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Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeViertes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid894c510c
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Räuber. Steht, Sir! und werft hin was Ihr bei Euch habt.

Valentin. Halt Schurken, laßt ab von diesem rohen Beginnen.

Die beiden Veroneser.

Nachdem er den Schauplatz, wo er ein so unwillkommener Gast gewesen, verlassen, eilte Clifford in die kleine Herberge, wo sein Pferd geblieben war. Er stieg auf und ritt heim nach Bath. Seine Gedanken waren zerstreut und er ließ bewußtlos sein Pferd hingehen, wo es wollte. Das Thier strebte natürlich dem nächsten Quartier zu, dessen es sich erinnerte und dieß Quartier war in der glänzenden Herberge in der Vorstadt von Bath, worin, wie wir oben erzählten, Cliffords Wiedererwählung zum Oberhaupt Statt gefunden hatte. Es war ein Haus von längst gegründetem Ruf, und hier konnte man immer von jedem der abwesenden Verbündeten Nachrichten einziehen. Dieser Umstand, verbunden mit der Vortrefflichkeit seiner Getränke, seiner Behaglichkeit und die elektrische Kette früherer Gewohnheit machten es zum Lieblingsplatz von Tomlinson und Pepper, trotz ihrer dermaligen galanten und modischen Lebensweise; und hier war Clifford, wenn er das Paar zu einer ungewöhnlichen Stunde aufsuchte, meist sicher sie zu finden. Als Cliffords Betrachtungen durch das plötzliche Halten des Thiers vor dem wohlbekannten Schilde unterbrochen wurden, stieß er eine unnöthige Verwünschung gegen dasselbe aus und trieb es mit den Sporen an, seinem eignen Hause zu. Schon hatte er das Ende der Straße erreicht, als sein Entschluß sich zu ändern schien; und bei sich selbst murmelnd: »Ja, ich könnte gleich in dieser Nacht noch unsre Abreise bewerkstelligen!« wandte er sein Pferd um und ritt wieder vor die Wirthshausthüre. Er warf den Zaum über ein eisernes Gitter, klapte mit einem eigenthümlichen Laut an die Thüre und ward alsbald eingelassen.

»Sind – – und – – hier?« fragte er das alte Weib, als er eintrat und nannte die Spitznamen, unter welchen Tomlinson und Pepper bei ihren Freunden bekannt waren. »Sie sind beide heut Nacht auf den Strich gegangen,« versetzte die alte Wirthin, und leuchtete mit schlauer Miene dem Fragenden mit ihrer trüb brennenden Kerze ins Gesicht. »Oliver ist schlafen gegangen und die Burschen wollen sein Nicken benützen.«

»Meint Ihr,« antwortete Clifford in derselben Mundart, welche wir zu übersetzen uns die Freiheit nehmen, »sie seyen wirklich auf ein Abenteuer aus?«

»Sicherlich!« versetzte das Weib. »Wer nur auf der Landstraße herumtrentelt, dem fehlt am Ende das Geld zum Abendessen.«

»Ha, auf welcher Straße?«

»Ihr seyd ein prächtiger Kerl zu einem Hauptmann!« versetzte die Wirthin, mit gutmüthigem Sarkasmus in ihrem Ton. »Ach, der Hauptmann Gloak, der arme Teufel, der wußte jeden Schritt und Tritt seiner Leute aufs Haar und brauchte nie zu fragen, was sie treiben? Ja, das war ein Kerl! Kein so zimperliches Milchsuppengesicht, das sich in Fräulein verliebt; fürwahr – ein hübsches Weibsbild durfte sich nicht lang nach einem Kuß umsehen, wenn er im Zimmer war, war auch ihr Rock nicht der feinste; das muß wahr seyn! und seht nur, der Hauptmann war ein vernünftiger Mann und hatte eine Kuh so gern wie ein Kalb.«

»So, so auf der Landstraße sind sie?« rief Clifford in tiefem Sinnen und ohne den beabsichtigten Angriff auf seine Sittsamkeit zu beachten.

