Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeErstes Bändchen
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectidc716417b
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Die Fantasie verweilt, bezaubert ganz,
Zu schildern dieses Ortes Pracht und Glanz.

Das verödete Dorf.

Eine Beschreibung der frühesten Kinderjahre hat, wenn man nicht wirklich über Erziehung schreibt, wenig Anziehendes. Wir werden uns also nicht lange bei der Kindheit des mutterlosen Knaben aufhalten, welcher der Obhut von Mrs. Grete Lobkins, oder wie sie bisweilen im Vertrauen genannt wurde, Peggy oder Piggy Lob, überlassen blieb. Die gute Frau, welcher der Gewinn von einem Hause, das, wenn auch in einer uansehnlichen Gegend gelegen, sich doch eines weitverbreiteten und belohnenden Rufes erfreute, ein mehr als hinreichendes Einkommen abwarf und die eine einzelne Wittwe ohne Kinder und Vetter war, fühlte keine Versuchung ihr Wort gegen die Verstorbene zu brechen, und sie ließ den Knaben an Stärke und Verstand zulegen, bis er das Alter von zwölf Jahren erreicht hatte, in welcher Periode wir ihn denn jetzt wieder unsern Lesern vorstellen.

Der Knabe zeigte eine sehr kühne Gemüthsart und eine nicht unbeträchtliche Lebhaftigkeit des Verstandes. Alles, was er unternahm, glückte ihm rasch und eine auffallende Stärke der Glieder und Muskeln unterstützte trefflich die Aufforderungen eines Ehrgeizes, der, man muß gestehen, eher in körperlichen als geistigen Kraftäußerungen sich gefiel. Man darf indeß nicht voraussehen, daß sein Knabenleben in ununterbrochener Ruhe verlief. Obgleich Mrs. Lobkins im Ganzen eine gute Frau und ihrem Pflegling zugethan war, war sie doch von heftiger und roher Gemüthsart, oder wie sie selbst es schmeichelhafter ausdrückte: ihre Gefühle waren über die Maßen stark; und ein Wechsel von Zank und Versöhnung war die Hauptbeschäftigung in des Schützlings häuslichem Leben. Da, eh er der Obhut von Mrs. Lobkins untergeben ward, man ihn nie anders als: das Kind, benannt hatte, fiel die Obliegenheit, ihm einen christlichen Namen zu geben, auf unsere Wirthin vom Krug und nach einiger Ueberlegung beschenkte sie ihn mit dem Namen Paul – es war ein Name von glücklicher Vorbedeutung, denn er hatte dem Grosvater der Mrs. Lobkins gehört, welcher dreimal deportirt und zweimal gehängt worden war (das erstemal, da ihm letztgenannte Widerwärtigkeit begegnete, war er durch die Chirurgen wieder zu sich gebracht worden – zum großen Verdruß des jungen Anatomen, der die Ehre gehabt hätte, ihn zu zerschneiden). Der Knabe schien den ausgezeichneten Namen, den er trug, nicht verdienen zu wollen, denn er zeigte keine auffallende Vorliebe für fremdes Eigenthum. Ja, obgleich er zuweilen einem gelegentlichen Gaste im Kaffesaal der Mrs. Lobkins die Taschen leerte, so schien diese That doch mehr in einer Neigung zu lustigen Streichen als im Streben nach Gewinn ihren Grund zu haben; denn wenn der Geplünderte durch seinen Verlust, etwa eine Tabaksdose oder ein Taschentuch, oder der Art Bedürfnisse, hinlänglich gequält worden war; wenn er, zum heimlichen Jubel Pauls alle Ecken des Zimmers durchstöbert, sich geärgert und gestampft und sich durch seinen Verdruß den bittern Vorwürfen von Mrs. Lobkins ausgesetzt hatte, dann pflegte unser junger Freund ruhig und plötzlich es so zu richten, daß der vermißte Gegenstand freiwillig wieder in der Tasche sich einfand, aus der er verschwunden war. Und so geschah es, wie denn unsre Leser ohne Zweifel schon eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, wenn sie den Frieden einer ganzen Haushaltung wegen des Abhandenkommens eines tragbaren Schatzes störten, den sie selbst, wie sich nachher ausweist, verlegt hatten, so geschah es, daß das unglückliche Opfer von Pauls ehrlicher Schlauheit dem vereinigten Unwillen der Zuschauer preis gegeben und vom Ankläger zum Ueberwiesenen herabsinkend, insgeheim das unselige Schiksal verfluchte, das ihn nicht allein durch den Verlust seiner Habe ängstete, sondern ihm auch den noch größern Verdruß bereitete, sie wieder zu finden.

