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Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeViertes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid894c510c
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Zwanzigstes Kapitel

Whackum.Seht Ihr da, jetzt? Nun, ganz Europa kann keine Bande feinerer Schlauköpfe und braverer Gentlemen aufweisen.
Dingbey.Wahrhaftig, es sind die allerprächtigsten Burschen.

Shadwell's Herumfeger.

Die Welt in Bath ward plötzlich aufs fröhlichste, überrascht durch die Nachricht, daß Lord Mauleverer nach Beauville, (dem schönen Landsitz, den dieser Edelmann in der Nähe von Bath besaß,) abgegangen sey, mit der Absicht dort eine Reihe kostbarer Vergnügungen zu veranstalten.

Die ersten Personen welchen der Graf dieses gastliche Vorhaben ankündigte, waren Herr Brandon und seine Tochter; er besuchte sie in ihrem Haus und erklärte seinen Entschluß, nicht aus demselben zu weichen, bis Lucie, die auf ihrem Zimmer war, einwillige, ihn mit ihrer Gegenwart und dem Versprechen zu beglücken: sie wolle die Königin seines beabsichtigten Festes seyn. Lucie, von ihrem Vater bearbeitet, kam niedergeschlagen und blaß in das Gesellschaftszimmer herunter; der Graf, betroffen über die Veränderung in ihrem Aussehen, ergriff ihre Hand und erkundigte sich nach ihrem Befinden mit scheinbar so teilnehmender und gefühlvoller Güte, daß der Vater zum erstenmal für ihn eingenommen und selbst die Tochter gerührt ward. Auch war seine Bitte, sie möchte sein Fest mit ihrer Anwesenheit beehren, so ernstlich und mit so gewandter Schmeichelei vorgebracht, daß der Squire es über sich nahm, in seiner Tochter Namen zuzusagen; und als sich der Graf, mit diesem Versprechen eines Andern nicht zufrieden, an Lucie selbst wandte, schmolz bald ihr anfängliches Nein in ein förmliches, obwohl mit Widerstreben ausgesprochnes Ja.

Entzückt über das Gelingen seines Plans und von Luciens Liebenswürdigkeit, die durch ihre Blässe noch erhöht wurde, noch mehr eingenommen, als er je zuvor gewesen, verließ Mauleverer das Haus und machte mit größerer Genauigkeit als er bisher gethan hatte, einen Ueberschlag des muthmaßlichen Vermögens, das Lucie von ihrem Oheim bekommen würde.

Sobald nur die Karten zu Lord Mauleverers Fest ausgegeben waren, hörte man in den Cirkeln, welche den Leuten in Bath die Welt zu nennen beliebte, von gar nichts Anderem mehr reden.

Hin und wieder beabsichtigen wir, mit größrer poetischen Freiheit als diese Blätter eigentlich gestatten, von den Ergötzlichkeiten und dem Treiben besagter Welt, in welchem Theile Englands sie sich vorfinden möge, Kunde zu nehmen. Verleihe uns Geduld, o Himmel! – Kraft und Geduld, um den Leuten zu sagen, aus welchem Stoff der gute Ton gemacht ist; während andre Novellenschreiber die nichtswürdigen Erbärmlichkeiten einer alten veralteten Aristokratie rühmen, nachahmen, verherrlichen, welche jetzt das Alter erreicht hat, wo selbst die stattlicheren Sünden ihrer frühern Jugend in Faselei übergehen: verleihe uns die Geschicklichkeit, sie getreulich zu schildern und in ihrer Lächerlichkeit zu zeigen: so wollen wir auf das Glück verzichten, unsern Söhnen irgend eine andre Moral zu vermachen.

In der Zwischenzeit nun machte man in Bath Hüte und redete schöne Floskeln; und als man fand, daß Lord Mauleverer, der gutmüthige Lord Mauleverer! der gefällige Lord Mauleverer! wirklich entschlossen sey ausschliessend zu werden und von tausend Bekannten nur acht hundert einzuladen: da verwandelte sich die Beliebtheit deren er genoß, mit erstaunlicher Schnelligkeit in tiefe Achtung. Jetzt kamen Besorgnis; und Triumf an die Reihe; die Eingeladne wandte der nicht Geladnen den Rücken, alte Freundschaften lösten sich auf; um ein Zettelchen Papier schrieb der Unabhängigste Briefe – und wie denn England das freiste Land von der Welt ist – alle Damen Crethi und Plethi baten sich die Freiheit aus, ihre jüngsten Töchter mitbringen zu dürfen.

