, als die höhern und reichern Classen unter den Zuhörern. Immer aufmerksam auf äußern Anstand, gebot Brandon sogleich Stille im Gerichtssaale, und als diese wiederhergestellt und es ausgemachte Sache war, daß die Vertheidigung des Gefangenen ein Ende habe, schritt der Richter zur Zusammenfassung.

Es ist bemerkenswerth, daß manche Gemüthseigenschaften, welche im Privatleben am unliebenswürdigsten erscheinen, oft für Erreichung von Zwecken im öffentlichen Leben die günstigsten sind; und so war die bei Brandon charakteristische steinerne Festigkeit ein Hauptzug, der ihm als Richter Bewunderung erwarb. Denn Männer in Aemtern werden nicht weniger durch ihre Gefühle, als ihre Interessen zu Verirrungen verleitet.

Nach einem flüchtigen Blick über seine aufgeschriebenen Bemerkungen beugte sich der Richter gegen die Jury – und begann mit der silberhellen Glockenstimme, welche Brandons Beredsamkeit besonders auszeichnete, und bei hoher Stellung des Redners einen so majestätischen und aufrichtig klingenden Ton der Ueberzeugung in sich hat. Mit lichtvoller Kürze zählte er die verschiedenen Punkte der Zeugenaussage auf; er verweilte einen Augenblick bei dem gemachten Versuch, auf das Zeugniß Mac Grawlers einen ungünstigen Schein zu werfen – aber verlangte geeignete Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß jener Versuch durch keine Zeugen oder Beweise unterstützt worden sey. Als er weiter gieng, schwand allmälig der Eindruck, den der Gefangene auf die Gemüther der Geschwornen gemacht hatte, und vielleicht wirkte es auch (so weichherzig werden die Menschen, wenn sie deutlich das Antlitz eines Mitmenschen sehen, dessen Leben ihnen anheim gestellt ist!) nachtheilig für Cliffords Sache, daß er während der Zusammenfassung des Richters sich in seiner Loge zurücklehnte und sein Gesicht dem Anblick entzog. Als die Zeugenaussagen durchgegangen waren, schloß der Richter folgendermaßen:

»Der Gefangene, welcher in seiner Vertheidigung, über deren Grundsätze und Ansichten mich weitläufig auszusprechen ich mir versage, gewiß die Spuren einer bessern Erziehung blicken ließ, so wie von großen, wiewohl in verkehrter Richtung ausgebildeten Talenten, hat auf die durch die öffentliche Presse in Umlauf gesetzten Erzählungen sich bezogen und sich mit einigem Nachdruck auf die verschiedenen, zu seinen Gunsten sprechenden Anekdoten gestützt, welche, wie er meint, Ihnen werden zu Ohren gekommen seyn. Ich bin keineswegs gemeint, dem Gefangenen irgend einen Vortheil zu entziehen, der ihm aus einer solchen Quelle zufließen könnte; aber an diesem Orte und in diesem Augenblick kann es ihm nichts helfen. Alles, was Sie zu bedenken haben, ist das vor Ihnen liegende Zeugniß. Alles, worüber Sie zu entscheiden haben, ist: ob der Gefangene der ihm schuldgegebenen Räuberei schuldig ist, oder nicht. Sie dürfen keinen Gedanken dem widmen, was ein angeschuldigtes Verbrechen mildert oder erhöht, Sie dürfen nur über das Verbrechen selbst entscheiden. Entfernen Sie, ich bitte Sie, aus Ihrer Seele Alles, was der Hauptsache Eintrag thut. Entfernen Sie auch von Ihren Entscheidungsgründen alle Gedanken an andere mögliche Anklagen, deren der Gefangene erwähnt hat, aber von denen Sie nothwendig jetzt nichts wissen dürfen. Wenn Sie die Aussage Eines Zeugen oder Aller bezweifeln, so muß dem Gefangenen der Vortheil dieses Zweifels zu Gut kommen. Wo nicht, so sind Sie beeidigt auf einen feierlichen Eid, der Sie verpflichtet, alle untergeordneten Rücksichten fahren zu lassen, der Sie zur ängstlichen Wachsamkeit verpflichtet, damit Sie nicht unter dem Einflüsse von Schwächen, die uns Allen natürlich, aber an Ihnen ein Verbrechen wären, sich auf die Seite der Barmherzigkeit neigen, welche durch Ihren Schwur zum Meineid gegen Gott, und durch Ihre Pflicht als unpartheiische Staatsgenossen zum Verrath an Ihrem Vaterland würde. Ich entlasse Sie zur ernsten Ueberlegung des wichtigen Falles, den Sie angehört haben, und ich hege das Vertrauen, daß Er, dem alle Herzen offen und alle Geheimnisse bekannt sind, Ihnen die rechte Fassung und die Einsicht verleihen wird, um eine richtige Entscheidung zu fällen!«