Ob nun Mrs. Lobkins bei Entdeckung dieser Streiche wegen eines künftigen Hangs zu der Geschicklichkeit, welche sie verriethen, zitterte, oder ob sie dachte, die Tollheit zu stehlen ohne Gewinn, erheische schleunige und beharrliche Abhülfe, können wir nicht entscheiden, aber die gute Frau wurde am Ende äußerst besorgt, Paul die Wohlthat einer anständigen Erziehung zu sichern. Den Schlüssel der Weisheit (die Kunst zu lesen) hatte sie wirklich schon zwei Jahre vor diesem Zeitpunkt ihm zu Theil werden lassen, aber damit ihr Gewissen bei weitem nicht befriedigt, ja sie fühlte, daß wenn sie ihm nicht auch Anleitung zum richtigen Gebrauch desselben könne geben lassen, es weiser gewesen wäre, dem Knaben einen Schlüssel ganz vorzuenthalten, mit dem er verkehrterweise in allen Schlössern wühlte, außer im rechten nicht. Mit einem Worte, sie wünschte sehnlich, ihm eine Erziehung geben zu lassen, weit höher als seine Umgebung sie hatte. Und da sie wie die meisten ungebildeten Leute, der Gelehrsamkeit einen zu großen Werth beilegte, schloß sie, um so anständig leben zu können als der Geistliche des Kirchspiels, brauche er nur ebensoviel Latein zu wissen.

Eines Abends besonders, als die Dame an ihrem behaglichen Feuer saß, beschäftigte dieser Gegenstand ihrer Besorgniß mit ungewöhnlicher Stärke ihr Gemüth und hin und wieder richtete sie einen unruhigen und rastlosen Blick auf Paul, der an der andern Ecke der Herdes auf einer Bank saß, eifrig beschäftigt, das Leben und die Abenteuer des berühmten Richard Turpin zu lesen. Die Bank, auf welcher der Knabe saß, war durch vielen Gebrauch ganz glatt und glänzend geworden, einige Stellen ausgenommen, wo ein kunstsinniger Müßiggänger oder sonst Jemand zu seiner Belustigung allerlei sonderbare Namen, Beinamen, Sprichwörter und sonstige Witze eingeschnitten hatte. Man hat gesagt, das Organ für das Schnitzeln in Holz werde vorzugsweise an den englischen Schädeln entdeckt, und der scharfsinnige Herr Crambe hat dieß Organ in den Hinterkopf verlegt, neben das für die Zerstörungslust, welches bei unsern Landsleuten eben so groß ist, wie man dieß an allen Geländern, Sitzen, Tempeln und sonstigen Gegenständen sehen kann, die andern Leuten gehören.