Ueberlassen wir denn dem beneidenswerthen Mauleverer den göttlichen Genuß, Urheber von so viel Glück und Leid, Triumf und Niedergeschlagenheit zu seyn; Du aber o Leser! begleite uns jetzt in die zierlichen Zimmer über dem Haarkünstlers Laden, welche Herr Eduard Pepper und Herr Augustes Tomlinson inne haben. Es war Abend, Capitän Clifford hatte mit seinen zwei Freunden gespeist, das Geschirr war weggenommen und das freie Gespräch waltete an einem Tisch der mit zwei Flaschen Porter, einer Bowle Punsch die Herrn Peppers Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nahm, mit zwei Tellern Lambertsnüssen, einem mit geteufeltem Zwieback und einem vierten, drei unreife Aepfel enthaltend, die Niemand anrührte, geziert war.

Das Kamin war rein gekehrt, das Feuer brannte lustig und hell, die Vorhänge waren niedergelassen und so das Tageslicht abgeschnitten. Unsre drei Abenteurer mit ihrem Zimmer schienen das Bild der Behaglichkeit. So kam es auch dem Herrn Pepper vor; denn er sah sich im ganzen Zimmer um und sagte, die Füße auf dem Kamingitter auflegend:

»Wenn ich mich abkonterfeien lassen sollte, Ihr Herrn, so ließe ich mich gerade so abreissen, wie ich jetzt bin.«

»Und« sagte Tomlinson, seine, Haselnüsse aufknackend – Tomlinson war ein großer Freund von Haselnüssen, »sollte ich mir ein Haus heraussuchen, so wäre es ein solches wie dieses, in dem ich immer einquartirt seyn möchte.«

»Ach! Ihr Herrn,« sagte Clifford, der eine Zeitlang stumm da gesessen hatte, »es ist mehr als wahrscheinlich, daß Eure beiderseitigen Wünsche erhört werden und daß Ihr abgerissen und einquartirt werdet und sonst noch etwas dazu, eben an dem Ort wo Ihr Euern Nachtisch verzehrt.« »Nun« sagte Tomlinson fein lächelnd, »ich preise mich glücklich Euch nur wieder scherzen zu hören, obgleich auf unsre Kosten.«

»Kosten!« wiederholte Ned. »Ja, da sitzt der Knoten! Wer Henkers wird die Kosten unsrer Mahlzeit bestreiten?«

»Und für unser Essen in der letzten Woche?« setzte Tomlinson hinzu; »diese leere Nuß ist ein bedenkliches Vorzeichen; sie hat wenigstens Ein Hauptmerkmal ganz mit meinen Taschen gemein.«

»O Jemine!« seufzte der lange Ned und kehrte das Innen seiner Westentasche heraus mit einer vielsagenden Geberde, während der hochgebildete Tomlinson, ein großer Liebhaber der elegischen Poesie, auf die untröstlichen leeren Räume hindeutend, deklamirte:

»Wenn uns die Mode lockt im schönsten Kleide,
Fragt muthlos unser Herz, ist dieses Freude?

In Wahrheit, Ihr Herrn« setzte er hinzu, feierlich seinen Nußknaker auf den Tisch niederlegend und wie er pflegte, wenn er daran war, im Kopf erleuchtet zu werden, mit dem Finger der rechten Hand in der linken, »in Wahrheit, Ihr Herrn, unsre Lage wird ernsthaft und die Nothwendigkeit gebietet Mittel ausfindig zu machen, für ein anständiges Auskommen zu sorgen.«

»Ich werde verflucht von Mahnern gedrängt,« rief Ned.

