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Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeViertes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid894c510c
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Neunzehntes Kapitel

Kommt kommt! der Anschlag reift und neue Falten
Des warmen Mantels: Heimlichkeit umhüllen uns.
Und ihre Liebe? Schaut das Siegel ist darauf.

Banner von Tyburn.

Wir dürfen nicht glauben, Cliffords Benehmen und Ton gegenüber von Lucie Brandon seyen so gewesen, wie sie Andern erschienen. Liebe verfeinert selbst die Rohheit, und die Redlichkeit die aus der Zärtlichkeit entspringt, ist nie von der Anmuth ganz verlassen. Wie auch die Lebensweise und Gesellschaft Cliffords beschaffen seyn mochten – er hatte im Grund des Herzens manche gute und edle Eigenschaften. Zwar gaben sie sich nicht oft kund; erstlich, weil er von fröhlicher und sorgloser Gemüthsart war; fürs zweite, weil er nicht leicht von äußern Ereignissen ergriffen wurde, und drittens, weil er die Klugheit besaß, unter seinen Kameraden nur solche Eigenschaften zur Schau zu tragen, welche ihm seinen Einfluß bei ihnen sichern mußten, doch brach dieser bessre Genius hervor, so oft sich eine Gelegenheit darbot. Obgleich kein romantischer und unwirklicher byronischer Corsar, kein oissanischer Schatten, dessen Verhältnisse um so riesenhafter werden, je mehr sie von der Wesenhaftigkeit verlieren, obgleich keine Lüge einer mächtigen Einbildungskraft, im Widerspruch mit den schönen Verhältnissen der menschlichen Natur, sondern ein verirrter Mann in einer sehr prosaischen und gewöhnlichen Welt, verband doch Clifford eine gewisse Großmuth und ritterlichen Heldensinn mit der Ausübung seines schlimmen Gewerbes. Obgleich der Name Lovett, unter dem er hauptsächlich bekannt war, eine besondre Berühmtheit in den Annalen des Abenteuerlichen erlangt hat, verknüpften sich doch nie Sagen von Grausamkeit oder frevelhaftem Hohn damit, und oft war er vergesellschaftet mit Zügen von Muth, Höflichkeit, Laune oder Schonung. Er war ein solcher Mensch, den eine ächte Liebe zur Besinnung zu bringen und zu retten ganz geeignet war. Die Keckheit, Aufrichtigkeit, Uneigennützigkeit seines Gemüths waren Bestandtheile seiner Natur, an welchen die Zärtlichkeit einen kräftigen und tiefgreifenden Halt hat! Zudem war Clifford gewandten und strebenden Geistes und dieselbe Gemüthsart und dieselben Eigenschaften, die ihn binnen sehr wenigen Jahren an Einfluß und Popularität weit über alle seine ritterlichen Genossen erhoben hatten, mit welchen er zusammenhielt, konnten, wenn sie einmal durch eine edlere Leidenschaft entzündet waren, sehr leicht seinem Ehrgeiz einen Schwung geben, der ihn von seinem dermaligen Treiben entfernte und ihn, eh' es zu spät wurde, zu einem nützlichen, ja ehrenwerthen Glied der Gesellschaft umwandeln. Wir hoffen der Leser habe bereits die Bemerkung gemacht, daß trotz seinen frühern Verhältnissen, sein Benehmen und sein Betragen ihn der Liebe einer Dame nicht unwürdig machten. Diese verhältnißmäßige Verfeinerung in seinem Aeußern, ist leicht zu erklären, denn er besaß ein angebornes, natürliches edles Wesen, eine Gabe der raschen Beobachtung, ein lebhaftes Gefühl für das Lächerliche und Schickliche, und diese Eigenschaften lassen sich dann leicht vom Groben ins Feine arbeiten. Auch war er mit den Häuptern und Helden seiner Rotte in Verkehr getreten, deren manche von nicht niedriger Herkunft und in ihrem Wesen nicht gemein waren. Er stand in Verbindung mit den Barrington's der damaligen Zeit, Herren die in Ranelagh Bewunderung einernteten, und wenn sie vor dem peinlichen Gericht standen, Reden hielten, eines Cicero würdig. Er hatte seine Rolle an öffentlichen Orten gespielt und, wie Tomlinson in seiner ciceronianischen Weise zu sagen pflegte, die Triumfe die auf dem Schlachtfelde errungen wurden, waren im Ballsaal ersonnen worden. Kurz er war einer von den vollendeten, stattlichen Highwaymen von denen man noch Wunder liest und von denen geplündert zu werden, eine Lust seyn mußte; und sein richtiger Verstand, der unter seinen Freunden sich als Witz äußerte, kleidete sich gegenüber seiner Gebieterin in die milde Form der Gemüthlichkeit. Zudem ist Etwas in der Schönheit, (und Clifford hatte, wie wir schon gesagt, in seiner Persönlichkeit etwas außerordentlich Anziehendes,) das einen Bettler gleichsam in Adelstand erhebt, und in seinem Gang und Blick lag etwas Ausgezeichnetes, das den Anstand der hohen Geburt und den Ton des Hofs ersetzte. Männer freilich wie Mauleverer, eingeweiht in die Feinheiten des Benehmens, konnten vielleicht ohne Mühe den Mangel jenes nicht zu beschreibenden Wesens an ihm entdecken, das allein Leuten eignet, die in guter Gesellschaft aufgewachsen sind; aber da dieser Mangel von so vielen getheilt wurde, gegen deren Geburt und Vermögen sich nichts einwenden ließ, so gereichte ihm dieß nicht zum besondern Vorwurf. Für Lucie zumal, die in der Einsamkeit erzogen war und in Warlock-Haus nichts sah, was darauf berechnet gewesen wäre, ihren Geschmack hinsichtlich der Haltung oder des Ausdrucks zum höchsten Grade ekler Vollendung zu steigern, war dieser Mangel ganz unbemerklick, sie sah in ihrem Geliebten nur eine Gestalt, mit der sich sonst Niemand messen konnte, ein Auge das immer von beredter Bewunderung glänzte, einen Gang von dem Anmuth unzertrennlich war, eine Stimme die in silbernen ebenso zart gedachte als poetisch ausgedrückte Schmeicheleien flüsterte; selbst eine gewisse Originalität des Geistes, der Ansicht, des Charakters, die sich gelegentlich dem Bizarren, aber eben so auch zu Zeiten dem Erhabenen näherte, übte einen Zauber auf die Einbildungskraft eines jungen und nicht unpoetischen Mädchens und stach eher vorteilhaft als ungünstig gegen die langweilige Abgeschmacktheit derer ab, die sie gewöhnlich sah. Auch sind wir nicht ganz gewiß, ob nicht das Geheimnißvolle das über ihm waltete, so peinlich es ihr war und so nachtheilig es ihm bei Andern ausgelegt wurde, nicht dennoch auch mithalf, ihre Liebe zu dem Abenteurer zu vermehren, und so verstärkte das Schicksal, das in seinem zauberischen Schmelztiegel alle entgegengesetzten Metalle in das Eine verwandelt, das es einmal herauszubringen entschlossen ist, die Macht einer unpassenden und verderbendrohenden Leidenschaft selbst noch durch diejenigen Umstände, welche ihr hätten entgegenwirken und sie zerstören sollen.