»Aber gebt eine Antwort – was ist der Anschlag? beeilt Euch!«

»Nun,« erwiederte das Weib, »ein vornehmer Kerl von Lord gibt heute einen Schlampamp, und die Bursche, die guten Seelen, denken einige Nachzügler abzufangen.«

Ohne ein Wort zu erwiedern stürmte Clifford aus dem Hause, und saß wieder zu Pferd, ehe die alte Wirthin Zeit hatte sich von ihrem Erstaunen zu erholen.

»Wenn Ihr sie sehen wollt',« rief sie ihm nach, als er seinem Pferd die Sporen gab, »sie gaben mir auf ein Nachtessen bereit zu halten, um – – « der Hufschlag des Pferdes verschlang die letzten Worte und sorgfältig die Thüre wieder verriegelnd und eine gehässige Vergleichung zwischen Hauptmann Clifford und Hauptmann Gloak vor sich her brummend, kehrte die gute Wirthin wieder zu den Küchengeschäften zurück, welche die Labsale für Tomlinsons und Peppers Herz zurüsten sollten.

Kehren wir selbst zu Lucie zurück. Es traf sich, daß der Wagen des Squire zuletzt ankam; denn sein Kutscher, der unter den Schatten von Warlock lang in die Zerstreuungen des fashionabeln Lebens uneingeweiht geblieben, vertiefte sich bei seinem ersten Auftreten in Bath mit all der lebhaften Hitze gereifter Leidenschaften, die zum erstenmal entfesselt werden, in das fröhliche Treiben des Alehauses; und da er einen mildern Herrn hatte als die meisten seiner Kameraden, so war in seiner Wagenlenkersbrust die Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht so stark als seine Neigung zur Geselligkeit; so daß während dieser Ehrenmann sich gütlich that, Lucie volle Muße hatte, all die tausend und eine Erzählungen von dem Auftritt zwischen Mauleverer und Clifford durchzukosten, womit ihr Ohr bewirthet ward. Demungeachtet, was auch ihre Empfindungen bei diesen artigen Erzählungen seyn mochten: ein gewisses unbestimmtes Freudengefühl trat siegreich über alle hervor. Ein Mann fühlt sich verhältnismäßig nur wenig beglückt, wenn er geliebt wird, falls diese Liebe hoffnungslos ist; Aber dem Weibe ist dieses einfache Bewußtseyn genug um das Andenken an tausend Trübsale zu vernichten, und erst, wenn sie ihrem Herzen tausend und aber tausendmal vorerzählt hat, daß sie geliebt werde, wird sie auch anfangen zu fragen, ob diese Liebe hoffnungslos sey.

Zum Theil waren am Himmel die Sterne sichtbar, aber die Nacht war dämmernd und finster, denn der Mond war in den letzten paar Stunden von Nebel und Gewölk überzogen worden, als endlich der Wagen ankam, und Mauleverer, zum zweitenmal an diesem Abend den Geleitsmann spielend, Lucien zu ihrem Fuhrwerk begleitete. Begierig zu erfahren, ob sie Clifford gesehen habe, oder von ihm angeredet worden sey, verbreitete sich der feine Graf, als er sie ans Thor führte, ganz besonders über die Aufdringlichkeit dieses Menschen, und aus dem Zittern der Hand, die auf seinem Arm ruhte; zog er kein sehr tröstliches Vorzeichen für seine Hoffnungen. »Indeß,« dachte er, »der Mann geht ja morgen, und dann ist das Feld rein; das Mädchen ist noch ein Kind und ich verzeih' ihr die Thorheit.« Und mit dem Anstand ritterlicher Verehrung machte Mauleverer gegen die von ihm Begnadigte seine Verbeugungen noch in den Wagen hinein.