»Und« fuhr Tomlinson fort, »kein Mann von Zartgefühl sieht sich gern der Unverschämtheit so gemeiner Gläubiger preis gegeben; wir müssen deßwegen Geld zu Tilgung unsrer Schulden aufbringen. Capitän Clifford oder Lovett, wie Ihr Euch nennen mögt, wir fordern Euch auf, uns bei einem so preiswerthen Plane zu unterstützen.«

Clifford sah zuerst den Einen, dann den Andern an, gab aber keine Antwort.

»Inprimis« sagte Tomlinson, »wollen wir Jeder sein gegenwärtiges Vermögen angeben; ich für meinen Theil gestehe frank und frei – denn wie sollten wir uns einer Demuth schämen, der unsre Thätigkeit im Begriff ist sogleich wieder abzuhelfen, daß ich nur zwei Guineen, vier Schillinge und vierthalb Pfenninge besitze.«

»Und ich« sagte der lange Ned, holte ein Porzellan-Prachtstück vom Kamin herab und leerte seinen Inhalt aus, »bin in noch jämmerlichern Umständen. Seht, ich habe nur drei Schillinge und eine falsche Guinee. Diese gab ich gestern dem Aufwärter im weissen Hirsch; heut brachte sie mir der Hund wieder und ich war genöthigt sie ihm gegen mein letztes gutes Geld auszutauschen. Hole die Pest das Zeug! Ich kaufte sie von einem Juden um vier Schillinge und habe ein Pfund fünf Schillinge bei dem Handel verloren.«

»Das Schicksal vereitelt unsre weisesten Entwürfe«, versetzte der moralisirende Augustus. »Hauptmann, wollt Ihr auch die armseligen Trümmer Eurer Habe sehen lassen?«

Clifford, noch immer stumm, warf eine Börse auf den Tisch; Augustus leerte sie sorgfältig aus und zählte fünf Guineen auf; der Ausdruck großer Ueberraschung überzog Tomlinsons nachdenkliche Stirne und das Geld Clifford hinbietend, sagte er in schwermüthigem Ton:

»– – das für Euer ganzer Schatz? der ganze sagt Ihr?«

Ein Blick Cliffords beantwortete die gewichtige Frage.

»Dieß also« sagte Tomlinson, das Gesammtvermögen in der Hand wägend »dieß also ist der Rest unsrer Schätze!« und unter diesen Worten ließ er trübsinnig das Geld in seiner Hand klingeln, betrachtete es mit einer Leichen-Miene und rief aus:

»Ach! wie unkundig des Geschicks die kleinen Opfer spielen!«

»O, verflucht!« sagte Ned, »nur keine Empfindsamkeit. Laßt uns auf Einmal zur Sache kommen. Euch die Wahrheit zu sagen, ich meines Orts bin dieser Erbinnen-Jagd herzlich satt und es kann Einer leicht ein Vermögen bei der Hatze zusetzen, eh' er eines gewinnt.«

»Ihr gebt also die Hoffnung auf die Wittwe förmlich auf, der Ihr so lang den Hof gemacht habt?« fragte Tomlinson.

»Ganz und gar,« versetzte Ned, dessen Bemühungen sich einzig und allein auf die Damen der mittleren Classe beschränkt und der sich zu einer Zeit eingebildet hatte, einer theuern Rippe von Cheapside,Cheapside heißt: wohlfeile Seite, Name eines minder gesuchten Quartiers in London. wie er sich witzig ausdrückte, gewiß zu seyn. »Ganz und gar! sie war Anfangs sehr artig gegen mich, aber als ich meinen Antrag machte, fragte sie mich mit Erröthen nach meinen Zeugnissen. Zeugnissen, sagte ich, ey, es ist mir um die Stelle Ihres Gemahls, nicht Ihres Bedienten zu thun. Die Dame war unerbittlich, sagte, sie könne mich ohne Rang und Charakter nicht nehmen, gab mir aber Winke, ich sollte statt den Bräutigam, den Liebhaber machen; und als ich diesen Vorschlag mit Verachtung abwies und auf dem Geistlichen bestand, sagte sie mir von der Leber weg mit ihrer unglücklichen städtischen Aussprache: »Sie wolle mich durchaus nicht an den HalterVerdorbene Aussprache von Altar; aber zugleich heißt es Galgen. begleiten.«