Wir beabsichtigen durch das Gesagte keineswegs, Clifford zu vertheidigen, sondern nur Lucie in der Meinung unsrer Leser zu retten, daß sie so unweise liebte; und wenn sie ihre Jugend, ihre Erziehung, den Mangel mütterlicher oder sonstiger weiblicher Vorsorge, ja sogar einer wachsamen und unabläßigen Aufsicht eines Berathers vom andern Geschlecht bedenken wollen, so denken wir, es werde, was so natürlich war, nicht als unentschuldbar angesehen werden.

Mauleverer erwachte am Morgen nach dem Ball in bessrem Befinden wie gewöhnlich, und demgemäß auch verliebter als je. Seinem Entschluß von der letzten Nacht zufolge setzte er sich hin, einen langen Brief an William Brandon zu schreiben; er war belustigend und witzig, wie gewöhnlich; aber der verschmähte Edelmann wußte es so einzurichten, daß er unter dem Scheine des Witzes in Brandons Seele eine ernstliche Bedenklichkeit warf, sein Lieblingsprojekt mit der Heirath könnte ganz und gar fehl schlagen. Der Bericht über Lucie und den Capitän Clifford, der in dem Brief enthalten war, flößte gewiß eine doppelte Portion Bitterkeit in das schon durch seinen Beruf versauerte Gemüth des Advokaten, und da es sich so traf, daß er den Brief las, gerade eh er in einem Falle, wo er der Anwalt der Krone war, auf den Gerichtshof gieng, empfanden die Zeugen auf der andern Parthei die volle Wirkung von der übeln Laune des Rechtsanwalts.