Sobald Lucie sich mit ihrem Vater allein sah machten sich die so lang in ihr verschlossenen Bewegungen gewaltsam Luft; sie lehnte sich in dem Wagen zurück und weinte, obwohl schweigend, Thränen, brennende Thränen der Sorge, der Wonne, der Erschütterung und der Bangigkeit. Der gute alte Squire merkte erst spät die Gemüthsbewegung seiner Tochter; sie wäre ihm ganz entgangen, hätte er nicht in Folge einer zärtlichen Aufwallung des Herzens gegen sie, welche ihren Grund in der frischen Ahnung ihrer Liebe zu Clifford hatte, den Arm um ihren Hals geschlungen. Diese unerwartete Liebkosung ergriff Luciens Nerven so, daß sie sich an ihres Vaters Brust warf, und ihr Weinen, bisher so ruhig, laut und hörbar wurde.

»Tröste dich, mein liebes, liebes Kind!« sagte der Squire, beinahe selbst bis zu Thränen gerührt und seine Bewegung, die ihn aus seiner gewöhnlichen geistigen Dumpfheit aufrüttelte, machte auch seine Worte weniger verwickelt und zweideutig als sie sonst zu seyn pflegten. »Und nun hoffe ich, du werdest dich nicht selbst quälen; der junge Mann ist in der That – und ich versichre dich, das war immer meine Ansicht – ein sehr artiger Gentleman, das ist gar keine Frage. Aber was können wir machen? du hörtest, was Alle von ihm sagen und es war, das müssen wir zugeben, sehr unschicklich von ihm, zu kommen, ohne eingeladen zu seyn. Zudem, mein liebstes Kind, ist es sehr schlimm, sehr schlimm, Einen zu lieben und nicht wissen, Wer er ist; und – und – aber schluchze nicht so, meine Liebe, schluchze nicht so! Alles wird noch gut werden, glaub' ich gewiß, ganz gewiß!

Mit diesen Worten drückte der gute alte Mann seine Tochter enger an sich und als er mit der Hand auf etwas stieß, das sie verdeckt an sich trug, fragte er, mit einigem Verdacht, die Liebe möchte schon bis zu Liebesgeschenken vorgeschritten seyn, was es sey?

»Es ist meiner Mutter Bild,« sagte Lucie unbefangen und schob es bei Seite.

Der alte Squire hatte seine Gattin zärtlich geliebt und als Lucie ihm diese Antwort gab, lebten all die zärtlichen und warmen Erinnerungen aus seiner Jugendzeit in ihm auf; zudem bedachte er, wie ernstlich diese Frau auf ihrem Sterbebette seinem wachsamen Auge ihr einziges Kind empfohlen habe, das jetzt an seiner Brust weinte; er erinnerte sich, wie sie ihm, von dem sprechend, was allen Frauen als die große Epoche des Lebens erscheint, gesagt hatte: »Nie laß mit ihrer Neigung spielen! nie laß dich durch deinen ehrgeitzigen Bruder überreden, sie zum Heirathen zu veranlassen, wenn sie nicht liebt, oder ihr, ohne die triftigsten Gründe, entgegen zu seyn, wenn sie liebt; obgleich sie noch ein zartes Kind ist, kenne ich sie doch schon genug, um überzeugt zu seyn, daß wenn sie einmal liebt, ihre Liebe zu stark seyn wird, um sie glücklich zu machen, wenn sich auch Alles zu ihren Gunsten gestaltet.« Diese Worte, diese Erinnerungen, verbunden mit dem Gedanken an den kaltherzigen Plan William Brandons, den zu begünstigen er selbst eingewilligt hatte, und seine eigene Gleichgültigkeit bei Luciens aufkeimender Neigung für Clifford, bis die Bekämpfung nothwendig aber zugleich zu spät war – Alles dieß peinigte sein Herz mit nagenden Sorgen und selbst laut schluchzend sagte er: »deine Mutter, Kind! ach daß sie noch lebte! sie würde dich nie so vernachläßigt haben, wie ich that!«

