Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeErstes Bändchen
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectidc716417b
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Er war jetzt ein junger Mann vom besten Ton geworden und so eingelebt in die höhere Gesellschaft, als der eifrigste und strengste Bewerber um Londoner Celebrität sich nur wünschen mochte. Er war natürlich Mitglied der Clubs u.s.w. Kurz er gehörte jetzt jener oft geschilderten Classe an, vor der alle untergeordneten Schönherren in Unbedeutenheit versinken oder in der sie im besten Fall eine geringere Stufe durch Aufopferung eines ansehnlichen Theils ihres Vermögens erlangen können.

Die Almacks in neuerer Gestalt.

Bei der Seele des großen Malebranche, der eine Untersuchung der Wahrheit schrieb und eine Menge schöner Sachen entdeckte, nur nicht das was er suchte; bei der Seele des großen Malebranche, den Bischof Berkeley an einer Lungenentzündung leidend fand und sehr gefällig zu Tode schwatzte – ein Beweis von der Macht der Rede, dem billig alle große Metafysiker und Redehelden nacheifern sollten; bei der Seele dieses erleuchteten Mannes, es ist zum Erstaunen für uns, welche Menge von Wahrheiten in kleine Stücke zerbrochen da und dort in der Welt zerstreut herum liegt. Welch glänzende Sammlung könnte sich Jemand von diesen kostbaren Steinen anlegen, wenn er nur mit dem Korbe unter dem Arm und mit offenen Augen ausgehen wollte. Wir selbst haben eben heute ein kleines Stückchen Wahrheit aufgelesen, womit wir Dir, edler Leser, eine schlimme Wendung in dem Schicksale Pauls zu erklären gedenken.

»Wo man irgend Würde sieht,« sagt ein lebender Weiser, »darf man auch sicher seyn, daß die Aufrechthaltung derselben einen Aufwand erfordertIn den populären Trugschlüssen..« So war es auch bei Paul. Ein junger Mann, muthmaßlicher Erbe des Krugs, begabt mit einer hübschen Gestalt und einem gebildeten Geist, nahm nothwendig einen gewissen Rang in der Gesellschaft ein und mußte ein Gegenstand der Aufmerksamkeit in den Augen der betriebsamen Mütter in der Nachbarschaft von Thames-Court werden. Viele Lustparthien nach Deptford und Greenwich kamen vor, an welchen Paul Theil zu nehmen sich bewogen fand, und wir brauchen unsern Lesern nicht auf Novellen über fashionables Leben zu verweisen, um sie zu belehren, daß in guter Gesellschaft die Herrn immer für die Damen bezahlen. Dieß waren aber noch nicht alle Ausgaben, wozu ihn seine Aussichten veranlaßten. Ein Mann konnte kaum solchen zierlichen Festlichkeiten anwohnen, ohne einige Aufmerksamkeit auf seinen Anzug zu verwenden, und ein fashionabler Schneider spielt, der Henker weiß wie? Versteckens mit dem jährlichen Einkommen eines Mannes.

Wir, die wir in Kleinbritannien unsre Residenz haben, um es dem Leser gerade heraus zu sagen, sind nicht sehr vertraut mit der Lebensart unter den höhern Klassen von St. James. Aber es herrschte unter den feinen Leuten um Thames-Court eine große Untugend, die ohne Zweifel sonst nirgends im Schwange geht.

Diese feinen Leute nämlich quälten sich mit einer beständigen Todesangst, noch feiner zu scheinen, als sie waren; und je mehr vornehmen Anstrich ein Herr oder ein Frauenzimmer sich gaben, desto angesehener wurden sie. Job, der Hundemetzger, war in der That ganz nur aus einem gewissen Hang, Jedermann Grobheiten zu sagen, in die Gesellschaft gekommen; und die delikatesten Ausschließlichen des Ortes, die selten irgend wohin giengen, wo keine silberne Theebüchse war, pflegten anzunehmen, es sey nicht wenig hinter Job, weil er seinen Karren mit vornehm gehaltenem Haupte fortschob und eines Tags sogar dem Büttel des Kirchspiels tüchtig den Weg gewiesen hatte.

Nun machte dieß Streben nach außerordentlicher Feinheit die Gesellschaft um Thames-Court nicht nur lästig, sondern auch kostspielig. Jeder wetteiferte mit seinem Nachbar, und da der Geist der Nebenbuhlerschaft besonders heftig in der Brust der Jugend wirkt, kann es uns kaum befremden, daß er Paul zu manchen tollen Streichen verleitete. Das Uebel bei allen Cirkeln, welche darauf Anspruch machen, auserlesen zu seyn, ist hohes Spiel, und der Grund liegt nahe: Menschen, welche es in ihrer Hand haben, einem Andern einen Vortheil, wornach er trachtet, zuzuwenden, lassen sich lieber dafür bezahlen, als daß sie ihn verschenken; und Paul, der in Popularität und Ton eine Stufe um die andre erstieg, fand sich, trotz seiner klassischen Bildung doch den ausgemachten, oder vielmehr ausmachenden Ehrenmännern nicht gewachsen, mit welchen er in näheres Verhältniß kam. Sein erster Eintritt in diesen auserlesenen Kreis dieser Männer von Welt fand Statt im Hause des Bachelor Bill, einer Person von großer Berühmtheit unter dem Theile der Ausbündigen, die sich selbst den bedeutungschweren Namen Flash beilegen. Da es jedoch unsre unabänderliche Absicht ist, in diesem Werke keine episodische Charaktere genauer auszumalen, so können wir unsern Lesern nur eine schwache, flüchtige Skizze von Bachelor Bill entwerfen.