Es lag etwas in dem majestätischen Anblick und der tönenden Stimme Brandons, was seinen gewöhnlichsten Ausdrücken Würde und Nachdruck gab; und der Heuchler, des begünstigenden Eindrucks seines Wesens sich wohl bewußt, pflegte gewöhnlich, wie auch jetzt, den Schluß seiner Reden durch eine religiöse Anspielung oder eine Redensart aus der Schrift zu heben. Er schwieg; und die Geschwornen, sich von dem Eindruck seiner Beschwörung wieder erholend, beriethen sich einen Augenblick unter sich; der Aelteste redete dann das Gericht im Namen seiner Mitgeschwornen an und begehrte Urlaub, um sich zum Behuf der Besprechung zurückzuziehen. Ein Beamter wurde beeidigt, um Wache zu halten, und wir lesen in den Journalen jener Tage, welche die Zeitabschnitte mit der gewöhnlichen Genauigkeit anmerkten, die wirklich furchtbar wird durch den Gedanken, wie bald alle Zeit und aller Zeitwechsel für den Helden des Stücks vergehen konnte, daß es fünfundzwanzig Minuten auf zwei war, als die Geschwornen sich entfernten.

Im ganzen Verlauf einer peinlichen Gerichtsverhandlung ist vielleicht kein Zeitabschnitt ängstlicher als der, während dessen die Geschwornen sich berathen. Im jetzigen Falle blieb der Gefangene, wie es schien heftig ergriffen vom Gefühl seiner Lage, im Hintergrund der Loge, und verbarg das Gesicht in den Händen. Die ihm näher Stehenden bemerkten jedoch, daß seine Brust sich nicht mit der krampfhaften Bewegung zu heben schien, wie es gewöhnlich bei Leuten in seinem Zustand ist, und daß nicht einmal ein Seufzer oder eine heftige Gebehrde sein Inneres verrieth. Die Geschwornen waren ungefähr zwanzig Minuten entfernt gewesen, als ein verworrener Lärm sich im Gerichtssaal vernehmen ließ. Das Angesicht des Richters wandte sich mit gebieterischer Strenge der Seite zu, von wo er kam. Er gewahrte einen Mann in schmutzigem Aufzug und von gemeinem Aeußern, der grob und gewaltsam sich durch das Gedränge gegen die Bank Bahn zu machen suchte, und in dem Augenblick sah er einen der Beamten des Gerichts sich dem Ruhestörer in eben nicht freundschaftlicher Absicht nähern. Der Mann, die Absicht des Constabels wohl begreifend, rief mit großer Heftigkeit: »Ich will das da seiner Lordschaft, dem Richter, übergeben, schlag mich der und jener, wo ich's nicht duhe!« und mit diesen Worten erhob er hoch über seinen Kopf ein schmutziges Blatt Papier, das kümmerlich zu einem Brief zusammengelegt war. Sobald Brandons Auge die plumpen Züge des zudringlichen Fremden erschaut hatte, wandte er sich, bei weitem nicht mit seiner gewöhnlichen Abgemessenheit des Benehmens, zu einem der ihm zum Dienst gewärtigen Beamten. »Bringt mir sogleich dieß Papier!« flüsterte er.