Der Feuerstätte gegenüber war ein großer tannener Tisch, an dem Dummie, genannt Dummaker, der Dame des Hauses zunächst sitzend, ruhig über einem Glas Holländerschnaps und Wasser hindämmerte. Weiter hin, an einem andern Tisch in der Ecke des Zimmers schmauchte ein Herr mit einer rothen Perüke, in abgetragenen Kleidern und Weißzeug, das aussah, als ob es in Saffran gekocht worden wäre, seine Pfeife, abgesondert, schweigend und offenbar in tiefes Nachdenken versunken. Dieser Herr war kein Anderer, als Herr Peter Mac Grawler, der Herausgeber einer prachtvollen periodischen Zeitschrift, das Asinäum betitelt, welche geschrieben wurde, um zu beweisen, daß was immer populär ist, schlecht seyn muß, eine schätzbare, tiefliegende Wahrheit, welche das Asinäum befriedigend dargethan, indem es drei Drucker zu Grunde gerichtet und einem Buchhändler den Hals gebrochen. Wir brauchen nicht beizusetzen, daß Herr Mac Grawler von Geburt ein Schotte war, da wir als allgemein bekannt voraussetzen, daß alle periodischen Schriften dieses Landes seit undenklichen Zeiten das Monopol der Herren von dem Lande der Kuchen gewesen sind; – wir wissen nicht, wie man es in Schottland mit dem Essen gemeldeter Kuchen hält; aber hier scheinen die guten Fremdlinge sie auf beiden Seiten sorgfältig mit Buttertaig belegt zu lieben. Zur Seite des Herausgebers stand ein großer zinnerner Deckelkrug; über ihm hieng eine Abbildung des »wundervoll fetten Ebers, früher dem Herrn Fattem Viehmäster angehörig.« Zu seiner Linken erhob sich das braune Gehäuse einer schmalen, stehenden Uhr mit eichenem Kasten; unter der Uhr waren ein Bratspieß und eine Büchse neben einander an die Wand angelehnt. Unter diesen Zwillings-Emblemen des Kriegs und der Kochkunst waren vier Ständer, Zinn- und Steingutplatten enthalten, und Centauren, artig in eine Art von Küchentisch auslaufend. Auf der andern Seite dieser häuslichen Bequemlichkeiten war ein Gemälde von Mrs. Lobkins, in einem Scharlachkleid mit Hut und Federn. Im Rücken der schönen Wirthin war die Decke ausgespannt, die schon früher erwähnt wurde. Die einförmige Fläche dieses kunstlosen Schutzmittels zu heben, waren verschiedene Balladen und gelehrte Legenden an der Decke angeheftet. Da konnte man in pathetischen und schmucklosen Versen lesen, wie

»Sally liebt' nen Matrosenknab',
der focht mit dem grimmen Shovel.«

Da konnte man, wenn man zwei so belehrende Thatsachen zuvor nicht gewußt hatte, lernen:

»Ben der Seiler liebte die Flaschen,
Charley liebte allein die Mädchen!«

Wenn man von diesen und verschiedenen andern poetischen Ergießungen einigermaßen ermüdet war, boten literarische Fragmente in bescheidner Prosa gleiche Erbauung und Ergötzlichkeit. Da konnte man sich volle Aufklärung verschaffen über die »Seltsame und wunderbare Geschichte von Kensington, enthaltend eine vollständige und wahrhafte Erzählung, wie eine Maid muß von einem bösen Geist am Mittwoch den 15. April dieses Jahrs entführt worden seyn. Da war auch, nicht minder anziehend und wahrhaft, die außerordentliche Geschichte – anlangend den Fürsten gewaltiger Mächte, betitelt: der Teuffel von Maskon, oder wahrer Bericht von dem Hauptsächlichsten, was ein unsaubrer Geist gethan und gesagt in Maskon in Burgund, im Haus eines sichern Herr Francis Perraud, jetzt englisch wiedergegeben von Einem, der genaue Kenntnis von der Wahrheit dieser Geschichte hat.«

Diese Beiträge zu einer Geschichte des Satanas waren aber nicht die einzigen prosaischen und glaubwürdigen Urkunden, welche die literarisch reiche Decke darbot; ebenso wunderbar und ebenso unbestreitbar war die Geschichte »von einer jungen Dame, einer Herzogstochter, mit drei Beinen und einem Stachelschweingesicht.« Ebenso »das gräßliche Strafgericht Gottes an Fluchern, dargethan am Beispiel von John Stiles, der todt niedersank, nachdem er einen großen Fluch gethan,; und als man ihn entkleidete, fand man am Saum seines Hemdes geschrieben: Du sollst nicht fluchen!« Zweimal hatte Mrs. Lobkins einen langen Seufzer ausgestoßen, als ihr Auge von Paul auf die ruhige Miene von Dummie Dummaker sich lenkte; jetzt setzte sie sich in ihrem Stuhle zurecht, eine mütterliche Besorgniß überflog ihr Gesicht und sie sagte: »Paul, kleiner Schelm, was hascht da für 'n kauderwelsch Buch?«

»Turpin, der große Hochstraßenmann!« antwortete der junge Student, ohne das Auge von dem Blatt aufzuschlagen, durch das er sich eben in seiner belehrenden Lektüre durchbuchstabirte.