Dieser Mensch war von Devonshire gebürtig. Seine Mutter hatte das anmuthigste Wirthshaus in der Stadt besessen und nach ihrem Tod erbte Bill ihre Habe und Popularität. Alle jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft von Fidlers Row, wo er seinen Wohnsitz hatte, wollten ihn zum Schleppträger haben, die allermodischsten Schupper und Gauner suchten ihn anzuketten und die flottesten Besen in London hätten zu einer gewissen Zeit gern ihre Ohren für ein zärtliches Wort von Bachelor Bill gegeben. Aber Bill war ein feiner Kopf und kluger Gesell und von außerordentlich vorsichtiger Gemüthsart. Er ging der Ehe und der Freundschaft aus dem Weg; d.h. er ließ sich weder ausplündern noch Hörner aufsetzen. Er war ein großer, aristokratischer Bursch, von teufelmäßig gewandtem Benehmen, und in Züchten und Ehren, sehr galant gegen die Besen. Wie meist die ledigen Herren, die, soweit es auf's Geld ankommt, gern den Mann machen, gab er ihnen Schnabelweide die Fülle und von Zeit zu Zeit einen Hopstanz. Sein Magentrank war über allen Tadel hinaus und sein Doppel-Courage wurde einstimmig für das Wunder der Welt erklärt. In sehr kurzer Zeit (denn ledige Männer schwingen sich immer leichter als verheirathete auf den Gipfel des hohen Tons) wurde er, vermöge seiner Junggesellenschaft und seiner Kehrause, der wahre Spiegel vornehmen Lebens und mancher schmucke Lehrbursch, selbst am Westende der Stadt, pflegte vor Bewunderung Bachelor Bills die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, wenn er an einem Sonntag Nachmittag in seinem zierlichen Kabriolet nach seinem netten kleinen Gartenhäuschen an dem Saume von Turnham Green fuhr. Bill's Glück war jedoch nicht ganz ohne Zusatz. Die Damen der Freude sind immer so ausnehmend erboßt, wenn ein Mann sich nicht in sie verliebt, daß es nichts giebt, das sie ihm nicht nachsagen; und die würdigen Matronen in der Nachbarschaft von Fidler Row sprengten alle Arten von grundlosen Gerüchten gegen den armen Bachelor Bill aus. Allmälig jedoch, – denn wie Tacitus ohne Zweifel im profetischen Hinblick auf Bachelor Bill sagt, die Wahrheit gewinnt durch die Zeit – allmälig begannen diese Gerüchte unvermerkt zu verhallen, und da Bill sich jetzt den Gränzen des mittlern Alters näherte, so sahen seine Freunde schon getrost als eine ausgemachte Sache an: er würde sein Lebenlang Bachelor Bill bleiben. Uebrigens war er ein excellenter Junge; gab seine verdorbenen Lebensmittel den Armen, bekannte sich zu den liberalsten Meinungen, und nahm in allen Streitigkeiten unter den Besen (diese flotten Besen sind gar ein zanksüchtiges Geschlecht!) immer die Parthei des schwächeren Theiles. Obgleich Bill in seiner Gesellschaft sehr auf strenge Auswahl hielt, vergaß er doch seine alten Freunde nicht; und der Frau Grete Lobkins, die ihm als kleinem Knaben in der kurzen Jacke gar gewogen gewesen war, sandte er regelmäßig eine Karte zu seinen Soirées. Die gute Frau hatte jedoch in den letzten Jahren ihre Ecke am Camin nicht mehr verlassen. Der Lärmen des fashionabeln Lebens war wirklich für ihre Nerven zu stark und die Einladung war zu einer herkömmlichen Förmlichkeit geworden, der keine weitere Bedeutung mehr beigelegt, aber die dessen ungeachtet nie verabsäumt wurde. Als Paul jetzt sein sechszehntes Jahr erreichte und ein hübscher, gewandter Junge war, dachte die Dame: er könnte jetzt die Inhaberin des Krugs vortrefflich vertreten; und für ihren Pflegsohn wurde ein Ball bei Bachelor Bill kein unpassender Anfang zum Leben in London seyn. Sie legte also dem Junggesellen ihren dahin gehenden Wunsch ans Herz und Paul erhielt folgende Einladung von Bill:

»Herr William Duke giebt nächsten Montag Tanz und Imbiß auf bescheidnem Fuß und hofft, Herr Paul Lobkins werde dabei erscheinen.

NB. Man erwartet, daß die Herrn in weiten Beinkleidern erscheinen.«

Als Paul eintrat, eröffnete eben Bachelor Bill den Ball, nach der Melodie: »Schlückchen Brantwein,« mit einer jungen Dame, gegen welche, weil sie eine wandernde Schauspielerin gewesen, die Aufsicht führenden Damen von Fidler's Row ein sehr abgemessen-förmliches Benehmen angemessen gefunden hatten. Der gute Junggeselle hatte, wie er sich ausdrückte, keinen Begriff von solchem Schnikschnak, und er sorgte dafür, daß unter den feinsten Besen verbreitet wurde: er erwarte, daß alle, welche in seinem Hause hopsten und stampften, der jungen Mrs. Dot höflich und anständig begegnen werden. Diese vertrauliche Mittheilung, welche den Schönen mit all der einschmeichelnden Feinheit gemacht wurde, wodurch Bachelor Bill sich so sehr auszeichnet, brachte eine sichtliche Wirkung hervor; und Mrs. Dot, die jetzt mit dem stattlichen Junggesellen den Vortanz gemacht, wurde den übrigen Abend mit Höflichkeiten überhäuft.