Der Beamte verbeugte sich und gehorchte. Der Mann, der etwas berauscht schien, übergab es mit einem Blick, welcher den Triumf über großen Gewinn und das Gefühl der Wichtigkeit aussprach.

»Fort, Mensch!« sagte er zu dem Constabel, der jetzt die Hand an seinen Kragen legte, »werdet schon sehn, was der Richder zu dem Fetzen Babier sagt, und auch der Gefangene, der arme Deufel!«

Dieser der Würde des Gerichtshofs so zuwiderlaufende Auftritt erregte die Aufmerksamkeit und in der nächsten Nähe um den Eindringling die Lustigkeit der Menge, und manches Auge richtete sich auf Brandon, als er mit ruhigem Ernst den Brief öffnete und den Inhalt überlief. Mit großen Schulknabenbuchstaben – es war die Handschrift des langen Ned – waren folgende Worte geschrieben:

»Mein Lord Richter!

»Ich bin so kühn, Sie zu bitten, Alles was Sie können für den Gefangenen vor der Schranke zu thun, da er Niemand anders ist, als der Paul, von dem ich Eurer Lordschaft sprach. Sie wissen was ich meine. Dummie Dummaker.«

Nach Durchlesung dieses Schreibens bemerkte man, wie der Richter plötzlich das Haupt sinken ließ, wie aus Ohnmacht oder Krampf. Aber augenblicklich erholte er sich wieder und flüsterte dem Offizianten, der es ihm überbracht hatte, zu: »Seht zu, daß der Tollhäusler unverzüglich vom Gerichtssaal entfernt werde, und schließt ihn allein ein. Er ist so von Sinnen, daß er gefährlich werden könnte.«

Der Beamte säumte keinen Augenblick, den Befehl vollstrecken zu lassen. Drei stämmige Constabler schleppten den erstaunten Dummie aus dem Gerichtssaal, und nur um so unsanfter, jemehr er geiferte.

»He, Sir's, was soll das? Sag' Euch ja, hab' des Richders eignes Fleisch und Vluhd gereddet. Ey wie! nur nicht so grob! du sollst's schon ausbaden, mein guhder Freind. Seyd ruhig, Paul, mein Herz, ich Hab' Euch lauder Guhdes gedahn!«

»Stille!« gebot die Stimme des Richters, und diese Stimme erscholl mit so gebieterischer Herrschergewalt, daß sie Dummie trotz seiner Trunkenheit bange machte. Im nächsten Augenblick war er, eh' er Zeit hatte sich wieder zu fassen, zum Gerichtssaal hinausgeschafft. Während dieses seltsamen Skandals, der jedoch kaum zwei bis drei Minuten dauerte, hatte der Gefangene das Haupt gar nicht erhoben, und schien in keiner Weise aus seiner Träumerei zu erwachen. Kaum war der Eindringling entfernt, als die Geschwornen zurückkehrten.

Der Ausspruch lautete, wie Jedermann vorhergesehen: Schuldig! aber es war damit eine kräftige Empfehlung an die königliche Gnade verbunden. Dann wurde der Gefangene in der gewöhnlichen Form befragt, ob er etwas zu sagen habe, warum das Todesurtheil nicht gegen ihn ausgesprochen werden sollte.

Als diese furchtbaren Worte ihm ins Ohr tönten, erhob sich der Gefangene. Er warf zuerst einen kurzen, lebhaften Blick auf die Geschwornen, und dann blieb sein Auge scharf und mit einem wilden Ausdruck auf dem Angesicht seines Richters haften.