»Ha, ha, ha!« rief Tomlinson lachend, »man kann die gute Dame deßwegen nicht wohl tadeln. Die Liebe erträgt selten solche unauflösliche Bande. Aber habt Ihr kein anderes Frauenzimmer im Auge?«

»Zum Heirathen nicht! Ueberallhin nur nicht in die Kirche.«

Während dieß leichtsinnige Paar sich so unterhielt, hörte Clifford, an das Getäfel gelehnt, ihnen mit der schmerzlichen und bittern Empfindung der innern Demüthigung zu, die bis auf die letzten Zeiten seiner Brust fremd geblieben war. Endlich ward er durch Ned aus seinem Schweigen erweckt, der vortrat, seine Hand auf Cliffords Knie legte und sagte:

»Kurz und gut, Hauptmann, Ihr mußt uns wieder zum Ruhm führen. Wir haben noch unsre Pferde und ich habe noch meine Maske neben meinem Kamm in der Tasche. Laßt uns morgen Nacht auf die Landstraße ziehen, durch das Land nach Salisbury fliegen, und nach einem kurzen Besuch in der Nachbarschaft bei einer Bande alter Freunde von mir – kecke Gesellen, die den Teufel selbst, wenn er über Stonehenge in Geschäften reiste, anfallen würden – einen Ausflug nach Reading und Henley machen und endlich uns nach London werfen.«

»Wohl gesprochen Ned!« sagte Tomlinson zustimmend. »Jetzt, edler Hauptmann, Eure Meinung.«

»Messieurs,« sagte Clifford, »ich billige Euern beabsichtigten Streifzug höchlich, und bedaure nur, Euch nicht begleiten zu können.«

»Nicht! und warum nicht?« rief Herr Pepper erstaunt.

»Weil ich hier Geschäfte habe, die es unmöglich machen; vielleicht stoße ich in kurzer Frist in London zu Euch.«

»Nein,« sagte Tomlinson, »es ist nicht gerade nöthig, daß wir nach London gehen, wenn Ihr hier zu bleiben wünscht; auch brauchen wir jetzt nicht ein so verzweifeltes Auskunftsmittel wie die Landstraße zu ergreifen – ein wenig ruhige Betriebsamkeit in Bath wird unserm Zweck genügen; und was mich betrifft, so wißt ihr wohl, ich liebe es, meinen Witz eher bei andern Gelegenheiten leuchten zu lassen, die desselben würdiger sind, als die Hochstraße; – ein Gewerbe, das sich eher für einen Raufer als einen Mann von Geist ziemt. Laßt uns also, Hauptmann, einen Plan entwerfen, wie wir uns mit der Habe eines leichtgläubigen Handelsmanns bereichern könnten; warum zu so herben Maßregeln schreiten, so lange wir noch gutmüthige Thoren finden?«

Clifford schüttelte den Kopf. »Ich will Euch gerade heraus gestehen,« sagte er, »daß ich dermalen an Euren Unternehmungen keinen Theil nehmen kann; ja als Euer Gebieter muß ich Euch den gemessenen Befehl ertheilen, aller Anwendung Eurer Talente in Bath Euch zu enthalten. Raubt, wo ihr wollt; die Welt steht Euch offen; aber diese Stadt ist geheiligt.«

»Meiner Seel',« rief Ned, die Farbe wechselnd, »aber das ist zu bunt. Ich lasse mir nicht auf diese Weise vorschreiben.«

»Aber, Sir!« antwortete Clifford, der in seinem oligarchischen Gewerbe die Kunst zu befehlen gelernt hatte, »aber Sir, Ihr sollt, oder wenn Ihr murrt, so verlaßt ihr unsre Gesellschaft und dann hat der Henker die besten Aussichten auf Euch. Sagt einmal, Undankbarer, was wäret Ihr ohne mich? Wie oft habe ich schon Dein langes Skelet vom Strick gerettet und jetzt wollt Ihr die Niederträchtigkeit begehen, Euch zu empören? Fort mit Euch!«

Obgleich Herr Pepper noch ergrimmt war, biß er sich doch in mürrischem Schweigen in die Lippe und ließ seine Leidenschaft nicht heraus; Clifford stand auf und sagte nach einer kleinen Pause: »Seht, Herr Pepper, Ihr kennt meine Befehle, betrachtet sie als unverbrüchlich. Ich wünsche Euch gutes Glück und reichen Fang. Lebt wohl, Gentlemen!«

»Verlaßt Ihr uns schon?« rief Tomlinson. »Ihr seyd beleidigt.«

»Sicherlich nicht!« antwortete Clifford sich der Thüre nähernd; »aber ein Geschäft sonstwo, wißt Ihr.«

»Ah, ich versteh' Euch,« sagte Tomlinson, begleitete Clifford aus dem Zimmer und schloß die Thüre hinter sich zu.