Als der Tanz zu Ende war, schüttelte Bill sehr artig Paul die Hände und nahm bald die Gelegenheit wahr, ihn einigen der Notabilitäten der Stadt vorzustellen. Zu diesen gehörte der schmucke Herr Allfair, der einschmeichelnde Henry Finish, der lustige Jack Hookey, der einsichtsvolle Charles Trywit und noch verschiedne Andere, ebenso berühmt durch ihre Geschicklichkeit, bequem von ihren Geistesgaben und dem Gut andrer Leute zu leben. Die Wahrheit zu sagen, Paul, damals noch ein ehrlicher Bursch, fand an der Unterhaltung dieser Industrieritter weniger Geschmack als er erwartet. Mehr gefielen ihm die klugen, obwol selbstgefälligen Bemerkungen eines Herrn mit einem vorzüglich üppigen Haarwuchs, welchen wir nachdrücklicher als die übrigen unserem Leser empfohlen haben wollen, unter dem Namen eines Herrn Edward Pepper, gewöhnlich der lange Ned genannt. Da dieser trefflichen Person vom Schicksal bestimmt war, ein vertrauter Genosse von Paul zu werden, so war unser Hauptabsehen dabei, daß wir den Hopstanz bei Bachelor Bill schildern, das ist: den Zeitpunkt, wo diese Bekanntschaft ihren Anfang nahm, zu bestimmen, wie es die Wichtigkeit eines solchen Ereignisses erheischt.

Der lange Ned und Paul kamen zufällig bei Tische nebeneinander zu sitzen und verkehrten so freundschaftlich mit einander, daß Paul, dem das Herz aufgieng, die Hoffnung ausdrückte, Herrn Pepper in dem Krug zu sehen.

»Krug – Krug«Im Englischen Mug, wovon der Sektenname Muggletonians abgeleitet wird. Das Wortspiel läßt sich wie so viele andere, nicht wiedergeben. wiederholte Pepper mit halbzugedrückten Augen und dem Tone eines Dandy, der im Begriff ist eine Grobheit zu sagen, »ah, der Name eines Conventikels, oder nicht? Es gibt eine Sekte, Muggledonier genannt – mein' ich?«

»Was das betrifft,« erwiederte Paul, bei dieser Beschuldigung für den Krug erröthend, »die Frau Lobkins hat nicht mehr Religion als Leute, die mehr sind denn sie; aber der Krug ist ein sehr vortreffliches Haus und von der besten Gesellschaft besucht, die es geben kann.« »Zweifle gar nicht daran!« sagte Ned. »Erinnere mich jetzt, daß ich einmal dort war und einen Dummie Dummaker sah – heißt er nicht so? Ich besinne mich, vor einigen Jahren, da ich in das Leben eintrat, hatten Dummie und ich ein Abenteuer zusammen; Euch die Wahrheit zu gestehen, es war nicht von der Art, die mir jetzt zusagen würde. Aber, werdet Ihr es glauben, Herr Paul? dieser erbärmliche Geselle war das einzigemal, daß ich ihn seither sah, ganz grob gegen mich; das heißt, das einzigemal, da ich in den Krug kam. Ich kann solches vornehme Wesen an einem Händler – an einem Lumpenhändler nicht begreifen, diese Trödelbursche werden ganz unerträglich.«

»Ihr seht mich in Erstaunen!« sagte Paul. »Der gute Dummie ließe es sich am letzten einfallen, grob zu seyn. Er ist ein so höfliches Geschöpf als je lebte.«

»Oder Lumpen verkaufte!« sagte Ned. »Möglich. Bezweifle seine lobenswerthen Eigenschaften im Geringsten nicht. Gebt den Humpen herum, guter Freund. – Unsinniges Zeug, das Tanzen da!« »Verteufelter Unsinn!« scholl das Echo von Harry Finish über den Tisch herüber zurück. »Was meint Ihr, wir ziehen nach Fishlane und klappern mit den Würfeln? Was sagt Ihr dazu, Herr Lobkins?«