»O, das ist ein Bursch von gutem Schrot und Korn, Frau!« sagte Herr Dummaker, indem er seine Pfeife an ein brennendes Stück Papier hielt, »der reitet gewiß noch ein Roß, das der Zimmermann aufzäumt, dafür steh ich!«

Auf diese Profezeihung antwortete die Frau nur mit einem Blick der Entrüstung, sie rückte in ihrem großen Stuhl hin und her und blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken. Zuletzt faßte sie wieder nachdenklich den hoffnungsvollen Knaben ins Auge, rief ihn zu sich her und ertheilte ihm ganz leise flüsternd einen Auftrag. Paul verschwand, sobald er ihn angehört, hinter der Decke und kehrte sofort wieder mit einer Flasche und einem Weinglas zurück. Mit zerstreuter Geberde und einem Ausdruck, der von fortdauerndem Nachsinnen zeugte, nahm die gute Frau die ermuthigende Herzstärkung aus der Hand des jugendlichen Schenken,

Und eh ein Mann vermocht zu sagen:
Sieh! Hatt' es verschlungen der Frau Lobkins Schlund;
So rasch naht großen Dingen das Verderben.

Der Nektartrank schien das System der Matrone wohlthätig zu durchdringen, sie legte ihre Hand auf den Lockenkopf des Knaben und sagte (wie Andromache δαχσυοεν γελασασα, oder wie Skott es ausdrückt: auf der Wang' ein Lächeln, im Auge die Thrän!)

»Paul, Dein Herz ischt gut! Dein Kopf ischt gut, hascht keinen Dropfen vom Gedränk verschüddet! Sag mir, mein Herzblädchen, warum hast den Tom Tobyson gezaust?«

»Weil,« antwortete Paul, »er sagte, man hätte Euch längst hängen sollen!«

»Tom Tobyson ist ein Taugenichts,« versetzte die Dame, »und verdient mit dem Tauende drakdirt zu werden, aber, o mein Junge, sey nicht zu keck wegen einem Weib mit dem Brügel darein zu fahren. S'ischt das Verderben von vielen Männern vor Dir gewesen, und wenn zwei Mannsbilder über einem Weib Händel anfangen, kennen sie erst das Ding nicht einmal, um das sie hadern; denk' an Dein Ende, Paul, und ehre die Alden, und kümmre Dich nicht drum, was sie gewesen sind, eh sie zu Jahren kommen sind; hol mir doch meine Pfeife, Paul, sie ist droben unter dem Kopfkissen.« Während Paul diese Sendung erfüllte, sagte die Besitzerin des Krugs, ihr Auge auf Herrn Dummaker heftend: »Dummie, Dummie, wenn der kleine Paul einmal an die Nille käme!«

»Pscht!« zischelte Dummie, über die Schulter nach Mac Grawler blickend, »könnde seyn d'r Herr da,« hier blieb seine Stimme selbst für Mrs. Lobkins kaum noch verständlich; aber sein Geflüster schien eine Warnung auszudrücken, der erleuchtete Herausgeber des Asinäums möchte entweder ein Kundschafter seyn, oder doch ein solcher Held, bei welchen sich ein Kundschafter Raths erholt.

Die Antwort der Mrs. Lobkins, in gleich leisem Tone ertheilt, schien Dummaker zu befriedigen, denn mit einem sehr verächtlichen Blick warf er den Kopf in die Höhe und sagte: »Oho das ischt Alles – Alles!«

Hier erschien Paul wieder mit der Pfeife und die Dame, nachdem sie die Mündung gestopft, beugte sich vor und zündete das virginische Kraut an Dummakers Pfeife an. Wie bei diesem wichtigen Geschäft sich die Häupter der Wirthin und des Gastes einander so näherten und das glimmende Licht anmuthig auf beiden Gesichtern spielte – da war es ein Gemälde von so ehrlicher Einfalt, daß es des kecken und lebhaften Genius eines Cruikshank würdig gewesen wäre. Sobald der prometheische Funke sich dem Pfeifenkopfe der Dame ganz mitgetheilt hatte, wiederholte Mrs. Lobkins, noch von dem düstern Gedanken beherrscht, den sie heraufbeschworen hatte: »Ach Dummie, wenn der kleine Paul an die Nille käme!« Dummie nahm die Pfeife vom Mund, blies teilnehmend den Rauch hervor, blieb aber still und Mrs. Lobkins, zu Paul gewendet, der mit offnem Munde und gespitzten Ohren bei diesem ahnungsvollen Ausruf dastand, sagte:

»Meinscht Paul, sie haben 's Herz, Dich zu hängen?«

»Ich mein', sie haben den Strick dazu, Frau!« versetzte der Junge.