»Ja, ich versteh' Euch!« wiederholte er flüsternd, indem er Clifford oben an der Treppe aufhielt. »Aber sagt mir, wie steht Ihr mit der Erbin?«

Die Empfindung in seinem Herzen bemeisternd, welche Clifford, so sorglos er war, jedesmal mit Wuth und Schaam erfüllte, so oft dem Munde seiner Kameraden eine Anspielung auf Lucie Brandon entschlüpfte, antwortete der Anführer: »Ich fürchte, Tomlinson, der alte Squire hegt schon Verdacht gegen mich! Ganz plötzlich meidet er mich, verschließt mir seine Thüre. Miß Brandon geht nicht aus, und wenn sie es auch thäte, was könnte ich nach diesem plötzlichen Wechsel im Benehmen des Vaters von mir erwarten?«

Tomlinson sah auf dieß blaß und verstört aus; »aber,« sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen: »warum nicht eine gute Miene bei der Sache annehmen? dem Squire auf den Leib rücken und ihn um den Grund seiner Unhöflichkeit fragen?«

»Ja, seht mein Freund; ich bin sonst gegen alle Menschen ziemlich keck; aber dieses Mädchen hat mich so verschämt gemacht, wie eine Jungfrau! in Allem, was sich auf sie bezieht. Ja es gibt Augenblicke, wo ich denke, alle selbstsüchtigen Gefühle überwinden und mich um ihretwillen freuen zu können, daß sie mir entging. Könnte ich sie nur noch Einmal sehen – ich könnte ja! Ich fühle – ich fühle: ich könnte ihr für immer entsagen.«

»Hm!« sagte Tomlinson, »und was soll aus uns werden? In der That, mein Hauptmann, Euer Pflichtgefühl sollte Euch zur Thätigkeit anspornen; Eure Freunde sterben vor Euern Augen Hunger, während Ihr mit Eurer Gebieterin Faxen macht. Habt Ihr kein Herz für Eure Freunde?«

»Still mit diesem Unsinn!« sagte Clifford unmuthig.«

»Es hat einen Sinn, einen nüchternen Sinn, und einen traurigen dazu;« versetzte Tomlinson. »Ned ist unzufrieden, unsre Schulden sind gebieterisch. Nehmt nun einmal an, nehmt an, wir entwischen in einer schönen Mondscheinnacht aus Bath – wird das ein günstiges Licht auf Euch werfen, den wir dahinten lassen? Und doch müssen wir das thun, wenn Ihr nicht Mittel ausfindig macht, unsre Börsen wieder zu füllen. Entweder also entschließt Euch, uns bei einem Plan zu unterstützen, der unsern Bedürfnissen abhilft, oder bezahlt unsre Schulden in dieser Stadt, oder flieht mit uns nach London und entschlagt Euch aller Gedanken an die Liebe, die so selten den Entwürfen des Ehrgeitzes günstig ist.«

Trotz der Art und Weise, wie Tomlinson seinen dreifachen Vorschlag vortrug, konnte Clifford nicht umhin, die darin enthaltene Wahrheit und Gerechtigkeit anzuerkennen; und ein einziger Blick reichte hin, ihm zu zeigen, wie verderblich für seinen Ruf und mithin auch für seine Hoffnungen die Flucht seiner Kameraden und das Geschrei ihrer Gläubiger seyn müßte.