Bange vor »des Tons unholdem Spott, dem kaum der Stolz des Filosofen trotzt,« und nicht fürs Tanzen eingenommen, gab Paul dem Vorschlag seine Zustimmung und eine kleine Truppe, bestehend aus Harry Finish, Allfair, dem langen Ned und Herr Hookey verfügte sich nach Fishlane, wo ein Club war – sehr berühmt bei den Männern, welche von ihrem Witz leben, und wo Schnaps und Magenwasser aufs splendideste unentgeltlich abgereicht wurden. Hier wurde der Abend sehr ergötzlich hingebracht und Paul ging heim ohne einen Rothen in der Tasche. Von dieser Zeit an wurden leider Pauls Besuche in Fishlane regelmäßig und binnen sehr kurzer Frist gelangte, wir sagen es mit Bedauern, Paul zu dem ausgezeichneten Charakter eines Mannes mit drei durchlöcherten Dingen – durchlöchertem Beutel, durchlöchertem Ellbogen, und durchlöchertem Credit. Die einzigen zwei Personen, welche sich dazu verstanden, ihm mit einem schwachen Anlehen an die Hand zu gehen, wie es in den mit X.Y. unterzeichneten Bekanntmachungen heißt, waren Herr Dummie Dummaker und Herr Pepper, zubenamst der Lange. Letzterer jedoch ließ sich, wenn er auch dem Erben vom Krug sich gefällig erwies, nie herab, dieses ausgezeichnete Gasthaus zu betreten, und wenn jener gutherzig seine Börsenschnüre aufthat, so geschah es nie ohne eine dringende Warnung, die Bekanntschaft mit dem langen Ned zu meiden. »Eine Berschon,« sagte Dummie, »von sehr gefährlichen Grundsätzen, und keineswegs eine baßliche Gesellschaft für einen jungen Herrn von Karakder, wie der kleine Paul.« So ernst gemeint war diese Warnung und so ausschließlich auf den langen Ned gezielt, obwohl man die Gesellschaft des Herrn Allfair oder Herrn Finish nicht minder bedenklich hätte finden können, daß es wahrscheinlich wird: das übermüthige, stolze Wesen, welches, wie Lord Normanby in einer seiner trefflichen Novellen richtig bemerkt, so viele Feindschaften in der Welt stiftet, und das zuweilen dem Benehmen des langen Ned eigen war, und namentlich gegenüber von dem Handelsmann, sey der Hauptgrund gewesen, warum Dummie so scharf und mit so besonderem Ingrimm der Unsittlichkeit des langgewachsenen Herrn aufsaß. Zugleich müssen wir bemerken, daß, wenn Paul, der Worte Peppers über sein früheres Abenteuer mit Herr Dummaker sich erinnernd, sie dem Händler wieder anführte, Dummie eine gewisse Bestürzung nicht verhehlen konnte, obgleich er nur mit einer Art von Lachen äußerte, die Sache sey nicht der Rede werth; und es schien Paul außer Zweifel, daß in der Erinnerung an diese frühere Bekanntschaft für den Lumpenmann eine widrige Empfindung laure, die der unbefangne Pepper nicht theilte. Wie dieß seyn mochte, der Umstand entfiel den Augenblick nachher der Aufmerksamkeit Pauls; und er widmete, wir müssen es gestehen, den Warnungen gegen Ned, womit Dummie ihm anlag, eben so wenig Rücksicht.

Vielleicht war bei Paul (denn wir müssen jetzt auch einen Blick auf seine häuslichen Verhältnisse werfen) eine Hauptursache, welche ihn nach Fishlane trieb, das unbehagliche Leben, das er zu Hause führte. Denn obgleich Mrs. Lobkins äußerst zärtlich für ihr Pflegkind war, hatte sie doch, wie ihre Gäste sich kräftig ausdrückten: den Teufel im Leib, und da ihre natürliche Derbheit nie durch solche Schilderungen des anmuthigeren Lebens gemildert worden war, wie sie in manchen Romanen und komischen Schnurren das Gemüth des schwärmerischen Pauls verfeinert hatten, so war ihre Art, ihre mütterlichen Vorwürfe an den Mann zu bringen, für einen jungen Burschen von einigem Zartgefühl gewiß nicht wenig empörend. In der That kam es ihm oft in den Sinn, ihr Haus ganz zu verlassen und auf eigene Faust sein Glück zu suchen, nach dem Muster des sinnreichen Gil Blas oder des unternehmenden Roderick Random; und dieser Gedanke, obgleich verworfen und wieder verworfen, dehnte und befestigte sich doch allmählig in seinem Herzen, wie die Haarkugel anwächst, die man im Magen mancher kranken Kühe nach ihrem Tode findet. Der Leser wird später erfahren, wie unter diesen Unternehnmungs-Entwürfen ein früher Traum von der grünen Waldhöhle, worin Turpin mit einem Freund, einer Schweinskeule und einer Gattin sich zu verbergen pflegte, ihm durch den Sinn ging. Damals neigte er sich vielleicht noch nicht zu der Art von Leben und Treiben, wie es der Held der Landstraßen übte; aber er hielt darum nicht minder lebhaft an dem Bilde der Höhle fest.

Der traurig einförmige Verlauf von unsres Helden Leben stand indeß eben auf dem Punkt, durch eine unerwartete Wendung eine neue Richtung zu bekommen und die unreifen Gedanken des Knabenalters sollten wie Ghilan's Riesenpalmen zur Frucht des männlichen Entschlusses aufbrechen.

Zu den hervorstechenden Zügen im Charakter der Mrs. Lobkins gehörte auch eine grenzenlose Verachtung gegen Alles was Unglück hieß; die Unklugheit und der Unstern Paul's erregten in ihr eben so viel Geringschätzung als Mitleid. Und als er, zum drittenmal binnen einer Woche, mit jämmerlicher Miene und leeren Taschen, vor dem großen Stuhl der Dame stand, mit der Bitte um eine Taschengeldszulage – da ging der Strom ihres Zorns in hohen übel schwellenden Wogen.