Es war ein Fall, wo der Beklagte in betrügerischen Verkehr in sehr hohem Betrage verwickelt war – und unter seinen Agenten und Gehülfen war ein Mensch, der den niedersten Ständen angehörte, aber der, weil er dem Anschein nach große Verbindungen unterhielt und natürlichen Scharfsinn und Gewandheit besaß, von großem Nutzen bei der Empfangnahme und Unterbringung von Gütern gewesen zu seyn schien, die auf betrügerische Weise genommen worden waren. Als Zeuge gegen letztere Person erschien ein Pfänderleiher, der verschiedene Gegenstände vorbrachte, welche bei ihm zu verschiedenen Zeiten von dem untergeordneten Agenten verpfändet worden. Nun wurde Brandon in seinem Verhör des schuldigen Unterhändlers immer strenger, je mehr der Mann jene Miene der unbewußten Einfalt zeigte, welche die niedern Stände schlauerweise annehmen, und die so besonders geeignet ist, die Herren der Gerichtsschranken in Feuer und Harnisch zu jagen. Als Brandon zuletzt die hartnäckige Heuchelei des Angeklagten ganz zermalmte und erdrückte, warf ihm der Mann einen Blick zu, der die Mitte hielt zwischen Grimm und Flehen und murmelte:

»Oho! wenn's so ischt, Herr Anwalt Brandon, wenn Sie wüßten was ich weiß, würden Sie nicht so über Einen hineinschreien.«

»Ey, seyd so gut, Bursche, was ist denn Das was ihr wißt, und das mich bewegen sollte Euch so zu behandeln, als hielte ich Euch für einen ehrlichen Mann?«

Der Zeuge war wieder in seine Verstocktheit zurückgefallen und antwortete nur mit einer Art Brummen. Brandon, wohlbekannt mit den Mitteln einen Zeugen zur Mittheilsamkeit anzusprechen, setzte seine Fragen fort, bis der Zeuge, wieder in Zorn gesetzt und vielleicht zur Unbesonnenheit verleitet, mit leiser Stimme sagte:

»Fragen Sie 'mal den Herrn Swoppem (den Pfänderleiher) was ich ihm, es ischt jeht gerad drei und zwanzig Jahr her, am fünfzehnten Februar verkauft habe?«

Brandon fuhr zurück, seine Lippen wurden weiß, er ballte die Hand mit krampfhaftem Zucken zusammen, und während alle seine Züge von ernster aber furchtbarer Erwartung verzerrt schienen, sprudelte er einen Strom so unzusammenhängender und ungehöriger Fragen hervor, daß er sofort von seinem gelehrten Amtsgenossen auf der Gegenparthei zur Ordnung gerufen wurde. Aus dem Zeugen konnte nichts weiter herausgebracht werden. Der Pfänderleiher wurde wieder vernommen; dieser schien einigermaßen aus der Fassung gebracht als man seinem Gedächtniß zumuthete, drei und zwanzig Jahre zurück zu gehen; aber nachdem er sich zum Besinnen Zeit genommen, während welcher Frist die Bewegung des sonst so kalten und seiner so mächtigen Brandon dem Gerichtshof auffiel, erklärte er, sich auf keine Verhandlung irgend einer Art mit dem Zeugen aus jener Zeit erinnern zu können. Vergeblich waren alle Anstrengungen Brandons, eine mehr Licht gebende Antwort zu erhalten. Der Pfänderleiher war nicht mürbe zu machen und der Advokat sah sich genöthigt, so ungern er es that, ihn zu entlassen. Sobald der Zeuge die Gerichtsstube verließ, versank Brandon in eine finstre Träumerei – er schien ganz das Geschäft und die Obliegenheiten des Gerichtshofes zu vergessen; und so nachläßig verfolgte und beendigte er den Rechtsfall, so zwecklos war das übrige Verhör und Gegenverhör, daß die Sache ganz verdorben wurde und die Geschworenen das Nichtschuldig aussprachen.