»Aber Du brauchscht Deinen Kragen nicht selbscht in die Schlinge neinzustrecken!« sagte die Matrone und dann, von einem Predigergeist ergriffen, wandte sie sich zu dem Knaben, beschaute seine aufmerksame Miene und richtete folgende Ermahnungen an ihn:

»Denk immer an Deinen Kaddekismus, Kind, und ehre das Alder. Stehle nie, sonderlich wenn Jemand um den Weg ist. Mach nie gemeine Sache mit Aelderen als Du bischt, warum, darum, weil je älder ein Bursch ischt, deschdo mehr denkt er an sich selbscht und deschdo weniger an seine Gesellen. Mit zwanzig Jahren erholen wir uns am gemeinen Wesen, mit vierzig an unsern alden Kameraden. Sey bescheiden, Paul! und strecke Dich nach der Decke im Leben. Geh nicht mit ausgemachden Eisenfressern, die auflodern wie eine Kerze mit einem Räuber dran! da ischt nix als ein bischen Flimmer und verschwindet Alles mit Einem Aufflackern. Laß den Schnaps den Alden, die nicht mehr darohne seyn können. Der Zapfen wird oft zum Galgen, und da ischt kein Verderben so schlimm wie das blaue Verderben. Lies Deine Bibel und sprich wie ein Petischt; die Leute gehn mehr nach Deinen Redensarten als nach dem, was Du duscht. Wenn Du etwas nöthig hascht, was nicht Dein ist, probir's und behilf Dich darohne, und wenn Du's nicht kannscht, so nimm's in Gutem und nicht im Sturm. Die welche schuppen> richten mehr aus und riskiren weniger, als die Strahlekehren und wenn Du mit Anstand betrügscht, kannst Du über den unanständigen Ständer lachen. Jetzt geh und schbiel!« Paul nahm seinen Hut, zögerte aber noch, und die Frau, welche die Bedeutung dieses Aufenthalts errieth, erhob sich und gab dem Knaben die Summe von fünf Halbpfennigen und einen Heller in die Hand. »Da Junge,« sagte sie und schüttelte ihm unter ihren Worten freundlich den Kopf, »Du hascht Recht, daß Du nicht um Nix schbielen willst; 's ischt nur Zeitverderb! aber schbiel mit Kleineren als Du bist, die kannscht Du dann brügeln, wenn sie sagen, Du brellescht sie!«

Paul verschwand und die Frau sagte: die Hand auf Dummie's Schulter gelegt:

»Es geht nix über einen Freund in der Nohd, Dummie; und so oder so, ich mein immer, Ihr wißt mehr von der Herkunft des Buben da, als irgend wer von uns.«

»Ich, Frau!« rief Dummie aus, mit dem glozenden Blick des Erstaunens.

»Ja, Ihr! Ihr wißt ja, wie die Mudder Euch vor ihrem Sterben mehr sah, als Jemand von uns. Frisch heraus jetzt, frisch heraus! sagt nur Alles wie's damit ischt. Hat sie 'n geschdohlen, was meint Ihr?«

»Seht, Mudder Grete, meint Ihr, ich weiß? Wie setzt Ihr Euch solche Schnaken in Kobf?«

»Nun,« sagte die Frau mit einem mißmuthigen Seufzer, »ich hab immer gedacht, Ihr wißt mehr davon, als Ihr gesteht. Wahrlich, wahrlich, ich werde die Nacht meine Lebtage nicht vergessen, wo Judith das arme Geschöbf herbrachte; Ihr wißt, sie war einige Monade vorher in meinem Haus gewesen, eh ich den kleinen Schelm zu sehen bekam, und als sie ihn brachde, sah sie so blaß und gespenstermäßig aus, daß ich nicht's Herz hadde, ein Wort zu sagen; so stierde ich nur den Jungen an, und er streckte seine zwei Däubchen nach mir aus. Und die Mudder runzelde die Stirn darüber und stieß ihn in meinen Schooß.«

»Ha, es war eine geplagte unheimliche Frau, die!« sagte Dummie und schüttelte den Kopf. »Aber wie's auch sich verhält, der kleine Kobold fiel in gute Hände; denn ich bin gewiß, Ihr seyd eine bessere Mudder für ihn als seine rechte.«

»Ich war immer ein Narr mit Kindern,« versetzte Mrs. Lobkins, »und ich denke der kleine Paul sey mir als ein Trost für meine letzten Dage zugeschickt – schenkt ein, Dummie!«

»Ich hab gehört, Judith sey einmal mit einem vornehmen Herrn verhängt gewesen,« sagte Dummie.