»Siehscht Du, liederliches Bürschchen,« sagte sie, und um ihrem Aussehen eine eigenthümliche Würde zu verleihen, setzte sie unter dem Sprechen eine ungeheure zinnerne Brille auf die Nase, »wenn es so ischt, daß Du meinscht, ich werde Dir für Deine nichtsnutzigen Ausgaben eine Zulage geben, so bischt Du ganz und gar auf dem Holzweg. Schlag mich der und jener, wenn ich Dir noch Nagelsgroß gebe.«

»Aber ich bin dem langen Ned eine Guinee schuldig,« sagte Paul, »und Dummie Dummaker lieh mir drei Kronen. Es steht Eurem muthmaßlichen Erben, meine liebe Frau, übel an, bei Ehrenschulden Ausflüchte zu suchen.«

»Lirum, larum, glaub' nur nicht, Du könnescht mir mit Deinen Schulden und Deiner Ehre einen Bären aufbinden,« sagte die Dame in Leidenschaft. »Der lange Ned hat so lange Gabeln, als er einen Rücken hat; möge der alte Harry mit ihm davonfliegen! und was Dummie Dummaker bedrifft, so nimmt mich's Wunder, wie Du, der Du wie ein Herrenkind erzogen worden bischt und die allerfürnehmste Berziehung genossen hascht, mit so gemeiner Gesellschaft Dich einlassen magscht. Will Dir was sagen, Paul, muscht dran glauben und mit ihnen brechen Knall und Fall, ober Du hast den letzden Pfenning von Peg Lobkins gesehen!« Mit diesen Worten drehte sich die alte Dame in ihrem Sessel herum und langte sich eine Pfeife Tabak.

Paul gieng zweimal in der Stube auf und ab und blieb zuletzt vor dem Sessel des Weibes stehen; er war ein hitziger Junge und obgleich er ein warmes Herz und eine Liebe zu Mrs. Lobkins hatte, welche ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit für ihn wohl verdiente, war er doch ungeschlachter Gemüthsart und nicht immer sanft in seinen Reden; zwar machte ihm sein Herz jedesmal nachher Vorwürfe, wenn er der Mrs. Lobkins etwas Anstößiges gesagt hatte und er war immer der Erste, der eine Aussöhnung suchte; aber heiße Worte erkälten die Achtung und das Bedauern des Vergangenen ist nicht immer eine Bürgschaft für Besserung in der Zukunft. Paul also, aufgebläht durch die Einbildung auf seine vornehme Erziehung und die Freundschaft des langen Ned (der nach Ranelagh kam und Strümpfe mit silbernen Zwickeln trug), blieb vor dem Stuhle der Frau Lobkins stehen und sagte mit großer Feierlichkeit – »Herr Pepper, Madame, bemerkt sehr richtig, daß ich Geld haben muß, um mich als Gentleman sehen zu lassen; und wenn Ihr es mir nicht geben wollt, so bin ich entschlossen, mit vielem Dank für Eure mir erwiesenen Gutthaten in die weite Welt zu gehen, und mein Glück zu suchen.«

Wenn Paul eben keine geschmeidige und nachgiebsame Gemüthsart hatte, so hatte Frau Grete Lobkins, wie man schon gesehen hat, in diesem Kapitel nichts vor ihm voraus; wir dürfen bei dem Leser die Beobachtung voraussetzen, daß Leute, von welchen man abhängig ist, nichts so sehr in Wuth setzt, als der ausgesprochene Entschluß, die Unabhängigkeit suchen zu wollen. Einen Augenblick also sah die Dame Lobkins Paul in sein offenes aber entschlossenes Angesicht; alles Blut in ihren Adern schien als Feuer und Scharlach ihre weitläufigen Wangen zu überströmen und sie brach los:

»Alle Hader, Junker Obenhinaus! selbscht Dein Glück suchen willscht Du? das hab' ich davon, daß ich Dich aufgezogen und Dir das Brod des Müßiggangs und der Zärtlichkeit hab' zu essen gegeben, Du Tausendsasa! Nimm dieß und geh zum T – –!« und eine entsprechende Bewegung begleitete ihre Worte; der Pfeifenkopf, den sie aus dem Munde genommen, um ihren zärtlichen Vorwürfen den Lauf zu lassen, schwirrte durch die Luft, streifte Pauls Wange und vollendete seine Bahn durch ein heftiges Zusammenstoßen mit dem rechten Auge Dummie Dummakers, der gerade in diesem Augenblick ins Zimmer trat.

Paul hatte sich einen Augenblick gebückt, um der Sendung auszuweichen; im nächsten stand er schon wieder kerzengerade da; seine Wangen glühten, seine Brust hob sich, und der Eintritt Dummie Dummakers, der auf diese Art Zeuge der erlittenen Beschimpfung wurde, empörte sein Blut zu noch grimmigerem Aufruhr und machte seine Demüthigung noch bitterer; alle frühergefaßten Plane zur Entweichung, alle die harten Worte, die plumpen Anspielungen, die thätlichen Mißhandlungen, die er irgend je erfahren hatte, stürmten jetzt vereint auf ihn ein. Er warf nur Einen Blick auf das alte Weib, dessen Wuth sich schon halb gelegt hatte, und wandte sich langsam und schweigend der Thüre zu.

Oft setzt uns etwas, das uns begegnet, in Unruhe, blos deßwegen, weil es das uns Unerwartetste ist; die schlaue Frau Lobkins, bekannt mit Pauls trotzigem Wesen und hitzigen Leidenschaften, hatte einen Ausbruch der Wuth, eine heftige Antwort erwartet, und als sie jetzt mit unstetem Auge seinen Abschiedsblick erhaschte und ihn so duldend und stumm auf die Thüre zugehen sah, da schoß ihr das Blatt, sie stand von ihrem Sessel auf und eilte auf ihn zu. Zum Unglück für ihre Hoffnung auf Versöhnung hatte sie an diesem Tage der Flasche reichlicher als gewöhnlich zugesprochen und die Merkmale des Rausches, die in ihrem unsichern Gang, ihrem ausdrucklosen Auge, ihrem stieren Blick, ihren hochrothen Wangen sich kund gaben, – Alles dieß flößte Paul Gefühle ein, welche in diesem Augenblick die Empfindlichkeit in eine Art von Verachtung verwandelten. Er flüchtete vor ihrer Berührung an die Schwelle. »Wo willscht Du hin, Du Allerweltsranke!« rief die Dame, »nimm Dich zusammen und sprich nicht mehr von der Sache, sey ein gescheudter Junge und Du sollscht den Beddel haben!«

Aber Paul achtete nicht auf diese Einladung.