Sobald er den Gerichtssaal verlassen, eilte Brandon zu dem Pfänderleiher, und nach einer Besprechung mit Herr Swoppem, worin er den ehrlichen Handelsmann hinlänglich überzeugte, daß seine Absicht vielmehr sey zu belohnen als einzuschüchtern, gestand Swoppem, daß vor 23 Jahren der Zeuge mit ihm und noch zwei andern Männern in einem Wirthshaus in Devereux Court zusammengewesen und ihm verschiedene Gegenstände in Geschirr, Zierrathen und dergleichen verkauft habe. Der größte Theil dieser Waaren hatte natürlich die Niederlage des Pfänderleihers längst wieder verlassen, aber er meinte ein paar verlaufene Putzsachen, nicht werthvoll genug um sie neu herstellen und fassen zu lassen oder nicht modisch genug um gleich einen Käufer zu finden, seyen noch in seinen Schränken liegen geblieben. Hastig und mit zitternder Hand kramte Brandon unter dem bunten Inhalt der Mahagony-Schränke, die der Pfänderleiher jetzt seiner Nachforschung anheimgab. Nichts auf der Welt giebt einen wehmüthigeren Anblick, als die Schublade eines Pfänderleihers! Diese kleinen, artigen, werthlosen Putzsachen, diese Schleifen treuer Liebenden, diese verzogenen Armbänder, diese verbogenen Ringe mit Anfangsbuchstaben oder einer kurzen Inschrift der Zärtlichkeit oder des Schmerzens geziert – welche Geschichten von vergangener Zärtlichkeit, Hoffnung, Sorge haben sie nicht zu erzählen! Aber Empfindungen so allgemeiner Art verdüsterten die harte Seele William Brandons nie, und weniger als je hätten solche Gedanken jetzt sich ihm aufdrängen können. Ungeduldig warf er den ehmals vielleicht mit der zärtlichsten Sorgfalt behandelten Trödelkram ein Stück um das andre auf den Tisch, bis endlich seine Augen funkelten und mit krankhafter Hast ergriff er einen alten Ring, der mit Buchstaben eingefaßt war und ein Herz umschloß, worin Haare waren. Die Inschrift lautete einfach so: W. B. seiner Julia. Sonderbar und finster war der Ausdruck, den Brandons Gesicht annahm, als er dieses anscheinend werthlose Stück betrachtete. Nachdem er es eine Weile angestarrt, stieß er einen unverständlichen Ruf aus, schob den Ring in die Tasche und erneuerte seine Nachsuchungen. Er fand noch ein paar Kleinigkeiten von ähnlicher Art, ein schlechtes, in Silber gefaßtes Miniaturbild mit einigen halb verwischten Buchstaben auf der Rückseite, aus welchen Brandon (kein andres Auge hätte es vermocht) augenblicklich die Worte zusammensetzte: Sir John de Brandon, 1635 Aetat. 28; sodann einen Siegelring worein das edle Wappen des Hauses Brandon gegraben war: ein Stierkopf mit der Herzogskrone und goldner Rüstung. Sobald Brandon sich dieser Schätze bemächtigt und die Ueberzeugung erlangt hatte, daß dieser Ort nichts mehr enthalte, versicherte er den gewissenhaften Swoppem von der Sorge, die er für seine Sicherheit tragen wolle, belohnte ihn freigebig und schlug den Weg nach Bowstreet ein, um einen Verhaftbefehl gegen den Zeugen auszuwirken, der ihn an den Pfänderleiher gewiesen hatte. Aber auf dem Wege dahin drängte sich ihm ein andrer Entschluß auf: »Warum Alles öffentlich machen?« murmelte er vor sich hin, »wenn es umgangen werden kann und besser umgangen wird?« Er hielt einen Augenblick inne, schlug dann wieder den Weg zu dem Pfänderleiher ein und kehrte, nachdem er dem Herrn Swoppem einen kurzen Auftrag gegeben, nach Hause zurück. Im Verlauf desselben Abends wurde der fragliche Zeuge von Herrn Swoppem ins Haus des Advokaten gebracht, und hatte hier eine lange, geheime Unterredung mit Herrn Brandon; der Erfolg davon schien eine beide Theile befriedigende gütliche Uebereinkunft, denn der Mann entfernte sich unangefochten mit einer schweren Börse und einem leichten Herzen, obgleich manche Schatten und Besorgnisse hin und wieder gewiß letzteres durchzuckten. Brandon aber warf sich mit der triumfirenden Miene eines Mannes, der eine große Maasregel ausgeführt, in seinen Sessel zurück und sein finstres Angesicht verrieth in jedem Zug eine Freudigkeit und Hoffnung, die, man muß gestehen, in seinem Angesicht wie in seinem Herzen seltne Gäste waren.