»Mein Lord,« begann er, »ich habe nur Einen Grund gegen den Spruch des Gesetzes geltend zu machen. Wenn Sie geneigt sind, ihm entgegenzuarbeiten oder ihn zu mildern, so wird, denke ich, dieser Grund hinreichen, Sie zu meinen Gunsten zu stimmen. Ich habe gesagt, die erste Ursache der Uebertretungen des Gesetzes, welche mich vor diese Schranke bringen, sey gewesen, daß man mich auf eine Anklage hin, die mich ganz unschuldig traf, in den Kerker schickte. Mein Lord Richter, Sie waren der Mann, der jene Anklage gegen mich erhob und mir diese Einkerkerung zuzog. Betrachten Sie mich genau, mein Lord, so werden Sie wohl noch in dem Gesicht des verhärteten Verbrechers, den Sie zum Tode zu verurtheilen im Begriff stehen, die Züge des Knaben erkennen, den Sie vor etwa sieben Jahren vor einer Londoner Behörde des Diebstahls Ihrer Uhr anklagten. Beim Eid eines Menschen, der schon einen Fuß auf der Schwelle des Todes hat, die Anklage war grundlos. Und Sie, ein passender Diener der Gesetze, welche Sie darstellen, Sie, der jetzt meine Verurteilung aussprechen wird, Sie waren der Urheber meiner Verbrechen! Mein Lord, ich bin fertig. Ich bin bereit, noch um Eines die lange, schwarze Liste der Opfer zu vermehren, welche zuerst zum Verbrechen verführt, dann geopfert wurden durch die Blindheit und Ungerechtigkeit menschlicher Gesetzbücher!«

Während Clifford sprach, wandte sich jedes Auge von ihm auf den Richter und Jedermann entsetzte sich über die fürchterliche geisterhafte Veränderung, die auf Brandons Angesicht vorgieng. Die Leute sagten nachher, sie hätten darauf mit grausenhafter Klarheit die Züge des Todes angeschrieben gesehen; und gewiß war etwas Gräßliches und Unnatürliches in der blutlosen, eingefallenen Ruhe seiner stolzen Züge. Aber sein Auge sank nicht, die Muskeln seines Mundes zuckten nicht. Und sogar mit mehr als gewöhnlichem Stolz begegnete er dem Blick des Gefangenen. Aber als die einzigen Gegenstände der Aufmerksamkeit unter der regungs- und athemlosen Menge, der Richter und der Verbrecher einander anstarrten, und die Augen der Zuschauer vom Einen zum Andern schweiften, da drängte sich der erkältende elektrische Eindruck einer mächtigen Ähnlichkeit zwischen dem Richtenden und Gerichteten, zum erstenmal während der ganzen Verhandlung den Zuschauern auf, und vermehrte noch, obgleich sie nicht wußten warum, die Empfindung von Pein und Grausen, welche die letzten Worte des Gefangenen erzeugt hatten. Vielleicht mochte es hauptsächlich herrühren von dem beiden gemeinschaftlichen Ausdruck heftiger Bewegung, welche durch eiserne, trotzige Charakterstärke überwältigt ward; oder vielleicht machte jetzt, da auf dem Antlitz des Gefangenen die aschgraue Blässe der Erschöpfung an die Stelle der aufgeregten Röthe getreten war, die dadurch entstandene Aehnlichkeit der Gesichtsfarbe, die Aehnlichkeit überhaupt auffallender als vorher; oder vielleicht hatten die Zuschauer bisher keine so scharfe, oder um uns so auszudrücken, so abwägende Blicke auf die beiden geheftet. Wie dem auch sey, die Aehnlichkeit zwischen diesen Männern in so himmelweit verschiedener Lage, eine Aehnlichkeit, welche in gewissen Augenblicken, wie wir angedeutet, Lucien sich überraschend aufgedrängt hatte, war jetzt entschieden und unverkennbar; die gleiche dunkle Gesichtsfarbe, der gleiche stolze, römische Umriß des Gesichts, die gleiche hohe Stirne, gleich auch die widrige und sarkastische Herbigkeit um den Mund, welche bei Brandon den hervorstechendsten Zug ausmachte, und das Einzige war, was der ausnehmenden Schönheit Cliffords Eintrag that. Aber vor Allem der gleiche unbeugsame, verachtende, eisenharte Geist, wenn gleich er bei Brandon den stattlichen Anstrich des Majestätischen annahm und bei Clifford als der verzweifelte Trotz des Banditen erschien, prägte sich in beiden aus. Clifford, als er schon schwieg, nahm seinen Sitz nicht wieder ein, sondern behielt dieselbe Stellung, in welcher er die Ordnung der Dinge umgekehrt, und über dem Ankläger den Bittenden vergessen gemacht hatte. Und Brandon selbst, ohne zu sprechen oder sich zu bewegen, sah ihn immer nur stumm an. So, mit erhobenen Stirnen und marmornen Gesichtern, worin das Verachtende und Entschloßne doch nicht ganz jeden Rest von Pein und Furcht vernichtet hatte, sahen sie einander an, wie sich etwa die zwei Männer in der morgenländischen Erzählung mögen angesehen haben, welche die Macht besaßen, sich mit ihren Blicken einander zu tödten.