Die Selbstanklagen des Squire stillten Luciens Thränen für den Augenblick; sie bedeckte ihres Vaters Hand mit Küssen, und antwortete nur mit heftigen Vorwürfen gegen sich selbst, und Lobpreisungen seiner allzugroßen väterlichen Güte und Zärtlichkeit. Dieser kleine Ausbruch von redlicher und einfacher Liebe auf beiden Seiten endigte mit einem Schweigen voll zärtlicher und vermischter Gedanken; und als Lucie noch an die Brust des alten Mannes sich schmiegte, der doch von sonderbarer Gemüthsart, im Verstand sogar weniger als mittelmäßig und überhaupt eine Person war, die nach Alter, Geist und Neigungen zum Vertrauten der Liebe eines jungen, enthusiastischen Mädchens am allerwenigsten geeignet schien: da fühlte sie die alte, einleuchtende Wahrheit, daß es wenige Menschen gibt, in dieser falschen Welt, auf die man sich in allem Mißgeschick so ruhig verlassen kann, wenige, die das Vertrauen so zartfühlend und gewissenhaft ehren, wie diejenigen, welchen wir das Daseyn verdanken.

Vater und Tochter hatten einige Minuten geschwiegen und jener war eben im Begriff zu sprechen, als der Wagen plötzlich hielt. Der Squire hörte eine rauhe Stimme vorne bei den Pferden; er schaute zum Fenster hinaus, um durch den Nachtnebel hindurch zu sehen, was es denn seyn könne und er begegnete bei dieser Bestrebung, dem vorgehaltenen, blanken Lauf einer Sattelpistole gerade einen Zoll von seiner Stirne entfernt. Ohne einen Zweifel an seinem Muthe dürfen wir wohl glauben, daß Herr Brandon sich mit aller möglichen Behendigkeit wieder in den Wagen zurückzog und im nemlichen Augenblick ward die Thüre geöffnet und eine nicht drohende, sondern sanfte Stimme sagte: »Meine Damen und Herrn, es thut mir leid, Sie zu stören, aber die Noth ist gebietrisch! Geben Sie mir gefälligst Ihr Geld, Uhren, Ringe und andere kleine Bequemlichkeiten ähnlicher Art!«

Einer so anständigen Bitte hatte der Squire nicht das Herz zu widerstehen, um so mehr da er sich ohne Waffen zur Vertheidigung sah. Er zog also eine, man muß gestehen, nicht sehr volle Börse nebst einer ungeheuer großen Jagd-Uhr an einem blauen Band heraus und sagte brummend: »Hier Sir! erschreckt die junge Dame nicht!« Der höfliche Bittsteller, in der That kein andrer Mensch als der treffliche Augustus Tomlinson, steckte die Börse in seine Westentasche, nachdem er mit raschem, kundigem Finger ihren Inhalt geprüft. »Ihre Uhr, Sir!« sagte er und schob sie unter dem Sprechen gleichgültig, wie ein Schulknabe seinen Kreisel, in die Rocktasche, »ist schwer, aber auf meine Erfahrung bauend, da eine genaue Besichtigung mir unmöglich ist, fürchte ich, sie hat mehr Werth wegen des Gewichts als der Arbeit; doch, ich will Ihre Eitelkeit nicht beleidigen durch solche gesuchte Ausstellungen. Aber gewiß hat die junge Dame, wie Sie sie nennen, (denn ich erweise Ihnen die Artigkeit, Ihnen hinsichtlich des Alters derselben aufs Wort zu glauben, angesehen, daß die Nacht zu dunkel ist, um mir das Glück einer eigenen Besichtigung zu gönnen,) die junge Dame hat sicherlich kleine Schmucksachen bei sich, womit sie uns eine Freude machen kann; die Schönheit ohne Schmuck, wissen Sie u. s. w.«