So ein trefflicher Geschäftsmann jedoch war William Brandon, daß er sich durch die Ereignisse dieses Tags nicht über diese Nacht hinaus in seinen eifrigen Plänen für die Verherrlichung seiner Nichte und seines Hauses stören ließ. Am andern Morgen mit Tagesanbruch waren schon die Briefe an Lord Mauleverer, an seinen Bruder und an Lucie geschrieben. Der Brief an seine Nichte, ganz im Tone der zärtlichsten Besorgtheit und der liebevollen auf Erfahrung sich gründenden Warnung geschrieben, war ganz gemacht, jenes auf Beschämung und Verwundung gemischte Gefühl zu erregen, das, wie der schlaue Advokat ganz richtig urtheilte, der wirksamste Feind einer aufkeimenden Leidenschaft sein mußte.

»Ich habe« schrieb er, »zufällig von einem aus Bath zurückgekommnen Freunde gehört, welche in die Augen fallende Aufmerksamkeit dir Capitän Clifford widme; ich will Dich, theuerste Nichte, durch die Wiederholung dessen, was ich dann weiter von Deiner Art ihm zu begegnen gehört habe, nicht verletzen. Ich kenne die Bösartigkeit und den Neid der Welt, und ich kann mir keinen Augenblick träumen lassen, daß meine Lucie, auf die ich mit so vielem Recht stolz bin, von einer kleinen Coquetterie verleitet, die Bewerbungen eines Mannes, den sie nie heirathen könnte, begünstigen oder gegen einen Anbeter eine Neigung blicken lassen sollte, von der ihre Verwandten nichts wüßten und deren Gegenstand gewiß nie ihren Beifall gewinnen könnte. Ich messe den Berichten der müssigen Menschen keinen Glauben bei, meine liebe Nichte, aber wenn ich sie nicht glaube, so darfst Du sie deßhalb nicht verachten. Ich fordre Deine Klugheit, Dein Zartgefühl, Deinen Schicklichkeitssinn, und Dein Bewußtseyn des Rechten auf, mit Einemmale und wirksam allen unverschämten Gerüchten ein Ziel zu setzen; tanze nicht mehr mit diesem jungen Mann, laß ihn an keinen Belustigungsorten, öffentlichen oder Privathäusern, in Deiner Gesellschaft seyn; vermeide es selbst ihn zu sehen, wenn es Dir möglich ist, und lege in Dein Betragen gegen ihn jene entschiedene Kälte, welche die Welt nicht mißdeuten kann!« Noch Vieles schrieb ihr der gewandte Oheim, aber Alles in demselben Sinn und zur Erreichung des nemlichen Zwecks. Der Brief an seinen Bruder war nicht weniger kunstreich. Er sagte ihm gerade heraus: der Vorzug den Lucie der Bewerbung eines hübschen Glücksjägers gebe sey das Tagesgespräch und bat ihn ohne Zeitverlust das Gerücht zu ersticken. »Du kannst das leicht thun,« schrieb er, »wenn Du den jungen Mann meidest; und wenn er zudringlich werden sollte, so kehre plötzlich nach Warlock-Haus zurück; die Wohlfahrt Deiner Tochter muß Dir theurer seyn als Alles.«

Dem Lord Mauleverer antwortete Brandon in einem Schreiben, das zuerst von Staatssachen handelte und dann gleichgültig auf den Gegenstand der gräflichen Botschaft übergieng.