»Ich will nicht länger das Brod des Müßiggangs und der Zärtlichkeit essen,« sagte er mürrisch. »Gott befohlen! und wenn ich Euch je erstatten kann, was ich Euch gekostet, so werde ich es thun.«

Mit diesen Worten kehrte er sich ab, und die Dame, der bei dieser unziemlichen Erwiederung auf ihr freundliches Anerbieten die Galle überlief, schrie hinter ihm drein und beschwor den Herrn in schwarzer Tracht, der drunten den Feuerdienst besorgt, ihn zu begleiten.

Die Brust voll von Verdruß, Stolz, Schaam und einem halb freudigen Gefühl errungener Unabhängigkeit, ging Paul seines Wegs, er wußte selbst nicht wohin. Er trug den Kopf nach vornehmer Manier und seine Beine nahmen von selbst einen stolzen militärischen Gang an. Er war noch nicht weit gekommen, als er seinen Namen hinter sich rufen hörte; er drehte sich um und sah das klägliche Gesicht Dummie Dummakers.

Diese achtbare Person hatte beim letzten Theil der beschriebenen Scene eine sehr unschuldige Rolle gespielt; er beschäftigte sich mit seinem beschädigten Auge und brummte filosofische Bemerkungen über die Gefahren, welchen sich Jeder aussetze, der mit Damen von cholerischem Temperament Bekanntschaft habe, als Mrs. Lobkins sich nach Pauls Abgang rund umsah und die jammervolle Gestalt Dummie Dummakers erblickte, dessen Namen, wie sie sich erinnerte, von Paul in seiner Mittheilung an sie genannt worden war. Vermöge einer unlogischen Verwirrung der Gedanken betrachtete sie ihn deßhalb als einen bei dem letzten Streit Betheiligten und erschöpfte gegen ihn alle ihre Wuth, welche auf irgend eine Weise auszulassen, ohne Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen, sie nicht umhin konnte.

Sie packte den kleinen Mann beim Kragen – die allerempfindlichste Stelle bei Herren von solchen Lebensverhältnissen, gab ihm einen Streich, der das andere, bisher unbeschädigt gebliebne Auge traf, und schrie: »Ich will Euch lehren, Ihr Blutsauger, Leute, die Aussichten haben, wie Schwämme ausbressen! Ich will Euch lehren, den Erben des Krugs schnüren, Ihr rotziges, milchsichdiges Gespenscht von einer Pfennigkerze. Was, Ihr leiht meinem Paul drei Kronen, Ihr? und wißt Ihr noch wie Ihr sagdet, Ihr könnet mir einen elenden Budel Schnabs nicht bezahlen! Oh Ihr seyd ein Luchs, muß sagen, aber Grete Lobkins sollt Ihr nicht beluchsen. Aus meinen Pfählen, Ihr schmutziger Hund! aus meinen Pfählen! Und wenn meine Linser Euch je wieder ansichdig werden, oder wenn ich je höre, daß Ihr meinen Paul für Narren habt, fekel mich der Stäches, so will ich Euch ein hänfenes Halsband weben, ich will Dich hängen, Du Hund! ja das will ich. Was, Du willscht mir antworden, willscht! O Du Schlangengezücht, fort marschier Dich!«

Vergebens betheuerte Dummie seine Unschuld. Ein kräftiger Fußtritt brach alle weitern Unterhandlungen ab. Er gab Versengeld im Krug; und die Wirthin zottelte in ihren Armstuhl zurück, suchte sich eine andere Pfeife und tröstete sich, wie alle mit reicher Einbildungskraft gesegnete Menschen, wenn die Welt übel mit ihnen umspringt, durch die Schöpfungen von Rauch für das in der Wirklichkeit Mangelnde.

Bittre Gedanken im Herzen und bittre Worte im Mund, holte nun Dummie Dummaker Paul ein und beschuldigte den Jüngling, daß er die Veranlassung zu den eben eingenommnen Beleidigungen gewesen. Paul war gerade nicht in der besten Stimmung um geduldig Vorwürfe anzuhören; er antwortete Dummie sehr kurz angebunden und dieß achtbare Individuum, das noch seine Beulen schmerzten, erwiederte ihm mit gleicher Derbheit. Der Wortwechsel wurde lebhaft, und endlich ballte Paul, nach dem Ende des Zwiegesprächs verlangend, die Faust, und erklärte dem furchtbaren Dummie, er wolle ihn zu Boden strecken. Es liegt etwas ganz besonders Rauhes und Betäubendes in diesen drei harten, eisernen, handfesten, hammerartigen, kurzen Worten. Ihr Klang schon macht, daß man doppelte Kraft in den Fäusten fühlt, wenn man ein Held, und in den Füßen, wenn man ein Mann des Friedens ist.