Lucie, welche obwohl sehr erschrocken, doch weder die Besinnung noch die Geistesgegenwart verlor, beantwortete dieß nur damit, daß sie einen kleinen silbernen Beutel hervorzog, der noch, weniger enthielt, als der lederne des Squire; diesem fügte sie noch eine goldne Kette bei; und Tomlinson, der es mit einem verbindlichen Händedruck und einer höflichen Entschuldigung in Empfang nahm, war eben im Begriff sich zu entfernen, als sein scharfes Auge plötzlich durch den Schimmer von Juwelen angezogen wurde. Lucie nemlich, als sie das Bild ihrer Mutter, in die wenigen ererbten Diamanten des Herrn von Warlock gefaßt, von seiner Stelle rückte, es über ihre Kleider gehängt, und als sie sich vorwärts beugte, ihre andern Habseligkeiten dem Räuber auszuliefern, wurden auf einmal die Diamanten ganz sichtbar und schimmerten nur noch einladender durch die dunkle Nacht.

»Ach, mein Fräulein,« sagte Tomlinson, seine Hand ausstreckend, »Sie wollten mich hinter's Licht führen, das wollten Sie? Verrätherei sollte nie unbestraft bleiben. Treten Sie nur augenblicklich den kleinen Zierrath um Ihren Hals ab.«

»Ich kann nicht, ich kann nicht!« sagte Lucie, mit beiden Händen ihr Kleinod umfassend, »es ist das Bild meiner Mutter und meine Mutter ist todt!«

»Die Bedürfnisse Andrer, mein Fräulein« erwiederte Tomlinson, der um sein Leben nicht unmoralisch plündern konnte, »sind immer unsrer Aufmerksamkeit würdiger, als Familien-Vorurtheile. Ernstlich gesprochen, geben Sie es her und das im Augenblick: wir haben Eile und Ihre Pferde schlagen aus wie Teufel; sie zertrümmern in einem Augenblick Ihren Wagen – beeilen Sie sich!«

Der Squire war im Ganzen ein wackrer Mann, obgleich kein Held, und die Nerven eines alten Fuchsjägers erholen sich bald von einem kleinen Schrecken. Das Bild seiner seligen Frau war ihm noch schätzbarer als Lucien und der Zorn stieg bei dieser neuen Forderung in ihm auf.

Er ballte die Fäuste und auf seinem Sitz gleichsam vorrückend, rief er mit lauter Stimme: »Fort Schurke, ich gab dir, so denke ich meines Theils, schon zuviel, und bei Gott du sollst das Bild nicht haben.«

»Zwingen Sie mich nicht, Gewalt zu brauchen!« sagte Augustus, setzte einen Fuß auf den Wagentritt und hielt die Pistole auf einige Zoll Entfernung Lucien vor die Brust, vielleicht richtig berechnend: der Anschein der sie bedrohenden Gefahr werde das sicherste Mittel seyn, den Squire einzuschüchtern. In diesem Augenblick aber sah sich der gewaltige Moralist plözlich von einer mächtigen Hand bei der Schulter gepackt, und eine leise, vor Zorn bebende Stimme, flüsterte ihm ins Ohr. Was auch die Worte seyn mochten, die an seine Gehörorgane drangen – sie wirkten wie ein rascher Zauber; und mit Erstaunen sahen der Squire und Lucie ihren Angreifer plötzlich abziehen. Die Wagenthüre ward zugeschlagen und kaum zwei Minuten, nachdem der Räuber wieder zu Pferd gestiegen war, gab sein Begleiter, bisher bei den Pferden aufgestellt, seinem Pferde die Sporen und der willkommne Schall sich entfernender Hufschläge drang in das verstörte Ohr von Vater und Tochter.