Unter andern Ermahnungen, die er Mauleverer zu geben sich erlaubte, verweilte er nicht ohne Grund bei dem Mangel an Takt, den der Graf sich darin hatte zu Schulden kommen lassen, daß er nicht den Pomp und Glanz an den Tag gelegt hatte, welchen sein hoher Rang ihm an die Hand gab. »Bedenken Sie« schrieb er ihm mit Nachdruck, »Sie sind nicht unter Ihresgleichen, unter welchen unnöthiges Staatmachen schon nachgerade als prahlerische Gemeinheit angesehen wird. Das sicherste Mittel, Leute die unter uns stehen, zu blenden, ist der Glanz, nicht der Geschmack. Alle jungen Leute, besonders die Damen, werden durch den Schein gefesselt und durch die Pracht gewonnen. Treten Sie glänzender auf, so wird man mehr von Ihnen reden; und ein gefeierter Mann besticht ein Weiberherz mehr als Schönheit und Jugend. Sie haben, verzeihen Sie mir, zu lang den Knaben gespielt; eine gewisse Würde ziemt Ihrem Mannesalter; die Frauen werden Sie nicht achten, wenn Sie sich so an alle gemeine Gesellschaft wegwerfen. Sie gleichen einem Manne, der fünfzig Vortheile voraus hat, und sich nur Eines bedient, um seinen Zweck zu erreichen, wenn Sie nur auf Ihre Unterhaltung und feine Lebensart sich stützen und die Hülfsmittel Ihres Vermögens und Rangs unbenutzt liegen lassen. Ein gewöhnlicher Gentleman kann liebenswürdig und witzig seyn; aber ein gewöhnlicher Gentleman kann zu seinem Beistand nicht die Aladdins-Lampe anrufen, in deren Besitz ein vermöglicher Peer von England ist. Bedenken Sie dieß, mein theurer Lord. Lucie ist im Grund des Herzens eitel oder sie ist kein Weib. Also blenden müssen Sie sie – blenden! die Liebe mag wohl blind seyn, aber sie wird es erst durch ein Uebermaß von Licht. Sie besitzen wenige Meilen von Bath ein Landhaus. Warum nehmen sie nicht dort ihren Wohnsitz, statt in einem armseligen Haus in der Stadt? Geben Sie kostbare Unterhaltungen – machen Sie es für Jedermann zur Ehrensache dort zu erscheinen; Sie schließen natürlich den Capitän Clifford ans; dann sind Sie mit Lucien ohne Nebenbuhler zusammen. Gegenwärtig kämpfen Sie, Ihren Titel ausgenommen, auf gleichem Grund mit diesem Abenteurer, statt sich auf eine Höhe zu stellen, von der aus Sie ihn in einem Augenblick vernichten können. Ja, er hat etwas vor Ihnen voraus; er hat den Vortheil den ihm seine Partnerschaft beim Ball giebt, wo Sie sich nicht mit Ihm messen können, er ist, so sagen Sie, in der ersten Blüthe der Jugend, er ist schön. Ueberlegen Sie es! Ihr Schicksal, sofern es Lucien betrifft, ist in Ihrer Hand. Ich gehe zu andern Gegenständen über u. s. w.«

Als Brandon vor dem Siegeln den letztern Brief noch einmal durchlas, überflog ein bittres Lächeln seine harten, jedoch schönen Züge. »Wenn ich« sagte er nachdenklich, »wenn ich dies durchsetze; wenn Mauleverer das Manchen heirathet – nun, um so besser, wenn sie einen andern, schönern und vorgezognen Liebhaber hat. Bei der Menschenverachtung, die in meiner Brust herrscht, die mich in den Stand gesetzt hat, zu verspotten, was schwächere Geister anbeten und die weltliche Ehre, woraus die Narren einen Thron machen, als Fußschemel zu gebrauchen, wäre es mir süßer als Ruhm, ja süßer als Macht und Gewalt, wenn ich es erlebte, daß dieser feingesponnene Lord zum Gespött im Munde der Leute würde – ein Hahnrei – ein Hahnrei!« und bei diesem letzten Wort lachte Brandon laut auf. »Und er meint auch« fuhr er fort, meines Vermögens ganz gewiß zu seyn; sonst wurde er, der Abkömmling des Goldschmids, unser Haus wohl kaum mit seinen Anträgen beehren; aber da könnte er sich irren, er könnte sich irren!« hier endigte Brandon sein Selbstgespräch und zugleich den Brief mit den Worten: »Adieu, mein lieber Lord! Ihr zärtlichster Freund!«