»Wohl möglich!« versetzte Mrs. Lobkins, »wohl möglich! sie war immer wohl dran bei mir, denn sie hatte einen Geischd, so stattlich wie ich selbscht, und sie zahlde ihre Miehde wie eine honnedde Person, zu dem daß sie aus dem Häuschen war oder so nicht bei Troscht.«

»Ha ich weiß, wie gern Ihr sie haddet – warum, darum – Ihr habt sonst nicht im Brauch, Weibsleuden eine Stube einzuräumen. Ihr sagt, es sey nicht respekdabel, und Ihr seht's nur gern, wenn Männer den Krug besuchen.«

»Und ich seh' nicht einmal Alle gern, die herkommen,« antwortete die Frau, »sonderlich um Pauls willen, aber was kann ein Weib allein duhn? Kommen da viele von den Herrn Hochstraßenmännern her, deren Geld so gut ist als des Pfarrers vom Sprengel seins. Und wenn ein Fuchs in meiner Hand ischt, was schiert mich's, in wessen Hand er vorher gewesen ischt?«

»Das nenn' ich einmal ressenabel und vernünftig gesprochen,« sagte Dummie beistimmend. Und Alles zusammengenommen, obgleich Ihr da eine kunderbunde Sippschaft habt, weiß ich doch kein Bierhaus, wo sich ein Gast besser underhält und keinen Sonndagsort, wo man noblere Combanie trifft, als im Krug?«

Hier erlitt die Unterhaltung, die, wie man wissen muß, so leise geführt worden, daß ein Dritter nichts davon hören konnte, eine Unterbrechung durch Herrn Peter Mac Grawler, der, nachdem er mit seinem Nachsinnen und seinem Deckelkrug fertig war, jetzt aufstand um wegzugehen. Zuerst jedoch näherte er sich der Mrs. Lobkins, bemerkte, er sey einige Tage schuldig geblieben und verlangte den Betrag seiner Rechnung zu wissen. Nach einem Seitenblick auf einige Hieroglyfen von Kreide, die auf der dem Kamin entgegengesetzten Seite an der Wand angeschrieben waren, antwortete die Hausfrau, Herr Mac Grawler schulde ihr die Summe von 1 Schilling, 9 Pfennige, 3 Heller.

Nach einem kurzen vorgängigen Suchen in seinen Westentaschen erhaschte der Critiker in einer Ecke eine einsame halbe Krone, die er zwischen Zeigefinger und Daumen faßte und der Mrs. Lobkins, mit der Bitte, sie zu wechseln, reichte.

Sobald die Matrone ihre Hand mit dem gesalbt fühlte, was irgend ein sinnreicher Jünger von St. Giles PalmölOil of palms, heißt zugleich Oel von Palmen und Oel der Hände. genannt hat, erheiterte sich ihre Miene zu einem anmuthigen Lächeln, und als sie dem Herrn Mac Grawler die verlangte Münze gab, drückte sie höflich ihre Hoffnung aus, er werde den Krug dem Publikum empfehlen.

»Darauf können Sie sich verlassen,« sagte der Herausgeber des Asinäum. »Es gibt keinen Ort wo ich mich so heimisch fühle.«

Damit knöpfte der gelehrte Schotte seinen Rock zu und gieng seines Wegs.

»Wie doch die Welt so neidisch und bissig ist!« sagte Mrs. Lobkins nach einer Weile, »besonders wenn eine Frau vornehme Leude zur Kundschaft hat. Als Judith starb, sagte Jon der Hundemetzger, es sey ein Glück für mich und sie hab' mir einen Schatz hinderlassen, um den kleinen Igel groß zu ziehen. Man sollte glauben, ein Buff mache einen Menschen reicher – warum, darum, Jederman bufft Einen. Ich bekam nichts als eine Uhr und 10 Guineen, wie Judith starb, und sicherlich! das reichde kaum zum Begräbniß.«

»Ihr vegeßt die zwei Goldsvögel, die ich Euch für die alte Kischde mit Lumben gab – einen grosen Schah fand ich da!« sagte Dummie mit sykofantischem Muthwillen.