Sie brachten bei Dummie Dummaker, unterstützt durch den Eindruck einer athletischen, jugendlichen, beinah schon 6 Fuß hohen Gestalt, flammende Wangen, und ein Leidenschaft und Entschlossenheit verkündendes Auge eine augenblickliche Wirkung hervor. Die Stimme des Lumpenhändlers sank auf Einmal herab und mit der Miene eines gekränkten Cassius wimmerte er die Worte:

»Mich zu Boden strecken! O kleiner Paul, was sind das für verruchde Worde? Was! Dummie Dummaker, der Euch oft und viel auf den Knien gautschte! wie, das Herz des Jungen ischt so hart als Juchdenleder und so übermüdig, wie der Hund eines Gärdners mit einem Blumenstrauß auf 'm Buckel.« Diese pathetische Vorstellung besänftigte Pauls Grimm.

»Gut, Dummie,« sagte er lachend, »ich wollte Euch nichts zu Leide thun, und die Sache beruht auf sich; auch bedaure ich das schlimme Benehmen der Frau sehr; und somit wünsche ich Euch guten Morgen.«

»Wie, wohin wollt Ihr denn springen, kleiner Paul?« sagte Dummie und faßte ihn beim Rockkragen.

»Das mag der Henker wissen,« antwortete unser Held, »aber ich denke, ich will einmal bei dem langen Ned einsprechen!«

»Kommt her!« sagte Dummie ganz leise flüsternd, »wenn Ihr nicht plaudern wollt, will ich Euch was von einem Geheimniß sagen. Ich höre, der lange Ned ischt nach Hampshire aufgebrochen, diesen Morgen erst, zu einer Strade

»Ha!« sagte Paul, »dann laß ich mich hängen, wenn ich weiß was ich thun soll.« Als er diese Worte aussprach, drängte sich ihm das Gefühl seiner Hülflosigkeit, wenn er dabei beharrte, den Krug zu meiden, lebhafter auf, als er bisher empfunden hatte; denn Paul hatte den Plan gehabt, eine Zeitlang der Gastfreundschaft seines Patagonischen Freundes sich anzuvertrauen, und nun er vernahm, daß dieser Freund von London abwesend und auf eine so halsbrechende Unternehmung aus sey, war er ein wenig in Verlegenheit, was er mit dem Schatz von Einsicht und Weisheit anfangen sollte, den er mit sich herum trug. Er hatte schon so viel Scharfblick gewonnen (denn Charles Trywit und Harry Finish waren treffliche Meister, um Einen in die Kenntniß der Welt einzuweihen), um einzusehen, daß ein Mensch, wie bewundernswerthe Eigenschaften er auch besitze, selten eine gute Aufnahme findet, wenn er keinen Pfennig in der Tasche hat. In der Nachbarschaft von Thames-Court hatte er zwar viele Bekannte; aber die Vornehmheit seiner Sprache, die er sich durch seine Erziehung erworben, und die Feinheit seines Betragens, worin er in glücklicher Vereinbarung die höfliche Keckheit des langen Herrn Ned mit der ammuthigen Nachläßigkeit des Herrn Augustus Tomlinson zu verbinden sich bestrebte, hatten ihm unter diesen Bekanntschaften viele Feinde zugezogen; und er hatte keine Lust – so groß war der Stolz unsres Helden – es auf ihre ungewisse Aufnahme ankommen zu lassen, oder seine heimathlose und betrübte Lage gleichsam zur Schau zu stellen. Die guten Kameraden anlangend, welche ihm geholfen hatten, aus seinen Taschen Wüsten zu machen, so hatte er bereits eingesehen, daß dieß die einzige Art von Hülfe sey, zu deren Leistung sie Bereitwilligkeit zeigten; mit einem Wort, er konnte um sein Leben nicht ausfindig machen, an welchem Ort er die Segnungen eines Bettes und Obdachs zu suchen habe. Wie er so, mit dem Finger am Mund, unschlüssig und nachdenklich dastand, aber wenigstens über Einen Punkt fest entschlossen: nicht in den Krug zurückzugehen: sah ihm Dummie, im Grund des Herzens ein gutmüthiger Bursche, ins Gesicht und sagte:

»Nun, Paul, mein Jüngelchen, ihr hängt den Kopf und seht unter Euch – blickt auf! der Verdruß bringt eine Katze um!«

Als er bemerkte, wie auch diese geeignete und ermuthigende Anführung aus der Naturgeschichte die Wolke auf Pauls Stirne nicht verminderte, ging der scharfsinnige Dummie Dummaker mit Einemmal zu dem großen, nach seiner tiefsinnigen Ansicht für alle Uebel unfehlbaren Heilmittel über. »Paul, mein Bürschchen,« sagte er mit einem vielsagenden Wink, indem er den jungen Mann am linken Arm faßte, »was sagt Ihr zu 'nem Schlückchen blauen Tod? oder da Ihr gern herrenmäßig duht, es kommt mir nicht darauf an, Euch ein Glas Porter hinzustellen.« Während Dummaker diese Einladung vorbrachte, durchzuckte plötzlich eine Erinnerung Pauls Seele; er besann sich mit Einemmale auf Mac Grawler, und er beschloß sofort, die Wohnung des erleuchteten Weisen aufzusuchen und wenigstens um eine Unterkunft für die nächste Nacht anzusuchen. Sobald er zu diesem Entschluß gekommen war, machte er sich von den Händen des zuthätigen Dummie los, lehnte mit vielen Danksagungen seine gastliche Einladung ab, und ersuchte ihn nur, aus dem Hause der Dame solche Sachen, wie Weißzeug und Kleider von Paul, welche während des Abendschlummers der Alten von dem listigen Dummaker leicht einmal konnten abgeführt werden, mitzunehmen und bei sich zu behalten, bis man sie ihm abfordere.