Was in diesem Augenblick in Brandons Brust tobte, wäre vergeblich errathen zu wollen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, seinen lang verlornen, seinen sehnsüchtig gewünschten Sohn vor sich zu sehen. Bis zu jeder Fiber, zu jedem Winkel seiner düstern und verschlungenen Seele drang diese Gewißheit, mit ihrem gräßlichen, unwiderstehlichen Licht ihn zerstörend. Das früheste, vielleicht das stärkste, obwohl oft am wenigsten gestandene Streben seines Geistes war das Verlangen: die gesunkne Ehre seines Hauses wieder neu zu gründen; jetzt sah er den letzten Sprößling desselben vor sich, bedeckt mit der schwärzesten Schmach des Gesetzes. Er hatte nach weltlichen Ehren gegeizt, jetzt erblickte er den rechtmäßigen Nachfolger derselben – einen überwiesenen Missethäter! Er hatte die wenigen zärtlichen Neigungen, welche ihm die Entwürfe des Stolzes und Ehrgeizes noch gelassen hatten, in seinen Sohn vereinigt. Diesen Sohn sollte er jetzt dem Galgen und dem Henker überantworten. In neurer Zeit hatte sich ihm die Hoffnung, seinen verlornen Schatz wieder zu erlangen, zur triumfirenden Gewißheit gesteigert. Siehe da! die Hoffnung war erfüllt. Wie? Diese Gedanken kämpften in ihm, auf eine Weise, welche wir durch keine Bezeichnung auszudrücken uns getrauen dürfen – und nun! werfen wir nur Einen hastigen Blick auf den Zuwachs von Entsetzen, das auf ihn einstürmte, als er hören mußte, wie der Gefangne Ihn als die Ursache seiner jetzigen Verurtheilung anklagte, und er sich auf Einmal als Mörder und Richter seines Sohns fühlte!

Minuten waren verstrichen, seit der Gefangene schwieg, und Brandon setzte jetzt die schwarze Mütze auf. Als er sie langsam über die Stirne zog, fiel die zunehmende leichenhafte Blässe seines Angesichts, durch den Gegensatz zu der furchtbaren Kopfbedeckung noch schauerlicher auf. Zweimal versagte ihm, als er zu sprechen versuchte, die Stimme und ein unverständliches Murmeln nur kam von seinen farblosen Lippen und starb dahin wie ein flüchtiger, schwacher Luftzug. Aber bei dem dritten Versuch siegte die Entschlossenheit und die langgeübte Selbstbeherrschung des Mannes, und seine Stimme drang klar und fest durch die Menge, obgleich der ernste Wohllaut ihres gewöhnlichen Tones weg war, und sie seltsam und hohl ins Ohr der Zuhörer scholl.