»Ja!« rief das Weib lachend, ich bilde mir's ein, Ihr wart nicht sonderlich zufrieden mit dem Kauf. Ich dachte, Ihr wäret ein zu alder Trödler, um Euch mit dem Plunder so weit einzulassen; sey's wie es wolle, ich denk es war der Rock von Goldbrokat, der Euch so in die Augen stach.«

»Wie's manchem klügern Mann gieng als meinesgleichen,« versezte Dummie, der neben seinen geheimen Gewerben das ostensible eines Kleidertrödlers und Händlers mit zerbrochenem Glas trieb. Die Erinnerung an ihren guten Handel mit der Lumpenkiste öffnete der Wirthin das Herz.

»Trinkt, Dummie,« sagte sie in guter Laune, »trinkt! ich würde mich schämen, das einem guhden Freund anzukreiden.«

Dummie drückte seine Dankbarkeit aus, füllte sein Glas wieder und die gastfreie Matrone, aus ihrer Pfeife die todte Asche ausklopfend, fuhr folgermaßen fort:

»Ihr seht, Dummie, obgleich ich den Knaben oft bläue, hab ich ihn doch so gern, als wär' ich seine rechte Mudder. Ich möcht' ihn wohl zu einer Ehre für sein Land und einer Ribbudazion für meine Familie machen!«

»Die sämmtlich die Zähne fletschte in Surgeonshall!« bemerkte der in der Bildersprache starke Dummie.

»Wahr!« sagte die Frau – »sie starben luschdig, und ich schäme mich ihrer nicht. Aber ich bin Pauls Mutter eine Pflicht schuldig und ich wünsche Paul ein langes Leben. Ich würde ihn in die Schule schicken, aber Ihr wißt, wie die Buben nur einer den andern verderben. Und so möcht' ich einen anständigen Mann zum Lehrmeischder für ihn, daß er den Jungen ladeinisch und gude Lebensart lehrt.«

»Ei der Dausend!« rief Dummie ganz verdutzt über diese gigantischen Entwürfe.

»Der Bub' hat Grüß genug und liebt das gelehrde Wesen,« fuhr die Alte fort. »Aber ich glaube, die Bücher; die er jetzt in den Händen hat, führen ihn nicht den Weg zum langen Leben.«

»Und wie kam er denn aufs Lesen?«

»Der hitzige Rob, der herumziehende Schauschbieler, zeigte ihm die Buchstaben und sagde, er habe viel von einem Schenie.«

»Und warum kann nicht der hitzige Rob dem Buben ladeinisch und gute Lebensart beibringen?«

»Weil der hitzige Rob, der arme Kerl, wegen einer Chaßne übers Wasser gegangen ist«! antwortete die Matrone niedergeschlagen.

Nun trat ein langes Schweigen ein; Dummie brach es endlich; der Ehrenmann schlug sich mit der bedeutungsvollen Heftigkeit eines Ugo Foscolo an den Schenkel und rief aus:

»Ich hab's; der Lehrmeischder für den kleinen Paul ischt gefunden!«

»Wer denn? Ihr macht mich ganz bestürzt und denkt gar nicht an meine Nerfen,« sagte das Weib verstört.

»Nun, der Herr da, der schreiben duht,« sagte Dummie, den Zeigefinger an die Nase legend, »der Herr da, der Euch so blank bezahlt hat.«

»Was! der schottische Herr?«

»Eben der,« erwiederte Dummie.

Die Dame bewegte sich unruhig auf ihrem Sessel und füllte ihre Pfeife wieder. Ihr ganzes Benehmen zeigte deutlich, daß Dummie's Vorschlag einen Eindruck auf sie gemacht hatte. Aber sie hegte zwei Zweifel wegen seiner Thunlichkeit: erstlich, ob der in Vorschlag gebrachte Ehrenmann der Aufgabe gewachsen, und zweitens, ob er geneigt sey, sich der Sache zu unterziehen.

Mitten in ihren Gedanken über diese Sache, wurde die Frau durch den Eintritt von Leuten unterbrochen, die ihre wirthliche Sorge in Anspruch nahmen, und da Dummie bald nachher aufbrach, so blieb die Ungewißheit im Gemüthe der Frau Lobkins, die Erziehung des kleinen Paul betreffend, den ganzen Tag und die ganze Nacht unerledigt.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.