»Ihr habt Recht, Tomlinson,« sagte er sich bedenkend, »und doch kann ich um mein Leben nicht Euch bei Ausführung eines Plans beistehen, dessen Entdeckung uns in Unannehmlichkeit bringen könnte. Nichts könnte mich mit dem Abscheu aussöhnen, den Miß Brandon empfände bei der Entdeckung, wer und was ihr Anbeter war.«

»Ich verstehe Euer Gefühl,« sagte Tomlinson, »aber so gebt mir und Pepper wenigstens die Erlaubniß, uns selbst fortzuhelfen; vertraut meiner bekannten Klugheit: ich mache ein Mittel ausfindig, den Wind zu wecken ohne den Staub aufzujagen; mit andern Worten, (der verdammte Pepper macht Einen so gemein!) dem Publikum eine Beute abzujagen, ohne entdeckt zu werden.«

»Ich sehe keine andere Wahl,« sagte Clifford mit Widerstreben, »aber wo möglich, verhaltet Euch noch für den Augenblick ruhig! haltet mit mir noch wenige Tage aus, gebt mir nur so viel Zeit, noch einmal Miß Brandon zu sehen, so verpflichte ich mich, Euch aus Eurer Bedrängniß heraus zu ziehen.«

»Das ist ein Wort, das Euch gleich steht! frank und nobel!« versetzte Tomlinson. »Niemand hegt ein größeres Vertrauen zu Eurem Geist, wenn er einmal im Zuge ist, als ich.« Nach diesen Worten schüttelten sich Beide die Hände und trennten sich. Tomlinson ging wieder zu Herrn Pepper.

»Nun, habt ihr etwas ausgemacht?« fragte der letztere.

»Nicht bestimmt; und obgleich Lovett versprochen hat, binnen weniger Tage etwas auszuführen, so habe ich doch, da der arme Mann in Liebe und sein Genius unter einer Wolke ist, wenig Vertrauen zu seinen Verheißungen.«

»Und ich gar keines,« sagte Pepper, »zudem sind wir von der Zeit gedrängt. Wenige Tage! Ja, wenige Teufel! man hat uns gewiß hier schon ausgewittert und ich gehe hier herum wie eine Tonne Bier an Weihnachten, in stündlicher Angst angezapft zu werden.«

»Es ist sehr sonderbar,« sagte der filosofische Augustus, »aber mich dünkt, die Handelsleute haben einen Instinkt, vermöge dessen sie einen Schelmen auf den ersten Blick herausfinden; und ich kann (mag ich mich noch so gut kleiden,) bei meiner Wäscherin nicht mehr Credit bekommen, als meine Freunde, die Whigs, bei dem Volk.«

»Kurz, also,« sagte der lange Ned, »wir müssen eben wieder auf die Landstraße zurückkommen, und übermorgen wird sich dazu eine Herrliche Gelegenheit finden; der alte Graf mit dem schwerfälligen Namen, gibt ein Frühstück oder Fest, oder irgend so eine Mummerei; ich höre, die Leute werden bis nach Mitternacht bleiben; laßt uns unsre Gelegenheit erpassen – wir sind trefflich beritten und ein Wagen, der sich hinter dem großen Zug verspätet, kann uns mit Allem versehen, wornach unser Herz gelüstet.«

»Bravo!« rief Tomlinson und schüttelte Herrn Pepper herzlich die Hand. »Ich wünsche Euch Glück zu Eurer Schlauheit, und Ihr mögt es mir überlassen, nachher mit Lovett unsern Frieden zu schließen; ein Unternehmen das ihm großartig erscheint, ist er immer geneigt zu verzeihen, und da er keinen andern Zweig des Gewerbes bearbeitet hat, als die Landstraße, (weshalb ich ihn, ich muß gestehen, für thöricht halte,) wird er um so bereitwilliger seyn, bei Thaten dieser Art uns durch die Finger zu sehen, als bei andern mehr feinen als heldenmäßigen Anschlägen.«

»Gut, ich überlasse es Euch, den Burschen zu versöhnen oder nicht, wie es Euch gefällt; und nun wir den Hauptpunkt ins Reine gebracht haben, laßt uns mit dem Trinken zu Ende kommen.« »Und,« setzte Augustus hinzu, indem er ein Kartenspiel vom Kaminstück herablangte, »wir können derweile ein bescheidnes Spiel Mariage um einen Schilling machen.«

»Topp!« rief Ned, und räumte den Nachtisch weg.