»Gefangener an der Schranke! Es ist mir die Pflicht geworden, Euch das Ende Eurer zeitlichen Laufbahn anzukündigen. Ihr seyd angeklagt worden einer kecken Räuberei, und nach einem unpartheiischen Verhöre haben die Geschwornen aus der Mitte Eurer Landsleute und die Gesetze Eures Vaterlandes gegen Euch entschieden. Die Empfehlung an die Gnade – (hier allein, während seiner ganzen Rede, rang Branden krampfhaft nach Athem) – von den Geschwornen so menschenfreundlich beigefügt, soll der höchsten Gewalt vorgelegt werden, aber ich kann Euch nicht große Hoffnung des Erfolgs machen – (die Rechtsgelehrten sahen einander überrascht an; sie hatten eine viel herbere Erinnerung erwartet, aller Hoffnung auf die Empfehlung der Geschwornen zu entsagen). – Gefangener! für die Meinungen, welche Ihr geäußert, seyd Ihr jetzt nur noch Gott verantwortlich; ich unterlasse es, Euch deßhalb zurechtzuweisen. Für Eure Anklage gegen mich, wahr oder falsch, und für den Schmerz, den sie mir verursacht, mögt Ihr vor einem andern Tribunal Vergebung finden! Mir bleibt nur noch übrig – unter einem allzuleichten Vorbehalt, wie ich schon gesagt, um Euch Aussicht auf Hoffnung geradezu eröffnen zu können, – nur noch übrig, Euch – Euch – (Aller Augen waren auf Brandon gerichtet; er fühlte es, zwang sich zur letzten Anstrengung und es gelang) Euch anzukündigen den scharfen Spruch des Gesetzes. Er lautet: daß Ihr sollt zurückgeführt werden in das Gefängniß, von wannen Ihr kamet, und von da, wenn die höchste Behörde es gebeut, auf den Richtplatz, und sollt da an Euern Hals gehängt werden, bis Ihr todt seyd, und der Herr, der allmächtige Gott, sey Eurer Seele gnädig!«

Mit dieser Anrede schloß diese ereignißreiche Gerichtsverhandlung; und während die Menge in wildem Lärmen und Tumult sich an die Thüre drängte, zog sich Brandon, mit spartanischem Heldenmuth bis ans Ende die Qualen verhehlend, welche in seinem Innern nagten, von dem gräßlichen Schaugepränge zurück. In der nächsten halben Stunde schloß er sich mit dem Fremden ein, der sich während der Gerichtsverhandlungen zugedrängt hatte. Nach Ablauf dieser Zeit wurde der Fremde entlassen, und ungefähr nach einer Stunde ließ Brandons Diener denselben, begleitet von einem andern Mann mit niedergekrämptem Hut, in einem Kärrnerskittel wieder ein. Wir dürfen dem Leser nicht erst sagen, daß der neue Ankömmling der befreundete Ned war, dessen Zeugniß allerdings eine gewichtige Bestätigung von der Aussage Dummies war, und dessen Anhänglichkeit an Clifford, unterstützt vom Verlangen nach Belohnung, ihn vermocht hatte, sich in die Stadt zu wagen, wiewohl er sich in einer sichern Vorstadt versteckt hielt, bis ihm ein schriftliches Versprechen von Branden Sicherheit für seine Person und eine Geldsumme zusagte, für die er sich am Ende wohl gar selbst hätte hängen lassen; so lang hatte er sich gewöhnt, die Mittel mit dem Zweck zu verwechseln. Brandon hörte die Erzählung der Verbündeten an, und als sie zu Ende waren, entließ er sie mit folgenden Worten:

»Ich habe Euch angehört und bin überzeugt, daß Ihr Lügner und Betrüger seyd; hier ist das Geld, das ich Euch versprochen, – (er warf ihnen eine Brieftasche zu,) nehmt es, und versteht Ihr mich! wenn Ihr Euch erfrecht zu flüstern, ja nur zu athmen von der abscheulichen Lüge, die Ihr geschmiedet, so verlaßt Euch darauf, ich will Euch schon aus dem Versteck und Winkel der Ruchlosigkeit hervorziehen lassen, wo Ihr Euern Kopf verbergen möget, und Euch hängen lassen für Eure schon begangenen Verbrechen. Ich bin nicht der Mann, mein Wort zu brechen – fort! – verlaßt im Augenblick diese Stadt! wenn Ihr euch in zwei Stunden von jetzt an noch hier betreffen laßt, so komme Euer Blut über Euer Haupt! Fort, sag' ich!«