Die Wagenthüre wurde wieder geöffnet und eine Stimme, welche Lucien blasser machte als der vorangegangene Schrecken, sagte:

»Ich fürchte, Herr Brandon, die Räuber haben Ihre Tochter erschreckt. Jetzt ist aber nichts mehr zu fürchten, die Schurken sind fort.« »Gott schütze mich!« sagte der Squire, »wie, ist das Capitän Clifford?«

»Er ist es und er preist sich zu glücklich, Herrn Brandon und seiner Tochter auch nur den kleinsten Dienst geleistet zu haben.«

Sobald er sich überzeugt hatte, daß er wirklich Herrn Clifford für seine und seiner Tochter Sicherstellung, deren Gefahr er für weit größer gehalten hatte, als sie in der That war, (denn um den Leser wahrhaft zu berichten: die Pistole Tomlinsons war mehr zum Schein als zum Gebrauch eingerichtet, da sie einen außerordentlich langen blanken aber leeren Lauf hatte), verpflichtet war: da wußte der Squire gar nicht, auf welche Weise er seine Dankbarkeit ausdrücken sollte. Und als er sich an Lucien mit der Aufforderung wandte, fand er, daß sie überwältigt von so mannigfachen Bewegungen, zum erstenmal in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen war.

»Guter Himmel!« rief der bestürzte Vater, »sie ist todt, – meine Lucie, meine Lucie – sie haben sie getödtet!«

Die Wagenthüre auf der Seite Luciens öffnen, sie auf den Armen heraustragen, war für Clifford das Werk eines Augenblicks; ganz vergessend, daß sonst noch Jemand zugegen sey, nicht wissend sogar was er sagte, stieß er tausend wilde, leidenschaftliche, nur halb verständliche Reden aus; und als er sie auf eine Bank neben der Landstraße trug und sich selbst niedersetzend, sie gegen seine Brust lehnte, da wäre es vielleicht schwer gewesen zu sagen, ob nicht auch Entzücken – brennendes und schauerndes Entzücken sich in seinen Schrecken und seine Angst mischte. Er erwärmte ihre zarten Hände in den seinigen; sein Hauch, zitternd und heiß, glühte auf ihrer Wange, und Einmal, nur Einmal näherten sich ihr seine Lippen und ruhten, die zerstreute Fülle der Locken weghauchend, in einem langen, stummen Kusse auf den ihrigen.

Mittlerweile stieg, mit Hülfe des Bedienten, der seine betäubten Sinne jetzt wieder gesammelt hatte, der Squire aus dem Wagen und nahte sich mit wankenden Schritten dem Ort, wo seine Tochter ruhte. Im Augenblick da er ihre Hand faßte, begann Lucie wieder aufzuleben und das Erste, was sie in der verstärkten Bewußtlosigkeit des Erwachens that, war: ihren Arm um den Hals ihres Beistandes zu schlingen.

Hätte man Alles was Clifford irgend wo und wie in seinem frühern Leben von Hoffnung, Lust, Freude empfunden hatte, in ein einziges Gefühl zusammenschmelzen und zusammendrängen können: dies Gefühl wäre schaal gewesen gegen sein Entzücken bei Luciens augenblicklicher, unschuldiger Liebkosung! Und in einer spätern, obwohl nicht fernen Zeit, als im Kerker des Missethäters die grimme Larve des Todes ihn angrinste, könnte noch die Frage seyn, ob seine Gedanken nicht weit häufiger bei der Erinnerung an diesen wonnevollen Augenblick, als bei der bittern Schmach des herangehenden Verdammungsspruches verweilten.

»Sie athmet, – sie bewegt sich – sie erwacht!« rief der Vater, und Lucie sagte, indem sie aufzustehen versuchte, und die Stimme des Squire erkennend, schwach und leise: »Gott sey Dank, mein theurer Vater, Sie sind nicht beschädigt! Und sind sie wirklich fort? und wo – wo sind wir?«

Der Squire nahm Clifford seine Last ab und faßte sein Kind in seine Arme, während er ihr in seiner lichtvollen Weise erläuterte, wo und in Wessen Gesellschaft sie seyen. Die Liebenden standen sich Auge in Auge einander gegenüber, aber welches köstliche Erröthen entzog die Nacht, welche nichts als den Umriß ihrer Gestalt sehen ließ, den Augen Cliffords!