Wenn die furchtbaren Herzen des Herrn Edward Pepper und des Ulysses unter den Räubern, des Augustus Tomlinson, höher schlugen, als die Stunden Lord Mauleverers Fest herbeiführten, so sah auch ihr Anführer nicht ohne Bangigkeit und Erwartung diesem Ereigniß entgegen. Er war zwar zu der Lustbarkeit nicht eingeladen, aber er hatte öffentlich sagen gehört: Miß Brandon, von ihrer Unpäßlichkeit wieder genesen, werde gewiß hinkommen; und Clifford, von bangen Zweifeln zerrissen und verlangend, noch einmal, und sollte es auch das leztemal seyn, das einzige Wesen zu sehen, das je in seiner tiefsten Seele das lebhaftere Gefühl seiner Verirrungen oder Verbrechen erweckt hatte, entschloß sich allen Hindernissen Trotz zu bieten, und sie bei Mauleverer aufzusuchen.

»Mein Leben,« sagte er, als er allein in seinem Zimmer saß und die zerfallende, glühende Asche seines ruhigen, schwach brennenden Feuers betrachtete, »nähert sich vielleicht bald seinem Ende; es ist in der That gegen alle menschliche Wahrscheinlichkeit, daß ich lange dem mein Treiben bedrohenden Schicksal entgehen werde; und als ich – das lezte Auskunftsmittel, aus meiner hoffnungslosen Lage wieder zu einem ehrlichen Namen und besserem Lebenswandel mich emporzuheben – hieher kam und darauf dachte, durch eine Heirath mir Unabhängigkeit zu erringen: war ich blind gegen die verfluchte Niederträchtigkeit dieses Beginnens! Ein Glück, bei dem Allem, daß meine Absichten sich auf ein Weib lenkten, das ich so bald und mit solcher Inbrunst lieben lernte. Hätte ich um Eine geworben, die ich weniger liebte – ich hätte mir kein Gewissen daraus gemacht, sie trüglich zur Ehe zu bewegen. Wie es jetzt steht – nun – jetzt ist es überflüssig bei mir, so meinen Entschluß zu bedenken, da ich nicht einmal mehr eine Wahl zu treffen habe; da ihr Vater vielleicht schon den Schleier von meiner angemaßten Würde weggehoben hat, und die Tochter schon bei meinem Namen schaudernd zurückbebt. Und doch will ich sie sehen! Ich will noch Einmal in dieß Engelsantlitz schauen; ich will von ihrem eignen Munde das Geständnis ihrer Verachtung hören, ich will sehen wie dieß leuchtende Auge Blitze des Hasses auf mich schießt, und dann kann ich wieder meinem heillose Gewerbe mich ergeben und vergessen, daß ich je bereute es angefangen zu haben. Und doch, was hatte ich sonst für eine Wahl! Freundlos, Heimatlos, Namenlos – eine Waise, schlimmer als eine Waise – der Sohn einer Hure – mein Vater völlig unbekannt; zu meinem Unglück begabt mit frühem Ehrgeiz Und Thätigkeitstrieb, mit einem halben Schimmer von Gelehrsamkeit und einem ausgemachten Hang zu Allem, was unternehmend aussah – was Wunder, daß ich Alles eher erwählte, als saure Arbeit Tag für Tag und ewige Schande? Alles zeigt mir: die Schuld liegt am Glück und an der Welt, nicht an mir. O Lucie! wäre ich nur in Deinem Kreise geboren! hätte ich nur Anspruch darauf machen können, Dich zu verdienen: was hätte ich nicht gethan, gewagt und überwunden um Deinetwillen.«

So oder doch diesen ähnlich waren Cliffords Gedanken in der Zwischenzeit zwischen seinem Entschluß, Lucien zu sehen und dem Tage der Ausführung. Diese Gedanken waren ihrer Natur nach nicht reizend, aber aufregend; auch erwuchs ihm kein großer Trost durch die sinnreichen Betrachtungen, womit er sich selbst zu täuschen bemüht war: wenn er ein Landstraßenritter geworden, so sey dieß ganz die Schuld der Landstraßen.

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