Diese Worte, begleitet von einer Miene, die zu jeder Zeit den Ausdrücken drohender und unsanfter Art entsprach, setzten die Verbündeten zugleich in Erstaunen und Schrecken. Sie verließen in hastiger Bestürzung das Zimmer, und Brandon, jetzt allein, gieng mit ungleichen Schritten, (deren beunruhigende Schwäche und Unsicherheit er selbst nicht bemerkte,) in dem Gemach hin und her. Die Hölle in seinem Busen war ihm auf's Gesicht geschrieben, aber er äußerte nur Einen Gedanken laut:

»Ich kann, ja, ja, – ich kann noch diese Schmach meines Namens verhehlen.«

Sein Diener klopfte an der Thüre, ihm zu sagen, daß der Wagen bereit sey, und daß Lord Mauleverer ihm aufgetragen, seinen Herrn zu erinnern, daß sie pünktlich zu der bezeichneten Stunde speisen würden.

»Ich komme!« sagte Brandon, mit langsamem und heftigem Nachdruck auf jedem Wort. Aber zuerst setzte er sich hin und schrieb einen Brief an die zuständige Behörde, worin er die Empfehlung der Geschwornen kräftig unterstützte; und wir können uns einen Begriff von dem Stolz, der ihn bis auf's Ende beherrschte, daraus machen, daß er an die Stelle der Todesstrafe auf lebenslängliche Deportation antrug. Sobald er diesen Brief gesiegelt, ließ er einen Expressen kommen, gab kalt und klar seine Befehle, und suchte mit seinen gewöhnlichen, stattlichen Schritten durch einen langen Gang zu gehen, der zur äußern Thüre führte. Er merkte, wie ihn die Kraft verließ. »Komm her,« sagte er zu seinem Diener, »und gieb mir deinen Arm.«

Alle Bedienten Brandons, den einzigen bei Lucie zurückgebliebenen ausgenommen, zitterten vor ihm, und mit einigem Bedenken wagte dieser Diener jetzt sich zu erkundigen: ob sich sein Herr wohl befinde?

Brandon sah ihn an, aber antwortete nicht; mit einiger Schwierigkeit stieg er in seinen Wagen, befahl dem Kutscher möglichst schnell zu fahren und ließ, wie er gewöhnlich pflegte, alle Fensterschirme herab.

Inmittelst erwartete Lord Mauleverer mit sechs Freunden voll Ungeduld die Ankunft des siebenten Gastes.

»Unser edler Freund zögert lange!« sagte der Bischof von –, die Hände über seinen geräumigen Magen faltend. »Ich fürchte die Steinbutte, wovon Euer Lordschaft sprachen, wird durch diese Verzögerung der Sitzung nicht gewinnen.«

»Armer Kerl!« sagte der Graf von –, leicht gähnend.

»Wen meinen Sie?« fragte Mauleverer lächelnd. »Den Bischof, den Richter oder die Steinbutte?«

»Keinen von allen dreien, Mauleverer – ich sprach von dem Gefangenen.«

»Ah, der schlaue Kerl! ich vergaß ihn,« sagte Mauleverer. »In der That, da Sie seiner erwähnen, ich muß gestehen, daß er mir großes Mitleiden einflößt; aber wahrhaftig es ist nicht schön von ihm, den Richter so lang aufzuhalten!« »Diese verstockten Sünder haben so gar Viel zu sagen,« brummte der Bischof verdrießlich.

»Wahr!« sagte Mauleverer, »ein religiöser Spitzbube würde einiges Mitleiden mit dem Zustand der hungernden Kirche haben!«

»Ist es wirklich gegründet, Mauleverer,« fragte der Graf von –, »daß Brandon Kanzler der Schatzkammer werden soll? Ganz ungewöhnlich bei seinem Stand, nicht wahr?«

»Mansfield ist doch ein Vorgang, glaub' ich!« sagte Mauleverer. »Gott, wie hungrig bin ich!«

Ein Seufzer des Bischofs war das Echo dieser Klage.