Der ehrliche, gutherzige Brandon war froh, sich den wohlwollenden Gefühlen hingeben zu dürfen, die er immer gegen den verdächtigten und verleumdeten Clifford gehegt; er wandte sich von Lucien weg und schüttete sein Herz gegen ihren Retter aus. Er faßte ihn mit Wärme bei der Hand und bestand darauf, er müsse sie im Wagen nach Bath begleiten und den Bedienten sein Pferd reiten lassen. Dieß Anerbieten stand noch in der Wage, als der Bediente, der inzwischen nach dem Befinden und Zustand seines Dienstgenossen gesehen hatte, die Gesellschaft mit kläglichem Tone von etwas benachrichtigte, was sie in der Verwirrung und im Dunkel der Nacht nicht bemerkt hatten – daß nemlich Pferde und Kutscher fort seyen!

»Fort!« sagte der Squire, »Fort! Nun die Schufte können sie doch nicht, (ich meines Theils glaube, obgleich ich von solchen Wundern schon gehört, an dergleichen Streiche nicht, – ) eingesackt haben!«

Jetzt ließ sich ein leises Brummen vernehmen und der Bediente fand, einem sympathetischen Zuge an den Ort, woher es kam, folgend, die mächtige Gestalt des Kutschers vollkommen geborgen, das Gesicht gegen den Boden, mitten im Graben. Nachdem dieser Ehrenmann wieder auf die Beine gebracht worden war und sich wieder zur Besinnung emporgearbeitet hatte, vernahm man: als der Räuber die Pferde angehalten, hatte der Kutscher, bei dem es wenig bedurfte, um seine verwirrten Geisteskräfte zu überwältigen, den Kutschbock (nach seiner eignen Aussage in Folge eines heftigen Schlags von dem Spitzbuben, aber vielleicht lag die Ursache noch näher.) mit dem Graden vertauscht; die Pferde wurden scheu, und als sie ausschlugen und tobten, bis der Räuber es überdrüssig wurde, sich die Mühe zu geben, sie aufzuhalten, hieb er ganz ruhig die Stränge ab und jetzt konnten die Pferde gar wohl schon bei ihrer Stallthüre in Bath seyn.

Der Bediente, welcher den Squire von diesem Mißgeschick unterrichtet, war, unähnlich den meisten Neuigkeits-Boten, auch der erste, der einen Trost wußte.

»Es ist da ein prächtiges Wirthshaus,« sagte er, »ungefähr eine halbe Meile weit weg, wo Euer Ehren Pferde bekommen können; oder vielleicht, wenn es Miß Lucien, der guten Seele, schwach seyn sollte, so können Sie dort wohl über Nacht bleiben.«

Obgleich ein Gang von ungefähr einer halben Meile in finstrer Nacht und unter andern Umständen kein sehr lockender Vorschlag gewesen wäre, schien doch jetzt, wo die Einbildungskraft des Squire ihm nur die beiden Fälle vorgemalt hatte, entweder die Nacht im Wagen zuzubringen oder zu Fuß nach Bath zu keuchen, jene Beschwerde ganz unbedeutend. Und so faßte denn der Squire den Arm seiner Tochter in den seinigen, bat mit freundlicher Stimme Clifford, sie auf der andern Seite zu unterstützen, befahl dem Bedienten mit Cliffords Pferd den Zug anzuführen, und dem Kutscher hintendrein oder zum Teufel zu gehen, wie er wolle.