Der Händler versprach pünktliche Vollziehung des Auftrags; und Paul schüttelte ihm die Hand und begab sich nach der Behausung von Mac Grawler.

Wir müssen jetzt in dem natürlichen Verlauf unserer Erzählung einige Schritte rückwärts thun, und bemerken, daß unter den kleinen Ursachen, welche sich mit der Hauptsache, der Spielwuth, verschworen hatten, unsern trefflichen Paul in die gegenwärtige Lage zu versetzen, auch sein vertrautes Verhältniß zu Mac Grawler war. Als nemlich Pauls zunehmende Jahre und zügellose Lebensweise dem Unterricht des Weisen ein Ende gemacht hatten, wurden dadurch die Finanzen des Lehrmeisters um die Summe von wöchentlich zwei Schilling sechs Pfennige verkürzt, neben dem, daß die freie Benützung von Keller und Speisekammer der Dame, verloren ging; und wie denn vermöge eines in den Gefühlen eintretenden Wechsels und des verkehrten Laufs der menschlichen Dinge, die Leute gewöhnlich solche Handlungen am meisten bereuen, für welche sie einst den größten Eifer hegten: so warf sich jetzt die gute Mrs. Lobkins, im Wahne, Pauls unordentliches Leben rühre ganz von den Kenntnissen her, die er aus Mac Grawlers Unterweisung geschöpft, ihre frühere Thorheit vor, daß sie für ihren Pflegesohn eine vornehmere Erziehung gesucht habe; ja, sie schüttete sogar auf das heilige Haupt Mac Grawlers ihren Unmuth über die Folgen seines Unterrichts aus. So auch, wenn ein Mensch, der buchstabiren kann, gehängt wird, klagen die Erziehungsfeinde das Buchstabirbuch wegen seines Todes an. Heftige Worte zwischen der Bewundrerin unwissender Unschuld und dem Verbreiter wissenschaftlicher Aufklärung folgten und endeten zuletzt mit Mac Grawlers Ausstoßung aus dem Krug.

Es giebt heut zu Tage junge Gentlemen, eifrige Anhänger von Byron's Poesie und seinen neuen, auffallenden Reimen, welche sich ein Vergnügen daraus machen, uns gütig zu belehren, sie seyen zum Verderben aller Derer geboren, welche sie lieben; ein interessanter Fall, ohne Zweifel, den sie aber eben so gut für sich behalten könnten. Nach dem Inhalt dieses Kapitels könnte es scheinen, über Paul habe derselbe Unstern gewaltet. Die Verbannung Mac Grawlers, die Beleidigungen, die Dummie Dummaker erfahren – gleicherweise durch ihn veranlaßt, scheinen diese Meinung zu bestätigen. Unglücklicherweise war Paul, obgleich ein Poet, doch nicht sehr sentimental, und er hat nie in erbaulichen Klaggedichten seinen Schmerz über diese Unfälle verewigt. Aber bei Mac Grawler, so gut wie bei Dummaker, stand es fest: unser Held solle den Fluch seines Unsterns empfinden; und da er noch einigen Einfluß auf das Gemüth seines ehmaligen Zöglings behalten hatte, waren seine Anschuldigungen gegen Paul, als die Ursache seiner Verbannung, von einem großen Erfolge begleitet, als die Klagen Dummie Dummakers über einen verwandten Unfall. Paul, der, wie so viele Taugenichtse, das beste Herz hatte, war über Mac Grawlers Verbannung um seinetwillen, sehr bekümmert, und er suchte dafür durch solche Geldopfer, wie er sie zu leisten im Stande war, Buße zu thun. Mac Grawler, natürlich nur von dem wohlwollenden Wunsche geleitet, seine Gewissensbisse zu lindern, trug kein Bedenken sie anzunehmen, und auf diese Weise verschwor sich der tugendhafte Mac Grawler (so ähnlich sind sich oft die Wirkungen der Tugend und des Lasters) mit dem lockern langen Ned und dem herzlosen Henry Finish, die untröstliche Ebbe hervorzubringen, welche jetzt Pauls Taschen trocken legte.

Als unser Held langsam dem Wohnsitz des Weisen sich näherte, und von dessen Dankbarkeit und Freundschaft sich wenigstens für einige Zeit Dach und Fach versprach, zuckte einer jener leuchtenden Gedankenblitze, welche öfters den tiefsten Abgrund des Kummers erhellen, auf einmal durch seine Seele. Indem er sich das Bild des Kritikers vergegenwärtigte, erinnerte er sich, diese Zierde des Asinäums ordentliche Summen für seine kritischen Nachtarbeiten einnehmen gesehen zu haben.

»Ey,« dachte Paul, der diese Thatsache ergriff und in der Straße stehen blieb, »ey, sollt' ich nicht selbst ein Kritiker werden?«

Die einzige Person, der man nie eine Frage vorlegt, ohne einer befriedigenden Antwort im Voraus ziemlich gewiß zu seyn, ist – unser liebes Selbst! Sobald in Paul der lichte Gedanke aufgestiegen war, schien es ihm, als hätte er die Minen von Potosi entdeckt. Brennend vor Ungeduld, mit dem großen Mac Grawler die Ausführbarkeit seines Plans zu besprechen, beschleunigte er seinen Schritt beinahe zum Rennen und in wenigen Minuten, nachdem er blos einen Schornsteinfeger und zwei Apfelhändlerinnen, die am Wege saßen, über den Haufen gerannt, kam er an der Thüre des Weisen an.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.