Den Eindruck, welchen Brandons Brief auf Lucie machts, kann man leicht erachten; er machte sie unglücklich; sie mochte einige Tage nicht ausgehen; sie verschloß sich in ihrem Gemach und verbrachte die Zeit unter Thränen und Kampf mit ihrem eignen Herzen. Bisweilen siegte das, was sie für ihre Pflicht hielt und entschloß sie sich, ihrem Geliebten abzuschwören; aber die Nacht vernichtete das Werk des Tages; denn bei Nacht, jede Nacht, ließ sich die Stimme ihres Geliebten, von Musik begleitet, vernehmen, schmolz ihre Entschlüße weg und erweckte in ihr wieder alle Zärtlichkeit und Treue. Zudem waren die Worte, die er unter ihrem Fenster sang, ganz besonders geeignet, sie tief zu ergreifen; sie athmeten eine Schwermuth, die sie um so mehr rührte, als sie so mit ihren eignen Empfindungen im Einklang stand. Das einemal sprachen sie Klagen über die Abwesenheit der Geliebten aus; das andremal deuteten sie auf Vernachläßigung hin; aber immer herrschte darin der Ton der Demüthigung nicht des Vorwurfs; sie verriethen das Gefühl der Unwürdigkeit von Seiten des Liebenden und bekannten, daß selbst seine Liebe ein Verbrechen sey; und in eben dem Verhältniß, als sie den Mangel an Verdienst bekannten, bestärkte sich in Lucie der Glaube an den Werth ihres Geliebten.

Der alte Squire wurde durch den Brief seines Bruders sehr aus der Fassung gebracht. Obgleich erfüllt von dem Bewußtseyn seiner eignen Wichtigkeit und von der Vorliebe für ein möglich reines Blut, welche den meisten Landedelleuten gemeinsam ist, hegte er doch eben keine ehrgeizige Absichten mit seiner Tochter. Im Gegentheil, dasselbe Gefühl, das in Warlock ihn veranlaßte, seine Gesellschafter unter Leuten geringern Standes zu suchen, machte ihn dem Gedanken an einen Schwiegersohn aus der Peerschaft abgeneigt. Trotz Mauleverers Gefälligkeit war ihm doch eben das Entgegenkommen des Grafen lästig und er fühlte sich in seiner Gesellschaft nie recht heimisch. An Clifford fand er großes Gefallen, und da er sich selbst überzeugt hatte, daß an dem jungen Gentleman nichts Verdächtiges sey, sah er auf der Welt keinen Grund, warum ein so angenehmer Gesellschafter kein annehmlicher Schwiegersohn seyn sollte. »Wenn er arm ist« dachte der Squire, »obgleich es nicht so aussieht, so ist dafür Lucie reich!« und diese einleuchtende Wahrheit schien ihm alle Einwürfe zu widerlegen. Demungeachtet besaß William Brandon einen großen Einfluß auf das schwächere Gemüth seines Bruders, und der Squire entschloß sich, wiewohl mit widerstrebendem Herzen, seinem Rath Folge zu leisten. Er verschloß Clifford seine Thüre und wenn er ihm auf der Straße begegnete, gieng er, statt ihn mit der gewohnten Herzlichkeit zu begrüßen, mit einem hastigen: Guten Tag, Capitän! an ihm vorüber, und nach ein paar Tagen verlor sich auch dieß in eine Verbeugung aus der Ferne. Wenn gutmüthige Leute grob werden, und dazu noch ungerechter Weise, so treiben sie auch die Grobheit aufs Aeußerste. Es war dem Squire so peinlich, mit Clifford weniger vertraut seyn zu sollen als bisher, daß jetzt sein einziger Wunsch war, ihn ganz abzuschütteln; und diesem Ende der Bekanntschaft schien der allmälig immer mehr sich erkältende Gruß rasch entgegenzuführen. Indeß begann Clifford, außer Stand, Lucien zu sehen, von ihrem Vater gemieden und auf alle seine Fragen nur mit trotzigen Blicken von dem Bedienten abgewiesen, welchen zu Boden zu schlagen, ihn nur die entschlossenste Herrschaft über seine Muskeln abhielt, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben zu fühlen, daß ein zweideutiger Charakter wenigstens kein zweideutiges Mißgeschick ist. Was seine widrige Lage vermehrte war, daß der Ertrag seiner früheren Betriebsamkeit, wir bedienen uns eines von dem weisen Tomlinson beliebten Ausdrucks, bei dem Aufwand in Bath immer mehr zusammenschmolz; und die murrenden Stimmen seiner Genossen begannen schon dem Häuptling wegen seines unrühmlichen Müßiggangs Vorwürfe zu machen und auf die Nothwendigkeit einer raschen That hinzuweisen.

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