Schweigend bot Clifford Lucien den Arm und schweigend nahm sie die Höflichkeit an. Der Squire war die einzige redende Person und der von ihm gewählte Gegenstand war ihr nicht unangenehm: es war das Lob ihres Geliebten. Aber Clifford hörte kaum zu, denn tausend Gedanken und Empfindungen kämpften in ihm, und der leichte Druck von Luciens Hand auf seinem Arm wäre allein schon hinreichend gewesen, seine Aufmerksamkeit zu zerstreuen und zu verwirren. Die Dunkelheit der Nacht, die frische Aufregung, der geraubte Kuß, der noch auf seinem Munde brannte, die Erinnerung an Luciens für ihn so schmeichelhafte Bewegung bei seinem Gespräche mit ihr in Mauleverers Landgut, die noch wärmere bei ihrer unwillkührlichen Umarmung, die noch durch jeden Nerven seines Körpers zuckte – Alles das vereinigte sich mit der wonnevollen Empfindung, die er jetzt in ihrer Nähe genoß, ihn zu berauschen und zu entflammen. O diese brennenden Augenblicke in der Liebe, wenn die Schwärmerei eben in Leidenschaft hinübergeschmolzen ist, und ohne das Geringste von ihrer wonnevollen Ueberschwänglichkeit zu verlieren, die Begeisterung ihrer Träume, mit den heißen Wünschen der irdischen Wirklichkeit vermischt! Das ist die Zeit, wo die Liebe ihren Höhepunkt erreicht hat; wo alle Gefühle, alle Gedanken, die ganze Seele und der ganze Geist hingerissen und von ihr verschlungen sind; wo jedes Hindernis, in der andern Schaale gewogen, leichter als Staub erscheint; wo Entsagung auf den geliebten Gegenstand das fürchterlichste und schwerste Opfer ist, und wo in so manchem Herzen, in welchem Ehre, Gewissen, Tugend weit stärker sind, als sie in einem Verbrecher wie Clifford vermuthlich je waren, wo Ehre, Gewissen, Tugend mit Einemmale und plötzlich vor dieser mächtigen, unwiderstehlichen Flamme zu Asche verloderten.

Der Diener, der früher schon mußte Gelegenheit gefunden haben, sich mit den Oertlichkeiten des Wirthshauses, wovon er sprach, bekannt zu machen, und der vielleicht mit seinem jüngst erlebten Schrecken so ziemlich durch die Hoffnung ausgesöhnt wurde, seine Bekanntschaft mit den Geistern der Vergangenheit zu erneuern, lenkte jetzt die Aufmerksamkeit der Reisenden auf eine kleine, gerade vor ihnen liegende Herberge. Der Herr Wirth hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben und sie durften nicht zweimal anklopfen, bis die Thüre geöffnet ward.

Ein hellloderndes Feuer, eine dienstfertige Wirthin, ein theilnehmender Wirth, ein warmes Getränke und das Versprechen vortrefflicher Betten – Alles dieses schien dem Squire ein reichlicher Ersatz für die Kunde, daß die Herberge nicht die Erlaubniß habe, Postpferde zu halten, und als der Wirth versprochen hatte, sofort zwei kräftige Bursche mit einem Strick und Karrenpferd auszusenden, um den Wagen unter ein Obdach zu bringen – (denn der Squire hielt sein Fuhrwerk in Ehren, weil es zwanzig Jahre alt war,) und überdieß das Geschirr wieder herstellen zu lassen, und die Pferde am andern Morgen bei guter Zeit bereit zu halten: da erhöhte sich die gute Laune des Herrn Brandon zu wirklicher Fröhlichkeit. Lucie verfügte sich unter der schützenden Obhut der Wirthin zur Ruhe und der Squire, der eine Bowle Bischof getrunken und an Clifford tausend neue Tugenden entdeckt hatte, namentlich die, daß er nie einen bei einer guten Geschichte unterbrach, klopfte dem Capitän auf die Schulter, versprach ihm, die Herberge nicht zu verlassen, ohne ihn noch einmal gesprochen zu haben, und suchte dann auch auf seinem Kissen die Ruhe. Clifford blieb unten, starrte noch eine Zeitlang zerstreut ins Feuer, und erst als ihn die schläfrige Kammermagd dreimal erinnert hatte, daß für sein Bett gesorgt sey, begab er sich auf sein Zimmer. Auch hier besuchte, wie es scheint, seine Augen kein Schlaf; denn ein reicher Viehmäster, der im Zimmer unter ihm lag, beklagte sich am nächsten Morgen bitterlich über eine Person, die ihm über dem Kopfe herumgewandelt »in allen Arten von Schritten, so daß alle Welt es für ein gestiefeltes Gespenst gehalten haben würde.«

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