»Es würde wohl gegen allen Anstand seyn, sich ohne ihn zu Tische zu setzen?« sagte Lord –

»Nun freilich, ich besorge es,« erwiederte Mauleverer. »Aber unsere Gesundheit – unsere Gesundheit steht auf dem Spiel; wir wollen nur noch fünf Minuten warten, beim Jupiter, da kommt der Wagen. Ich bitte Sie um Vergebung wegen meines heidnischen Fluchs, mein Lord Bischof.«

»Ich vergebe Ihnen!« sagte der gute Bischof lächelnd.

Die in solchen Gesprächen begriffene Gesellschaft stand an einem Fenster, das gegen den Kiesweg gieng, »der welchen man jetzt Brandons Wagen in großer Schnelligkeit daherfahren sah; dieß Fenster war nur wenige Ellen vom Portal entfernt und war zum Theil geöffnet worden, um die Annäherung des erwarteten Gastes besser beobachten zu können.

»Er hat die Fensterschirme noch heruntergelassen; Zerstreuung oder Schaam über seine Unpünktlichkeit – was ist der Grund, Mauleverer?« sagte einer von der Gesellschaft.

»Schaam wohl nicht, glaub' ich!« antwortete Mauleverer. »Sogar die anstößige Unsittlichkeit, unsere Mahlzeit verspätet zu haben, würde schwerlich ein Errröthen auf die pergamentne Haut meines gelehrten Freundes jagen!«

Hier hielt der Wagen am Portal; die Wagenthüre wurde geöffnet.

»Das ist ein sonderbares Zögern!« sagte Mauleverer mürrisch. »Warum steigt er nicht aus?«

Während er sprach, drang ein Gemurmel der Dienerschaft, die man auf befremdliche Weise sich an den Wagen drängen sah, ins Ohr der Gesellschaft.

»Was sagen sie? Was?« sagte Mauleverer, und legte die Hand ans Ohr.

Der Bischof antwortete hastig, und Mauleverer vergaß, sobald er die Antwort vernommen, seine Empfindlichkeit gegen die Kälte und eilte hinaus an die Wagenthüre. Seine Gäste folgten.

Sie fanden Brandon gegen das Vordertheil des Wagens gelehnt – als eine Leiche. Eine Hand hielt die Schnur der Fensterladen, als hätte er noch unwillkürlich, aber vergebens, sie aufzuziehen gesucht. Die rechte Seite seines Angesichts war zum Theil verzerrt, wie durch Krampf oder Lähmung, aber nicht so sehr, daß jener auffallende Ausdruck von Strenge und Stolz, welcher seine Züge beim Leben ausgezeichnet hatte, zerstört gewesen wäre. Zugleich hatte die Verzerrung, welche auf einer Seite die Muskeln des Mundes hinaufgezogen hatte, das halbe höhnische Lächeln, welches gewöhnlich auf dem untern Theile des Gesichts lauerte, zu einer erschreckenden Ausdehnung sich erweitert. So plötzlich und ohne Zeugen war die Trennung des Leibes und der Seele bei einem Manne erfolgt, der, wenn er auch als frecher, hochstrebender, verhärteter und unerschütterlicher Heuchler durchs Leben gieng, doch trotz seiner Verworfenheit, seiner Selbstsucht und seinen Lastern nicht ohne etwas Erhabenes in seinem Wesen war; der weniger vermöge seiner Natur die Sünde geliebt, als in Folge einer seltsamen Verkehrtheit der Vernunft die Tugend verachtet zu haben scheint, und der durch eine feierliche und gräßlich-plötzliche Fügung des Schicksals, (denn wer wagte es wohl, den Richterspruch der dunkeln und unsichtbaren Vorsehung auch da zu bestimmen, wo sie dem sterblichen Auge am wenigsten finster erscheint?) die Träume, das Ziel, den Triumf seiner Hoffnung erlangte, um durch sie im Augenblick des erlangten Besitzes vernichtet zu werden!

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.